Das Schöne vom Tag

Erste Sommerküche dieses Jahres

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Wege

Wie komme ich auf Arbeit?

Ich fahre kein Auto und nutze die öffentlichen Verkehrsmittel.

In der DDR geboren, habe ich dieses, dort übliche Verhalten, beibehalten.

Täten dies mehr Menschen, wäre der Straßenverkehr entspannter…aber: Zeit ist Geld.

Zu DDR-Zeiten wohnten wir in der Nähe des Bahnhofes. Menschenschlangen liefen zu den Zügen und zurück. Arbeiter, Schüler…alles reihte sich ein und fuhr mit der Bahn zum gewünschten Zielort.

Auch innerstädtisch wurde gelaufen, statt Auto zu fahren. Mit meiner Mutter bin ich die 3km zu meinem Kindergarten gelaufen, mein Mann fuhr mit seiner Mutter auf dem Roller die täglichen 5km zum Kindergarten.

Meine Kinder habe ich mit meinem Klappfahrrad in den Kindergarten und die -krippe gebracht. Eins vorn, eins hinten, ich darauf, gelegentlich am Lenkrad einen Beutel mit der täglich frisch gekauften Glasflasche Milch darin. Den Körbchenkindersitz dazu hatte mein Mann in Berlin, wo er studierte, erbeutet, so etwas war Mangelware und nur durch Beziehung oder in der besser versorgten Hauptstadt zu bekommen.

Lange her alles.

Nun fahre ich, wie gesagt, immer noch mit den Öffentlichen und habe mehrere Möglichkeiten.

6.50 Uhr fährt der Zug. Fahre ich mit ihm, sitze ich im grellen Neonlicht, umgeben von überlaut schnatternden Schülerinnen, am Handy spielenden Schülern. Es fahren schlafende Arbeiterinen damit, ihre Unterlagen per Laptop sichtende Angestellte, laut arabische Musik hörende Ausländer, Fahrrad schiebende Kinder…ein buntes Sammelsurium, das mir zu laut ist am frühen Morgen.

Deshalb bin ich auf den Bus umgestiegen. Eigenartiger Weise verhalten sich Menschen, zumindestens im Überlandbus, ruhiger. Alles sitzt still und träumt leise vor sich hin. Auch hier habe ich verschiedene Möglichkeiten. Ich kann 6.40 Uhr fahren und fahre auf schnellstem Weg direkt in die Stadt. Oder ich fahre 6.30 Uhr und bummle über die Dörfer. Beide Busse kommen zur gleichen Zeit an.

Seit einiger Zeit fahre ich morgens mit dem Dorfbus zur Arbeit. Ich genieße das langsame Zuckeln über die Dörfer. Aufblühende Blumengärten kann ich beschauen, den Sonnenaufgang über den grünenden Feldern bestaunen, eine Zeit lang mich sammeln, bevor Streß und Hektik auf mich eindringt. Mit ebendiesen gehe ich viel entspannter um.

Eigentlich ist alles ganz einfach.

Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen

Sämmtliche Märchen, 1862

Der Garten des ParadiesesEs war einmal ein Königssohn; Niemand hatte so viele und schöne Bücher wie er; Alles, was in dieser Welt geschehen, konnte, er darin lesen und die Abbildungen in prächtigen Kupferstichen erblicken. Von jedem Volke und jedem Lande konnte er Auskunft erhalten; aber wo der Garten des Paradieses zu finden sei, davon stand kein Wort darin; und der, gerade der war es, an den er am meisten dachte.
Seine Großmutter hatte ihm erzählt, als er noch ganz klein war, aber anfangen sollte, in die Schule zu gehen, daß jede Blume im Garten des Paradieses der süßeste Kuchen und die Staubfäden der feinste Wein wären; auf der einen ständen Geschichte, auf der andern Geographie oder Tabellen; man brauche nur Kuchen zu essen, so könne man seine Lection; je mehr man speise, um so mehr Geschichte, Geographie und Tabellen habe man inne.
Das glaubte er damals. Aber schon, als er ein größerer Knabe wurde, mehr lernte und klüger war, begriff er wohl, daß eine ganz andere Herrlichkeit im Garten des Paradieses vorhanden sein müsse.
„O, weshalb pflückte doch Eva vom Baume der Erkenntnis? Weshalb speiste Adam von der verbotenen Frucht? Das sollte ich gewesen sein, so wäre es nicht geschehen! Nie würde die Sünde in die Welt gekommen sein!“
Das sagte er damals, und das sagte er noch, als er siebenzehn Jahr alt war. Der Garten des Paradieses erfüllte alle seine Sinne.
Eines Tages ging er im Walde; er ging allein, denn das war sein größtes Vergnügen.
Der Abend brach an, die Wolken zogen sich zusammen; es entstand ein Regenwetter, als ob der ganze Himmel eine einzige Schleuse sei, aus der Wasser stürze; es war so dunkel, wie es sonst des Nachts nur im tiefsten Brunnen ist. Bald glitt er in dem nassen Grase aus, bald fiel er über die nackten Steine, welche aus dem Felsengrunde hervorragten. Alles triefte von Wasser; es war nicht ein trockener Faden an dem armen Prinzen. Er mußte über große Steinblöcke klettern, wo das Wasser aus dem hohen Moose quoll. Er war nahe daran, ohnmächtig zu werden. Da hörte er ein sonderbares Sausen, und vor sich sah er eine große erleuchtete Höhle. Mitten in derselben brannte ein Feuer, sodaß man einen Hirsch daran braten konnte. Und das geschah auch. Der prächtigste Hirsch mit seinem hohen Geweihe war auf einen Spieß gesteckt und wurde langsam zwischen zwei abgehauenen Fichtenstämmen herumgedreht. Eine ältliche Frau, groß und stark, als wäre sie eine verkleidete Mannsperson, saß am Feuer und warf ein Stück Holz nach dem andern hinein.
„Komm nur näher!“ sagte sie; „setze Dich an das Feuer, damit Deine Kleider trocknen.“ „Hier zieht es sehr!“ sagte der Prinz und setzte sich auf den Fußboden nieder.
„Das wird noch ärger werden, wenn meine Söhne nach Hause kommen!“ erwiederte die Frau. „Du bist hier in der Höhle der Winde; meine Söhne sind die vier Winde der Welt; kannst Du das verstehen?“
„Wo sind Deine Söhne?“ fragte der Prinz.
„Ja, es ist schwer zu antworten, wenn man dumm fragt,“ sagte die Frau. „Meine Söhne treiben es auf eigene Hand; sie spielen Federball mit den Wolken dort oben im Königssaal!“ Und dabei zeigte sie in die Höhe hinauf.
„Ach so!“ sagte der Prinz. „Ihr sprecht übrigens ziemlich barsch und seid nicht so mild, wie die Frauenzimmer, die ich sonst um mich habe!“
