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Über den Umgang mit Menschen oder 6 Tage auf einer geschlossenen Station – Teil 6

Ich will und muss meinen gewohnten Alltag leben. In ihm erstarke ich.

Nach meinen Erlebnissen weiß ich, ich kann. Ohne sowieso nicht vorhandene ärztliche Hilfe, sondern aus eigener Kraft.

Aus diesem Grund veröffentliche den letzten Artikel über meinen 6tägigen Aufenthalt und die Erlebnisse in einer geschlossenen Abteilung eines auf Psychatrie spezialiesierten Krankenhauses heute schon.

Mein Glaube an medizinische Hilfe und Unterstützung in seelischen Notsituationen ist zutiefst zerstört.

Es gibt vieles weiteres zu berichten.

Ob ich es tun oder lassen werde, entscheide ich später.

Mein Dank gilt den Menschen, die mich so wohlwollend in ihre Eingeschlossenheit aufgenommen haben, die mir halfen, meinen momentan empfunden Schmerz zu tragen.

Diese waren nicht das Pflegepersonal, diese waren nicht speziell ausgebildete Ärzte. Es waren Menschen, die selbst Hilfe brauchen, in ihrem „Elend“ aber eine starke Kraft für mich gewesen sind und bleiben.


Lutz muss den ganzen Tag unterwegs sein. Entweder läuft er auf den Gängen auf und ab oder, wenn er darf, im Außenbereich der Station. In den unbegrenzten Park darf er nur in Begleitung eines Pflegers. Nicht immer hat das vorhandene Pflegepersonal Zeit für so einen Gang. Als er einmal 3x am Tag „verarscht“ wird, wie er selbst es nennt, rastet er aus und zerschlägt den Schank in seinem Zimmer. Daraufhin bekommt er für längere Zeit gar keinen Ausgang mehr. Auch sein Ausgang in den abgegrenzten Außenbereich wurde ihm schon gestrichen. Beim Tischtennisspiel waren beide der vorhandenen Bälle unter dem Gitter in den freien Garten gerollt. Er klettert über den Zaun, holt die Bälle und klettert sofort zurück. Dennoch ist das ein Regelbruch, der bestraft wird.

Selten habe ich einen Menschen getroffen, der so viel Allgemeinwissen besitzt. Seine Welt sind die Tiere des Waldes und der Wald. Zu jedem auftauchenden Vogel weiss er zu berichten. Er kennt sich in der Welt aus und versucht Politik richtig zu verstehen, oder sollte ich besser deuten sagen?

Oft trägt er Kompressionsstrümpfe, er hat Wasser in den Beinen. Er besitzt nur ein Paar, entsprechend ist dieses schmutzig. Ist eben so. Gewaschen werden lassen kann 1x pro Woche auf Station. Die Waschmaschine kostet 1 Euro, der Trockner 2 Euro. Einige Patienten bekommen nie Besuch, für sie ist es die einzige Möglichkeit wenigstens gelegentlich saubere Sachen zu haben.

Lutz hat eine massive Verhaltensstörung, psychisch krank ist er eigentlich nicht. Immer wieder fällt er „draußen“ aus der Bahn, bringt sich durch unbedachte, akute Handlungen in große Schwierigkeiten. Auch er ist schon seit Monaten hier, um medikamentös eingestellt zu werden.

Gelernt hat er Forstarbeiter. Nach der Wende gründet er mit Freunden eine Firma, die zuerst gut läuft, dann in Insolvenz gerät. Zum Zeitpunkt der Insolvenz befindet er sich in Indien. Irgenwie kommt er nicht mehr an Geld für die Heimreise und lebt über ein halbes Jahr in Indien auf der Straße. Dort, so sagt er, habe ich begonnen zu rauchen und zu trinken. Dort bin ich aber auch Budist geworden. Irgendwie kommt er doch nach Deutschland zurück und macht eine weitere Ausbildung zum Physiotherapeuten. Er ist jedoch zu sehr gestört, um sein Leben regelmäßig führen zu können. Mir erzählt er, dass er zwei langjährige Beziehungen hatte, aus jeder auch ein Kind. Zu niemanden mehr hat er noch Kontakt. Über seine Exfrauen spricht er sehr freundlich. Immer hätten sie versucht, ihn aus der „Scheiße“ zu ziehen, er aber einfach nicht mehr anders gekonnt.

Lutz ist der gute Geist der Station. Er kümmert sich um jeden. Egal ob es ein ungepflegter Depressiver ist oder die ständig wütende Heidi, von der auch noch zu erzählen ist. Die kleine, pummlige 43jährige Bea, die geistig nicht weit entwickelt, aber voller Sehnsüchte und Liebe ist, unterhält er mit Witzen, wenn sie traurig ist. Er spricht mit jedem, dem Syrer der hier aus unbekannten Gründen ist und dem Afghanen, der den ganzen Tag arabisch redend über die Gänge läuft. Den älteren Frauen trägt er die Teller an den Tisch und rückt ihnen den Stuhl zurecht.

