Archiv der Kategorie: Menschen

Zum Tag oder der Beginn der Wahrheit oder trotz Alledem

Wie kann im Kleinen geschehen, was im „Großen“ nicht geht?

Wie soll ein Land regierbar sein, wenn ein Großteil der Bürgerschaft nicht wahr genommen wird.

https://youtu.be/CDq4K36D1TA

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Erinnerungen – mein toter Vater

Für meinen Vater, der heute 85 Jahre alt werden würde.
Erinnerungen – mein toter Vater – eine mit Nachsicht aufrechnende Abrechnung.

Verlust ist es und der Schmerz um die Sinnlosigkeit dieses, das sind die überwiegenden Gefühle, wenn ich an meinen Vater denke, der mich als ich 6 Jahre alt war, durch Selbstmord verlassen hat.

An seine Zahnarztpraxis schloss sich unsere Wohnung. Vom großzügigem Wohnzimmer ging eine Tür direkt in sein Sprechzimmer. Für meine Mutter war das ideal, sie arbeitete mit in seiner Praxis. Mir fiel es schwer, mich nur einen Augenblick von meiner Mutter zu trennen. Immer wollte ich in der Nähe dieser schönen, weichen Frau sein. Für meine Mutter muss meine Klammerei anstrengend gewesen sein. Sie war damals eine lebenslustige Frau. Einmal ging sie allein mit ihrer Sportgruppe aus, meine große Schwester schlief, ich lag bei meinem Vater auf dem Sofa und schrie wie wild. Immer daselbe. Ich will zu meiner Mama! Mein Vater hat am Anfang versucht mich liebevoll zu beruhigen, er hat auf mich eingeredet, mich den langen Flur unserer Wohnung und auch noch den der Praxis entlang getragen. Mit nichts war ich zu beruhigen. Ich will zu meiner Mama! Am Ende hat er die Geduld verloren, mir ein Sofakissen auf’s Gesicht geworfen und gesagt, schrei da rein. Diese Geste hat mich von ihm entfernt, ich hörte auf zu schreien, aber nur aus Furcht vor diesem wütenden, großen schwarzhaarigem Mann mit den stechend blauen Augen. Irgendwann kam meine Mutter und für mich war aller Schmerz wieder gut.

Meinen Vater habe ich nur in einem weißen Kittel in Erinnerung. Von Fotos weiß ich, dass er immer gut gekleidet war. Beliebt wegen der Qualität seiner Arbeit war er und hatte einen großen Freundeskreis. Die kurzen Erinnerungen die ich an ihn habe, liegen fast alle in seiner Praxis. Einmal wünschte ich mir ein kleines Spielzeughäschen. Mit einem Schlüssel konnte es aufgezogen werden und begann dann sich im Kreis zu drehen. Es musste wunderbar sein, einen solchen Spielkameraden zu haben. Lange habe ich davon erzählt. Eines späten Nachmittags sagte meine Mutter ich solle in’s Sprechzimmer kommen, mein Vater hätte eine Überraschung für mich. Mein Häschen! Er hat mir mein Häschen gekauft! Ich sauste durch die nur mit Erlaubnis zu benutzende Wohnzimmertür zu ihm. Er hielt mir einen kleinen Hasen hin, der nicht im entferntesten mein tanzendes Wunschtierchen war. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich hatte ihm das Spielzeug genau beschrieben, es mir zu einem Anlass erbeten. Heute war ein normaler Wochentag, aber so veralbern musste er mich doch nicht! Traurig war ich, wie es ist, wenn ein Wunschtraum nicht wahr wird. Plötzlich ein Geräusch, ich drehte mich um und da war er, mein tanzender Hase. Direkt vor mir, er tanzte auf mich zu und ich bald überglücklich mit ihm. Mein Vater hatte einen Scherz gemacht. Nie habe ich solche Art von Scherzen gemocht und den bekommenen Hasen nicht geliebt.

