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Klostermedizin – Capitulare de Villis vel curtis imperialibus

Nach dem Untergang des römischen Reiches, drohte im 5.Jahrhundert der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung der Bevölkerung.
Karl der Große griff ein.
Sein Reich regierte er mit Hilfe der Kapitularien.
Das waren königliche Erlasse, die Belange der Reichsverfassung, der Bildung und der Klöster- und Kirchenorganisation regelten.
Sie hatten gesetzesgleich eingehalten zu werden.
Mit dem 792 erschienenen Capitulare de Villis schuf Karl der Große die erste Land- und Wirtschaftsordnung des Mittelalters.
An sie möchte ich erinnern.

Capitulare de Villis vel curtis imperialibus

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Geregelt wurde in ihr u.a. was Haupt- und Nebenhöfe zu produzieren hatten, um den 1000köpfigen Hofstaat des ständig auf Reisen seienden Kaisers zu unterhalten.
Ein wichtiges Kapitel darin ist Karl’s Kräutergarten.
Detailliert wird der Anbau von Obstbäumen, Weinreben und Gemüse beschrieben.
Im letzten Kapitel erfolgt eine Auflistung von 89 Kräutern und Heilpflanzen.
Sie sollten die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung innerhalb des Frankenreiches verbessern.
Vorbild für die Pflanzensammlung waren dabei die Kräutergärten in den Klöstern.
Blutwurz, echte Kamille, Melisse und Salbei dienten der Behandlung bei Mund- und Rachenleiden.
Kümmel, Leberblümchen, Löwenzahn, Minze und Schafgarbe halfen bei Erkrankungen von Leber und Galle.
Gegen Rheuma setzten die Mönche Meerrettich, Schlafmohn und Wacholder ein.
Das heute vergessene Diptam half bei Wundbrand, Kopfschmerzen und erleichterte Geburten.

Karl der Große ordnete an:

„Wir befehlen: In den Gärten soll man alle genannten Pflanzen ziehen: Lilien,Rosen, Hornklee, Frauenminze,Salbei, Raute, Eberreis, Gurken, Melonen, Flaschenkürbis, Faseolen, Kreuzkümmel,Rosmarin, Feldkümmel, Kichererbsen,Meerzwiebel, Schwertlilien, Schlangenwurz, Anis,Koloquinten, Heliotrop, Bärenwurz, Sesel, Salat, Schwarzkümmel, Gartenrauke,Kresse, Klette, Poleiminze,Myrrhendolde,Petersilie,Sellerie,Liebstöckel, Sadebaum, Dill, Fenchel, Endivie, Weißwurz,Senf, Bohnenkraut,Brunnenkresse,Pfefferminze, Krauseminze,Rainfarn,Katzenminze,Tausendgüldenkraut, Schlafmohn, Runkelrüben, Haselwurz,Eibisch,Malven,Karotten, Pastinaken, Melde, Mauskraut, Kohlrabi,Kohl,Zwiebeln, Schnittlauch, Porree,Rettich, Schalotten, Lauch,Knoblauch, Krapp, Kardendisteln, Pferdebohnen, maurische Erbsen,Koriander, Kerbel, Wolfsmilch, Muskatellersalbei. Auf seinem Dach soll der Gärtner Hauslauch (Donnerkraut) ziehen.

An Fruchtbäumen soll man nach unserem Willen verschiedene Sorten Apfel-, Birn- und Pflaumenbäume halten, ferner Eberesche, Mispeln, Edelkastanien und Pfirsichbäume verschiedener Arten Quitten, Haselnüsse, Mandel- und Maulbeerbäume, Lorbeer, Kiefern, Feigen-, und Nussbäume und verschiedene Kirschsorten. Die Apfelsorten heißen: Gosmaringer, Geroldinger, Krevedellen, Speiseäpfel, säuße und sauere, durchweg Daueräpfel; ferner solche, die man bald verbrauchen muß: Frühäpfel. Drei bis vier Arten Dauerbirnen, süßere und mehr zum Kochen geeignete und Spätbirnen.“
Quelle: Übersetzung aus: Wies, Ernst W.: Capipulare de Villis et curtis imperialibus. S. 21

Karl der Große befahl den Bau und die Unterhaltung von Klostergärten, die mit den dort gewonnenen Samen die Heilpflanzen im gesamten Reich anzusiedeln hatten.
Gleichzeitig legte er den Aufbau von Klosterschreibstuben an. Durch das dortige Kopieren antiker Schriften, wurde Wissenserhalt betrieben.

Setzt man nun gedanklich Karl den Großen als Staat ein und die Klöster als Gesundheitswesen, erfolgt hier eine geradezu vorbildliche Zusammenarbeit beider Institutionen.
Eine staatliche Förderung des Gesundheitswesens zum Wohle der gesamten Bevölkerung wurde erbracht.
Das frühe Mittelalter setzt damit ein modernes Beispiel.