Archiv der Kategorie: Märchen

Sonntagsmärchen

Brüder [Gebrüder] Grimm

Die Bienenkönigin

Zwei Königssöhne gingen einmal auf Abenteuer
und gerieten in ein wildes, wüstes Leben,
so daß sie gar nicht wieder nach Hause kamen.
Der jüngste, welcher der Dummling hieß,
machte sich auf und suchte seine Brüder:
aber wie er sie endlich fand, verspotteten sie ihn,
daß er mit seiner Einfalt sich durch die Welt schlagen wollte,
und sie zwei könnten nicht durchkommen und wären doch viel klüger.
Sie zogen alle drei miteinander fort und kamen an einen Ameisenhaufen.
Die zwei ältesten wollten ihn aufwühlen und sehen,
wie die kleinen Ameisen in der Angst herumkröchen
und ihre Eier forttrügen, aber der Dummling sagte:
„Laßt die Tiere in Frieden, ich leid’s nicht, daß ihr sie stört.“
Da gingen sie weiter und kamen an einen See,
auf dem schwammen viele viele Enten.
Die zwei Brüder wollten ein paar fangen und braten,
aber der Dummling ließ es nicht zu und sprach:
„Laßt die Tiere in Frieden, ich leid’s nicht, daß ihr sie tötet.“
Endlich kamen sie an ein Bienennest, darin war so viel Honig,
daß er am Stamm herunterlief.
Die zwei wollten Feuer unter den Baum legen und die Bienen ersticken,
damit sie den Honig wegnehmen könnten.
Der Dummling hielt sie aber wieder ab und sprach:
„Laßt die Tiere in Frieden, ich leid’s nicht, daß ihr sie verbrennt.“

Endlich kamen die drei Brüder in ein Schloß,
wo in den Ställen lauter steinerne Pferde standen,
auch war kein Mensch zu sehen, und sie gingen durch alle Säle,
bis sie vor eine Tür ganz am Ende kamen, davor hingen drei Schlösser;
es war aber mitten in der Türe ein Lädlein,
dadurch konnte man in die Stube sehen.

Da sahen sie ein graues Männchen, das an einem Tisch saß.
Sie riefen es an, einmal, zweimal, aber es hörte nicht:
endlich riefen sie zum dritten mal, da stand es auf,
öffnete die Schlösser und kam heraus.
Es sprach aber kein Wort, sondern führte sie zu einem reichbesetzten Tisch;
und als sie gegessen und getrunken hatten,
brachte es einen jeglichen in sein eigenes Schlafgemach.
Am andern Morgen kam das graue Männchen zu dem ältesten,
winkte und leitete ihn zu einer steinernen Tafel,
darauf standen drei Aufgaben geschrieben,
wodurch das Schloß erlöst werden könnte.

Die erste war: in dem Wald unter dem Moos
lagen die Perlen der Königstochter, tausend an der Zahl,
die mußten aufgesucht werden,
und wenn vor Sonnenuntergang noch eine einzige fehlte,
so ward der, der gesucht hatte, zu Stein.
Der älteste ging hin und suchte den ganzen Tag,
als aber der Tag zu Ende war, hatte er erst hundert gefunden;
es geschah, wie auf der Tafel stand, er ward in Stein verwandelt.
Am folgenden Tag unter nahm der zweite Bruder das Abenteuer:
es ging ihm aber nicht viel besser als dem ältesten;
er fand nicht mehr als zweihundert Perlen und ward zu Stein.
Endlich kam auch an den Dummling die Reihe, der suchte im Moos,
es war aber so schwer, die Perlen zu finden, und ging so langsam.
Da setzte er sich auf einen Stein und weinte.
Und wie er so saß, kam der Ameisenkönig,
dem er einmal das Leben erhalten hatte, mit fünftausend Ameisen,
und es währte gar nicht lange,
so hatten die kleinen Tiere die Perlen miteinander gefunden
und auf einen Haufen getragen.

Die zweite Aufgabe aber war,
den Schlüssel zu der Schlafkammer der Königstochter aus der See zu holen.
Wie der Dummling zur See kam, schwammen die Enten,
die er einmal gerettet hatte, heran,
tauchten unter und holten den Schlüssel aus der Tiefe.

Die dritte Aufgabe aber war die schwerste,
aus den drei schlafenden Töchtern des Königs
sollte die jüngste und die liebste herausgesucht werden.
Sie glichen sich aber vollkommen und waren durch nichts verschieden,
als daß sie, bevor sie eingeschlafen waren,
verschiedene Süßigkeiten gegessen hatten, die älteste ein Stück Zucker,
die zweite ein wenig Sirup, die jüngste einen Löffel voll Honig.
Da kam die Bienenkönigin von den Bienen,
die der Dummling vor dem Feuer geschützt hatte,
und versuchte den Mund von allen dreien;
zuletzt blieb sie auf dem Mund sitzen, der Honig gegessen hatte
und so erkannte der Königssohn die rechte.

Da war der Zauber vorbei, alles war aus dem Schlafe erlöst
und wer von Stein war, erhielt seine menschliche Gestalt wieder.
Und der Dummling vermählte sich mit der jüngsten
und liebsten und ward König nach ihres Vaters Tod;
seine zwei Brüder aber erhielten die beiden andern Schwestern.

Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862
Däumelinchen

Es war einmal eine Frau, die sich sehr ein ganz kleines Kind wünschte; aber sie wußte gar nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: „Ich möchte so herzlich gern ein kleines Kind haben; kannst Du mir nicht sagen, wo ich das bekommen kann?“
„O! damit wollen wir schon fertig werden!“ sagte die Hexe. „Da hast Du ein Gerstenkorn; das ist gar nicht von der Art, wie die, welche auf des Landmanns Feld wachsen, oder welche die Hühner zu fressen bekommen; lege das in einen Blumentopf, so wirst Du was zu sehen bekommen!“
„Ich danke Dir!“ sagte die Frau und gab der Hexe zwölf Schillinge, denn so viel kostete es. Dann ging sie nach Hause und pflanzte das Gerstenkorn; und sogleich wuchs da eine herrliche, große Blume, die sah aus, wie eine Tulpe; aber die Blätter schlossen sich fest zusammen, gerade als ob sie noch in der Knospe wäre.
„Das ist eine wunderhübsche Blume!“ sagte die Frau und küßte sie auf die roten und gelben Blätter; aber gerade, indem sie darauf küßte, öffnete die Blume sich mit einem Knall. Es war eine wirkliche Tulpe, wie man nun sehen konnte; aber mitten in der Blume saß auf dem grünen Samengriffel ein ganz kleines Mädchen, so fein und niedlich! Sie war kaum einen halben Daumen hoch, und deshalb wurde sie Däumelinchen genannt.
Eine niedliche, lackirte Wallnußschale bekam sie zur Wiege, blaue Veilchenblätter waren ihre Matratzen und ein Rosenblatt ihr Deckbett. Da schlief sie des Nachts, aber am Tage spielte sie auf dem Tische, wo die Frau einen Teller hingestellt und ringsum mit einem Kranz von Blumen belegt hatte, deren Stengel in Wasser standen; darin schwamm ein großes Tulpenblatt, und auf diesem konnte Däumelinchen sitzen und von der einen Seite des Tellers nach der andern fahren; zum Rudern hatte sie zwei weiße Pferdehaare. Das sah einmal wunderhübsch aus! Sie konnte auch singen, und so fein und niedlich, wie man es noch nie gehört hatte. –
Einst, als sie Nachts in ihrem schönen Bette lag, kam eine häßliche Kröte durch das Fenster hereingehüpft, in dem eine Scheibe entzwei war. Die Kröte war sehr häßlich, groß und naß; sie hüpfte gerade auf den Tisch hinab, wo Däumelinchen lag und unter dem rothen Rosenblatte schlief.
„Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!“ sagte die Kröte; und da nahm sie die Wallnußschale, worin Däumelinchen schlief, und hüpfte mit ihr durchs Fenster, in den Garten hinunter.
Da floß ein großer, breiter Bach; aber das Ufer war sumpfig und morastig; hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohne. Hu! der war häßlich und garstig und glich ganz seiner Mutter! „Koax, koax, brekkekekex!“ Das war Alles, was er sagen konnte, als er das niedliche kleine Mädchen in der Wallnußschale erblickte.
„Sprich nicht so laut, denn sonst erwacht sie!“ sagte die alte Kröte. „Sie könnte uns noch entlaufen, denn sie ist so leicht, wie ein Schwanenflaum! Wir wollen sie auf eins der breiten Nixenblumenblätter in den Bach hinaus setzen; das ist für sie, die so leicht und klein ist, gerade wie eine Insel! Da kann sie nicht davonlaufen, während wir die Staatsstube unten unter dem Morast, wo Ihr wohnen und hausen sollt, in Stand setzen.“
Draußen in dem Bache wuchsen viele Nixenblumen mit den breiten grünen Blättern, welche aussehen, als schwämmen sie oben auf dem Wasser; das Blatt, welches am weitesten hinauslag, war auch das allergrößte; da schwamm die alte Kröte hinaus und setzte darauf die Wallnußschale mit Däumelinchen.
Das kleine, kleine Wesen erwachte früh Morgens, und als sie sah, wo sie war, fing sie recht bitterlich an zu weinen; denn es war Wasser zu allen Seiten des großen grünen Blattes, und sie konnte gar nicht an das Land kommen. –
Die alte Kröte saß unten im Morast und putzte ihre Stube mit Schilf und gelben Fischblattblumen aus; – es sollte da recht hübsch für die neue Schwiegertochter werden; – dann schwamm sie mit dem häßlichen Sohne zum Blatte hinaus, wo Däumelinchen war. Sie wollten ihr hübsches Bett holen, das sollte in das Brautgemach gestellt werden, bevor sie es selbst betrat. Die alte Kröte verneigte sich tief im Wasser vor ihr und sagte: „Hier siehst Du meinen Sohn, er wird Dein Mann sein; und Ihr werdet recht prächtig unten im Morast wohnen;“
„Koax, koax, brekkekekex!“ war Alles, was der Sohn sagen konnte.
Dann nahmen sie das niedliche kleine Bett und schwammen damit fort; aber Däumelinchen saß ganz allein auf dem grünen Blatte und weinte, denn sie mochte nicht bei der garstigen Kröte wohnen oder ihren häßlichen Sohn zum Manne haben. Die kleinen Fische, welche unten im Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen und auch gehört, was sie gesagt hatte: deshalb streckten sie die Köpfe hervor; sie wollten doch das kleine Mädchen sehen. Sobald sie es erblickten, fanden sie dasselbe so niedlich, daß es ihnen recht leid that, daß es zur häßlichen Kröte hinunter sollte. Nein, das durfte nie geschehen! Sie versammelten sich unten im Wasser rings um den grünen Stengel, welcher das Blatt hielt, auf dem es stand, nagten mit den Zähnen den Stiel ab, und da schwamm das Blatt den Bach hinab mit Däumelinchen davon, weit weg, wo die Kröte sie nicht erreichen konnte.
Däumelinchen segelte vor vielen Städten vorbei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: „Welch liebliches kleines Mädchen!“ Das Blatt schwamm mit ihr immer weiter und weiter fort; so reiste Däumelinchen außer Landes.
Ein niedlicher, kleiner weißer Schmetterling umflatterte sie stets und ließ sich zuletzt auf das Blatt nieder; Däumelinchen gefiel ihm, und sie war sehr erfreut darüber; denn nun konnte die Kröte sie nicht erreichen, und es war so schön, wo sie fuhr; die Sonne schien auf das Wasser und dieses glänzte, wie das herrlichste Gold. Sie nahm ihren Gürtel und band das eine Ende um den Schmetterling, das andere Ende des Bandes befestigte sie am Blatte; das glitt nun viel schneller davon und sie mit, denn sie stand ja auf demselben.
Da kam ein großer Maikäfer angeflogen, der erblickte sie und schlang augenblicklich seine Klauen um ihren schlanken Leib und flog mit ihr auf den Baum. Das grüne Blatt schwamm den Bach hinab, und der Schmetterling flog mit, denn er war an das Blatt festgebunden und konnte nicht von dem Blatte loskommen.
Gott, wie war das arme Däumelinchen erschrocken, als der Maikäfer mit ihr auf den Baum flog. Aber hauptsächlich war sie wegen des schönen weißen Schmetterlings betrübt, den sie an das Blatt festgebunden hatte; im Fall er sich nun nicht befreien könnte, müßte er ja verhungern. Allein darum kümmerte sich der Maikäfer gar nicht. Er setzte sich mit ihr auf das größte grüne Blatt des Baumes, gab ihr das Süße der Blumen zu essen und sagte, daß sie so niedlich sei, obgleich sie einem Maikäfer durchaus nicht gliche. Später kamen alle andern Maikäfer, die im Baume wohnten, und machten Visite; sie betrachteten Däumelinchen, und die Maikäferfräulein rümpften die Fühlhörner und sagten: „Sie hat doch nicht mehr als zwei Beine; das sieht erbärmlich aus!“ „Sie hat keine Fühlhörner!“ sagte eine andere. „Sie ist so schlank in der Taille; pfui! sie sieht wie ein Mensch aus! Wie sie häßlich ist!“ sagten alle Maikäferinnen, und doch war Däumelinchen so niedlich. Das erkannte auch der Maikäfer, der sie geraubt hatte. Aber als alle die Andern sagten, sie sei häßlich, glaubte er es zuletzt auch und wollte sie gar nicht haben; sie könne gehen, wohin sie wolle. Nun flogen sie mit ihr den Baum hinab und setzten sie auf ein Gänseblümchen; da weinte sie, weil sie so häßlich sei, daß die Maikäfer sie nicht haben wollten, und doch war sie das Lieblichste, was man sich denken konnte, so fein und zart, wie das schönste Rosenblatt.
