Archiv der Kategorie: Märchen

Märchenstunde

Die Wichtelmänner

Ein Märchen der Brüder Grimm

ERSTES MÄRCHEN

Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, daß ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er den nächsten Morgen in Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein. Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit niedersetzen wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er verwunderte sich und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betrachten: sie waren so sauber gearbeitet, daß kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte. Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuster konnte von dem Geld Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln. Er schnitt sie abends zu und wollte den nächsten Morgen mit frischem Mut an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er aufstand, waren sie schon fertig, und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, daß er Leder zu vier Paar Schuhen einkaufen konnte. Er fand frühmorgens auch die vier Paar fertig; und so gings immer fort, was er abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, also daß er bald wieder sein ehrliches Auskommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward. Nun geschah es eines Abends nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeschnitten hatte, daß er vor Schlafengehen zu seiner Frau sprach ‚wie wärs, wenn wir diese Nacht aufblieben, um zu sehen, wer uns solche hilfreiche Hand leistet?‘ Die Frau wars zufrieden und steckte ein Licht an; darauf verbargen sie sich in den Stubenecken, hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren, und gaben acht. Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine niedliche nackte Männlein, setzten sich vor des Schusters T isch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und fingen an, mit ihren Fingerlein so behend und schnell zu stechen, zu nähen, zu klopfen, daß der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.

Am andern Morgen sprach die Frau ‚die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müßten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? Ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.‘ Der Mann sprach ‚das bin ich wohl zufrieden,‘ und abends, wie sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen, wie sich die Männlein dazu anstellen würden. Um Mitternacht kamen sie herangesprungen und wollten sich gleich an die Arbeit machen, als sie aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke fanden, verwunderten sie sich erst, dann aber bezeigten sie eine gewaltige Freude. Mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schönen Kleider am Leib und sangen

’sind wir nicht Knaben glatt und fein?

was sollen wir länger Schuster sein!‘

Dann hüpften und tanzten sie, und sprangen über Stühle und Bänke. Endlich tanzten sie zur Tür hinaus. Von nun an kamen sie nicht wieder, dem Schuster aber ging es wohl, solang er lebte, und es glückte ihm alles, was er unternahm.

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Märchenstunde

Der verbrannte Schnee

Dort, wo die Berge am höchsten sind, und die Täler am grünsten, lebte einmal ein armer Bursche in einer verfallenen Hütte am Waldesrand.
Sein sehnlichster Wunsch war es, eines Tages soviel Geld zu haben, dass er sich ein ordentliches Haus bauen und Grete heiraten konnte. Grete war das hübscheste und warmherzigste Mädchen weit und breit. Sie war ihm aus tiefstem Herzen zugetan, aber Gretes Mutter, eine herbe und strenge Frau, hatte Grete jeden Kontakt zu Hans verboten. Solange er einer Frau nicht mehr bieten könne, als eine verfallene Hütte, brauche er gar nicht um Gretes Hand anzuhalten, hatte sie unmissverständlich klar gemacht.
So hatte Hans tagelang überlegt, wie er es denn nun anstellen sollte, zu Geld zu kommen, aber er hatte keinen Ausweg gefunden.
Heute würde er sich ein letztes mal mit Grete an ihrem geheimen Ort im Wald treffen, um mit ihr über dieses schier unüberwindbare Problem zu reden.
Als Hans bei der großen Eiche ankam, wartete Grete schon auf ihn.
„Ich kann nicht lange bleiben!“, sagte sie atemlos. „Meine Mutter bewacht mich mit Argusaugen und ich habe zu ihr gesagt, ich gehe Brennholz sammeln.“
Hans schloss sein Liebchen in die Arme. „Ich sehe keinen anderen Ausweg, als fortzugehen. Ich werde erst zurück kehren, wenn ich genug Geld verdient habe, um dir ein anständiges Leben bieten zu können! Wirst du auf mich warten?“
Grete gab ihm einen Kuss. „Ich möchte keinen Tag ohne dich sein! Ich gehe mit dir. Ja, wir laufen zusammen fort!“
Doch Hans schüttelte den Kopf. „Das geht nicht, und das weißt du. Alleine finde ich leichter Arbeit und ich muss mir keine Gedanken darum machen, ob du Hunger leidest, oder nicht. Zuhause bist du einfach am besten aufgehoben.“
Grete versprach mit Tränen in den Augen, ihren Liebsten nicht zu vergessen. Sie deutete auf einen der höchsten Berggipfel, den man auch aus großer Entfernung erkennen konnte und auf dem noch im Sommer Schnee lag und sagte: „Sieh hin! Erst wenn der Schnee auf diesem Berg geschmolzen ist, werde ich aufhören, auf dich zu warten. Ich werde dein sein, bis in alle Ewigkeit.“
Ein letztes mal küssten sie sich und dann ging Hans seines Weges.
Es vergingen viele Tage und Wochen. Grete hielt ihr Versprechen und Hans, der schwere Arbeit leisten musste, blickte jeden Tag auf den Berg, um nach dem Schnee zu sehen.
Bald war Hans bereits zwei Jahre fort und er hatte viel Geld gespart. Ein paar Wochen nur noch, dann würde er heimkehren können. Ein Haus bauen, seine Grete heiraten, sogar für die Einrichtung würde etwas übrig bleiben. Gretes Mutter würde ihnen ihren Segen geben müssen.
Da schweifte sein Blick in die Ferne, ganz von selbst wanderten seine Augen prüfend zum Schnee, so wie immer, wenn er an Grete dachte.
Nur heute schien der Berg zu brennen. Nein, nein, das durfte es nicht geben! Der Schnee, er verbrannte! Grete!
Hans packte so schnell er konnte seine Sachen zusammen, es war wenig genug, was er besaß, und machte sich auf den Heimweg.
Die Reise nahm Tage in Anspruch und krank vor Sorge trieb er sich an, blickte immer wieder auf den Berggipfel und hoffte, es wäre alles nur ein Irrtum, ein schlimmer Traum. Aber je näher er seinem Ziel kam, desto mehr erkannte er das Ausmaß der Katastrophe. Der Vulkan war ausgebrochen! Niemand hatte damit gerechnet, denn er galt als erloschen. Viele hundert Jahre war es her, als er das letzte Mal gespuckt hatte.
Er hatte den Schnee geschmolzen, ihn verbrannt, und mit dem Schnee alle Hoffnungen und Träume.
Hans´ Hütte am Waldrand stand noch, wie durch ein Wunder, unversehrt. Die Lava hatte sich einen anderen Weg gesucht. Als Hans nun voller Zorn zum Berggipfel blickte, sah er ein winziges Fleckchen weiß. Kaum zu sehen, aber zweifelsfrei hatte der Vulkan seine Zerstörung nicht vollkommen betrieben. Ein kleines bisschen Schnee war übrig geblieben, aus einer Laune der Natur heraus. Aber es reichte, um Hans erneut Hoffnung zu geben. Er würde Grete finden, egal, wie lange es dauern mochte, egal wohin ihn seine Suche führen mochte. Er wusste, so lange der Schnee noch nicht ganz geschmolzen war, würde Grete ihn erwarten, und wenn es Ewigkeiten dauern würde.

