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Das Letzte vom Tag

Herbstduft entfaltet sich unter meinen Händen im Garten. Oder ist es doch nur der Geruch frischer Erde… mich in sie vergrabend, setzte ich Pflanzen um.
Die Sonnenglut hat Schäden hinterlassen…beim genauen hinschauen bessert die Natur – sich selbst heilend – diese bereits wieder aus. Helfend, nicht eingreifend, brauche ich nur noch altes zu entfernen.
Die Hortensien – im vergangenen Jahr gesetzt – haben sich von den Schneckenangriffen erholt – blühen werden sie wohl erst in ein oder zwei Jahren. Eine Winzigblüte schenkt mir das Vertrauen und die Geduld darauf und dafür.

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Sonne – die wärmt und nicht brennt –  macht diesen freien Tag zum besten seit Wochen. Am Morgen der Nebel, seine kühle Frische ist mir geliebter Schleier und willkommene Frist, die Aufschub gewährt. Schenkt Zeit zum ruhigen Wochenendfrühstück, der Garten will noch in sich selber ruhen, so wie ich auch.
Und auch der Abend kommt früher, alles wird wieder ruhiger und gleichmäßiger, vorbei der kurze Sommerrausch.
Schulkinder fanden heute sicher große Zuckertüten statt heruntergefallener Äpfel unter den Bäumen im Schulhof, so denn welche stehen. Meine lag damals im Schulgarten, dieses Fach mit seinen dazugehörigen Gärten stirbt mehr und mehr aus.
Mit dem heutigen Tag beginnt das neue Schuljahr, werden sich Busse und Straßen wieder füllen, kommen die Urlauber braungebrannt zurück in den Alltag, seine Fahlheit für kurze Zeit vergessen machend.
Der Sommer neigt sich wie dieser gute Tag, den der Garten mit bescherte. Wie schon so oft schaue ich – mich für heute von ihm verabschiedend –  in sein aus den länger werdenden Schatten leuchtendes Grün und bin ihm sehr nah.

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Gegenwärtige Grüße aus der Vergangenheit – Himmelschlüsselchen und der Tee daraus

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Den größten Teil meiner Kindheit verbrachte ich in einem villenähnlichem Gebäude, das auf drei Etagen, sechs Wohnungen beherbergte.
Mit Außenklo und die Wohnungen unterm Dach ohne fließend Wasser. Aber mit Balkon.
Es waren die frühen 70er.
Im Erdgeschoss des Hauses wohnten die verwitwete Hausbesitzerin mit ihren Eltern.
Eine gepflegte Dame – wie aus einer anderen Zeit-  die bis in ihr hohes Alter schwimmen ging.
Links davon lebte ein altes, kinderloses Ehepaar. Einfache Leute, die friedlich ihre Tage gemeinsam verbrachten.
Darüber im ersten Stock zog meine Frau Mutter mit uns beiden 7-  und 13- jährigen Mädchen ein und damit die zweite Witwe in der Hausgemeinschaft.
Neben uns wohnte ein altes Fräulein mit ihrem Herrn Bruder, Umsiedler aus Ostpreußen – vor allem das Fräulein war mir 7jähriger sehr zugetan – und in der oberen Etage teilten sich die dritte Witwe im Haus und noch ein weiteres Fräulein eine Wohnung. Daneben lebte ein Lehrer, der gern trank, mit seiner Frau und Tochter. Diese Familie lebte sehr für sich und zog später aus.
Im Hof des Hauses befand sich ein kleiner, parkähnlicher Garten, der einer Wäschewiese für alle Platz bot. Dort fand sich auch ein Fleck für mich und meinen Sandkasten.
Die beiden Parteien des Erdgeschosses hatten zusätzlich je einen baumumstandenen Außensitzplatz, in deren ureigenem Herrschaftsbereich mich jeder der älteren Leutchen willkommen hieß.
Vor allem das Elternpaar der Hausbesitzerin strahlte einen märchenhafte Senioreneleganz verbreitenden Charme aus.
Es waren schöne, ruhige Stunden, die ich still bei ihnen sitzend verbracht habe.
Die kleinen, eigenen, grünen Sommerinseln waren mit Blumen bepflanzt.
Auf der einen Seite blühten im Frühjahr eine Vielzahl von Märzenbechern und Schneeglöckchen zwischen zwei alten Eichen.
Vor zum Eingang hin, vorbei an der leichten Erhöhung der anderen Gartenresidenz, standen die Haselnussbüsche des Nachbargrundstücks und ein kaum mehr tragender Kirschbaum.  Das alte, quietschende Eisentor schmückte sich seitlich mit Flieder und Knallerbsensträuchern.
In deren Schutz blühten zart Himmelschlüsselchen.

