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Sonntagsmärchen

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Sonntagsmärchen

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Mark Twain: Prinz und Bettler – Kapitel 34

Navigation: Kapitel 34
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Wie Eduard zum dritten Male gekrönt wird.
Versetzen wir uns um einige Stunden zurück und treten wir um 4 Uhr des Morgens in die Westminster-Abtei. Wir sind nicht einsam, wiewohl es draußen noch dunkel ist. Die von Fackeln erleuchteten Galerien füllen sich schon mit Leuten, die es geduldig über sich bringen, sieben bis acht Stunden hier zu warten, um etwas zu sehen, was sie wohl nur einmal in ihrem Leben schauen können: die Krönung eines Königs.
Ganz London ist schon um 3 Uhr vom Kanonendonner jäh aus dem Schlafe aufgerüttelt worden und wogt nun von allen Seiten nach dem Münster hin.
Träge genug schleppen sich die Stunden dahin. Schon sind die Galerien vollgepfropft. Das können wir deutlich bei dem unbestimmten Licht erkennen. Nur das geräumige nordische Transept ist noch leer und harrt auf die Großen Englands. Inmitten des Chores erhebt sich der Königsthron. Vier Stufen führen zu ihm hinauf. Auf dem Thronsitz liegt ein roher flacher Stein, der berühmte Stein von Scone, worauf seit vielen Menschenaltern die schottischen Könige gekrönt wurden. So wurde er mit der Zeit ehrwürdig genug, um auch für englische Herrscher dem nämlichen Zwecke zu dienen. Thron und Fußschemel waren mit Goldstoff bedeckt.
Stille herrscht in den mächtigen Räumen, die Fackeln leuchten nur düster. Ermüdend langsam schleicht die Zeit dahin. Nach und nach bricht das Tageslicht durch die hohen Bogenfenster. Die Fackeln werden ausgelöscht und ein sanftes Morgenrot durchflutet die weiten Hallen. Deutlich erkennt man jetzt die einzelnen Teile der Kirche im rosigen Morgenschimmer.
Um 7 Uhr kommt Leben in das tiefe Schweigen. Mit dem Glockenschlage betritt die Gemahlin des ersten Reichsbarons das Transept, gekleidet wie Salomo in seiner Pracht. Sie wird von einem in Seide und Samt gehüllten Beamten an ihren Platz geleitet, während ein anderer die lange Schleppe der Dame aufhebt und ihr nachträgt. Dann stellt er der Dame einen Schemel vor die Füße und legt ihre kleine Krone an eine Stelle, wo sie dieselbe bequem erreichen kann, wenn die gleichzeitige Krönung des Adels stattfinden wird.
Jetzt strömen auch alle anderen Damen des Hochadels herein und werden ebenso zu ihren Sitzen geleitet. Nun gibt es für einige Zeit genug zu schauen. Dann aber tritt wieder Stille ein. Die Plätze der Damen im Transept sind alle besetzt. Wie eine diamantenblitzende Milchstraße erstrahlt es da vorne. Jedes Alter ist hier vertreten: braune, runzelige, weißhaarige Matronen, die sich noch an die Krönung Richards des Dritten und die damaligen bewegten Tage erinnern können; dann wieder blendend schöne Damen im blühendsten Alter; sanfte, liebenswürdige Mädchen mit glänzenden Augen und frischer Gesichtsfarbe, die kaum die glückliche Stunde erwarten können, da sie zum erstenmal ihr Krönchen sich aufsetzen dürfen. Das Haar aller dieser Damen hat die künstlerische Hand der Zofe so geordnet, daß es bequem die kleine Krone tragen kann.
Aber die Juwelenpracht kommt erst recht zur Geltung, als um 9 Uhr die letzten leichten Wölkchen am Himmel sich zerstreuen und ein schimmerndes Meer von Sonnenschein sich in alle Ecken der Kirche ergießt. Jetzt blitzen all die kostbaren Kleinodien in blendendem buntfarbigem Feuer. Ein staunendes Ah! der Überraschung und Entzückung durchfährt wie ein elektrischer Funke die weiten Galerien.
Nun erscheint ein Sondergesandter aus dem fernen Osten zugleich mit der Schar der fremden Botschafter und tritt ins Sonnenlicht. Der Atem stockt uns beinahe und die Augen schmerzen bei diesem Anblick. Von Kopf bis zu Fuß ist der Orientale mit Brillanten übersät. Die geringste Bewegung, die er macht, ruft ein neues vielfarbiges tanzendes Flirren und Funkeln hervor.
Wieder vergehen ein, zwei Stunden, dann dröhnt es gewaltig von Kanonendonner und verkündet das Nahen des Königs und seines Gefolges. Nicht lange währt es, und eine neue Flut von herrlich gekleideten Edelleuten strömt herein. Es sind die Großen des Reiches in ihren Prunkgewändern.
Auf den Galerien wird es lebendig. Aller Augen richten sich auf die Herzoge, Grafen und Barone da unten, von denen viele geschichtliche Bedeutung erlangt haben. Der König selbst erscheint noch nicht, da er vorerst umgekleidet werden muß. Alle übrigen haben unterdessen Platz genommen. Fürwahr! ein herrlicher Anblick ist es, die ganze große Versammlung vollständig zu sehen!
Zuletzt erscheinen die Kirchenfürsten mit Mitra und Stab. Sie schreiten würdevoll nach dem Chor und stellen sich dort auf. Ihnen folgen der Lord Protektor und andere hohe Staatsbeamte, begleitet von einer Abteilung der königlichen Wachen. Nun trat wieder eine Pause ein. Dann ward ein Zeichen gegeben und plötzlich durchbrauste rauschende Musik die lauschenden Hallen.
Tom Canty, in ein langes goldenes Gewand gekleidet, erschien an einer Tür und betrat den Chor. Die ganze Versammlung erhob sich von ihren Sitzen, und die Krönungsfeierlichkeiten begannen.
Ein Chorgesang ward angestimmt und Tom langsam zum Throne geleitet. Unter lautloser Stille der Zuschauer wickelten sich die Zeremonien ab. Tom aber wurde blasser und bleicher, je näher der Krönungsakt heranrückte. Ein tiefes Weh preßte ihm das reuevolle Herz zusammen.
Die Schlußhandlung kam. Der Erzbischof von Canterbury hob die Königskrone vom Kissen auf und hielt sie über das Haupt des zitternden Thronräubers. Im nämlichen Augenblick durchfuhr ein buntschillernder Blitz das geräumige Transept. Der ganze Hochadel ergriff zu gleicher Zeit seine Krönchen und setzte sich dieselben aufs Haupt.
Die tiefste Stille herrschte im Münster. In diesem Augenblick höchster Spannung erschien eine sonderbare Gestalt inmitten der Kirche und eilte durch das Mittelschiff dem Chore zu. Es war ein Knabe, barhäuptig, schlecht beschuht und in grobe Lumpen gekleidet, die in Fetzen herabhingen. Vor dem Chor angelangt, hob er seine Hand empor mit einer Feierlichkeit, welche zu seinem beschmutzten, elenden Äußeren nicht recht paßte, und rief warnend:
»Ich verbiete euch, die Krone Englands auf das Haupt eines Thronräubers zu setzen. Ich bin der König!«
Sofort wurde der kecke Eindringling von mehreren Händen gepackt. Aber ehe weiter etwas geschehen konnte, stieg Tom in seinen königlichen Gewändern vom Throne herab, trat rasch vorwärts und rief:
»Lasset ihn los und waget nicht, ihn zu berühren. Er ist der König!«
Erstaunen und Entsetzen ergriffen die Menge. Alles erhob sich und starrte verblüfft nach dem Chore. Niemand wußte, ob er seinen Sinnen trauen könne, ob er wache oder träume. Der Lord Protektor war ebenso überrascht wie alle anderen. Aber er faßte sich schnell und rief mit befehlender Stimme:
»Achtet nicht auf Se. Majestät! Seine Krankheit ist wieder über ihn gekommen. Ergreift den kleinen Vagabunden!«
Ohne Zweifel wäre man seinem Befehle nachgekommen, aber Tom stampfte mit seinem Fuß und drohte:
»Bei euerem Leben, rührt ihn nicht an! Er ist der König!«
Die ausgestreckten Hände zogen sich zurück. Eine Art Lähmung befiel die Anwesenden. Niemand bewegte sich, niemand äußerte ein Wort. Keiner wußte, was er sagen, was er tun sollte. Ein solcher Fall war noch nicht dagewesen. Während alle sich mühten, die Sachlage richtig zu erfassen, schritt der Bettlerjunge ruhig und in stolzer Haltung vorwärts und betrat den Chor, ohne daß ihn jemand zu hindern wagte.
Mit glückstrahlender Miene eilte Tom auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Kniee und sprach:
»O mein König, laßt den armen Tom Canty den ersten sein, der Euch Treue schwört und bittet: setzet Euch Euere Krone auf und tretet wieder ein in Euere Rechte!«
Der Lord Protektor schaute stirnrunzelnd auf den frechen Eindringling. Aber rasch wichen die Falten von seiner Stirn und machten einem Ausdruck höchsten Staunens Platz. Dasselbe ging bei den übrigen hohen Beamten vor. Sie blickten einander in stummer Verblüffung an und traten beinahe unbewußt einen Schritt zurück. Der Gedanke aller war der nämliche: »Was für eine ganz auffallende Ähnlichkeit!«
Der Lord Protektor dachte einen Augenblick nach und sagte dann mit zurückhaltender Achtung:
»Erlaubt mir, Herr, einige Fragen an Euch zu stellen.«
»Ich werde sie beantworten, mein Lord.«
Nun richtete der Herzog allerlei Fragen an ihn, über den Hof, den verstorbenen König und die Prinzessinnen. Der Knabe beantwortete alle richtig und ohne jedes Zaudern. Er beschrieb die Staatsgemächer im Palaste, die Gemächer des Königs und die des bisherigen Kronprinzen.
Er war sonderbar, nicht zu begreifen. Es konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Alle sagten sich das, die es hörten. Die Sache schien eine Wendung zu gunsten des kleinen Bettlers zu nehmen, als plötzlich der Lord Protektor den Kopf schüttelte und sprach:
»Das ist freilich ganz wunderbar. Aber unser König kann alle diese Fragen auch beantworten.«
Diese Bemerkung betrübte Tom sehr und seine Hoffnung sank.
»Es sind also immer noch keine Beweise«, fuhr der Protektor fort.
Eine Pause peinlicher Erwartung folgte. Toms Ansehen war erschüttert und die Ansprüche des anderen erschienen immer noch nicht stichhaltig. Am ärgerlichsten schien der Protektor selbst. Er dachte für sich: »Es ist gefährlich für den Staat und für uns alle, wenn wir dieses verhängnisvolle Rätsel ungelöst lassen. Es könnte einen Zwiespalt im Volke erregen und den Thron untergraben«. Er wandte sich um und befahl:
»Herr Tuner, verhaftet diesen … Nein, wartet noch!«
Sein Gesicht erhellte sich plötzlich. Ein erlösender Gedanke war ihm gekommen. Er fragte den zerlumpten Thronkandidaten plötzlich:
»Wo liegt das große Kronsiegel? Beantwortet mir dies, und das Rätsel ist gelöst. Denn diese Frage kann nur der wahre König beantworten.«
Das war ein glücklicher Einfall. Ja, niemand als der wahre Thronbewerber konnte dies schwierige Rätsel lösen. Wenn auch der freche kleine Eindringling seine Lektion gut eingelernt hatte, an dieser Frage mußte er scheitern, denn sein Lehrer selbst könnte sie nicht beantworten. Neugierige, spöttische und selbst boshafte Blicke richteten sich auf den zerlumpten Kleinen, der nun wohl in Verlegenheit geraten mußte. Aber nein, der Knabe schaute so vertrauensvoll drein wie immer, von Anfang an, und erwiderte:
