Archiv der Kategorie: Märchen

Sonntagsmärchen

Hans-Christian Andersen

Das häßliche junge Entlein.Es war herrlich draußen auf dem Lande; es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt, und da ging der Storch auf seinen langen rothen Beinen und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Mutter gelernt. Rings um den Acker und die Wiese waren große Wälder und mitten in den Wäldern tiefe Seen, ja es war wirklich herrlich da draußen auf dem Lande! Mitten im Sonnenschein lag dort ein altes Rittergut, von tiefen Kanälen umgeben, und von der Mauer bis zum Wasser herunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch waren, daß kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten; es war aber so wild darin, wie im tiefsten Walde. Hier saß eine Ente auf dem Neste, welche ihre Jungen ausbrüten mußte, aber es wurde ihr fast zu langweilig, ehe die Jungen kamen, dazu bekam sie selten Besuch; die andern Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als daß sie hinauf liefen, sich unter ein Klettenblatt zu setzen und mit ihr zu schnattern.Endlich borst ein Ei nach dem andern. »Piep, piep!« sagte es und alle Eidotter waren lebendig geworden und die jungen Entlein steckten den Kopf heraus.»Rapp, rapp!« sagte sie, und so rappelten sich alle, was sie konnten, und sahen nach allen Seiten unter den grünen Blättern, und die Mutter ließ sie sehen, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen.»Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen; denn nun hatten sie freilich ganz anders Platz, als wie sie noch drinnen im Ei lagen.»Glaubt Ihr, daß dieß die ganze Welt sei?« sagte die Mutter. »Die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, gerade hinein in des Pfarrers Feld, aber da bin ich noch nie gewesen! Ihr seid doch alle beisammen?« fuhr sie fort, und so stand sie auf. »Nein, ich habe noch nicht alle, das größte Ei liegt noch da. Wie lange soll das noch währen? Jetzt bin ich es bald überdrüssig!« Und so setzte sie sich wieder.»Nun, wie geht es?« sagte eine alte Ente, welche gekommen war, um ihr einen Besuch abzustatten.»Es währt so lange mit dem einen Ei!« sagte die Ente, die da saß; es will nicht entzwei gehen; doch blicke nur auf die andern hin, sind sie nicht die niedlichsten Entlein, die man je gesehen? Sie gleichen allesammt ihrem Vater; der Bösewicht kommt nicht, mich zu besuchen.«»Laß mich das Ei sehen, welches nicht bersten will!« sagte die Alte. »Glaube mir, es ist ein Kalekutenei; ich bin auch einmal so angeführt worden, und hatte meine große Sorge und Noth mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser. Ich konnte sie nicht hinein bekommen, ich rappte und schnappte, aber es half nichts. Laß mich das Ei sehen. Ja, das ist ein Kalekutenei, laß Du das liegen und lehre lieber die andern Kinder schwimmen.«»Ich will doch noch ein bischen darauf sitzen«, sagte die Ente, »habe ich nun so lange gesessen, kann ich auch noch einige Zeit sitzen.«»Nach Belieben,« sagte die alte Ente und ging von dannen.Endlich borst das große Ei. »Piep, piep!« sagte das Junge und kroch heraus; es war groß und häßlich. Die Ente betrachtete es. »Das ist doch ein gewaltig großes Entlein«, sagte sie; »keins von den andern sieht so aus; sollte es doch ein kalekutisches Küchlein sein? Nun, wir wollen bald dahinter kommen; in das Wasser muß es, ob ich es auch selbst hineinstoßen soll.«Am nächsten Tage war schönes, herrliches Wetter. Die Sonne schien auf all‘ die grünen Kletten. Die Entleinmutter ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Kanal hinunter; platsch; da sprang sie in das Wasser. »Rapp, rapp!« sagte sie, und ein Entlein plumpste nach dem andern hinein; das Wasser schlug ihnen über dem Kopfe zusammen, aber sie kamen gleich wieder empor und schwammen so prächtig, die Beine gingen von selbst, und alle waren sie darin, selbst das häßliche, graue Junge schwamm mit.»Nein, es ist kein Kalekut«, sagte sie; »sieh, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält, es ist mein eigenes Kind. Im Grunde ist es doch ganz hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp, rapp! – Kommt nur mit mir, ich werde Euch in die große Welt führen, Euch im Entenhof vorstellen, aber haltet Euch immer nahe zu mir, damit Niemand auf Euch trete, und nehmt Euch vor den Katzen in Acht!«Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Da drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn da waren zwei Familien, die sich um einen Aalkopf bissen, und am Ende bekam ihn doch die Katze.»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte die Entenmutter und wetzte ihren Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Braucht nur die Beine!« sagte sie. »Seht, daß Ihr Euch rappeln könnt, und neigt Euren Hals vor der alten Ente dort; sie ist die vornehmste von allen hier; sie ist aus spanischem Geblüt, deßwegen ist sie so dick; und seht Ihr, sie hat einen rothen Lappen um das Bein, das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche einer Ente zu Theil werden kann; das bedeutet so viel, daß man sie nicht verlieren will und daß sie von Thier und Menschen erkannt werden soll! Rappelt Euch; setzt die Füße nicht einwärts. Ein wohlerzogenes Entlein setzt die Füße weit von einander, gerade wie Vater und Mutter; seht, so! Nun neigt Euern Hals und sagt: Rapp!«Und das thaten sie; aber die anderen Enten ringsumher betrachteten sie und sagten ganz laut: »Sieh da! Nun sollen wir noch den Anhang haben, als ob wir nicht schon genug wären, und pfui! wie das eine Entlein aussieht, das wollen wir nicht dulden!« Und sogleich flog eine Ente hin und biß es in den Nacken.»Laß es in Ruhe!« sagte die Mutter. »Es thut ja Niemand etwas.«»Ja, aber es ist so groß und ungewöhnlich«, sagte die beißende Ente, »und deßhalb muß es gepufft werden.«»Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat,« sagte die Ente mit dem Lappen um das Bein. »Alle zusammen schön, bis auf das eine, das ist nicht geglückt; ich möchte wünschen, daß sie es umarbeiten könnte.«»Das geht nicht, Ihro Gnaden«, sagte die Entleinmutter; »es ist nicht hübsch, aber es hat ein gutes Gemüth und schwimmt so herrlich wie eins von den andern, ja, ich darf sagen, noch etwas besser; ich denke, es wird hübsch heranwachsen und mit der Zeit etwas kleiner werden; es hat so lange in dem Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen!« Und so zupfte sie es im Nacken und glättete das Gefieder. »Es ist überdieß ein Entrich,« sagte sie, »und darum macht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen, er schlägt sich schon durch.«»Die andern Entlein sind niedlich,« sagte die Alte. »Thut nun, als ob Ihr zu Hause wäret, und findet Ihr einen Aalkopf, so könnt Ihr mir ihn bringen.«Und so waren sie wie zu Hause.Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so häßlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und zum Besten gehalten, und das sowohl von den Enten wie von den Hühnern. »Es ist zu groß«, sagten sie allesammt, und der talekutische Hahn, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, daß er Kaiser sei, blies sich wie ein Fahrzeug mit vollen Segeln auf, ging gerade auf dasselbe los, und dann kollerte er und wurde ganz roth am Kopfe. Das arme Entlein wußte weder, wo es stehen noch gehen sollte; es war betrübt, weil es häßlich aussah und vom ganzen Entenhofe verspottet wurde.So ging es den ersten Tag, und später wurde es schlimmer und schlimmer. Das Entlein wurde von Allen gejagt, selbst seine Geschwister waren böse gegen dasselbe und sagten immer: »Wenn die Katze Dich nur fangen möchte, Du häßliches Geschöpf!« und die Mutter sagte: »Wenn Du nur weit fort wärest!« Die Enten bissen es, und die Hühner schlugen es, und das Mädchen, welches die Thiere füttern sollte, stieß mit dem Fuße darnach.Da lief und flog es über das Gehege; die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken auf. »Das geschieht, weil ich häßlich bin!« dachte das Entlein und schloß die Augen, lief aber gleichwohl weiter; so kam es hinaus zu dem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht, es war sehr müde und kummervoll.Am Morgen flogen die wilden Enten auf und sie betrachteten den neuen Kameraden. »Was bist Du für einer ?« fragten sie, und das Entlein wandte sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte.»Du bist außerordentlich häßlich!« sagten die wilden Enten. »Aber das kann uns gleichgiltig sein, wenn Du Dich nur nicht in unsere Familie hinein heirathest.« Das Arme dachte wahrlich nicht daran, sich zu verheirathen, wenn es nur die Erlaubnis hatte, im Schilfe zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken.So lag es ganze zwei Tage. Da kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche dorthin; es war noch nicht lange her, daß sie aus dem Ei gekrochen waren, und deshalb waren sie auch so keck.»Höre, Kamerad«, sagten sie, »Du bist so häßlich, daß wir Dich gut leiden mögen; willst Du mitziehen und Zugvogel sein? Hier nahebei in einem andern Moor giebt es einige liebliche, wilde Gänse, alle zusammen Fräulein, die da Rapp! sagen können. Du bist im Stande, Dein Glück zu machen, so häßlich Du auch bist!«»Piff, paff!« ertönte es und beide wilde Gänseriche fielen todt in das Schilf nieder, und das Wasser wurde blutroth. »Piff, paff!« erscholl es wieder, und ganze Schaaren wilder Gänse flogen aus dem Schilfe auf, und dann knallte es wieder. Es war große Jagd; die Jäger lagen rings um das Rohr herum, ja einige saßen oben in den Baumzweigen, welche sich weit über das Schilf hinstreckten, der blaue Dampf zog gleich Wolken in die dunklen Bäume hinein und ging weit über das Wasser hin; zum Moor kamen die Jagdhunde: platsch! platsch! – das Schilf und Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entlein; es wendete den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, und im selben Augenblick stand ein fürchterlich großer Hund dicht bei dem Entlein, die Zunge hing ihm lang aus dem Halse heraus, und die Augen leuchteten greulich häßlich; er streckte seinen Rachen dem Entlein gerade entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – platsch! platsch! ging er wieder, ohne es zu packen.»O, Gott sei Dank!« seufzte das Entlein, »ich bin so häßlich, daß mich selbst der Hund nicht beißen mag!«So lag es ganz still, wahrend der Bleihagel durch das Schilf sauste und Schuß auf Schuß knallte.Erst spät am Tage wurde es still, aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben; es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moor, so schnell es konnte; es lief über Feld und Wiese