Manchmal ist er so unruhig, dass er sich nicht setzen kann und stundenlang hin und her wandert. Kommt er an mir vorbei, wirft er mir ein freundliches Wort zu, setzt sich eine Weile zu mir, erzählt und läuft weiter. Meist drehen sich seine Gespräche mit mir um den ebenbürtigen Wert von Mann und Frau und um den Zustand der Gleichberechtigung aller Menschen in unserer Gesellschaft.

Da er schon lange hier ist, muss er sich wahrhaftig die Fußnägel schneiden lassen. Selbst kann er das nicht, Scheren sind hier auch verboten. Endlich bekommt er einen Termin und ist dannach überglücklich. Allerdings hat ihn das 16 Euro gekostet, für die gesamte Woche hat er dadurch kein Geld mehr. Nie würde er sich darüber beklagen, aber Gabi und mir fällt seine Unruhe auf. Er hat nichts mehr zu rauchen. Waschen kann er sich nur noch mit Wasser, Duschbad und Shampoo sind auch alle. Gabi und ich legen zusammen und holen ihm eine Schachtel Zigaretten, Duschbad und Shampoo. Er freut sich wie ein Kind, teilt sich die Zigaretten so ein, dass er hinkommt. Statt zu rauchen isst er oft einen Apfel. „Ute, holst du mir bitte welche?“ Na klar mache ich das. Wenn keine Äpfel mehr unten liegen, schüttelt Lars mir die Bäume. Die Äpfel sind reif und schmecken herrlich.

Oft sucht Bea meine Nähe. Sie lebt sonst in einer betreuten Außenwohngruppe, hat dort ein eigenes Zimmer und arbeitet in einer geschützten Werkstatt. Dafür erhält sie monatlich 140 Euro zu ihrer EU-Rente. Bea ist leicht geistig behindert, manchmal spricht sie sehr undeutlich. Immer wieder gerät sie aus ihrem Tagesablauf, sie war schon häufig hier, immer wieder wird versucht, sie medikamentös einzustellen. Sie schnattert wie ein Entchen. Ihr Mann hat sie wiederholt vergewaltigt. Inzwischen ist sie von ihm geschieden, hat einen Freund in der Wohngruppe gefunden. Vor Männern hat Bea Angst, nur mit Lutz unterhält sie sich zu gern. „Immer bringst du mich zum Lachen.“ sagt sie zu ihm. Lutz schmunzelt und dreht ab zum Rundenlaufen.

Bea erzählt mir von ihrem Leben. Manchmal geht sie mit ihrem Freund tanzen. “ Ich tanze so gern Utchen. Du bist doch mein Utchen, oder?“ Ich bejahe das und erfülle ihren Wunsch nach einem Becher Kaffee. Allerdings setzte ich mich ersteinmal für eine halbe Stunde in die Stille des Parkes. Was für eine Ruhe!

Noch nichts erzählt habe ich von Heidi, dabei ist sie eine der auffallendsten Persönlichkeiten hier. Sie muss Ende 20 sein, hat hellblaue Augen und dichtes, gelocktes, blondes Haar, das ihr fast bis zur Hüfte reicht. Meist ist es jedoch ungewaschen und auf dem Kopf zusammengedreht. Heidi kommt mit sich und der Welt nicht klar, ihr Gehirn scheint von Drogen geschädigt, oft ist sie stark aggresiv. Sie streitet fast mit jedem, laut. Mich verwechselt sie hin und wieder mit ihrer Mutter und beschimpft mich. Am ersten Tag habe ich Angst vor ihr, dann fange ich an ihr Verhalten zu begreifen. Heidi ist sehnsüchtig nach Liebe und Anerkennung, die sie von niemanden erhält. Ihre Mutter, ihr Mann haben sich wegen ihres Verhaltens von ihr zurückgezogen. Sie stürzt ab, lebt auf der Straße, wohnt nächtens bei unterschiedlichsten Männern. Wie ihr hier geholfen werden soll weiß sie nicht, auch sie soll hier medikamentös eingestellt werden. Heidi ist auch hier schon handgreiflich geworden. Daraufhin wurde sie vorübergehend an’s Bett fixiert. Sie hat versucht die Fesseln mit einem Feuerzeug durchzubrennen. Großes „Theater“ folgte. Ich habe eine Haarpflegecreme und einen schwarzen Samthaargummi dabei, beides schenke ich ihr. Kurze Zeit später kommt sie ordentlich gekämmt aus ihrem Zimmer. Für einen Moment wirkt sie glücklich. Ein paar Minuten später streitet sie laut mit einer anderen Patientin.