»Das Rätsel ist gar nicht schwer zu lösen.«
Damit wandte er sich um und sagte mit der natürlichen, sicheren Ruhe eines, der zu befehlen gewöhnt ist:
»Mein Lord St. John, geht doch in mein Privatgemach im Palast. Niemand kennt sich ja dort so gut aus, wie Ihr. In der linken Zimmerecke gegenüber der Tür, die sich nach dem Vorzimmer öffnet, werdet Ihr an der Mauer einen goldenen Nagelkopf finden. Drückt darauf und der Deckel eines kleinen Geheimfaches wird aufspringen. Niemand weiß etwas davon, außer mir und dem verschwiegenen Handwerker, der mir das Fach machte. Das erste, was Euch darin vor die Augen kommt, wird das große Siegel sein. Bringt es hieher.«
Alle verwunderten sich über die Rede und mehr noch darüber, wie der kleine Bettler ohne jedes Zögern mit sicherem Blick diesen Hofbeamten herausfand. Dazu hatte er ihn mit einem so überzeugend ruhigen Ton angeredet, als wäre ihm der Lord Zeit seines Lebens bekannt gewesen. Der Reichsbaron war so verdutzt, daß er beinahe gehorcht hätte. Er machte sogar schon eine Bewegung, als wollte er gehen. Aber er besann sich noch rechtzeitig und nahm wieder seine ruhige Haltung an, als wäre er gar nicht angesprochen worden. Tom Canty schaute ihn an und sagte scharf:
»Was zögert Ihr? Habt Ihr den Befehl des Königs nicht gehört? Geht!«
Lord St. John entfernte sich mit einer tiefen, aber doch zurückhaltenden Verbeugung. Er machte sie auch nicht direkt vor Tom, sondern verteilte sie zwischen beiden Thronbewerbern. Es schien klar, daß er eine neutrale Haltung einzunehmen begann.
Nun machte sich unter den zurückgebliebenen Höflingen eine leise, kaum bemerkbare Bewegung geltend. Ganz langsam löste sich die glänzende Gruppe, die um Tom geschart war und zog sich in die Nähe des neuen Thronkandidaten, so daß Tom allmählich fast ganz allein dastand. Auch die wenigen, die noch zauderten, verzogen sich endlich und traten zur Mehrheit über. Schließlich stand Tom in all seinem Glanz und seinen Juwelen ganz verlassen da.
Lord St. John kehrte zurück. So groß war die allgemeine Spannung, daß selbst das leise Gemurmel verstummte, als man ihn das Mittelschiff heraufkommen sah. Atemlose Stille herrschte. Man hörte nichts als seinen hallenden Tritt. Er betrat den Chor, hielt einen Augenblick inne, schritt dann auf Tom zu und sagte mit tiefer Verbeugung:
»Majestät, das Siegel ist nicht dort.«
Nicht schneller weicht der Pöbel einem Pestkranken aus, als die Höflinge blaß und erschreckt von dem kleinen Bettler wichen. Im nächsten Augenblick stand er wieder allein da, eine Zielscheibe argwöhnischer, zorniger Blicke.
»Werft den Bettler auf die Straße und peitscht ihn durch die Stadt!« rief der Lord Protektor.
Offiziere der Wache sprangen vor, aber Tom winkte ihnen energisch ab und sagte:
»Zurück! Wer ihn auch anrührt, hat sein Leben verwirkt!«
Der Lord Protektor war baff. Er sagte zu Lord St. John:
»Suchtet Ihr auch genau? Aber das brauche ich doch nicht zu fragen. Die Sache geht über allen Begriff. Kleinigkeiten mögen ja abhanden kommen, aber ein gewichtiges, großes Ding wie das Siegel Englands kann nicht einfach spurlos verschwinden. So eine massige goldene Platte …«
Mit strahlenden Augen trat Tom einen Schritt vorwärts und rief:
»Halt! das genügt. War sie rund und dick? Waren Buchstaben und Devisen darauf eingegraben? Ja? O nun weiß ich, wo dieses Kronsiegel ist, um das soviel Lärm gemacht wird. Hättet Ihr es mir früher beschrieben, so wäre es schon längst wieder an seinem richtigen Ort. Ich weiß recht gut, wo es liegt. Aber nicht ich legte es zuerst dahin.«
»Wer denn, mein Fürst?« fragte der Protektor.
»Dieser hier, der da steht, der rechtmäßige König von England. Und er soll es Euch selbst sagen, wo es liegt. Dann werdet Ihr glauben, daß er dessen Versteck kennt. Besinnt Euch, mein König, strengt Euer Gedächtnis an. Es war das letzte, das allerletzte, was Ihr tatet, bevor Ihr in meinen Lumpen aus dem Palast forteiltet, um die Wache zu bestrafen, die mich gezüchtigt hatte.«
Tiefes Schweigen folgte. Keine Bewegung, kein Flüstern machte sich wahrnehmbar. Aller Augen waren auf den Bettlerjungen gerichtet, der mit gesenktem Kopf nachgrübelte. Half ihm sein Gedächtnis, so trug es ihm eine Königskrone ein. Ließ es ihn im Stich so war er ein geächteter Betrüger für alle Lebenszeit. Langsam schlichen die Sekunden, die Minuten dahin. Immer noch grübelte der Knabe vergebens. Endlich stieß er einen schweren Seufzer aus, schüttelte leise und unmutig den Kopf und sagte mit zitternden Lippen:
»Alles habe ich mir zurückgerufen, was damals vorging, aber an das Siegel kann ich mich nicht erinnern.«
Er hielt einen Augenblick inne, dann schaute er umher und fuhr mit ruhiger Würde fort:
»Meine edlen Herren, wenn Ihr Euern rechtmäßigen Herrscher seines guten Rechts berauben wollt, nur weil ich diesen Beweis nicht erbringen kann, so vermag ich es Euch nicht zu wehren, da ich machtlos bin. Aber …«
»O nicht so eilig, mein König!« rief Tom angstvoll. »Wartet doch! Denkt nach! Gebt es nicht auf! Noch ist nichts verloren! Und wahrhaftig, es soll auch nichts verloren sein! Hört auf das, was ich Euch sage; folgt jedem meiner Worte. Ich will Euch jenen Morgen wieder ins Gedächtnis zurückrufen, jede Kleinigkeit Euch in Erinnerung bringen. Also hört: wir plauderten zusammen. Ich erzählte Euch von meinen Schwestern Netty und Betty. Schön, das wißt Ihr also noch. Dann sprach ich von meiner alten Großmutter und den rohen Spielen der Burschen vom Unrathof. Nicht wahr, Ihr erinnert Euch? Gut; folget nur weiter. Ihr gabt mir zu essen und zu trinken und sandtet mit fürstlichem Takt die Diener weg, auf daß ich mich vor ihnen nicht zu schämen brauchte. Ah, auch das wißt Ihr noch.«
Und so fuhr Tom fort, alle Einzelheiten aufzuzählen. Der kleine Bettler nickte zu allem und die anderen Zuhörer starrten sich verwundert an. Die Erzählung klang so natürlich. Aber wie die beiden zusammen gekommen und wie sie die Rollen wechselten, schien allen unfaßbar. Mit gespanntem Interesse lauschte man dem Zwiegespräch.
»Zum Scherz tauschten wir die Kleider. Dann stellten wir uns vor einen Spiegel und bemerkten, daß wir uns beide so ähnlich sahen, als hätten wir gar keinen Wechsel vorgenommen. Nicht wahr, Ihr besinnt Euch? Schön; dann wurdet Ihr gewahr, daß die Wache mich an der Hand verletzt hatte. Seht hier! Ich kann immer noch nicht recht schreiben. Die Finger sind ganz steif davon geworden. Darauf sprang Euere Hoheit auf und wollte mich an dem Soldat rächen. Ihr eiltet zur Tür und ginget dabei an einem Tischchen vorbei. Das Ding, das Ihr Siegel nennt, lag darauf. Rasch nahmt Ihr es und schautet eifrig umher, wo Ihr es bergen könntet. Da erblicktet Ihr …«
»Genug, genug! Dem lieben Gott sei Dank!« rief der zerlumpte Thronbewerber in mächtiger Erregung. »Geht, mein lieber St. John! In einem Armstück der Mailänder Rüstung, die an der Wand hängt, werdet Ihr das Siegel finden!«
»Richtig, mein König, ganz richtig!« rief Tom Canty.
»Nun ist das Zepter Englands Euer eigen! Wer es Euch noch streitig machen wollte, wäre besser taub geboren. Geht, mein Lord St. John und beflügelt Euere Schritte!«
Eine große Bewegung ging durch die erlauchte Versammlung. Unbehagen, Furcht und verzehrende Aufregung ergriffen alle. Durch die weiten Hallen der Kirche, wie auf dem Chor, begann ein betäubendes Stimmengewirr, so daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.
Unbemerkt und rasch verflog die Zeit. Plötzlich trat wieder Totenstille ein. St. John kam zurück, betrat den Chor und hielt das große Siegel hoch empor!
Ein stürmischer Ruf durchbrauste die Luft:
»Lang lebe der wahre König!«
Rauschende Musik fiel ein. Von dem Mittel- und Seitenschiffen der Kirche her winkten Tausende von weißen Handschuhen Willkommen!
Der Betteljunge aber stand da, errötend und glücklich und stolz inmitten des Chores und um ihn knieten die Vasallen und Großen des Reiches.
Jetzt erhoben sich alle wieder, und Tom Canty rief:
»Und nun, o mein König, nehmt diese königlichen Gewänder von mir und gebt dem armen Tom, Euerem Diener, seine Lumpen und Fetzen wieder.«
Da fuhr der Lord Protektor auf:
»Zieht dem kleinen Schurken das Krönungskleid aus und werft ihn in den Turm!«
Aber der neue, wahre König hob abwehrend die Hand und sagte:
»Nicht also! Ohne seine Hilfe hätte ich meine Krone nicht wieder erlangt. Niemand wage es, Hand an ihn zu legen! Und Ihr, mein lieber Oheim, mein Lord Protektor, Euch steht es schlecht an, so undankbar gegen den armen Knaben zu sein. Hat doch er Euch zum Herzog ernannt!«
Der Protektor errötete, und der König fuhr fort:
»Was ist nun Euer schöner Titel wert, da dieser Knabe doch nur Scheinkönig war? Morgen werdet Ihr um Bestätigung nachsuchen müssen, und zwar sollt Ihr Euch mit Euerer Bitte an ihn wenden. Nur auf seine Fürbitte hin werde ich Euere neue Würde bestätigen. Sonst seid Ihr ein einfacher Graf und sollt es bleiben.«
Lord Hertford senkte sein Haupt und zog sich ein wenig in den Hintergrund zurück. Jetzt wandte sich der König an Tom und sagte gütig:
»Aber höre einmal, mein armer Knabe, wie kam es doch nur, daß du dich erinnern konntest, wo das Siegel lag, während es mir selbst gänzlich entfallen war?«
»O das ist sehr einfach, mein König, da ich es wiederholt benutzte.«
»Wie? Und doch konntest du nicht gleich sagen, wo es war?«
»Ich wußte nur nicht, daß es das Siegel war. Sie beschrieben es mir ja nicht, Majestät.«
»Wozu hast du es denn benutzt?«
Alles Blut schoß Tom in die Wangen. Er senkte die Augen und schwieg.
»Sprich nur offen, mein guter Knabe und fürchte dich nicht«, sagte der König. »Wozu brauchtest du das große Siegel von England?«
Tom schwankte noch einen Augenblick. Dann aber stieß er in komischer Verwirrung hervor:
»Um Nüsse damit aufzuknacken!«
Armer Knabe! Er fiel beinahe in die Kniee bei dem stürmischen Gelächter, das seine Antwort hervorrief. Wenn noch ein Zweifel über den wahren König vorhanden gewesen wäre, diese Antwort hätte ihn vollends gehoben.
Das herrliche Krönungsgewand wurde von Toms Schultern abgenommen und um die des Königs gelegt, so daß dessen Lumpen vollständig verhüllt wurden. Dann nahm man die unterbrochenen Krönungsfeierlichkeiten wieder auf. Der wahre König ward auf den Thron gesetzt, gesalbt und gekrönt. Unaufhörliche Kanonensalven gaben das festliche Ereignis der Stadt kund, und ganz London widerhallte von Beifallssturm und Jubelrufen.

