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Erinnerungen – mein toter Vater

Für meinen Vater, der heute 85 Jahre alt werden würde.
Erinnerungen – mein toter Vater – eine mit Nachsicht aufrechnende Abrechnung.

Verlust ist es und der Schmerz um die Sinnlosigkeit dieses, das sind die überwiegenden Gefühle, wenn ich an meinen Vater denke, der mich als ich 6 Jahre alt war, durch Selbstmord verlassen hat.

An seine Zahnarztpraxis schloss sich unsere Wohnung. Vom großzügigem Wohnzimmer ging eine Tür direkt in sein Sprechzimmer. Für meine Mutter war das ideal, sie arbeitete mit in seiner Praxis. Mir fiel es schwer, mich nur einen Augenblick von meiner Mutter zu trennen. Immer wollte ich in der Nähe dieser schönen, weichen Frau sein. Für meine Mutter muss meine Klammerei anstrengend gewesen sein. Sie war damals eine lebenslustige Frau. Einmal ging sie allein mit ihrer Sportgruppe aus, meine große Schwester schlief, ich lag bei meinem Vater auf dem Sofa und schrie wie wild. Immer daselbe. Ich will zu meiner Mama! Mein Vater hat am Anfang versucht mich liebevoll zu beruhigen, er hat auf mich eingeredet, mich den langen Flur unserer Wohnung und auch noch den der Praxis entlang getragen. Mit nichts war ich zu beruhigen. Ich will zu meiner Mama! Am Ende hat er die Geduld verloren, mir ein Sofakissen auf’s Gesicht geworfen und gesagt, schrei da rein. Diese Geste hat mich von ihm entfernt, ich hörte auf zu schreien, aber nur aus Furcht vor diesem wütenden, großen schwarzhaarigem Mann mit den stechend blauen Augen. Irgendwann kam meine Mutter und für mich war aller Schmerz wieder gut.

Meinen Vater habe ich nur in einem weißen Kittel in Erinnerung. Von Fotos weiß ich, dass er immer gut gekleidet war. Beliebt wegen der Qualität seiner Arbeit war er und hatte einen großen Freundeskreis. Die kurzen Erinnerungen die ich an ihn habe, liegen fast alle in seiner Praxis. Einmal wünschte ich mir ein kleines Spielzeughäschen. Mit einem Schlüssel konnte es aufgezogen werden und begann dann sich im Kreis zu drehen. Es musste wunderbar sein, einen solchen Spielkameraden zu haben. Lange habe ich davon erzählt. Eines späten Nachmittags sagte meine Mutter ich solle in’s Sprechzimmer kommen, mein Vater hätte eine Überraschung für mich. Mein Häschen! Er hat mir mein Häschen gekauft! Ich sauste durch die nur mit Erlaubnis zu benutzende Wohnzimmertür zu ihm. Er hielt mir einen kleinen Hasen hin, der nicht im entferntesten mein tanzendes Wunschtierchen war. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich hatte ihm das Spielzeug genau beschrieben, es mir zu einem Anlass erbeten. Heute war ein normaler Wochentag, aber so veralbern musste er mich doch nicht! Traurig war ich, wie es ist, wenn ein Wunschtraum nicht wahr wird. Plötzlich ein Geräusch, ich drehte mich um und da war er, mein tanzender Hase. Direkt vor mir, er tanzte auf mich zu und ich bald überglücklich mit ihm. Mein Vater hatte einen Scherz gemacht. Nie habe ich solche Art von Scherzen gemocht und den bekommenen Hasen nicht geliebt.

Sehe ich diese Zeit aus heutiger Sicht, versuche ich durch diese Geschichten meinen Vater mir nah zu bringen. Er war ein begabter Mensch, interessiert, klug. Während seines Studiums erlernte er zusätzlich das Segelfliegen. Er war interessiert an Literatur und besaß eine umfangreiche Sammlung von Büchern, die er auch gelesen hatte. Einen Doktortitel besaß er und war kunsthandwerklich tätig. Verheiratet mit einer schönen Frau die ihn liebte, hatte er zwei gesunde Kinder. Zwar sollte ich lieber ein Junge sein, oft erzählte er mir, wenn du ein Junge gewesen wärst, hätte ich uns eine große Eisenbahnanlage gekauft, da du ein Mädchen bist haben wir uns für ein neues Auto entschieden. Aus solchen Erinnerungsfetzen versuche ich mir ein Bild eines Mannes zu machen, der all das später nicht mehr leben wollte.

Erst viele Jahre später, beim Tod meines Großvaters, als meine Großmutter einige Tage bei uns verbrachte (mein Vater war da schon Jahre tot), erfuhr ich durch Zufall, dass mein Vater eine Pflegekind war, der sich erst mit 18 Jahren von seinen Pflegeeltern (meinen Großeltern) hat adoptieren lassen. Ich hatte in’s Stammbuch geschaut und einen anderen Nachnamen als unseren entdeckt. Hattest du noch ein Kind, fragte ich meine Großmutter und wo ist es. Ja sagte meine Großmutter und…es ist auch tot. Meine Mutter hat mir kurz den Zusammenhang erklärt, dann wurde darüber nicht mehr gesprochen.

Ist es also die verlorene Identität gewesen, die meinen Vater nicht leben ließ? 

Erinnerungen habe ich an laute Streiterein meiner unternehmungslustigen Eltern. Sie gingen oft aus, kamen sie heim, gab es manchmal laute Streiterein. Ich habe mich aus meinem Bett geschlichen und hinter der Tür versteckt. Lauschend bin ich dort eingeschlafen und von den Eltern erst entdeckt worden als sie zu Bett gingen. 

Einmal hatte sich mein Vater mit dem Auto in der Garage eingeschlossen, den Motor laufen lassen und versucht, sich dadurch zu töten. Meine Mutter hat die Garagenfenster eingeschlagen und ihn damit gerettet und beruhigt. Warum diese Situation keine klärenden Handlungen nach sich zog, ist mir bis heute nicht bekannt. Nachbarn waren aufmerksam geworden, meine Mutter hätte alamiert gewesen sein müssen, mein Vater hätte eine Behandlung notwendig gehabt. Nichts geschah, das Leben lief seinen Trott weiter.

Ich war damals zu klein, um eingreifen zu können. Meine Mutter spricht nicht über diese Zeit. Inzwischen gönne ich ihr den Abstand und die Ruhe die sie dadurch gewonnen hat. Ich werde sie nicht mehr fragen und ihre Ruhe zerstören, um meine zu finden.

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Erinnerungen – Vom Leben und vom Sterben

Erinnerungen – Vom Leben und vom Sterben

1987 arbeite ich das 3. Jahr in meinem Beruf als Krankenschwester.
1981 habe ich die dreijährige Ausbildung an einer Fachschule begonnen, die ich 1983, der Geburt meiner Tochter wegen, für ein halbes Jahr unterbreche und 1984 erfolgreich abschließe.
Die Wahl dieses Berufes ist dem dringlichen Wunsch meiner Mutter geschuldet.
Nach dem Tod meines Vaters war sie der festen Überzeugung, ein krisensicherer Beruf, der ein alleiniges Auskommen sichert, sei die einzig richtige Entscheidung. Dazu der Abschluß einer Fachschule, die in anderen Berufen nur mit Abitur möglich ist, das ich nicht habe.
Meine ursprünglichen Gärtnerberufswünsche waren dagegen schwer durchzusetzen.

