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Erinnerungen – Zu Hause

Zu Hause ist bei mir – der Garten.

Wann immer Ferien oder Wochenende war, fuhr ich zu den Großeltern. Oft kam mein Großvater, mit seiner Schwalbe mich abzuholen. Später fuhr ich die 25 km von meiner Elternstadt mit dem Fahrrad zu den Großeltern. Auf dem Moped meines Großvaters begann schon die Freiheit. Nicht wie bei den Eltern Fahrten im nach Benzin und nach Garage riechenden Auto, dessen Fenster nicht geöffnet werden durften, sauste mir der Wind durch die Haare. Gut und sicher sass ich, durch den Rücken des alten Mannes vor einem zuviel von Wind geschützt. Die Großmutter wartete schon auf uns, einen Marmorkuchen in der Backröhre als Willkommensgruss.

Ab in den Garten, ab in’s dahinter gelegene Lützeltal. Eine Fläche des Gartens, die mir damals riesig erschien, war mit Erdbeeren bepflant. Zum Verkauf und zur Aufbesserung der Rente gedacht, durfte ich davon essen soviel ich wollte. Vorn am Haus stand meines Großvaters Geräteschuppen. An seinen Wänden habe ich Nägel einschlagen geübt. Um dahin zu gelangen, musste ich über die Haustür gehend eine halbe Gartenrunde drehen. Die Verandatür, die mich heute direkt in den Garten lässt, hat erst viele Jahre später mein Mann eingebaut.

Umrahmt war die Haustür mit einem Busch roter Kletterrosen, duftend leuchteten sie und wuchsen üppig im hohen Bogen, den Eingang gleichsam beschützend. Nach einem Frost schnitt meine Großmutter sie zurück, was nach und nach ihr Eingehen zur Folge hatte. Die weiße Rose, die jetzt an meiner Tür wächst, ist der Erinnerung an die andere, verlorene Rose gewidmet.

Sie selber, sowie auch die Veranda stehen auf dem Platz an dem sich mein Kinderbeet befunden hat. Was ich darauf gepflanzt habe, ist genauso vergangen wie die rote Rose.

Neben meinem Beet befand sich der Wasserhahn. Den Schlauch daran gesteckt, war er Ursprung lustiger Wasserspritzerein. Daneben stand auf einem Tischchen der Entsafter meiner Großmutter oder ihr Einkochtopf. An einem schmalen Tisch im Schatten der Garagenwand sitzend, haben sie, der Großvater und ich im Freien die Früchte zum Einwecken vorbereitet. Bei mir sind immer mehr im Bauch als in den Topf gewandert. Gelacht darüber haben die Großeltern, nicht geschimpft.

Zwei Gärten weiter lebt seit einigen Jahren eine junge Familie mit zwei kleinen Mädchen, deren Lachen und Toben meinem Garten Lebenstöne bringt. Vor kurzem hat der Vater einen Gemüsegarten angelegt. Von weitem höre ich wie er seinen Mädels das Gießen erklärt:“den Wasserschlauch müsst ihr danach leer laufen lassen, sonst liegt er in der Sonne und das Wasser dehnt sich durch die Wärme aus, dann platzt er…“.

Die Erinnerung lebt. Beruhigend.

Erinnerungen – mein toter Vater – eine mit Nachsicht aufrechnende Abrechnung

Verlust ist es und der Schmerz um die Sinnlosigkeit dieses, das sind die überwiegenden Gefühle, wenn ich an meinen Vater denke, der mich als ich 6 Jahre alt war, durch Selbstmord verlassen hat.

An seine Zahnarztpraxis schloss sich unsere Wohnung. Vom großzügigem Wohnzimmer ging eine Tür direkt in sein Sprechzimmer. Für meine Mutter war das ideal, sie arbeitete mit in seiner Praxis. Mir fiel es schwer, mich nur einen Augenblick von meiner Mutter zu trennen. Immer wollte ich in der Nähe dieser schönen, weichen Frau sein. Für meine Mutter muss meine Klammerei anstrengend gewesen sein. Sie war damals eine lebenslustige Frau. Einmal ging sie allein mit ihrer Sportgruppe aus, meine große Schwester schlief, ich lag bei meinem Vater auf dem Sofa und schrie wie wild. Immer daselbe. Ich will zu meiner Mama! Mein Vater hat am Anfang versucht mich liebevoll zu beruhigen, er hat auf mich eingeredet, mich den langen Flur unserer Wohnung und auch noch den der Praxis entlang getragen. Mit nichts war ich zu beruhigen. Ich will zu meiner Mama! Am Ende hat er die Geduld verloren, mir ein Sofakissen auf’s Gesicht geworfen und gesagt, schrei da rein. Diese Geste hat mich von ihm entfernt, ich hörte auf zu schreien, aber nur aus Furcht vor diesem wütenden, großen schwarzhaarigem Mann mit den stechend blauen Augen. Irgendwann kam meine Mutter und für mich war aller Schmerz wieder gut.

Meinen Vater habe ich nur in einem weißen Kittel in Erinnerung. Von Fotos weiß ich, dass er immer gut gekleidet war. Beliebt wegen der Qualität seiner Arbeit war er und hatte einen großen Freundeskreis. Die kurzen Erinnerungen die ich an ihn habe, liegen fast alle in seiner Praxis. Einmal wünschte ich mir ein kleines Spielzeughäschen. Mit einem Schlüssel konnte es aufgezogen werden und begann dann sich im Kreis zu drehen. Es musste wunderbar sein, einen solchen Spielkameraden zu haben. Lange habe ich davon erzählt. Eines späten Nachmittags sagte meine Mutter ich solle in’s Sprechzimmer kommen, mein Vater hätte eine Überraschung für mich. Mein Häschen! Er hat mir mein Häschen gekauft! Ich sauste durch die nur mit Erlaubnis zu benutzende Wohnzimmertür zu ihm. Er hielt mir einen kleinen Hasen hin, der nicht im entferntesten mein tanzendes Wunschtierchen war. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich hatte ihm das Spielzeug genau beschrieben, es mir zu einem Anlass erbeten. Heute war ein normaler Wochentag, aber so veralbern musste er mich doch nicht! Traurig war ich, wie es ist, wenn ein Wunschtraum nicht wahr wird. Plötzlich ein Geräusch, ich drehte mich um und da war er, mein tanzender Hase. Direkt vor mir, er tanzte auf mich zu und ich bald überglücklich mit ihm. Mein Vater hatte einen Scherz gemacht. Nie habe ich solche Art von Scherzen gemocht und den bekommenen Hasen nicht geliebt.

Sehe ich diese Zeit aus heutiger Sicht, versuche ich durch diese Geschichten meinen Vater mir nah zu bringen. Er war ein begabter Mensch, interessiert, klug. Während seines Studiums erlernte er zusätzlich das Segelfliegen. Er war interessiert an Literatur und besaß eine umfangreiche Sammlung von Büchern, die er auch gelesen hatte. Einen Doktortitel besaß er und war kunsthandwerklich tätig. Verheiratet mit einer schönen Frau die ihn liebte, hatte er zwei gesunde Kinder. Zwar sollte ich lieber ein Junge sein, oft erzählte er mir, wenn du ein Junge gewesen wärst, hätte ich uns eine große Eisenbahnanlage gekauft, da du ein Mädchen bist haben wir uns für ein neues Auto entschieden. Aus solchen Erinnerungsfetzen versuche ich mir ein Bild eines Mannes zu machen, der all das später nicht mehr leben wollte.