Sonntagsmärchen

Wilhelm Hauff: Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 – Kapitel 2 Quellenangabe

Navigation: Kapitel 2
*
Die Karawane
Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre Nähe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen und helleuchtende Gewänder das Auge. So stellte sich die Karawane einem Manne dar, welcher von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt ein schönes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an dem hochroten Riemenwerk hingen silberne Glöckchen, und auf dem Kopf des Pferdes wehte ein schöner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus, und sein Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weißer Turban, reich mit Gold bestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten Beinkleider waren von brennendem Rot, ein gekrümmtes Schwert mit reichem Griff an seiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Gesicht gedrückt; dies und die schwarzen Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Nase herabhing, gaben ihm ein wildes, kühnes Aussehen.
Als der Reiter ungefähr auf fünfzig Schritt dem Vortrab der Karawane nahe war, spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein so ungewöhnliches Ereignis, einen einzelnen Reiter durch die Wüste ziehen zu sehen, daß die Wächter des Zuges, einen Überfall befürchtend, ihm ihre Lanzen entgegenstreckten.
»Was wollt ihr«, rief der Reiter, als er sich so kriegerisch empfangen sah, »glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane angreifen?«
Beschämt schwangen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr.
»Wer ist der Herr der Karawane?« fragte der Reiter.
»Sie gehört nicht einem Herrn«, antwortete der Gefragte, »sondern es sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen und die wir durch die Wüste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden beunruhigt.«
»So führt mich zu den Kaufleuten«, begehrte der Fremde.
»Das kann jetzt nicht geschehen«, antwortete der Führer, »weil wir ohne Aufenthalt weiterziehen müssen und die Kaufleute wenigstens eine Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten, bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch willfahren.«
Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an in großen Zügen zu rauchen, indem er neben dem Anführer des Vortrabs weiterritt. Dieser wußte nicht, was er aus dem Fremden machen sollte; er wagte es nicht, ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so künstlich er auch ein Gespräch anzuknüpfen suchte, der Fremde hatte auf das: »Ihr raucht da einen guten Tabak«, oder: »Euer Rapp‘ hat einen braven Schritt«, immer nur mit einem kurzen »Ja, ja!« geantwortet.
Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten wollte. Der Anführer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er selbst hielt mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen. Dreißig Kamele, schwer beladen, zogen vorüber, von bewaffneten Führern geleitet. Nach diesen kamen auf schönen Pferden die fünf Kaufleute, denen die Karawane gehörte. Es waren meistens Männer von vorgerücktem Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien viel jünger als die übrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine große Anzahl Kamele und Packpferde schloß den Zug.
Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings umhergestellt. In der Mitte war ein großes Zelt von blauem Seidenzeug. Dorthin führte der Anführer der Wache den Fremden. Als sie durch den Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fünf Kaufleute auf goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven reichten ihnen Speise und Getränke. »Wen bringt Ihr uns da?« rief der junge Kaufmann dem Führer zu.
Ehe noch der Führer antworten konnte, sprach der Fremde: »Ich heiße Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka von einer Räuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich aus der Gefangenschaft befreit. Der große Prophet ließ mich die Glocken eurer Karawane in weiter Ferne hören, und so kam ich bei euch an. Erlaubet mir, daß ich in eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet euren Schutz keinem Unwürdigen schenken, und so ihr nach Bagdad kommet, werde ich eure Güte reichlich belohnen denn ich bin der Neffe des Großwesirs.«
Der älteste der Kaufleute nahm das Wort: »Selim Baruch«, sprach er, »sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir beizustehen; vor allem aber setze dich und iß und trinke mit uns.«
Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und aß und trank mit ihnen. Nach dem Essen räumten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten lange Pfeifen und türkischen Sorbet. Die Kaufleute saßen lange schweigend, indem sie die bläulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und endlich in die Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach endlich das Stillschweigen: »So sitzen wir seit drei Tagen«, sprach er, »zu Pferd und am Tisch, ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich verspüre gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänzer zu sehen oder Gesang und Musik zu hören. Wißt ihr gar nichts, meine Freunde, das uns die Zeit vertreibt?«
Die vier älteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft nachzusinnen, der Fremde aber sprach: »Wenn es mir erlaubt ist, will ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz könnte einer von uns den anderen etwas erzählen. Dies könnte uns schon die Zeit vertreiben.«
»Selim Baruch, du hast wahr gesprochen«, sagte Achmet, der älteste der Kaufleute, »laßt uns den Vorschlag annehmen.«
»Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt«, sprach Selim, »damit ihr aber sehet, daß ich nichts Unbilliges verlange, so will ich den Anfang machen.«
Vergnügt rückten die fünf Kaufleute näher zusammen und ließen den Fremden in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten glühende Kohlen zum Anzünden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem tüchtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart über dem Mund weg und sprach:
»So hört denn die Geschichte vom Kalif Storch.«