Quelle: Berta Berger

Sonntagsmärchen

Gebrüder Grimm

Frau Holle

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und mußte so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach: »Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.« Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht, was es anfangen sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.« Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.« Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du mußt nur achtgeben, daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.« Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig, auf daß die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wußte anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: »Ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.« Die Frau Holle sagte: »Es gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.« Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunterstand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. »Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist«, sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:

»Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.«

Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern, häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.« Die Faule aber antwortete: »Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen«, und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.« Sie antwortete aber: »Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen«, und ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich’s gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunterstand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. »Das ist zur Belohnung deiner Dienste«, sagte die Frau Holle und schloß das Tor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief:

»Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.«

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.

Sonntagsmärchen

Kapitel 1

Gottfried Keller

Spiegel, das Kätzchen

Ein Märchen

Wenn ein Seldwyler einen schlechten Handel gemacht hat oder angeführt worden ist, so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch anderwärts gebräuchlich, aber nirgends hört man es so oft wie dort, was vielleicht daher rühren mag, daß es in dieser Stadt eine alte Sage gibt über den Ursprung und die Bedeutung dieses Sprichwortes.

Vor mehreren hundert Jahren, heißt es, wohnte zu Seldwyla eine ältliche Person allein mit einem schönen, grau und schwarzen Kätzchen, welches in aller Vergnügtheit und Klugheit mit ihr lebte und niemandem, der es ruhig ließ, etwas zuleide tat. Seine einzige Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Mäßigung befriedigte, ohne sich durch den Umstand, daß diese Leidenschaft zugleich einen nützlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohlgefiel, beschönigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit hinreißen zu lassen. Es fing und tötete daher nur die zudringlichsten und frechsten Mäuse, welche sich in einem gewissen Umkreise des Hauses betreten ließen, aber diese dann mit zuverlässiger Geschicklichkeit; nur selten verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt hatte, über diesen Umkreis hinaus und erbat sich in diesem Falle mit vieler Höflichkeit von den Herren Nachbaren die Erlaubnis, in ihren Häusern ein wenig mausen zu dürfen, was ihm gerne gewährt wurde, da es die Milchtöpfe stehen ließ, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche etwa an den Wänden hingen, sondern seinem Geschäfte still und aufmerksam oblag und, nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem Mäuslein im Maule anständig entfernte. Auch war das Kätzchen gar nicht scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann und floh nicht vor vernünftigen Leuten; vielmehr ließ es sich von solchen einen guten Spaß gefallen und selbst ein bißchen an den Ohren zupfen, ohne zu kratzen; dagegen ließ es sich von einer Art dummer Menschen, von welchen es behauptete, daß die Dummheit aus einem unreifen und nichtsnutzigen Herzen käme, nicht das mindeste gefallen und ging ihnen entweder aus dem Wege oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb über die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestierten.

Spiegel, so war der Name des Kätzchens wegen seines glatten und glänzenden Pelzes, lebte so seine Tage heiter, zierlich und beschaulich dahin, in anständiger Wohlhabenheit und ohne Überhebung. Er saß nicht zu oft auf der Schulter seiner freundlichen Gebieterin, um ihr die Bissen von der Gabel wegzufangen, sondern nur, wenn er merkte, daß ihr dieser Spaß angenehm war; auch lag und schlief er den Tag über selten auf seinem warmen Kissen hinter dem Ofen, sondern hielt sich munter und liebte es eher, auf einem schmalen Treppengeländer oder in der Dachrinne zu liegen und sich philosophischen Betrachtungen und der Beobachtung der Welt zu überlassen. Nur jeden Frühling und Herbst einmal wurde dies ruhige Leben eine Woche lang unterbrochen, wenn die Veilchen blühten oder die milde Wärme des Alteweibersommers die Veilchenzeit nachäffte. Alsdann ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verliebter Begeisterung über die fernsten Dächer und sang die allerschönsten Lieder. Als ein rechter Don Juan bestand er bei Tag und Nacht die bedenklichsten Abenteuer, und wenn er sich zur Seltenheit einmal im Hause sehen ließ, so erschien er mit einem so verwegenen, burschikosen, ja liederlichen und zerzausten Aussehen, daß die stille Person, seine Gebieterin, fast unwillig ausrief. »Aber Spiegel! Schämst du dich denn nicht, ein solches Leben zu führen?« Wer sich aber nicht schämte, war Spiegel; als ein Mann von Grundsätzen, der wohl wußte, was er sich zur wohltätigen Abwechslung erlauben durfte, beschäftigte er sich ganz ruhig damit, die Glätte seines Pelzes und die unschuldige Munterkeit seines Aussehens wiederherzustellen, und er fuhr sich so unbefangen mit dem feuchten Pfötchen über die Nase, als ob gar nichts geschehen wäre.

Allein dies gleichmäßige Leben nahm plötzlich ein trauriges Ende. Als das Kätzchen Spiegel eben in der Blüte seiner Jahre stand, starb die Herrin unversehens an Altersschwäche und ließ das schöne Kätzchen herrenlos und verwaist zurück. Es war das erste Unglück, welches ihm widerfuhr, und mit jenen Klagetönen, welche so schneidend den bangen Zweifel an der wirklichen und rechtmäßigen Ursache eines großen Schmerzes ausdrücken, begleitete es die Leiche bis auf die Straße und strich den ganzen übrigen Tag ratlos im Hause und rings um dasselbe her. Doch seine gute Natur, seine Vernunft und Philosophie geboten ihm bald, sich zu fassen, das Unabänderliche zu tragen und seine dankbare Anhänglichkeit an das Haus seiner toten Gebieterin dadurch zu beweisen, daß er ihren lachenden Erben seine Dienste anbot und sich bereit machte, denselben mit Rat und Tat beizustehen, die Mäuse ferner im Zaume zu halten und überdies ihnen manche gute Mitteilung zu machen, welche die Törichten nicht verschmäht hätten, wenn sie eben nicht unvernünftige Menschen gewesen wären. Aber diese Leute ließen Spiegel gar nicht zu Worte kommen, sondern warfen ihm die Pantoffeln und das artige Fußschemelchen der Seligen an den Kopf, sooft er sich blicken ließ, zankten sich acht Tage lang untereinander, begannen endlich einen Prozeß und schlossen das Haus bis auf weiteres zu, so daß nun gar niemand darin wohnte.