Erst viele Jahre später, beim Tod meines Großvaters, als meine Großmutter einige Tage bei uns verbrachte (mein Vater war da schon Jahre tot), erfuhr ich durch Zufall, dass mein Vater eine Pflegekind war, der sich erst mit 18 Jahren von seinen Pflegeeltern (meinen Großeltern) hat adoptieren lassen. Ich hatte in’s Stammbuch geschaut und einen anderen Nachnamen als unseren entdeckt. Hattest du noch ein Kind, fragte ich meine Großmutter und wo ist es. Ja sagte meine Großmutter und…es ist auch tot. Meine Mutter hat mir kurz den Zusammenhang erklärt, dann wurde darüber nicht mehr gesprochen.

Ist es also die verlorene Identität gewesen, die meinen Vater nicht leben ließ? 

Erinnerungen habe ich an laute Streiterein meiner unternehmungslustigen Eltern. Sie gingen oft aus, kamen sie heim, gab es manchmal laute Streiterein. Ich habe mich aus meinem Bett geschlichen und hinter der Tür versteckt. Lauschend bin ich dort eingeschlafen und von den Eltern erst entdeckt worden als sie zu Bett gingen. 

Einmal hatte sich mein Vater mit dem Auto in der Garage eingeschlossen, den Motor laufen lassen und versucht, sich dadurch zu töten. Meine Mutter hat die Garagenfenster eingeschlagen und ihn damit gerettet und beruhigt. Warum diese Situation keine klärenden Handlungen nach sich zog, ist mir bis heute nicht bekannt. Nachbarn waren aufmerksam geworden, meine Mutter hätte alamiert gewesen sein müssen, mein Vater hätte eine Behandlung notwendig gehabt. Nichts geschah, das Leben lief seinen Trott weiter.

Ich war damals zu klein, um eingreifen zu können. Meine Mutter spricht nicht über diese Zeit. Inzwischen gönne ich ihr den Abstand und die Ruhe die sie dadurch gewonnen hat. Ich werde sie nicht mehr fragen und ihre Ruhe zerstören, um meine zu finden.

Erinnerungen – winters

Früher war der Winter eine Jahreszeit, nicht wie heute ein Zustand, von dem erwartet wird, das er so schnell wie möglich vorübergeht, damit wieder alles wie gewohnt und eben schnell geht. Schnee gehörte selbstverständlich dazu. Die Glätte auch. Auf den Straßen war sie weit weniger gefährlich, nicht weil sie eben das nicht war, sondern weil der Verkehr an sich weniger war. Hatte man 15 Jahre auf ein Auto gewartet, riskierte man keinen Glatteisunfall und lies den Trabi oder Skoda in der Garage und ging zu Fuß. Auf Fußwegen die von den Anwohnern beräumt worden waren. Das in jeder Familie jedes Familienmitglied ein Paar Langläufer besaß, war normal und kein Luxus. Obwohl die jüngeren Familienmitglieder meist die ausgewachsenen Modelle älterer Geschwister übernehmen mussten. Das waren auch keine hypermodernen Skier, sondern Brettln. Mit einfachster Bindung und ohne dazugehörigen Skistiefel, die nochmal den Preis eines Winterurlaubs an sich kosten. Was dagegen jeder hatte, war Wachs für die Skier. Welches Wachs bei welchem Wetter zu verwenden war, ist eine Wissenschaft für sich gewesen, die besonders gern von den Vätern betrieben wurde. Sie waren auch oft diejenigen welche die Skier der gesamten Familie präparierten. Mit Ehrgeiz natürlich. Dann fuhr man mit seinem einen Paar Winterstiefel in die Bindung, einfache Stöcke aus Holz dazu und gemächlich zog man seine Bahnen durch’s verschneite Land, dessen Schönheit zu erleben Sinn des Ausflugs war. Die Zeiten von bunter Skikleidung, deren Hauptzweck darin besteht, gesehen zu werden, lag noch in weiter Ferne. Nach dem Ausflug ging es nach Hause und nicht zum Apresski. Waren die Skiausflüge in den Familien meist den Wochenenden vorbehalten, gingen wir Kinder in der Woche rodeln. Einen Schlitten besaß jeder und jeder nutze ihn. Nach der Schule trafen sich alle am Rodelhang. Dazu war kein Anruf, keine Whatsapp notwendig, in den Pausen hatten wir abgesprochen, wann und wo wir uns treffen wollten. Den Rodelberg hoch gestapft und runtergesaust. Wer fährt am Schnellsten, wer kommt am Weitesten? Wer kann so gut bremsen, dass er dabei nicht in den Schnee kippt? Was haben wir dabei für Spaß gehabt! Ich erinnere mich ungern an meine rote Strickhose die ich dabei trug. Eine Zeit lang waren Strickmaschinen in Mode gekommen. Wer eine besaß, strickte wie wild und verkaufte die Hosen dann für kleines Geld. Meine Mutter war stolz, eine für mich erstanden zu haben. Ich habe das kratzende Ding gehasst. Gekauft hatte sie diese bei meiner zukünftigen Schwiegermutter, das wusste damals natürlich noch niemand. Gefetzt, alles was „in“ war „fetzte“ damals, haben mir nur die in einer weiten Glocke endenden Hosenbeine, die der Modehit der frühen 70er Jahre waren. War ich mit der Hose dreimal in den Schnee gefallen, war sie so nass geworden, dass sie an den Beinen hart gefror. Dicke Schneeklumpen sammelten sich daran und froren fest. Darunter trug ich eine dicke Wollstrumpfhose, auch die war am Ende nass gefroren, genau wie meine selbst gestrickten Wollfäustlinge. Die Finger darunter zur Faust geballt, um sie zu wärmen, stapfte ich in der einbrechenden Dunkelheit, völlig durchgefroren aber selig, nach Hause. Vor der Haustüre klopfte ich den überall an mir fest gefrorenen Schnee vom Leib, niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, ihn meiner Mutter ins Haus zu schleppen. Das hätte was gegeben! Im Wohnzimmer war der Kachelofen geheizt und verströmte wohlige Wärme. Meine rot gefrorenen Füße daran gewärmt, taute ich langsam wieder auf. Niemals wäre mir die Idee gekommen, ein heißes Vollbad einzufordern. Gebadet wurde Freitags, nur an diesem Tag wurde der dafür im Bad hängende Boiler überhaut angesteckt. Manchmal ließ sich ein Fußbad rauschinden. Dann goß mir meine Mutter heißes Wasser aus dem Teekessel, der immer gefüllt auf dem Küchenherd vor ich hin pfiff, in die große Aluminiumschüssel, in der sie Sonntags die grünen Klöße für’s Mittagessen zubereitete. Mit etwas Glück konnte ich meine Mutter dazu überreden, mir zum Abendessen einen Vanillepudding zu kochen, ihn noch warm in einen Suppenteller zu geben und in die Mitte einen See aus Himbeersoße zu gießen. So rot wie meine Winterluftwangen.

Erinnerungen – Urlaub damals und heute – Frischer Wind


(Transit – Winter an der See, Musiktipp Herr Bludgeon, Danke)

Frischen Wind bringt ein Urlaub an der Ostsee im touristenarmen Monat November immer. 

Er hilft enorm, Gedanken im Alltagskopf zu ordnen. Hier am Meer sind um diese Jahreszeit fast nur Gleichgesinnte zu finden. Sie suchen wie wir stille Schönheit und innere Einkehr. Auf Rügen findet ich das. Und ein Licht, das es nur hier gibt.

