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Erinnerungen und ein abgelassener Teich

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Auch wenn es so aussieht, nein, das ist kein Bild ländlicher Idylle.
Was hier anmutet wie eine Auwiese vor einem Waldstück ist in Wahrheit ein Teich.
Ein abgelassener Teich.
Der Schilfteich.

War ich bei den Großeltern, war mir jeder Tag ein Fest.
Alle Freiheiten genießen durfte ich und die Großmutter kochte nur, was ich gern aß.
Zusätzlich dazu gab es im Sommer allerorten kleine Feste, die auch rege besucht wurden. Da gab es nichts. Wer arbeitet, soll auch feiern. Und die Kinder sollen sowieso fröhlich sein – das Leben ist noch hart genug. So dachten meine Großeltern und danach handelten sie. Zu meinem Glück.
In den verschiedenen Gartenanlagen gab es Gartenfeste. Jedes wurde von einem Lampionumzug der Kinder gekrönt. „Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Dort oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir. Mein Licht ist aus, ich geh nach Haus…rabimmel,  rabammel,  rabum. “
Wie oft meine Vollmondlaterne aus Papier abbrannte und erneuert werden musste weiß ich nicht mehr. Gebrannt hat sie immer, manchmal eben auch im Ganzen, das gehörte dazu.
Selbstverständlich besuchten die Kleingärtner der unterschiedlichen Anlagen einander zu den Festen. Wer weiß, vielleicht – nein eigentlich ganz sicher – waren die eigenen Tomaten doch die schönsten.
Wenn kein Gartenfest war, konnte man den Sommersamstagabend am Schilfteich verbringen, der – wie könnte es anders sein – direkt an eine Kleingartenanlage grenzte. Durch einen kleinen Tunnel gelangte man an das weitläufige Ufer der in der Nähe fließenden Zschopau und in dieser schönen Gegend lag der kleine Teich. Weiter am Fluss entlang spazierend kommt man zu einem – an ihm gelegenen – Freibad. Doch so weit mussten wir für unsere Vergnügen gar nicht laufen. Denn… da war ja unser Teich. Sein mit Schilf begrenztes Ufer gab ihm seinen Namen. Mein Großvater war ein großer Freund von Schilf und Rußbutten, immer hat er meiner Großmutter Sträuße davon für ihre hohe Vase mitgebracht. Und auch im Garten hat er versucht es anzusiedeln, genau wie er das mit Moos probierte. Würde er heute meinen dichten Schilfbusch sehen, wäre er zufrieden und im Schatten der inzwischen hoch gewachsenen Bäume im hinteren Teil des Gartens findet sich auch sein geliebtes Moos – grün und weich wie kein Samtkissen es sein kann.
Von hohen Bäumen begrenzt lag auch der vordere Teil des Teiches im Schatten und dort fanden sich zwei Buden. In einer gab es Bier, Limo und Bockwurst und in der anderen befand sich der Verleih der Ruderboote, die am Teichufer darauf warteten, fröhliche Großväter mit ihren sie dafür abhimmelnden Enkeltöchtern aufzunehmen. Eine kleine Rudertour bis zur Teichinsel, die Hände durch das grünschillernde Wasser gleiten lassen und dann zurück zu den anderen, die am Ufer auf den Bänken sitzend warteten. Eine Gartenkantine mit einfachsten Mobilar und offenem Fenster zum Straßenverkauf bot Hausmannskost. Wir haben dort Strammen Max – das sind Spiegeleier auf Schinkenbrot – oder warmes Eckchen – Scheiben von Schweinebraten auf Brot, das von der darübergegossenen Soße herrlich aufgeweicht wird – gegessen. Viele Male.
Später war ich dann mit meinem Mann dort.
Manchmal war abends Tanz. Ein kleines Podium wurde geschmückt mit farbigen Glühbirnen, mehr brauchte es nicht.
An den Schilfteich zu laufen – undenkbar für meinen Großvater war eine Strecke von ca. einem Kilometer mit dem Auto zu fahren , sein Vater war viel mehr Kilometer täglich zur Arbeit gelaufen – zählte zu den Lieblingsunternehmungen meines Großvaters. Die Familien feierten dort zusammen kleine Feste, in der Gaststätte wurden größere Familienfeiern ausgerichtet und über alles wachte der Schilfteich und bot Abwechslung für uns Kinder, die wir so leicht dem steifen Stillsitzen entfliehen konnten. Steif blieb es in der Kantine nie lange. Ein Glas Wein löst die Zunge, die Liebsten sind alle aufeinander, macht nichts…wird es drinnen zu eng oder es gibt Unterhaltungen denen man lieber entflieht, flüchtet man an den Teich. Nicht wie heute um draußen zu rauchen, das war ja auch in der kleinen Kneipe möglich, sondern um am Teich zu stehen, auf’s Wasser schauend zu träumen, sich heimlich zu küssen…um all die schönen Dinge also zu tun, zu denen ein Sommerabend im Freien verlockt.
Eine Weile nach der Wende gab es den Teich und die Gaststätte an ihm noch. Als Reisen in den Schwarzwald und nach Bayern lockten, Inseln ständige Sonne versprachen, wurden vielen die einfachen Stühle zu unbequem. Ohne Gäste hat ein Lokal keinen Sinn und kein Auskommen und so schloss es.
Seit diesem Jahr ist das Wasser des Teiches abgelassen, aus hygienischen Gründen…
War das in früheren Jahren so, gingen der Großvater und ich zum schauen hin, so ein Ereignis durften wir uns nicht entgehen lassen. Vielleicht war im Schlick noch ein Fisch…oder wer weiß, was man alles verpasste…also hin.
Die Hoffnung,  dass ich in den nächsten Jahren mit meiner Schaukelinhaberin dorthin spazieren werde habe ich.
Fest.

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