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Adalbert Stifter

Der große Schneefall im Bayrischem Wald

In der Nacht von Sonntag auf Montag erhob sich ein Wind, der morgens zum Sturme wuchs. Als es graute, sah ich, daß die Gegend mit Schnee bedeckt sei, und als die Tageshelle gekommen war, sah ich auch, daß es heftig schneite. Das Thermometer zeigte Null Grad. Ich hoffte daher, daß unter Tags Regen kommen werde, aber es blieb bei Null, und das Schneien wurde stärker. Ich faßte Besorgnisse. Um zwölf Uhr kam der Wagen. Der Kutscher sagte zu mir: »Sie können nicht fahren. Es sind schon Schneeverwehungen. Auf dem Rosenberger Wege herauf brauchte ich Männer, die mir den Wagen hielten, daß er nicht stürze, und die Pferde sanken oft bis an den Bauch. Ich werde nach Schwarzenberg trachten. Von dort ist die Straße fahrbarer, vielleicht komme ich nach Aigen. Wenn es nicht geht, warte ich in Schwarzenberg auf das Weitere.« Alle Männer, der Pächter, der Wirt und die im Gasthause waren, sagten, ich dürfe mich der Gefahr nicht aussetzen, auf freiem Felde mit dem Wagen liegenbleiben zu müssen. Wie hier die Gegend und wie jetzt die Jahreszeit ist, wird es sich bald ändern. Der Schnee ist ganz naß, morgen regnet es, und alles ist gut. Ich sagte also zu dem Kutscher, er möge wieder mit Männern den Wagen nach Schwarzenberg bringen und dort tun, wie er für gut finde. Sei er morgen in Schwarzenberg, und es trete Regen ein, und man könne fahren, so möge er wieder um mich kommen. Er sagte es zu, und in einer Stunde fuhr er fort.

Und von nun an erlebte ich ein Naturereignis, das ich nie gesehen hatte, das ich nicht für möglich gehalten hätte, und das ich nicht vergessen werde, solange ich lebe. Es wurde ein Schneesturm, wie ich ihn nie ahnte, und es wurden Wirkungen, die weit über mein Wissen gingen. Und zweiundsiebzig Stunden dauerte die Erscheinung bei ihrem ersten Auftreten ununterbrochen fort.

Als sich der Kutscher entfernt hatte, stand ich an dem Fenster und betrachtete, was draußen geschah. Anna, meine Haushälterin, erzählte mir Geschichten, wie Menschen an Orten eingeschneit worden seien und lange nicht fortgekonnt hatten. Da ich selber in einem Schneelande geboren und mit Winterstürmen vertraut bin und weiß, wie das ausläuft, achtete ich nicht auf sie. Ich kehrte meine Aufmerksamkeit nach außen. Die Gestaltungen der Gegend waren nicht mehr sichtbar. Es war ein Gemisch da von undurchdringlichem Grau und Weiß, von Licht und Dämmerung, von Tag und Nacht, das sich unaufhörlich regte und durcheinandertobte, alles verschlang, unendlich groß zu sein schien, in sich selber bald weiße, fliegende Streifen gebar, bald ganz weiße Flächen, bald Ballen und andere Gebilde und sogar in der nächsten Nähe nicht die geringste Linie oder Grenze eines festen Körpers erblicken ließ. Selbst die Oberfläche des Schnees war nicht klar zu erkennen. Die Erscheinung hatte etwas Furchtbares und großartig Erhabenes. Die Erhabenheit wirkte auf mich mit Gewalt, und ich konnte mich von dem Fenster nicht trennen. Nur war ich des Kutschers wegen, der jetzt zwischen mir und Schwarzenberg sein mußte, besorgt. Das Thermometer stand unbeweglich auf Null.

Da ich einen Spaziergang im Freien nicht machen konnte, nahm ich meinen Mantel um und ging in dem Gange des Hauptgebäudes im ersten Stockwerk hin und wieder. Ich blickte auch hier mit Staunen durch die Fenster der beiden Ebenen des Ganges hinaus. Es war immer dasselbe, das Außerordentliche. Überall im Hause war Schnee, weil er durch die feinsten Ritzen eindrang.

Gegen die Dämmerung ließ ich meinen Boten Joseph aus dem Nebenhäuschen des Rosenberger Hauses holen und fragte ihn, ob er sich nach Schwarzenberg zu gehen getraue.

»Mit einer Laterne schon«, sagte er, »es ist nicht so schreckhaft.«

Ich gab ihm einen Brief an meine Gattin, worin ich ihr meldete, daß ich wegen zu starken Schneiens nicht abreise, daß ich aber den ersten bessern Tag zur Abreise benützen werde; ich trug ihm auf, daß er auf die Post warten und mir den Brief, der aus Linz kommt, bringen möge.

Er ging später mit einer Laterne fort.

Ich packte aus meinem Koffer wieder einiges Notwendiges aus und saß dann mit Anna bei unserm Lichte an dem Tische. Wie es draußen sei, konnten wir nicht erkennen, da alles völlig schwarz geworden war; aber den Sturm hörten wir rütteln, und das sahen wir, daß die Fenster unserer Küche und der Kammer daneben, die keine Außenfenster hatten, schon ganz zugeschneit waren.

Da wir unsere Abendsuppe gegessen hatten, schickte ich Anna in ihre Schlafkammer im Hauptgebäude und wartete auf meinen Boten. Er kam eine halbe Stunde nach zehn Uhr bis auf die Brust hinauf mit Schnee überhüllt.

»Morgen kann niemand mehr ausgehen«, sagte er und gab mir den Brief.

Auf mein Befragen erzählte er mir, daß der Kutscher aus Aigen nicht in Schwarzenberg geblieben, sondern nach Aigen fort sei. Die Post, die in einem Schlitten gekommen sei, habe ihn in Ulrichsberg gesehen, von wo er bis Aigen keine Gefahr mehr habe. Ich reichte ihm seinen Lohn, ließ ihn durch meine untere Treppentür ins Freie und versperrte mich dann in meiner Wohnung. Mariens, unserer Magd, Brief sagte mir, es gehe immer besser, und meine Gattin freue sich schon, daß ich bald nach Linz kommen werde.

Ich suchte nun meine Ruhestätte, in welche wenig Schlaf gelangte.

Es erschien nun der Dienstag, und bei dem ersten Tagesschimmer sahen wir, daß es draußen gedauert habe wie gestern, und daß es noch dauere. An den Mauern des Hauptgebäudes sahen wir jetzt das Emporwachsen des Schnees. Vor unseren Fenstern war ein Berg desselben, aus dem Garten dämmerte einer herüber, der schon höher war als das Gartenhaus, die Tür des Hauptgebäudes war verschneit, so daß, als eine Magd sie von innen öffnete, der Schnee auf sie hereinfiel, daß sie mit hölzernen Schaufeln ausgeschaufelt werden mußte. Die Mauern waren weiß, und von allen Vorsprüngen und Dächern hingen die vielgestaltigsten Schneeungetüme nieder. Ich konnte nichts tun, als immer in das Wirrsal schauen. Das war kein Schneien wie sonst, kein Flockenwerfen, nicht eine einzige Flocke war zu sehen, sondern wie wenn Mehl von dem Himmel geleert würde, strömte ein weißer Fall nieder, er strömte aber auch wieder gerade empor, er strömte von links gegen rechts, von rechts gegen links, von allen Seiten gegen alle Seiten, und dieses Flimmern und Flirren und Wirbeln dauerte fort und fort und fort, wie Stunde an Stunde verrann. Und wenn man von dem Fenster wegging, sah man es im Geiste, und man ging lieber wieder zum Fenster. Der Sturm tobte, daß man zu fühlen meinte, wie das ganze Haus bebe. Wir waren abgeschlossen, die ersten Bäume der Allee, zwanzig Schritte entfernt, waren nicht mehr sichtbar. Zum nächsten Hause geht man sonst in einigen Minuten. Sie konnten nicht zu uns, wir nicht zu ihnen. Von Ausschaufeln, selbst zu dem einige Schritte entfernten Gasthause, war bei diesem Sturm keine Rede. Man konnte nur das Toben anschauen und hatte keine Ahnung, wohin das führen werde.

Von meiner Gattin konnte ich keine Nachricht erhalten. Nach Schwarzenberg war nicht zu gelangen, und die Post konnte bei diesem Wetter nicht gehen. Wenn sie nun von mir, der ich täglich geschrieben hatte, kein Schreiben mehr erhält, wenn sie aus der Zeitung erführe, daß die Posten aus dem Walde ausgeblieben sind, wenn sie rückfällig würde! Aber mit allen Gedanken konnte man nichts als nur harren. Der Barometerstand und der Thermometerstand waren wie gestern, es konnte jeden Augenblick regnen; aber es regnete nicht und regnete nicht.

Es wurde Mittag, es wurde Nachmittag, es wurde Abend. Immer das gleiche.

In der Finsternis, da man das Flirren nicht sah, mußte man es sich vorstellen und stellte es sich ärger vor, als man es bei Tage gesehen hätte. Und zuletzt wußte man auch nicht, ob es nicht ärger sei. Ich legte mich ins Bett, der Sturm tönte, als wollte er den Dachstuhl des Hauses zertrümmern.

Es kam Mittwoch.

Das Tageslicht zeigte die gleiche Erscheinung. Der Gipfel des Schneeberges, der einige Schritte entfernt vor meinen Fenstern stand, reichte bis zu mir herauf. Der Schneewulst im Garten war emporgewachsen, daß er in gleicher Höhe mit den Fenstern des ersten Stockwerkes stand, und die Tür am untern Ende der Treppe zu meiner Wohnung, die nach außen aufging, konnte nicht mehr geöffnet werden. Und immer noch dauerte das Schneeflirren fort.

Was anfangs furchtbar und großartig erhaben gewesen war, zeigte sich jetzt anders. Es war nur mehr furchtbar. Ein Bangen kam in die Seele. Die Starrheit des Wirbelns wirkte fast sinnbestrickend, und man konnte dem Zauber nicht entrinnen. Dazu der Gedanke, wenn etwa, wie die Knechte fahrlässig sind, in den Scheuern des Hauses Feuer ausbräche, was dann? Wir hatten an diesem Tage auch nur mehr das letzte Stückchen Fleisch; ich aß aber keins.