Matthias hat mir erzählt, wir sehr ihn der „Professor“ mit seiner Unruhe auf die Nerven geht, er wünscht sich für ein paar Stunden allein zu sein in dem gemeinsamen Zimmer. Am Wochenende habe ich den „Professor“ mit einer älteren Frau in der Cafeteria gesehen. Nach dem Mittagessen spreche ich ihn an. „War die Frau deine Mutter?“ Mit blauen Kinderaugen schaut er mich an und sagt:“Ja.“ „War es schön, dass sie da war?“ Wieder ein Kinderaugenblick…“Ja.“ Ich frage ihn, ob er mit mir in den Garten kommt. „Ja.“

In den Garten nimmt er eine technische Zeitschrift mit. Er erklärt mir, plötzlich fließend sprechend, Nutzen und Nachteile von Elektroautos. Er ist hier weil er seit 2015 Wahnvorstellungen hat und von Zwangshandlungen getrieben wird. „Dauend muss ich aufstehen, bin ich aufgestanden, muss ich mich wieder hinlegen. Das macht mich verrückt.“ Ich rate ihm, die Sonne zu genießen. „Ja.“ sagt er. Ich rücke ihm einen Stuhl in die Sonne, er setzt sich hin und versinkt in seiner Zeitschrift. Bald sitzt er wieder im Schatten, anfangs rücke ich ihm seinen Stuhl weiter in die Sonne, nach einer Weile macht er das selbst. Er genießt die Sonne, sitzt jetzt öfter draußen. Matthias kann sich entspannen, das Verhältnis zwischen den beiden Männern lockert sich zum Positiven.

Es gäbe von vielen Patienten noch zu berichten. So von der 67jährigen, ehemaligen Kindergärtnerin die hier ist, weil sie ihren Mann mit einem Messer tätlich angegriffen hat, nachdem er sie jahrelang mit allen Sogen und allen anfallenden täglichen Arbeiten allein gelassen hat. Die Frau ist aggresiv, schimpft über jeden und alles. Komme ich ihr mit einem freundlichen Wort und Achtung ihrer Person entgegen, verwandelt sie sich in einen freundlichen, liebevollen Menschen. Zumindest für einige Zeit.

Oder von den vielen Patienten die hier sind und durch ihre Depression und die ihnen gegebenen Medikamente dazu gebracht werden, nur noch zu den Mahlzeiten aufzustehen und ihr Bett zu verlassen.

Für mich wird es jedoch Zeit, diesen Abschnitt meines Lebens abzuschließen. Auch werden die hygienischen Verhältnisse auf dieser Station mit jedem Tag schwerer für mich persönlich aushaltbar.

Am Montag bitte ich zur Visite um meine Entlassung am nächsten Tag. Dem wird sofort statt gegeben, es herrscht großer Bettenmangel, ständig kommen neue Patienten.

Bis dahin hatte ich keine weiteren Gespräche mit einem Arzt oder einem Psychologen. Ich wurde in meiner angestrengten Situation von niemanden beraten, es gab keine Vorschläge zu weiterhelfenden Behandlungen.

Bis 10.00 Uhr muss man am Tag der Entlassung auf der Station bleiben, nur so kann das Krankenhaus das Bett 2x abrechnen. Ich kann erst gegen 14.00 Uhr abgeholt werden, darf aber auf Station warten. Meinen Schrank und mein Bett muss ich schon morgens räumen, es wird sofort wieder belegt. Nach dem Mittagessen wollte ich eigentlich noch Zeit mit den anderen verbringen. Als eine Frau des Küchenpersonals eine alte Frau laut anschreit, weil diese während der Essenausgabe um eine Tasse Milch bittet, die es nur zum Frühstück gibt, muss ich hier weg. Ich warte im Garten bis mein Mann kommt. Von den meisten Patienten habe ich mich schon verabschiedet. Jaqui habe ich das gebracht, was ich noch an Hygieneartikeln des täglichen Bedarfs bei mir habe. Sie schaut mich an als wäre Weihnachten.

Als mein Mann kommt, gehe ich nocheinmal auf die Station, um mein Gepäck zu holen.

Hinter der geschlossenen Tür stehen Matthias und Lutz, sie warten auf mich, um mir Auf Wiedersehen zu sagen.

Matthias drückt mich sachte und lächelt.

Lutz nimmt mich ganz fest in seine Arme und sagt:“Danke. Für alles.“

Danke habe ich zu sagen.

Für euer Vertrauen in mich.

Für euere ungebrochene Hoffnung.

Für euere Menschlichkeit.

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Über den Umgang mit Menschen oder 6 Tage auf einer geschlossenen Station – Teil 5

Der junge Mann der die rumliegenden Kippen freiwillig beräumt erinnert mich an meinen Sohn. Er hat wie er frech leuchtende, wache Augen.

Kurz nach unserer ersten Begegnung treffe ich ihn im Garten der Cafeteria wieder. Hier gibt es unter anderem große Eiskugeln für 90 Cent. Ich schlecke gerade eine, sehe seine Blicke. Ich gebe ihm einen Euro, damit er sich auch eine Kugel holen kann.

„Mann, bist du krass drauf“, sagt er zu mir, “ ich bekomme erst am Dienstag wieder Geld.“

Er holt sich Bananen-Joghurt- Eis und setzt sich neben mich. Die übrig gebliebenen 10 Cent gibt er mir zurück.

„Warum bist du hier?“ frage ich. Als hätte er nur auf diese Frage gewartet, sprudelt er los und erzählt.

Lars ist 31 Jahre alt, er hat keinen Hauptschulabschluß, nie eine Lehre gemacht. Seinen Vater kennt er nicht, bei seiner Mutter will er nicht bleiben, er geht nicht mehr in die Schule und treibt sich auf der Straße rum. Es erfolgt eine Einweisung in ein Kinderheim für schwer erziehbare. Dort bricht er aus, lebt auf der Straße. Sein Essen klaut er, er ist mehrfach wegen Diebstahls vorbestraft.