Da saß nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen Stufe vor der Haustüre und hatte niemand, der ihn hineinließ. Des Nachts begab er sich wohl auf Umwegen unter das Dach des Hauses, und im Anfang hielt er sich einen großen Teil des Tages dort verborgen und suchte seinen Kummer zu verschlafen; doch der Hunger trieb ihn bald an das Licht und nötigte ihn, an der warmen Sonne und unter den Leuten zu erscheinen, um bei der Hand zu sein und zu gewärtigen, wo sich etwa ein Maulvoll geringer Nahrung zeigen möchte. Je seltener dies geschah, desto aufmerksamer wurde der gute Spiegel, und alle seine moralischen Eigenschaften gingen in dieser Aufmerksamkeit auf, so daß er sehr bald sich selber nicht mehr gleichsah. Er machte zahlreiche Ausflüge von seiner Haustüre aus und stahl sich scheu und flüchtig über die Straße, um manchmal mit einem schlechten unappetitlichen Bissen, dergleichen er früher nie angesehen, manchmal mit gar nichts zurückzukehren. Er wurde von Tag zu Tag magerer und zerzauster, dabei gierig, kriechend und feig; all sein Mut, seine zierliche Katzenwürde, seine Vernunft und Philosophie waren dahin. Wenn die Buben aus der Schule kamen, so kroch er in einen verborgenen Winkel, sobald er sie kommen hörte, und guckte nur hervor, um aufzupassen, welcher von ihnen etwa eine Brotrinde wegwürfe, und merkte sich den Ort, wo sie hinfiel. Wenn der schlechteste Köter von weitem ankam, so sprang er hastig fort, während er früher gelassen der Gefahr ins Auge geschaut und böse Hunde oft tapfer gezüchtigt hatte. Nur wenn ein grober und einfältiger Mensch daherkam, dergleichen er sonst klüglich gemieden, blieb er sitzen, obgleich das arme Kätzchen mit dem Reste seiner Menschenkenntnis den Lümmel recht gut erkannte; allein die Not zwang Spiegelchen, sich zu täuschen und zu hoffen, daß der Schlimme ausnahmsweise einmal es freundlich streicheln und ihm einen Bissen darreichen werde. Und selbst wenn er statt dessen nun doch geschlagen oder in den Schwanz gekneift wurde, so kratzte er nicht, sondern duckte sich lautlos zur Seite und sah dann noch verlangend nach der Hand, die es geschlagen und gekneift und welche nach Wurst oder Hering roch.

Als der edle und kluge Spiegel so heruntergekommen war, saß er eines Tages ganz mager und traurig auf seinem Steine und blinzelte in der Sonne. Da kam der Stadthexenmeister Pineiß des Weges, sah das Kätzchen und stand vor ihm still. Etwas Gutes hoffend, obgleich es den Unheimlichen wohl kannte, saß Spiegelchen demütig auf dem Stein und erwartete, was der Herr Pineiß etwa tun oder sagen würde. Als dieser aber begann und sagte: »Na Katze! Soll ich dir deinen Schmer abkaufen?« da verlor es die Hoffnung, denn es glaubte, der Stadthexenmeister wolle es seiner Magerkeit wegen verhöhnen. Doch erwiderte er bescheiden und lächelnd, um es mit niemand zu verderben: »Ach, der Herr Pineiß belieben zu scherzen!« – »Mit nichten!« rief Pineiß, »es ist mir voller Ernst! Ich brauche Katzenschmer vorzüglich zur Hexerei; aber er muß mir vertragsmäßig und freiwillig von den werten Herren Katzen abgetreten werden, sonst ist er unwirksam. Ich denke, wenn je ein wackeres Kätzlein in der Lage war, einen vorteilhaften Handel abzuschließen, so bist es du! Begib dich in meinen Dienst; ich füttere dich herrlich heraus, mache dich fett und kugelrund mit Würstchen und gebratenen Wachteln. Auf dem ungeheuer hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei gesagt das köstlichste Dach von der Welt ist für eine Katze, voll interessanter Gegenden und Winkel, wächst auf den sonnigsten Höhen treffliches Spitzgras, grün wie Smaragd, schlank und fein in den Lüften schwankend, dich einladend, die zartesten Spitzen abzureißen und zu genießen, wenn du dir an meinen Leckerbissen eine leichte Unverdaulichkeit zugezogen hast. So wirst du bei trefflicher Gesundheit bleiben und mir dereinst einen kräftigen brauchbaren Schmer liefern!«

Spiegel hatte schon längst die Ohren gespitzt und mit wässerndem Mäulchen gelauscht; doch war seinem geschwächten Verstande die Sache noch nicht klar und er versetzte daher: »Das ist so weit nicht übel, Herr Pineiß! Wenn ich nur wüßte, wie ich alsdann, wenn ich doch, um Euch meinen Schmer abzutreten, mein Leben lassen muß, des verabredeten Preises habhaft werden und ihn genießen soll, da ich nicht mehr bin?« – »Des Preises habhaft werden?« sagte der Hexenmeister verwundert, »den Preis genießest du ja eben in den reichlichen und üppigen Speisen, womit ich dich fett mache, das versteht sich von selber! Doch will ich dich zu dem Handel nicht zwingen!« Und er machte Miene, sich von dannen begeben zu wollen. Aber Spiegel sagte hastig und ängstlich: »Ihr müßt mir wenigstens eine mäßige Frist geben.

Weiterlesen hier:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/spiegel-das-katzchen-3364/2