Nachmittags stieg das Barometer sehr rasch und hoch, und es kam wie ein Lichtschein in mein Gemüt. Gegen den Morgen hörte der Wind auf, und es ward still. Später sah ich Sterne durch die Fenster hereinscheinen.

Am nächsten Tage, Donnerstag, war an dem tiefblauen Himmel kein Wölklein, und die Sonne strahlte auf das unermeßliche Weiß blendend hernieder. Der Pächter ließ einen Weg in das Gasthaus schaufeln. Menschen kamen hoch auf dem Schnee mit Schneereifen zu uns und in das Gasthaus. Ich ging auch in dasselbe. Dort sahen die Angekommenen verstört aus, und achtzigjährige Männer sagten, daß sie das nie erlebt haben. Ich ließ bei dem Bürgermeister der Lakerhäuser anfragen, wann er schaufeln lassen werde. Er antwortete, morgen werde er einsagen lassen. Das war mir zu spät. Ich bestellte nun durch Joseph eine Zahl Männer und trug ihnen auf, sie mögen einen Weg schaufeln, daß ein Schlitten durchkommen könne. Sie machten sich ans Werk.

Später kam Joseph zurück und sagte, alles sei in Ordnung. Ich hatte nun eine ruhigere Nacht.

Der nächste Tag, Freitag, war still und sanft bewölkt. Mittags stand ich am Fenster und erwartete den Schlitten. Alles war gepackt. Ich in Reisekleidern. Aber der Schlitten kam nicht, und es kam keine Nachricht. Ich war in unbeschreiblicher Unruhe. Nachmittags fiel das Barometer ebenso rasch, als es mittags gestiegen war. Abends legte ich mich zu Bette, konnte aber nicht schlafen. Es war mir immer, ich höre ein schwaches Sausen. Das Sausen war auch wirklich, es wuchs, und noch vor Mitternacht war Sturm.

Morgens, Samstag, war der Schneesturm wieder so stark wie in den frühern Tagen, mein geschaufelter Weg war wieder zu. Alles war vergeblich gewesen. Das Thermometer zeigte Null. Wie lange wird nun der Sturm dauern und was wird werden, wenn die neuen Schneemassen zu den alten kommen und wenn sie so hoch sind wie die alten und wenn sie höher sind ? Mir klebte die Zunge an dem Gaumen, ich aß nichts mehr, sondern träufelte nur Liebigs Fleischextrakt in warmes Wasser und trank die Brühe. Das Flirren war nun geradezu entsetzlich, und es riß die Augen an sich, wenn man auch nicht wollte. Nachmittags stieg das Barometer wieder rasch. Die Nacht war ohne Schlaf.

Der folgende Tag, Sonntag, war still, aber trüb. Die Leute traten, da sie zu uns kamen und von uns gingen, mit Schneereifen auf dem feuchten Schnee so feste Fußtapfen, daß man auf ihnen gehen konnte. Jeder Tritt aber seitwärts hätte unberechenbares Einsinken zur Folge gehabt. Nachmittags ging ich, auf diese Fußtapfen tretend, die Allee entlang und weiter fort. Ich ging Schneestiegen hinan und Schneestiegen hinab. Alleebäume sahen mit ihren Kronen wie Gesträuche aus dem Schnee. Alles war anders. Wo ein Tal sein sollte, war ein Hügel, wo ein Hügel sein sollte, war ein Tal, und wo der Weg unter dem Schnee gehe, wußte ich nicht; denn man hatte die Ruten zur Bezeichnung desselben noch nicht gesteckt. Der erhabene Wald, obwohl ganz beschneit, war doch dunkler als all das Weiß und sah wie ein riesiger Fleck fürchterlich und drohend herunter. Bekannte Gestaltungen der Ferne vermochte ich nicht zu finden. Neben der Kapelle war ein Schneerücken, von dessen Schneide man auf das Kapellendach niedersah. Ich brauchte zu einem Wege von Minuten eine Stunde.

Am Montage war leichtes Schneien mit etwas Wind. Es fielen zum ersten Male wieder Flocken.

Ich hielt mich für krank, weil ich schon den dritten Tag nichts gegessen hatte. Ich sandte Joseph um den Arzt nach Schwarzenberg. Dieser kam mit Schneereifen, in Schweiß gebadet, und hatte drei Stunden gebraucht. Er untersuchte mich und sagte dann, ich sei nicht krank, könne es aber werden. Mein Entschluß war nun gefaßt. Ich ließ Joseph holen und beauftragte ihn, er möge mir Männer bestellen, die mit Schneereifen morgen beim Tagesgrauen zu mir kommen sollen. Ich werde nach Schwarzenberg gehen, und weil ich es mit Schneereifen nicht kann, so sollen sie mit ihren Schneereifen mir einen Pfad auf dem Schnee niedertreten, der mich trägt. Einer soll mein Gepäck mit einem Handschlitten ziehen. Joseph versprach, alles zu besorgen.

So kam die Nacht. Mein Wunsch war nur der einzige: nur morgen kein Sturm.

Die Nacht war ruhig. Der Tag brach an und hatte grauen Himmel und leichtes Gestöber. Da kamen die Männer und Joseph. Ich sagte ihnen noch einmal mein Anliegen, und sie antworteten, so gehe es. Anna rang die Hände. Ich bat sie aber, meine Habschaften, die da bereitlägen, dem Manne auf den Schlitten packen zu helfen, ich gehe gleich fort, ich könne nicht mehr warten. Dann dankte ich ihr, da sie bitterlich weinte, für alle Sorgfalt und Treue und nahm Abschied. Ich ging nun, in meinen Oberrock geknöpft, die Treppe hinunter, verabschiedete mich unten von dem Pächter und seiner Frau und trat meinen Weg an. Die Männer stampften, Fuß neben Fuß setzend, vor mir einen Pfad. Es ging so langsam, daß ich kaum in jeder Sekunde einen Schritt machen konnte; aber der Pfad trug mich. Gegen die stechenden Nadeln, die waagerecht in der Luft daherflogen, spannte ich den Regenschirm auf. So kamen wir weiter. Wir überwanden Schneehügel, Schneewülste, Schneefelder. Um und über uns war dichtes Grau, unter uns das Weiß. Ich hätte allein die Richtung nicht gefunden. Ich fand mich erleichtert. Der Mann mit dem Schlitten kam uns nach und war erfreut; denn der Wind verwehte in kurzer Strecke hinter uns den Pfad wieder. Ich glaubte, wir kommen niemehr zu dem Aufseherhause. Endlich erkannte ich in der dichten Luft die Umrisse des Hauses, und wir kamen bald zu demselben. Dort auf der Waldkirchner Straße wurde es besser. Auch das war besser, daß wir gegen Osten gingen und den Wind im Rücken hatten. Im Zollhause konnten die Schneereifen abgelegt werden, und wir vermochten nun auf der österreichischen Straße in gewöhnlichem Schritte fortzugehen. Und so kamen wir nach einer Wanderung von mehreren Stunden in das Gasthaus von Schwarzenberg.

In einer Stunde waren die Pferde und der Schlitten in Bereitschaft. Meine Sachen wurden aufgepackt, ich stieg mittels eines Schemels über die Leiter in den Schlitten, machte mir aus Werg Überschuhe, hüllte mich in meinen Pelz, breitete noch meinen Mantel und Plaid über die Füße und war in Ordnung. Meine Schneereifenmänner und die anderen Leute umringten den Schlitten, um von mir Abschied zu nehmen. Ich sagte ihnen ein herzliches Lebewohl, und Martin führte mich von dannen . . .

Meine Gattin hatte mich nicht erwartet. Das Wiedersehen war freudig und schmerzlich. Ich fand sie außer dem Bette, aber noch schwach und angegriffen. Jedoch die Krankheit war völlig behoben. Wir saßen nun beieinander und erzählten uns unsere Erlebnisse. Sie war sichtlich gesünder, weil ich nur da war, und ich war es, weil ich sie doch außer aller Gefahr fand. Die freundlichen, warmen, vor jedem Unwetter geschützten Räume meiner Wohnung waren mir wie ein Paradies.

Jedoch monatelang, wenn ich an die prachtvolle Waldgegend dachte, hatte ich, statt des grün und rötlich und violett und blau und grau schimmernden Bandes, nur das Bild des weißen Ungeheuers vor mir. Endlich entfernte sich auch das, und das lange eingebürgerte, edle Bild trat wieder an seine Stelle.

Das Unwetter wurde aber nach meiner Abreise noch ärger. Martin brauchte vier Tage zur Rückfahrt, und die Verbindung für Schlitten war zwischen den Lakerhäusern und Schwarzenberg noch drei Wochen lang unterbrochen.

Quelle: Adalbert Stifter, Der große Schneefall im Bayrischen Walde, aus: Die Winterpostille. Ein Lese- und Singbuch für Winter und Weihnacht. Breslau o. J.

 

Sonntagsmärchen

Die Ameise und die Heuschrecke
(Aesop)

An einem Sommertag hüpfte eine Heuschrecke in einem Feld herum. Sie zirpte und sang nach Herzenslust. Eine Ameise kam vorüber, und trug mit großer Anstrengung eine Ähre, die sie zum Nest bringen wollte.
„Warum kommst du nicht mit mir“, sagte die Heuschrecke, „anstatt zu schuften und dich abzuschleppen“?
„Ich helfe, um für den Winter Vorräte anzulegen“, sagte die Ameise, „und ich empfehle dir, das gleiche zu tun“.
„Warum sich jetzt schon Mühe machen und über den Winter nachdenken?“, sagte sich die Heuschrecke. „Wir haben derzeit reichlich zu fressen“.