Er lernt eine Gruppe Jugendlicher kennen, die Drogen nehmen. Steigt sofort ein. „Meine Jugend war lustig, ich hatte nur Spaß.“ sagt er. Ich lasse das im Raum stehen, in einem anderen, späteren Gespräch werde ich ihm sacht versuchen aufzuzeigen, was eine lustige Jugend noch sein kann.

Mit 16 findet er bei einem Mädchen Unterschlupf, mit 19 wird er Vater. Sein Sohn ist heute 12 Jahre alt, er steht in Kontakt zu ihm, für ihn will er jetzt seine 2.Langzeittherapie beginnen.

Von der Mutter des Kindes hat er sich lange schon getrennt. Seine neue Freundin sei depressiv sagt er. „Was machst du, wenn du einen Menschen liebst und es ist nicht möglich ist mit ihm zu leben?“ fragt er mich. Ich kann und mag ihm nicht darauf antworten.

Lars weiss, ich sitze gern auf der Bank an der Streuobstwiese. Ich sammle dort heruntergefallene Äpfel und Birnen, die ich den Patienten meiner Station bringe. Obst und Gemüse werden kaum angeboten, die Jung’s und Mädel’s drinnen verzehren gierig die kostenlose Bereicherung ihres Speiseplans. Er sucht mehrmals am Tag meine Nähe, erzählt von seinen Plänen. In der Langzeittherapie will er die 8.Klasse nachholen und eine Ausbildung zum Tischler beginnen. Ein Onkel in der Schweiz habe ihm angeboten, nach Erfolg bei ihm arbeiten zu können.

„Was ist, wenn das nicht klappt?“ frage ich ihn. Er schaut mich mit großen Augen an, überlegt und antwortet: „Du hast Recht, ich brauche einen Plan B. Danke.“

Am Tag vor meiner Entlassung sage ich ihm, dass ich morgen heim gehe.

Er wartet am nächsten Tag auf mich.

„Warum bist du eigentlich hier?“ Ich sage es ihm, dabei kommen mir die Tränen. „Hast du jemanden draußen der auf dich aufpasst?“ Er steht von der Bank auf und läuft wie oft hippelig hin und her. Als ich seine Frage bejahe wird er ruhiger.

Er fragt wie lange ich noch da bin. In Kürze wird mich mein Mann abholen antworte ich ihm.

„Bleib hier bis ich wiederkomme.“ sagt er und verschwindet auf seine Station. Kurz darauf kommt er mit einem Bild seines Sohnes zurück. Er will ihn mir unbedingt zeigen. In seiner Hand hat er noch ein Stück einer Zigarettenschachtel und einen Stift. „Gibst du mir deine Telefonnummer, wenn ich es schaffe, ruf ich dich an.“

Ich gebe sie ihm, er sagt:“Vor einem halben Jahr hat es keinen Sinn mich bei dir zu melden, dann aber werde ich es tun. Ich schaff das.“

Ganz fest drückt er mir die Hand. Ich hoffe, irgendwann ruft er an.

Von den Patienten auf meiner Station gibt es zu erzählen. Viel. Mir am Frühstückstisch gegenüber sitzt Matthias, er spricht nicht viel, ist traurig, wirkt bedrückt. Er isst nicht viel, gern Obst und Gemüse, das wenige von meinem Teller schiebe ich immer auf seinen. Ein leises Hmm kommt von ihm und verputzt ist das Wenige. Zum Glück kann ich ihn von draußen mit Äpfeln und Birnen versorgen.

Im Außenbereich der Station sitzt er still, immer in ein Buch vertieft, in dem er nicht blättert, so muss er mit niemanden sprechen.

Matthias kommt aus Berlin, ist nach Leipzig gezogen. Er ist sportlich und gut aussehend. Irgendwas läuft bei ihm schief, er will nicht darüber sprechen.

Er hat versucht sich mit einer Waffe per Kopfschuß zu töten. Der Versuch ist ihm mißlungen. Matthias wurde für Monate in die geschlossene Station eingewiesen, gegen ihn läuft ein Verfahren wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Sollte er sich hier auffällig verhalten, wird er unverzüglich in die JVA eingewiesen.

Am Montag zur Visite erfährt er, dass er dies nicht mehr befürchten muss. Eine Entlassung für ihn ist jedoch nicht in Sicht und er wird sich vor Gericht verantworten müssen.

Das erste Mal sehe ich ihn lächeln.