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Sonntagsmärchen

Hans Christian AndersenSämmtliche Märchen, 1862Der Rosen-Elf

Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war ganz voller Rosen; und in einer derselben, der schönsten von allen, wohnte ein Elf. Er war so winzig klein, daß kein menschliches Auge ihn erblicken konnte. Hinter jedem Blatte in der Rose hatte er eine Schlafkammer. Er war so wohlgebildet und schön, wie nur ein Kind sein konnte, und hatte Flügel von den Schultern bis hinunter zu den Füßen. O, welcher Duft war in seinen Zimmern, und wie klar und schön waren die Wände! Es waren ja die blaßrothen Rosenblätter.
Den ganzen Tag erfreute er sich im warmen Sonnenschein, flog von Blume zu Blume, tanzte auf den Flügeln des fliegenden Schmetterlings und maß, wie viele Schritte er zu gehen habe, um über alle Landstraßen und Stege zu gelangen, welche auf einem einzigen Lindenblatte sind. Das war, was wir die Adern im Blatte nennen, die er für Landstraßen und Stege hielt. Ja, das waren ewige Wege für ihn! Ehe er damit fertig wurde, ging die Sonne unter: er hatte auch so spät damit angefangen!

Es wurde so kalt, der Tau fiel und der Wind wehte; nun war es das Beste, nach Hause zu kommen. Er tummelte sich, was er konnte; aber die Rose hatte sich geschlossen; er konnte nicht hineingelangen; – keine einzige Rose stand geöffnet. Der arme kleine Elf erschrak sehr. Er war früher nie des Nachts ausgewesen, hatte immer so süß hinter den warmen Rosenblättern geschlummert: o, das wird sicher sein Tod werden!
Am andern Ende des Gartens, wußte er, befand sich eine Laube mit schönem Jelängerjelieber; die Blüthen sahen wie große bemalte Hörner aus; in eine derselben wollte er hinabsteigen und bis morgen schlafen.
Er flog dahin. Still! Es waren zwei Menschen darin: ein junger, hübscher Mann und ein schönes Mädchen. Sie saßen nebeneinander und wünschten, daß sie sich nie zu trennen brauchten. Sie waren einander so gut, weit mehr noch, als das beste Kind seiner Mutter und seinem Vater sein kann.
„Dennoch müssen wir uns trennen!“ sagte der junge Mann. „Dein Bruder mag uns nicht leiden, deshalb sendet er mich mit einem Auftrage so weit über Berge und Seen fort! Lebe wohl, meine süße Braut, denn das bist Du doch!“
Und dann küßten sie sich, und das junge Mädchen weinte und gab ihm eine Rose. Aber bevor sie ihm diese reichte, drückte sie einen Kuß so fest und innig darauf, daß die Blume sich öffnete. Da flog der kleine Elf in diese hinein und lehnte sein Haupt gegen die feinen, duftenden Wände; hier konnte er gut hören, daß Lebewohl gesagt wurde, lebe wohl! Und er fühlte, daß die Rose ihren Platz an des jungen Mannes Brust erhielt. – O, wie schlug doch das Herz drinnen! Der kleine Elf konnte gar nicht einschlafen, so pochte es.
Aber nicht lange ruhte die Rose auf der Brust ungestört. Der Mann nahm sie hervor, und während er einsam in dem dunkeln Walde ging, küßte er die Blume, o, so oft und so heftig, daß der kleine Elf fast erdrückt wurde. Er konnte durch das Blatt fühlen, wie die Lippen des Mannes brannten, und die Rose selbst hatte sich wie bei der stärksten Mittagssonne geöffnet.
Da kam ein anderer Mann, finster und böse; es war des hübschen Mädchens schlechter Bruder. Der zog ein scharfes Messer hervor, und während Jener die Rose küßte, stach der schlechte Mann ihn todt, schnitt seinen Kopf ab und begrub ihn mit dem Körper in der weichen Erde unter dem Lindenbaume.
„Nun ist er vergessen und fort!“ dachte der schlechte Bruder; „er kommt nie mehr zurück. Eine lange Reise sollte er machen, über Berge und Seen: da kann man leicht das Leben verlieren, und das hat er verloren. Er kommt nicht mehr zurück, und mich darf meine Schwester nicht nach ihm fragen.“
Dann scharrte er mit dem Fuße verdorrte Blätter über die lockere Erde und ging wieder in der dunkeln Nacht nach Hause.