Nach der Wende, als auf einmal die Möglichkeit bestand, westliche Reisestandarts zu nutzen, sind wir wie viele Andere auch, sonnenhungrig in den Süden geflogen. Mit zwei kleinen Kindern im Reisegepäck war der Urlaub in abgeschotteten Ferienidyllen für die Kinder natürlich ein Sommersonnenerlebnis. Mir selber hat das nicht so recht gefallen. All inclusive Ferien zu Gunsten des finanzkräftig-goldenen Westlers sind nicht meins. Fliegerei in geschaffene Urlaubsparadiese, die weit weg vom realen Leben der einheimischen Bevölkerung liegen, ebenso nicht. Alleinerkundung eines fremden Landes mit zwei kleinen Kindern war auch nicht das Richtige, ich war noch nie der Camper- und/oder Abenteurertyp, so haben wir viele Jahre den Sommerurlaub mit unseren Kindern im Häuschen eines Freundes verbracht, das im Wald in einer kleinen Siedlung lag. Das brandenburgische Flachland hat uns Pilzernten wie aus einem russischen Märchen geschenkt und baden in einem der zahlreichen Seen hat den Kindern mehr Spass gebracht, als jede Kinderamination am Hotelpool es hätte tun können. Den Luxus einer Herbstreise in ein dann bezahlbares Osteehotel leisten wir uns in den letzten Jahren zu gern. 

Wir sind wieder zu zweit stehend und genießen das. Immer wenn ich meinen Koffer packe, denke ich an unsere einzige Urlaubsreise mit Kind über den FdGB in der DDR. Wir hatten damals noch kein Auto und traten die Reise nach Thüringen mit Bus und Bahn an, im Schlepptau ein Kleinkind. Zusätzlich zur dafür benötigten Wäsche waren wir noch mit Bettwäsche und Handtüchern beladen, die damals selbst mitzubringen waren. An die Schlacht um’s Buffett denke ich, angesichts des famosen Essens in unserem Ostseehotel, lächelnd. 

War es schon mehr als dürftig bestückt, wurde auch nicht aufgefüllt…das daraus folgende Gedrängel war schlimm. Um dem zu entgehen, sind wir immer zum Schluss essen gegangen, lieber ein einfaches Marmeladenbrötchen als schupsende Massen. Entspannen wir heute während des Novemberostseeurlaubs im Hallenbad und in vielerlei Saunen, gab es im FdGB Urlaub ein Zimmer, das eine Familie im Eigenheim zur Vermietung bereit gestellte hatte. Ein kleines Waschbecken mit dünnen Wasserstrahl war die einzige Möglichkeit für uns damals noch drei Personen, sich zu reinigen.Kein Vergleich zu dem heute gebotenem Luxus von Saunen und Schwimmbad in den gepflegten Hotels an der Küste.

Den FdGB-Urlaub haben wir uns ein einziges Mal angetan, unabhängig von unserer privaten Meinung, wäre ich als Schwester im Krankenhaus in dem ich arbeitete, sowieso erst in knapp zehn Jahren wieder mir der Vergabe eines FdGB-Ferienplatzes an der Reihe gewesen. Die Arbeiter in volkseigenen Betrieben hatten es da besser, viele dieser Betriebe hatten eigenen Ferienobjekte, in denen die Mitarbeiter ihren Urlaub kostengünstig verbringen konnten. Mein Stiefvater hat mir und meiner Mutter so oft ermöglicht, unseren Sommerurlaub an der Ostsee oder an einem See zu verbringen. Meine Schwester mochte damals nicht mehr mit den Eltern gemeinsam verreisen. Sie ist sechs Jahre älter als ich und plante lieber für sich allein. Den Luxus restaurierten alten Glanzes wie die Henry van de Velde Architektur in unserem diesjährigen Urlaubsschloss gab es nicht.

Dafür hatten wir eine Tischtennisplatte und einen Grill. Schloßherrliche Treppen gab es nur in Museen zu bewundern,

heute kann ich sie steigen, um zu meinem Zimmer zu gelangen oder den freien Blick auf den Jasmunder Boden zu genießen, der von der Seebühne der Störtebeckerfestspiele leicht verschandelt wird.

Ohne diese gewinnträchtige Kulisse, ist es der Blick in ein gern gelesenes Buch, die „Problematischen Naturen“ von Friedrich Spielhagen.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/problematische-naturen-1556/1

Wer anders als mein „persönlicher“ Musikberater und bester Kritiker – Herr Bludgeon –

https://tokaihtotales.wordpress.com/2016/08/04/im-jenseits-2/comment-page-1/

hätte mir dieses Buch empfehlen können.

Die DDR war eine große Tauschgemeinschaft. Jeder versuchte, sich das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, indem er Beziehungen gegen Rares und umgekehrt eintauschte. Mein Mann konnte einem befreundeten Lkw-Fahrer helfen, als dessen Rücken die Strapazen, welche dieser Beruf in den hoppeligen Lkw’s der damaligen Zeit mit sich brachte, nicht mehr stand hielt. Er vermittelte ihm an dem Gericht, an dem er arbeitete, eine Stelle als Wachtmeister. Zum Dank dafür durften wir sein Grundstück in seiner alten Heimat Brandenburg, gegen kleines Geld, für unseren Urlaub nutzen. Auch nach der Wende und nach unserem Abstecher in den Süden, haben wir dort gemeinsam mit unseren Kindern erholsame Ferien verbracht. Das Häuschen bot alles was wir brauchten, inclusive Terrasse und Hängematte. Dennoch hatte ich, nachdem ich viele Jahre nicht an der Ostsee war, eine solche Sehnsucht nach ihr, dass sie mich in meine Träume verfolgte.

Wind, Wasser, Wald, die einzigartige Küste der Kreidefelsen Rügens

und ein märchenhaftes Schloss…was für ein Urlaubsvergnügen ist mir heute möglich

und meinem lieben Gärtnergatten, der seinen Geburtstag im November, früher ungeliebt, nicht mehr missen möchte. Und einen Bernstein habe ich auch „gefunden“.

Erinnerungen Post

Die Post in der DDR war eine wichtige Einrichtung. In vielen Haushalten fehlte ein eigener Telefonanschluss. Die Post bot nicht nur die Möglichkeit, Briefe, Telegramme und Pakete zu versenden, in jedem Postamt gab es mehrere Telefonkabinen. Wollte man einen Anruf tätigen, stellte man sich in die Reihe der Wartenden. Hinter einem Schalter, der mit einer Trennscheibe zu dem öffentlichen Raum versehen war, saßen die Postangestellten. Eine Öffnung in der Scheibe, die verschliesbar war, ermöglichte den Kontakt. War man endlich an der Reihe, konnte man seinen Wunsch äußern. Also einen Brief aufgeben oder Briefmarken kaufen. Für 20 Pfennige ging der Brief dann auf die Reise. Bis zu seiner Ankunft beim Adressanten vergingen in der Regel einige Tage. Wollte man seine Nachricht schneller versenden, schickte man den Brief per Eilpost. Der Umschlag bekam dann einen roten Streifen aufgeklebt, kostete einiges mehr und war dafür am nächsten Tag am Zielort. Meinem Mann habe ich in seiner Armeezeit und während des Studiums unzählige solcher Briefe geschrieben, er ebenso an mich. Postkarten gingen für 5 Pfennige auf die Reise. Für ganz eilige Nachrichten gab es das Telegramm. In einer großen Mappe lagen Muster zum Aussuchen bereit. Für ein Glückwunschtelegramm zur Hochzeit oder zum Geburtstag. Wenige Zeilen konnte man schreiben, die dann innerhalb von Stunden am gewünschten Ort eintrafen. Das Telegramm wurde von Postboten schnell direkt ins Haus gebracht. An Preise erinnere ich mich hier nicht mehr, diese Variante nutzten wir nur, wenn sich ein vereinbarter Termin absolut nicht einhalten ließ. Hatten nun alle Kunden in der Schlange vor einem ihre Wünsche erfüllt bekommen, was durchaus dauerte, konnte man seinen Anruf anmelden. Die Schalterfrau notierte die Telefonnummer, wählte sie und leitete den Anruf in eine der Kabinen weiter, so sie frei war. Klingelte es in der zugewiesenen Kabine, konnte man endlich sein Telefonat führen. Die Zeit dabei nicht zu überziehen, mahnte ein Aufkleber mit der Aufschrift…fasse dich kurz… Nach erledigtem Anruf, ging man zurück zum Schalter und bezahlte die Gebühr. Ortsvorwahlen in der DDR waren nicht zentral geregelt, je nachdem von welchem Ort aus man anrief, änderte sich die Vorwahl der betreffenden Stadt. Ein Wirrwarr von Nummern also, denen nur mit Hilfe eines örtlichen Telefonbuchs beizukommen war. Die Postgebäude selbst waren meist große, architektonisch schöne Häuser, die in vielen Orten eine zentrale Lage hatten, gern in Bahnhofsnähe. Das Foto oben zeigt das Postamt meiner Heimatstadt. Vor den Postämtern stand in der Regel eine gelbe Telefonzelle mit Münzeinwurf. Mit 20 oder 50 Pfennigen konnte man dort Orts- und ortsnahe Telefongespräche führen. War das Geld verbraucht, konnte man Münzen nachwerfen. 

