Schlagwort-Archive: Kino

Erinnerungen – Kino


Meine Mutter erzählt gelegentlich von den Ausflügen in ihrer Jugend ins Kino. Bevor Fernseher im eigenen Zuhause sich einschlichen, ermöglichte das Kino in seinen Anfangszeiten bildliche Ausflüge in andere Welten und war bunte Abwechslung zum Alltag.

Selbst habe ich Kino in meiner Kinder-und Jugendzeit als selbstverständliche Tatsache empfunden. Am Sonnabend ging ich ins Kino. Mit Schulfreunden natürlich. Schon über die Woche hatten wir uns in den Aushängen im örtlichen Kino ausgesucht, welchen Film wir besuchen würden. Ich ging meistens in die 15.00 Uhr Vorstellung, vorher holte ich meine Freundin ab. Ob wir im Parkett oder Sperrsitz gesessen haben, hing vom noch vorhandenem Taschengeld ab. Später, als ich älter wurde, besuchte ich auch die 19.00 Uhr Vorstellung. Oben im Sperrsitz auf der letzten Reihe saßen die Knutscher…noch gehörte ich nicht dazu. Zu spät Kommenden leuchtete die Platzanweiserin, die gleichzeitig Kassiererin und Ordnungsdienst war, mit einer Taschenlampe den Weg. Niemand hätte gewagt, ihren Anweisungen nicht zu folgen.

Zu meiner Freude ging einmal meine Mutter gemeinsam mit mir in’s Kino. Barbara Streisand war in „Is’was Doc“ zu bewundern. „Was will denn die Alte hier“ empörten sich lautstark meine jugendlichen Kinofreunde. „Das ist keine Alte, das ist meine Mutter“ beschützte ich sie und Ruhe war. Damals hatte eine offen geäußerte Meinung, die von Wahrheit geprägt war, noch Gewicht. Kino war ein Blick in die Welt. Heiter oder besinnlich, die Wahl lag beim Kinobesucher. Das Kino meiner Heimatstadt hatte einen überdachten Vorraum, in Glaskästen hingen Poster der nächst gespielten Filme. Hinter einer Glasscheibe war der Schalter, an dem Eintrittskarten gekauft oder vorbestellt werden konnten. Waren die Karten für eine Vorstellung vergeben, klebte die Schalterdame, die gleichzeitig Einlasskontrolle war ein „Ausverkauft“ quer über die in den Glaskästen hängenden Poster der Filme. Wir haben weder Popcorn noch Cola gebraucht, um den Kinotraum zu erleben. Gelegentlich hatte einer eine Tüte Knabberzeug bei sich. Wühlte er während der Vorstellung darin herum, durfte er sich eines zischenden “ psssssssst“ von allen Seiten bewusst sein. Niemals war ich ein Anbeter von Stars oder Regisseuren. Gesprächen, die daraus folgten, bin ich immer entwichen. Kino war für mich ein Ort, an dem ich Freunde treffe, um gemeinsam mit ihnen in eine Welt zu tauchen, die wahr und gleichzeitig Traum ist. 

Mittlerweile ist Kino zu einem teueren „Vergnügen“ geworden. Eintrittspreise schnellen in Höhen, die von all den Snacks (kennt eigentlich jemand das deutsche Wort Imbiss dafür noch) und Getränken im Kassenbereich noch übertroffen werden. 

Vor einigen Jahren schloss das Kino in meiner Kleinstadt, kaum jemand ging noch hin, Einkaufscenter und Erlebnisparks boten der hungrigen Meute Ersatz.

Seit kurzem hat es wieder geöffnet. Ein Verein hat sich des Hauses angenommen, es renoviert. In den hinteren Räumen bietet es einer kleinen Tanzbar Platz. Im Kino selbst gibt es Vorführungen von besonderen Filmen, die sich einer Themenreihe einordnen und es gibt die Möglichkeit, danach darüber gemeinsam zu diskutieren. Bei Wasser oder Wein.

Der Traum lebt.