Aber er ging nicht allein, wie er glaubte: der kleine Elf begleitete ihn. Der saß in einem vertrockneten, aufgerollten Lindenblatte, welches dem bösen Manne, als er grub, in die Haare gefallen war. Der Hut war nun darauf gesetzt; es war so dunkel darin, und der Elf zitterte vor Schreck und Zorn über die schlechte That.
In der Morgenstunde kam der böse Mann nach Hause; er nahm seinen Hut ab und ging in der Schwester Schlafkammer hinein. Da lag das schöne, blühende Mädchen und träumte von ihm, dem sie so gut war und von dem sie nun glaubte, daß er über Berge und durch Wälder ginge. Und der böse Bruder neigte sich über sie und lachte häßlich, wie nur ein Teufel lachen kann. Da fiel das trockene Blatt aus seinem Haare auf die Bettdecke nieder; aber er bemerkte es nicht und ging hinaus, um in der Morgenstunde selbst ein wenig zu schlafen. Aber der Elf schlüpfte aus dem verdorrten Blatte, setzte sich in das Ohr des schlafenden Mädchens und erzählte ihr, wie in einem Traume den schrecklichen Mord; beschrieb ihr den Ort, wo der Bruder ihn erschlagen und seine Leiche verscharrt hatte; erzählte von dem blühenden Lindenbaume dicht dabei und sagte: „Damit Du nicht glaubest, daß es nur ein Traum ist, was ich Dir erzählt habe, so wirst Du auf Deinem Bette ein verdorrtes Blatt finden!“ Und das fand sie, als sie erwachte.
O, welche bittere Thränen weinte sie! Und Niemandem durfte sie ihren Schmerz anvertrauen. Das Fenster stand den ganzen Tag offen: der kleine Elf konnte leicht zu den Rosen und all den übrigen Blumen in dem Garten hinausgelangen. Aber er konnte es nicht über sein Herz bringen, die Betrübte zu verlassen. Im Fenster stand ein Strauch mit Monatsrosen: in eine der Blumen setzte er sich und betrachtete das arme Mädchen. Ihr Bruder kam oft in die Kammer hinein. Und er war so heiter und so schlecht, sie aber durfte kein Wort über ihren Herzenskummer sagen.
Sobald es Nacht wurde, schlich sie sich aus dem Hause, ging im Walde nach der Stelle, wo der Lindenbaum stand, nahm die Blätter von der Erde, grub dieselbe auf und fand ihn gleich, der erschlagen worden war. O, wie weinte sie und bat den lieben Gott, daß auch sie bald sterben möge!
Gern hätte sie die Leiche mit sich nach Hause genommen, aber das konnte sie nicht. Da nahm sie das bleiche Haupt mit den geschlossenen Augen, küßte den kalten Mund und schüttelte die Erde aus seinem schönen Haar. „Das will ich behalten!“ sagte sie. Und als sie Erde und Blätter auf den todten Körper gelegt hatte, nahm sie den Kopf und einen kleinen Zweig von dem Jasminstrauch, der im Walde blühete, wo er begraben war, mit sich nach Hause.

Sobald sie in ihrer Stube war, holte sie sich den größten Blumentopf, der zu finden war; in diesen legte sie des Todten Kopf, schüttete Erde darauf und pflanzte dann den Jasminzweig in den Topf.
„Lebe wohl! Lebe wohl!“ flüsterte der kleine Elf; er konnte es nicht länger ertragen, all diesen Schmerz zu sehen, und flog deshalb hinaus zu seiner Rose im Garten. Aber die war abgeblüht; es hingen nur einige bleiche Blätter an der grünen Hagebutte.
„Ach, wie bald ist es doch mit all dem Schönen und Guten vorbei!“ seufzte der Elf. Zuletzt fand er wieder eine Rose; die wurde sein Haus; hinter ihren feinen und duftenden Blättern konnte er hausen und wohnen.
Jeden Morgen flog er nach dem Fenster des armen Mädchens, und da stand sie immer bei dem Blumentopf und weinte. Die bittern Thränen fielen auf den Jasminzweig, und mit jedem Tage, an welchem sie bleicher und bleicher wurde, stand der Zweig frischer und grüner da; der eine Schoß trieb nach dem andern hervor; kleine weiße Knospen blüheten auf, und die küßte sie. Aber der böse Bruder schalt sie und frug, ob sie närrisch geworden sei? Er konnte es nicht leiden und nicht begreifen, weshalb sie immer über dem Blumentopf weine. Er wußte ja nicht, welche Augen da geschlossen und welche rothe Lippen da zu Erde geworden waren. Und sie neigte ihr Haupt gegen den Blumentopf, und der kleine Elf von der Rose fand sie da schlummernd. Da setzte er sich in ihr Ohr, erzählte von dem Abend in der Laube, vom Duft der Rose und der Elfen Liebe. Da träumte sie so süß, und während sie träumte, entschwand das Leben; sie war eines stillen Todes erblichen; sie war bei ihm, den sie liebte, im Himmel.
Und die Jasminblume öffnete ihre großen weißen Glocken; sie dufteten so eigenthümlich süß: anders konnten sie nicht über die Todte weinen.

Aber der böse Bruder betrachtete den schön blühenden Strauch, nahm ihn als ein Erbgut zu sich und setzte ihn in seine Schlafstube, dicht an sein Bett, denn er war herrlich anzuschauen und der Duft war so süß und lieblich. Der kleine Rosen-Elf folgte mit, flog von Blume zu Blume – in jeder wohnte ja eine kleine Seele – und erzählte von dem ermordeten jungen Manne, dessen Haupt nun Erde unter der Erde war, erzählte von dem bösen Bruder und der armen Schwester.
„Wir wissen es!“ sagte eine jede Seele in den Blumen; „wir wissen es! Sind wir nicht aus des Erschlagenen Augen und Lippen entsprossen! Wir wissen es! Wir wissen es!“ Und dann nickten sie so sonderbar mit dem Kopfe.
Der Rosen-Elf konnte es gar nicht begreifen, wie sie so ruhig sein könnten; und er flog hinaus zu den Bienen, die da Honig sammelten und erzählten ihnen die Geschichte von dem bösen Bruder. Und die Bienen sagten es ihrer Königin, und diese befahl, daß sie alle nächsten Morgen den Mörder umbringen sollten.
Aber in der Nacht voher – es war die erste Nacht, welche auf den Tod der Schwester folgte – als der Bruder in seinem Bette dicht neben dem duftenden Jasminstrauche schlief, öffnete sich ein jeder Blumenkelch, und unsichtbar, aber mit giftigen Spießen, stiegen die Blumenseelen heraus und setzten sich in sein Ohr und erzählten ihm böse Träume, flogen darauf über seine Lippen und stachen seine Zunge mit den giftigen Spießen. „Nun haben wir den Todten gerächt!“ sagten sie und flogen zurück in des Jasmins weiße Glocken.
Als es Morgen war und das Fenster der Schlafkammer auf einmal aufgerissen wurde, fuhr der Rosen-Elf mit der Bienenkönigin und dem ganzen Bienenschwarm hinein, um ihn zu tödten.
Aber er war schon todt; es standen Leute rings um das Bett und die sagten: „Der Jasminduft hat ihn getödtet!“
Da verstand der Rosen-Elf der Blumen Rache, und er erzählte es der Königin der Bienen, und sie summte mit ihrem ganzen Schwarm um den Blumentopf. Die Bienen waren nicht zu verjagen. Da nahm ein Mann den Blumentopf fort, und eine der Bienen stach seine Hand, sodaß er den Topf fallen und zerbrechen ließ.
Da sahen sie den bleichen Totenschädel, und sie wußten, daß der Todte im Bette ein Mörder war.
Und die Bienenkönigin summte in der Luft und sang von der Rache der Blumen und von dem Rosen-Elf, und daß hinter dem geringsten Blatte Einer wohnt, der das Böse erzählen und rächen kann.