Den ganzen Sommer über lebte das arme Däumelinchen ganz allein in dem großen Walde. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hing es unter einem Kleeblatte auf, so war sie vor dem Regen geschützt; sie pflückte das Süße der Blumen zur Speise und trank vom Thau, der jeden Morgen auf den Blättern stand. So vergingen Sommer und Herbst, aber nun kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel, die so schön vor ihr gesungen hatten, flogen davon; Bäume und Blumen verdorrten; das große Kleeblatt, unter dem sie gewohnt hatte, rollte zusammen, und es blieb nichts als ein gelber verwelkter Stengel zurück; und sie fror erschrecklich, denn ihre Kleider waren entzwei, und sie war selbst so fein und klein, das arme Däumelinchen: sie mußte erfrieren. Es fing an zu schneien, und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, war, als wenn man auf uns eine ganze Schaufel voll wirst; denn wir sind groß und sie war nur einen Zoll lang. Da hüllte sie sich in ein dürres Blatt ein, aber das riß in der Mitte entzwei und wollte nicht wärmen; sie zitterte vor Kälte.
Dicht vor dem Walde, wohin sie nun gekommen war, lag ein großes Kornfeld; aber das Korn war seit langer Zeit fort; nur die nackten, trocknen Stoppeln standen aus der gefrornen Erde hervor. Die waren gerade wie ein ganzer Wald für sie zu durchwandern; o, wie zitterte sie vor Kälte! Da gelangte sie vor die Thüre der Feldmaus. Die hatte ein kleines Loch unter den Kornstoppeln. Da wohnte die Feldmaus warm und gemüthlich, hatte die ganze Stube voll Korn, eine herrliche Küche und Speisekammer. Das arme Däumelinchen stellte sich in die Thüre, gerade wie ein armes Bettelmädchen, und bat um ein kleines Stück von einem Gerstenkorn, denn sie hatte seit zwei Tagen nicht das Mindeste zu essen gehabt.
„Du armes Thierchen!“ sagte die Feldmaus, denn im Grunde war es eine gute alte Feldmaus; „komm herein in meine warme Stube und speise mit mir!“
Da ihr nun Däumelinchen gefiel, sagte sie: „Du kannst meinetwegen den Winter über bei mir bleiben, aber Du mußt meine Stube sauber und rein halten und mir Geschichten erzählen, denn die liebe ich sehr.“ Und Däumelinchen tat, was die gute alte Feldmaus verlangte, und hatte es dafür außerordentlich gut.
„Nun werden wir bald Besuch erhalten!“ sagte die Feldmaus; „mein Nachbar pflegt mich alle Wochen ein Mal zu besuchen. Er steht sich noch besser, als ich, hat große Säle und trägt einen schönen, schwarzen Sammetpelz! Wenn Du den nur zum Manne bekommen könntest, so wärest Du gut versorgt. Aber er kann nicht sehen. Du mußt ihm die niedlichsten Geschichten erzählen, die Du weißt!“
Aber darum kümmerte sich Däumelinchen nicht; ihr lag gar nichts an dem Nachbar, denn es war ja ein Maulwurf.
Dieser kam und stattete in seinem schwarzen Sammetpelz Besuch ab. Er sei so reich und so gelehrt, sagte die Feldmaus; seine Wohnung sei auch über zwanzig Mal größer, als die der Feldmaus. Gelehrsamkeit besaß er, aber die Sonne und die schönen Blumen mochte er gar nicht leiden; von diesen sprach er schlecht, denn er hatte sie nie gesehen.
Däumelinchen mußte singen, und sie sang „Maikäfer, fliege!“ und „Geht der Pfaffe auf das Feld“. Da verliebte sich der Maulwurf in sie, der schönen Stimme halber; aber er sagte nichts: er war ein besonnener Mann. –
Er hatte sich vor Kurzem einen langen Gang durch die Erde von seinem bis zu ihrem Hause gegraben; in diesem erhielten die Feldmaus und Däumelinchen Erlaubniß, zu spazieren; so viel sie wollten. Aber er bat sie, sich nicht vor dem todten Vogel zu fürchten, der in dem Gange läge. Es war ein ganzer Vogel mit Federn und Schnabel, der sicher erst kürzlich gestorben war und nun begraben lag, gerade wo Jener seinen Gang gemacht hatte.
Der Maulwurf nahm ein Stück faules Holz in’s Maul, denn das schimmert wie Feuer im Dunkeln, und ging dann voran und leuchtete ihnen in dem langen, finstern Gange. Als sie dahin kamen, wo der todte Vogel lag, stemmte der Maulwurf seine breite Nase gegen die Decke und stieß die Erde auf, sodaß ein großes Loch entstand, durch welches das Licht hinunterscheinen konnte. Mitten auf dem Fußboden lag eine todte Schwalbe, die schönen Flügel fest an die Seiten gedrückt, die Füße und den Kopf unter die Federn gezogen; der arme Vogel war sicher vor Kälte gestorben. Das that Däumelinchen so leid; sie hielt so viel von allen kleinen Vögeln, die hatten ja den ganzen Sommer so schön vor ihr gesungen und gezwitschert; aber der Maulwurf stieß ihn mit seinen kurzen Beinen und sagte: „Nun pfeift er nicht mehr! Es muß doch erbärmlich sein, als kleiner Vogel geboren zu werden! Gott sei Dank, daß keins von meinen Kindern das wird; ein solcher Vogel hat ja nichts außer seinem Quivit und muß im Winter verhungern!“
„Ja, das mögt Ihr, als vernünftiger Mann, wohl sagen,“ sagte die Feldmaus. „Was hat der Vogel für all sein Quivit, wenn der Winter kommt? Er muß hungern und frieren. Doch das soll wohl gar vornehm sein!“
Däumelinchen sagte nichts, als aber die beiden Andern dem Vogel den Rücken wandten, neigte sie sich herab, schob die Federn zur Seite, welche den Kopf bedeckten, und küßte ihn auf die geschlossenen Augen.
„Vielleicht war er es, der so hübsch vor mir im Sommer sang,“ dachte sie. „Wie viel Freude hat er mir nicht gemacht, der liebe, schöne Vogel!“
Der Maulwurf stopfte nun das Loch zu, durch welches der Tag herein schien, und begleitete dann die Damen nach Hause. Aber des Nachts konnte Däumelinchen gar nicht schlafen; da stand sie aus ihrem Bette auf und flocht von Heu einen großen, schönen Teppich; den trug sie hin, breitete ihn über den toten Vogel aus und legte die feinen Staubfäden von Blumen, die weich wie Baumwolle waren, und die sie in der Stube der Feldmaus gefunden hatte, an die Seiten des Vogels, damit er in der kalten Erde warm liegen möge.
„Lebe wohl, Du schöner kleiner Vogel!“ sagte sie. „Lebe wohl und habe Dank für Deinen herrlichen Gesang im Sommer, als alle Bäume grün waren und die Sonne warm auf uns herabschien!“ Dann legte sie ihr Haupt an des Vogels Brust, erschrak aber zugleich, denn es war gerade, als ob drinnen etwas klopfte: Poch, Poch! Das war des Vogels Herz. Der Vogel war nicht todt; er lag nur betäubt da und war nun erwärmt worden und bekam wieder Leben.
Im Herbste fliegen alle Schwalben nach den warmen Ländern fort, aber ist eine da, die sich verspätet, dann friert die so, daß sie wie todt niederstürzt und liegen bleibt, wo sie hinfällt; der kalte Schnee bedeckt sie dann.
Däumelinchen zitterte ordentlich, so war sie erschrocken; denn der Vogel war ja groß, sehr groß gegen sie, die nur einen Zoll lang war. Aber sie faßte doch Muth, legte die Baumwolle dichter um die arme Schwalbe, holte ein Krausemünzblatt, welches sie selbst zum Deckbett gehabt hatte, und legte es über den Kopf des Vogels.
In der nächsten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm, und da war er lebendig, aber ganz matt; er konnte nur einen kurzen Augenblick seine Augen öffnen und Däumelinchen ansehen, die mit einem Stück faulem Holze in der Hand, denn eine andere Laterne hatte sie nicht, vor ihm stand. –
„Ich danke Dir, Du niedliches kleines Kind!“ sagte die kranke Schwalbe zu ihr. „Ich bin so herrlich erwärmt worden! Bald erlange ich meine Kräfte wieder und kann dann draußen in dem warmen Sonnenschein herumfliegen!“
„O!“ sagte sie, „es ist kalt draußen; es schneit und friert. Bleib in Deinem warmen Bette; ich werde Dich schon pflegen!“
Dann brachte sie der Schwalbe Wasser in einem Blumenblatt, und die trank und erzählte ihr, wie sie sich den einen Flügel an einem Dornenbusch wund gerissen und deshalb nicht so schnell hätte fliegen können, als die andern Schwalben, welche fortgeflogen seien, weit fort, nach den warmen Ländern. So sei sie zuletzt auf die Erde gefallen, aber mehr konnte sie sich nicht entsinnen, und wußte gar nicht, wie sie hierher gekommen war.
Den ganzen Winter blieb sie nun da unten, und Däumelinchen pflegte sie und hatte sie so lieb: weder der Maulwurf, noch die Feldmaus erfuhren etwas davon, denn die mochten ja die arme Schwalbe nicht leiden.
Sobald das Frühjahr kam und die Sonne die Erde erwärmte, sagte die Schwalbe dem Däumelinchen Lebewohl, die das Loch öffnete, welches der Maulwurf oben gemacht hatte. Die Sonne schien so herrlich zu ihnen herein, und die Schwalbe frug, ob sie mitkommen wolle; sie könne auf ihrem Rücken sitzen; sie wollten weit in den grünen Wald hineinfliegen. Aber Däumelinchen wußte, daß es die alte Feldmaus betrüben würde, wenn sie die so verließe.