Sehe ich diese Zeit aus heutiger Sicht, versuche ich durch diese Geschichten meinen Vater mir nah zu bringen. Er war ein begabter Mensch, interessiert, klug. Während seines Studiums erlernte er zusätzlich das Segelfliegen. Er war interessiert an Literatur und besaß eine umfangreiche Sammlung von Büchern, die er auch gelesen hatte. Einen Doktortitel besaß er und war kunsthandwerklich tätig. Verheiratet mit einer schönen Frau die ihn liebte, hatte er zwei gesunde Kinder. Zwar sollte ich lieber ein Junge sein, oft erzählte er mir, wenn du ein Junge gewesen wärst, hätte ich uns eine große Eisenbahnanlage gekauft, da du ein Mädchen bist haben wir uns für ein neues Auto entschieden. Aus solchen Erinnerungsfetzen versuche ich mir ein Bild eines Mannes zu machen, der all das später nicht mehr leben wollte.

Erst viele Jahre später, beim Tod meines Großvaters, als meine Großmutter einige Tage bei uns verbrachte (mein Vater war da schon Jahre tot), erfuhr ich durch Zufall, dass mein Vater eine Pflegekind war, der sich erst mit 18 Jahren von seinen Pflegeeltern (meinen Großeltern) hat adoptieren lassen. Ich hatte in’s Stammbuch geschaut und einen anderen Nachnamen als unseren entdeckt. Hattest du noch ein Kind, fragte ich meine Großmutter und wo ist es. Ja sagte meine Großmutter und…es ist auch tot. Meine Mutter hat mir kurz den Zusammenhang erklärt, dann wurde darüber nicht mehr gesprochen.

Ist es also die verlorene Identität gewesen, die meinen Vater nicht leben ließ? 

Erinnerungen habe ich an laute Streiterein meiner unternehmungslustigen Eltern. Sie gingen oft aus, kamen sie heim, gab es manchmal laute Streiterein. Ich habe mich aus meinem Bett geschlichen und hinter der Tür versteckt. Lauschend bin ich dort eingeschlafen und von den Eltern erst entdeckt worden als sie zu Bett gingen. 

Einmal hatte sich mein Vater mit dem Auto in der Garage eingeschlossen, den Motor laufen lassen und versucht, sich dadurch zu töten. Meine Mutter hat die Garagenfenster eingeschlagen und ihn damit gerettet und beruhigt. Warum diese Situation keine klärenden Handlungen nach sich zog, ist mir bis heute nicht bekannt. Nachbarn waren aufmerksam geworden, meine Mutter hätte alamiert gewesen sein müssen, mein Vater hätte eine Behandlung notwendig gehabt. Nichts geschah, das Leben lief seinen Trott weiter.

Ich war damals zu klein, um eingreifen zu können. Meine Mutter spricht nicht über diese Zeit. Inzwischen gönne ich ihr den Abstand und die Ruhe die sie dadurch gewonnen hat. Ich werde sie nicht mehr fragen und ihre Ruhe zerstören, um meine zu finden.

Erinnerungen – Vom Leben und vom Sterben

Erinnerungen – Vom Leben und vom Sterben

1987 arbeite ich das 3. Jahr in meinem Beruf als Krankenschwester.
1981 habe ich die dreijährige Ausbildung an einer Fachschule begonnen, die ich 1983, der Geburt meiner Tochter wegen, für ein halbes Jahr unterbreche und 1984 erfolgreich abschließe.
Die Wahl dieses Berufes ist dem dringlichen Wunsch meiner Mutter geschuldet.
Nach dem Tod meines Vaters war sie der festen Überzeugung, ein krisensicherer Beruf, der ein alleiniges Auskommen sichert, sei die einzig richtige Entscheidung. Dazu der Abschluß einer Fachschule, die in anderen Berufen nur mit Abitur möglich ist, das ich nicht habe.
Meine ursprünglichen Gärtnerberufswünsche waren dagegen schwer durchzusetzen.