Alle Krankenschwestern in der DDR  wurden gelenkt.
Das bedeutete, für die ersten fünf Jahre nach Beendigung der Fachschulzeit durfte der Arbeitsort nicht frei gewählt werden. Nach Anforderung und Bedürfnis der einzelnen Einrichtungen wurde delegiert.
Mein Einsatzort war für ein Pflegeheim vorgesehen.
Dort habe ich während der wechselnden praktischen Einsätze gearbeitet.
Die real herrschenden Zustände, die ich bewusst wahrgenommen habe, standen im Gegensatz zu meiner persönlichen Meinung.
Lange Frühstücksrunden des Pflegepersonals waren üblich. Klingelte ein Patient, waren ausschließlich die Schwesternschülerinen an der Reihe aufzustehen und den Patienten aufzusuchen.
Viele Patienten wollten einfach auf Toilette oder den Schieber gebracht werden.
Erfüllte die Schwesternschülerin diesen dringenden Wunsch, durfte sie sicher sein, eindringlich darauf hingewiesen zu werden, das dies die „Erziehung“ der Patienten beeinträchtigt. Wofür gibt es schließlich “ Schieberzeiten „.
Ich habe mich in dieser Einrichtung nicht einarbeiten können, die Vorstellung fünf Jahre dort arbeiten zu müssen, war mir schrecklich.
Mein Hauptstammhaus und die Notaufnahmestation, in der ich regelmäßig arbeitete, wussten meine Fähigkeiten zu schätzen. Der Stationspfleger hat durchsetzen können, dass ich auf und für diese Station arbeiten durfte.
Nachdem 1983 meine Tochter geboren war, wurde mir 1984 gestattet, in das Krankenhaus an meinem Wohnort zu wechseln.
Nach Wiederaufnahme meiner Ausbildung, stand ich sehr früh auf und brachte meine Tochter in die Kinderkrippe. Diese öffnete 6.00 Uhr.
Mein Bus ging 6.05 Uhr. Oft habe ich mein kleines Mädchen für eine kurze Zeit allein auf der Bank im Korridor zurück lassen müssen, weil die Erzieherin noch nicht da war, ich aber den Bus erreichen musste.
Dienstbeginn war 6.00 Uhr, ich durfte ihn auf 6.45 Uhr verlegen, da ein eheres nehmen des Buses für mich einfach nicht möglich war.
Freunde habe ich mir damit keine gemacht.
Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt zum Studium in Berlin, er konnte uns nicht helfen.
Diese Situation besserte sich für alle Beteiligten, als ich auf die Wachstation des Krankenhauses meines Wohnortes wechseln durfte.
Schnell hatte ich mich eingearbeitet und meine praktische Abschlußprüfung mit sehr gut bestanden.
Mein Wunsch war weiter dort zu arbeiten.
Bis zur Rückkehr meines Mannes vom Studium wäre das nur im Frühdienst möglich gewesen, danach im 3-Schicht-System.
Die vorübergehende Arbeit in einer Schicht wurde mir nicht gestattet.

Ich werde in die Poliklinik umgelenkt.
Die Voraussetzung dafür ist die ständige Teilnahme am Notfalldienst in der Notaufnahme des Krankenhauses.
Das bedeutet, ich gehe früh zum Dienst in die  Poliklinik, danach gegen 16.00 Uhr meine Tochter abholen. Diese bringe ich zu meiner 1908 geborenen Großmutter, in deren Haus wir leben. Dann gehe ich in die Notaufnahme und arbeite dort bis zum nächsten Morgen. Am darauf folgenden Morgen hole ich meine Tochter und bringe sie in die Kinderkrippe, gehe dann zum regulären Sprechstundenalltag in die Poliklinik. Das zweimal im Monat. Einmal davon ist ein Wochenende, mein Mann kann dann unser Kind betreuen.
Das ist zu schaffen.
Der Notfalldienst der diensthabenden Schwester im Krankenhaus bedient mehrere Aufgabenbereiche.
Alle während des Abends und der Nacht ankommenden Patienten finden in ihr erste Anlaufstelle.
Ich fordere den zuständigen Arzt an.
Innere Medizin, Gynäkologie, Chirurgie, je nach Erkrankungsbild.
Vieles wird vom zuständigen, diensthabenden Arzt erledigt, der nebenher das gesamte, nächtliche Krankenhaus betreut. In schwierigen Fällen wagt er den zuständigen Oberarzt der entsprechenden Abteilung zu Rate zu ziehen. Dieser schläft entwender im Krankenhaus oder kommt nach Anruf von zu Hause.
Brüche, Reputationen, Nähen von Wunden, Alkoholwertbestimmung von Verkehrssündern sowie kleinere Unfälle und deren Versorgung werden in der Notaufnahme sofort behandelt.
Tagelange Magenbeschwerden, die nachts anfangen behandlungsbedürftig zu werden, ebenso.
Das rege Treiben wird durch das Klingeln des Telefons noch aufreibender.
Damals gab es einen nächtlichen Hausbesuchsdienst der Allgemeinmediziner. Der im Krankenhaus eingehende Anruf wurde zur diensthabenden Schwester umgeleitet, welche die Notwendigkeit zu beurteilen hatte und dann einen dafür im Bereitschaftsdienst befindlichen Fahrer weckte und ihn losschickte, den in dieser Nacht zuständigen Arzt zu holen und zum Patienten zu bringen. Vorher musste der Artzt selbst natürlich auch per Anruf geweckt und informiert werden.
Ein ausfüllender Aufgabenbereich.

1987 habe ich einen solchen Dienst.
Der Tag in der Poliklinik war lang. Bis zu 120 akute Patienten wurden behandelt, in Grippezeiten mehr. Ohne Computer und Drucker waren Bescheinigungen per Hand auszufüllen, Statistiken zu führen, Verbände und Spritzen zu erledigen, Blutentnahmen zu machen. Akten mussten für die nächste Sprechstunde vorbereitet werden, Instrumente sterilisiert und Marterialien bestellt werden.
Tochter und Großmutter sind zusammen zufrieden, meinem Mann schreibe ich einen Brief in einer freien Minute, anrufen kann ich ihn nicht. Telefonanschlüsse sind eine rare Sache in der DDR.
Den diensthabenden Arzt kenne ich, er ist noch Arzt im Praktikum, wir haben dieselbe Heimatstadt.
Es ist ein ruhiger Dienst in der Woche und im schneearmen Winter.
Glatteisunfälle mit Brüchen, Alkoholunfälle wie am Wochenende, Gartenunfälle sind kaum zu erwarten.
Nach 24.00 Uhr werde ich über die Ankunft einer Patientin im Krankenwagen informiert.
Die alte Dame ist bekannt. Finales Krebsstadium.
Wegen dringend notwendiger Bauarbeiten ist die Notaufnahme verlegt.
Sie befindet sich vorübergehend im septischen OP.
Das Schwesternzimmer wird neu gestrichen, nicht neu möbiliert. Auch nach der Sanierung wird es bei einem alten Sofa zum Schlafen und einem Waschbecken zur Hygiene nach einem langen Tag bleiben.
Vorrübergehend hält sich die diensthabende Schwester im nachts ungenutzten Zimmer der Oberschwester auf. Ausgestattet mit schmaler Liege und noch kleinerem Waschbecken.