„Nein, ich kann nicht!“ sagte Däumelinchen.
„Lebe wohl, lebe wohl! Du gutes, niedliches Mädchen!“ sagte die Schwalbe und flog hinaus in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr nach, und die Thränen traten ihr in die Augen, denn sie war der armen Schwalbe so gut.
„Quivit, quivit!“ sang der Vogel und flog in den grünen Wald. – Däumelinchen war sehr betrübt. Sie erhielt gar keine Erlaubniß, in den warmen Sonnenschein hinauszugehen. Das Korn, welches auf dem Felde, über dem Hause der Feldmaus, gesäet war, wuchs auch hoch in die Luft empor; das war ein ganz dichter Wald für das arme kleine Mädchen, die ja nur einen Zoll lang war.
„Nun bist Du Braut, Däumelinchen!“ sagte die Feldmaus. „Der Nachbar hat um Dich angehalten. Welch großes Glück für ein armes Kind! Nun mußt Du Deine Aussteuer nähen, sowohl Wollen- wie Leinenzeug; denn es darf an nichts fehlen, wenn Du des Maulwurfs Frau wirst!“
Däumelinchen mußte die Spindel drehen, und die Feldmaus mietete vier Spinnen, um Tag und Nacht für sie zu weben. Jeden Abend besuchte sie der Maulwurf und sprach dann immer davon, daß, wenn der Sommer zu Ende gehe, die Sonne lange nicht so warm scheinen werde; sie brenne ja jetzt die Erde fest wie einen Stein. Ja, wenn der Sommer vorbei sei, dann wolle er mit Däumelinchen Hochzeit halten. Aber die war gar nicht froh, denn sie mochte den langweiligen Maulwurf nicht leiden. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterging, stahl sie sich zur Thüre hinaus, und wenn dann der Wind die Kornähren trennte, sodaß sie den blauen Himmel erblicken konnte, dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen sei, und wünschte sehnlichst, die liebe Schwalbe wiederzusehen. Aber die kam nie wieder; die war gewiß weit weg in den schönen, grünen Wald geflogen.
Als es nun Herbst wurde, hatte Däumelinchen ihre ganze Aussteuer fertig.
„In vier Wochen sollst Du Hochzeit halten!“ sagte die Feldmaus zu ihr. Aber Däumelinchen weinte und sagte, sie wolle den langweiligen Maulwurf nicht haben.
„Schnickschnack!“ sagte die Feldmaus; sei nicht widerspenstig, denn sonst werde ich Dich mit meinen weißen Zähnen beißen! Es ist ja ein schöner Mann, den Du bekommst! Die Königin selbst hat nicht solch einen schwarzen Sammetpelz! Er hat Küche und Keller voll. Danke Du Gott dafür!“
Nun sollte die Hochzeit sein. Der Maulwurf war schon gekommen, Däumelinchen zu holen; sie sollte bei ihm wohnen, tief unter der Erde, und nie an die warme Sonne hinauskommen, denn die mochte er nicht leiden. Das arme Kind war so betrübt; sie sollte nun der schönen Sonne Lebewohl sagen, die sie doch bei der Feldmaus Erlaubniß gehabt hatte von der Thüre aus zu sehen.
„Lebe wohl, Du helle Sonne!“ sagte sie, streckte die Arme hoch empor und ging auch eine kleine Strecke vor dem Hause der Feldmaus weiter; denn nun war das Korn geerntet, und hier standen nur die trockenen Stoppeln. „Lebe wohl, lebe wohl!“ sagte sie und schlang ihre Arme um eine kleine rothe Blume, die dastand. „Grüße die kleine Schwalbe von mir, wenn Du sie zu sehen bekommst!“
„Quivit, quivit!“ ertönte es plötzlich über ihrem Kopfe; sie sah empor; es war die kleine Schwalbe, die gerade vorbeikam. Sobald sie Däumelinchen erblickte, wurde sie sehr erfreut; diese erzählte ihr, wie ungern sie den häßlichen Maulwurf zum Manne haben wolle, und daß sie dann tief unter der Erde wohnen solle, wo nie die Sonne scheine. Sie konnte sich nicht enthalten, dabei zu weinen.
„Nun kommt der kalte Winter,“ sagte die kleine Schwalbe; „ich fliege weit fort nach den warmen Ländern; willst Du mit mir kommen? Du kannst auf meinem Rücken sitzen; binde Dich nur mit Deinem Gürtel fest; dann fliegen wir von dem häßlichen Maulwurf und seiner dunkeln Stube fort, weit weg, über die Berge, nach den warmen Ländern, wo die Sonne schöner scheint, als hier, wo es immer Sommer ist und es herrliche Blumen gibt. Fliege nur mit mir, Du liebes, kleines Däumelinchen, die mein Leben gerettet hat, als ich erfroren in dem dunkeln Erdkeller lag!“
„Ja, ich werde mit Dir ziehen!“ sagte Däumelinchen, setzte sich auf des Vogels Rücken, mit den Füßen auf seine entfaltete Schwinge, und band ihren Gürtel an eine der stärksten Federn fest; da flog die Schwalbe hoch in die Luft hinauf, über Wald und über See, hoch hinauf über die großen Berge, wo immer Schnee liegt. Und Däumelinchen fror in der kalten Luft, aber dann verkroch sie sich unter des Vogels warme Federn und steckte nur den kleinen Kopf hervor, um all die Schönheiten unter sich zu bewundern.
Da kamen sie denn nach den warmen Ländern. Dort schien die Sonne weit heller, als hier: der Himmel war zweimal so hoch, und auf Gräben und Hecken wuchsen die schönsten grünen und blauen Weintrauben; in den Wäldern hingen Citronen und Apfelsinen; es duftete von Myrthen und Krausemünze, und auf den Landstraßen liefen die niedlichsten Kinder und spielten mit großen bunten Schmetterlingen. Aber die Schwalbe flog noch weiter fort, und es wurde schöner und schöner. Unter den herrlichsten grünen Bäumen an dem blauen See stand ein blendend weißes Marmorschloß, noch aus alten Zeiten! Weinreben rankten sich um die hohen Säulen empor; ganz oben waren viele Schwalbennester, und in einem derselben wohnte die Schwalbe, welche Däumelinchen trug.
„Hier ist mein Haus!“ sagte die Schwalbe. Aber es schickt sich nicht, daß Du mit da wohnst; ich bin nicht so eingerichtet, daß Du damit zufrieden sein kannst; suche Dir nun selbst eine der prächtigsten Blumen, die da unten wachsen; dann will ich Dich hineinsetzen, und Du sollst es so gut haben, wie Du es nur wünschest!“
„Das ist herrlich!“ sagte sie und klatschte in die kleinen Hände.
Da lag eine große weiße Marmorsäule, welche zu Boden gefallen und in drei Stücke gesprungen war; aber zwischen diesen wuchsen die schönsten großen, weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen hinunter und setzte sie auf eins der breiten Blätter. Aber wie erstaunte diese! Da saß ein kleiner Mann mitten in der Blume, so weiß und durchsichtig, als wäre er von Glas; die niedlichste Goldkrone trug er auf dem Kopfe und die herrlichsten Flügel an den Schultern; er war selbst nicht größer als Däumelinchen. Es war der Blume Engel. In jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine Frau; aber dieser war der König über Alle.
„Gott, wie ist er schön!“ flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu. Der kleine Prinz erschrack sehr über die Schwalbe, denn sie war ja gegen ihn, der so klein und fein war, ein ganzer Riesenvogel. Aber als er Däumelinchen erblickte, wurde er hoch erfreut; sie war das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Deshalb nahm er seine Goldkrone vom Haupte und setzte sie ihr auf, frug, wie sie heiße, und ob sie seine Frau werden wolle; dann solle sie Königin über alle Blumen sein! Ja, das war wahrlich ein anderer Mann als der Sohn der Kröte und der Maulwurf mit dem schwarzen Sammetpelze. Sie sagte deshalb „Ja“ zu dem herrlichen Prinzen. Und von jeder Blume kam eine Dame oder ein Herr, so niedlich, daß es eine Lust war; jeder brachte Däumelinchen ein Geschenk, aber das beste von allen waren ein Paar schöne Flügel von einer großen weißen Fliege; die wurden Däumelinchen am Rücken befestigt, und nun konnte sie auch von Blume zu Blume fliegen. Da gab es viele Freude, und die kleine Schwalbe saß oben in ihrem Neste und sollte das Hochzeitlied singen, und das that sie denn auch, so gut sie konnte; aber im Herzen war sie doch betrübt, denn sie war Däumelinchen so gut, o, gar so gut, und hätte sich nie von ihr trennen mögen. „Du sollst nicht Däumelinchen heißen!“ sagte der Blumenengel zu ihr. „Das ist ein häßlicher Name und Du bist so schön. Wir wollen Dich Maja nennen.“
„Lebe wohl, lebe wohl!“ sagte die kleine Schwalbe mit schwerem Herzen und flog wieder fort von den warmen Ländern, weit weg nach Dänemark zurück. Dort hatte sie ein kleines Nest über dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann. Vor ihm sang sie „Quivit, quivit!“ Daher wissen wir die ganze Geschichte.