Und die Ameise ging weiter auf ihrem Weg, und setzte ihre Arbeit fort.
Als der Winter kam, dachte die Heuschrecke vor Hunger zu sterben. Dann sah sie, wie die Ameisen jeden Tag Mais und Getreide aus den Lagern verteilten, die sie im Sommer gesammelt hatten.
Dann wusste die Heuschrecke:
„Sammle in der Zeit, dann hast du in der Not!“

MORAL:
Vergiss nicht – es gibt eine Zeit für die Arbeit und eine Zeit für das Spiel!
Arbeite heute, und du kannst die Vorteile Morgen genießen . . .

Sonntagsmärchen

Ludwig Bechstein: Märchen – Kapitel 11


Gevatter Tod
Es lebte einmal ein sehr armer Mann, hieß Klaus, dem hatte Gott eine Fülle Reichtum beschert, der ihm große Sorge machte, nämlich zwölf Kinder, und über ein kleines, so kam noch ein Kleines, das war das dreizehnte Kind. Da wußte der arme Mann seiner Sorge keinen Rat, wo er doch einen Paten hernehmen sollte, denn seine ganze Sipp- und Magschaft hatte ihm schon Kinder aus der Taufe gehoben, und er durfte nicht hoffen, noch unter seinen Freunden eine mitleidige Seele zu finden, die ihm sein jüngstgeborenes Kindlein hebe. Gedachte also an den ersten besten wildfremden Menschen sich zu wenden, zumal manche seiner Bekannten ihn in ähnlichen Fällen schon mit vieler Hartherzigkeit abschläglich beschieden hatten.
Der arme Kindesvater ging also auf die Landstraße hinaus, willens, dem ersten ihm Begegnenden die Patenstelle seines Kindleins anzutragen. Und siehe, ihm begegnete bald ein gar freundlicher Mann, stattlichen Aussehens, wohlgestaltet, nicht alt, nicht jung, mild und gütig von Angesicht, und da kam es dem Armen vor, als neigten sich vor jenem Manne die Bäume und Blümlein und alle Gras- und Getreidehalme. Da dünkte dem Klaus, das müsse der liebe Gott sein, nahm seine schlechte Mütze ab, faltete die Hände und betete ein Vaterunser. Und es war auch der liebe Gott, der wußte, was Klaus wollte, ehe er noch bat, und sprach: »Du suchst einen Paten für dein Kindlein! Wohlan, ich will es dir heben, ich, der liebe Gott!«
»Du bist allzu gütig, lieber Gott!« antwortete Klaus verzagt. »Aber ich danke dir; du gibst denen, welche haben, einem Güter, dem andern Kinder, so fehlt es oft beiden am besten, und der Reiche schwelgt, der Arme hungert!« Auf diese Rede wandte sich der Herr und ward nicht mehr gesehen.
Klaus ging weiter, und wie er eine Strecke gegangen war, kam ein Kerl auf ihn zu, der sah nicht nur aus wie der Teufel, sondern war’s auch, und fragte Klaus, wen er suche? – Er suche einen Paten für sein Kindlein. –
»Ei, da nimm mich, ich mach‘ es reich!« – »Wer bist du?« fragte Klaus. »Ich bin der Teufel!« – »Das wär‘ der Teufel!« rief Klaus, und maß den Mann vom Horn bis zum Pferdefuß. Dann sagte er: »Mit Verlaub, geh‘ heim zu dir und zu deiner Großmutter; dich mag ich nicht zum Gevatter, du bist der Allerböseste! Gott sei bei uns!«
Da drehte sich der Teufel herum, zeigte dem Klaus eine abscheuliche Fratze, füllte die Luft mit Schwefelgestank und fuhr von dannen. Hierauf begegnete dem Kindesvater abermals ein Mann, der war spindeldürr, wie eine Hopfenstange, so dürr, daß er klapperte; der fragte auch: »Wen suchst du?« und bot sich zum Paten des Kindes an. »Wer bist du?« fragte Klaus. »Ich bin der Tod!« sprach jener mit ganz heiserer Stimme. – Da war der Klaus zum Tod erschrocken, doch faßte er sich Mut, dachte: bei dem wär‘ mein dreizehntes Söhnlein am besten aufgehoben, und sprach: »Du bist der Rechte! Arm oder reich, du machst es gleich, Topp! Du sollst mein Gevattersmann sein! Stell‘ dich nur ein zu rechter Zeit, am Sonntag soll die Taufe sein.«
Und am Sonntag kam richtig der Tod, und ward ein ordentlicher Dot, das ist Taufpat des Kleinen, und der Junge wuchs und gedieh ganz fröhlich. Als er nun zu den Jahren gekommen war, wo der Mensch etwas erlernen muß, daß er künftighin sein Brot erwerbe, kam zu der Zeit der Pate und hieß ihn mit sich gehen in einen finstern Wald. Da standen allerlei Kräuter, und der Tod sprach: »Jetzt, mein Pat, sollst du dein Patengeschenk von mir empfahen. Du sollst ein Doktor über alle Doktoren werden durch das rechte wahre Heilkraut, das ich dir jetzt in die Hand gebe. Doch merke, was ich dir sage. Wenn man dich zu einem Kranken beruft, so wirst du meine Gestalt jedesmal erblicken.
Stehe ich zu Häupten des Kranken, so darfst du versichern, daß du ihn gesund machen wollest und ihm von dem Kraute eingeben; wenn er aber Erde kauen muß, so stehe ich zu des Kranken Füßen; dann sage nur: Hier kann kein Arzt der Welt helfen und auch ich nicht. Und brauche ja nicht das Heilkraut gegen meinen mächtigen Willen, so würde es dir übel ergehen!«
Damit ging der Tod von hinnen und der junge Mensch auf die Wanderung, und es dauerte gar nicht lange, so ging der Ruf vor ihm her und der Ruhm, dieser sei der größte Arzt auf Erden, denn er sähe es gleich den Kranken an, ob sie leben oder sterben würden. Und so war es auch. Wenn dieser Arzt den Tod zu des Kranken Füßen erblickte, so seufzte er und sprach ein Gebet für die Seele des Abscheidenden; erblickte er aber des Todes Gestalt zu Häupten, so gab er ihm einige Tropfen, die er aus dem Heilkraut preßte, und die Kranken genasen. Da mehrte sich sein Ruhm von Tag zu Tag.
Nun geschah es, daß der Wunderarzt in ein Land kam, dessen König schwer erkrankt darniederlag, und die Hofärzte gaben keine Hoffnung mehr seines Aufkommens. Weil aber die Könige am wenigsten gern sterben, so hoffte der alte König noch ein Wunder zu erleben, nämlich, daß der Wunderdoktor ihn gesund mache, ließ diesen berufen und versprach ihm den höchsten Lohn. Der König hatte aber eine Tochter, die war so schön und so gut wie ein Engel.
Als der Arzt in das Gemach des Königs kam, sah er zwei Gestalten an dessen Lager stehen, zu Häupten die schöne weinende Königstochter und zu Füßen den kalten Tod. Und die Königstochter flehte ihn so rührend an, den geliebten Vater zu retten, aber die Gestalt des finstern Paten wich und wankte nicht. Da sann der Doktor auf eine List. Er ließ von raschen Dienern das Bett des Königs schnell umdrehen und gab ihm geschwind einen Tropfen vom Heilkraut, also daß der Tod betrogen war und der König gerettet. Der Tod wich erzürnt von hinnen, erhob aber drohend den langen knöchernen Zeigefinger gegen seinen Paten.
Dieser war in Liebe entbrannt gegen die reizende Königstochter, und sie schenkte ihm ihr Herz aus inniger Dankbarkeit. Aber bald darauf erkrankte sie schwer und heftig, und der König, der sie über alles liebte, ließ bekannt machen, welcher Arzt sie gesund mache, der solle ihr Gemahl und hernach König werden. Da flammte eine hohe Hoffnung durch des Jünglings Herz, und er eilte zu der Kranken – aber zu ihren Füßen stand der Tod. Vergebens warf der Arzt seinem Paten flehende Blicke zu, daß er seine Stelle verändern und ein wenig weiter hinauf, womöglich bis zu Häupten der Kranken treten möge. Der Tod wich nicht von der Stelle, und die Kranke schien im Verscheiden, doch sah sie den Jüngling um ihr Leben flehend an. Da übte des Todes Pate noch einmal seine List, ließ das Lager der Königstochter schnell umdrehen und gab ihr geschwind einige Tropfen vom Heilkraut, so daß sie wieder auflebte und den Geliebten dankbar anlächelte. Aber der Tod warf seinen tödlichen Haß auf den Jüngling, faßte ihn an mit eiserner eiskalter Hand und führte ihn von dannen, in eine weite unterirdische Höhle. In der Höhle da brannten viele tausend Kerzen, große und halbgroße und kleine und ganz kleine; viele verloschen und andere entzündeten sich, und der Tod sprach zu seinem Paten: »Siehe, hier brennt eines jeden Menschen Lebenslicht; die großen sind den Kindern, die halbgroßen sind den Leuten, die in den besten Jahren stehen, die kleinen den Alten und Greisen, aber auch Kinder und Junge haben oft nur ein kleines, bald verlöschendes Lebenslicht.«

»Zeige mir doch das meine!« bat der Arzt den Tod. Da zeigte dieser auf ein ganz kleines Stümpchen, das bald zu erlöschen drohte. »Ach, liebster Pate!« bat der Jüngling, »wolle mir es doch erneuen, damit ich meine schöne Braut, die Königstochter, freien, ihr Gemahl und König werden kann!« – »Das geht nicht«, versetzte kalt der Tod. »Erst muß eins ganz ausbrennen, ehe ein neues auf- und angesteckt wird.« –
»So setze doch gleich das alte auf ein neues!« sprach der Arzt – und der Tod sprach: »Ich will so tun!« Nahm ein langes Licht, tat, als wollte er es aufstecken, versah es aber absichtlich und stieß das kleine um, daß es erlosch. In demselben Augenblick sank der Arzt um und war tot.
Wider den Tod kein Kraut gewachsen ist.