Sonntagsmärchen

Hans-Christian Andersen

Der Tannenbaum

Draußen im Walde stand ein niedlicher kleiner Tannenbaum. Er hatte einen guten Platz; Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und rings umher wuchsen viele größere Kameraden, sowohl Tannen, als Fichten. Der kleine Tannenbaum wünschte aber so sehnlich, größer zu werden! Er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die da umhergingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gereiht; dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: „Nein! wie niedlich klein ist der!“ Das mochte der Baum gar nicht hören.
Im folgenden Jahre war er um ein langes Glied größer, und das Jahr darauf war er um noch eins länger; denn an den Tannenbäumen kann man immer an den vielen Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind.
„O, wäre ich doch so ein großer Baum, wie die andern!“ seufzte das kleine Bäumchen; „dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die weite Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann Nester in meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind wehte, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die andern dort!“
Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und an den rothen Wolken, die Morgens und Abends über ihn hinsegelten.
War es dann Winter, und der Schnee lag funkelnd weiß rings umher, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg – o, das war ihm so ärgerlich! – Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen so groß, daß der Hase um dasselbe herumlaufen mußte. O, wachsen, wachsen, groß und alt werden: das ist doch das einzig Schöne in dieser Welt, dachte der Baum.
Im Herbste kamen immer Holzhauer und fällten einige der größten Bäume; das geschah jedes Jahr, und der junge Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die Zweige wurden ihnen abgehauen; die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus.
Wo sollten sie hin? Was stand ihnen bevor?
Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte der Baum sie: „Wißt Ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid Ihr ihnen nicht begegnet?“
Die Schwalben wußten nichts, aber der Storch sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: „Ja, ich glaube wohl! Mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Aegypten flog; auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume; ich darf annehmen, daß sie es waren; sie hatten Tannengeruch; ich kann vielmals grüßen; die prangen, die prangen!“
„O, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren zu können! Wie ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?“
„Ja, das zu erklären, ist zu weitläufig,“ sagte der Storch, und damit ging er fort.
„Freue Dich Deiner Jugend!“ sagten die Sonnenstrahlen; „freue Dich Deines frischen Wachsthums, des jungen Lebens, das in Dir ist!“
Und der Wind küßte den Baum, und der Thau weinte Thränen über ihn; aber das verstand der Tannenbaum nicht.
Wenn es gegen die Weihnachtszeit ging, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit diesem Tannenbaum waren, der weder Ruhe noch Rast hatte, sondern immer davon wollte. Diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus.
„Wohin sollen die?“ fragte der Tannenbaum. „Sie sind nicht größer, als ich, vielmehr war einer da, der war viel kleiner! Weshalb behalten sie alle ihre Zweige? Wo fahren sie hin?“
„Das wissen wir! das wissen wir!“ zwitscherten die Sperlinge. „Unten in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! O, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man nur denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und haben wahrgenommen, daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen, vergoldeten Aepfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen Hunderten von Lichtern geschmückt werden.“
„Und dann – ?“ fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. „Und dann? Was geschieht dann?“
„Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich.“
„Ob ich wohl auch bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?“ jubelte der Tannenbaum. „Das ist noch besser, als über das Meer zu ziehen! Wie leide ich an Sehnsucht! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich groß und ausgewachsen, wie die andern, die im vorigen Jahre weggeführt wurden! – O, wäre ich erst auf dem Wagen! Wäre ich doch in der warmen Stube mit aller Pracht und Herrlichkeit! Und dann -? Ja dann kommt noch etwas Besseres, noch weit Schöneres, weshalb würden sie mich sonst so schmücken! Es muß noch etwas Größeres, noch etwas Herrlicheres kommen -! Aber was? O, ich leide! ich sehne mich! ich weiß selbst nicht, wie mir ist!“
„Freue Dich unser!“ sagten die Luft und das Sonnenlicht; „freue Dich Deiner frischen Jugend im Freien!“
Aber er freute sich durchaus nicht und wuchs und wuchs; Winter und Sommer stand er grün, dunkelgrün stand er da; die Leute, die ihn sahen, sagten: „Das ist ein schöner Baum!“ Und zur Weihnachtszeit wurde er vor Allen zuerst gefällt. Die Art hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden; er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht; er konnte gar nicht an irgend ein Glück denken, er war betrübt, von der Heimath scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen rings umher, nie mehr sehen würde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise war durchaus nicht angenehm.
Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er, im Hofe mit andern Bäumen abgepackt, einen Mann sagen hörte: „Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur diesen!“
Nun kamen zwei Diener in vollem Putz und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Rings herum an den Wänden hingen Bilder, und neben dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da gab es Schaukelstühle, seidene Sophas, große Tische voller Bilderbücher, und Spielzeug für hundertmal hundert Thaler – wenigstens sagten das die Kinder. Und der Tannenbaum wurde in ein großes mit Sand gefülltes Faß gestellt; aber Niemand konnte sehen, daß es ein Faß war, denn es wurde rund herum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen bunten Teppich. O, wie der Baum bebte! Was wird nun wohl vorgehen? Sowohl die Diener, als die Fräulein schmückten ihn. An einen Zweig hängten sie kleine Netze, ausgeschnitten aus farbigem Papier; jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Aepfel und Wallnüsse hingen herab, als wären sie festgewachsen, und über hundert rothe, blaue und weiße Lichterchen wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaftig wie Menschen aussahen – der Baum hatte früher nie solche gesehen – schwebten im Grünen, und hoch oben auf der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt; das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig.
„Heut Abend,“ sagten Alle, „heut Abend wird es strahlen!“
„O!“ dachte der Baum, „wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde?“
Ja, er rieth nicht übel! Aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum eben so schlimm, wie Kopfschmerzen für uns Andere.
Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der Baum bebte dabei in allen Zweigen so, daß eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich.
„Gott bewahre uns!“ schrieen die Fräulein und löschten es hastig aus.
Nun durfte der Baum nicht einmal beben. O, das war ein Grauen! Ihm war so bange, etwas von seinem Schmuck zu verlieren; er war ganz betäubt von all dem Glanze. – Und nun gingen beide Flügelthüren auf – und eine Menge Kinder stürzten herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen; die ältern Leute kamen bedächtig nach. Die Kleinen standen ganz stumm – aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, daß es nur so schallte; sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.
„Was machen sie?“ dachte der Baum. „Was soll geschehen?“ Und die Lichter brannten bis dicht an die Zweige herunter, und jenachdem sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubniß, den Baum zu plündern. O, sie stürzten auf ihn ein, daß es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze und mit dem Goldsterne an der Decke befestigt gewesen, so wäre er umgestürzt.
Die Kinder tanzten mit ihrem prächtigen Spielzeug herum, Niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, welches kam und zwischen die Zweige blickte, aber nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen worden wäre.
„Eine Geschichte, eine Geschichte!“ riefen die Kinder und zogen einen kleinen dicken Mann zu dem Baume hin; und er setzte sich gerade unter denselben, „denn da sind wir im Grünen,“ sagte er, „und der Baum kann besondern Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzähle nur Eine Geschichte. Wollt Ihr die von Ivede-Avede oder die von Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen herunterfiel und doch zu Ehren kam und die Prinzessin erhielt?“
„Ivede-Avede!“ schrieen Einige, „Klumpe-Dumpe!“ schrieen Andere; das war ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg ganz stille und dachte: „Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu thun haben?“ Er war ja mit gewesen, hatte ja geleistet, was er sollte.
Und der Mann erzählte von „Klumpe-Dumpe,“ welcher die Treppen herunterfiel und doch zu Ehren kam und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: „Erzähle! erzähle!“ Sie wollten auch die Geschichte von Ivede- Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll; nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt. „Klumpe-Dumpe fiel die Treppen herunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!“ dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei, weil es ein so netter Mann war, der es erzählte. „Ja, ja!