Alle Krankenschwestern in der DDR  wurden gelenkt.
Das bedeutete, für die ersten fünf Jahre nach Beendigung der Fachschulzeit durfte der Arbeitsort nicht frei gewählt werden. Nach Anforderung und Bedürfnis der einzelnen Einrichtungen wurde delegiert.
Mein Einsatzort war für ein Pflegeheim vorgesehen.
Dort habe ich während der wechselnden praktischen Einsätze gearbeitet.
Die real herrschenden Zustände, die ich bewusst wahrgenommen habe, standen im Gegensatz zu meiner persönlichen Meinung.
Lange Frühstücksrunden des Pflegepersonals waren üblich. Klingelte ein Patient, waren ausschließlich die Schwesternschülerinen an der Reihe aufzustehen und den Patienten aufzusuchen.
Viele Patienten wollten einfach auf Toilette oder den Schieber gebracht werden.
Erfüllte die Schwesternschülerin diesen dringenden Wunsch, durfte sie sicher sein, eindringlich darauf hingewiesen zu werden, das dies die „Erziehung“ der Patienten beeinträchtigt. Wofür gibt es schließlich “ Schieberzeiten „.
Ich habe mich in dieser Einrichtung nicht einarbeiten können, die Vorstellung fünf Jahre dort arbeiten zu müssen, war mir schrecklich.
Mein Hauptstammhaus und die Notaufnahmestation, in der ich regelmäßig arbeitete, wussten meine Fähigkeiten zu schätzen. Der Stationspfleger hat durchsetzen können, dass ich auf und für diese Station arbeiten durfte.
Nachdem 1983 meine Tochter geboren war, wurde mir 1984 gestattet, in das Krankenhaus an meinem Wohnort zu wechseln.
Nach Wiederaufnahme meiner Ausbildung, stand ich sehr früh auf und brachte meine Tochter in die Kinderkrippe. Diese öffnete 6.00 Uhr.
Mein Bus ging 6.05 Uhr. Oft habe ich mein kleines Mädchen für eine kurze Zeit allein auf der Bank im Korridor zurück lassen müssen, weil die Erzieherin noch nicht da war, ich aber den Bus erreichen musste.
Dienstbeginn war 6.00 Uhr, ich durfte ihn auf 6.45 Uhr verlegen, da ein eheres nehmen des Buses für mich einfach nicht möglich war.
Freunde habe ich mir damit keine gemacht.
Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt zum Studium in Berlin, er konnte uns nicht helfen.
Diese Situation besserte sich für alle Beteiligten, als ich auf die Wachstation des Krankenhauses meines Wohnortes wechseln durfte.
Schnell hatte ich mich eingearbeitet und meine praktische Abschlußprüfung mit sehr gut bestanden.
Mein Wunsch war weiter dort zu arbeiten.
Bis zur Rückkehr meines Mannes vom Studium wäre das nur im Frühdienst möglich gewesen, danach im 3-Schicht-System.
Die vorübergehende Arbeit in einer Schicht wurde mir nicht gestattet.

Ich werde in die Poliklinik umgelenkt.
Die Voraussetzung dafür ist die ständige Teilnahme am Notfalldienst in der Notaufnahme des Krankenhauses.
Das bedeutet, ich gehe früh zum Dienst in die  Poliklinik, danach gegen 16.00 Uhr meine Tochter abholen. Diese bringe ich zu meiner 1908 geborenen Großmutter, in deren Haus wir leben. Dann gehe ich in die Notaufnahme und arbeite dort bis zum nächsten Morgen. Am darauf folgenden Morgen hole ich meine Tochter und bringe sie in die Kinderkrippe, gehe dann zum regulären Sprechstundenalltag in die Poliklinik. Das zweimal im Monat. Einmal davon ist ein Wochenende, mein Mann kann dann unser Kind betreuen.
Das ist zu schaffen.
Der Notfalldienst der diensthabenden Schwester im Krankenhaus bedient mehrere Aufgabenbereiche.
Alle während des Abends und der Nacht ankommenden Patienten finden in ihr erste Anlaufstelle.
Ich fordere den zuständigen Arzt an.
Innere Medizin, Gynäkologie, Chirurgie, je nach Erkrankungsbild.
Vieles wird vom zuständigen, diensthabenden Arzt erledigt, der nebenher das gesamte, nächtliche Krankenhaus betreut. In schwierigen Fällen wagt er den zuständigen Oberarzt der entsprechenden Abteilung zu Rate zu ziehen. Dieser schläft entwender im Krankenhaus oder kommt nach Anruf von zu Hause.
Brüche, Reputationen, Nähen von Wunden, Alkoholwertbestimmung von Verkehrssündern sowie kleinere Unfälle und deren Versorgung werden in der Notaufnahme sofort behandelt.
Tagelange Magenbeschwerden, die nachts anfangen behandlungsbedürftig zu werden, ebenso.
Das rege Treiben wird durch das Klingeln des Telefons noch aufreibender.
Damals gab es einen nächtlichen Hausbesuchsdienst der Allgemeinmediziner. Der im Krankenhaus eingehende Anruf wurde zur diensthabenden Schwester umgeleitet, welche die Notwendigkeit zu beurteilen hatte und dann einen dafür im Bereitschaftsdienst befindlichen Fahrer weckte und ihn losschickte, den in dieser Nacht zuständigen Arzt zu holen und zum Patienten zu bringen. Vorher musste der Artzt selbst natürlich auch per Anruf geweckt und informiert werden.
Ein ausfüllender Aufgabenbereich.