Heute ist es kaum vorstellbar, dass es nicht selbstverständlich war, Termine über Telefon zu vereinbaren oder zu verändern. Verabredungen wurden langfristig geplant, abgesprochen und eingehalten. Wer wie ich, über längere Zeit von seinem Partner getrennt war, hatte nicht die Möglichkeit des täglichen Gedankenaustausches per Handyanruf oder schneller Kurznachricht per SMS. Da alle anderen auch so lebten, war das kein Verlust. In Briefen teilten wir uns mit, was in der Zwischenzeit geschah und natürlich wie groß unsere Vorfreude auf das nächste Wiedersehen ist. Ein wenig trauere ich dieser Langsamkeit und der Verbindlichkeit getroffener Verabredungen von damals nach.

Erinnerungen – …

Es ist der 13.Dezember Anfang der 90er Jahre. Ich bin eine junge, attraktive Frau, ich bin verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Schwester in einer Arztpraxis. Mein Mann fährt in diesen Tagen zu einem Lehrgang nach Trier. Er ist als Richter an einem Amtsgericht tätig.

Der Tag war ein fröhlicher. Ich habe in dieser Woche ausschließlich Frühdienst, da mein Mann die Kinderbetreuung nicht übernehmen kann. Am Nachmittag bin ich in der Schule meiner großen Tochter, nachdem ich meinen Sohn aus dem Kindergarten abgeholt habe. Gemeinsam mit anderen backen wir Weihnachtsplätzchen. Fröhlich kommen wir schon im Dunklem heim, morgen kommt mein Mann wieder. Wir freuen uns alle auf das gemeinsame Wochenende.

Als ich die Kinder ins Bett gebracht habe, setzte ich mich noch für eine Weile ins Wohnzimmer. Damals war unser Haus noch nicht umgebaut. Wir hatten noch keine Heizung, im Wohnzimmer lief ein Gamat und sorgte für Wärme, im Kinderzimmer – das ein Stockwerk höher lag – steht ein Ölradiator. Die Küche beheizte ich mit einem Herd, die Tür hatten wir ausgehängt, damit der Flur nicht eisig bleibt.

Unser Bad existierte damals noch nicht, an seiner Stelle war ein Vorraum, der ein kleines Fenster zum Garten hatte. Darunter standen die Mülltonnen. 

Ich bin nach dem langen Tag müde und schlafe auf dem Sofa ein. Die Wohnzimmertür habe ich geschlossen, um die Wärme im Raum zu halten. Meine Kinder schlafen.

Ein Geräusch lässt mich hochschrecken. Ich gehe zur Tür und öffne sie. Vor mir steht eine dunkle Gestalt. Voller Angst schließe ich die Tür wieder. Dem gegenwirkenden Druck von außen kann ich nicht lange stand halten. Die Tür öffnet sich einen Spalt, durch ihn dringt ein Gas. Ich kann nichts mehr sehen und taumle in den Raum zurück. Wenig später zieht mir jemand etwas über den Kopf und hält mich fest. Ich bin völlig durcheinander und weiß nicht was geschieht. Mein Zeitgefühl ist verschwunden.

Eine Männerstimme mit bayrischem Dialekt gibt mir Anweisungen, die mich in eine bestimmte Position befehlen. Ich folge den Anweisungen. Im Kopf werde ich klarer. Meine Kinder sind im Haus. Solange der Mann bei mir ist, ist er nicht bei ihnen. Er gibt weiter Befehle. Während ich ihnen folge, rede ich ununterbrochen auf ihn ein, erkläre die Sinnlosigkeit seiner Tat. Zum Nachfolgenden kann ich immer noch nicht sprechen. Ich habe Todesangst, noch größer ist die Angst um meine Kinder. Ich rede permanent auf den Mann ein.

Es vergeht eine Weile, als der Mann von mir abläßt und anordnet, dass ich mich nicht bewegen soll. Ich weiß nicht wie lange ich so dagekauert habe, ein eisiger Luftzug kam über einen Zeitraum, gefolgt von Stille. 

Ich ziehe mir das Teil vom Kopf. Es ist der Rentierpullover meines Sohnes, der in der Küche bei den ausgezogenen Sachen der Kinder lag. Die Türen stehen offen, es ist niemand mehr da. In der Ferne startet ein Auto mit Dieselmotor.

Ich gehe ins Kinderzimmer. Meine Kinder schlafen.

Im Wohnzimmer setzte ich mich an den Tisch, stumm, für eine lange Zeit. So kurz nach der Wende haben wir immer noch keinen Telefonanschluss im Haus. Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich schäme mich, es ekelt mich.

Schließlich entschließe ich mich das Haus zu verschließen und zwei Häuser weiter zur Nachbarin zu laufen, die einen Telefonanschluss hat.

Ich erzähle ihr was geschehen ist. Sie alarmiert die Polizei und ruft die Ärztin an, bei der ich arbeite. Diese hat Bereitschaftsdienst und kommt innerhalb weniger Minuten. Die Polizei verlangt eine gynäkologische Untersuchung. Ich bin außer mir, ich lasse mich von niemanden anfassen und reagiere hysterisch. Die Ärztin kann durchsetzen, dass die Untersuchung die ich verweigere nicht durchgeführt wird.

Gemeinsam mit ihr gehe ich in mein Haus zurück, hole meine Kinder und verbringe die Nacht und den Vormittag bei ihr. Am nächsten Tag fährt sie mich mit ihrem Mann und meinen Kindern zum Bahnhof meinen Mann abholen. Er weiß von nichts. Der Mann meiner Chefin erklärt ihm was geschehen ist.

Wir fahren heim. Zu Hause ist die Polizei und betreibt Spurensicherung. Im Hof liegen Glassplitter der eingeschlagenen Scheibe des Vorhauses. Auf die Mülltonnen steigend ist der Täter auf diesem Weg ins verschlossene Haus gelangt. 

Ich werde zur Zeugenvernehmung vorgeladen. Eine Polizistin und ein Polizist befragen mich zum Tathergang. Ich bitte meinen Mann mich zu begleiten. Die Polizistin weist mich darauf hin, dass meine Aussage meinen Mann unangenehm berühren könnte, er könne draußen warten, wenn ich dem zustimme. Das lehne ich ab. Ich brauche meinen Mann, wenn ich all das beim Erzählen nocheinmal durchleben muss.

In der Befragung erkläre ich, dass ich einige Details für ungewöhnlich halte. Der Täter hätte sich brutaler verhalten können als er es in gewissen Punkten tat. Das sage ich auch aus. Der Kommentar der Polizistin war…das haben wir auch so gedacht, gut, dass Sie das so darstellen, man könnte sonst glauben, Sie hätten den Übergriff fingiert.

Ich kann gehen und gehe. 

