Archiv der Kategorie: Menschen

Vorderfrauen

Walle, walle…

Zum Tag

Oft denke ich daran, wie es war als mein Sohn noch bei uns lebte, seine Freunde mitbrachte.

Einer davon ist E., kleiner als mein Sohn, genauso blond und so wie er erwachsen wurde wuchs er, mit ihm seine Schulterbreite.

Geschichteten fallen mir ein, wie E. als 16jähriger den Muttertag vergessen hat, auf dem Heimweg von einer Feier ihm derselbige wieder einfällt und er seiner Mutter eine Konifere aus einem Garten klaut und mitbringt.

Aus einer Handwerkerfamilie stammend, will er auch selbstständig lebensverantwortlich sein. Er geht für ein paar Jahre zur Bundeswehr und nach Afghanistan, um Geld für einen Start in ein erfülltes Leben zu haben.

Nicht alles läuft danach so wie er sich das wünscht. Leben eben, das Mann auf breiten Schultern trägt oder auf dem Motorrad ausfährt.

Am Sonntag ist E. mit dem Motorrad tödlich verunglückt.

Wieder ein Traum weniger in dieser Welt.

Vorderfrauen

Feines

Vorderfrauen

Gretel

Zum Tag

www.christoph-links-verlag.de/mobile.cfm

Was wird heute das Wahlergebnis in Sachsen sein?

Meine Entscheidung beeinflusst hat auch das Buch von Petra Köpping, SPD, “ Integriert doch erstmal uns“.

Zum Tag

Meine Schaukelinhaberin ist ein Schulkind.

Nicht lange ist es her, da musste ich Sie festhalten, damit sie nicht von der Schaukel fällt.

Gemeinsam mit ihren Eltern muss ich jetzt lernen, behutsam los zu lassen, damit sie lernt selbstbestimmt ihren Lebensweg zu gehen.

In meine Freude an der von der evangelischen Grundschule wunderbar vorbereiteten, festlichen Einschulungsfeier mischte sich Trauer. Der größte Wunsch meiner Mutter war es, die Einschulungsfeier dieses kleinen Mädchens, das ihr Alterslicht war, mit zu erleben und zu feiern. Er hat sich nicht erfüllt. Ich habe der Schaukelinhaberin eine Karte im Namen meiner Mutter geschrieben und ein Schmuckstück aus ihrem Besitz hineingelegt, die Kleine soll nicht vergessen, wie sehr gern ihre Uroma sie geliebt hat.

In unserer näheren Umgebung liegt ein sehr schöner, landschaftlich prächtiger Freizeitpark.

Für alle Kinder und Erwachsenen die meine Schaukelinhaberin zu ihrer Einschulungsfeier begleiteten, war dort nach der festlichen Feier in der Kirche Gelegenheit sich auszutoben und ordentlich Torte reinzuhauen.

Meiner Schaukelinhaberin wünsche ich, wie es alle Großeltern tun, Freude am Lernen.

Klug soll sie werden, gerecht wünsche ich mir sie. Neugierig soll sie bleiben und mutig eigene Wege gehen.

Vorderfrauen

Gut behütet

Vorderfrauen

Loreley

Zum Tag

6 Jahre habe ich ein täglich neues, persönliches Wunder(n) – meine Schaukelinhaberin.

Wer bleibt bei jedem Regenwurm stehen, trägt Schnecken ins feuchte Grass, hüpft in jede Pfütze und trägt auch bei 30 Grad Gummistiefel ? Wer sperrt den Schokolade liebenden Mund weit auf, um zwei ausgefallene Milchzähne oder besser deren Lücken zu präsentieren und natürlich die Belohnung der Zahnfee dafür zu kassieren? – meine Schaukelinhaberin.

Und weil mir dieses Kind, wie alle Kinder, so viel unverbogene Liebe und Wahrheit zeigt liebe ich es.

Möge es heute für dich bunt und raschelnd verpackte Geschenke geben, deren Inhalt Kinderherzen höher hüpfen lässt. Möge es bunte Regenbogenkuchen für dich geben und Weintraubenregenwurmerdbeerkopfschlangen, neben denen sich Gummischlangen ringeln und möge es viel lachen für dich geben und viele weitere Tage befüllt damit.

Einen frohen 6.Geburtstag mein Liebling.

Über den Umgang mit Menschen oder 6 Tage auf einer geschlossenen Station – Teil 6

Ich will und muss meinen gewohnten Alltag leben. In ihm erstarke ich.

Nach meinen Erlebnissen weiß ich, ich kann. Ohne sowieso nicht vorhandene ärztliche Hilfe, sondern aus eigener Kraft.