Über den Fahrstuhl bringt mir der Rettungswagenfahrer die ausgemergelte Patientin.
Sie ist apathisch, aber ansprechbar.
Der septische OP ist ein kleiner, gefliester Raum.
Auf den darin befindlichen OP-Tisch lagere ich mit Hilfe der Krankenfahrer die schmale Gestalt der alten Frau, die ein Nachthemd und einen Morgenmantel trägt.
Schon als der Anruf mit der Ankündigung des Transportes kam, habe ich den diensthabenden Arzt informiert.
24.00 Uhr hat er die zu erledigenden i.v. Spritzen bei den stationären Patienten gemacht und gehofft, danach schlafen zu können.
Kurz nach meiner telefonischen Mitteilung, dass die Patientin eingetroffen ist, kommt er.
Müde wie ich sieht er aus.
Der fensterlose Raum ist kühl.
Mir ist die Patientin aus vergangenen Sprechstunden bekannt, kurz schildere ich ihre Grunderkrankung und übergebe den Notarztbericht.
Vor uns liegt eine alte, unheilbar kranke Frau, deren Zustand sich sichtbar verschlechtert.
Krebs – im finalem Endstadium.
Ihr Körper ist krankheitsgezeichnet schwach. Es besteht u.a. akuter Flüssigkeitsmangel.
Ihr Herz-Kreislauf-System steht kurz vorm endgültigen Zusammenbruch.
Sie atmet kurz und schnappend.
Immer noch ist sie ansprechbar.
Der Versuch des jungen Arztes einen Venenzugang in der Ellenbeuge oder am Handgelenk zu legen, scheitert.
Er probiert es weiter.
Die Venen an den am Besten zugänglichen Stellen sind versackt.
Ich stehe am Kopf der Patientin. Alle notwendigen Utensilien für den Arzt habe ich in der Wartezeit auf die Ankunft der Patientin routinemäßig bereitgelegt.
Das schmales Gesicht der todkranken, alten Frau ist von Falten und Altersflecken gezeichnet. Die Augen sind geschlossen. Unter den Lidern nehme ich Bewegungen war.
Es ist ein leidendes, sterbebereites Antlitz auf das ich schaue.
Meine junge, schmale Hand streicht über das Haar der alten Frau. Ihr Kopf scheint sich in die Bewegung der warmen Hand zu schmiegen.
Der erneute Versuch einen Venenzugang an der Hand zu legen scheitert.
Der junge Arzt ist ein bedachter Mann. Er hat diesen Beruf gewählt, um zu helfen, um Leben zu erhalten. Er ist geschickt, er ist klug. Ihm ist beigebracht worden wie man Leben erhält, dieses hart erlernte Wissen versucht er umzusetzen.
Die Patientin vergeht immer mehr.
Ich nehme meine Hand von ihrem Kopf und umschließe damit die ihrige, die sich – wie ihr gesamter, schwacher Körper – einer Weiterbehandlung zu entziehen scheint.
Eindringlich bitte ich den Arzt die Behandlung abzubrechen.
Vertieft in seine lebenserhaltenden Maßnahmen nimmt er das nicht wahr.
Der Hals der Patientin ist faltig und ausgetrocknet, eine Punktion der dort befindlichen Blutgefäße nicht möglich.
Um an die im Hüftbereich befindlichen Venen zu gelangen, muss das Nachthemd der alten Frau hochgeschoben werden. Es entblößt die abgemagerten Schenkel eines Körpers dessen Lebenszeit abgelaufen ist.
Der junge Arzt im Praktikum setzt als letzten Versuch dort eine Venenpunktion an, die gelingt.
Die Hand der Patientin liegt nach wie vor in meiner.
Es ist kein Druck zu verspüren, als ihr Kopf im Sterben leicht zur Seite fällt.
Die Patientin ist tot.

Auf Wiederbelebungsmaßnahmen verzichtet der Arzt.
Er setzt sich, ich bedecke die Tote und räume auf.
Gemeinsam legen wir sie auf eine bereitstehende Trage, am Morgen wird sie der Hausmeister in den Leichenkeller bringen.

Wir gehen in  meinen benachbarten Aufenthaltsraum.
Mein trauriges Gesicht entgeht dem jungen Mann nicht.
„So erschrocken über den Tod ?“ fragt er mich.
Nun setze auch ich mich und frage ihn nach dem Sinn seines Handelns.
“ Ich bin Arzt, ich habe zu helfen, den Tod zu verhindern. “
Wir haben uns in dieser Nacht lange unterhalten, ohne einen gemeinsamen Nenner gefunden zu haben.

Erinnerungen – Bahnhofstraße 18

Den größten Teil meiner Kindheit verbrachte ich in einem villenähnlichem Gebäude, das auf drei Etagen, sechs Wohnungen beherbergte.
Mit Außenklo und die Wohnungen unterm Dach ohne fließend Wasser. Aber mit Balkon.
Es waren die frühen 70er.

Im Erdgeschoss des Hauses wohnten die verwitwete Hausbesitzerin mit ihren Eltern.
Eine gepflegte Dame – wie aus einer anderen Zeit- die bis in ihr hohes Alter schwimmen ging.
Links davon lebte ein altes, kinderloses Ehepaar. Einfache Leute, die friedlich ihre Tage gemeinsam verbrachten.
Darüber im ersten Stock zog meine Frau Mutter mit uns beiden 7- und 13- jährigen Mädchen ein und damit die zweite Witwe in der Hausgemeinschaft.
Neben uns wohnte ein altes Fräulein mit ihrem Herrn Bruder, Umsiedler aus Ostpreußen – vor allem das Fräulein war mir 7jähriger sehr zugetan – und in der oberen Etage teilten sich die dritte Witwe im Haus und noch ein weiteres Fräulein eine Wohnung. Daneben lebte ein Lehrer, der gern trank, mit seiner Frau und Tochter. Diese Familie lebte sehr für sich und zog später aus.
Im Hof des Hauses befand sich ein kleiner, parkähnlicher Garten, der einer Wäschewiese für alle Platz bot. Dort fand sich auch ein Fleck für mich und meinen Sandkasten.

Die beiden Parteien des Erdgeschosses hatten zusätzlich je einen baumumstandenen Außensitzplatz, in deren ureigenem Herrschaftsbereich mich jeder der älteren Leutchen willkommen hieß.
Vor allem das Elternpaar der Hausbesitzerin strahlte einen märchenhafte Senioreneleganz verbreitenden Charme aus.
Es waren schöne, ruhige Stunden, die ich still bei ihnen sitzend verbracht habe.
Die kleinen, eigenen, grünen Sommerinseln waren mit Blumen bepflanzt.

Auf der einen Seite blühten im Frühjahr eine Vielzahl von Märzenbechern und Schneeglöckchen zwischen zwei alten Eichen.
Vor zum Eingang hin, vorbei an der leichten Erhöhung der anderen Gartenresidenz, standen die Haselnussbüsche des Nachbargrundstücks und ein kaum mehr tragender Kirschbaum. Das alte, quietschende Eisentor schmückte sich seitlich mit Flieder und Knallerbsensträuchern.
In deren Schutz blühten zart Himmelschlüsselchen.

All das ist Jahrzehnte her. Meine Eltern hatten vor, ihren Lebensabend in diesem Haus zu verbringen. Ein Wasserrohrbruch in einem eisigen Februar machte das zunichte. Schon lange standen in dem verfallenden Gebäude Wohnungen leer. Die Wohnung über der meiner Eltern war eiskalt, das Rohr brach und das auslaufende Wasser richtete solchen Schaden an, dass meine Eltern ausziehen mussten. 

Noch immer sehe ich mich in der überschwemmten Wohnung stehen, während meine Mutter Pellkartoffeln kochte, um den Alltag zu erhalten und meinen Stiefvater versuchen von einem Auszug zu überzeugen. Nach dem Krieg war er in seine Heimatstadt zurückgelaufen, niemals wollte er sie wieder verlassen. Meiner Mutter zu liebe ist er mit umgezogen, in die Stadt in der ich jetzt lebe. Trotz größter Anstrengung hat er sich nicht einleben können und ist kurz nach dem unfreiwilligen Umzug verstorben. Noch einmal besuche ich unsere alte Wohnstätte. Sein alter Schuppen ist mittlerweile besser erhalten als das Haus.

Mein Stiefvater geht nicht mehr in seinen Schuppen, um zu werkeln, niemand geht mehr durch die Haustür in’s Innere des Hauses, in dessem Treppenhaus der Spruch hing:“Es wünsch mir Einer was er will, dem schenke Gott zehn Mal so viel.“.