Matthias ist seit Monaten hier. Er hat oft erlebt, dass Patienten denen er sich anvertaute entlassen wurden. Eine ehemalige Patientin besucht ihn Sonntags, spielt mit ihm Tischtennis. Ich sehe sofort, dass er das provesionell kann und sage ihm das. Daraufhin fasst er Vertrauen zu mir und erzählt mir wie sehr ihn der dauernde Patientenwechsel in seinem Zimmer belastet. Auf der Station gibt es einige sehr ungepflegte Patienten, die dementsprechend riechen. Warum niemand vom Pflegepersonal darauf achtet, dass sich wenigstens 1x pro Woche geduscht wird, verstehen wir beide nicht. Nachdem er sich bei einer Visite beschwert hat, bekommt er einen neuen Zimmergenossen. Dieser ist sauber, aber hyperaktiv. Er liegt entweder den ganzen Tag im Bett oder zieht sich ständig an und aus. Auf der Station wird dieser Patient „Professor“ genannt. Eigentlich heißt er Christian, ist Mitte Dreißig und Diplomingenieur. Auch von ihm werde ich noch erzählen. Matthias hatte sich zuletzt an Anni angeschlossen. Anni ist eine zarte, junge Frau Anfang 30 mit den blonden, langen Haaren einer Schwedin. Sie ist sehr still und eigentlich den ganzen Tag im Park unterwegs. Abends spielt sie mit Matthias Karten. Anni ist hier, weil sie ihren Beruf nicht mehr ertragen kann. Sie ist Krankenschwester und hat auf der Intensivabteilung einer Rehaklinik gearbeitet. Als sie die Belastungen dort nicht mehr aushält, wechselt sie in die mobile Pflege. Dort trifft sie das Leid der Patienten und die Mißgunst der Schwestern untereinander hart. Am Wochende besucht sie ihr Freund, als er gehen muss kammert sie sich an ihn und weint noch Stunden später. Anni ist stark depressiv und schon länger hier, sie darf endlich auf die offene Station wechseln. Weiter besucht sie Matthias täglich am Zaun, muntert ihn auf und bringt ihm seinen geliebten Kaffee.

Gegenüber von Matthias sitzt Lutz beim Essen. Er ist irgenwas in den 50ern, groß, stattlich. Sicher früher ein Frauenschwarm. Immer gelingt es ihm, traurige Patienten zum Lachen zu bringen, manchmal bringt er mir die Blüte einer Heckenrose mit, wenn er unruhig wie ein eingesperrtes Tier im abgegrenzten Außenbereich hin und her läuft.

Seine Geschichte ist die nächste, die ich erzählen werde.

Über den Umgang mit Menschen oder 6 Tage auf einer geschlossenen Station – Teil 4

Die Patienten sind aus vielfältigen Gründen dort.

Es sind mehrere ältere und alte Frauen die leicht dement scheinen, wahrscheinlich haben sie zu Hause niemanden der sich um sie kümmert, so fristen sie hier ihr Dasein, medikamentös begleitet, so lange eventuell bis ein Platz in der gereatrischen Abteilung des Krankenhauses frei wird. Diese Frauen verhalten sich still, kaum machen sie Mühe. Einige nehmen an der auf der Station angebotenen Beschäftigungstherapie teil, 2x pro Woche für eine Stunde, malen dort ein Bild. Wenigstens einmal etwas sinnvolles tun. Meist haben sie Ausgang in das abgegrenzte Gartenstück das zur Station gehört, treffen tue ich sie selten dort. Gelegentlich sehe ich eine Schwesternschülerin mit einigen von ihnen ein Brettspiel spielen.

Es scheint auch regelmäßig wiederkommende Patienten zu geben. Größtenteils kommen sie aus betreuten Wohneinrichtungen der Umgebung. Alle diese Menschen sind EU-Rentner oder beziehen Harzt IV. Macht Armut und die daraus folgenden Einschränkungen depressiv? In dieser Gruppe finden sich viele Borderliner mit aufgeschnittenen Armen. Jaqui ( alle Namen geändert ) wiegt bei einer Größe von 1,70m bestimmt über 150kg. Ihre Arme sind mit Narben übersät. Sie ist ein einfacher Geist, lieb und freundlich. „Lange denke ich immer über die Gespräche mit den Ärzten nach, ich will hier schnell wieder raus.“ Im Außenbereich sitzt sie oft am Gatter, das ihn vom offenen Park trennt, auf der anderen Seite sitzt ihre Freundin, die auch hier im Krankenhaus ist, aber auf einer offenen Station. Gleich dahinter liegt die Cafeteria, von dort holt die Freie für die Eingesperrte Kaffee aus dem Automaten, der Becher für 50Cent.

Überhaupt, einen Becher Kaffee zu trinken ist für viele Patienten das Größte, wer in den Park darf, bringt rückzu Kaffee für die Anderen mit. Das Geld dafür wird auch mal ausgelegt, man bekommt es zurück – Ehrensache. Nicht alle verfügen regelmäßig über Geld. Viele haben einen Betreuer,aber auch wer keinen hat, darf nicht mehr als 25,00 Euro pro Woche da haben, der Rest wird weggeschlossen. Nun haben sowieso die Meisten nicht so viel Geld. Einige bekommen 2x in der Woche ihr Wochengeld zugeteilt, damit sie nicht alles auf einmal ausgeben. Das meiste Geld geht für Tabak drauf. Zigaretten sind hier heiß begehrt, es wird von manchen geschnorrt was das Zeug hält, deswegen gibt es manchmal Ärger.