Monate später bekomme ich Post von der Staatsanwaltschaft.

Das Verfahren gegen Unbekannt wurde wegen nicht zu ermittelndem Täter eingestellt.

Es gibt eine Grund warum ich diesen Artikel veröffentliche. Ich möchte die Angst, die Scham, die Verzweiflung, die Demütigung wiedergeben die eine Frau erlebt, die einen solchen Übergriff erleiden muss und ihn zur Anzeige bringt.

Ich werde den Artikel nicht kommentieren.

Erinnerungen – die Küche meiner Großeltern

Eine weiß lackierte Holztür ist Eingang zur Küche meiner Großeltern. Die Wände hat mein Großvater selbst gebaut. Er ist gelernter Maler. Mit einer Walze hat er bunte Muster auf die gekalkten Wände gemalt. Ich frage meine Großmutter, was der Großvater arbeitet. Er ist Maler sagt sie. Für mich Kind malen Maler Bilder, meine Großmutter erklärt mir den Unterschied nicht. Sie ist stolz auf ihren Mann. Meine Großmutter kenne ich kaum anders als in mit Blumen bedruckten Kittelschürzen.

In der Küche stehen helle Holzmöbel. Eine Anrichte mit Glasscheiben. Kleine Stoffgardienen hängen, innen angebracht, in ihnen. Oben das Kaffeegeschirr, unten in den fensterlosen Schränken das Essgeschirr. Auf der linken Seite hat mein Großvater seine geliebten Süßigkeiten gelagert, rechts hat meine Großmutter immer etwas Geld liegen. Oft wenn ich sie besuche, bekomme ich etwas davon zugesteckt. Neben der Anrichte steht ein flaches Schränkchen. Es ist der Abwaschtisch. Unten in seinen Seitenflügeln befinden sich die Töpfe und Pfannen. Auf der großen Arbeitsplatte bereitet meine Großmutter das Essen zu. Herrliche Sachen, nie muss ich aufessen, wenn ich es nicht will. Tue es aber doch, weil es nur Gerichte gibt, die ich mag. Gleich unter der Platte befinden sich zwei Griffe, ziehe ich an ihnen, dreht sich ein Einsatz heraus, in dem zwei Schüsseln Platz finden. In ihnen wird das Geschirr gespült. Das heiße Wasser dazu wird nicht mehr auf dem Herd erhitzt, ein Boiler hängt dafür an der gegenüber liegenden Wand. Die Kacheln dahinter sind mit Abziehbildern beklebt. Meine Schwester hat nach ihrer Geburt im Haus gelebt. Für sie haben die Großeltern die Bildchen in Wasser eingeweicht, solange bis sie sich vom Papier lösten und auf einen anderen Untergrund aufgeklebt werden konnten. So wohl ich mich bei den Großeltern fühlte, immer war für mich spürbar, dass ich nicht das im Haus aufgewachsene Enkelkind bin.

Neben der Tür steht der viereckige Esstisch. Sitze ich an ihm, kann ich durch das Fenster in den Garten schauen. An der Wand steht eine kleine Eckbank. Grün sind ihre Poster, auf sie kann ich mich, klein wie ich bin, legen. Schlafen, ausruhen, träumen. Niemals allein bin ich dort. Ein guter Ort. Noch heute ist genau diese Stelle im Haus mein Lieblingsplatz. Größer ist das Fenster in den Garten geworden, größer auch meine Sofabank davor. Ich selbst werde an dieser Stelle wieder klein.

An der Wand die den Schornstein führt, dort wo heute mein Kamin steht, war ein Gasherd mit Beistellofen. Immer war er gut geheizt. Wie sollte das Haus sonst warm werden? Die eingeheizte Energie wurde nicht verschwendet. Ein Dampfkessel hatte stets heißes Wasser parat. Am äußeren Rand der Platte stand oft ein kleines Töpfchen. Meine Großmutter kochte darin mein Lieblingsessen. Ein kleines Stück Rindfleisch kochte sie in Sauerkraut so lange, bis es weich von selbst auseinandefiel. Geselchtes nannte sie dieses Gericht, das ich liebte und das ich bekam, wenn dem Großvater seine geliebten Buttermichgetzen gebacken wurde. Schmeckt wie im Gasthaus sagte er nach jedem Essen und meinte das als Kompliment an die Kochkunst seiner Frau. Der Speck der in den Getzen war, war mir ein Schrecken. Heute zählen sie zu meinen Lieblingsgerichten. Die Pfanne in der meine Großmutter es zubereitete besitze ich noch. Allein, der Gärtnergatte mag dieses Essen nicht. Irgendwann wird er demnächst dran glauben müssen.

Irgendwann kauften meine Großeltern einen kleine, elektrische Backform. In ihr buk meine Großmutter Windbeutel. Sie schnitt die duftigen Gebilde auf und fühlte sie mit frisch geschlagener Sahne. Ein himmlischer Schmaus, der im Juni durch frische Erdbeeren aus dem Garten vollkommen wurde.

Überhaupt, was die Großmutter täglich alles für gute Sachen kochte. Nudelsuppe mit selbstgemachten Nudeln. Als ich noch ganz klein war, kam sogar das Huhn dafür aus dem eigenem Garten. Die Großmutter sehe ich noch, es auf einem blauen Tuch mit weißen Punkten liegend, unter dem Apfelbaum sitzend, das Huhn rupfend. Vorher hatte sie ihm den Kopf abgehauen. Der Großvatter konnte so etwas nicht. Die Suppe ass er gern.

Manchmal gab es Wickelklöße. Dazu wurden zwei Mehlsorten mit Kartoffeln und Ei vermischt, der Teig dann dünn ausgerollt und mit zerlassener Butter bestrichen, mit Semmelbröseln bestreut und zu einer Rolle geformt. Von dieser wurden dünne Scheiben geschnitten, die Ränder platt gedrückt und mit Eigelb bepinselt. Dann kamen die Teigstücke in kochendes Salzwasser. Dazu der Sonntagsbraten meiner Großmutter und Sauerkraut, frisches natürlich, keine Konserve, in der die wichtigen Milchsäurebakterien fehlen.

Bratkartoffeln gab es oft, grüne Klitscher und Klöße und Eierkuchen mit selbst gemachten Apfelmus. Fast meine gesamten Ferien habe ich bei den Großeltern verbracht und kaum ein Essen gab es zweifach in dieser Zeit. Nach dem Essen ging der Großvater in die Stube, legte sich in seinen Schaukelstuhl und hielt ein Nickerchen. Dann hatte ich die Großmutter für mich allein und war glücklich dabei.

Die schönsten Stunden meiner Kinderjahre habe ich in der Küche meiner Großeltern verbracht. Am Küchentisch durfte ich malen, mit selbstgekochtem Knochenleim ( der nie richtig hielt ) kleben, immer fanden meine Großelten Zeit für mich. Die Erinnerung an diese guten Jahre hat mir in Zeiten die nicht leicht waren, immer weiter geholfen. Nirgendwo habe ich mich so sicher und behütet gefühlt wie an diesem Ort.

Ob ein Radio in der Küche stand? Ich erinnere mich nicht mehr. An die Küchenlieder meiner Großmutter dagegen schon.