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Märchenstunde

Das Märchen von den Pilzen

Veröffentlicht in der Südwestdeutschen Pilzrundschau und hier freundlicherweise zum Download zur Verfügung gestellt.

Zwei junge Mädchen, Anna und Else, wurden im Sommer alle Tage in den Wald geschickt, um Erdbeeren zu sammeln, welche die Mutter, weil sie herrlich dufteten, um vieles Geld auf dem Markt verkaufte. Es war gar heimlich und lieblich in dem alten Tannenwald; die Zweige hingen tief und schwer herab, Eichhörnchen kletterten lustig d’rin umher und naschten von den Tannenzapfen. Im dunklen Schatten der Bäume aber wuchsen die schönsten Pilze aller Arten und schienen die Stelle der Blumen eingenommen zu haben, so schönfarbig und mannigfalt waren sie. An diesen hatten die beiden Kinder nun immer ihre große Freude, und lernten sie bald von einander unterscheiden. Aber sie schonten ihre Lieblinge auch, und zerstießen keinen derselben, wie die übermüthigen Knaben tun. Hatten sie doch auch erzählen hören, daß es gar winzige Männlein gäbe, die Niemand Uebels thäten, welche in Erdlöchern wohnten, und von denen die Pilze geformt und mit so schönen Farben bemalt würden.
Als sie einstmals einen ganz besonders wohlgerathenen großen Pilz fanden, legten sie ein Stückchen ihres Brodes darauf, zur Belohnung für den Kunstfleiß der braven Männlein, deren wirkliches Dasein sie kaum noch bezweifelten.
Als die Mädchen nach einigen Tagen warmen Regenwetters wieder an ihre Lieblingsplätze kamen, da staunten sie über die Pracht, Menge und Mannigfaltigkeit der Pilze, welche sie überall erblickten. Da standen die edlen Blätterpilze, dicke Champignons bei dem Goldbrätling, die leckeren Pfifferlinge, und Morcheln und auch Judenbart in reizender Abwechslung. Aber aus den Löchern und unter den Baumwurzeln huschten überall die kleinen Wichte hervor, anfangs scheu, nach und nach jedoch zutraulicher. Sie deuteten die Mädchen nach einem entfernteren, ganz außerordentlich großen Tischpilz, wunderschön scharlachroth, auf welchem die Wichtchen allerlei artige Dinge ausgelegt hatten, wie sie kleine Mädchen gerne haben. Es lagen darauf allerliebste silberne Schneckenhäuschen, Granaten und andere herrliche Steine und Zierrathen, welche sie aus ihren Magazinen hervorgeholt hatten. Mehrere der Pilzwichter waren dabei überrascht worden, der Eine hatte seinen Hut vergessen, der Andere musste den seinigen noch schnell abbürsten, ein Dritter seinem Sombrero noch einige verdorbene Farben in Eile aufbessern.
Die beiden Mädchen waren natürlich in hohem Grade überrascht. Die kleine Anna stutzte sehr bedenklich und wollte schon davonlaufen. Aber der wilden Else war’s, als ob sie schon lange mit ihnen verkehrt hätte, sie lachte und freuete sich unendlich der kleinen drolligen Bursche und ihrer Geschenke, nahm auch davon, was ihr beliebte, und gab mehreren von ihnen ein Händchen. Wenn sie später den Wald wieder besuchten, so verfehlten sie nicht, für die gutmüthigen Käuze irgendeinen Leckerbissen mitzubringen, welchen sie auf einen der Tischpilze niederlegten. Die Pilze wuchsen seitdem an jener Stelle nach wie vor in besonderer Schönheit, aber von den Wichtern hatte sich keiner wieder blicken lassen, und nur Ein Mal noch sahen sie Einen derselben auf einem Eichhörnchen durch die Tannen jagen.
Also bedenkt Euch wohl, ihr lieben kleinen Mädchen, und auch ihr Buben, wenn ihr den netten, zerbrechlichen Dingern im Walde begegnet, und zerschlagt nicht gleich aus bloßer Zerstörungslust die schönen Pilze, welche der liebe Gott zum Schmuck der dunklen Waldesstellen und zur Freude der Menschen hingepflanzt hat. Auch sie haben Leben von ihm empfangen, und Freude an ihrem kurzen Dasein.

A. Schrödter
© Südwestdeutsche Pilzrundschau, 46. Jahrgang, Heft 1, Januar 201 http://www.dgfm-ev.de
Das älteste bislang bekannte deutschsprachige Pilzmärchen (aus „Deutsche Bilderbogen für Jung und Alt Nr. 51“ von 1870). Die Original-Rechtschreibung wurde beibehalten.
P. Reil

Sonntagsmärchen

Wie die Kräuterhexe ihren Wald verteidigte

Es war einmal eine Kräuterhexe namens Vanilla, ein sehr liebenswürdiges altes Weiblein, welche im Kräuterwald zu Hause war. Dort wuchsen die herrlichsten Gräser, Blumen und Sträucher. Aber es befand sich auch so manch giftige Pflanze darunter. Deswegen war es nicht ratsam, achtlos Pflanzen zu pflücken. Nur Vanilla wusste um die Wirkung der Natur im Kräuterwald Bescheid.
In ihrer bescheidenen Hütte bewahrte sie das dicke, riesengroße Kräuterhexenbuch auf, welches schon ihre Ururururgroßmutter sehr zu schätzen wusste. Für jedes Wehwehchen war schließlich ein Kraut gewachsen, das mit dem richtigen Zauberspruch wahre Wunder vollbringen konnte.
Viele arme Menschen kamen zur Kräuterhexe mit der Bitte, ihnen zu helfen. Diesem Wunsch kam sie gerne nach, fand sie es doch als ihre Aufgabe, den Menschen den richtigen Gebrauch der Kräuter zu vermitteln. Dabei spielte es keine Rolle, ob jemand Geld hatte oder mittellos war.

Eines schönen Tages erkrankte König Rarirus an einer merkwürdigen Krankheit. Der König war ein selbstsüchtiger Mensch, der immer das Beste, das Neueste, das Größte, das Schönste besitzen wollte! Schließlich galt er als der reichste König weit und breit!
So ließ er nach dem Arzt rufen, um zu fragen, was ihm denn fehlte. Dieser machte ein komisches Gesicht und sagte dann: „Eure Majestät! Euer Reichtum ist es, der Euch bedrückt! Leider gibt es dagegen noch keine Medizin!“
Über diese Worte geriet der König so in Wut, dass er den ungehobelten Arzt in den königlichen Kerker sperren ließ.
Als nächstes sollte der königliche Zauberer zu ihm kommen. Der kannte bestimmt einen wirksamen Zauberspruch, der ihm helfen könnte, seine Schmerzen zu lindern. Doch auch der Zauberer schüttelte seinen Kopf und meinte: „Eure Majestät! Eure Krankheit vermag ich nicht wegzuzaubern! Aber wenn Ihr wollt, kann ich die Ursache, den Grund allen Übels, wegzaubern: Eure Besitztümer!“
Der König schrie aus Leibeskräften und befahl seinen Wachen, auch den Zauberer ins Verlies zu stecken.
Wie Rarirus sich den Kopf über seine Genesung zerbrach, streckte neckend der königliche Hofnarr seinen Kopf zur Tür herein. Er wollte seinen Herrn etwas aufmuntern, was ihm nicht so recht gelingen wollte.
Zornig schrie der König: „Wenn du mir nicht sagen kannst, was mir fehlt, dann verschwinde gefälligst wieder und lass mich in Ruhe nachdenken!“
Da begann der Hofnarr zu lachen: „Aber eure Majestät! Wie kommt Ihr darauf, dass Euch was fehlt? Im Gegenteil: Ihr habt zu viel! Verteilt doch alle Eure Besitztümer unter den Armen, so wird es Euch bald schon wieder gut gehen!“
König Rarirus traute seinen Ohren nicht. Was erlaubten sich Arzt, Zauberer und jetzt auch noch der Hofnarr? Er war der König und musste sich das nicht bieten lassen. Er entschied darüber, was er mit seinen Besitztümern anstellte, und er entschied auch darüber, dass der Hofnarr von nun an seine Zeit im Gefängnis fristen sollte.
Wutschnaubend schrie er seine Dienerschaft an: „Ich befehle euch, sofort hinaus in die Welt zu gehen und nicht eher zurück zu kommen als ihr ein Mittel gegen meine Krankheit gefunden habt. Und wehe euch, ihr kommt ohne Erfolg zurück! Dann ergeht es euch wie den anderen drei!“
Der König musste gar nicht weiter sprechen, alle wussten sofort, was der König meinte und machten sich gehorsam auf Wanderschaft.

Schon bald kehrte ein Diener aufgeregt zum König zurück und berichtete ihm von seiner Entdeckung des Kräuterwaldes am Rande des Königreiches.
„Was stehst du noch hier rum?“, brüllte der König. „Lauf geschwind und bring mir alle Kräuter, die du finden kannst!“
„Aber Eure Majestät! Ich kann doch nicht den ganzen Kräuterwald abpflücken!“, empörte sich der Diener.
„Was? Du wagst es, mir zu widersprechen?“
„Nein, natürlich nicht! Aber im Kräuterwald wachsen auch viele giftige Pflanzen, habe ich mir sagen lassen. Um die Wirkung der einzelnen Pflanzen weiß nur die Kräuterhexe Vanilla mit ihrem Kräuterhexenbuch Bescheid!“, entgegnete der Diener.
„Warum sagst du das nicht gleich?“, fragte Rarirus. „Geh zu ihr und überbring ihr meine Botschaft, sie müsste mir einen Kräutertrank hexen! Falls sie sich weigert, droht ihr die Gefängnisstrafe! Niemand wagt es, mir zu widersprechen!“

Der Diener ließ keine Zeit verstreichen und eilte in den Kräuterwald zur Hexe. Er erzählte Vanilla vom kranken König und seinem Befehl.
Daraufhin lachte das Weiblein und meinte: „So einem störrischen König soll ich auch noch helfen? Nein, niemals!“
Auch die angedrohte Strafe ließ Vanillas Herz nicht erweichen. Sie wollte ihrem Grundsatz treu bleiben und nur guten, dankbaren Menschen mit ihren Hexereien zur Seite stehen.