„Ja, die haben wohl nichts Anderes zu thun! Ich muß hart sein, wenn ich meine Knaben in Respect erhalten will; aber das kann ich, obgleich sie Trotzköpfe sind. Siehst Du die vier Säcke, die an der Wand hängen? Vor denen fürchten sie sich ebenso, wie Du früher vor der Ruthe hinterm Spiegel. Ich kann die Knaben zusammen biegen, sag‘ ich Dir, und dann stecke ich sie in den Sack; da machen wir keine Umstände! Da sitzen sie und dürfen nicht eher wieder herumstreifen, bis ich es für gut erachte. Aber da haben wir den Einen!“
Es war der Nordwind, der mit einer eisigen Kälte hereintrat; große Hagelkörner hüpften auf dem Fußboden hin, und Schneeflocken stöberten umher. Er war in Bärenfellbeinkleidern und Jacke; eine Mütze von Seehundsfell ging über die Ohren herab; lange Eiszapfen hingen ihm am Barte; und ein Hagelkorn nach dem andern glitt ihm vom Jackenkragen herunter.
„Gehen Sie nicht gleich an das Feuer!“ sagte der Prinz; „Sie könnten sonst leicht Gesicht und Hände erfrieren!“
„Erfrieren?“ sagte der Nordwind und lachte laut auf. „Kälte? Das ist gerade mein größtes Vergnügen! Was bist Du übrigens für ein Schneiderlein! Wie kommst Du in die Höhle der Winde?“
„Er ist mein Gast,“ sagte die Alte; „und bist Du mit dieser Erklärung nicht zufrieden, so kannst Du in den Sack kommen! – Verstehst Du mich nun?“
Sieh, das half; und der Nordwind erzählte, von wannen er kam und wo er fast einen ganzen Monat gewesen.
„Vom Polarmeere komme ich,“ sagte er; „ich bin auf dem Bäreneilande mit den russischen Wallroßjägern gewesen. Ich saß und schlief auf dem Steuer, als sie vom Nordcap wegsegelten; weil ich mitunter erwachte, flog mir der Sturmvogel um die Beine. Das ist ein komischer Vogel! Der macht einen raschen Schlag mit den Flügeln, hält sie darauf unbeweglich ausgestreckt und hat dann Fahrt genug.“
„Mache es nur nicht so weitläufig!“ sagte die Mutter der Winde. „Und so kamst Du dann nach dem Bäreneilande?“
„Dort ist es schön! Da ist ein Fußboden zum Tanzen, flach, wie ein Teller! Halb aufgethauter Schnee mit ein wenig Moos, scharfe Steine und Gerippe von Wallrossen und Eisbären lagen da umher, sowie auch Riesenarme und Beine mit verschimmeltem Grün. Man möchte glauben, daß die Sonne nie darauf geschienen hätte. Ich blies ein wenig in den Nebel, damit man den Schuppen sehen konnte; das war ein Haus, von Wrackholz erbaut und mit Wallroßhäuten überzogen; die Fleischseite war nach außen gekehrt; sie war voller Roth und Grün; auf dem Dache saß ein lebendiger Eisbär und brummte. Ich ging nach dem Strande, sah nach den Vogelnestern, erblickte die nackten Jungen, die schrieen und den Schnabel aufsperrten; da blies ich in die tausend Kehlen hinab, und sie lernten den Schnabel schließen. Weiterhin wälzten sich die Wallrosse, wie lebendige Eingeweide oder Riesenmaden mit Schweineköpfen und ellenlangen Zähnen!“ –
„Du erzählst gut, mein Sohn!“ sagte die Mutter. „Das Wasser läuft mir im Munde zusammen, wenn ich Dich anhöre!“
„Dann ging das Jagen an! Die Harpune wurde in die Brust des Wallrosses geworfen, sodaß der dampfende Blutstrahl, einem Springbrunnen gleich, über das Eis spritzte. Da gedachte ich auch meines Spieles! Ich blies auf und ließ meine Segler, die thurmhohen Eisberge, die Boote einklemmen. Hui! wie man pfiff und wie man schrie; aber ich pfiff lauter! Die todten Wallroßkörper, Kisten und Tauwerk mußten sie auf das Eis auspacken; ich schüttelte die Schneeflocken über sie und ließ sie in den eingeklemmten Fahrzeugen mit ihrem Fang nach Süden treiben, um dort Salzwasser zu kosten. Sie kommen nie mehr nach dem Bäreneiland!“
„So hast Du ja Böses gethan!“ sagte die Mutter der Winde.