1987 habe ich einen solchen Dienst.
Der Tag in der Poliklinik war lang. Bis zu 120 akute Patienten wurden behandelt, in Grippezeiten mehr. Ohne Computer und Drucker waren Bescheinigungen per Hand auszufüllen, Statistiken zu führen, Verbände und Spritzen zu erledigen, Blutentnahmen zu machen. Akten mussten für die nächste Sprechstunde vorbereitet werden, Instrumente sterilisiert und Marterialien bestellt werden.
Tochter und Großmutter sind zusammen zufrieden, meinem Mann schreibe ich einen Brief in einer freien Minute, anrufen kann ich ihn nicht. Telefonanschlüsse sind eine rare Sache in der DDR.
Den diensthabenden Arzt kenne ich, er ist noch Arzt im Praktikum, wir haben dieselbe Heimatstadt.
Es ist ein ruhiger Dienst in der Woche und im schneearmen Winter.
Glatteisunfälle mit Brüchen, Alkoholunfälle wie am Wochenende, Gartenunfälle sind kaum zu erwarten.
Nach 24.00 Uhr werde ich über die Ankunft einer Patientin im Krankenwagen informiert.
Die alte Dame ist bekannt. Finales Krebsstadium.
Wegen dringend notwendiger Bauarbeiten ist die Notaufnahme verlegt.
Sie befindet sich vorübergehend im septischen OP.
Das Schwesternzimmer wird neu gestrichen, nicht neu möbiliert. Auch nach der Sanierung wird es bei einem alten Sofa zum Schlafen und einem Waschbecken zur Hygiene nach einem langen Tag bleiben.
Vorrübergehend hält sich die diensthabende Schwester im nachts ungenutzten Zimmer der Oberschwester auf. Ausgestattet mit schmaler Liege und noch kleinerem Waschbecken.