Sonntagsmärchen

Das PfingstrosenmädchenEs war einmal und es war keinmal, da war einmal in alten Zeiten ein Pfingstrosenzüchter, der hatte drei Töchter. Diese Töchter gingen den ganzen Tag im Garten herum und begossen die Pfingstrosen. Ihrem Hause gegenüber wohnte ein Bej, der ihnen immer zusah, wie sie jeden Tag ihre Rosen im Garten begossen.
Als eines Tages die älteste der Mädchen im Garten herumging und die Blumen begoss, erblickte sie der Bej und um mit ihr ein wenig zu scherzen, sprach er zum Mädchen: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen- Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen, du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Das Mädchen wusste ihm nicht zu antworten, schämte sich und lief aus dem Garten. Als dann später das mittlere Mädchen in den Garten ging und ihre Rosen begoss, sagte ihr der Bej dasselbe und da auch sie sich, wie ihre ältere Schwester, schämte, lief sie ebenfalls davon. Als endlich auch das jüngste Mädchen kam, sprach er zu ihr ebenfalls: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen-Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen, du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Da die Kleinen immer naseweiser sind, antwortete sie ihm: »mein Bej, mein Bej, in deiner Hand hast du eine Feder, in deinem Gürtel ein Tintenfass, weisst du aber, wie viel Sterne am Himmel sind?« Da der Bej darauf nicht zu antworten wusste, so schämte er sich und nahm sich vor, es ihr heimzuzahlen.
Nach Verlauf von drei bis fünf Tagen, kaufte sich der Bej einen schundigen Fez, eine abgetragene Kniehose, setzte auf den Kopf einen Korb und verkleidet sich so als Fischhändler. Das Mädchen ass nämlich Fische sehr gerne. Der Bej fing nun an, Fische zu verkaufen, indem er auf der Strasse rief: »Kauft Fische, kauft Fische!« Ein bis zwei Tage verkauft er so Fische, am dritten Tage rief das Mädchen den Fischer und fragte ihn: »Wie teuer verkaufst du die Fische?« Der Bej antwortete: »Für Geld verkaufe ich keine Fische.« – »Also wofür?« fragte das Mädchen. Der Bej antwortete: »Für einen Kuss gebe ich eine Okka.« Das Mädchen dachte sinnend nach, und da sie meinte, dass es ohnehin niemand sieht, gibt sie dem Jüngling einen Kuss und bekam dafür eine Okka Fische. Der Bej freute sich und ging nach Hause. Er zog wieder seine früheren Kleider an und wartete, bis das Mädchen wieder in den Garten ging.
Doch ziehen wir die Sache nicht in die Länge. Als das älteste und mittlere Mädchen wieder in den Garten ging, sprach sie der Bej wieder so an, worauf sie davon liefen. Die Reihe kam nun an die jüngste. Als das jüngste Mädchen hinausging, spricht der Bej: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen-Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen, du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Das Mädchen antwortete ihm: »Mein Bej, mein Bej, in deiner Hand hast du eine Feder, in deinem Gürtel ein Tintenfass, weisst du aber, wie viel Sterne am Himmel sind?« Darauf hub der Bej an: »Weisst du aber, ob man für einen Kuss eine Okka Fische kaufen kann?« Sofort begriff das Mädchen die Sache und nahm sich vor, ihm ebenfalls nichts schuldig zu bleiben.
Sie liess sich also ein klingelndes, schellendes Kleid machen und verbarg es unter ihre Achseln. Eines Tages lauerte sie auf, bis man das Tor des Bej öffnete und als dies geschah, huschte sie, ohne dass es jemand wahrgenommen hätte, ins Haus und ging in den Stall, wo sie sich verbarg. Das Schlafzimmer des Bej war gerade in der Nähe. In der Nacht, als man beim Bej sich schon niedergelegt hatte, zog das Mädchen um Mitternacht ihr Kleid mit den Klingeln und Schellen an, ging zum Bej hin, schüttelte sich, so dass das Kleid zu klingeln und zu schellen begann. Das Mädchen schüttelte sich noch einmal und als sie »öhö, öhö« zu husten anfing, erwachte der Bej und mit dem Ruf: »Wer da?« guckt der Bej unter der Decke hervor. Das Mädchen hustete noch einmal, schüttelte sich, der Bej unter der Decke zitterte zähneklappernd. Endlich sprach das Mädchen: »Ich bin Esrael und bin um deine Seele gekommen; entweder du gibst deine Seele her, oder ich stecke dir ein Horn in den Hintern.« Der Bej begann nachzudenken und da er erwog, dass ein Horn doch besser sei, als die Seele hinzugeben, so sprach er: »Nun also steck.« Das Mädchen zerstach ihm tüchtig den Hintern und verschwand.
Tags darauf stand der Bej wohl auf, allein fünf bis zehn Tage lang konnte er sich kaum niedersetzen, so sehr hatte ihn das Mädchen zerstochen. Als er wieder gänzlich hergestellt war, setzte er sich vors Fenster, und als er sah, dass die jüngste wieder ging, um ihre Rosen zu begiessen, sprach er: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen-Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen; du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Das Mädchen antwortet ihm: »Mein Bej, mein Bej, in deiner Hand hast du eine Feder, in deinem Gürtel ein Tintenfass, weisst du aber, wie viel Sterne am Himmel sind?« Da sprach wieder der Bej: »Weisst du aber, ob man für einen Kuss eine Okka Fische kaufen kann?« Hierauf versetzte das Mädchen: »Nun, weisst du aber, ob man in deinen Hintern ein Horn gesteckt?« – »O, du verschmitzer Windbeutel« platzte der Jüngling; ging schnurstracks zu seiner Mutter und sagte ihr, sie möge hinübergehen und die jüngste Tochter des Pfingstrosenzüchters für ihn zur Frau verlangen.
Umsonst sträubte sich die Mutter dagegen, da doch die Tochter Eines armen Rosenzüchters nicht zu einem Bej passe, der Bej hörte auf nichts anderes. Als die Mutter sah, dass ihr Sohn davon durchaus nicht abstehen wollte, so ging sie auf die Brautschau und hielt um ihre Hand an. Vater und Mutter des Mädchens willigten ein und trafen Veranstaltungen zur Vorbereitung der Hochzeit. Als dies das Mädchen erfuhr, witterte sie sogleich, dass der Bej etwas im Schilde führe, ging eilends zu ihrem Vater, und zwingt ihn, dass er eine ihr ähnliche Puppe aus Wachs machen lasse. Was sollte der Vater auch tun, er ging hin und liess dieselbe anfertigen. Das Mädchen nimmt das Ebenbild, setzt es in das Brautgemach hinein und nachdem sie an den Kopf der Puppe einen Faden befestigt hatte, zieht sie das eine Ende des Fadens ganz bis zum Kasten hin; in das Innere des Bildes jedoch ganz bis zum Kopf hinauf gab sie einen Topf Sirup hinein.
Am Hochzeitsabend, nachdem ihre Gespielinnen und Freundinnen alle weggegangen waren, ging das Mädchen, ehe der Bräutigam zu ihr kam, ins Brautzimmer hinein, zieht ihr Brautkleid ihrem Ebenbilde an, befestigt den Schleier und die Goldfäden alle auf den Kopf der Puppe, sie selbst aber schlüpft in den Kasten hinein und guckt durch das Kastenloch hinaus. Später kam der Bräutigam, trat in’s Zimmer ein, riss sein Schwert aus der Scheide und sprach: »Du Wildfang, du warst es also, die mir das Horn hineingesteckt?« Das Mädchen im Kasten zog vorsichtig an der Schnur, so dass die Puppe mit ihrem Kopfe bejahend nickte. Darüber wurde der Bej wütend und: »Was, du nickst noch mit dem Kopfe?« rufend stiess er sein Schwert in die Puppe, worauf der Sirup aus ihr herausfloss. »Ich habe geschworen,« sagte der Bej, »dass ich dein Blut trinken werde« und schlürfte von dem Sirup auf dem Boden. Da merkte er, dass dieser süss wie Zucker ist. »O weh,« rief er, »wie süss ist ihr Blut, um wie viel süsser musste sie selbst gewesen sein!« Hierauf trat das Mädchen aus dem Kasten heraus und sprach: »Mein Bej, deinen Eid hast du gehalten.« Damit sanken sie sich einander an die Brust und von dieser Stunde an verlebten sie ihre Tage in Glückseligkeit.[Asien: Türkei. Märchen der Welt]