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Sonntagsmärchen

Die Prinzessin auf der Erbse
Hans-Christian Andersen

Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heiraten. Aber das sollte eine wirkliche Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt herum, um eine solche zu finden, aber überall fehlte etwas. Prinzessinnen gab es genug, aber ob es wirkliche Prinzessinnen waren, konnte er nie herausfinden. Immer war da etwas, was nicht ganz in Ordnung war. Da kam er wieder nach Hause und war ganz traurig, denn er wollte doch gern eine wirkliche Prinzessin haben.
Eines Abends zog ein furchtbares Wetter auf; es blitzte und donnerte, der Regen stürzte herab, und es war ganz entsetzlich. Da klopfte es an das Stadttor, und der alte König ging hin, um aufzumachen.
Es war eine Prinzessin, die draußen vor dem Tor stand. Aber wie sah sie vom Regen und dem bösen Wetter aus! Das Wasser lief ihr von den Haaren und Kleidern herab, lief in die Schnäbel der Schuhe hinein und zum Absatz wieder hinaus. Sie sagte, dass sie eine wirkliche Prinzessin wäre.
,Ja, das werden wir schon erfahren!‘ dachte die alte Königin, aber sie sagte nichts, ging in die Schlafkammer hinein, nahm alles Bettzeug ab und legte eine Erbse auf den Boden der Bettstelle. Dann nahm sie zwanzig Matratzen, legte sie auf die Erbse und dann noch zwanzig Eiderdaunendecken oben auf die Matratzen.
Hier sollte nun die Prinzessin die ganze Nacht über liegen. Am Morgen wurde sie gefragt, wie sie geschlafen hätte.
»Oh, entsetzlich schlecht!« sagte die Prinzessin. »Ich habe fast die ganze Nacht kein Auge geschlossen! Gott weiß, was in meinem Bett gewesen ist. Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so dass ich am ganzen Körper ganz braun und blau bin! Es ist ganz entsetzlich!«
Daran konnte man sehen, dass sie eine wirkliche Prinzessin war, da sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdaunendecken die Erbse gespürt hatte. So feinfühlig konnte niemand sein außer einer echten Prinzessin.
Da nahm sie der Prinz zur Frau, denn nun wusste er, dass er eine wirkliche Prinzessin gefunden hatte. Und die Erbse kam auf die Kunstkammer, wo sie noch zu sehen ist, wenn sie niemand gestohlen hat.
Seht, das war eine wirkliche Geschichte!