Sonntagsmärchen

Wilhelm Busch

Das Hemd des Zufriedenen

Es war einmal ein reicher König, dem machte das Regieren so viele Sorgen, daß er darum nicht schlafen konnte die ganze Nacht. Das ward ihm zuletzt so unerträglich, daß er seine Räthe zusammen berief und ihnen sein Leid klagte. Es war aber darunter ein alter erfahrener Mann, der erhob sich, da er vernommen, wie es um den König stand, von seinem Stuhle und sprach: »Es giebt nur ein Mittel, daß wieder Schlaf in des Königs Augen kommt, aber es wird schwer zu erlangen sein; so nämlich dem Könige das Hemd eines zufriedenen Menschen geschafft werden könnte und er das beständig auf seinem Leibe trüge, so halte ich dafür, daß ihm sicherlich geholfen wäre.« Da das der König vernahm, beschloß er, dem Rathe des klugen Mannes zu folgen und wählte eine Anzahl verständiger Männer, die sollten das Reich durchwandern und schauen, ob sie nicht ein Hemd finden könnten, wie es dem Könige Noth that. Die Männer zogen aus und gingen zuerst in die schönen volkreichen Städte, weil sie gedachten, daß sie da wohl am ehesten zu ihrem Zwecke kämen; aber vergebens war ihr Fragen von Haus zu Haus nach einem zufriedenen Menschen; dem Einen gebrach dies, dem Andern das; so mochte sich keiner zufrieden nennen. Da sprachen die Männer untereinander: »Hier in der Stadt finden wir doch nimmer, wonach wir suchen; darum so wollen wir jetzunder auf das Land hinausgehen, da wird die Zufriedenheit wohl noch zu Hause sein,« sprachen’s, ließen die Stadt mit ihrem Gewühle hinter sich und gingen den Weg durch das wallende Korn dem Dorfe zu. Sie fragten von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte, sie gingen in das nächste Dorf und weiter von da, sie kehrten bei Armen und bei Reichen ein, aber keinen fanden sie, der ganz zufrieden war. Da kehrten die Männer traurig wieder um und begaben sich auf den Heimweg. Wie sie nun so in sorgende Gedanken vertieft über eine Flur dahinwandelten, trafen sie auf einen Schweinhirten, der da gemächlich bei seiner Heerde lag; indem so kam auch des Hirten Frau, trug auf ihren Armen ein Kind, und brachte ihrem Manne das Morgenbrod. Der Hirt setzte sich vergnüglich zum Essen, verzehrte was ihm gebracht war, und nachdem so spielte er mit seinem Kinde. Das sahen die Männer des Königs mit Erstaunen, traten herzu und fragten den Mann: wie es käme, daß er so vergnügt wäre und hätte doch nur ein so geringes Auskommen? »Meine lieben Herren«, sprach der Sauhirt, »das kommt daher, weil ich mit dem, was ich habe, zufrieden bin.« Da freuten sich die Männer höchlich, daß sie endlich einen zufriedenen Menschen gefunden hatten, und erzählten ihm, in welcher Sache sie von dem Könige wären ausgesandt worden, und baten ihn, daß er ihnen möchte für Geld und gute Worte ein Hemd von seinem Leibe geben. Der Sauhirt lächelte und sprach: »So gern ich Euch, meine lieben Herren, in Eurem Anliegen möchte zu Willen sein, so ist es mir doch nicht möglich; denn Zufriedenheit habe ich wohl, aber kein Hemd am Leibe.« Als das die Männer vernahmen, erschracken sie und gaben nun ganz die Hoffnung auf, ein Hemd zu finden, wie es dem Könige Noth that. Betrübt und mit gesenkten Blicken traten sie wieder vor ihren Herrn und berichteten ihm, wie all ihr Suchen und Fragen sei vergeblich gewesen; sie hätten manchen gefunden, der wohl ein Hemd gehabt hätte, aber keine Zufriedenheit, und endlich hätten sie Einen angetroffen, der wäre freilich zufrieden gewesen, aber leider hätte er kein Hemd gehabt.

Sonntagsmärchen

Gebrüder Grimm

Die Hochzeit der Frau Füchsin

Erstes Märchen

Es war einmal ein alter Fuchs mit neun Schwänzen, der glaubte, seine Frau wäre ihm nicht treu, und wollte er sie in Versuchung führen. Er streckte sich unter die Bank, regte kein Glied und stellte sich, als wenn er mausetot wäre. Die Frau Füchsin ging auf ihre Kammer, schloß sich ein, und ihre Magd, die Jungfer Katze, saß auf dem Herd und kochte. Als es nun bekannt ward, daß der alte Fuchs gestorben war, so meldeten sich die Freier. Da hörte die Magd, daß jemand vor der Haustüre stand und anklopfte; sie ging und machte auf, und da wars ein junger Fuchs, der sprach

›was mache sie, Jungfer Katze?
schläft se oder wacht se?‹

Sie antwortete

›ich schlafe nicht, ich wache.
Will er wissen, was ich mache?
Ich koche warm Bier, tue Butter hinein:
will der Herr mein Gast sein?‹

›Ich bedanke mich, Jungfer,‹ sagte der Fuchs, ›was macht die Frau Füchsin?‹ Die Magd antwortete

›sie sitze auf ihrer Kammer,
sie beklagt ihren Jammer,
weint ihre Äuglein seidenrot,
weil der alte Herr Fuchs ist tot.‹

›Sag sie ihr doch, Jungfer, es wäre ein junger Fuchs da, der wollte sie gerne freien.‹ ›Schon gut, junger Herr.‹

›Da ging die Katz die Tripp die Trapp,
Da schlug die Tür die Klipp die Klapp.
Frau Füchsin, sind Sie da?
Ach ja, mein Kätzchen, ja.
Es ist ein Freier draus.
Mein Kind, wie siehe er aus?‹

Hat er denn auch neun so schöne Zeiselschwänze wie der selige Herr Fuchs?‹ ›Ach nein,‹ antwortete die Katze, ›er hat nur einen.‹ ›So will ich ihn nicht haben.‹

Die Jungfer Katze ging hinab und schickte den Freier fort. Bald darauf klopfte es wieder an, und war ein anderer Fuchs vor der Türe, der wollte die Frau Füchsin freien; er hatte zwei Schwänze; aber es ging ihm nicht besser als dem ersten. Danach kamen noch andere, immer mit einem Schwanz mehr, die alle abgewiesen wurden, bis zuletzt einer kam, der neun Schwänze hatte wie der alte Herr Fuchs. Als die Witwe das hörte, sprach sie voll Freude zu der Katze

›nun macht mir Tor und Türe auf,
und kehrt den alten Herrn Fuchs hinaus.‹

Als aber eben die Hochzeit sollte gefeiert werden, da regte sich der alte Herr Fuchs unter der Bank, prügelte das ganze Gesindel durch und jagte es mit der Frau Füchsin zum Haus hinaus.

Zweites Märchen

Als der alte Herr Fuchs gestorben war, kam der Wolf als Freier, klopfte an die Türe, und die Katze, die als Magd bei der Frau Füchsin diente, machte auf. Der Wolf grüßte sie und sprach

›guten Tag, Frau Katz von Kehrewitz,
wie kommts, daß sie alleine sitzt?
was macht sie Gutes da?‹

Die Katze antwortete

›brock mir Wecke und Milch ein:
will der Herr mein Gast sein?‹

›Dank schön, Frau Katze,‹ antwortete der Wolf, ›die Frau Füchsin nicht zu Haus?‹

Die Katze sprach

›sie sitzt droben in der Kammer,
beweint ihren Jammer,
beweint ihre große Not,
daß der alte Herr Fuchs ist tot.‹

Der Wolf antwortete

›will sie haben einen andern Mann,
so soll sie nur herunter gan.
Die Katz, die lief die Trepp hinan
und ließ ihr Zeilchen rummer gan,
bis sie kam vor den langen Saal:
klopft an mit ihren fünf goldenen Ringen.
Frau Füchsin, ist sie drinnen?
Will sie haben einen andern Mann,
so soll sie nur herunter gan.‹

Die Frau Füchsin fragte ›hat der Herr rote Höslein an, und hat er ein spitz Mäulchen?‹ ›Nein,‹ antwortete die Katze. ›So kann er mir nicht dienen.‹

Als der Wolf abgewiesen war, kam ein Hund, ein Hirsch, ein Hase, ein Bär, ein Löwe, und nacheinander alle Waldtiere. Aber es fehlte immer eine von den guten Eigenschaften, die der alte Herr Fuchs gehabt hatte, und die Katze mußte den Freier jedesmal wegschicken. Endlich kam ein junger Fuchs. Da sprach die Frau Füchsin ›hat der Herr rote Höslein an, und hat er ein spitz Mäulchen?‹ ›Ja,‹ sagte die Katze, ›das hat er.‹ ›So soll er heraufkommen,‹ sprach die Frau Füchsin, und hieß die Magd das Hochzeitsfest bereiten.