Märchenstunde

Der alte Großvater und der Enkel

Ein Märchen der Brüder Grimm

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?“ fragte der Vater. „Ich mache ein Tröglein,“ antwortete das Kind, „daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an Fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Sonntagsmärchen

Aesop

Die Löwin und die Füchsin

Eine Füchsin, die auf ihre Fruchtbarkeit stolz war, schalt eine Löwin, dass sie nur ein einziges Junges zur Welt brächte. Die Löwin antwortete ihr darauf: „Fürwahr, ich bringe nur eines zur Welt, aber dieses einzige ist ein Löwe.“

Sonntagsmärchen

Daemonologia Rubinzalii Silesii, Das ist/ Ein ausführlicher Bericht/ Von den wunderbarlichen/ sehr alten/ und weitbeschrienen Gespenste Dem Rübezahl (1662) – Fachtexte

Johannes Praetorius (genannt Praetorius Zetlingensis zur Unterscheidung von anderen Trägern gleichen Namens; wirklicher Name Hans Schultze; * 22. Oktober 1630 in Zethlingen/Altmark; † 25. Oktober 1680 in Leipzig)

http://kallimachos.de/fachtexte/index.php/Daemonologia_Rubinzalii_Silesii_(1662)

Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen

Sämmtliche Märchen, 1862

Die Geschichte von einer Mutter

Eine Mutter saß bei ihrem kleinen Kinde; sie war so betrübt, so besorgt, daß es sterben möchte. Es war so bleich; die kleinen Augen hatten sich geschlossen. Das Kind holte so schwer und zuweilen so tief Athem, als wenn es seufzte; und die Mutter sah noch trauriger auf das kleine Wesen. Da klopfte es an die Thür, und ein armer, alter Mann trat ein, der wie in eine große Pferdedecke eingehüllt war, denn die hält warm, und das hatte er nöthig: es war ja kalter Winter. Draußen war Alles mit Eis und Schnee bedeckt, und der Wind blies so scharf, daß er ins Gesicht schnitt.
Und da der alte Mann vor Kälte zitterte und das kleine Kind einen Augenblick schlief, ging die Mutter und setzte Bier in einem kleinen Topf in den Ofen, um es für ihn zu wärmen. Und der alte Mann saß und wiegte, und die Mutter saß auf einem Stuhl neben ihm, sah auf ihr krankes Kind, das so tief Athem holte, und erfaßte die kleine Hand.
„Nicht wahr, Du glaubst doch auch, daß ich ihn behalten werde?“ fragte sie. „Der liebe Gott wird ihn nicht von mir nehmen!“
Und der alte Mann – es war der Tod selbst – nickte so sonderbar; das konnte eben so gut Ja, wie Nein bedeuten. Und die Mutter schlug die Augen nieder, und Thränen rollten ihr die Wangen herunter. – Der Kopf ward ihr so schwer; in drei Tagen und drei Nächten hatte sie kein Auge zugemacht; und nun schlief sie; aber nur eine Minute: dann fuhr sie auf und bebte vor Kälte. „Was ist das?“ fragte sie und sah sich nach allen Seiten um. Aber der alte Mann war fort, und ihr kleines Kind war fort: er hatte es mit sich genommen. Und dort in der Ecke schnurrte und surrte die alte Uhr; das schwere Bleigewicht lief bis auf den Fußboden herab – bums! – und da stand auch die Uhr still.
Aber die arme Mutter stürzte zum Hause hinaus und rief nach ihrem Kinde.
Draußen, mitten im Schnee, saß eine Frau in langen, schwarzen Kleidern, und die sprach: „Der Tod ist bei Dir in Deiner Stube gewesen; ich sah ihn mit Deinem kleinen Kinde davon eilen; er schreitet schneller als der Wind, und bringt niemals zurück, was er genommen hat!“
„Sage mir blos, welchen Weg er gegangen ist!“ sagte die Mutter. „Sage mir den Weg, und ich werde ihn finden.“
„Ich kenne ihn,“ sagte die Frau in den schwarzen Kleidern; „aber bevor ich ihn Dir sage, mußt Du mir erst alle die Lieder vorsingen, die Du Deinem Kinde vorgesungen hast. Ich liebe diese Lieder; ich habe sie früher gehört; ich bin die Nacht und sah Deine Thränen, als Du sie sangst.“
„Ich will sie alle, alle singen!“ sagte die Mutter. „Aber halte mich nicht auf, damit ich ihn einholen, damit ich mein Kind finden kann!“
Aber die Nacht saß stumm und still. Da rang die Mutter die Hände, sang und weinte. Und es gab viele Lieder, aber noch mehr Thränen! Und dann sagte die Nacht: „Geh‘ rechts in den düstern Fichtenwald hinein; dahin sah ich den Tod mit dem kleinen Kind seinen Weg nehmen.“
Tief drinnen im Walde kreuzte sich der Weg, und sie wußte nicht mehr, welche Richtung sie einschlagen sollte. Da stand ein Dornbusch, der hatte weder Blätter, noch Blumen; aber es war ja auch um die kalte Winterzeit, und Eiszapfen hingen an den Zweigen.
„Hast Du nicht den Tod mit meinem kleinen Kinde vorbeigehen sehen?“
„Ja,“ sagte der Dornbusch; „aber ich sage Dir nicht, welchen Weg er genommen hat, wenn Du mich nicht zuvor an Deinem Busen erwärmen willst! Ich friere hier todt, ich werde zu lauter Eis!“
Und sie drückte den Dornbusch an ihre Brust, so fest, daß er recht aufthauen könne. Und die Dornen drangen in ihr Fleisch ein; und ihr Blut floß in großen Tropfen. Aber der Dornbusch schoß frische, grüne Blätter; und er bekam Blumen in der kalten Winternacht: so warm ist es an dem Herzen einer betrübten Mutter! Und der Dornbusch sagte ihr den Weg, den sie gehen sollte.
Da kam sie an einen großen See, auf dem sich weder Schiff, noch Kahn befand. Der See war nicht genug gefroren, sie tragen zu können, und auch nicht offen und flach genug, durchwatet zu werden – und doch mußte sie über denselben, wollte sie ihr Kind finden. Da legte sie sich nieder, um den See auszutrinken; und das war ja unmöglich für einen Menschen. Aber die betrübte Mutter dachte, daß vielleicht ein Wunder geschehen könnte.
„Nein, das wird niemals gehen!“ sagte der See. „Laß uns zwei lieber sehen, daß wir einig werden! Ich liebe es, Perlen zu sammeln, und Deine Augen sind die zwei klarsten, die ich je gesehen: willst Du sie in mich ausweinen, dann will ich Dich nach dem großen Treibhaus hinüber tragen, wo der Tod wohnt und Blumen und Bäume pflegt; jeder von diesen ist ein Menschenleben!“