Sonntagsmärchen

www.projekt-gutenberg.org/brentano/huepfen/huepfen2.html

Clemens Brentano

Baron Hüpfenstich

(gesamter Text im Link oben)

In dem ehrlichen Lande regierte der König Haltewort, ein sehr guter, aber noch viel strengerer Herr, dann und wann auch sehr grob. Er hatte sehr viel zu tun, denn er hielt Wort, und seine Vorfahren waren so vielversprechende Herrn gewesen, daß er alle Hände voll hatte, für sie Wort zu halten, besonders da einer manchmal das Gegenteil vom andern versprochen hatte. Aber das machte ihn nicht irr. Er hielt immer recht wacker zu Wort. Sonst kümmerte er sich um nichts und war gar nicht neugierig; denn er fürchtete immer, er möchte ein neues Versprechen erfahren, das er halten müsse, und das wäre ihm fatal gewesen. Er lebte sehr friedlich in seinem Lande und hatte mit allen Königen der Welt einen Frieden geschlossen, welcher in den Worten bestand: »Tue mir nichts, ich tue dir auch nichts.«
Dieser gute König hatte eine Tochter, die sehr neugierig war und überall mit ihrem Näschen vornedran sein mußte. Sie war so neugierig gewesen, zu wissen, wie es auf der Welt aussähe, daß ihre Mutter ihr noch gar die Wiege nicht zurechtgemacht hatte, als das Kind schon vom Himmel herab der Frau Mutter entgegenhüpfte, worüber die gute Königin, die gern alles in der Ordnung hatte, vor Schrecken starb, indem sie ihr Töchterlein ans Herz drückte und sprach: »Mein Kind will wissen, wie es auf der Welt aussieht, drum muß ich sehen, wie es im Himmel aussieht. Möge die Woche, um die du mir zu früh gekommen bist, dir einstens treue Dienste leisten!« Nach diesen Worten starb die Königin, und die umstehenden Frauen zeigten dem herbeigerufenen König Haltewort den Tod der Königin und die Geburt seiner Tochter an.
Der König fragte vor allem: »Wie lauteten die letzten Worte meiner Gemahlin, damit ich sie ihr halten kann, da sie selbst gestorben ist?« Da sagte die älteste Hofdame: »Sie sprach: Mein Kind will wissen« – »So soll die Prinzessin heißen,« sagte der König; »sie soll Prinzeß Willwischen heißen, weil die sterbende Mutter sie so angeredet.« Nun ließ er sich noch die übrigen Worte der Verstorbenen sagen: aber da war nichts beizuhalten; nur daß die Woche, um die sie zu frühe gekommen, ihr große Dienste leisten solle, das konnte er nicht recht begreifen und nahm sich vor, viel darüber nachdenken zu lassen. Nun ließ er die gute Königin ins Grab und das Kind Willwischen in die Wiege legen.
Eine große Sorge hatte der gute König jetzt, die plagte ihn sehr, er hatte seiner Gemahlin versprochen, er wolle, wenn sie vor dem Kinde sterbe, Mutterstelle an ihm vertreten. Wie er das machen sollte, wenn er Wort halten sollte, wußte er nun gar nicht, er ließ auch darüber stark nachdenken. Und siehe da, nach einer halben Stunde kam der Hofnachdenker herein und sprach: »Ihro Majestät, haben Sie etwas heraus?« Der König sagte: »Haben Sie etwas?« Der Nachdenker sagte: »Ihro Majestät, ich habe nichts heraus,« und der König sagte: »Und habe auch nichts.« Da sagte der Nachdenker: »Da haben wir also alle beide nichts heraus,« und nun gingen sie wieder frisch ans Nachdenken. Nach einer Stunde kamen sie ebenso zusammen und gingen ebenso auseinander.
Nun hätten die Hofdamen dem Kind Willwischen gern eine Amme gegeben, aber Haltewort gab es nicht zu und sagte, er wolle schon Wort halten und selbst Mutterstelle vertreten. Zur größten Verwunderung schien das Kind Willwischen gar keine Nahrung zu bedürfen, es ward dick und gesund, und der König glaubte, daß es bloß von seinem Nachdenken lebe. Endlich fiel es ihm einmal in der Nacht ein, daß eine gute Mutter manchmal nachts nach dem Kinde sehen müsse. Das ließ er sich nicht zweimal einfallen, sondern sprang gleich beim erstenmal mit beiden Beinen aus dem Bett und ging in die Nebenstube, wo die Wiege stand.
Ganz sachte, sachte machte er die Türe auf; aber welche Wunder sah er da! Eine ziemlich alte Frau hatte das Kind Willwischen an der Brust, und sieben andre Wickelkinder lagen vor ihr, hübsch eingefatscht wie sieben Backfische, in einer Reihe an der Erde. »Ei, das ist eine Kunst,« schrie der König, »wenn Ihr dem Kinde zu trinken gebt, aber es geht platterdings nicht an, ich habe versprochen, Mutterstelle zu vertreten, und darum dürft Ihr nicht, also marsch fort! Nehmt Eure sieben Backfische nur in der Schürze mit und laßt Euch nicht mehr hier sehen!« »Gebt mir meinen Wochenlohn!« sagte die Frau und gab dem Willwischen frische Windeln und legte es in die Wiege; da gab ihr der König seine Traumbörse; denn er nahm immer einen Beutel voll Gold mit ins Bett, um, wenn ihm in der Nacht jemand im Traum vorkam, dem er bei Tag Geld versprochen hatte, Wort halten zu können.
Nun sagte die Frau zum König: »Haltewort, ich verlasse dein Kind, jetzt ist ohnedies meine Zeit aus, es ist gleich zwölf Uhr, und … geht an; aber weil du mir meinen Wochenlohn so ehrlich gezahlt hast, so will ich dir auch sagen, wie du an dem Kind Mutterstelle vertreten kannst, du mußt mir aber versprechen, dem ersten Verbrecher, der dich beleidigt, und sollte er dich auch bis aufs Blut stechen, zu verzeihen und ihn mit dem Besten, was du hast, zu ernähren. « »Bis aufs Blut stechen,« sagte der König, »das ist ein starkes Stück, aber ich verspreche es dir, aus mütterlicher Liebe.« »Wohlan,« sagte die Frau, »so ernähre den Verbrecher, und du wirst dein Kind ernähren«, und verschwand.
Der König aber fühlte einen Stich in den Arm und erwachte; da sah er, daß ihm nur geträumt hatte, denn er lag ganz breit in seinem Bette. Der heftige Stich, den er am linken Arm fühlte, machte, daß er dahin faßte, und was ergriff er da? Einen sehr großen Floh. Erzürnt rieb der König ihn zwischen den Fingern und wollte ihn soeben mit dem Nagel totknicken, als ihm sein Versprechen, das er der Frau im Traum gegeben, einfiel: er wolle dem Verbrecher nicht allein verzeihen und ihn sogar mit seinem Besten ernähren. Er setzte daher den Floh in ein leeres Medizinglas gefangen und sprach: »Dir soll verziehen sein, und du sollst mein Blut trinken.« Dieses tat er besonders, weil er seine Traumbörse nicht mehr fand und also gewiß glaubte, er habe sie der Frau gegeben, und sie müßte doch etwas mehr als ein leeres Traumgebilde sein.
Er dachte einige Stunden lang über diese Sache nach und betrachtete den Verbrecher in dem Arzneiglas; der schien zu schlafen. Er schüttelte das Glas, da wurde der Floh wach, und das Kind Willwischen weinte in der Nebenstube. Er wiegte das Arzneiglas, da hörte er auch die Wiege des Kindes sich bewegen, und Floh und Kind schliefen ein, und Haltewort auch. Morgens weinte das Kind wieder, und der Floh war sehr unruhig im Glase; der König setzte den Floh auf seinen Arm und ließ ihn sein Blut trinken, da ward auch das Kind Willwischen still. Genug, der König merkte, daß alles, was er dem Floh tat, der Prinzessin auch geschah, und deswegen ließ er dem Floh nichts abgehen, und auch das Kind Willwischen ward groß und stark. Der Verbrecher im Arzneiglas aber ward bald so dick und fett, daß er keinen Platz mehr in dem Glase hatte und in eine Flasche mußte gesetzt werden. Der König tat dieses sehr insgeheim, und niemand hatte den Floh bis jetzt gesehen. Bald war auch die Flasche nicht mehr groß genug, und der König setzte ihn in seinen Stiefel, aber nun wurde es dem König unmöglich, ihn länger zu ernähren, denn er wurde selbst ganz krank und mager darüber. Er fing daher an, das Kind Willwischen mit Mehlbrei zu füttern, und gab dem Floh Ochsenblut. Und so wuchs die Prinzessin und der Floh heran, ohne sich persönlich zu kennen; der Floh war schon so groß geworden wie ein Rind, und Willwischen sechzehn Jahre alt, als ein unglücklicher Zufall sie bekannt machte.