›Katze, kehr die Stube aus,
und schmeiß den alten Fuchs zum Fenster hinaus.
Bracht so manche dicke fette Maus,
fraß sie immer alleine,
gab mir aber keine.‹

Da ward die Hochzeit gehalten mit dem jungen Herrn Fuchs, und ward gejubelt und getanzt, und wenn sie nicht aufgehört haben, so tanzen sie noch.

Sonntagsmärchen

Heldensagen

siehe auch:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wieland_der_Schmied

Wieland der Schmied

In Seeland am Ostmeer lebte einstmals der Riese Wate, der aus königlichem Geschlecht stammt, seine Mutter Waghilde aber war eine Meerfrau. Wate besaß drei starke Söhne. Die beiden älteren, Slagfider und Egil, wurden Krieger; Wieland, den jüngsten, aber tat der Vater in die Handwerkslehre, damit er ein tüchtiger Schmied werde. Mime, der berühmte Meister in Nordland, unterwies den geschickten Knaben drei Jahre, und nachdem Wieland lange bei kunstfertigen Zwergen gearbeitet hatte, galt er im Lande als ein unübertrefflicher Meister seines Handwerks.

Mit seinen beiden Brüdern zog Wieland in die Einsamkeit; sie hausten gemeinsam am Wolfsee in einem Tal, das ihnen bei Jagd und Fischfang alles Nötige zum Leben bot. Eines Tages gewahrten sie über dem See drei Schwäne, die sich herabsenkten. Als die Schwäne das Ufer des Sees erreicht hatten, warfen sie ihr Federkleid ab und standen da als drei wunderschöne Jungfrauen. Es waren Walküren.

In schnellem Entschluß schlichen die drei Brüder hinzu und nahmen die Schwanenhemden an sich. So hatten sie die Jungfrauen, die sich ohne Hemden nicht verwandeln konnten, in ihrer Gewalt; die Walküren mußten in Menschengestalt bei den Brüdern bleiben, und diese vermählten sich mit ihnen.

Sieben Jahre lebten die drei Paare in ungetrübtem Glück, und die Brüder ahnten nicht, wie sehr sich die Walküren nach ihrem früheren Leben zurücksehnten. Wielands Weib Herwör schenkte ihrem Gatten einen kostbaren Ring, der die Kraft haben sollte, ewige Liebe zu erhalten. Der kunstfertige Mann schmiedete nach diesem Muster andere und reihte sie alle auf eine Schnur.

Eines Tages aber, als die Brüder von der Jagd heimkehrten, war das Haus leer. Die drei Frauen hatten ihre Federhemden, die ihre Gatten vor ihnen versteckt gehalten hatten, gefunden und waren davongeflogen. Da zogen Wielands Brüder bekümmert in die Welt hinaus, um die verlorenen Geliebten zu suchen; Wieland aber blieb zurück, denn er vertraute auf die Kraft des Ringes.

Nidung, der König der Njaren, hörte von Wielands Kunstfertigkeit und sann darauf, ihn sich dienstbar zu machen und seinen Reichtum zu gewinnen. Heimlich ließ er Wieland in seinem einsamen Hause gefangennehmen.

Er raubte den Ring der Schwanenjungfrau samt den Kostbarkeiten und entführte Wieland in sein Reich.

Zornbebend fügte sich dieser der Gewalt.

»Hüte dich vor seiner Rache! Sieh nur, wie seine Augen glühen!,« raunte die Königin ihrem Gatten zu. »Zerschneide ihm die Sehnen, damit er nicht entfliehen kann.«

Da folgte König Nidung dem heimtückischen Rat seiner Frau und ließ den Unglücklichen auf eine nahe Insel bringen. Lange dauerte es, bis die schrecklichen Wunden heilten. »Nun wirst du deine Kunstfertigkeit zeigen«, sagte der König, »und für mich alles schmieden, was in deinen Kräften steht.«

Tagsüber stand der einst kraftvolle, nun verkrüppelte Mann am Amboß und mußte für den König arbeiten; doch im Schutze der Nacht schuf er ein Werk, das noch keinem Menschen gelungen war: ein Federkleid, das ihn befähigte, sich in die Luft zu erheben.

Eines Morgens kamen die beiden jungen Königssöhne, ohne daß es jemand wußte, auf Wielands Insel, um seine Werkstatt anzusehen. Nun fand der so schändlich Verstümmelte endlich die Gelegenheit zur Rache. Er erschlug die beiden Knaben und warf sie in die Grube unter der Esse. Mit den Schädeln aber vollbrachte er ein grausiges Werk. Er faßte sie in Silber und fertigte Trinkschalen daraus, die er König Nidung zum Geschenk machte.

Bald darauf geschah es, daß die Königstochter Bathild den Ring der Herwör, den sie als ihren schönsten Schmuck trug, aus Unachtsamkeit zerbrach. Niemand anders als Wieland konnte, wie sie wohl wußte, das Kleinod wiederherstellen, und so vertraute sie sich aus Furcht vor des Vaters Zorn dem kunstfertigen Schmiede an. Mit heuchlerischer Freundlichkeit empfing Wieland die schöne Bathild und beschwichtigte ihre Sorge. Dann betörte er die Königstochter mit einem Zaubertrank, daß sie zu heimlichem Ehebund mit ihm bereit war.

Damit sah Wieland seine Rache erfüllt. Während die verführte Königstochter weinend sein Haus verließ, schlüpfte er in sein Federkleid und flog auf König Nidungs Burg. Auf der höchsten Zinne ließ er sich nieder.

»Wie? Bist du ein Vogel geworden?« rief Nidung aus, als er den Schmied mit Entsetzen dort oben gewahrte. Er ahnte jetzt, wer ihn seiner Söhne beraubt hatte.