„Was ich Gutes gethan habe, mögen die Andern erzählen!“ sagte er. „Aber da haben wir meinen Bruder aus Westen; ihn mag ich von Allen am besten leiden; er schmeckt nach der See und führt eine herrliche Kälte mit sich!“
„Ist das der kleine Zephyr?“ fragte der Prinz.
„Ja wohl ist das Zephyr!“ sagte die Alte. „Aber er ist doch nicht so klein. Vor Jahren war es ein hübscher Knabe, aber das ist nun vorbei!“
Er sah aus wie ein wilder Mann, aber er hatte einen Fallhut auf, um nicht zu Schaden zu kommen. In der Hand hielt er eine Mahagonikeule, in den amerikanischen Mahagoniwäldern gehauen. Das war nichts Geringes!
„Wo kommst Du her?“ fragte die Mutter.
„Aus den Waldwüsten,“ sagte er, „wo die dornigen Lianen eine Hecke zwischen jedem Baum bilden, wo die Wasserschlange in dem nassen Grase liegt und die Menschen unnöthig zu sein scheinen!“
„Was triebst Du dort?“
„Ich sah in den tiefen Fluß, sah, wie er von den Felsen herabstürzte, Staub wurde und gegen die Wolken flog, um den Regenbogen zu tragen. Ich sah den wilden Büffel im Flusse schwimmen, aber der Strom riß ihn mit sich fort. Er trieb mit dem Schwarm der wilden Enten, welche in die Höhe flogen, wo das Wasser stürzte. Der Büffel mußte hinunter; das gefiel mir, und ich blies einen Sturm, sodaß uralte Bäume segelten und zu Spähnen wurden.“
„Und weiter hast Du nichts gethan?“ fragte die Alte.
„Ich habe in den Savannen Purzelbäume geschossen; ich habe die wilden Pferde gestreichelt und Kokosnüsse geschüttelt. Ja, ja, ich habe Geschichten zu erzählen! Aber man muß nicht Alles sagen, was man weiß. Das weißt Du wohl, Alte!“ und er küßte seine Mutter, sodaß sie fast hintenüber gefallen wäre. Es war ein schrecklich wilder Bube!
Nun kam der Südwind mit einem Turban und einem fliegenden Beduinenmantel.
„Hier ist es recht kalt, hier draußen!“ sagte er und warf Holz zum Feuer. „Man kann merken, daß der Nordwind zuerst gekommen ist!“
„Es ist hier so heiß, daß man einen Eisbär braten kann!“ sagte der Nordwind.
„Du bist selbst ein Eisbär!“ antwortete der Südwind.
„Wollt Ihr in den Sack gesteckt werden?“ fragte die Alte. – Setze Dich auf den Stein dort und erzähle, wo Du gewesen bist.“
„In Afrika, Mutter!“ erwiederte er. „Ich war mit den Hottentotten auf der Löwenjagd im Lande der Kaffern. Da wächst Gras in den Ebenen, grün wie eine Olive! Da lief der Straus mit mir um die Wette, aber ich bin doch noch schneller. Ich kam nach der Wüste zu dem gelben Sande; da sieht es aus, wie auf dem Grunde des Meeres. Ich traf eine Karavane; sie schlachteten ihr letztes Kameel, um Trinkwasser zu erhalten; aber es war nur wenig, was sie bekamen. Die Sonne brannte von oben und der Sand von unten. Die ausgedehnte Wüste hatte keine Grenze. Da wälzte ich mich in dem feinen, losen Sand und wirbelte ihn in große Säulen auf. Das war ein Tanz! Du hättest sehen sollen, wie muthlos das Dromedar dastand, und der Kaufmann zog den Kaftan über den Kopf. Er warf sich vor mir nieder wie vor Allah, seinem Gott. Nun sind sie begraben; es steht eine Pyramide von Sand über ihnen Allen. Wenn ich die einmal fortblase, dann wird die Sonne die weißen Knochen bleichen; da können die Reisenden sehen, daß dort früher Menschen gewesen sind. Sonst wird man das in der Wüste nicht glauben!“
„Du hast also nur Böses gethan!“ sagte die Mutter. „Marsch in den Sack!“ und ehe er es merkte, hatte sie den Südwind um den Leib gefaßt und in den Sack gesteckt. Er wälzte sich rings umher auf dem Fußboden, aber sie setzte sich darauf und da mußte er stille liegen.
„Das sind muntere Knaben, die sie hat!“ sagte der Prinz.
„Ja wohl,“ antworte