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Meine Frau Mutter, später gemeinsam mit meinem Stiefvater, hat einen großen Teil ihres Lebens in diesem Haus verbracht, das sein ganz eigenes Flair über lange Zeit bewahren konnte.
Nach und nach verstarben die alten Bewohner, neue kamen hinzu, die Besitzer und die Zeiten wechselten.
Meine Eltern waren alt geworden und konnten sich nicht mehr vorstellen umzuziehen.
Den maroden Zustand des Hauses haben sie nicht sehen wollen. Ihre Wohnung war groß, gepflegt, zwar fürchterlich kalt im Winter, jedoch Teil ihres Lebens.
Zog ein Mieter aus oder verstarb, fand sich kein neuer mehr, der in das einstmals so einladende, nun dem Verfall bestimmte Haus ziehen wollte.
So kam es zum Leerstand einiger Wohnungen und eines eisigen Winters platzte in der über der Wohnung meiner Eltern gelegenen, verlassenen, ungeheizten Wohnung ein Wasserrohr und richtete einen solchen Schaden an, dass meine Eltern in der völlig vom Wasser ruinierten Wohnung nicht bleiben konnten.
Es war ein schweres Scheiden.
Während meine Mutter Fuß in unsere Nähe fassen konnte, gelang dies meinem Stiefvater nicht. Zu sehr war er durch den Verlust seines zu Hauses und seiner Heimatstadt entwurzelt. Er war zu alt für Veränderungen und hat es, trotz größter Bemühungen, nicht überwunden. Als meine Eltern das Haus verlassen mussten, haben meine Schwester und ich uns aus dem verwilderten Garten Himmelschlüsselchen mitgenommen.
In meinen Garten eingesetzt,  stehen sie nun schon im 3. Jahr und sind dabei sich zu vermehren und blühen als wollten sie die alten Zeiten zurück bringen.

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Die echte Schlüsselblume (Primula veris) ist an ihrem leicht hellgrünen Blütenkelchgrund zu erkennen und eine Heilpflanze.
Sie enthält Saponine, Flavonoide, ätherische Öle, Gerbstoffe und Kieselsäure.
Ein Aufguss der Blüten zu Tee hilft bei Kopfschmerzen, fieberhafter Erkältung und Katharr.
Die alten Griechen nannten sie Dodecatheon – Zwölfgötterblume.
Sie glaubten, dass die Blume alle Krankheiten aus dem Körper vertreiben kann.
Hymelslozzel nannte sie Hildegard von Bingen.
Sie glaubte, die Blume speichere die Kraft der Sonne.

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Sie verwendete den Tee davon bei Melancholie,  Wahnvorstellungen und Kopfschmerzen.
Der Volksmund lehrt auch die Heilkraft der Schlüsselblume bei Gicht.
Eine Kompresse mit dem heißem Aufguss äußerlich angewandt hilft bei Nervenschmerzen, Schlaflosigkeit, Angst und Aufregung.

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Der Absud der Wurzeln (auch der Blüten) ist als Tee getrunken ein hervorragendes Mittel gegen Husten und hilft selbst bei chronischer Bronchitis.
Der Tee wirkt zusätzlich entwässernd und kann bei Gicht, Rheuma und Arthritis Linderung bringen.
Ihren Platz findet sie in naturnahen Gehölzunterpflanzungen und wandert von dort auf feucht-frischen Böden gern in angrenzende Wiesen.
Sie versamt sich selbst.

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Die Schüttelkapseln, auf den langen Stengeln sitzend, machen ein Verstreuen im Wind möglich.

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Schön ist die zarte Frühblüherin, so wundert es kaum, dass sie die Lieblingsblume der Elfen und Brunnennixen ist.
Ihre frischen, jungen Blättchen sind eine köstliche Salatzugabe und damit zieht die Schöne in die Küche ein.
Mancherorts werden ihre Blüten in kochendes Wasser gelegt und damit die Ostereier gefärbt.
Selbst Johann Sebastian von Bach erwähnt das Himmelschlüsselchen in seiner Johannespassion.

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Mir sind sie Freude am heutigen Leben und Kindheitserinnerung in einem.