Erinnerungen – Meine unbekannten Großeltern

Für meine Mutter

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Kann man sich an jemanden erinnern, den man persönlich nicht kennt?
Ich versuche es.
Der Vater meiner Mutter starb vor meiner Geburt, ihre Mutter in meinem ersten Lebensjahr.
Versuche ich ein Bild von ihnen in meinem Kopf abzurufen, taucht nur ein Schwarz-Weiß-Foto auf.
Im Vordergrund einer Gesellschaft sitzt ein Paar Menschen, frühzeitig gealtert, schmale Körper. Abgenagt empfinde ich ihr Aussehen.
Ohne direkten Kontakt neigen sie sich einander zu.
Das Haar der Frau ist streng zurück gekämmt, so wie ich es oft trage.
Komme ich mit dieser Frisur zu meiner Mutter, fällt immer der Satz: „Du siehst aus wie meine Mutter.“
Das ist fast der einzige Satz den meine Mutter über ihre Eltern macht.
Nicht weil sie vergessen sind, sondern weil der Schmerz mancher Verluste niemals abschwächt, ein nicht Erwähnen lebensnotwendig wird, um eben zu überleben.
Verluste hat meine Mutter viele gemacht, mehr als ein Mensch erleben sollte.
Niemals hat sie ihren Überlebenswillen verloren, wenn auch die Heimat und die Eltern und zwei Mal den Mann. Das geschieht vielen, damit muss man leben, ohne das Lachen zu verlieren.
Jetzt, da sie über 80 Jahre alt ist, wohnt das Lachen in Form der Schaukelinhaberin drei Häuser neben ihr und söhnt sie aus.

Meine Großeltern stammen aus Schlesien.
Aus dem kleinem Dorf Teichenau, dem heutigen Bagieniec.

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Zirka 200 Menschen lebten dort. Deutsche und Polen, beide Sprachen wurden gesprochen. Schlesien hat eine wechselhafte Geschichte.
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bagieniec

Zwischen 1976 und 1979 besuche ich gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Stiefvater zwei Mal den Ort.
Noch leben Bekannte dort, die man besuchen kann.
Meine Mutter zieht es in ihre Heimat, mein Stiefvater fährt nur ihr zuliebe mit.
Er war deutscher Soldat, er hat in Rußland im Krieg kämpfen müssen, steht gefühlt immer noch auf deutscher Seite. Seine dramatischen Erlebnisse wird er nie verarbeiten. 30 Jahre später werden sie ihn jede Nacht einholen. Im Schlaf schlägt er schwer träumend so heftig um sich, dass ein Schlafen im gemeinsamen Bett nicht mehr möglich sein wird.
Mir ist die überflutende Gastfreundschaft der Leute in Erinnerung geblieben.
Essen und schlafen, für die willkommenen Gäste vom Besten, was das Haus zu bieten hat.
Endlose Waldwege, der Wald selber voller Him- und Heidelbeeren. Auf frisch gebackenen Waffeln kann man sie in der nächsten Stadt, gesammelt von fleißigen Händen, kaufen – dick mit Sahne bestrichen.
Der Dorfteich, in der Mitte des Dorfes, ist nur von Enten zum Schwimmen genutzt. Als ich in ihm baden gehe bin ich die Dorfsensation.
Wir laufen zu Fuß weitere Bekannte besuchen.
Durstig bin ich.
Aus der langgezogenen Tülle eines Kruges bekomme ich Quellwasser eingeschenkt.
Es ist so süß, frisch und klar, dass ich seinen Geschmack noch immer in Erinnerung habe.
Unsere Gastgeber haben eine Schweinezucht. In dem alten Stall geht alles nur mit aufwendiger Handarbeit.
Beim zweiten Besuch ist der Stall modernisiert und automatisiert.
Die Liebe zu ihm ist nicht mitgewachsen.
Vom Fortgehen nach dem Westen Deutschlands ist die Rede, schon lange.
Leichtere Arbeit, besseres Leben versprechen sich die Menschen.
Anfang 1980 verwirklichen sie diesen, ihren Plan und siedeln nach Deutschland um.
Als wir heim fahren, kommen wir an wogenden Kornfeldern vorbei.
In der heißen Mittagssonne liegen die Bauern im Schatten großer Bäume und gönnen sich die wohlverdiente Mittagspause.
„So sind die Polen.“ sagt mein Stiefvater.
Heute wie damals teile und verstehe ich diese Aussage nicht.
Die Heimfahrt ist die Letzte aus der Heimat meiner Mutter für mich.
1980 schließt die DDR die visumfreie Einreise nach Polen.
Zu groß ist die deutsche demokratische Angst vor den dort beginnenden Veränderungen.
Lange bleibt zwischen meiner Mutter und mir ein Schweigen über die Erlebnisse der Umsiedlung der deutschen Bevölkerung nach Kriegsende aus Schlesien, das nun zu Polen gehört.
Meine Mutter nennt diesen Vorgang Vertreibung.
Als ich mich selbst im Leben zurecht gefunden habe und auch von ihr sicher weiß, dass sie ausgesprochene Erinnerungen ertragen kann, frage ich sie danach.
Die Schaukelinhaberin auf ihrem Schoß haltend, erzählt sie hastig, als wollte sie das alles schnell hinter sich bringen.

„Teichenau war ein kleines Dorf. Das Bürgermeisteramt lag in Kreuzhütte, heute Kryzamowice.
Vor dem Krieg arbeitete mein Vater in Richterstal, heute Zdziechowice. Dort war er auf dem Gut angestellt.“
Der Vater ist ein heimatverbundener Mann, der seine Familie liebt.
Als die Arbeitslosigkeit um sich greift, wird auch er davon betroffen.
Hitler’s Bau der Autobahnen bringt Abhilfe und der Vater schachtet die zukünftigen Kriegswege, um seiner Familie den Lebensunterhalt zu sichern.
Als der Krieg beginnt, wird er nicht eingezogen. Im ersten Weltkrieg verletzt, wird er als kriegsuntauglich zurückgestellt.
Dafür muss er nach Hamburg gehen, in einer Munitionsfabrik Kriegsersatzdienst leisten.
Die Mutter will mit den Kindern nach, der Vater verhindert das.
Ihn treibt die Sehnsucht nach dem heimischen Dorfleben um, ruhiger wird er nur, wenn er aller paar Wochen heim kann, seine Familie besuchen.
Das stille Leben auf dem Dort und die Heimat weiß er zu schätzen, legt seiner Frau nah dort zu warten. Sie gibt dem nach.
Nach dem Abriß der alten Wohnhäuser lebt die Familie meiner Mutter zur Miete bei einem Bauern.
Sie schlachten gelegentlich ein selbstgezogenes Schwein und sichern damit ihre Ernährung.
In den ersten Wochen des Jahres 1945 ist Deutschland dabei den grausamen Krieg zu verlieren, Schlesien wird wenig später an Polen fallen.
Die Russen sind im Anmarsch, die Angst vor ihnen ist überall.
Als der Bruder meiner Mutter auf Soldatenurlaub kommt, bringt er die Nachricht mit – alle Deutschen müssen weg.
Der Vater ist wegen Krankheit zu Hause bei der Familie, nur die älteste Schwester ist in Deutschland, auch sie in einer Munitionsfabrik arbeitend.
Die Familie beschließt nach Landsberg, heute Gorzow Slaski, zu gehen, um einen der letzten Züge zu bekommen.
Der Bruder hatte ein Leben in der Heimat geplant, er will sich von Freunden verabschieden, bei denen er zeitweise gelebt hat und die ihm eine Bäckerlehre ermöglichen wollten. Lange war er krank und schmal, wer wenn nicht ein Bäcker hat Brot zu essen.
Sie übereden ihn, sich mit seiner Familie ihrem Tross anzuschließen und die Flucht mit einer Pferdekutsche zu wagen.