Schnell überbrachte der Diener dem König die schlechte Nachricht. Der König lag in seinem Bett und krümmte sich vor lauter Bauch- und Kopfschmerzen. Aber es ging ihm immer noch nicht schlecht genug, denn brüllen konnte er besser wie kein anderer: „Diese Hexe soll ihr blaues Wunder erleben!“
Nachdem er den Diener ins Gefängnis hatte sperren lassen, um ihn für seine misslungene Aufgabe zu bestrafen, machte er sich selbst auf in den Kräuterwald.
Der Weg dorthin war schwierig zu finden. Bis vor kurzem wusste er nicht einmal von dessen Existenz. Als er endlich glaubte, dort angekommen zu sein, schrie er schon von weitem: „Kräuterhexe, lass dich blicken! Du bist verdammt, bis an dein Lebensende in meinem Kerker zu schmoren! Du undankbares Weib! Willst nicht deinem König dienen!“
Natürlich konnte man den König weithin hören. So erschrak auch die Kräuterhexe über den plötzlichen Lärm, sah zum Fenster hinaus und erkannte den König, der in ihren Kräuterwald eindringen wollte.
Schnell blätterte sie in ihrem Kräuterhexenbuch, fand auch schon alsbald den gesuchten Zauberspruch, nahm ihren Zauberstab und rannte ins Freie.
Dort schwang sie den Zauberstab, der aus einem geschwungenen Ast bestand und murmelte die Zauberworte:
„Lirum, larum, Löffelstiel!
König Rarirus brüllt zu viel!
Alle Kräuter gehören mir,
niemals, niemals schenke ich sie dir!
Nie lass ich Euch in den Kräuterwald hinein,
er soll von Brennesseln umgeben sein!“
Wie sie diese Worte ausgesprochen hatte, so stand rings um den Kräuterwald herum ein hoher Zaun aus Brennesseln.
Der König, der natürlich gar keine Ahnung von Kräutern und Pflanzen hatte, stürmte schnurstracks auf die Brennesselsträucher zu und wollte sich mit lauter Geschrei hindurchzwängen.
Doch kaum kam er in Berührung mit diesen Pflanzen, so heulte er vor lauter Schmerzen auf, schlug wild um sich, was den Schmerz noch größer machte.
Mit lauter roten Punkten am ganzen Körper sah er ein, dass die Kräuterhexe mächtiger als er war, und verließ mit Geschrei und Geplärre den verhexten Ort, um in sein Schloss zurückzukehren.
Dort angekommen musste er feststellen, dass sich kein Mensch mehr im Schloss befand, auch nicht im Verlies. Fast alle hatten ihn verlassen, weil sie nicht mehr mit ihm auskommen wollten. Nur der Hofnarr war geblieben und blieb beim König, bis er ihn überzeugt hatte, dass Reichtum alleine nicht glücklich macht. Und je mehr Rarirus Gutes mit seinem Reichtum tat, desto wohler fühlte er sich. Das Volk begann ihn zu lieben und der gesamte Hofstaat kehrte zurück. Von Stund an lebte der König zufrieden und regierte sein Volk in Weisheit und Güte. Auch entschuldigte er sich bei der Kräuterhexe und fortan lebten alle miteinander in Frieden und Eintracht.

Quelle: Carmen Kofler

Sonntagsmärchen

 
Ein Mann und eine Frau hatten ein großes Kürbisfeld. Eines Tages holte sich die Frau einen besonders schönen Kürbis, um ihn zu kochen. Als sie ihn in ihre Hütte getragen hatte, wollte sie ihn gleich zurechtmachen. Da hörte sie plötzlich eine Stimme, die aus dem Kürbis herauskam und sprach: »Laß mich leben! Kochst du mich, so koche ich dich! Laß mich leben! Kochst du mich, so koche ich dich!«
Diese Worte wiederholte er fortwährend. Am liebsten hätte die erschrockene Frau ihn wieder auf das Feld gebracht, von dem sie ihn geholt hatte; aber ihr Mann arbeitete dort, und sie wußte recht gut, daß der sie nur auslachen würde, wenn sie ihm die sonderbare Geschichte von dem sprechenden Kürbis erzählte. Deshalb dachte sie, es wäre am klügsten, recht hurtig bei ihrer Arbeit zu sein, und lief hinaus zur nahen Quelle, um Wasser zum Kochen zu holen. Kaum aber hatte sie ihre Hütte verlassen, als der Kürbis sich in das Kind der Frau verwandelte, welches am Boden lag und schlief. Aus dem Kinde indessen wurde ein Kürbis, genau so schön und groß und schwer, wie der, welchen die Frau vom Felde geholt hatte. Als sie nach wenigen Minuten wieder in die Hütte trat, setzte sie schnell das Wasser auf das Feuer, schärfte sich ihr Messer und ging eiligst daran, den Kürbis zu zerschneiden. Der fing sofort wieder an zu sprechen und rief:
»Laß mich leben! Schneidest du mich, so schneide ich dich! Laß mich leben! Schneidest du mich, so schneide ich dich!«
Dieselben Worte wiederholte er die ganze Zeit, bis er in lauter kleine Stücke zerteilt war; dann warf ihn die Frau in das kochende Wasser und lief schnell hinaus zu ihrem Manne, um ihm alles zu erzählen.
Er wollte ihren Worten zwar nicht glauben, kam aber doch mit zurück zur Hütte, um den sonderbaren Kürbis zu sehen.
»Was ist das?« rief die Frau, sobald sie wieder in der Hütte war; denn auf der Erde, an der Stelle, wo ihr Kind gelegen hatte, lag ein Kürbis, und das Kind war nirgends zu finden.
Der Mann hob inzwischen den Deckel des Kochtopfes hoch, und siehe da, aus dem kochenden Wasser hüpfte frisch und munter ihm sein Kind entgegen!
»Ich bin am Leben!« sprach es. »Ein andermal aber darf meine Mutter nicht die Worte verachten, die zu ihr gesprochen sind, selbst wenn es nur ein Kürbis ist, der sie sagt.«
Der Mann und die Frau waren von Herzen froh, daß sie ihr Kind wieder hatten, und alle drei gingen zusammen auf das Kürbisfeld und trugen den großen Kürbis wieder an den Ort, auf dem er gewachsen war.[Afrika: Märchen und Sagen, der afrikanischen Neger, Zulumärchen]

Sonntagsmärchen

Der gescheite Hans

Hansens Mutter fragt »wohin, Hans?« Hans antwortet »zur Gretel.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans eine Nadel. Hans spricht »adies, Gretel.« »Adies, Hans.«

Hans nimmt die Nadel, steckt sie in einen Heuwagen und geht hinter dem Wagen her nach Haus. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Nadel gegeben.« »Wo hast du die Nadel, Hans?« »In Heuwagen gesteckt.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest die Nadel an den Ärmel stecken.« »Tut nichts, besser machen.«

»Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans ein Messer. »Adies, Gretel.« »Adies Hans.«

Hans nimmt das Messer, steckts an den Ärmel und geht nach Haus. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Messer gegeben.« »Wo hast das Messer, Hans?« »An den Ärmel gesteckt.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest das Messer in die Tasche stecken.« »Tut nichts, besser machen.« »Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans eine junge Ziege. »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.«

Hans nimmt die Ziege, bindet ihr die Beine und steckt sie in die Tasche. Wie er nach Hause kommt, ist sie erstickt. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Ziege gegeben.« »Wo hast du die Ziege, Hans?« »In die Tasche gesteckt.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest die Ziege an ein Seil binden.« »Tut nichts, besser machen.«

»Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans ein Stück Speck. »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.«

Hans nimmt den Speck, bindet ihn an ein Seil und schleifts hinter sich her. Die Hunde kommen und fressen den Speck ab. Wie er nach Haus kommt, hat er das Seil an der Hand, und ist nichts mehr daran. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Stück Speck gegeben.« »Wo hast du den Speck, Hans?« »Ans Seil gebunden, heim geführt, Hunde weggeholt.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest den Speck auf dem Kopf tragen.« »Tut nichts, besser machen.«

»Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans ein Kalb. »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.«

Hans nimmt das Kalb, setzt es auf den Kopf, und das Kalb zertritt ihm das Gesicht. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Kalb gegeben.« »Wo hast du das Kalb, Hans?« »Auf den Kopf gesetzt, Gesicht zertreten.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest das Kalb leiten und an die Raufe stellen.« »Tut nichts, besser machen.«

»Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel sagt zum Hans »ich will mit dir gehn.«

Hans nimmt die Gretel, bindet sie an ein Seil, leitet sie, führt sie vor die Raufe und knüpft sie fest. Darauf geht Hans zu seiner Mutter. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Nichts gegeben, mitgegangen.« »Wo hast du die Gretel gelassen?« »Am Seil geleitet, vor die Raufe gebunden, Gras vorgeworfen.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest ihr freundliche Augen zuwerfen.« »Tut nichts, besser machen.«

Hans geht in den Stall, sticht allen Kälbern und Schafen die Augen aus und wirft sie der Gretel ins Gesicht. Da wird Gretel böse, reißt sich los und lauft fort, und ist Hansens Braut gewesen.