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Steng geheim

Sterne sehen will gelernt sein bei trüben Himmel…

Das Letzte vom Tag

Im Bus nach Hause sitzend, frage ich die völlig verschwitzte Busfahrerin, ob sie mich ein Stück weiter als bis zu meiner Haltestelle mitnimmt. Das erspart mir einen 20minütigen Heimweg in praller Sonne. Ein verstehender Blick in mein ebenso aufgehitztes Gesicht lässt sie zustimmend nicken. Sie umgeht damit eine Dienstvorschrift, aber was sind Vorschriften bei diesen Temperaturen.
So komme ich nicht gänzlich erschöpft zu Hause an und kann die Betten frisch beziehen, was uns hoffentlich eine Erfrischung zur Nacht sein wird.
„Weiß mir ein Blümlein blaue…“singe ich mir dabei. Die Gleichmäßigkeit der Melodie und die süßen Worte bringen mir Harmonie.
Wie gut es mir geht…
Wenn ich den Garten gegossen habe, kann ich unbesorgt den Wasserhahn aufdrehen und duschen. Ich erinnere mich an meine Kindheit. In dem villenähnlichen Haus – das den größten Teil meiner Kinderzeit mein zu Hause war – heute fast verfallen ist – damals jedoch durchaus als altehrwürdig bezeichnet werden konnte, waren die vorhandenen Wasserleitungen altersschwach.
Äußerlich glich das Haus mit seinen zwei wintergartenähnlichen Balkonen und dem kleinen parkähnlichem Hof einer Idylle, doch waren längst Reparaturen in allen Bereichen notwendig. So besaß eine der beiden Dachwohnungen keinen separaten Wasseranschluß, das Wasser wurde eine halbe Treppe tiefer – an einer dort befindlichen Gosse – in Eimern geholt.
Nach dem Tod meines Vaters musste meine Mutter mit uns beiden Mädchen unsere vorherige Wohnung verlassen. Es war eine zu den Praxisräumen meines Vaters gehörige, großzügige Dienstwohnung gewesen.
Sie tat alles, um es uns in unserem neuen Heim angenehm zu machen. Dazu gehörte auch der Einbau eines Bades, den sie selbst finanzierte. Die Vormieter hatten eine kleine Badewanne aus Emaille bei Bedarf in der Küche aufgestellt.
So konnte ich unbeschwert mein -damals wöchentliches – Bad nehmen.
Freitags war Badetag. An den anderen Wochentagen ließ ich mir Wasser in das mit dem Stöpsel verschlossene Waschbecken ein und wusch mich damit mit dem Waschlappen von oben nach unten. Tägliches duschen war und ist für meine Mutter unvorstellbar. Der mit Strom betriebene Warmwasserspeicher wurde nur zum baden am Freitag angesteckt, das Warmwasser für die täglichen Waschungen holte ich mir am Abwaschbecken in der Küche, dort hing ein kleiner Elektroboiler, der ca. 10 Liter Wasser erhitzen konnte.
So hielten es die meisten.
War der Sommer heiß und trocken – und an andere Sommer meiner Kindheit erinnere ich mich nicht – versagte der Wasserzufluss ganz.
Auf einem Berg gelegen, mit völlig veralteten Wasserleitungen ausgestattet, kam im Sommer des öfteren erst nur Rost-  und dann gar kein Wasser mehr aus dem Hahn.
Damit waren wir kein Einzelfall, das ging den meisten Haushalten auf unserem Berg so.
Ein großer Wasserwagen wurde gestellt und für das notwendigste wurde das Wasser von dort in Eimern geholt. Wäsche waschen fiel damit aus.
In der Badewanne stand auf einem Handtuch ein Eimer und daraus wurde sich sparsamst bedient.
Ich fand das nicht schlimm, meist war ich den ganzen Nachmittag im Schwimmbad gewesen und hatte schon fast Schwimmhäute zwischen den Fingern.
Heute frage ich mich, wie das alles so reibungslos funktionierte. Meine Mutter ging arbeiten und war genauso müde und verschwitzt, wie ich es heute bin.
An diese Zeit zurück zu denken, hilft mir die Dinge des Alltags mit Gelassenheit zu nehmen.
Meine Gedanken fließen wie die Hausarbeit unter meinen Händen.
Ich entspanne mich, die Tochter schickt mir ein Foto ihres nachmittäglichen Waldspaziergangs mit der Schaukelinhaberin. Dort haben sie Erfrischung gefunden. Und einen Frosch.
In mir macht sich Hoffnung breit. Darauf, dass es nicht zu spät ist, unsere Welt im Gleichgewicht zu halten.

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