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Foto Quelle: R. Vetter: Schlesien, Köln 1992, S. 52

Über die Tschechei wollen sie nach Bayern.
Am 18.Januar 1945, dem Geburtstag der Mutter meiner Mutter, setzen sie sich in Bewegung.
Die Fahrt verzögert sich der vielen Flüchtenden wegen, tagelang stehen sie im Stau.
Inzwischen ist die russische Armee angekommen.
Die Flüchtenden verstecken sich im Wald, bis die Russen durchgezogen sind.
Hinter sich lassen sie gesprengte Brücken, eine Weiterreise wird unmöglich.
Der Vater erkundet verlassene Häuser, in denen sich die Familie bei ihrer Rückkehr versteckt.
14 Tage lang irren sie umher, bis die Russen sie entdecken.
Sie beschlagnahmen die Pferde und fast alles private Eigentum.
Das 10jährige Kind, das meine Mutter damals war, muss zusehen, wie ein alter Mann, die Pistole an den Kopf gesetzt, seine Stiefel ausziehen und dem Russen geben muss.
Die nackten Füße in der Eiseskälte sind sein Überlebenspreis – für wie lange…
Was für Gedanken gehen –  dabei zusehen müssend – durch den Kopf eines katholisch erzogenen, kleinen Mädchens, dem gelehrt wurde, dem Alter mit Respekt zu begegnen?
Die Straßengräben liegen bald voller Leichen und Tierkadaver.
„Eine junge Frau lag im Straßengraben“ sagt meine Mutter leise, „ihr langes, blondes Haar flutete in den dreckigen Schnee. Sie war seit Tagen tot. Niemals werde ich sie vergessen.“
Dem Vater gelingt es ein einzelnes Pferd einzufangen, das letztes Gebliebenes tragen kann. Sich versteckend, bei Bauern kurzzeitigen Unterschlupf findend, schlägt sich die Familie zu Fuß zurück nach Hause durch.
Die Wohnung die sie vorfinden ist verwüstet.
Alle Habe draußen verstreut, die Gläser mit dem letzten Eingemachten vom geschlachteten Schwein aufgerissen, geleert, der restliche Inhalt im Haus verschmiert.
So gut es geht, richten sie sich für die nächsten Wochen ein.
Der Vater organisiert Essen, kümmert sich um herrenloses Vieh, auf das es nicht umkommt.
Ein viertel Jahr später vertreiben angesiedelte Polen die Deutschen.
Bis dahin erleben die Kinder wechselhafte, unruhige Tage.
Schulbesuch und Schulverbot folgen in regelmäßigen Anständen.
Schließlich kommen die Russen, treiben alles vorhandene Vieh zur Grenze, lassen kaum das Überlebensnotwendigste.
Bei Deutschen die noch ein eigenes Heim haben, findet die Familie meiner Mutter nochmals Obdach in der alten Heimat.
Im Sommer 1946 beschließt die polnische Kommandatur das entweder die polnische Staatsbürgerschaft angenommen werden muss oder ein Verbleiben nicht länger geduldet werden wird.
Die älteste Schwester, das letzte fehlende Familienmitglied ist auf gut Glück heimgereist und hat ihre zurück gekehrte Familie gefunden.
Alle sind zusammen und beschließen, Schlesien zu verlassen.
Am 10.November 1946 steigen sie gemeinsam in Landsberg in ein Viehwagenzugabteil, um nach Deutschland zu fahren.
Meine Mutter trägt dabei ein kleines Säckchen voller Salz.
Salz darf niemals ausgehen, sollen Glück und Wohlstand erhalten bleiben.
So nimmt sie das Glück in dieser Form mit und verliert es im Zug. Bei der Suche danach geht sie selbst verloren, findet die Familie jedoch wieder.
Dieses Erlebnis muss sie tief beeindruckt haben.
Nie, so habe ich von ihr gelernt, darf das Salzfass gänzlich leer werden, soll der Segen weiter auf dem Hauhalt ruhen.
Wenn ich heute noch penibel darauf achte, dass mein Salz nie alle wir, bin ich also meiner unbekannten Großmutter nah.
Nach langer Reise in Deutschland angekommen, lebt die Familie eine Zeit in einem Auffanglager im sächsischen Flöha.
Im Februar 1947 wird ihr ein Aufenthalt in der nahe gelegenen Stadt Frankenberg zugewiesen, die meine Geburtsstadt werden wird.

Während meine Mutter mir das erzählt, rollen vor ihrem geöffneten Fenster deutsche und amerikanische Militärfahrzeuge vorbei.

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Die Amerikaner sind auf dem Weg zu einem Nato-Manöver in Estland und tanken in der nahe gelegenen Kaserne der Bundeswehr.
Nach dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag von 1990 dürfen zwar auf dem Gebiet der ehemaligen DDR keine ausländischen Truppen stationiert werden, wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel.
Die Bundeswehr selbst räumt großes Militärfahrzeug, um sich auf einen Besuch der Ministerin für Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland vorzubereiten.
Obwohl die Soldaten freundlich winkend grüßen, kann ich das Kriegsgedröhn nicht ertragen, schließe das Fenster und will nur noch heim in meinen Garten.
Hinten in einer stillen Ecke wächst eine alte Rose.
Der Vater meiner Mutter schenkte sie dem Vater meines Vaters zum Einzug in das neu gebaute Haus.
Sehe ich sie, bin ich meinem unbekannten Großvater nah.
Wie in jedem Jahr und als würde sie Zeit nicht kennen, streckt sie ihre Blütenknospen der Sonne und dem Regen entgegen.

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Erinnerungen – Entdeckung des Lesens

1971 ist für mich ein Jahr der Veränderungen.
Der Tod meines Vaters beeinflußt meinen Lebensweg.
Mir 6jährigen fehlt nicht die tatsächliche Person, das kommt erst später.
Das Lächeln meiner Mutter am Morgen für mich, ihr freudiger Ruf “ Aufstehen, die Sonne scheint „, fehlen mir, fallen schwach aus und das für eine lange Zeit.
Mein erstes Schuljahr beginnt.
Ich muss mich an eine neue Wohnung gewöhnen, die fern der Nähe meiner „Tante Hanne“ liegt, deren Mehrgenerationenhaushalt mir liebe Zuflucht ist.
Meine Mutter nimmt eine Arbeit in einer anderen, nahegelegenen Stadt an.
Nach der Schule muss ich erst in den Hort, dann kann ich für ein paar Stunden zu Tante Hanne, bis meine Mutter zu Hause ist.
Am späten Nachmittag laufe ich heim, immer noch den Schulranzen auf dem Rücken.
Spielende Kinder denen ich dabei begegne, spotten…“ jetzt kommt die erst aus der Schule „.
Ich schäme mich dafür und bitte meine Mutter gleich nach dem Hort heim gehen zu dürfen, sie erlaubt mir das, ohne den Grund zu kennen.
Meine Nachmittage sind nun einsam, aber ohne Spott.
Das Haus in das wir gezogen sind ist von älteren Leuten bewohnt.
Ruhig geht es in ihm zu. Gern setzte ich mich zu den sehr verschiedenen Menschen, auf ihre jeweilige Gartenbank. Willkommen bin ich allen, eine enge Bindung wie an meine Tante Hanne finde ich nicht wieder.
Warum auch eng binden, wenn doch nichts von Bestand ist?
Ich werde stiller. Nach innen.
Neben unserer alten Wohnung lebt ein Mädchen, das schon mit mir in die gleiche Kindergartengruppe ging, jetzt teilen wir eine Schulklasse.
Früher spielten wir oft gemeinsam, in ihrer oder in unserer Wohnung.
Ihre Mutter ist die Apothekerin, mein Vater war der Zahnarzt der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin.
Jetzt besuchen wir uns nicht mehr.
Einmal sagt sie zu mir in der Pause: “ Früher hattet ihr eine größere Wohnung als wir, jetzt ist unsere größer .“
Mir war die Wohnungsgröße nicht aufgefallen, aber der Ton in dem sie das sagt, macht mich wütend.
Auch davon erzähle ich meiner Mutter nichts.
Dafür gehe ich oft in der Pause zu dem betreffenden Mädchen und ärgere sie solange bis sie in Tränen ausbricht.
Meine Mutter wird darüber informiert, sie sagt, ich solle das nicht mehr tun, ohne nach dem Grund zu fragen.
Es macht mir schon lange keinen Spaß mehr dieses Mädchen zu ärgern, die meine Freundschaft einer Wohnungsgröße wegen nicht mehr will. Es fällt leicht, davon abzulassen.
Dafür lerne ich lesen.
Schnell und gut.
Fünf, sechs Jahre später werde ich beginnen, die mit uns umgezogene Bibliothek meines Vaters zu lesen.
Die Bücher ersetzen mir meine Kinderschallplatten, die ich so lange höre, bis ich jedes Wort auswendig kann.
Mir fallen der Hodscha Nasredin in die jungen Hände und Diderots „Die Nonne“
Ich sauge Grimm’s Märchen in Gesamtausgabe auf und lese hinterher im „Heptameron“ der Marguerite de Navarre.
Tausendundeine Nacht ist mir so lieb wie das Decameron, die Ausgabe meines Vaters hat Illustrationen von Werner Klemke. Ich kann mich nicht satt sehen.
Ebenso wenig an den Bilderbänden der Prager Burg und der darin hängenden Gemälde, sie begleiten meine Nachmittage.
Tschechow und sein „Drama auf der Jagd“ lese ich und andere Russen. Ihre Schwermut spiegelt meine.
Vieles lese ich zu früh, schaffe mir ein Weltbild aus Büchern, nicht aus Menschen und lebendigen Meinungen.
Menschen sind mir zu vergänglich.
Meine Mutter versucht anfangs einzugreifen, gibt aber bald auf.
Meine Lesegier ist nicht zu stoppen.
Ob meine Mutter aufgegeben hat, weil sie um die Erfolglosigkeit wusste oder ob sie sich dadurch meinem toten Vater näher fühlte weiß ich bis heute nicht und werde nicht danach fragen.
Die Wunden der damaligen Zeit haben sich geschlossen.
Geblieben sind bei Stimmungen schmerzende Narben und die Liebe zu den Büchern.
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Erinnerungen – Reise an’s Meer