Aus diesem Grund veröffentliche den letzten Artikel über meinen 6tägigen Aufenthalt und die Erlebnisse in einer geschlossenen Abteilung eines auf Psychatrie spezialiesierten Krankenhauses heute schon.

Mein Glaube an medizinische Hilfe und Unterstützung in seelischen Notsituationen ist zutiefst zerstört.

Es gibt vieles weiteres zu berichten.

Ob ich es tun oder lassen werde, entscheide ich später.

Mein Dank gilt den Menschen, die mich so wohlwollend in ihre Eingeschlossenheit aufgenommen haben, die mir halfen, meinen momentan empfunden Schmerz zu tragen.

Diese waren nicht das Pflegepersonal, diese waren nicht speziell ausgebildete Ärzte. Es waren Menschen, die selbst Hilfe brauchen, in ihrem „Elend“ aber eine starke Kraft für mich gewesen sind und bleiben.


Lutz muss den ganzen Tag unterwegs sein. Entweder läuft er auf den Gängen auf und ab oder, wenn er darf, im Außenbereich der Station. In den unbegrenzten Park darf er nur in Begleitung eines Pflegers. Nicht immer hat das vorhandene Pflegepersonal Zeit für so einen Gang. Als er einmal 3x am Tag „verarscht“ wird, wie er selbst es nennt, rastet er aus und zerschlägt den Schank in seinem Zimmer. Daraufhin bekommt er für längere Zeit gar keinen Ausgang mehr. Auch sein Ausgang in den abgegrenzten Außenbereich wurde ihm schon gestrichen. Beim Tischtennisspiel waren beide der vorhandenen Bälle unter dem Gitter in den freien Garten gerollt. Er klettert über den Zaun, holt die Bälle und klettert sofort zurück. Dennoch ist das ein Regelbruch, der bestraft wird.

Selten habe ich einen Menschen getroffen, der so viel Allgemeinwissen besitzt. Seine Welt sind die Tiere des Waldes und der Wald. Zu jedem auftauchenden Vogel weiss er zu berichten. Er kennt sich in der Welt aus und versucht Politik richtig zu verstehen, oder sollte ich besser deuten sagen?

Oft trägt er Kompressionsstrümpfe, er hat Wasser in den Beinen. Er besitzt nur ein Paar, entsprechend ist dieses schmutzig. Ist eben so. Gewaschen werden lassen kann 1x pro Woche auf Station. Die Waschmaschine kostet 1 Euro, der Trockner 2 Euro. Einige Patienten bekommen nie Besuch, für sie ist es die einzige Möglichkeit wenigstens gelegentlich saubere Sachen zu haben.

Lutz hat eine massive Verhaltensstörung, psychisch krank ist er eigentlich nicht. Immer wieder fällt er „draußen“ aus der Bahn, bringt sich durch unbedachte, akute Handlungen in große Schwierigkeiten. Auch er ist schon seit Monaten hier, um medikamentös eingestellt zu werden.

Gelernt hat er Forstarbeiter. Nach der Wende gründet er mit Freunden eine Firma, die zuerst gut läuft, dann in Insolvenz gerät. Zum Zeitpunkt der Insolvenz befindet er sich in Indien. Irgenwie kommt er nicht mehr an Geld für die Heimreise und lebt über ein halbes Jahr in Indien auf der Straße. Dort, so sagt er, habe ich begonnen zu rauchen und zu trinken. Dort bin ich aber auch Budist geworden. Irgendwie kommt er doch nach Deutschland zurück und macht eine weitere Ausbildung zum Physiotherapeuten. Er ist jedoch zu sehr gestört, um sein Leben regelmäßig führen zu können. Mir erzählt er, dass er zwei langjährige Beziehungen hatte, aus jeder auch ein Kind. Zu niemanden mehr hat er noch Kontakt. Über seine Exfrauen spricht er sehr freundlich. Immer hätten sie versucht, ihn aus der „Scheiße“ zu ziehen, er aber einfach nicht mehr anders gekonnt.

Lutz ist der gute Geist der Station. Er kümmert sich um jeden. Egal ob es ein ungepflegter Depressiver ist oder die ständig wütende Heidi, von der auch noch zu erzählen ist. Die kleine, pummlige 43jährige Bea, die geistig nicht weit entwickelt, aber voller Sehnsüchte und Liebe ist, unterhält er mit Witzen, wenn sie traurig ist. Er spricht mit jedem, dem Syrer der hier aus unbekannten Gründen ist und dem Afghanen, der den ganzen Tag arabisch redend über die Gänge läuft. Den älteren Frauen trägt er die Teller an den Tisch und rückt ihnen den Stuhl zurecht.