„O! Was gebe ich nicht, um zu meinem Kinde zu kommen!“ sagte die verweinte Mutter. Und sie weinte noch mehr, und ihre Augen fielen auf den Grund des Sees hinab und wurden zwei kostbare Perlen. Aber der See hob sie in die Höhe, als säße sie in einer Schaukel, und in einer Schwingung flog sie an das jenseitige Ufer, wo ein meilenlanges, wunderbares Haus stand. Man wußte nicht, ob es ein Berg mit Wäldern und Höhlen, oder ob es gezimmert war. Aber die arme Mutter konnte es nicht sehen: sie hatte ja ihre Augen ausgeweint.
„Wo werde ich den Tod finden, der mit meinem kleinen Kinde davon ging?“ fragte sie.
„Hier ist er noch nicht angekommen!“ sagte ein altes, graues Weib, das dort umherging und auf das Treibhaus des Todes Achtung geben mußte. „Wie hast Du Dich denn hierher gefunden, und wer hat Dir geholfen?“
„Der liebe Gott hat mir geholfen!“ antwortete sie. „Er ist barmherzig, und das wirst Du auch sein. Wo werde ich mein kleines Kind finden?“
„Ich kenne es nicht,“ sagte das alte Weib, „und Du kannst ja nicht sehen! – Viele Blumen und Bäume sind diese Nacht verwelkt, der Tod wird bald kommen und sie umpflanzen. Du weißt es wohl, daß jeder Mensch seinen Lebensbaum oder seine Lebensblume hat, wie gerade ein jeder eingerichtet ist. Sie sehen aus, wie andere Gewächse, aber ihre Herzen schlagen. Kinderherzen können auch schlagen! Danach richte Dich, vielleicht erkennst Du den Herzschlag Deines Kindes. Aber was giebst Du mir, wenn ich Dir sage, was Du noch mehr thun mußt?“
„Ich habe nichts zu geben,“ sagte die betrübte Mutter. „Aber ich will für Dich bis ans Ende der Welt gehen.“
„Da habe ich nichts zu besorgen,“ sagte das alte Weib; „aber Du kannst mir Dein langes, schwarzes Haar geben; Du weißt wohl selbst, daß es schön ist; das gefällt mir! Du kannst mein weißes dafür wieder bekommen; daß ist doch immer etwas!“
„Verlangst Du weiter nichts?“ sagte sie. „Das gebe ich Dir mit Freuden!“ Und sie gab ihr ihr schönes Haar, und erhielt dafür das schneeweiße des alten Weibes.
Und dann gingen sie in das große Treibhaus des Todes hinein, wo Blumen und Bäume wunderbar durcheinander wuchsen. Da standen feine Hyacinthen unter Glasglocken und große baumstarke Pfingstrosen. Da wuchsen Wasserpflanzen, einige ganz frisch, andere halb krank; Wasserschlangen legten sich auf sie, und schwarze Krebse klemmten sich am Stengel fest. Da standen prächtige Palmbäume, Eichen und Platanen; da stand Petersilie und blühender Thymian. Jeder Baum und jede Blume hatten ihren Namen; sie waren Jedes ein Menschenleben; die Menschen lebten noch, der eine in China, der andere in Grönland, rund umher in der Welt. Da waren große Bäume in kleinen Töpfen, so daß sie ganz beengt dastanden und nahe daran waren, den Topf zu sprengen; es war auch manche kleine, schwächliche Blume da in fetter Erde, mit Moos rund umher und gewartet und gepflegt. Aber die betrübte Mutter beugte sich über alle die kleinsten Pflanzen hin, sie hörte in jeder das Menschenherz schlagen, und aus Millionen erkannte sie das ihres Kindes heraus.
„Da ist es!“ rief sie und streckte die Hand über eine kleine Krokusblume aus, die ganz krank nach einer Seite hinüber hing.
„Rühre die Blume nicht an!“ sagte das alte Weib. „Aber stelle Dich hierher, und wenn dann der Tod kommt, – ich erwarte ihn jeden Augenblick! – da laß ihn die Pflanze nicht herausreißen, sondern drohe ihm, daß Du dasselbe mit den andern Blumen thun würdest: dann wird er bange! Er muß dem lieben Gott dafür einstehen; keine darf heraus gerissen werden, bevor der die Erlaubniß dazu giebt!“
Da sauste es mit einem Mal eiskalt durch den Saal, und die blinde Mutter fühlte, daß es der Tod war, der nun ankam.
„Wie hast Du den Weg hierher finden können?“ fragte er. Wie hast Du schneller hier ankommen können, als ich?“
„Ich bin eine Mutter!“ antwortete sie.
Und der Tod streckte seine lange Hand nach der kleinen, feinen Blume aus; aber sie hielt ihre Hände fest um dieselbe, so dicht, so dicht, und dennoch voll ängstlicher Sorgfalt, daß sie keines der Blätter berühre. Da hauchte der Tod auf ihre Hände; und sie fühlte, daß dies kälter war, als der kalte Wind; und ihre Hände sanken matt herab.
„Gegen mich kannst Du doch nichts ausrichten!“ sagte der Tod.
„Aber der liebe Gott kann es!“ sagte sie.
„Ich thue nur, was der will!“ sagte der Tod. „Ich bin sein Gärtner. Ich nehme alle seine Blumen und Bäume und verpflanze sie in den großen Paradiesgarten, in das unbekannte Land. Wie sie aber dort gedeihen, und wie es dort ist: das darf ich Dir nicht sagen!“
„Gieb mir mein Kind zurück!“ sagte die Mutter und weinte und flehte. Mit einem Mal faßte sie mit den Händen zwei hübsche Blumen fest an und rief dem Tode zu: „Ich reiße alle Deine Blumen ab, denn ich bin in Verzweiflung!“
„Rühre sie nicht an!“ sagte der Tod. „Du sagst, daß Du so unglücklich bist, und nun wolltest Du eine andere Mutter eben so unglücklich machen?“
„Eine andere Mutter!“ sagte die arme Frau und ließ sogleich beide Blumen los.
„Da hast Du Deine Augen,“ sagte der Tod. „Ich habe sie aus dem See aufgefischt; sie glänzten so hell; ich wußte nicht, daß es die Deinigen waren. Nimm sie zurück, sie sind jetzt noch klarer, als früher; dann sieh hinab in den tiefen Brunnen hier nebenan. Ich will die Namen der zwei Blumen nennen, die Du ausreißen wolltest, und Du wirst ihre ganze Zukunft sehen, ihr ganzes Menschenleben. Du wirst sehen, was Du zerstören und zu Grund richten wolltest!“
Und sie sah hinab in den Brunnen; und es war eine Glückseligkeit, zu sehen, wie die Eine ein Segen für die Welt ward, zu sehen, wie viel Glück und Freude sich um dieselbe verbreitete. Und sie sah das Leben der Andern, und das waren Sorgen und Noth, Jammer und Elend.
„Beides ist Gottes Wille!“ sagte der Tod.
„Welche von ihnen ist die Blume des Unglücks, und welche die Gesegnete?“ fragte sie.
„Das sage ich Dir nicht,“ antwortete der Tod; „aber das sollst Du von mir erfahren

Zu den Märchen in meinem Blog

Ich liebe Altes, ich liebe die Erfahrung die mir dadurch vermittelt wird, ebendieses möchte ich gern teilen.