Über den Fahrstuhl bringt mir der Rettungswagenfahrer die ausgemergelte Patientin.
Sie ist apathisch, aber ansprechbar.
Der septische OP ist ein kleiner, gefliester Raum.
Auf den darin befindlichen OP-Tisch lagere ich mit Hilfe der Krankenfahrer die schmale Gestalt der alten Frau, die ein Nachthemd und einen Morgenmantel trägt.
Schon als der Anruf mit der Ankündigung des Transportes kam, habe ich den diensthabenden Arzt informiert.
24.00 Uhr hat er die zu erledigenden i.v. Spritzen bei den stationären Patienten gemacht und gehofft, danach schlafen zu können.
Kurz nach meiner telefonischen Mitteilung, dass die Patientin eingetroffen ist, kommt er.
Müde wie ich sieht er aus.
Der fensterlose Raum ist kühl.
Mir ist die Patientin aus vergangenen Sprechstunden bekannt, kurz schildere ich ihre Grunderkrankung und übergebe den Notarztbericht.
Vor uns liegt eine alte, unheilbar kranke Frau, deren Zustand sich sichtbar verschlechtert.
Krebs – im finalem Endstadium.
Ihr Körper ist krankheitsgezeichnet schwach. Es besteht u.a. akuter Flüssigkeitsmangel.
Ihr Herz-Kreislauf-System steht kurz vorm endgültigen Zusammenbruch.
Sie atmet kurz und schnappend.
Immer noch ist sie ansprechbar.
Der Versuch des jungen Arztes einen Venenzugang in der Ellenbeuge oder am Handgelenk zu legen, scheitert.
Er probiert es weiter.
Die Venen an den am Besten zugänglichen Stellen sind versackt.
Ich stehe am Kopf der Patientin. Alle notwendigen Utensilien für den Arzt habe ich in der Wartezeit auf die Ankunft der Patientin routinemäßig bereitgelegt.
Das schmales Gesicht der todkranken, alten Frau ist von Falten und Altersflecken gezeichnet. Die Augen sind geschlossen. Unter den Lidern nehme ich Bewegungen war.
Es ist ein leidendes, sterbebereites Antlitz auf das ich schaue.
Meine junge, schmale Hand streicht über das Haar der alten Frau. Ihr Kopf scheint sich in die Bewegung der warmen Hand zu schmiegen.
Der erneute Versuch einen Venenzugang an der Hand zu legen scheitert.
Der junge Arzt ist ein bedachter Mann. Er hat diesen Beruf gewählt, um zu helfen, um Leben zu erhalten. Er ist geschickt, er ist klug. Ihm ist beigebracht worden wie man Leben erhält, dieses hart erlernte Wissen versucht er umzusetzen.
Die Patientin vergeht immer mehr.
Ich nehme meine Hand von ihrem Kopf und umschließe damit die ihrige, die sich – wie ihr gesamter, schwacher Körper – einer Weiterbehandlung zu entziehen scheint.
Eindringlich bitte ich den Arzt die Behandlung abzubrechen.
Vertieft in seine lebenserhaltenden Maßnahmen nimmt er das nicht wahr.
Der Hals der Patientin ist faltig und ausgetrocknet, eine Punktion der dort befindlichen Blutgefäße nicht möglich.
Um an die im Hüftbereich befindlichen Venen zu gelangen, muss das Nachthemd der alten Frau hochgeschoben werden. Es entblößt die abgemagerten Schenkel eines Körpers dessen Lebenszeit abgelaufen ist.
Der junge Arzt im Praktikum setzt als letzten Versuch dort eine Venenpunktion an, die gelingt.
Die Hand der Patientin liegt nach wie vor in meiner.
Es ist kein Druck zu verspüren, als ihr Kopf im Sterben leicht zur Seite fällt.
Die Patientin ist tot.

Auf Wiederbelebungsmaßnahmen verzichtet der Arzt.
Er setzt sich, ich bedecke die Tote und räume auf.
Gemeinsam legen wir sie auf eine bereitstehende Trage, am Morgen wird sie der Hausmeister in den Leichenkeller bringen.

Wir gehen in  meinen benachbarten Aufenthaltsraum.
Mein trauriges Gesicht entgeht dem jungen Mann nicht.
„So erschrocken über den Tod ?“ fragt er mich.
Nun setze auch ich mich und frage ihn nach dem Sinn seines Handelns.
“ Ich bin Arzt, ich habe zu helfen, den Tod zu verhindern. “
Wir haben uns in dieser Nacht lange unterhalten, ohne einen gemeinsamen Nenner gefunden zu haben.

Erinnerungen – meine unbekannten Großeltern

Für meine Mutter

Kann man sich an jemanden erinnern, den man persönlich nicht kennt?
Ich versuche es.
Der Vater meiner Mutter starb vor meiner Geburt, ihre Mutter in meinem ersten Lebensjahr.
Versuche ich ein Bild von ihnen in meinem Kopf abzurufen, taucht nur ein Schwarz-Weiß-Foto auf.
Im Vordergrund einer Gesellschaft sitzt ein Paar Menschen, frühzeitig gealtert, schmale Körper. Abgenagt empfinde ich ihr Aussehen.
Ohne direkten Kontakt neigen sie sich einander zu.
Das Haar der Frau ist streng zurück gekämmt, so wie ich es oft trage.
Komme ich mit dieser Frisur zu meiner Mutter, fällt immer der Satz: „Du siehst aus wie meine Mutter.“
Das ist fast der einzige Satz den meine Mutter über ihre Eltern macht.
Nicht weil sie vergessen sind, sondern weil der Schmerz mancher Verluste niemals abschwächt, ein nicht Erwähnen lebensnotwendig wird, um eben zu überleben.
Verluste hat meine Mutter viele gemacht, mehr als ein Mensch erleben sollte.
Niemals hat sie ihren Überlebenswillen verloren, wenn auch die Heimat und die Eltern und zwei Mal den Mann. Das geschieht vielen, damit muss man leben, ohne das Lachen zu verlieren.
Jetzt, da sie über 80 Jahre alt ist, wohnt das Lachen in Form der Schaukelinhaberin drei Häuser neben ihr und söhnt sie aus.