Manchmal ist er so unruhig, dass er sich nicht setzen kann und stundenlang hin und her wandert. Kommt er an mir vorbei, wirft er mir ein freundliches Wort zu, setzt sich eine Weile zu mir, erzählt und läuft weiter. Meist drehen sich seine Gespräche mit mir um den ebenbürtigen Wert von Mann und Frau und um den Zustand der Gleichberechtigung aller Menschen in unserer Gesellschaft.

Da er schon lange hier ist, muss er sich wahrhaftig die Fußnägel schneiden lassen. Selbst kann er das nicht, Scheren sind hier auch verboten. Endlich bekommt er einen Termin und ist dannach überglücklich. Allerdings hat ihn das 16 Euro gekostet, für die gesamte Woche hat er dadurch kein Geld mehr. Nie würde er sich darüber beklagen, aber Gabi und mir fällt seine Unruhe auf. Er hat nichts mehr zu rauchen. Waschen kann er sich nur noch mit Wasser, Duschbad und Shampoo sind auch alle. Gabi und ich legen zusammen und holen ihm eine Schachtel Zigaretten, Duschbad und Shampoo. Er freut sich wie ein Kind, teilt sich die Zigaretten so ein, dass er hinkommt. Statt zu rauchen isst er oft einen Apfel. „Ute, holst du mir bitte welche?“ Na klar mache ich das. Wenn keine Äpfel mehr unten liegen, schüttelt Lars mir die Bäume. Die Äpfel sind reif und schmecken herrlich.

Oft sucht Bea meine Nähe. Sie lebt sonst in einer betreuten Außenwohngruppe, hat dort ein eigenes Zimmer und arbeitet in einer geschützten Werkstatt. Dafür erhält sie monatlich 140 Euro zu ihrer EU-Rente. Bea ist leicht geistig behindert, manchmal spricht sie sehr undeutlich. Immer wieder gerät sie aus ihrem Tagesablauf, sie war schon häufig hier, immer wieder wird versucht, sie medikamentös einzustellen. Sie schnattert wie ein Entchen. Ihr Mann hat sie wiederholt vergewaltigt. Inzwischen ist sie von ihm geschieden, hat einen Freund in der Wohngruppe gefunden. Vor Männern hat Bea Angst, nur mit Lutz unterhält sie sich zu gern. „Immer bringst du mich zum Lachen.“ sagt sie zu ihm. Lutz schmunzelt und dreht ab zum Rundenlaufen.

Bea erzählt mir von ihrem Leben. Manchmal geht sie mit ihrem Freund tanzen. “ Ich tanze so gern Utchen. Du bist doch mein Utchen, oder?“ Ich bejahe das und erfülle ihren Wunsch nach einem Becher Kaffee. Allerdings setzte ich mich ersteinmal für eine halbe Stunde in die Stille des Parkes. Was für eine Ruhe!

Noch nichts erzählt habe ich von Heidi, dabei ist sie eine der auffallendsten Persönlichkeiten hier. Sie muss Ende 20 sein, hat hellblaue Augen und dichtes, gelocktes, blondes Haar, das ihr fast bis zur Hüfte reicht. Meist ist es jedoch ungewaschen und auf dem Kopf zusammengedreht. Heidi kommt mit sich und der Welt nicht klar, ihr Gehirn scheint von Drogen geschädigt, oft ist sie stark aggresiv. Sie streitet fast mit jedem, laut. Mich verwechselt sie hin und wieder mit ihrer Mutter und beschimpft mich. Am ersten Tag habe ich Angst vor ihr, dann fange ich an ihr Verhalten zu begreifen. Heidi ist sehnsüchtig nach Liebe und Anerkennung, die sie von niemanden erhält. Ihre Mutter, ihr Mann haben sich wegen ihres Verhaltens von ihr zurückgezogen. Sie stürzt ab, lebt auf der Straße, wohnt nächtens bei unterschiedlichsten Männern. Wie ihr hier geholfen werden soll weiß sie nicht, auch sie soll hier medikamentös eingestellt werden. Heidi ist auch hier schon handgreiflich geworden. Daraufhin wurde sie vorübergehend an’s Bett fixiert. Sie hat versucht die Fesseln mit einem Feuerzeug durchzubrennen. Großes „Theater“ folgte. Ich habe eine Haarpflegecreme und einen schwarzen Samthaargummi dabei, beides schenke ich ihr. Kurze Zeit später kommt sie ordentlich gekämmt aus ihrem Zimmer. Für einen Moment wirkt sie glücklich. Ein paar Minuten später streitet sie laut mit einer anderen Patientin.