Mit meiner Zimmerkollegin verstehe ich mich gut, auch sie darf in den Park. Hat einer der anderen Patienten Geld bekommen und braucht etwas, gehen wir für ihn in den kleinen Laden im Gelände. Wer noch Tante Emma Läden kennt und mag, hätte seine helle Freude an diesem Geschäft. Hauptsächlich sollen wir Zigaretten holen, dann folgen Cola, Limo und Kekse. Gummibärchen sind gefragt und sollte Dusche oder Shampoo ausgegangen sein, kann hier welches erworben werden. Alle vorhandenen Marken kosten 1,50 Euro, egal ob sie „draußen“ mehr oder weniger kosten. Von den vorhandenen ca.30 Flaschen sind nur zwei dabei die etwas mehr als 1,50 Euro kosten würden, alle anderen Produkte kosten „draußen“ weniger. Der Weg zu dem Laden führt durch den wunderbaren, gepflegten Park. Es gibt mehrere kleine Häuser in denen geistig Behinderte dauerhaft leben. Die Häuser sind aus der Gründerzeit, liebevoll saniert und wirken von außen sauber. Für ihre Bewohner wünsche ich, dass es auch von innen so ist. Mehrer solcher Gebäude sind noch in baufälligen Zustand vorhanden und unbewohnt.

Auf dem Weg dahin kommt die mich begleitende Patientin in’s Reden. Überhaupt haben viele der Patienten einen enormen Redebedarf, wollen über das sprechen was sie bedrückt, es scheint zu wenig profesionelle Zuhörer zu geben. Mich lenkt das von meinen um meine Mutter kreisenden Gedanken ab, ich höre zu.

Gaby ist so alt wie ich, sie hat zudem in der selben medizinischen Fachschule wie ich den Beruf einer Krankenschwester gelernt, wir hätten uns damals eigentlich begegnen müssen, erinnern uns nicht mehr daran. Sie erzählt mir…mit 37 Jahren hat sie ihren Ehemann an den Tod verloren, die gemeinsame Tochter selbst groß gezogen. Eine spätere, langjährige Beziehung zerbrach, als ihr Partner durch eine Erbschaft zu Geld gekommen ist. Sie hat als Gemeindeschwester gearbeitet. Nach der Wende begann für sie der berufliche Niedergang. Die neu entstandenen Pflegedienste waren gezwungen die Gemeindeschwestern zu übernehmen. Da diese lange oft Dienstjahre hatten, mussten sie ordentlich bezahlt werden. Billiger waren die Kräfte die vom Arbeitsamt geschickt wurden, einen 10monatigen Schnellkurs machten, dann für ein Jahr eingestellt wurden, um dannach einfach durch neue Kräfte, die wiederum billig waren, ersetzt zu werden. Den Schwestern aus der DDR wird das Arbeiten erschwert, es wird versucht sie aus dem Job zu drängen, sie sind den Pflegediensten zu teuer. In einem Gespräch wird von ihnen verlangt, ihre Arbeitsstundenzahl freiwillig zu reduziere, sonst würden Kündigungen erfolgen. Keine will einer anderen auf diese Weise schaden, die Pflegeleitung hat für sich gut kalkuliert. Zudem hat Gaby eine zunehmende Sehschwäche, die später Kündigungsgrund sein wird. Momentan sieht sie beidseits unter 25%. Ihr Antrag auf Schwerbehinderung läuft seit einiger Zeit, es dauert. Sie braucht den Antrag aber, u.a. für ermäßigte Fahrkarten zu Arztterminen, Geld ist bei ihr knapp. Aus ihren Erlebnissen hat sich eine Depression entwickelt, sie ist hier, um sie medikamentös einstellen zu lassen. Das ist schon der zweite, längere Aufenthalt in diesem Jahr hier. Beim ersten Mal erhielt sie nur Schlaftabletten, eine Depression hätte man nicht feststellen können, sie sei einfach nur traurig. Als sie tagelang nur noch im Bett liegt weist sie ihr Hausarzt wieder ein. Diesmal bekommt sie Medikamente, es geht ihr besser, ich selbst lache seit langer Zeit wieder mit ihr an meiner Seite.

Auf dem Rückweg machen wir Pause auf einer schattigen Bank. Obwohl neben jeder Bank Papierkörbe stehen liegen überall Zigarettenstummel. Ein junger Mann aus der Suchtstation, er ist drogenabhängig erzählt er mir später, sammelt alles auf und kehrt dann freiwillig. Mir gefällt das, ich komme mit ihm in’s Gespräch. Seine Geschichte wird die nächste sein die ich erzähle.

Über den Umgang mit Menschen oder 6 Tage auf einer geschlossenen Station – Teil 3

Bei der Visite schildere ich die Erlebnisse der vergangen 2 Jahre, so gut ich kann. Ich fühle mich immer noch benommen. Es werden Medikamente angesetzt, deren Einnahme überwacht wird, sie machen mich noch benommener.

Endlich kann ich duschen. Das Bad ist schmutzig, der Boden voller Dreckspuren. Im Zimmer liegt mit mir eine alte Frau. Sie liegt den ganzen Tag im Bett, steht nur zu den Mahlzeiten auf. Sie wäscht sich kaum, fettig fällt ihr dichtes Haar in’s Gesicht. Entsprechend riecht es im Zimmer. Das Fenster lässt sich nicht öffnen, nur die oberen Klappen gehen auf, lassen etwas Frischluft in den Raum.