Willwischen war ganz erstaunlich neugierig und guckte durch alle Schlüssellöcher. Nun hätte sie längst gern gewußt, was der König nur immer in seiner Schlafkammer verborgen habe; denn nie wollte er sie hineinlassen, und doch hörte sie oft ein gewaltiges Geschnurre und Geklapper drin, als wenn ein Geißbock darin herumspringe. Die Neugier ließ sie nun gar nicht mehr ruhn, und so lauschte sie einstens in der Nacht an der Türe des Königs, der folgendes Gespräch mit dem Floh hielt, von dem sie aber nicht wußte, daß es ein Floh war. Der König sprach: »Sag mir einmal, du Bengel, was soll ich nur mit dir anfangen? Du wächst mir über den Kopf und machst mir die Stube fast zu enge.« Da antwortete der Floh: »Bester König, ich kann es auch gar nicht mehr vor Langerweile hier aushalten; und dächte, du gäbst mir eine hübsche Livree und machtest mich zum Edelknaben bei meiner Schwester Willwischen.« »Schwester? Wie meinst du das? Unterstehst du dich, die Prinzessin deine Schwester zu nennen?« sagte der König, und der Floh sprach hierauf: »Bin ich etwa nicht von königlichem Geblüt?« »Gewissermaßen wohl,« erwiderte der König, »aber ich verbitte mir, davon zu sprechen.« »Was braucht es viele Worte?« sagte der Floh. »Ich verlange standesmäßigen Unterhalt; ich mag nicht länger unter Euerm Bett neben alten Pantoffeln schlafen, es liegt ein juchtenledernes Felleisen da unter, dessen Geruch mir schrecklich zuwider ist; ich sage dir, König, läßt du mich nicht zu Willwischen, so steche ich mich selbst tot.« »Gut,« sagte der König, »es soll geschehen. Jetzt schlafe wohl, mein Herr von Hüpfenstich!« »Ich danke für den Titel, Herr König Haltewort! Schlafet wohl!« sprach der Floh.
Nun ward es still in des Königs Kammer, und Willwischen legte sich zu Bett, aber schlafen konnte sie nicht; die Neugier, wer ihr Bruder gewissermaßen sei, wer ihr Edelknabe werden wolle, ließ sie nicht ruhen.
Am andern Morgen ward der Hofschneider zum König gerufen. Als er herauskam, rief ihm die Prinzessin: »Heda, Herr Höllenfleckel, was hat der König bestellt?« Der Schneider sagte: »Einen vollständigen Anzug für Herrn von Hüpfenstich, Ihre königliche Hoheit.« »Wer ist Herr von Hüpfenstich?« sagte die Prinzessin. »Ach, ein sehr munterer Herr,« sagte der Schneider, »ich habe ihm über Tisch und Brett nachspringen müssen, als ich ihm das Maß nahm; aber die Arbeit pressiert. Untertänigster Diener!« und so lief er fort. Nun kam der Schuster aus des Königs Zimmer. »Heda, Herr Schlappenpich,«, rief Willwischen, »was hat der König bestellt?« – »Tanzschuhe und Samtstiefel für den Herrn von Hüpfenstich«, sagte er. »Wer ist das?« sagte sie. »Ei ein Herr von ungemeiner Leichtfüßigkeit, ich mußte ihm über Tisch und Bänke nachsetzen, ihm das Maß nehmen; aber die Arbeit pressiert. Gehorsamer Diener!« sagte der Schuster. Nun kam der Perückenmacher heraus, und mit dem ging es ebenso.
Endlich kam der König auch heraus und fand Willwischen ganz betrübt in der Ecke des Saales sitzen. »Was fehlt dir, mein Kind Willwischen?« sagte er. »Ei, ich habe einen kuriosen Traum gehabt«, sagte sie, »und den mußt du mir erfüllen, Vater, sonst werde ich krank.« »Wenn’s möglich ist, so soll es geschehen,« sagte der König, und Willwischen sagte nun, sie habe geträumt, daß sie einen sehr schönen und flinken Edelknaben gehabt, und der habe ihr unendliche Freude gemacht mit seiner großen Leichtigkeit und Geschicklichkeit, aber sie habe gar nicht erfahren können, wo er her sei, und nun solle ihr der König sagen, wo der Edelknabe her sei. Der König sprach: »Einen Edelknaben, der leicht und geschickt ist, sollst du haben; wo er aber her ist, muß er dir selbst sagen, ich weiß es nicht. Morgen soll er dir beim Frühstück zuerst aufwarten.«
Die Prinzessin mußte sich gedulden. Als der Schneider am andern Morgen die braunsamtene Uniform mit goldnen Tressen brachte, betrachtete sie Willwischen sehr neugierig, so auch die roten Saffianstiefel, die der Schuster brachte, und die schöne braune Perücke und alles, was in des Königs Stube getragen wurde.
Endlich ging die Tür auf, der König trat heraus, und neben ihm stand ein sehr kurioser Kerl, der große Floh, Herr von Hüpfenstich, in einem braunsamtenen Husarenhabit, mit roten Stiefeln, einer schwarzen Bärenmütze und einer großen Allongeperücke; er hatte eine Tasse Schokolade auf einem goldnen Präsentierteller in der Hand und schien sich eine entsetzliche Gewalt anzutun und sich gewaltig zurückzuhalten. Er war so auf dem Sprung wie ein gespannter Hahn an einer Flinte, wenn der Finger des Schützen am Drücker liegt; er stand da wie ein Aderlaßschnepper über der Ader. Die Prinzessin saß am andern Ende des Saales und stand auf, dem König guten Morgen zu sagen. Dieser blieb aber in der Entfernung stehen und sprach: »Willwischen, hier bringt dir der Herr von Hüpfenstich, dein neuer Edelknabe, eine Tasse Schokolade; und hoffe, er wird seine Sache gut machen und dir gefallen.«
Willwischen verneigte sich und streckte die Augen vor Neugier wie eine Schnecke heraus. »Ihro Majestät haben zu befehlen«, sprach sie. Da sagte der König zu dem braunen Husaren: »Nun, Hüpfenstich, lasse Er sehen, wie Er eine Prinzessin zu bedienen weiß!« Kaum hatte der König diese Worte halb ausgesprochen, als der Hüpfenstich mit seiner Schokolade einen Bogensprung durch den langen Saal machte und vor der Prinzessin mit seinem Präsentierteller auf den Knien lag. Die Prinzessin war so darüber erschrocken, daß sie mit einem Schrei in Ohnmacht fiel. Herr von Hüpfenstich wußte aber so, was er zu tun hatte, daß der König kaum am andern Ende des Saales angekommen war, um ihm ein paar Ohrfeigen zu geben, als er die Prinzessin auch schon durch einen Aderlaß am Arm wieder zu sich zu bringen suchte. Der König geriet über diese Aufmerksamkeit in das größte Vergnügen, und als Willwischen die Augen aufschlug, drehte Herr von Hüpfenstich bereits den Quirl in der Schokoladenkanne so geschwind, daß sie die Schaumschokolade mit großem Appetit genoß und sich bald erholte.
Alles dieses ging so geschwind und plötzlich, daß einem Hören und Sehen verging; aber der König ernannte ihn sogleich zum Geheimen Geschwindigkeitsrat und gab ihm den schnellen Katharinenorden. Zugleich ließ er ihm die Stiefel so schwer mit Gold beschlagen, daß er nicht mehr so entsetzlich springen konnte, und so ging es eine Zeitlang recht gut.
Willwischen konnte ohne Hüpfenstich nicht mehr leben; allen Hofdamen mußte er zur Ader lassen, alle schnellen Geschäfte mußte er ausführen. Besonder schön wußte er hinten auf den Wagen zu springen, und auf der Hasenhetze war er allen Hunden voraus. Kurz, er war so angenehm, daß alles die Finger nach ihm leckte. Es ist nicht zu wundern, daß er durch diese großen Begünstigungen endlich sehr frech und sehr hoffärtig ward, viele ehrliche Leute quälte und plackte und alle die, welche sich zurückgesetzt sahen, nur auf eine Gelegenheit harrten, ihn aus der Gnade des Königs und womöglich ins höchste Verderben zu bringen.
Als ihm der König einstens mit Übergehung vieler verdienter Offiziere ein Husarenregiment gab, wurde der Unwille auf das höchste gereizt, und die zurückgesetzten Offiziere machten eine förmliche Verschwörung gegen ihn. Einer unter ihnen, der Rittmeister Zwickelwichs, nahm das Geschäft auf sich, den Hüpfenstich ins Unglück zu stürzen. Er schmeichelte sich bei ihm ein und wurde endlich sein vertrauter Freund und lobte alle seine Eigenschaften so, daß Hüpfenstich vor Hoffart fast zum Narren ward; endlich setzte er ihm in den Kopf, er solle bei dem König die Prinzessin Willwischen zur Gemahlin begehren. Der Prinzessin aber ließ er durch ihre Kammerfrauen die größte Neugier erregen, wer Hüpfenstich doch wohl eigentlich sei.
Hüpfenstich ward der Kopf bald so verdreht, daß er einstens den König nach der Parade beiseitezog und ihm sagte: »Ihro Majestät sind von meinen Verdiensten so überzeugt, daß Sie mich nicht abschlagen werden, der Gemahl Ihrer Tochter Willwischen zu werden.« Der König sprach hierauf zu ihm sehr erzürnt: »Hopp, hopp! Herr von Hüpfenstich, weiß Er, wer Er ist? Wenn Er es nicht weiß, will ich es Ihn lehren,« und somit drehte er ihm den Rücken. Hüpfenstich schüttelte es durch Mark und Bein, als er dies gehört hatte; es war ihm nur einmal so gewesen in seinem Leben, nämlich als ihn der König, da er ihn noch als gemeinen Floh zum erstenmal in den Arm stach, zwischen den Fingern rieb. Finster und ahndungsvoll führte er sein Regiment unter Willwischens Fenster vorbei, aber er ließ nicht ihr Lieblingsstückchen blasen, er ließ seine Pferdchen nicht tanzen. Die Prinzessin konnte gar nicht begreifen, warum er diese gewöhnliche Artigkeit unterlassen habe. »Ach,« dachte sie, »er muß wohl etwas sehr Vornehmes sein, daß er so stolz gegen mich tut; oh, wenn ich nur wüßte, wer er eigentlich ist!«