Schon als Kind brauchte ich, wenn meine Mutter gerade nicht die Zeit hatte selber zu erzählen, nichts anderes als einen Schallplattenspieler und Märchenplatten. Mit 4 Jahren konnte ich jedes gehörte Märchen in der gehörten Tonlage wiedergeben. Noch heute ist mein Gedächtnis für einmal gelesene Geschichten und Gedichte erstaunlich.

Nun kenne ich viele Märchen, längst und nie alle. Und manchmal begegnet mir am Tag ein Hinweis, etwas Besonderes. Ich mache dann ein Foto davon und krame in meinem Gedächtnis oder suche nach noch nicht gelesenen Märchen.

Gestern verflog sich eine Taube in meinen Garten und brachte das Sonntagsmärchen für diese Woche mit.

Und da sage noch einer Märchen seien nicht wahr.

Sonntagsmärchen

Giambattista Basile: Das Pentameron – Kapitel 42 8. Die sieben Tauben


Die Geschichte von den zwei Kuchen war in der Tat für alle ein gefüllter Kuchen, den sie sich herrlich schmecken ließen, so daß sie sich noch die Finger danach lecken. Als sich aber Paola anschickte, die ihrige zu erzählen, wurde der Befehl des Prinzen zum Medusenhaupt, das allen die Sprache raubte, so daß sie also zu erzählen anfing:Wer Gutes tut, erfährt Gutes; Dienstfertigkeit ist der Haken der Freundschaft und das Band der Liebe, und wer nicht sät, erntet nicht, wie Ciullo auch in einem Voressen von Beispiel gezeigt hat, ich aber will euch einen Nachtisch vorsetzen, wenn ihr euch erinnern wollt, daß es heißt: »Über Tisch sprich wenig.« Leiht mir daher eine kurze Zeit ein geneigtes Ohr; dann werde ich auch zum Himmel flehen, daß er euch die Ohren wachsen lasse und ihr mit ihnen immer erfreuliche und angenehme Dinge hören möget.Es war einmal in der Gegend von Arzano eine wackere Frau, die jedes Jahr einen Sohn zutage förderte, so daß deren Zahl bereits bis auf sieben gestiegen war und sie der Syrinxpfeife des Gottes Pan glichen, von deren sieben Röhren eine immer kleiner ist als die andere. Nachdem sie nun die Kinderschuhe ausgetreten hatten, sprachen sie zu ihrer Mutter Janetella, als sie sich wieder einmal in guter Hoffnung befand: »Gib wohl acht, liebe Mutter, was wir dir sagen; wenn du nach so vielen Söhnen jetzt nicht endlich einmal eine Tochter zur Welt bringst, so sind wir entschlossen, uns aufzumachen und wie verloren und verlassen in die weite Welt zu gehen.« Sobald die Mutter diese unselige Rede vernahm, so bat sie den Himmel, ihre Söhne doch von diesem Entschluß abzubringen und sie vor dem Verlust solcher sieben Juwelen, wie ihre Kinder waren, zu schützen. Als nun die Mutter der Stunde ihrer Entbindung nahe war, sprachen ihre Söhne zu ihr: »Wir, liebe Mutter, werden uns inzwischen auf jene Halde oder Anhöhe, die hier geradeüber liegt, begeben, und wenn du einen Knaben gebierst, so stelle ein Tintenfaß nebst Feder ans Fenster, wenn aber ein Mädchen, so stelle einen Löffel und einen Rocken hin; denn wenn wir das letztere Zeichen sehen, so kehren wir zurück und verbringen den Rest des Lebens unter deinen Flügeln, im umgekehrten Falle aber magst du uns nur immer vergessen; denn dann ist unseres Bleibens nicht länger.« Kaum hatten aber die Söhne das Haus verlassen, so fügte es der Himmel, daß Janetella ein hübsches Töchterlein gebar, so daß sie alsbald zu der Wehmutter sagte, daß sie den Söhnen das verabredete Zeichen geben sollte; diese jedoch war so verblüfft und verdutzt, daß sie das Tintenfaß und die Feder ans Fenster stellte. Beim Anblick dieses Zeichens nahmen die Brüder die Beine über den Buckel und gingen so lange, bis sie nach einem dreijährigen Umherziehen in einen Wald kamen, wo die Bäume zur Musik eines Flusses, der sich der Steine als Instrumente bediente, einen Blütenreigen aufführten. In diesem Walde aber befand sich die Behausung eines wilden Mannes, dem seine Frau im Schlafe die Augen ausgestochen hatte und der daher ein solcher Feind der Weiber geworden war, daß er alle auffraß, die er bekommen konnte. Als nun die sieben Jünglinge ermattet von der Reise und fast tot vor Hunger an dem Hause des wilden Mannes anlangten, baten sie ihn, daß er ihnen doch aus Barmherzigkeit einen Bissen Brot geben möchte, worauf jener versetzte, daß er ihnen allen Lebensunterhalt geben würde, wenn sie Ihm dienen wollten, und zwar würden sie nichts weiter zu tun haben, als daß ihn jeder der Reihe nach einen Tag lang wie ein Hund bewachen sollte. Dieses Anerbieten kam den Jünglingen wie gerufen, sie nahmen es daher sogleich an und traten in den Dienst des wilden Mannes, der sich ihre Namen merkte und bald Giangrazio rief, bald Cecchitiello, bald Pascale, bald Nuccio, bald Pone, bald Pezzillo und bald Carcavecchia; denn so hießen die Brüder, denen er eine Stube in seinem Hause anwies und ihnen so viel gab, daß sie davon leben konnten.Inzwischen war die Schwester herangewachsen, und als sie vernahm, daß ihre sieben Brüder durch ein Versehen ihrer Mutter in die weite Welt gegangen waren und nie wieder etwas von sich hatten hören lassen, setzte sie es sich in den Kopf, sie aufzusuchen, und so sehr lag sie der Mutter in den Ohren, bis diese, betäubt von den immerwährenden Bitten, ihr eine Pilgertracht gab und sie ziehen ließ. Die Tochter nun ging, ohne sich irgendwo aufzuhalten, immer weiter, wobei sie alle Augenblicke fragte, wer sieben Brüder gesehen hätte, und so lange wanderte sie umher, bis sie endlich in einem Wirtshause erfuhr, wo sie sich befanden. Sobald sie sich nun den Weg nach jenem Walde hatte sagen lassen, zog sie wieder fort und langte eines Morgens, als die Sonne mit dem Federmesser der Strahlen die von der Nacht auf das Papier des Himmels gemachten Kleckse auskratzte, an dem Hause des wilden Mannes an, wo ihre Brüder sie mit vieler Freude erkannten und jenes Schreibzeug verwünschten, das für sie verräterischerweise so viele Leiden aufgeschrieben hatte. Nachdem sie aber ihrer Schwester tausendfache Liebkosungen erwiesen, rieten sie ihr, sich ganz stille in ihrer Stube zu halten, damit der wilde Mann sie nicht sehe, und außerdem, daß sie von allem, was sie äße, der Katze, die sich in der Stube befand, ein Stück abgeben sollte, denn sonst würde sie ihr irgend etwas Böses antun. Cianna (dies war der Name der Schwester) schrieb diese Ratschläge in das Buch ihres Herzens und teilte immer redlich mit der Katze, indem sie alles ganz genau durchschnitt und mit den Worten: »Dies für mich und das für dich!