Das Waschbecken scheint lange nicht gereinigt, die Toilette bietet einen braunen Anblick. Es ist eklig.

Dennoch fühle ich mich nach der Dusche wohler, kann das kurze Gespräch mit der Psychologin klarer führen. Eigentlich wiederholen sich nur die schon bei der Visite gestellten Fragen.

Ich nehme gemeinsam mit den anderen Patienten meine Mahlzeiten ein. Es ist ein buntes Sammelsurium von Menschen mit verschiedensten Erkrankungen. Dazu werde ich später kommen.

Das Essen ist ausreichend und ungesund. Zum Abendbrot gibt es Brot soviel man will, 20g Butter, 2 Scheiben Wurst, 1 Scheibe Käse und pro Person 2 Scheiben Gurke. Jeden Tag.

Am Ende des Stationsganges liegt ein Raucherraum. Aus dem völlig verdreckten Raum ziehen tiefe Rauchschwaden. Nur einige Patienten dürfen sich in den ca.200 qm großen umzäunten Außenbereich der Station begeben, einige nur in Begleitung eines Pflegers.

Das Krankenhaus besitzt einen riesigen Park mit wundervollem, alten Baumbestand. Wenigen Patienten ist der Ausgang dahin gestattet und wenn nur für 1 Stunde. Dannach hat sich der Patient beim Pflegepersonal zu melden, dann kann er wieder für 1 Stunde hinaus. Im Gelände gibt es einen kleinen Laden, der Dinge des täglichen Bedarfs verkauft. Ich werde später darauf zurück kommen.

Abendessen gibt es 17.30 Uhr bis 19.00 darf in das Außengelände gegangen werden, wenn man denn darf. Ich heute nicht.

Ich erbitte ein Gespräch mit der Oberärztin und bekomme einen Termin für den nächsten Tag, die Frau Doktor hat einfach zu viel zu tun und jetzt keine Zeit.

Müde von den Medikamenten gehe ich zu Bett und schlafe ein. In der Nacht wecken mich laute Schreie. Eine Patientin hat einen akuten Anfall ihrer Depression. Am nächsten Tag erfahre ich, dass sie zu ihrem Selbstschutz in die „Gummizelle“ gebracht wurde. Das ist ein Raum, dessen Tür abgeschlossen wird. Die Patientin ist mit Bettfesseln fixiert, als sie weiter schreit wird sie mit Medikamenten ruhig gestellt.

Am nächsten Morgen wasche ich mich, frühstücke gemeinsam mit den Anderen und werde später von der Oberärztin zum Gespräch geladen.

Ich schildere ihr meine Lager klarer und bitte um meine Verlegung auf eine offene Station. Das muss sie ablehnen, es gibt keine freien Betten. Wir einigen uns dahin, dass ich da bleibe, aber Ausgang bekomme. Ich bitte sie die Medikamente abzusetzen. Sie kommt meinem Wunsch nach, meint aber sie müssten, obwohl ich sie erst einen Tag nehme, langsam abgesetzt werden. Mir bleibt nichts anderes übrig, als dem zuzustimmen.

Gemeinsam mit einer Patientin gehe ich in den Park. Wir setzten uns auf eine der zahlreichen Bänke an einer Streuobstwiese und erholen uns in der hier herrschenden tiefen Stille.

Als ich nach einer Stunde zurück gehe muss, ruft mich ein Pfleger. Er meint, mein Zimmer wird anderweitig gebraucht, mein Bett wurde schon in ein anderes Zimmer zusätzlich eingeschoben. In dem Zimmer liegen zwei der mir als am Lautesten aufgefallenen Patientinen, es gibt hier keinen eigenen Schrank für meine Kleidung, ich soll sie in Plastetüten packen und auf dem Boden lagern. Das lehne ich ab. Ich rege mich wahnsinnig auf. Daraufhin wird mein Bett in ein anderes Zimmer gebracht. Zwei ruhige Frauen sind dort und auch noch ein freier Schrank. Ich werde wieder ruhiger.

Die Dusche die zu diesem, eigentlichen Zweibettzimmer gehört ist in einem noch verwahrlosteren Zustand als die in dem anderen Zimmer. Der Abfluß muss völlig verstopft sein, es stinkt dannach. Das Waschbecken ist mit Haaren verstopft, die Toilette in einem katastrophalen Zustand, eigentlich nicht benutzbar. Am nächsten Morgen habe ich Herpesausschlag am Mund vor lauter Ekel.

Mit einer der beiden Frauen verstehe ich mich gut. Das macht es etwas leichter.

Über die hygienischen Zustände werde ich nichts weiter schreiben.

Schreiben werde ich noch von den Menschen die ich dort getroffen habe und von ihren Problemen und Sorgen. Ich habe unglaublich viel von ihnen gelernt.

Über den Umgang mit Menschen oder 6 Tage in einer geschlossenen Station – Teil 2

Mein Schmerz fährt hoch.

Ich schreie, um ihn los zu werden. Endlich.