Aber bevor Wieland ihm auf seine Frage die letzte Gewißheit gab, ließ er den König schwören: »Bei Schildes Rand und Rosses Bug, bei Schwertes Schärfe und Schiffes Bord sollst du mir geloben, daß nicht Wielands Weib noch seinem Kind ein Leid geschieht!«

König Nidung leistete den Eid, und nun ließ Wieland ihn das Schicksal seiner Söhne wissen. »Verstehst du nun, was es mit den silbernen Trinkbechern auf sich hat?« rief er mit Hohnlachen. »Da du einen Eid geschworen hast«, fügte er hinzu, »sollst du auch wissen, daß deine Tochter heimlich mein Weib geworden ist und dir einen Enkel schenken wird!«

Diese Nachricht dünkte den stolzen König die schwerste Schmach. In ohnmächtigem Zorne richtete er die Waffe auf den Schmied, der sich so grausam an ihm gerächt hatte; doch kein Pfeil erreichte den flügelbewehrten Wieland, der sich in die Lüfte hob und in den Wolken entschwand.

Das ist die Sage von Wieland dem Schmied. Sein Sohn, den die Königstochter gebar, wurde Witege genannt. Als Witege groß und stark geworden war, sandte ihn seine Mutter Bathild in die Ferne zu seinem Vater, der ihn freundlich aufnahm und in allen Fertigkeiten unterwies, deren ein Held bedurfte, um in Ehren zu bestehen.

In einer prächtigen Rüstung, die sein Vater ihm geschmiedet hatte, zog Witege in die Welt hinaus und wurde später Kampfgefährte des Helden Dietrich von Bern, dessen Tatenruhm schon damals die Lande erfüllte

Sonntagsmärchen

Gebrüder Grinn

Ferdinand getreu und Ferdinand ungetreu KHM 126 (1857)

Märchentyp AT: 531

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten, solange sie reich waren, keine Kinder; aber als sie arm geworden waren, da kriegten sie einen kleinen Jungen. Sie konnten aber keinen Paten für ihn bekommen; da sagte der Mann, er wolle einmal nach einem anderen Orte gehen und zusehen, ob er da vielleicht einen kriegte. Wie er da so ging, begegnete ihm ein armer Mann. Der fragte ihn, wo er hinwolle; er sagte, er wolle hin und zusehen, ob er nicht einen Paten fände.

Aber er sei so arm, und da wolle ihm kein Mensch zu Gevatter stehen. „Oh“, sagte der arme Mann, „Ihr seid arm und ich bin arm, ich will Euer Gevatter werden; ich bin aber so arm, ich kann dem Kinde nichts geben. Geht hin und sagt der Wehmutter, sie solle nur mit dem Kinde zur Kirche kommen. Als sie nun zusammen zur Kirche kamen, da war der Bettler schon drin; der gab dem Kinde den Namen „Ferdinand getreu“.

Wie sie aus der Kirche gingen, da sagte der Bettler: „Nun geht nur nach Haus; ich kann Euch nichts geben, und Ihr sollt mir auch nichts geben.“ Der Wehmutter aber gab er einen Schlüssel und sagte ihr, sie möchte ihn, wenn sie nach Hause komme, dem Vater geben; der sollte ihn verwahren, bis das Kind vierzehn Jahre alt wäre. Dann sollte es auf die Heide gehen, da wäre dann ein Schloss, zu dem passte der Schlüssel; und was darin wäre, das sollte ihm gehören. Als das Kind nun sieben Jahre alt und tüchtig gewachsen war, ging es einmal mit anderen Jungen spielen. Da hatte nun der eine noch mehr vom Paten gekriegt als der andere; er aber konnte gar nichts sagen. Da weinte er und ging nach Hause und sagte zu seinem Vater: „Hab ich denn gar

nichts von meinem Paten gekriegt?“ – „O ja“, sagte der Vater, „du hast einen Schlüssel gekriegt; wenn auf der Heide ein Schloss steht, so geh nur hin und schliess es auf.“ Da ging er hin; aber es war kein Schloss zu hören und zu sehen. Wieder nach sieben Jahren, als er vierzehn Jahre alt ist, geht er nochmals hin, da steht ein Schloss auf der Heide. Wie er es nun aufgeschlossen hat, da ist nichts drin als ein Pferd, ein Schimmel. Da wurde der Junge so voller Freuden, dass er das Pferd hatte, dass er sich daraufsetzte und zu seinem Vater jagte: „Nun hab ich auch einen Schimmel, nun will ich auch reisen“, sagte er.

Da zog er nun weg. Und wie er unterwegs ist, da liegt da eine Schreibfeder auf dem Wege; er will sie erst aufheben, dann denkt er aber wieder bei sich: „Oh, du könntest sie eigentlich auch liegenlassen; du findest ja doch wohl dort, wo du hinkommst eine Schreibfeder, wenn du eine brauchst.“ Wie er so weggeht, da ruft es hinter ihm: „Ferdinand getreu, nimm sie mit!“ Er sieht sich um, sieht aber niemanden; da geht er wieder zurück und nimmt sie auf. Wie er wieder eine Weile geritten ist, kommt er an einem Wasser vorbei; da liegt dort ein Fisch am Ufer und schnappt gierig nach Luft. Da sagt er: „Wart, mein lieber Fisch, ich will dir helfen, dass du wieder ins Wasser kommst“; greift ihn beim Schwanz und wirft ihn ins Wasser. Da steckt der Fisch den Kopf aus dem Wasser und sagt: „Da du mir aus dem Kot geholfen hast, so will ich dir eine Flöte geben. Wenn du in Not bist, dann spiele darauf, dann will ich dir helfen; und wenn du mal was hast ins Wasser fallen lassen, so flöte nur; und ich hole es dir dann heraus.“ Nun ritt er weg; da kommt so ein Mensch daher, der fragt ihn, wo er hin will. „Oh, nach dem nächsten Orte“, sagte Ferdinand getreu. Und wie er denn heisse? „Ferdinand getreu.“ – „Sieh“, sagt der andere, „da haben wir ja fast den selben Namen; ich heisse Ferdinand ungetreu.“ Sie zogen nun beide zusammen zum nächsten Ort ins Wirtshaus.

Nun aber war es schlimm, dass Ferdinand ungetreu alles wusste, was ein anderer gedacht hatte und tun wollte; das wusste er durch allerhand so schlimme Künste. Es war aber im Wirtshaus ein wackeres Mädchen; das hatte ein klares Angesicht und trug sich so hübsch. Das verliebte sich in Ferdinand getreu, denn er war ein hübscher Bursche, und fragte ihn, wo er hin wolle. Oh, er wolle so herumreisen, sagte Ferdinand getreu. Da sagte sie, er solle doch nur dableiben; es wäre hierzuland ein König, der nehme wohl gern einen Bedienten oder einen Vorreiter; zu dem solle er in Dienste gehen. Er antwortete, er könne nicht gut zu jemandem hingehen und sich anbieten. Da sagte das Mädchen: „Oh, das will ich dann schon tun.“ Und so ging sie denn auch sogleich hin zum König und sagte ihm, sie wüsste einen hübschen Bedienten für ihm. Der war damit wohl zufrieden und liess ihn zu sich kommen und wollte ihn zum Bedienten machen. Er wollte aber lieber Vorreiter sein; denn wo sein Pferd wäre, da müsste er auch sein. Da machte ihn der König zum Vorreiter. Wie das Ferdinand ungetreu gewahr wurde, da sagte er zu dem Mädchen: „Wart! Hilfst du dem und mir nicht?“ – „Oh“, sagte das Mädchen, „ich will dir auch helfen.“ Sie dachte: den musst du dir zum Freunde behalten, denn dem ist nicht zu trauen. Sie ging also zum König und bot ihn als Bedienten an; und der König war es zufrieden.