Den Sommerurlaub verbrachte ich in Kindertagen mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester am Meer.

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Mein Vater war Zahnarzt und Teil der Beschaffungsgesellschaft, die in den späten 60er Jahren noch funktionierte.
Das sie nicht ausfüllte, zeigte der frühe Freitod meines sensiblen Vaters.
Doch noch war es nicht so weit, noch glänzte das Leben, erklang mein Kinderlachen ohne Angst.
Der Freundeskreis war, für damalige Verhältnisse, elitär.
Der Fisch- und Obsthändler, ein Gastwirt, der KFZ-Werkstattbesitzer und der Inhaber des Herrenbekleidungsgeschäftes gehörten dazu.
Bei uns zu Hause gab es, wenn auch nicht immer, also den begehrten Räucheraal und die seltenen Bananen. Unser Trabant hatte stets alle notwendigen Ersatzteile, die Reservierungen für Familienfeiern waren problemlos zu tätigen und mein Vater war ein gut angezogener  Mann.
Nie hat er zu festlichen Anlässen im familiären Rahmen anderes als elegantes Schuhwerk getragen.
Die Tage der Hausschuhabende war weit entfernt.
Im Gegenzug trugen diese Freunde die nach dem Tod meines Vaters – bis auf einzelne, wenige schnell weg blieben –  wahrscheinlich Goldinlays statt Amalganfüllungen.

Im Sommer fuhren wir, wie gesagt, an die Ostsee.
Oft in kleine Ferienzimmer, dort war man als Stammgast gern gesehen, sicher gegen einen Gefallen, der das Leben leichter machte.
Die DDR war eine Tauschgesellschaft.
Einige Male wohnten wir bei „Tante Meta“, in einem Zimmerchen für vier, das nicht mit viel mehr als Betten gefüllt war.
Doch wer braucht schon mehr, wenn Sandburgen komfortable Traumräume boten und Ostseewasser über die Haut spritzte, aus jeder Welle eine Nixe schaute und ich braungebrannt in der Sonne spielen konnte.

Wie all die vielen Koffer und Sachen, die zwei kleine Kinder benötigen, in den Trabant hinein passten, ist mir heute ein Rätsel.
Auf dem Rücksitz fanden meine Schwester und ich jedenfalls immer noch ausreichend Platz und los ging die Fahrt.

Aufregend und geheimnisvoll war das schon ab dem Vorabend.
Die Tage waren heiß, die Autos ohne Klimaanlage und so fuhren wir in den ersten Morgenstunden los.
Um ausgeschlafen zu sein, gingen meine Eltern früh zu Bett, uns Kindern wurde selbiges befohlen.
Es gab auch keinen Widerspruch unsererseits, denn auch die antiautoritäre Erziehung war noch nicht geboren.
Aufgeregt schatterte ich mit meiner Schwester im Bett, ich war das „Schnatterinchen“ der Familie, meine Schwester als Erstgeborene und erstes Enkelkind unserer Großeltern der „Sonnenschein“.

Im Dunklen noch, begann vor dem Morgengrauen die Reise.
Meine Mutter hatte für Proviant gesorgt.
Raststätten, an denen schnelles Essen zu überteuerten Preisen angeboten wurde, waren noch nicht erfunden.
Tankstellen, an denen bedient wurde, gab es dafür.
Der Tankwart selbst befüllte den leergefahren Tank mit Benzin, während wir unser köstliches Picknick hielten.
Selbst gebratene Schnitzel, hart gekochte Eier, Tomaten, erste Augustäpfel und belegte Brote waren unser Mahl und so vorzüglich in der Vorfreude schmeckend, dass ich diese Angewohnheit ins Heute mitgenommen habe und gegen keinen – die Mühe der Vorbereitung ersparenden – Imbiß eintauschen würde.

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Mit der Dauer der Fahrt, sank die Geduld von uns Kindern und wir quengelten.
Dann begann meine Mutter Lieder zu singen, mein Vater stimmte ein und wenn sie keine Lust mehr hatten, sang ich allein weiter.
„Du bist unser Autoradio“ scherzte meine Mutter dann, denn ein solches hatten wir natürlich nicht.
Es hat uns nicht gefehlt. Mein Vorrat an Liedertexten war schon damals erstaunlich. Er entstammt meiner kindlichen Vorliebe stundenlang und gern allein, meine Mutter arbeitete derweilen in der Praxis meines Vaters, die gleich neben dem Wohnzimmer lag – nur durch eine dünne Tür waren wir also getrennt –  Schallplatten zu hören.

Und endlich, endlich waren wir da.
Die Koffer abgestellt und runter an den Strand.

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Mein Vater liebte das Meer so wie ich es tue.
Der weiche Sandboden unter den dahin eilenden Füßen ließ es schon ahnen.
Der salzige Wind brachte seinen herb-frischen Geruch und mit einem Schlag war es zu sehen. Hinter Kiefern rollte es in sachten Wellen, möwenkreischend und mit leisem Donnern auf uns zu.
Das große, weite Meer… so groß und so weit, das sein Ende hinter dem Horizont lag.
Überwältigende Naturkraft voller Schönheit und Leben.

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Die Sachen vom Leib gerissen und hineingerannt, eingetaucht in salziges Grün, umspült von den Schaumkronen der Wellen, unglaublich frei.

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Meine Mutter hält mir heute noch vor, was ich damals lauthals und ständig, auch noch mit schon blaugefrorenen Lippen und am ganzen, dünnen Kinderkörper klappernd, schrie:
„Ich will in’s Wasser.“

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Geändert hat sich in all den Jahren, die seit damals vergangen sind, nur ein Wort. Und das auch nur der Jahreszeit wegen, die ich – große Menschenmengen gern meidend –  bewusst wähle.

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„Ich will an’s Wasser.“

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Ich bin da.