Alles ist dem Verfall preisgegeben. Ich werde nicht mehr zurückkehren. Einmal noch musste ich es tun. Für meine Mutter, für meinen Stiefvater, für mich selbst.

Auf der Heimfahrt geht die Sonne unter. So wie jeden Tag.

Erinnerungen – Zu Hause

Zu Hause ist bei mir – der Garten.

Wann immer Ferien oder Wochenende war, fuhr ich zu den Großeltern. Oft kam mein Großvater, mit seiner Schwalbe mich abzuholen. Später fuhr ich die 25 km von meiner Elternstadt mit dem Fahrrad zu den Großeltern. Auf dem Moped meines Großvaters begann schon die Freiheit. Nicht wie bei den Eltern Fahrten im nach Benzin und nach Garage riechenden Auto, dessen Fenster nicht geöffnet werden durften, sauste mir der Wind durch die Haare. Gut und sicher sass ich, durch den Rücken des alten Mannes vor einem zuviel von Wind geschützt. Die Großmutter wartete schon auf uns, einen Marmorkuchen in der Backröhre als Willkommensgruss.

Ab in den Garten, ab in’s dahinter gelegene Lützeltal. Eine Fläche des Gartens, die mir damals riesig erschien, war mit Erdbeeren bepflant. Zum Verkauf und zur Aufbesserung der Rente gedacht, durfte ich davon essen soviel ich wollte. Vorn am Haus stand meines Großvaters Geräteschuppen. An seinen Wänden habe ich Nägel einschlagen geübt. Um dahin zu gelangen, musste ich über die Haustür gehend eine halbe Gartenrunde drehen. Die Verandatür, die mich heute direkt in den Garten lässt, hat erst viele Jahre später mein Mann eingebaut.

Umrahmt war die Haustür mit einem Busch roter Kletterrosen, duftend leuchteten sie und wuchsen üppig im hohen Bogen, den Eingang gleichsam beschützend. Nach einem Frost schnitt meine Großmutter sie zurück, was nach und nach ihr Eingehen zur Folge hatte. Die weiße Rose, die jetzt an meiner Tür wächst, ist der Erinnerung an die andere, verlorene Rose gewidmet.

Sie selber, sowie auch die Veranda stehen auf dem Platz an dem sich mein Kinderbeet befunden hat. Was ich darauf gepflanzt habe, ist genauso vergangen wie die rote Rose.

Neben meinem Beet befand sich der Wasserhahn. Den Schlauch daran gesteckt, war er Ursprung lustiger Wasserspritzerein. Daneben stand auf einem Tischchen der Entsafter meiner Großmutter oder ihr Einkochtopf. An einem schmalen Tisch im Schatten der Garagenwand sitzend, haben sie, der Großvater und ich im Freien die Früchte zum Einwecken vorbereitet. Bei mir sind immer mehr im Bauch als in den Topf gewandert. Gelacht darüber haben die Großeltern, nicht geschimpft.

Zwei Gärten weiter lebt seit einigen Jahren eine junge Familie mit zwei kleinen Mädchen, deren Lachen und Toben meinem Garten Lebenstöne bringt. Vor kurzem hat der Vater einen Gemüsegarten angelegt. Von weitem höre ich wie er seinen Mädels das Gießen erklärt:“den Wasserschlauch müsst ihr danach leer laufen lassen, sonst liegt er in der Sonne und das Wasser dehnt sich durch die Wärme aus, dann platzt er…“.

Die Erinnerung lebt. Beruhigend.

Erinnerungen – mein toter Vater – eine mit Nachsicht aufrechnende Abrechnung

Verlust ist es und der Schmerz um die Sinnlosigkeit dieses, das sind die überwiegenden Gefühle, wenn ich an meinen Vater denke, der mich als ich 6 Jahre alt war, durch Selbstmord verlassen hat.

An seine Zahnarztpraxis schloss sich unsere Wohnung. Vom großzügigem Wohnzimmer ging eine Tür direkt in sein Sprechzimmer. Für meine Mutter war das ideal, sie arbeitete mit in seiner Praxis. Mir fiel es schwer, mich nur einen Augenblick von meiner Mutter zu trennen. Immer wollte ich in der Nähe dieser schönen, weichen Frau sein. Für meine Mutter muss meine Klammerei anstrengend gewesen sein. Sie war damals eine lebenslustige Frau. Einmal ging sie allein mit ihrer Sportgruppe aus, meine große Schwester schlief, ich lag bei meinem Vater auf dem Sofa und schrie wie wild. Immer daselbe. Ich will zu meiner Mama! Mein Vater hat am Anfang versucht mich liebevoll zu beruhigen, er hat auf mich eingeredet, mich den langen Flur unserer Wohnung und auch noch den der Praxis entlang getragen. Mit nichts war ich zu beruhigen. Ich will zu meiner Mama! Am Ende hat er die Geduld verloren, mir ein Sofakissen auf’s Gesicht geworfen und gesagt, schrei da rein. Diese Geste hat mich von ihm entfernt, ich hörte auf zu schreien, aber nur aus Furcht vor diesem wütenden, großen schwarzhaarigem Mann mit den stechend blauen Augen. Irgendwann kam meine Mutter und für mich war aller Schmerz wieder gut.

Meinen Vater habe ich nur in einem weißen Kittel in Erinnerung. Von Fotos weiß ich, dass er immer gut gekleidet war. Beliebt wegen der Qualität seiner Arbeit war er und hatte einen großen Freundeskreis. Die kurzen Erinnerungen die ich an ihn habe, liegen fast alle in seiner Praxis. Einmal wünschte ich mir ein kleines Spielzeughäschen. Mit einem Schlüssel konnte es aufgezogen werden und begann dann sich im Kreis zu drehen. Es musste wunderbar sein, einen solchen Spielkameraden zu haben. Lange habe ich davon erzählt. Eines späten Nachmittags sagte meine Mutter ich solle in’s Sprechzimmer kommen, mein Vater hätte eine Überraschung für mich. Mein Häschen! Er hat mir mein Häschen gekauft! Ich sauste durch die nur mit Erlaubnis zu benutzende Wohnzimmertür zu ihm. Er hielt mir einen kleinen Hasen hin, der nicht im entferntesten mein tanzendes Wunschtierchen war. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich hatte ihm das Spielzeug genau beschrieben, es mir zu einem Anlass erbeten. Heute war ein normaler Wochentag, aber so veralbern musste er mich doch nicht! Traurig war ich, wie es ist, wenn ein Wunschtraum nicht wahr wird. Plötzlich ein Geräusch, ich drehte mich um und da war er, mein tanzender Hase. Direkt vor mir, er tanzte auf mich zu und ich bald überglücklich mit ihm. Mein Vater hatte einen Scherz gemacht. Nie habe ich solche Art von Scherzen gemocht und den bekommenen Hasen nicht geliebt.

Sehe ich diese Zeit aus heutiger Sicht, versuche ich durch diese Geschichten meinen Vater mir nah zu bringen. Er war ein begabter Mensch, interessiert, klug. Während seines Studiums erlernte er zusätzlich das Segelfliegen. Er war interessiert an Literatur und besaß eine umfangreiche Sammlung von Büchern, die er auch gelesen hatte. Einen Doktortitel besaß er und war kunsthandwerklich tätig. Verheiratet mit einer schönen Frau die ihn liebte, hatte er zwei gesunde Kinder. Zwar sollte ich lieber ein Junge sein, oft erzählte er mir, wenn du ein Junge gewesen wärst, hätte ich uns eine große Eisenbahnanlage gekauft, da du ein Mädchen bist haben wir uns für ein neues Auto entschieden. Aus solchen Erinnerungsfetzen versuche ich mir ein Bild eines Mannes zu machen, der all das später nicht mehr leben wollte.

Erst viele Jahre später, beim Tod meines Großvaters, als meine Großmutter einige Tage bei uns verbrachte (mein Vater war da schon Jahre tot), erfuhr ich durch Zufall, dass mein Vater eine Pflegekind war, der sich erst mit 18 Jahren von seinen Pflegeeltern (meinen Großeltern) hat adoptieren lassen. Ich hatte in’s Stammbuch geschaut und einen anderen Nachnamen als unseren entdeckt. Hattest du noch ein Kind, fragte ich meine Großmutter und wo ist es. Ja sagte meine Großmutter und…es ist auch tot. Meine Mutter hat mir kurz den Zusammenhang erklärt, dann wurde darüber nicht mehr gesprochen.

Ist es also die verlorene Identität gewesen, die meinen Vater nicht leben ließ? 

Erinnerungen habe ich an laute Streiterein meiner unternehmungslustigen Eltern. Sie gingen oft aus, kamen sie heim, gab es manchmal laute Streiterein. Ich habe mich aus meinem Bett geschlichen und hinter der Tür versteckt. Lauschend bin ich dort eingeschlafen und von den Eltern erst entdeckt worden als sie zu Bett gingen. 

Einmal hatte sich mein Vater mit dem Auto in der Garage eingeschlossen, den Motor laufen lassen und versucht, sich dadurch zu töten. Meine Mutter hat die Garagenfenster eingeschlagen und ihn damit gerettet und beruhigt. Warum diese Situation keine klärenden Handlungen nach sich zog, ist mir bis heute nicht bekannt. Nachbarn waren aufmerksam geworden, meine Mutter hätte alamiert gewesen sein müssen, mein Vater hätte eine Behandlung notwendig gehabt. Nichts geschah, das Leben lief seinen Trott weiter.

Ich war damals zu klein, um eingreifen zu können. Meine Mutter spricht nicht über diese Zeit. Inzwischen gönne ich ihr den Abstand und die Ruhe die sie dadurch gewonnen hat. Ich werde sie nicht mehr fragen und ihre Ruhe zerstören, um meine zu finden.

Erinnerungen – winters

Früher war der Winter eine Jahreszeit, nicht wie heute ein Zustand, von dem erwartet wird, das er so schnell wie möglich vorübergeht, damit wieder alles wie gewohnt und eben schnell geht. Schnee gehörte selbstverständlich dazu. Die Glätte auch. Auf den Straßen war sie weit weniger gefährlich, nicht weil sie eben das nicht war, sondern weil der Verkehr an sich weniger war. Hatte man 15 Jahre auf ein Auto gewartet, riskierte man keinen Glatteisunfall und lies den Trabi oder Skoda in der Garage und ging zu Fuß. Auf Fußwegen die von den Anwohnern beräumt worden waren. Das in jeder Familie jedes Familienmitglied ein Paar Langläufer besaß, war normal und kein Luxus. Obwohl die jüngeren Familienmitglieder meist die ausgewachsenen Modelle älterer Geschwister übernehmen mussten. Das waren auch keine hypermodernen Skier, sondern Brettln. Mit einfachster Bindung und ohne dazugehörigen Skistiefel, die nochmal den Preis eines Winterurlaubs an sich kosten. Was dagegen jeder hatte, war Wachs für die Skier. Welches Wachs bei welchem Wetter zu verwenden war, ist eine Wissenschaft für sich gewesen, die besonders gern von den Vätern betrieben wurde. Sie waren auch oft diejenigen welche die Skier der gesamten Familie präparierten. Mit Ehrgeiz natürlich. Dann fuhr man mit seinem einen Paar Winterstiefel in die Bindung, einfache Stöcke aus Holz dazu und gemächlich zog man seine Bahnen durch’s verschneite Land, dessen Schönheit zu erleben Sinn des Ausflugs war. Die Zeiten von bunter Skikleidung, deren Hauptzweck darin besteht, gesehen zu werden, lag noch in weiter Ferne. Nach dem Ausflug ging es nach Hause und nicht zum Apresski. Waren die Skiausflüge in den Familien meist den Wochenenden vorbehalten, gingen wir Kinder in der Woche rodeln. Einen Schlitten besaß jeder und jeder nutze ihn. Nach der Schule trafen sich alle am Rodelhang. Dazu war kein Anruf, keine Whatsapp notwendig, in den Pausen hatten wir abgesprochen, wann und wo wir uns treffen wollten. Den Rodelberg hoch gestapft und runtergesaust. Wer fährt am Schnellsten, wer kommt am Weitesten? Wer kann so gut bremsen, dass er dabei nicht in den Schnee kippt? Was haben wir dabei für Spaß gehabt! Ich erinnere mich ungern an meine rote Strickhose die ich dabei trug. Eine Zeit lang waren Strickmaschinen in Mode gekommen. Wer eine besaß, strickte wie wild und verkaufte die Hosen dann für kleines Geld. Meine Mutter war stolz, eine für mich erstanden zu haben. Ich habe das kratzende Ding gehasst. Gekauft hatte sie diese bei meiner zukünftigen Schwiegermutter, das wusste damals natürlich noch niemand. Gefetzt, alles was „in“ war „fetzte“ damals, haben mir nur die in einer weiten Glocke endenden Hosenbeine, die der Modehit der frühen 70er Jahre waren. War ich mit der Hose dreimal in den Schnee gefallen, war sie so nass geworden, dass sie an den Beinen hart gefror. Dicke Schneeklumpen sammelten sich daran und froren fest. Darunter trug ich eine dicke Wollstrumpfhose, auch die war am Ende nass gefroren, genau wie meine selbst gestrickten Wollfäustlinge. Die Finger darunter zur Faust geballt, um sie zu wärmen, stapfte ich in der einbrechenden Dunkelheit, völlig durchgefroren aber selig, nach Hause. Vor der Haustüre klopfte ich den überall an mir fest gefrorenen Schnee vom Leib, niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, ihn meiner Mutter ins Haus zu schleppen. Das hätte was gegeben! Im Wohnzimmer war der Kachelofen geheizt und verströmte wohlige Wärme. Meine rot gefrorenen Füße daran gewärmt, taute ich langsam wieder auf. Niemals wäre mir die Idee gekommen, ein heißes Vollbad einzufordern. Gebadet wurde Freitags, nur an diesem Tag wurde der dafür im Bad hängende Boiler überhaut angesteckt. Manchmal ließ sich ein Fußbad rauschinden. Dann goß mir meine Mutter heißes Wasser aus dem Teekessel, der immer gefüllt auf dem Küchenherd vor ich hin pfiff, in die große Aluminiumschüssel, in der sie Sonntags die grünen Klöße für’s Mittagessen zubereitete. Mit etwas Glück konnte ich meine Mutter dazu überreden, mir zum Abendessen einen Vanillepudding zu kochen, ihn noch warm in einen Suppenteller zu geben und in die Mitte einen See aus Himbeersoße zu gießen. So rot wie meine Winterluftwangen.

Erinnerungen – Urlaub damals und heute – Frischer Wind


(Transit – Winter an der See, Musiktipp Herr Bludgeon, Danke)

Frischen Wind bringt ein Urlaub an der Ostsee im touristenarmen Monat November immer. 

Er hilft enorm, Gedanken im Alltagskopf zu ordnen. Hier am Meer sind um diese Jahreszeit fast nur Gleichgesinnte zu finden. Sie suchen wie wir stille Schönheit und innere Einkehr. Auf Rügen findet ich das. Und ein Licht, das es nur hier gibt.

Nach der Wende, als auf einmal die Möglichkeit bestand, westliche Reisestandarts zu nutzen, sind wir wie viele Andere auch, sonnenhungrig in den Süden geflogen. Mit zwei kleinen Kindern im Reisegepäck war der Urlaub in abgeschotteten Ferienidyllen für die Kinder natürlich ein Sommersonnenerlebnis. Mir selber hat das nicht so recht gefallen. All inclusive Ferien zu Gunsten des finanzkräftig-goldenen Westlers sind nicht meins. Fliegerei in geschaffene Urlaubsparadiese, die weit weg vom realen Leben der einheimischen Bevölkerung liegen, ebenso nicht. Alleinerkundung eines fremden Landes mit zwei kleinen Kindern war auch nicht das Richtige, ich war noch nie der Camper- und/oder Abenteurertyp, so haben wir viele Jahre den Sommerurlaub mit unseren Kindern im Häuschen eines Freundes verbracht, das im Wald in einer kleinen Siedlung lag. Das brandenburgische Flachland hat uns Pilzernten wie aus einem russischen Märchen geschenkt und baden in einem der zahlreichen Seen hat den Kindern mehr Spass gebracht, als jede Kinderamination am Hotelpool es hätte tun können. Den Luxus einer Herbstreise in ein dann bezahlbares Osteehotel leisten wir uns in den letzten Jahren zu gern. 

Wir sind wieder zu zweit stehend und genießen das. Immer wenn ich meinen Koffer packe, denke ich an unsere einzige Urlaubsreise mit Kind über den FdGB in der DDR. Wir hatten damals noch kein Auto und traten die Reise nach Thüringen mit Bus und Bahn an, im Schlepptau ein Kleinkind. Zusätzlich zur dafür benötigten Wäsche waren wir noch mit Bettwäsche und Handtüchern beladen, die damals selbst mitzubringen waren. An die Schlacht um’s Buffett denke ich, angesichts des famosen Essens in unserem Ostseehotel, lächelnd. 

War es schon mehr als dürftig bestückt, wurde auch nicht aufgefüllt…das daraus folgende Gedrängel war schlimm. Um dem zu entgehen, sind wir immer zum Schluss essen gegangen, lieber ein einfaches Marmeladenbrötchen als schupsende Massen. Entspannen wir heute während des Novemberostseeurlaubs im Hallenbad und in vielerlei Saunen, gab es im FdGB Urlaub ein Zimmer, das eine Familie im Eigenheim zur Vermietung bereit gestellte hatte. Ein kleines Waschbecken mit dünnen Wasserstrahl war die einzige Möglichkeit für uns damals noch drei Personen, sich zu reinigen.Kein Vergleich zu dem heute gebotenem Luxus von Saunen und Schwimmbad in den gepflegten Hotels an der Küste.

Den FdGB-Urlaub haben wir uns ein einziges Mal angetan, unabhängig von unserer privaten Meinung, wäre ich als Schwester im Krankenhaus in dem ich arbeitete, sowieso erst in knapp zehn Jahren wieder mir der Vergabe eines FdGB-Ferienplatzes an der Reihe gewesen. Die Arbeiter in volkseigenen Betrieben hatten es da besser, viele dieser Betriebe hatten eigenen Ferienobjekte, in denen die Mitarbeiter ihren Urlaub kostengünstig verbringen konnten. Mein Stiefvater hat mir und meiner Mutter so oft ermöglicht, unseren Sommerurlaub an der Ostsee oder an einem See zu verbringen. Meine Schwester mochte damals nicht mehr mit den Eltern gemeinsam verreisen. Sie ist sechs Jahre älter als ich und plante lieber für sich allein. Den Luxus restaurierten alten Glanzes wie die Henry van de Velde Architektur in unserem diesjährigen Urlaubsschloss gab es nicht.

Dafür hatten wir eine Tischtennisplatte und einen Grill. Schloßherrliche Treppen gab es nur in Museen zu bewundern,

heute kann ich sie steigen, um zu meinem Zimmer zu gelangen oder den freien Blick auf den Jasmunder Boden zu genießen, der von der Seebühne der Störtebeckerfestspiele leicht verschandelt wird.

Ohne diese gewinnträchtige Kulisse, ist es der Blick in ein gern gelesenes Buch, die „Problematischen Naturen“ von Friedrich Spielhagen.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/problematische-naturen-1556/1

Wer anders als mein „persönlicher“ Musikberater und bester Kritiker – Herr Bludgeon –

https://tokaihtotales.wordpress.com/2016/08/04/im-jenseits-2/comment-page-1/

hätte mir dieses Buch empfehlen können.

Die DDR war eine große Tauschgemeinschaft. Jeder versuchte, sich das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, indem er Beziehungen gegen Rares und umgekehrt eintauschte. Mein Mann konnte einem befreundeten Lkw-Fahrer helfen, als dessen Rücken die Strapazen, welche dieser Beruf in den hoppeligen Lkw’s der damaligen Zeit mit sich brachte, nicht mehr stand hielt. Er vermittelte ihm an dem Gericht, an dem er arbeitete, eine Stelle als Wachtmeister. Zum Dank dafür durften wir sein Grundstück in seiner alten Heimat Brandenburg, gegen kleines Geld, für unseren Urlaub nutzen. Auch nach der Wende und nach unserem Abstecher in den Süden, haben wir dort gemeinsam mit unseren Kindern erholsame Ferien verbracht. Das Häuschen bot alles was wir brauchten, inclusive Terrasse und Hängematte. Dennoch hatte ich, nachdem ich viele Jahre nicht an der Ostsee war, eine solche Sehnsucht nach ihr, dass sie mich in meine Träume verfolgte.

Wind, Wasser, Wald, die einzigartige Küste der Kreidefelsen Rügens

und ein märchenhaftes Schloss…was für ein Urlaubsvergnügen ist mir heute möglich

und meinem lieben Gärtnergatten, der seinen Geburtstag im November, früher ungeliebt, nicht mehr missen möchte. Und einen Bernstein habe ich auch „gefunden“.

Erinnerungen Post

Die Post in der DDR war eine wichtige Einrichtung. In vielen Haushalten fehlte ein eigener Telefonanschluss. Die Post bot nicht nur die Möglichkeit, Briefe, Telegramme und Pakete zu versenden, in jedem Postamt gab es mehrere Telefonkabinen. Wollte man einen Anruf tätigen, stellte man sich in die Reihe der Wartenden. Hinter einem Schalter, der mit einer Trennscheibe zu dem öffentlichen Raum versehen war, saßen die Postangestellten. Eine Öffnung in der Scheibe, die verschliesbar war, ermöglichte den Kontakt. War man endlich an der Reihe, konnte man seinen Wunsch äußern. Also einen Brief aufgeben oder Briefmarken kaufen. Für 20 Pfennige ging der Brief dann auf die Reise. Bis zu seiner Ankunft beim Adressanten vergingen in der Regel einige Tage. Wollte man seine Nachricht schneller versenden, schickte man den Brief per Eilpost. Der Umschlag bekam dann einen roten Streifen aufgeklebt, kostete einiges mehr und war dafür am nächsten Tag am Zielort. Meinem Mann habe ich in seiner Armeezeit und während des Studiums unzählige solcher Briefe geschrieben, er ebenso an mich. Postkarten gingen für 5 Pfennige auf die Reise. Für ganz eilige Nachrichten gab es das Telegramm. In einer großen Mappe lagen Muster zum Aussuchen bereit. Für ein Glückwunschtelegramm zur Hochzeit oder zum Geburtstag. Wenige Zeilen konnte man schreiben, die dann innerhalb von Stunden am gewünschten Ort eintrafen. Das Telegramm wurde von Postboten schnell direkt ins Haus gebracht. An Preise erinnere ich mich hier nicht mehr, diese Variante nutzten wir nur, wenn sich ein vereinbarter Termin absolut nicht einhalten ließ. Hatten nun alle Kunden in der Schlange vor einem ihre Wünsche erfüllt bekommen, was durchaus dauerte, konnte man seinen Anruf anmelden. Die Schalterfrau notierte die Telefonnummer, wählte sie und leitete den Anruf in eine der Kabinen weiter, so sie frei war. Klingelte es in der zugewiesenen Kabine, konnte man endlich sein Telefonat führen. Die Zeit dabei nicht zu überziehen, mahnte ein Aufkleber mit der Aufschrift…fasse dich kurz… Nach erledigtem Anruf, ging man zurück zum Schalter und bezahlte die Gebühr. Ortsvorwahlen in der DDR waren nicht zentral geregelt, je nachdem von welchem Ort aus man anrief, änderte sich die Vorwahl der betreffenden Stadt. Ein Wirrwarr von Nummern also, denen nur mit Hilfe eines örtlichen Telefonbuchs beizukommen war. Die Postgebäude selbst waren meist große, architektonisch schöne Häuser, die in vielen Orten eine zentrale Lage hatten, gern in Bahnhofsnähe. Das Foto oben zeigt das Postamt meiner Heimatstadt. Vor den Postämtern stand in der Regel eine gelbe Telefonzelle mit Münzeinwurf. Mit 20 oder 50 Pfennigen konnte man dort Orts- und ortsnahe Telefongespräche führen. War das Geld verbraucht, konnte man Münzen nachwerfen. 

Heute ist es kaum vorstellbar, dass es nicht selbstverständlich war, Termine über Telefon zu vereinbaren oder zu verändern. Verabredungen wurden langfristig geplant, abgesprochen und eingehalten. Wer wie ich, über längere Zeit von seinem Partner getrennt war, hatte nicht die Möglichkeit des täglichen Gedankenaustausches per Handyanruf oder schneller Kurznachricht per SMS. Da alle anderen auch so lebten, war das kein Verlust. In Briefen teilten wir uns mit, was in der Zwischenzeit geschah und natürlich wie groß unsere Vorfreude auf das nächste Wiedersehen ist. Ein wenig trauere ich dieser Langsamkeit und der Verbindlichkeit getroffener Verabredungen von damals nach.

Erinnerungen – …

Es ist der 13.Dezember Anfang der 90er Jahre. Ich bin eine junge, attraktive Frau, ich bin verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Schwester in einer Arztpraxis. Mein Mann fährt in diesen Tagen zu einem Lehrgang nach Trier. Er ist als Richter an einem Amtsgericht tätig.

Der Tag war ein fröhlicher. Ich habe in dieser Woche ausschließlich Frühdienst, da mein Mann die Kinderbetreuung nicht übernehmen kann. Am Nachmittag bin ich in der Schule meiner großen Tochter, nachdem ich meinen Sohn aus dem Kindergarten abgeholt habe. Gemeinsam mit anderen backen wir Weihnachtsplätzchen. Fröhlich kommen wir schon im Dunklem heim, morgen kommt mein Mann wieder. Wir freuen uns alle auf das gemeinsame Wochenende.

Als ich die Kinder ins Bett gebracht habe, setzte ich mich noch für eine Weile ins Wohnzimmer. Damals war unser Haus noch nicht umgebaut. Wir hatten noch keine Heizung, im Wohnzimmer lief ein Gamat und sorgte für Wärme, im Kinderzimmer – das ein Stockwerk höher lag – steht ein Ölradiator. Die Küche beheizte ich mit einem Herd, die Tür hatten wir ausgehängt, damit der Flur nicht eisig bleibt.

Unser Bad existierte damals noch nicht, an seiner Stelle war ein Vorraum, der ein kleines Fenster zum Garten hatte. Darunter standen die Mülltonnen. 

Ich bin nach dem langen Tag müde und schlafe auf dem Sofa ein. Die Wohnzimmertür habe ich geschlossen, um die Wärme im Raum zu halten. Meine Kinder schlafen.

Ein Geräusch lässt mich hochschrecken. Ich gehe zur Tür und öffne sie. Vor mir steht eine dunkle Gestalt. Voller Angst schließe ich die Tür wieder. Dem gegenwirkenden Druck von außen kann ich nicht lange stand halten. Die Tür öffnet sich einen Spalt, durch ihn dringt ein Gas. Ich kann nichts mehr sehen und taumle in den Raum zurück. Wenig später zieht mir jemand etwas über den Kopf und hält mich fest. Ich bin völlig durcheinander und weiß nicht was geschieht. Mein Zeitgefühl ist verschwunden.

Eine Männerstimme mit bayrischem Dialekt gibt mir Anweisungen, die mich in eine bestimmte Position befehlen. Ich folge den Anweisungen. Im Kopf werde ich klarer. Meine Kinder sind im Haus. Solange der Mann bei mir ist, ist er nicht bei ihnen. Er gibt weiter Befehle. Während ich ihnen folge, rede ich ununterbrochen auf ihn ein, erkläre die Sinnlosigkeit seiner Tat. Zum Nachfolgenden kann ich immer noch nicht sprechen. Ich habe Todesangst, noch größer ist die Angst um meine Kinder. Ich rede permanent auf den Mann ein.

Es vergeht eine Weile, als der Mann von mir abläßt und anordnet, dass ich mich nicht bewegen soll. Ich weiß nicht wie lange ich so dagekauert habe, ein eisiger Luftzug kam über einen Zeitraum, gefolgt von Stille. 

Ich ziehe mir das Teil vom Kopf. Es ist der Rentierpullover meines Sohnes, der in der Küche bei den ausgezogenen Sachen der Kinder lag. Die Türen stehen offen, es ist niemand mehr da. In der Ferne startet ein Auto mit Dieselmotor.

Ich gehe ins Kinderzimmer. Meine Kinder schlafen.

Im Wohnzimmer setzte ich mich an den Tisch, stumm, für eine lange Zeit. So kurz nach der Wende haben wir immer noch keinen Telefonanschluss im Haus. Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich schäme mich, es ekelt mich.

Schließlich entschließe ich mich das Haus zu verschließen und zwei Häuser weiter zur Nachbarin zu laufen, die einen Telefonanschluss hat.

Ich erzähle ihr was geschehen ist. Sie alarmiert die Polizei und ruft die Ärztin an, bei der ich arbeite. Diese hat Bereitschaftsdienst und kommt innerhalb weniger Minuten. Die Polizei verlangt eine gynäkologische Untersuchung. Ich bin außer mir, ich lasse mich von niemanden anfassen und reagiere hysterisch. Die Ärztin kann durchsetzen, dass die Untersuchung die ich verweigere nicht durchgeführt wird.

Gemeinsam mit ihr gehe ich in mein Haus zurück, hole meine Kinder und verbringe die Nacht und den Vormittag bei ihr. Am nächsten Tag fährt sie mich mit ihrem Mann und meinen Kindern zum Bahnhof meinen Mann abholen. Er weiß von nichts. Der Mann meiner Chefin erklärt ihm was geschehen ist.

Wir fahren heim. Zu Hause ist die Polizei und betreibt Spurensicherung. Im Hof liegen Glassplitter der eingeschlagenen Scheibe des Vorhauses. Auf die Mülltonnen steigend ist der Täter auf diesem Weg ins verschlossene Haus gelangt. 

Ich werde zur Zeugenvernehmung vorgeladen. Eine Polizistin und ein Polizist befragen mich zum Tathergang. Ich bitte meinen Mann mich zu begleiten. Die Polizistin weist mich darauf hin, dass meine Aussage meinen Mann unangenehm berühren könnte, er könne draußen warten, wenn ich dem zustimme. Das lehne ich ab. Ich brauche meinen Mann, wenn ich all das beim Erzählen nocheinmal durchleben muss.

In der Befragung erkläre ich, dass ich einige Details für ungewöhnlich halte. Der Täter hätte sich brutaler verhalten können als er es in gewissen Punkten tat. Das sage ich auch aus. Der Kommentar der Polizistin war…das haben wir auch so gedacht, gut, dass Sie das so darstellen, man könnte sonst glauben, Sie hätten den Übergriff fingiert.

Ich kann gehen und gehe. 

Monate später bekomme ich Post von der Staatsanwaltschaft.

Das Verfahren gegen Unbekannt wurde wegen nicht zu ermittelndem Täter eingestellt.

Es gibt eine Grund warum ich diesen Artikel veröffentliche. Ich möchte die Angst, die Scham, die Verzweiflung, die Demütigung wiedergeben die eine Frau erlebt, die einen solchen Übergriff erleiden muss und ihn zur Anzeige bringt.

Ich werde den Artikel nicht kommentieren.

Erinnerungen – die Küche meiner Großeltern

Eine weiß lackierte Holztür ist Eingang zur Küche meiner Großeltern. Die Wände hat mein Großvater selbst gebaut. Er ist gelernter Maler. Mit einer Walze hat er bunte Muster auf die gekalkten Wände gemalt. Ich frage meine Großmutter, was der Großvater arbeitet. Er ist Maler sagt sie. Für mich Kind malen Maler Bilder, meine Großmutter erklärt mir den Unterschied nicht. Sie ist stolz auf ihren Mann. Meine Großmutter kenne ich kaum anders als in mit Blumen bedruckten Kittelschürzen.

In der Küche stehen helle Holzmöbel. Eine Anrichte mit Glasscheiben. Kleine Stoffgardienen hängen, innen angebracht, in ihnen. Oben das Kaffeegeschirr, unten in den fensterlosen Schränken das Essgeschirr. Auf der linken Seite hat mein Großvater seine geliebten Süßigkeiten gelagert, rechts hat meine Großmutter immer etwas Geld liegen. Oft wenn ich sie besuche, bekomme ich etwas davon zugesteckt. Neben der Anrichte steht ein flaches Schränkchen. Es ist der Abwaschtisch. Unten in seinen Seitenflügeln befinden sich die Töpfe und Pfannen. Auf der großen Arbeitsplatte bereitet meine Großmutter das Essen zu. Herrliche Sachen, nie muss ich aufessen, wenn ich es nicht will. Tue es aber doch, weil es nur Gerichte gibt, die ich mag. Gleich unter der Platte befinden sich zwei Griffe, ziehe ich an ihnen, dreht sich ein Einsatz heraus, in dem zwei Schüsseln Platz finden. In ihnen wird das Geschirr gespült. Das heiße Wasser dazu wird nicht mehr auf dem Herd erhitzt, ein Boiler hängt dafür an der gegenüber liegenden Wand. Die Kacheln dahinter sind mit Abziehbildern beklebt. Meine Schwester hat nach ihrer Geburt im Haus gelebt. Für sie haben die Großeltern die Bildchen in Wasser eingeweicht, solange bis sie sich vom Papier lösten und auf einen anderen Untergrund aufgeklebt werden konnten. So wohl ich mich bei den Großeltern fühlte, immer war für mich spürbar, dass ich nicht das im Haus aufgewachsene Enkelkind bin.

Neben der Tür steht der viereckige Esstisch. Sitze ich an ihm, kann ich durch das Fenster in den Garten schauen. An der Wand steht eine kleine Eckbank. Grün sind ihre Poster, auf sie kann ich mich, klein wie ich bin, legen. Schlafen, ausruhen, träumen. Niemals allein bin ich dort. Ein guter Ort. Noch heute ist genau diese Stelle im Haus mein Lieblingsplatz. Größer ist das Fenster in den Garten geworden, größer auch meine Sofabank davor. Ich selbst werde an dieser Stelle wieder klein.

An der Wand die den Schornstein führt, dort wo heute mein Kamin steht, war ein Gasherd mit Beistellofen. Immer war er gut geheizt. Wie sollte das Haus sonst warm werden? Die eingeheizte Energie wurde nicht verschwendet. Ein Dampfkessel hatte stets heißes Wasser parat. Am äußeren Rand der Platte stand oft ein kleines Töpfchen. Meine Großmutter kochte darin mein Lieblingsessen. Ein kleines Stück Rindfleisch kochte sie in Sauerkraut so lange, bis es weich von selbst auseinandefiel. Geselchtes nannte sie dieses Gericht, das ich liebte und das ich bekam, wenn dem Großvater seine geliebten Buttermichgetzen gebacken wurde. Schmeckt wie im Gasthaus sagte er nach jedem Essen und meinte das als Kompliment an die Kochkunst seiner Frau. Der Speck der in den Getzen war, war mir ein Schrecken. Heute zählen sie zu meinen Lieblingsgerichten. Die Pfanne in der meine Großmutter es zubereitete besitze ich noch. Allein, der Gärtnergatte mag dieses Essen nicht. Irgendwann wird er demnächst dran glauben müssen.

Irgendwann kauften meine Großeltern einen kleine, elektrische Backform. In ihr buk meine Großmutter Windbeutel. Sie schnitt die duftigen Gebilde auf und fühlte sie mit frisch geschlagener Sahne. Ein himmlischer Schmaus, der im Juni durch frische Erdbeeren aus dem Garten vollkommen wurde.

Überhaupt, was die Großmutter täglich alles für gute Sachen kochte. Nudelsuppe mit selbstgemachten Nudeln. Als ich noch ganz klein war, kam sogar das Huhn dafür aus dem eigenem Garten. Die Großmutter sehe ich noch, es auf einem blauen Tuch mit weißen Punkten liegend, unter dem Apfelbaum sitzend, das Huhn rupfend. Vorher hatte sie ihm den Kopf abgehauen. Der Großvatter konnte so etwas nicht. Die Suppe ass er gern.

Manchmal gab es Wickelklöße. Dazu wurden zwei Mehlsorten mit Kartoffeln und Ei vermischt, der Teig dann dünn ausgerollt und mit zerlassener Butter bestrichen, mit Semmelbröseln bestreut und zu einer Rolle geformt. Von dieser wurden dünne Scheiben geschnitten, die Ränder platt gedrückt und mit Eigelb bepinselt. Dann kamen die Teigstücke in kochendes Salzwasser. Dazu der Sonntagsbraten meiner Großmutter und Sauerkraut, frisches natürlich, keine Konserve, in der die wichtigen Milchsäurebakterien fehlen.

Bratkartoffeln gab es oft, grüne Klitscher und Klöße und Eierkuchen mit selbst gemachten Apfelmus. Fast meine gesamten Ferien habe ich bei den Großeltern verbracht und kaum ein Essen gab es zweifach in dieser Zeit. Nach dem Essen ging der Großvater in die Stube, legte sich in seinen Schaukelstuhl und hielt ein Nickerchen. Dann hatte ich die Großmutter für mich allein und war glücklich dabei.

Die schönsten Stunden meiner Kinderjahre habe ich in der Küche meiner Großeltern verbracht. Am Küchentisch durfte ich malen, mit selbstgekochtem Knochenleim ( der nie richtig hielt ) kleben, immer fanden meine Großelten Zeit für mich. Die Erinnerung an diese guten Jahre hat mir in Zeiten die nicht leicht waren, immer weiter geholfen. Nirgendwo habe ich mich so sicher und behütet gefühlt wie an diesem Ort.

Ob ein Radio in der Küche stand? Ich erinnere mich nicht mehr. An die Küchenlieder meiner Großmutter dagegen schon.