Wenn nun Ferdinand ungetreu des Morgens seinen Herrn anzog, da jammerte der immer: „Ach, wenn ich doch erst meine Liebste bei mir hätte!“ Der Ferdinand ungetreu war aber dem Ferdinand getreu immer aufsässig; und als der König wieder einmal so jammerte, da sagte er: „Sie haben ja den Vorreiter, den schicken Sie hin, der muss sie herbeischaffen; und wenn er es nicht tut, so muss ihm der Kopf vor die Füsse gelegt werden.“ Da liess der König den Ferdinand getreu zu sich kommen und sagte ihm, er hätte da und da eine Liebste, die solle er herbeischaffen; und wenn er das nicht täte, dann sollte er sterben.

Da ging Ferdinand getreu in den Stall zu seinem Schimmel und weinte und jammerte: „Oh, was bin ich für ein unglückliches Menschenkind!“ Plötzlich rief jemand hinter ihm: „Ferdinand getreu, was weinst du?“ Er sieht sich um, sieht aber niemanden und jammert immerfort: „O mein liebes Schimmelchen, nun muss ich dich verlassen, nun muss ich sterben.“ Da ruft es wieder: „Ferdinand getreu, was weinst du?“ Da merkte er erst, dass sein Schimmelchen ihn fragte. „Bist du das, mein Schimmelchen, kannst du reden?“ Und sagt wieder: „Ich soll da und da hin und soll die Braut holen. Weisst du nicht, wie ich das wohl anfange?“ Da antwortete das Schimmelchen. „Geh du nur zum Könige und sage, wenn er dir geben wolle, was du haben müsstest, so wolltest du sie ihm schon herbeischaffen; wenn er dir ein Schiff voll Fleisch und ein Schiff voll Brot geben wollte, so sollte es wohl gelingen. Da wären die grossen Riesen auf dem Wasser, wenn du denen kein Fleisch mitbrachtest, so würden sie dich zerreissen; und da wären die grossen Vögel, die pickten dir die Augen aus dem Kopfe, wenn du kein Brot für sie hättest.“ Da befahl der König allen Schlächtern im Lande zu schlachten und allen Bäckern zu backen, dass die Schiffe voll wurden.

Wie sie nun voll sind, da sagt das Schimmelchen zu Ferdinand getreu: „Nun setz‘ dich auf mich und reite mit mir zum Schiff; wenn dann die Riesen kommen, so sage: „Still, still, meine lieben Riesechen, Ich hab‘ euch wohlbedacht, Ich habe euch was mitgebracht.“ Und wenn die Vögel kommen, so sagst du wieder: „Still, still, meine lieben Vögelchen, Ich hab‘ euch wohlbedacht, Ich habe euch was mitgebracht.“

Dann tun sie dir nichts; und wenn du dann zu dem Schloss kommst, dann helfen dir die Riesen. Dann geh hinauf zum Schloss und nimm ein paar Riesen mit; da liegt die Prinzessin und schläft. Du darfst sie aber nicht aufwecken, sondern die Riesen müssen sie mit dem Bette aufnehmen und zum Schiffe tragen.“ Und da geschah nun alles, wie das Schimmelchen gesagt hatte, und den Riesen und den Vögeln gab der Ferdinand getreu, was er ihnen mitgebracht hatte; dafür wurden die Riesen willig und trugen die Prinzessin in ihrem Bett ins Schiff. Und als sie zum König kamen, da sagte die Prinzessin, sie könne nicht leben, sie musste ihre Schriften haben, die wären auf dem Schlosse liegengeblieben. Da wurde Ferdinand getreu auf Anstiften von Ferdinand ungetreu gerufen, und der König befahl ihm, er solle die Schriften vom Schlosse holen, sonst müsste er sterben. Da geht er wieder in den Stall und weint und sagt: „O mein liebes Schimmelchen, nun soll ich noch einmal weg. Wie soll ich das machen?“ Da sagt der Schimmel, sie sollten das Schiff nur wieder volladen. Da geht es wieder wie das vorige Mal; und die Riesen und die Vögel werden von dem Fleisch gesättigt und besänftigt. Als sie nun zu dem Schloss kommen, da sagt der Schimmel zu ihm, er solle nur hineingehen in das Schlafzimmer der Prinzessin; auf dem Tische da lägen die Schriften. Da geht Ferdinand getreu hin und holt sie. Als sie nun auf dem Wasser sind, da lässt er seine Schreibfeder ins Wasser fallen. Da sagt der Schimmel: „Nun kann ich dir aber nicht helfen.“ Da fällt ihm seine Flöte ein; er fängt an zu blasen; da kommt der Fisch und hat die Feder im Maul und reicht sie ihm hin. Nun brachte er die Schriften aufs Schloss, wo Hochzeit gehalten wurde.

Die Königin aber mochte den König nicht leiden, weil er keine Nase hatte; den Ferdinand getreu aber mochte sie gern leiden. Wie nun einmal alle Herren vom Hofe beisammen waren, da sagte die Königin, sie könnte auch Kunststücke machen; sie könnte einem den Kopf abhacken und wieder aufsetzen; es solle nur mal einer versuchen. Da wollte aber keiner der erste sein. Schliesslich musste Ferdinand getreu heran, wieder auf Anstiften von Ferdinand ungetreu; dem hackte sie nun den Kopf ab und setzte ihn auch wieder auf. Es war auch gleich wieder zugeheilt, dass es aussah, als hätte er einen roten Faden um den Hals. Da sagte der König zu ihr: „Mein Kind, wo hast du denn das gelernt?“ – „Ja“, sagte sie, „die Kunst versteh ich; soll ich es an dir auch einmal versuchen?“ – „O ja“, sagte er. Da hackte sie ihm den Kopf ab, setzte ihn aber nicht wieder auf; sie tat so, als ob sie ihn nicht wieder draufkriegen könnte und als ob er nicht festsitzen wollte. Da wurde der König begraben; sie aber heiratete Ferdinand getreu.

Er aber ritt immer seinen Schimmel; und als er einmal draufsass, da sagte der zu ihm, er sollte einmal auf eine andere Heide, die er ihm zeigen würde, reiten und da dreimal mit ihm herumjagen. Wie er das tat, da stellte sich der Schimmel auf die Hinterbeine und verwandelte sich in einen Königssohn.

Sonntagsmärchen

Gebrüder Grimm

Kinder- und Hausmärchen, große Ausgabe, Band 1, 1850

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Es war einmal eine alte Geis, die hatte sieben junge Geislein, und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat.

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