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Erinnerungen – Vom Leben und vom Sterben

Erinnerungen – Vom Leben und vom Sterben

1987 arbeite ich das 3. Jahr in meinem Beruf als Krankenschwester.
1981 habe ich die dreijährige Ausbildung an einer Fachschule begonnen, die ich 1983, der Geburt meiner Tochter wegen, für ein halbes Jahr unterbreche und 1984 erfolgreich abschließe.
Die Wahl dieses Berufes ist dem dringlichen Wunsch meiner Mutter geschuldet.
Nach dem Tod meines Vaters war sie der festen Überzeugung, ein krisensicherer Beruf, der ein alleiniges Auskommen sichert, sei die einzig richtige Entscheidung. Dazu der Abschluß einer Fachschule, die in anderen Berufen nur mit Abitur möglich ist, das ich nicht habe.
Meine ursprünglichen Gärtnerberufswünsche waren dagegen schwer durchzusetzen.

Alle Krankenschwestern in der DDR  wurden gelenkt.
Das bedeutete, für die ersten fünf Jahre nach Beendigung der Fachschulzeit durfte der Arbeitsort nicht frei gewählt werden. Nach Anforderung und Bedürfnis der einzelnen Einrichtungen wurde delegiert.
Mein Einsatzort war für ein Pflegeheim vorgesehen.
Dort habe ich während der wechselnden praktischen Einsätze gearbeitet.
Die real herrschenden Zustände, die ich bewusst wahrgenommen habe, standen im Gegensatz zu meiner persönlichen Meinung.
Lange Frühstücksrunden des Pflegepersonals waren üblich. Klingelte ein Patient, waren ausschließlich die Schwesternschülerinen an der Reihe aufzustehen und den Patienten aufzusuchen.
Viele Patienten wollten einfach auf Toilette oder den Schieber gebracht werden.
Erfüllte die Schwesternschülerin diesen dringenden Wunsch, durfte sie sicher sein, eindringlich darauf hingewiesen zu werden, das dies die „Erziehung“ der Patienten beeinträchtigt. Wofür gibt es schließlich “ Schieberzeiten „.
Ich habe mich in dieser Einrichtung nicht einarbeiten können, die Vorstellung fünf Jahre dort arbeiten zu müssen, war mir schrecklich.
Mein Hauptstammhaus und die Notaufnahmestation, in der ich regelmäßig arbeitete, wussten meine Fähigkeiten zu schätzen. Der Stationspfleger hat durchsetzen können, dass ich auf und für diese Station arbeiten durfte.
Nachdem 1983 meine Tochter geboren war, wurde mir 1984 gestattet, in das Krankenhaus an meinem Wohnort zu wechseln.
Nach Wiederaufnahme meiner Ausbildung, stand ich sehr früh auf und brachte meine Tochter in die Kinderkrippe. Diese öffnete 6.00 Uhr.
Mein Bus ging 6.05 Uhr. Oft habe ich mein kleines Mädchen für eine kurze Zeit allein auf der Bank im Korridor zurück lassen müssen, weil die Erzieherin noch nicht da war, ich aber den Bus erreichen musste.
Dienstbeginn war 6.00 Uhr, ich durfte ihn auf 6.45 Uhr verlegen, da ein eheres nehmen des Buses für mich einfach nicht möglich war.
Freunde habe ich mir damit keine gemacht.
Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt zum Studium in Berlin, er konnte uns nicht helfen.
Diese Situation besserte sich für alle Beteiligten, als ich auf die Wachstation des Krankenhauses meines Wohnortes wechseln durfte.
Schnell hatte ich mich eingearbeitet und meine praktische Abschlußprüfung mit sehr gut bestanden.
Mein Wunsch war weiter dort zu arbeiten.
Bis zur Rückkehr meines Mannes vom Studium wäre das nur im Frühdienst möglich gewesen, danach im 3-Schicht-System.
Die vorübergehende Arbeit in einer Schicht wurde mir nicht gestattet.

Ich werde in die Poliklinik umgelenkt.
Die Voraussetzung dafür ist die ständige Teilnahme am Notfalldienst in der Notaufnahme des Krankenhauses.
Das bedeutet, ich gehe früh zum Dienst in die  Poliklinik, danach gegen 16.00 Uhr meine Tochter abholen. Diese bringe ich zu meiner 1908 geborenen Großmutter, in deren Haus wir leben. Dann gehe ich in die Notaufnahme und arbeite dort bis zum nächsten Morgen. Am darauf folgenden Morgen hole ich meine Tochter und bringe sie in die Kinderkrippe, gehe dann zum regulären Sprechstundenalltag in die Poliklinik. Das zweimal im Monat. Einmal davon ist ein Wochenende, mein Mann kann dann unser Kind betreuen.
Das ist zu schaffen.
Der Notfalldienst der diensthabenden Schwester im Krankenhaus bedient mehrere Aufgabenbereiche.
Alle während des Abends und der Nacht ankommenden Patienten finden in ihr erste Anlaufstelle.
Ich fordere den zuständigen Arzt an.
Innere Medizin, Gynäkologie, Chirurgie, je nach Erkrankungsbild.
Vieles wird vom zuständigen, diensthabenden Arzt erledigt, der nebenher das gesamte, nächtliche Krankenhaus betreut. In schwierigen Fällen wagt er den zuständigen Oberarzt der entsprechenden Abteilung zu Rate zu ziehen. Dieser schläft entwender im Krankenhaus oder kommt nach Anruf von zu Hause.
Brüche, Reputationen, Nähen von Wunden, Alkoholwertbestimmung von Verkehrssündern sowie kleinere Unfälle und deren Versorgung werden in der Notaufnahme sofort behandelt.
Tagelange Magenbeschwerden, die nachts anfangen behandlungsbedürftig zu werden, ebenso.
Das rege Treiben wird durch das Klingeln des Telefons noch aufreibender.
Damals gab es einen nächtlichen Hausbesuchsdienst der Allgemeinmediziner. Der im Krankenhaus eingehende Anruf wurde zur diensthabenden Schwester umgeleitet, welche die Notwendigkeit zu beurteilen hatte und dann einen dafür im Bereitschaftsdienst befindlichen Fahrer weckte und ihn losschickte, den in dieser Nacht zuständigen Arzt zu holen und zum Patienten zu bringen. Vorher musste der Artzt selbst natürlich auch per Anruf geweckt und informiert werden.
Ein ausfüllender Aufgabenbereich.

1987 habe ich einen solchen Dienst.
Der Tag in der Poliklinik war lang. Bis zu 120 akute Patienten wurden behandelt, in Grippezeiten mehr. Ohne Computer und Drucker waren Bescheinigungen per Hand auszufüllen, Statistiken zu führen, Verbände und Spritzen zu erledigen, Blutentnahmen zu machen. Akten mussten für die nächste Sprechstunde vorbereitet werden, Instrumente sterilisiert und Marterialien bestellt werden.
Tochter und Großmutter sind zusammen zufrieden, meinem Mann schreibe ich einen Brief in einer freien Minute, anrufen kann ich ihn nicht. Telefonanschlüsse sind eine rare Sache in der DDR.
Den diensthabenden Arzt kenne ich, er ist noch Arzt im Praktikum, wir haben dieselbe Heimatstadt.
Es ist ein ruhiger Dienst in der Woche und im schneearmen Winter.
Glatteisunfälle mit Brüchen, Alkoholunfälle wie am Wochenende, Gartenunfälle sind kaum zu erwarten.
Nach 24.00 Uhr werde ich über die Ankunft einer Patientin im Krankenwagen informiert.
Die alte Dame ist bekannt. Finales Krebsstadium.
Wegen dringend notwendiger Bauarbeiten ist die Notaufnahme verlegt.
Sie befindet sich vorübergehend im septischen OP.
Das Schwesternzimmer wird neu gestrichen, nicht neu möbiliert. Auch nach der Sanierung wird es bei einem alten Sofa zum Schlafen und einem Waschbecken zur Hygiene nach einem langen Tag bleiben.
Vorrübergehend hält sich die diensthabende Schwester im nachts ungenutzten Zimmer der Oberschwester auf. Ausgestattet mit schmaler Liege und noch kleinerem Waschbecken.