Gleichzeitig weiss ich, dies schaffe ich nicht hier, nicht an diesem Ort. Ich lasse mich per Notarzt in eine Klinik einweisen. Immer noch schreiend, keiner fragt warum, mein Schrei wird medikamentös gelöscht.

Ich bin ein Notfall, viele andere auch. Auf einer „offenen“ Station ist kein Bett frei, ich bin auch kein Privatpatient und werde in einer “ geschlossenen“ Station untergebracht.

Fürsorglich nimmt eine sehr junge Schwester mein gesamtes Privateigentum in Gewahrsam, bringt mich zu Bett. Die Spritze wirkt, ich schlafe ein, endlich.

Kurze Stunden später, viel zu früh für die mir verabreichte Dosis, werde ich geweckt.

Mitgebracht habe ich meine eigenen Waschutensilien, den notwendigen Rest wird mir mein Sohn später bringen.

Neben dem Bett in dem ich liege steht ein Nachtschrank. Er ist voller Dreck, so richtig echter Dreck. Im ständigen Wechsel der „anfallenden“ Patienten wurde versäumt ihn zu reinigen. Meine Waschsachen liegen dennoch darin.

Gut, ich bitte die Schwester eine Reinigung des Tisches vorzunehmen und zeige ihr den Zustand. „Oh, haben wir vergessen…“ Ich möchte duschen, angrenzend an das Zimmer in dem ich liege befindet sich eine. „In kurzer Zeit kommt die Viste, bis dahin haben Sie sich dafür bereit zu halten, duschen können Sie später.“

Geschlagene zwei Stunden muss ich warten bis die Ärzte auftauchen, darf aber das Bett nicht verlassen.

Noch weiss ich nicht, welche Unhygiene in der Dusche mich erwartet.

Über den Umgang mit Menschen oder 6 Tage in einer geschlossenen Station in einer Klinik – Teil 1

Ich bin unten, tief.

Keine Ahnung mehr wie es weiter geht.

Meine Gedanken lössen sich nicht mehr auf.

Immer sehe ich die Leiche meiner Mutter vor mir, in ihrer rechten Hand liegt die rosa Nelke, die eine Schwester oder ein Pfleger ihr dahinein drückte.

Ich konnte nicht wissen, wie schnell der gnädige Tod meine Mutter auffing.

Ihr Ausatmen habe ich nicht erlebt.

Ich wusste, sie stirbt.

Jetzt weiss ich, sie ist tot.

6.00 Uhr ist sie gestorben, nach 9.00 Uhr sind wir bei ihr.

Meine Schwester dreht durch, ist nicht klar, benötigt einen Arzt.

Ich bin klar, betrete das Sterbezimmer meiner Mutter, schliesse ihr die immer noch offenen Augen…

Drei Tage später holt mich all das ein. Ich benötige Hilfe und lasse mich in eine Klinik einweisen.

Was ich dort innerhalb von 6 Tagen erlebte, werde ich demnächst aufschreiben.

Erinnerungen – Meine unbekannten Großeltern

Als ich diesen Artikel vor zwei Jahren nach einem langen Gepräch mit meiner Mutter geschrieben hatte und ihn ihr zu lesen gab, sagte sie zu mir später oft:“Du musst mal wieder sowas schreiben.“

Werd ich Mama.


Für meine Mutter

Kann man sich an jemanden erinnern, den man persönlich nicht kennt?
Ich versuche es.
Der Vater meiner Mutter starb vor meiner Geburt, ihre Mutter in meinem ersten Lebensjahr.
Versuche ich ein Bild von ihnen in meinem Kopf abzurufen, taucht nur ein Schwarz-Weiß-Foto auf.
Im Vordergrund einer Gesellschaft sitzt ein Paar Menschen, frühzeitig gealtert, schmale Körper. Abgenagt empfinde ich ihr Aussehen.
Ohne direkten Kontakt neigen sie sich einander zu.
Das Haar der Frau ist streng zurück gekämmt, so wie ich es oft trage.
Komme ich mit dieser Frisur zu meiner Mutter, fällt immer der Satz: „Du siehst aus wie meine Mutter.“
Das ist fast der einzige Satz den meine Mutter über ihre Eltern macht.
Nicht weil sie vergessen sind, sondern weil der Schmerz mancher Verluste niemals abschwächt, ein nicht Erwähnen lebensnotwendig wird, um eben zu überleben.
Verluste hat meine Mutter viele gemacht, mehr als ein Mensch erleben sollte.
Niemals hat sie ihren Überlebenswillen verloren, wenn auch die Heimat und die Eltern und zwei Mal den Mann. Das geschieht vielen, damit muss man leben, ohne das Lachen zu verlieren.
Jetzt, da sie über 80 Jahre alt ist, wohnt das Lachen in Form der Schaukelinhaberin drei Häuser neben ihr und söhnt sie aus.


Weiterlesen hier:

https://teil2einfachesleben.wordpress.com/2016/06/03/erinnerungen-meine-unbekannten-grosseltern/

Vorderfrauen

my fair Lady…

Vorderfrauen

Gut behütet

Vorderfrauen

Kunstvolles