« der Katze ihren gewissenhaft abgemessenen Anteil übergab. Es trug sich jedoch eines Tages zu, daß, als die Brüder im Dienst des wilden Mannes auf die Jagd gegangen waren, sie der Schwester ein Säckchen mit Erbsen zum Kochen übergaben und diese beim Auslesen derselben unglücklicherweise darunter einen Haselnußkern fand, der der Stein des Anstoßes für ihre Ruhe wurde; denn, da sie den Kern aufaß, ohne der Katze die Hälfte davon zu geben, sprang diese voll Verdruß darüber auf den Herd und pißte so lange auf das Feuer, bis es ausging. Indem nun Cianna dies sah und nicht wußte, was sie anfangen sollte, verließ sie gegen den Rat ihrer Brüder die Stube, trat in das Zimmer des wilden Mannes und bat ihn um etwas Feuer, worauf dieser, eine Weiberstimme hörend, alsbald sagte: »Guten Tag, Nachbarin, wartet ein wenig, ihr habt gefunden, was ihr sucht.« Und so sprechend, ergriff er einen Schleifstein, bestrich ihn mit Öl und fing an, seine Hauer zu wetzen. Cianna aber, welche sah, wie übel sie angekommen war, ergriff einen Brand, lief in ihre Stube zurück und verriegelte hinter sich die Tür, indem sie außerdem Querstangen, Stühle, Bettstellen, Kasten, Steine und was nur irgend noch sonst sich in ihrer Stube befand, vorschob. Sobald der wilde Mann sich die Zähne gewetzt hatte, lief er nach der Stube der Brüder, und da er sie verschlossen fand, so fing er an, mit den Füßen dagegenzustoßen, um sie einzurennen. Inzwischen kamen die Brüder nach Hause, und indem sie dieses Getümmel vernahmen und hörten, daß der wilde Mann sie Verräter nannte, weil sie ihre Stube zum Aufenthaltsort seiner Feindinnen gemacht, begann Giangrazio, der älteste und verständigste von allen, als er sah, wie schlecht die Sachen standen, also zu sprechen: »Wir wissen nichts von all dem, was hier vorgeht, und es ist leicht möglich, daß das verwünschte Frauenzimmer, während wir uns auf der Jagd befanden, in unsere Stube gekommen ist. Da sie sich aber inwendig verschanzt hat, so komm mit uns; denn wir wollen dich so führen, daß du sie erwischen wirst, ohne daß sie sich verteidigen kann.« Hierauf führten sie ihn an einen tiefen, tiefen Graben, gaben ihm dann einen Stoß und stürzten ihn hinunter; alsdann ergriffen sie eine Schaufel, die sie auf der Erde fanden, und bedeckten ihn ganz mit Erde. Nachdem sie nun ihre Schwester hatten die Tür öffnen heißen, wuschen sie ihr tüchtig den Kopf dafür, daß sie wider ihren Rat gehandelt und sich einer solchen Gefahr ausgesetzt hatte; in Zukunft aber solle sie vorsichtiger sein und sich wohl hüten, in der Nähe des Ortes, wo der wilde Mann begraben läge, Gras abzupflücken; denn sonst würden sie sich in sieben Tauben verwandeln. »Behüt‘ der Himmel,daß ich euch dies antun sollte«, erwiderte Cianna, worauf sie sich in Besitz des Hauses und aller Sachen des wilden Mannes setzten und anfingen, lustig zu leben, indem sie abwarten wollten, bis der Winter vorüberginge, um sich dann, wenn die Sonne der Erde als Freudengeschenk bei der Besitznahme des Hauses »zum Stier« ein grünes, mit Blumen gesticktes Gewand verleiht, das heißt, wenn die Sonne ins Zeichen des Stieres tritt, auf den Weg zu machen und in ihre Heimat zurückzukehren.Es geschah nun aber eines Tages, als die Brüder in den Wald gegangen waren, um Holz zu holen und sich damit gegen die Kälte zu schützen, die von Tag zu Tag zunahm, daß ein armer Wanderer bei dem Hause anlangte, der einer Meerkatze, die auf einer Pinie saß, eine neckende Gebärde gemacht und dafür von ihr eine Frucht jenes Baumes an den Kopf geworfen bekam, die ihm eine so gewaltige Beule machte, daß der arme Schelm schrie, als stecke er am Spieß. Bei diesem Lärm trat Cianna aus dem Hause, und voll Mitleid mit ihm riß sie rasch von einem Rosmarinstrauch, der aus dem Grabe des wilden Mannes emporgewachsen war, ein paar Blätter ab, aus denen sie ihm mit gekautem Brot und Salz ein Pflaster machte, worauf sie ihm ein Frühstück gab und ihn dann entließ. Während Sie nun, die Brüder erwartend, den Tisch deckte, erschienen plötzlich sieben Tauben, die zu ihr sagten: »Wievielmal besser wäre es doch gewesen, man hätte dir die Hände abgehauen, du Urheberin unseres ganzen Unglücks, als daß du den verwünschten Rosmarin abpflücktest und uns in so großes Leid stürztest. Hast du denn Katzengehirn gegessen, Schwester, daß dir unser Rat so ganz und gar aus dem Gedächtnis entschwunden ist? – Jetzt sind wir nun in Tauben verwandelt und den Klauen der Weihen, Sperber und Habichte ausgesetzt; jetzt sind wir Genossen der Bleßhühner, Schnepfen, Stieglitze, Baumhacker, Häher, Käuze, Elstern, Dohlen, Krähen, Stare, Auerhühner, Kiebitze, Strandläufer, Wasserhühner, Birkhühner, Amseln, Drosseln, Finken, Zaunkönige, Spechte, Hänflinge, Zeisige, Grasmücken, Kreuzschnäbel, Fliegenschnäpper, Haubenlerchen, Regenpfeifer, Taucher, Bachstelzen, Rotkehlchen, Gimpel, Spatzen, Kuppenenten, Krammetsvögel,

Weiterlesen hier:

https://gutenberg.spiegel.de/buch/das-pentameron-4884/42

Sonntagsmärchen

Frau Holle

Gebrüder Grimm

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und mußte so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach: »Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.« Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht, was es anfangen sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.« Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.« Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du mußt nur achtgeben, daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.« Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig, auf daß die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wußte anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: »Ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.« Die Frau Holle sagte: »Es gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.« Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunterstand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. »Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist«, sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:

»Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.«

Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern, häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.« Die Faule aber antwortete: »Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen«, und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.« Sie antwortete aber: »Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen«, und ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich’s gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunterstand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. »Das ist zur Belohnung deiner Dienste«, sagte die Frau Holle und schloß das Tor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief:

»Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.«

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen