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Nepomuk Hastig wird noch langsamer und findet dabei Gleichgesinnte

Nepomuk Hastig fährt keine Autobahnen. Die Schnelle der vorbeirasenden Autos macht ihn bange, der viele Asphalt und Beton auch. Eingeklemmt zwischen sich ständig überholenden Lastern, deren Fahrer unter enormen Zeitdruck stehen, bekommt er Platzangst. Über die Bundesstraßen auszuweichen ist seit Zeiten des Besitzes von mindestens zwei Autos pro Familie ein stauiges Nervenzehren. Im Benzingeruch geht jeder Atem der Natur verloren. Nepomuk lebt allein, es fällt ihm leichter etwas mehr Zeit in die Fahrt zur Arbeit zu investieren als anderen. So nimmt er nicht den kürzesten Weg, sondern den ruhigsten. Dass auf den von Bauerngärten gesäumten Dorfstraßen höchstens 30 km/h gefahren werden darf, bietet ihm Zeit, all das was vor ihm liegt in sich aufzunehmen. 

Abseits der großen Städte und Straßen findet er eine Lebensweise, die tief in ihm zu ruhen scheint. Er sieht Hauswände bewachsen mit Wein, dessen Trauben auf der darunter stehenden Bank voller Genuss verzehrt werden können.

Stockrosen blühen daneben. Ein Pfirsichbaum spendet reiche, süße Frucht. So viel Süden im Herzen! Nepomuk muss anhalten und aussteigen, um all die Pracht in Gänze zu bestaunen, in sich aufzusaugen. Am Zaun sprechen zwei Holzkopffiguren offen – einander zugeneigt – miteinander, ihre Freundlichkeit ist Spiegel der Hausbesitzerin, die den bestaunenden Gast augenlächelnd begrüsst und sich diebisch darüber freut einen Gleichgesinnten getroffen zu haben.

Südwärts reifen gelbe Früchte an der anderen Hauswand, davor die Idylle eines liebevoll angelegten Bauerngartens. Nepomuk hält die Früchte für Birnen, wird belehrt, dass es gelbe Pflaumen seien.

Dazwischen ein Vogelkasten, eingehüllt in den süßen Duft von Phlox, einem Duft der Sommer selbst ist. 

„Komm wieder, wenn die Pflaumen reif sind.“ Nepomuk ist scheu, weiss nicht ob er das tun wird. Aber den Satz, den trägt er mit sich, wie einen Schatz.