Über den Fahrstuhl bringt mir der Rettungswagenfahrer die ausgemergelte Patientin.
Sie ist apathisch, aber ansprechbar.
Der septische OP ist ein kleiner, gefliester Raum.
Auf den darin befindlichen OP-Tisch lagere ich mit Hilfe der Krankenfahrer die schmale Gestalt der alten Frau, die ein Nachthemd und einen Morgenmantel trägt.
Schon als der Anruf mit der Ankündigung des Transportes kam, habe ich den diensthabenden Arzt informiert.
24.00 Uhr hat er die zu erledigenden i.v. Spritzen bei den stationären Patienten gemacht und gehofft, danach schlafen zu können.
Kurz nach meiner telefonischen Mitteilung, dass die Patientin eingetroffen ist, kommt er.
Müde wie ich sieht er aus.
Der fensterlose Raum ist kühl.
Mir ist die Patientin aus vergangenen Sprechstunden bekannt, kurz schildere ich ihre Grunderkrankung und übergebe den Notarztbericht.
Vor uns liegt eine alte, unheilbar kranke Frau, deren Zustand sich sichtbar verschlechtert.
Krebs – im finalem Endstadium.
Ihr Körper ist krankheitsgezeichnet schwach. Es besteht u.a. akuter Flüssigkeitsmangel.
Ihr Herz-Kreislauf-System steht kurz vorm endgültigen Zusammenbruch.
Sie atmet kurz und schnappend.
Immer noch ist sie ansprechbar.
Der Versuch des jungen Arztes einen Venenzugang in der Ellenbeuge oder am Handgelenk zu legen, scheitert.
Er probiert es weiter.
Die Venen an den am Besten zugänglichen Stellen sind versackt.
Ich stehe am Kopf der Patientin. Alle notwendigen Utensilien für den Arzt habe ich in der Wartezeit auf die Ankunft der Patientin routinemäßig bereitgelegt.
Das schmales Gesicht der todkranken, alten Frau ist von Falten und Altersflecken gezeichnet. Die Augen sind geschlossen. Unter den Lidern nehme ich Bewegungen war.
Es ist ein leidendes, sterbebereites Antlitz auf das ich schaue.
Meine junge, schmale Hand streicht über das Haar der alten Frau. Ihr Kopf scheint sich in die Bewegung der warmen Hand zu schmiegen.
Der erneute Versuch einen Venenzugang an der Hand zu legen scheitert.
Der junge Arzt ist ein bedachter Mann. Er hat diesen Beruf gewählt, um zu helfen, um Leben zu erhalten. Er ist geschickt, er ist klug. Ihm ist beigebracht worden wie man Leben erhält, dieses hart erlernte Wissen versucht er umzusetzen.
Die Patientin vergeht immer mehr.
Ich nehme meine Hand von ihrem Kopf und umschließe damit die ihrige, die sich – wie ihr gesamter, schwacher Körper – einer Weiterbehandlung zu entziehen scheint.
Eindringlich bitte ich den Arzt die Behandlung abzubrechen.
Vertieft in seine lebenserhaltenden Maßnahmen nimmt er das nicht wahr.
Der Hals der Patientin ist faltig und ausgetrocknet, eine Punktion der dort befindlichen Blutgefäße nicht möglich.
Um an die im Hüftbereich befindlichen Venen zu gelangen, muss das Nachthemd der alten Frau hochgeschoben werden. Es entblößt die abgemagerten Schenkel eines Körpers dessen Lebenszeit abgelaufen ist.
Der junge Arzt im Praktikum setzt als letzten Versuch dort eine Venenpunktion an, die gelingt.
Die Hand der Patientin liegt nach wie vor in meiner.
Es ist kein Druck zu verspüren, als ihr Kopf im Sterben leicht zur Seite fällt.
Die Patientin ist tot.

Auf Wiederbelebungsmaßnahmen verzichtet der Arzt.
Er setzt sich, ich bedecke die Tote und räume auf.
Gemeinsam legen wir sie auf eine bereitstehende Trage, am Morgen wird sie der Hausmeister in den Leichenkeller bringen.

Wir gehen in  meinen benachbarten Aufenthaltsraum.
Mein trauriges Gesicht entgeht dem jungen Mann nicht.
„So erschrocken über den Tod ?“ fragt er mich.
Nun setze auch ich mich und frage ihn nach dem Sinn seines Handelns.
“ Ich bin Arzt, ich habe zu helfen, den Tod zu verhindern. “
Wir haben uns in dieser Nacht lange unterhalten, ohne einen gemeinsamen Nenner gefunden zu haben.