Blick in den Wandel

Sechster April

Das Lied zum Tag

Zu diesem Lied empfehle ich den Beitrag meines Freundes Arno von Rosen.

https://wp.me/p5N79B-1ww

Blick in den Wandel

Dritter April

Das Lied zur Nacht

Steng geheim

Rosenblätter in der Mülltonne…

Sanft schwillt ihr Rot ab…

Weggeworfende, benutze Nagellackentfernertücher heucheln …

Ich auch?

Blick in den Wandel

Erster April

Sonntagsmärchen

Theodor Storm

Die Regentrude

Einen so heißen Sommer, wie nun vor hundert Jahren, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kein Grün fast war zu sehen; zahmes und wildes Getier lag verschmachtet auf den Feldern.

Es war an einem Vormittag. Die Dorfstraßen standen leer; wer nur konnte, war ins Innerste der Häuser geflüchtet; selbst die Dorfkläffer hatten sich verkrochen. nur der dicke Wiesenbauer stand breitspurig in der Torfahrt seines stattlichen Hauses und rauchte im Schweiße seines Angesichts aus seinem großen Meerschaumkopfe. Dabei schaute er schmunzelnd einem mächtigen Fuder Heu entgegen, das eben von seinen Knechten in die Diele gefahren wurde. – Er hatte vor Jahren eine bedeutende Fläche sumpfigen Wiesenlandes um einen geringen Preis erworben, und die letzten dürren Jahre, welche auf den Feldern seiner Nachbarn das Gras versengten, hatten ihm die Scheuern mit duftendem Heu und den Kasten mit blanken Krontalern gefüllt.

So stand er auch jetzt und rechnete, was bei den immer steigenden Preisen der Überschuß der Ernte für ihn einbringen könne. »Sie kriegen alles nichts«, murmelte er, indem er die Augen mit der Hand beschattete und zwischen den Nachbarsgehöften hindurch in die flimmernde Ferne schaute; »es gibt gar keinen Regen mehr in der Welt.« Dann ging er an den Wagen, der eben abgeladen wurde; er zupfte eine Handvoll Heu heraus, führte es an seine breite Nase und lächelte so verschmitzt, als wenn er aus dem kräftigen Duft noch einige Krontaler mehr herausriechen könne.

In demselben Augenblicke war eine etwa fünfzigjährige Frau ins Haus getreten. Sie sah blaß und leidend aus, und bei dem schwarzseidenen Tuche, das sie um den Hals gesteckt trug, trat der bekümmerte Ausdruck ihres Gesichtes nur noch mehr hervor. »Guten Tag, Nachbar«, sagte sie, indem sie dem Wiesenbauer die Hand reichte, »ist das eine Glut; die Haare brennen einem auf dem Kopfe!«

»Laß brennen, Mutter Stine, laß brennen«, erwiderte er, »seht nur das Fuder Heu an! Mir kann’s nicht zu schlimm werden!«

»Ja, ja, Wiesenbauer, Ihr könnt schon lachen; aber was soll aus uns andern werden, wenn das so fortgeht!«

Der Bauer drückte mit dem Daumen die Asche in seinen Pfeifenkopf und stieß ein paar mächtige Dampfwolken in die Luft. »Seht Ihr«, sagte er, »das kommt von der Überklugheit. Ich hab’s ihm immer gesagt; aber Euer Seliger hat’s allweg besser verstehen wollen. Warum mußte er all sein Tiefland vertauschen! Nun sitzt Ihr da mit den hohen Feldern, wo Eure Saat verdorrt und Euer Vieh verschmachtet.«

Die Frau seufzte.

Der dicke Mann wurde plötzlich herablassend. »Aber, Mutter Stine«, sagte er, »ich merke schon, Ihr seid nicht von ungefähr hergekommen; schießt nur immer los, was Ihr auf dem Herzen habt!«

Die Witwe blickte zu Boden. »Ihr wißt wohl«, sagte sie, »die fünfzig Taler, die Ihr mir geliehen, ich soll sie auf Johanni zurückzahlen, und der Termin ist vor der Tür.«

Der Bauer legte seine fleischige Hand auf ihre Schulter. »Nun macht Euch keine Sorge, Frau! Ich brauche das Geld nicht; ich bin nicht der Mann, der aus der Hand in den Mund lebt. Ihr könnt mir Eure Grundstücke dafür zum Pfand einsetzen; sie sind zwar nicht von den besten, aber mir sollen sie diesmal gut genug sein. Auf den Sonnabend könnt Ihr mit mir zum Gerichtshalter fahren.«

Die bekümmerte Frau atmete auf. »Es macht zwar wieder Kosten«, sagte sie, »aber ich danke Euch doch dafür.«

Der Wiesenbauer hatte seine kleinen klugen Augen nicht von ihr gelassen. »Und«, fuhr er fort, »weil wir hier einmal beisammen sind, so will ich Euch auch sagen, der Andrees, Euer Junge, geht nach meiner Tochter!«

»Du lieber Gott, Nachbar, die Kinder sind ja miteinander aufgewachsen!«

»Das mag sein, Frau; wenn aber der Bursche meint, er könne sich hier in die volle Wirtschaft einfreien, so hat er seine Rechnung ohne mich gemacht!«

Die schwache Frau richtete sich ein wenig auf und sah ihn mit fast zürnenden Augen an. »Was habt Ihr denn an meinem Andrees auszusetzen?« fragte sie.

»Ich an Eurem Andrees, Frau Stine? – Auf der Welt gar nichts! Aber« – und er strich sich mit der Hand über die silbernen Knöpfe seiner roten Weste – »meine Tochter ist eben meine Tochter, und des Wiesenbauers Tochter kann es besser belaufen.«

»Trotzt nicht zu sehr, Wiesenbauer«, sagte die Frau milde, »ehe die heißen Jahre kamen –!«

»Aber sie sind gekommen und sind noch immer da, und auch für dies Jahr ist keine Aussicht, daß Ihr eine Ernte in die Scheuer bekommt. Und so geht’s mit Eurer Wirtschaft immer weiter rückwärts.«

Die Frau war in tiefes Sinnen versunken; sie schien die letzten Worte kaum gehört zu haben. »Ja«, sagte sie, »Ihr mögt leider recht behalten, die Regentrude muß eingeschlafen sein; aber – sie kann geweckt werden!«

»Die Regentrude?« wiederholte der Bauer hart. »Glaubt Ihr auch an das Gefasel?«

»Kein Gefasel, Nachbar!« erwiderte sie geheimnisvoll. »Meine Urahne, da sie jung gewesen, hat sie selber einmal aufgeweckt. Sie wußte auch das Sprüchlein noch und hat es mir öfters vorgesagt, aber ich habe es seither längst vergessen.«

Der dicke Mann lachte, daß ihm die silbernen Knöpfe auf seinem Bauche tanzten. »Nun, Mutter Stine, so setzt Euch hin und besinnt Euch auf Euer Sprüchlein. Ich verlasse mich auf mein Wetterglas, und das steht seit acht Wochen auf beständig Schön!«

»Das Wetterglas ist ein totes Ding, Nachbar; das kann doch nicht das Wetter machen!«

»Und Eure Regentrude ist ein Spukeding, ein Hirngespinst, ein Garnichts!«

»Nun, Wiesenbauer«, sagte die Frau schüchtern, »Ihr seit einmal einer von den Neugläubigen!«

Aber der Mann wurde immer eifriger. »Neu- oder altgläubig!« rief er, »geht hin und sucht Eure Regenfrau und sprecht Euer Sprüchlein, wenn Ihr’s noch beisammenkriegt! Und wenn Ihr binnen heut und vierundzwanzig Stunden Regen schafft, dann –!« Er hielt inne und paffte ein paar dicke Rauchwolken vor sich hin.

»Was dann, Nachbar?« fragte die Frau.

»Dann – – dann – zum Teufel, ja, dann soll Euer Andrees meine Maren freien!«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür des Wohnzimmers, und ein schönes schlankes Mädchen mit rehbraunen Augen tret zu ihm auf die Durchfahrt hinaus. »Topp, Vater«, rief sie aus, »das soll gelten!« Und zu einem ältlichen Manne gewandt, der eben von der Straße her ins Haus trat, fügte sie hinzu: »Ihr habt’s gehört, Vetter Schulze!«

»Nun, nun, Maren«, sagte der Wiesenbauer, »du brauchst keine Zeugen gegen deinen Vater aufzurufen; von meinem Wort da beißt dir keine Maus auch nur ein Titelchen ab.«

Der Schulze schaute indes, auf seinen langen Stock gestützt, eine Weile in den freien Tag hinaus; und hatte nun sein schärferes Auge in der Tiefe des glühenden Himmels ein weißes Pünktchen schwimmen sehen, oder wünschte er es nur und glaubte es deshalb gesehen zu haben, aber er lächelte hinterhältig und sagte: »Mög’s Euch bekommen, Vetter Wiesenbauer, der Andrees ist allewege ein tüchtiger Bursch!«

Bald darauf, während der Wiesenbauer und der Schulze in dem Wohnzimmer des erstern über allerlei Rechnungen beisammensaßen, trat Maren an der andern Seite der Dorfstraße mit Mutter Stine in deren Stübchen.