Meine Großeltern stammen aus Schlesien.
Aus dem kleinem Dorf Teichenau, dem heutigen Bagieniec.

Zirka 200 Menschen lebten dort. Deutsche und Polen, beide Sprachen wurden gesprochen. Schlesien hat eine wechselhafte Geschichte.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bagieniec

Zwischen 1976 und 1979 besuche ich gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Stiefvater zwei Mal den Ort.
Noch leben Bekannte dort, die man besuchen kann.
Meine Mutter zieht es in ihre Heimat, mein Stiefvater fährt nur ihr zuliebe mit.
Er war deutscher Soldat, er hat in Rußland im Krieg kämpfen müssen, steht gefühlt immer noch auf deutscher Seite. Seine dramatischen Erlebnisse wird er nie verarbeiten. 30 Jahre später werden sie ihn jede Nacht einholen. Im Schlaf schlägt er schwer träumend so heftig um sich, dass ein Schlafen im gemeinsamen Bett nicht mehr möglich sein wird.
Mir ist die überflutende Gastfreundschaft der Leute in Erinnerung geblieben.
Essen und schlafen, für die willkommenen Gäste vom Besten, was das Haus zu bieten hat.
Endlose Waldwege, der Wald selber voller Him- und Heidelbeeren. Auf frisch gebackenen Waffeln kann man sie in der nächsten Stadt, gesammelt von fleißigen Händen, kaufen – dick mit Sahne bestrichen.
Der Dorfteich, in der Mitte des Dorfes, ist nur von Enten zum Schwimmen genutzt. Als ich in ihm baden gehe bin ich die Dorfsensation.
Wir laufen zu Fuß weitere Bekannte besuchen.
Durstig bin ich.
Aus der langgezogenen Tülle eines Kruges bekomme ich Quellwasser eingeschenkt.
Es ist so süß, frisch und klar, dass ich seinen Geschmack noch immer in Erinnerung habe.
Unsere Gastgeber haben eine Schweinezucht. In dem alten Stall geht alles nur mit aufwendiger Handarbeit.
Beim zweiten Besuch ist der Stall modernisiert und automatisiert.
Die Liebe zu ihm ist nicht mitgewachsen.
Vom Fortgehen nach dem Westen Deutschlands ist die Rede, schon lange.
Leichtere Arbeit, besseres Leben versprechen sich die Menschen.
Anfang 1980 verwirklichen sie diesen, ihren Plan und siedeln nach Deutschland um.
Als wir heim fahren, kommen wir an wogenden Kornfeldern vorbei.
In der heißen Mittagssonne liegen die Bauern im Schatten großer Bäume und gönnen sich die wohlverdiente Mittagspause.
„So sind die Polen.“ sagt mein Stiefvater.
Heute wie damals teile und verstehe ich diese Aussage nicht.
Die Heimfahrt ist die Letzte aus der Heimat meiner Mutter für mich.
1980 schließt die DDR die visumfreie Einreise nach Polen.
Zu groß ist die deutsche demokratische Angst vor den dort beginnenden Veränderungen.
Lange bleibt zwischen meiner Mutter und mir ein Schweigen über die Erlebnisse der Umsiedlung der deutschen Bevölkerung nach Kriegsende aus Schlesien, das nun zu Polen gehört.
Meine Mutter nennt diesen Vorgang Vertreibung.
Als ich mich selbst im Leben zurecht gefunden habe und auch von ihr sicher weiß, dass sie ausgesprochene Erinnerungen ertragen kann, frage ich sie danach.
Die Schaukelinhaberin auf ihrem Schoß haltend, erzählt sie hastig, als wollte sie das alles schnell hinter sich bringen.

„Teichenau war ein kleines Dorf. Das Bürgermeisteramt lag in Kreuzhütte, heute Kryzamowice.
Vor dem Krieg arbeitete mein Vater in Richterstal, heute Zdziechowice. Dort war er auf dem Gut angestellt.“
Der Vater ist ein heimatverbundener Mann, der seine Familie liebt.
Als die Arbeitslosigkeit um sich greift, wird auch er davon betroffen.
Hitler’s Bau der Autobahnen bringt Abhilfe und der Vater schachtet die zukünftigen Kriegswege, um seiner Familie den Lebensunterhalt zu sichern.
Als der Krieg beginnt, wird er nicht eingezogen. Im ersten Weltkrieg verletzt, wird er als kriegsuntauglich zurückgestellt.
Dafür muss er nach Hamburg gehen, in einer Munitionsfabrik Kriegsersatzdienst leisten.
Die Mutter will mit den Kindern nach, der Vater verhindert das.
Ihn treibt die Sehnsucht nach dem heimischen Dorfleben um, ruhiger wird er nur, wenn er aller paar Wochen heim kann, seine Familie besuchen.
Das stille Leben auf dem Dort und die Heimat weiß er zu schätzen, legt seiner Frau nah dort zu warten. Sie gibt dem nach.
Nach dem Abriß der alten Wohnhäuser lebt die Familie meiner Mutter zur Miete bei einem Bauern.
Sie schlachten gelegentlich ein selbstgezogenes Schwein und sichern damit ihre Ernährung.
In den ersten Wochen des Jahres 1945 ist Deutschland dabei den grausamen Krieg zu verlieren, Schlesien wird wenig später an Polen fallen.
Die Russen sind im Anmarsch, die Angst vor ihnen ist überall.
Als der Bruder meiner Mutter auf Soldatenurlaub kommt, bringt er die Nachricht mit – alle Deutschen müssen weg.
Der Vater ist wegen Krankheit zu Hause bei der Familie, nur die älteste Schwester ist in Deutschland, auch sie in einer Munitionsfabrik arbeitend.
Die Familie beschließt nach Landsberg, heute Gorzow Slaski, zu gehen, um einen der letzten Züge zu bekommen.
Der Bruder hatte ein Leben in der Heimat geplant, er will sich von Freunden verabschieden, bei denen er zeitweise gelebt hat und die ihm eine Bäckerlehre ermöglichen wollten. Lange war er krank und schmal, wer wenn nicht ein Bäcker hat Brot zu essen.
Sie übereden ihn, sich mit seiner Familie ihrem Tross anzuschließen und die Flucht mit einer Pferdekutsche zu wagen.

Über die Tschechei wollen sie nach Bayern.
Am 18.Januar 1945, dem Geburtstag der Mutter meiner Mutter, setzen sie sich in Bewegung.
Die Fahrt verzögert sich der vielen Flüchtenden wegen, tagelang stehen sie im Stau.
Inzwischen ist die russische Armee angekommen.
Die Flüchtenden verstecken sich im Wald, bis die Russen durchgezogen sind.
Hinter sich lassen sie gesprengte Brücken, eine Weiterreise wird unmöglich.
Der Vater erkundet verlassene Häuser, in denen sich die Familie bei ihrer Rückkehr versteckt.
14 Tage lang irren sie umher, bis die Russen sie entdecken.
Sie beschlagnahmen die Pferde und fast alles private Eigentum.
Das 10jährige Kind, das meine Mutter damals war, muss zusehen, wie ein alter Mann, die Pistole an den Kopf gesetzt, seine Stiefel ausziehen und dem Russen geben muss.
Die nackten Füße in der Eiseskälte sind sein Überlebenspreis – für wie lange…
Was für Gedanken gehen –  dabei zusehen müssend – durch den Kopf eines katholisch erzogenen, kleinen Mädchens, dem gelehrt wurde, dem Alter mit Respekt zu begegnen?
Die Straßengräben liegen bald voller Leichen und Tierkadaver.
„Eine junge Frau lag im Straßengraben“ sagt meine Mutter leise, „ihr langes, blondes Haar flutete in den dreckigen Schnee. Sie war seit Tagen tot. Niemals werde ich sie vergessen.“
Dem Vater gelingt es ein einzelnes Pferd einzufangen, das letztes Gebliebenes tragen kann. Sich versteckend, bei Bauern kurzzeitigen Unterschlupf findend, schlägt sich die Familie zu Fuß zurück nach Hause durch.
Die Wohnung die sie vorfinden ist verwüstet.
Alle Habe draußen verstreut, die Gläser mit dem letzten Eingemachten vom geschlachteten Schwein aufgerissen, geleert, der restliche Inhalt im Haus verschmiert.
So gut es geht, richten sie sich für die nächsten Wochen ein.
Der Vater organisiert Essen, kümmert sich um herrenloses Vieh, auf das es nicht umkommt.
Ein viertel Jahr später vertreiben angesiedelte Polen die Deutschen.
Bis dahin erleben die Kinder wechselhafte, unruhige Tage.
Schulbesuch und Schulverbot folgen in regelmäßigen Anständen.
Schließlich kommen die Russen, treiben alles vorhandene Vieh zur Grenze, lassen kaum das Überlebensnotwendigste.
Bei Deutschen die noch ein eigenes Heim haben, findet die Familie meiner Mutter nochmals Obdach in der alten Heimat.
Im Sommer 1946 beschließt die polnische Kommandatur das entweder die polnische Staatsbürgerschaft angenommen werden muss oder ein Verbleiben nicht länger geduldet werden wird.
Die älteste Schwester, das letzte fehlende Familienmitglied ist auf gut Glück heimgereist und hat ihre zurück gekehrte Familie gefunden.
Alle sind zusammen und beschließen, Schlesien zu verlassen.
Am 10.November 1946 steigen sie gemeinsam in Landsberg in ein Viehwagenzugabteil, um nach Deutschland zu fahren.
Meine Mutter trägt dabei ein kleines Säckchen voller Salz.
Salz darf niemals ausgehen, sollen Glück und Wohlstand erhalten bleiben.
So nimmt sie das Glück in dieser Form mit und verliert es im Zug. Bei der Suche danach geht sie selbst verloren, findet die Familie jedoch wieder.
Dieses Erlebnis muss sie tief beeindruckt haben.
Nie, so habe ich von ihr gelernt, darf das Salzfass gänzlich leer werden, soll der Segen weiter auf dem Hauhalt ruhen.
Wenn ich heute noch penibel darauf achte, dass mein Salz nie alle wir, bin ich also meiner unbekannten Großmutter nah.
Nach langer Reise in Deutschland angekommen, lebt die Familie eine Zeit in einem Auffanglager im sächsischen Flöha.
Im Februar 1947 wird ihr ein Aufenthalt in der nahe gelegenen Stadt Frankenberg zugewiesen, die meine Geburtsstadt werden wird.

Während meine Mutter mir das erzählt, rollen vor ihrem geöffneten Fenster deutsche und amerikanische Militärfahrzeuge vorbei.

Die Amerikaner sind auf dem Weg zu einem Nato-Manöver in Estland und tanken in der nahe gelegenen Kaserne der Bundeswehr.
Nach dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag von 1990 dürfen zwar auf dem Gebiet der ehemaligen DDR keine ausländischen Truppen stationiert werden, wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel.
Die Bundeswehr selbst räumt großes Militärfahrzeug, um sich auf einen Besuch der Ministerin für Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland vorzubereiten.
Obwohl die Soldaten freundlich winkend grüßen, kann ich das Kriegsgedröhn nicht ertragen, schließe das Fenster und will nur noch heim in meinen Garten.
Hinten in einer stillen Ecke wächst eine alte Rose.
Der Vater meiner Mutter schenkte sie dem Vater meines Vaters zum Einzug in das neu gebaute Haus.
Sehe ich sie, bin ich meinem unbekannten Großvater nah.
Wie in jedem Jahr und als würde sie Zeit nicht kennen, streckt sie ihre Blütenknospen der Sonne und dem Regen entgegen.

Vorderfrauen

Kastanienfarben…

Vorderfrauen

als Vorderfrau nicht erwischt…Rotkäppchen

Vorderfrauen

Elsazopf

Vorderfrauen

Schlafende

Vorderfrauen

Wippendes…

Vorderfrauen

Schwungvolles