Matthias hat mir erzählt, wir sehr ihn der „Professor“ mit seiner Unruhe auf die Nerven geht, er wünscht sich für ein paar Stunden allein zu sein in dem gemeinsamen Zimmer. Am Wochenende habe ich den „Professor“ mit einer älteren Frau in der Cafeteria gesehen. Nach dem Mittagessen spreche ich ihn an. „War die Frau deine Mutter?“ Mit blauen Kinderaugen schaut er mich an und sagt:“Ja.“ „War es schön, dass sie da war?“ Wieder ein Kinderaugenblick…“Ja.“ Ich frage ihn, ob er mit mir in den Garten kommt. „Ja.“

In den Garten nimmt er eine technische Zeitschrift mit. Er erklärt mir, plötzlich fließend sprechend, Nutzen und Nachteile von Elektroautos. Er ist hier weil er seit 2015 Wahnvorstellungen hat und von Zwangshandlungen getrieben wird. „Dauend muss ich aufstehen, bin ich aufgestanden, muss ich mich wieder hinlegen. Das macht mich verrückt.“ Ich rate ihm, die Sonne zu genießen. „Ja.“ sagt er. Ich rücke ihm einen Stuhl in die Sonne, er setzt sich hin und versinkt in seiner Zeitschrift. Bald sitzt er wieder im Schatten, anfangs rücke ich ihm seinen Stuhl weiter in die Sonne, nach einer Weile macht er das selbst. Er genießt die Sonne, sitzt jetzt öfter draußen. Matthias kann sich entspannen, das Verhältnis zwischen den beiden Männern lockert sich zum Positiven.

Es gäbe von vielen Patienten noch zu berichten. So von der 67jährigen, ehemaligen Kindergärtnerin die hier ist, weil sie ihren Mann mit einem Messer tätlich angegriffen hat, nachdem er sie jahrelang mit allen Sogen und allen anfallenden täglichen Arbeiten allein gelassen hat. Die Frau ist aggresiv, schimpft über jeden und alles. Komme ich ihr mit einem freundlichen Wort und Achtung ihrer Person entgegen, verwandelt sie sich in einen freundlichen, liebevollen Menschen. Zumindest für einige Zeit.

Oder von den vielen Patienten die hier sind und durch ihre Depression und die ihnen gegebenen Medikamente dazu gebracht werden, nur noch zu den Mahlzeiten aufzustehen und ihr Bett zu verlassen.

Für mich wird es jedoch Zeit, diesen Abschnitt meines Lebens abzuschließen. Auch werden die hygienischen Verhältnisse auf dieser Station mit jedem Tag schwerer für mich persönlich aushaltbar.

Am Montag bitte ich zur Visite um meine Entlassung am nächsten Tag. Dem wird sofort statt gegeben, es herrscht großer Bettenmangel, ständig kommen neue Patienten.

Bis dahin hatte ich keine weiteren Gespräche mit einem Arzt oder einem Psychologen. Ich wurde in meiner angestrengten Situation von niemanden beraten, es gab keine Vorschläge zu weiterhelfenden Behandlungen.

Bis 10.00 Uhr muss man am Tag der Entlassung auf der Station bleiben, nur so kann das Krankenhaus das Bett 2x abrechnen. Ich kann erst gegen 14.00 Uhr abgeholt werden, darf aber auf Station warten. Meinen Schrank und mein Bett muss ich schon morgens räumen, es wird sofort wieder belegt. Nach dem Mittagessen wollte ich eigentlich noch Zeit mit den anderen verbringen. Als eine Frau des Küchenpersonals eine alte Frau laut anschreit, weil diese während der Essenausgabe um eine Tasse Milch bittet, die es nur zum Frühstück gibt, muss ich hier weg. Ich warte im Garten bis mein Mann kommt. Von den meisten Patienten habe ich mich schon verabschiedet. Jaqui habe ich das gebracht, was ich noch an Hygieneartikeln des täglichen Bedarfs bei mir habe. Sie schaut mich an als wäre Weihnachten.

Als mein Mann kommt, gehe ich nocheinmal auf die Station, um mein Gepäck zu holen.

Hinter der geschlossenen Tür stehen Matthias und Lutz, sie warten auf mich, um mir Auf Wiedersehen zu sagen.

Matthias drückt mich sachte und lächelt.

Lutz nimmt mich ganz fest in seine Arme und sagt:“Danke. Für alles.“

Danke habe ich zu sagen.

Für euer Vertrauen in mich.

Für euere ungebrochene Hoffnung.

Für euere Menschlichkeit.