»Aber Kind«, sagte die Witwe, indem sie ihr Spinnrad aus der Ecke holte, »weißt du denn das Sprüchlein für die Regenfrau?«

»Ich?« fragte das Mädchen, indem sie erstaunt den Kopf zurückwarf.

»Nun, ich dachte nur, weil du so keck dem Vater vor die Füße tratst.«

»Nicht doch, Mutter Stine, mir war nur so ums Herz, und ich dachte auch, Ihr selber würdet’s wohl noch beisammen bekommen. Räumt nur ein bissel auf in Eurem Kopfe; es muß ja noch irgendwo verkramet liegen!«

Frau Stine schüttelte den Kopf. »Die Urahn ist mir früh gestorben. Das aber weiß ich wohl noch, wenn wir damals große Dürre hatten, wie eben jetzt, und uns dabei mit der Saat oder dem Viehzeug Unheil zuschlug, dann pflegte sie wohl ganz heimlich zu sagen: ›Das tut der Feuermann uns zum Schabernack, weil ich einmal die Regenfrau geweckt habe!«

»Der Feuermann?« fragte das Mädchen, »wer ist denn das nun wieder?« Aber ehe sie noch eine Antwort erhalten konnte, war sie schon ans Fenster gesprungen und rief: »Um Gott, Mutter, da kommt der Andrees; seht nur, wie verstürzt er aussieht!«

Die Witwe erhob sich von ihrem Spinnrade: »Freilich, Kind«, sagte sie niedergeschlagen, »siehst du denn nicht, was er auf dem Rücken trägt? Da ist schon wieder eins von den Schafen verdurstet.«

Bald darauf trat der junge Bauer ins Zimmer und legte das tote Tier vor den Frauen auf den Estrich. »Da habt ihr’s!« sagte er finster, indem er sich mit der Hand den Schweiß von der heißen Stirn strich.

Die Frauen sahen mehr in sein Gesicht als auf die tote Kreatur. »Nimm dir’s nicht so zu Herzen, Andrees!« sagte Maren. »Wir wollen die Regenfrau wecken, und dann wird alles wieder gut werden.«

»Die Regenfrau!« wiederholte er tonlos. »Ja, Maren, wer die wecken könnte! – Es ist aber auch nicht wegen dem allein; es ist mir etwas widerfahren draußen.« –

Die Mutter faßte zärtlich seine Hand. »So sag es von dir«, ermahnte sie, »damit es dich nicht siech machte!«

»So hört denn!« erwiderte er. – »Ich wollte nach unsern Schafen sehen und ob das Wasser, das ich gestern abend für sie hinaufgetragen, noch nicht verdunstet sei. Als ich aber auf den Weideplatz kam, sah ich sogleich, daß es dort nicht seine Richtigkeit habe; der Wasserzuber war nicht mehr, wo ich ihn hingestellt, und auch die Schafe waren nicht zu sehen. Um sie zu suchen, ging ich den Rain hinab bis an den Riesenhügel. Als ich auf die andre Seite kam, da sah ich sie alle liegen, keuchend, die Hälse lang auf die Erde gestreckt; die arme Kreatur hier war schon krepiert. Daneben lag der Zuber umgestürzt und schon gänzlich ausgetrocknet. Die Tiere konnten das nicht getan haben; hier mußte eine böswillige Hand im Spiele sein.«

»Kind, Kind«, unterbrach ihn die Mutter, »wer sollte einer armen Witwe Leides zufügen!«

»Hört nur zu, Mutter, es kommt noch weiter. Ich stieg auf den Hügel und sah nach allen Seiten über die Ebene hin; aber kein Mensch war zu sehen, die sengende Glut lag wie alle Tage lautlos über den Feldern. Nur neben mit auf einem der großen Steine, zwischen denen das Zwergenloch in den Hügeln hinabgeht, saß ein dicker Molch und sonnte seinen häßlichen Leib. Als ich noch so halb ratlos, halb ingrimmig um mich her starrte, hörte ich auf einmal hinter mir von der andern Seite des Hügels her ein Gemurmel, wie wenn einer eifrig mit sich selber redet, und als ich mich umwende, sehe ich ein knorpsiges Männlein im feuerroten Rock und roter Zipfelmütze unten zwischen dem Heid

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