Sonntagsmärchen

Johann Wilhelm Wolf
Deutsche Hausmärchen, 1858
Der Vogel Phönix

Es war einmal ein König und der war krank und alle Aerzte kamen darin überein, daß er nicht zu retten sei, als wenn er den Vogel Phönix singen hörte. Der König hatte aber drei Söhne, die rief er vor sich und sprach zu ihnen: ‚Wer von euch mir den Vogel Phönix bringt, dem schenke ich das ganze Königreich.‘ Da zogen sie alle drei aus und blieben zusammen, bis sie an einen Baum kamen, der an einem Kreuzwege stand. In den Baum schnitten sie alle drei ihre Namen hinein und verabredeten sich, wer zuerst zurückkehre, der solle an dem Baum warten, bis die andern kämen und sie alle zusammen zu ihrem Vater heim ziehen könnten. Dann ging jeder seines Wegs.
Als der erste ein Stück gegangen war, begegnete ihm ein Bär, der frug ihn: ‚Wohin geht die Reise?‘ – ‚Was geht das dich an, sprach der Prinz und zog seines Wegs weiter, aber der Bär brummte und ließ ihn gehn.
Der zweite war noch nicht weit, als ihm derselbe Bär begegnete und ihn frug: ‚Wohin geht die Reise ?‘ – ‚Kümmere dich um dich,‘ sagte der Prinz, ließ den Bären stehn und ging seines Wegs weiter. Der Bär brummte etwas in den Bart und ließ ihn laufen.
Dem dritten, welcher der Jüngste war, begegnete der Bär ebenfalls und frug auch ihn: ‚Wohin geht die Reise?‘ Da antwortete der Jüngling: ‚Mein Vater ist krank und kann nicht gesund werden, wenn er nicht den Vogel Phönix singen hört. Ich bin mit meinen Brüdern ausgezogen, ihn zu holen.‘ ‚Laß die andern gehn,‘ sprach der Bär, ‚und verlaß dich auf mich und setze dich auf meinen Rücken.‘ Das that er und der Bär fing an zu laufen, daß dem Jüngling fast Hören und Sehen verging; so lief er zwölf ganzer Stunden und kam gegen die Mitte der Nacht in einer schönen Stadt an. Da blieb der Bär stehn und sprach: ‚In dieser Stadt wohnt der König, der den Vogel Phönix hat. Geh nun in das Schloß hinein, such dir einen Dienst und sieh, daß du in das Vogelhaus dringest; da steht der Vogel Phönix in einem hölzernen Käfig und darin mußt du ihn wegtragen. Setze ihn nur ja nicht in einen andern, sonst bekommt es dir schlecht.‘ Der Prinz that, wie der Bär gesagt hatte. Er suchte sich am folgenden Morgen Dienst im Schloß und das Glück wollte ihm wohl und er wurde zum untersten Käfigputzer in dem Vogelhaus ernannt. Weil er aber seinen Dienst sehr gut versah, so rückte er schnell vorwärts und bekam immer höhere Stellen, bis er endlich nach dem Tode des obersten Vogelraths zum ersten Vogelrath ernannt wurde. Da dachte er, es sei nun Zeit, den Vogel Phönix zu rauben und als der König einmal auf der Jagd war, da ging er in das Vogelhaus, um sein Vorhaben auszuführen. Als er aber den schönen Vogel schon in der Hand hatte, da meinte er, der hölzerne Bauer sei doch zu schlecht, ein so kostbares Thier müsse auch in einem kostbaren Käfig wohnen und er nahm einen der prächtigsten goldnen Käfige, setzte den Vogel hinein und floh mit ihm. Kaum war er aber vor dem Thor, als der Vogel Phönix anfing, aus Leibeskräften zu schreien, als sei ihm einer mit einem Messer am Halse. Da liefen die Schloßdiener alle zusammen – der Prinz Ferdinand wurde gefaßt und in’s Gefängnis geworfen. Da hatte er Zeit, über seinen tollen Streich nachzusinnen! Er bereute ihn aus Herzensgrund und rief ein über das anderemal: ‚Ach lieber Bär, hätte ich dir doch gefolgt!‘ Da stand plötzlich der Bär vor ihm und machte ihm Vorwürfe über seinen Ungehorsam. Ferdinand bat ihn, er möge es doch verzeihen und ihm noch einmal helfen, er wolle es ja nicht wieder thun und ihm in allen Stücken folgen. ‚Wir wollen sehn,‘ sprach der Bär. ‚ Wenn du morgen vor den König geführt wirst, dann sage ihm aufrichtig, daß du deinem kranken Vater den Vogel Phönix hättest bringen wollen und wenn er dir ihn gebe, dann würdest du ihm die Schönste unter der Sonne holen.‘ Das that Ferdinand, der König war’s zufrieden und der Prinz wurde losgelassen.
Als er vor das Thor des Schlosses kam, stand der Bär schon da, Ferdinand setzte sich auf seinen Rücken und fort ging’s, wie der Sturmwind so schnell und wieder zwölf Stunden lang ohne Aufhören weiter. Da standen sie vor einer andern Stadt, die war noch größer und schöner als die erste. Es war aber halbe Nacht, als sie ankamen. Da stieg Ferdinand von des Bären Rücken und der sprach: ‚In dieser Stadt wohnt ein König, der hat drei Töchter und die Jüngste davon ist die Schönste unter der Sonne. Suche nun in das Zimmer zu dringen, wo die Prinzessinnen schlafen; du erkennst die rechte daran, daß sie die schlechtesten Kleider an hat. In diesen Kleidern sollst du sie forttragen, aber ja ihr keine schönen anziehn, denn sonst ist es um dich geschehn.‘ Der Prinz ging in das Schloß, verdingte sich als Knecht und stieg von Stelle zu Stelle, bis er Kammerherr der Prinzessinnen wurde. Da dachte er, jetzt sei es Zeit, die Schönste unter der Sonne zu rauben, drang Nachts in ihr Zimmer, nahm sie auf seinen Arm und wollte mit ihr weggehen. Da fiel das Licht der Nachtlampe auf ihr holdseliges Gesicht und es that dem Prinzen leid, daß das schöne Mädchen so schlecht angezogen sei. Er ging hin und nahm sich prächtige goldne und silberne Kleider, die in Menge an der Wand hingen, zog die der Prinzessin an und wollte fliehn. Indem erwachte aber die Schönste unter der Sonne, und als sie sich in den Armen des Kammerherrn fand, schrie sie laut auf. Alsbald kamen ihre Schwestern und der König und die Königin, die in dem Zimmer daneben schliefen – der Prinz wurde wieder gefangen und in einen tiefen Thurm geworfen. Nun wo das Kind ertrunken war, hätte er gerne den Brunnen zugedeckt, aber das war zu spät. ‚Ach lieber Bär!‘ rief er, ‚wer dir doch gefolgt hätte!‘ – ‚Ja, das sagst du schon wieder und du folgst doch nie!‘ rief der Bär, der im selben Augenblicke vor ihm stand. ‚Jetzt helf ich dir noch einmal und dann ist’s am Ende. Wenn du morgen vor den König kommst, dann erzähle ihm Alles aufrichtig und sage ihm, wenn er dir die Schönste unter der Sonne gäbe, dann wolltest du ihm das schnellste Pferd verschaffen.‘ Der Prinz that, wie gesagt, und der König sprach, das solle ein Wort sein und gab ihn frei. Vor dem Thor des Schlosses stand der Bär schon wieder und der Prinz setzte sich auf seinen Rücken und fort ging’s, schneller als eine Kugel fliegen kann.
Als sie zwölf Stunden älter waren, standen sie gegen Mitternacht vor einer Stadt, die war zweimal so groß als die vorige. Da sprach der Bär: ‚ Geh in die Stadt und in das Schloß, da wohnt der König, der das schnellste Pferd hat, das steht im Stall bei den andern und du kannst es daran erkennen, daß es einen hölzernen Sattel auf dem Rücken hat, da die andern goldene und silberne Sättel haben. Laß ihm aber den hölzernen Sattel auf und mache keine dummen Streiche mit den andern schönen Sätteln, sonst wirst du sehn, was es gibt und dann helf ich dir nicht mehr.‘ Ferdinand versprach Alles, was der Bär haben wollte, ging in die Stadt und suchte am folgenden Morgen Dienst bei dem König. Der hatte aber gerade einen Stalljungen nöthig und der Prinz ließ sich den Dienst schon gefallen. Er war auch so fleißig und fegte den Stall so schön rein, daß ihn der König bald darauf zum Stallmeister machte und da war er weit genug. Eines Abends, wo der König gerade ein großes Gastmahl hielt, ging er in den Stall und band das schnellste Pferd los. Als er aber den hölzernen Sattel auf dem schönen Thiere sah, dachte er wieder, das sei doch Jammer und Schande, der König habe noch goldene Sättel genug und zudem könne das Pferd ja nicht sprechen; und er band den hölzernen Sattel ab und schnallte einen goldnen auf. Kaum war er aber mit dem Pferde vor der Thür, da machte es mannshohe Sprünge und schrie: ‚Diebe! Diebe! Der Stallmeister will mich stehlen!‘ Und da lief gleich das ganze Schloß zusammen – der Prinz wurde gepackt und in den Thurm gesperrt. Das hatte er nun davon. Er fing aber sein altes Spiel wieder an und weinte und rief: ‚Ach lieber Bär, hätte ich doch gefolgt!‘ aber der Bär hatte sich Baumwolle in die Ohren gestopft und wollte nichts hören. AIs Ferdinand nun die ganze Nacht und den ganzen Tag hindurch lamentirt hatte, da stand der Bär wieder vor ihm und sagte unwirsch: ‚Habe ich dir’s nicht gesagt? Aber wer nicht hören will, der muß fühlen, und wem nicht zu rathen ist, dem ist nicht zu helfen; morgen kannst du Hochzeit halten mit des Seilers Tochter!‘ Da fiel Ferdinand dem Bären um den Hals und sprach: ‚Ach du goldiger Bär, ich bitte dich, ‚ sei mir wieder gut und verzeih mir nur dießmal noch, ich will ja gern Alles thun, was du haben willst.‘ ‚Das plaudere du den Gänsen vor, aber mir nicht,‘ sprach der Bär und wollte gehn, aber der Prinz weinte so jämmerlich, daß es der gute Bär nicht übers Herz bringen konnte und sagte: ‚Nun, ich will’s denn noch einmal versuchen, aber ich sage dir, es ist das allerletztemal. Wenn du vor Gericht kommst, dann sage dem König, wenn er dir das schnellste Pferd gebe, dann wolltest du ihm den kostbarsten Stein bringen.‘ Da ward Ferdinand wieder froh und dankte dem guten Bären aus Herzensgrund. Als er am folgenden Tag vor Gericht kam, that er, wie der Bär ihn geheißen und es ging gut, denn der König hätte schon lange gern den kostbarsten Stein gehabt und ließ ihn darum gerne los. Vorm Schloß aber erwartete der Bär ihn, der Prinz setzte sich auf seinen Rücken und weg war er.
Nachdem sie sich zwölf Stunden lang Bewegung gemacht hatten, hielt der Bär vor einem hohen Berge an und sprach: ‚Der Berg wird sich gleich öffnen und eine Stunde lang offen bleiben. Geh dann hinein und habe keine Furcht, wie viel Löwen und Tiger auch auf dich zustürzen mögen, denn sie können dir nichts anhaben. Am Ende der Höhle, in die du kommst, findest du den kostbarsten Stein auf einem kleinen hölzernen Stühlchen ; nimm ihn schnell, komme gleich wieder und halte dich nur ja nicht bei den Haufen anderer Edelsteine auf, denn sonst ist es um dich geschehen und ich kann dir nicht mehr helfen, wenn du auch nur eine halbe Minute länger, als eine Stunde ausbleibst.‘ Ferdinand gelobte, dem Bären in allen Stücken zu folgen, einige Augenblicke später aber öffnete sich die Höhle und er ging hinein. Da kam zuerst ein Löwe auf ihn zugestürzt, aber er ließ sich das nicht anfechten und der Löwe lief an ihm vorbei. Dann kamen Tiger, Wölfe, Bären und allerlei Ungeheuer, aber er ging seines Wegs weiter bis an das hölzerne Stühlchen, da nahm er den kostbarsten Stein und steckte ihn schnell in die Tasche. Jetzt wollte er eilends wieder zurück, aber da lagen überall auf seinem Wege so viele Edelsteine, daß er der Versuchung nicht widerstehn konnte und sich immer wieder bückte und alle Taschen vollstopfte. So war er bis fast an den Eingang der Höhle gekommen und da lag noch ein großer Haufen der schönsten Edelsteine. Als er sich aber hinzu bückte, bekam er von unsichtbarer Hand eine so gewaltige Ohrfeige, daß er bis fünfzig Schritt vor die Höhle flog und ohnmächtig liegen blieb. Als er erwachte, saß der Bär neben ihm und sprach: ‚Nun bedanke dich bei mir für die Ohrfeige, denn wenn ich dir die nicht gegeben hätte, dann säßest du in der Höhle, die sich noch in derselben Minute geschlossen hat. Theile nun die Edelsteine und gib dem König den kostbarsten und von jeder Sorte die Hälfte, dann bekommst du das schnellste Pferd.
Das that der Prinz und der Bär trug ihn zurück bis an das Schloß. Da ging Ferdinand hinein und gab dem Könige die Edelsteine, der König übergab ihm dafür das Pferd und der Prinz flog darauf wie ein Pfeil durch die Luft und zu dem König, unter dessen Töchtern die Schönste unter der Sonne war. Als er vor dem Königsschloß ankam, ließ er sein Pferd draußen stehn, trat hinein und sprach: ‚Herr König, ich habe das schnellste Pferd mitgebracht; kommt mit euren Töchtern heraus und seht es; ich will euch eine Probe von seiner Schnelligkeit geben.‘ Da freute sich der König und kam mit seiner ganzen Familie heraus, aber die Töchter standen zu seiner Seite auf dem Schloßhof. Ferdinand sprang auf das schnellste Pferd und ritt mit ihm an dem König vorbei und zu den Prinzessinnen, die es streichelten und liebkosten. Als aber die Schönste unter der Sonne das auch thun wollte und ganz nahe bei dem Pferde stand, da faßte Ferdinand sie schnell, hob sie zu sich auf das Roß – fort waren sie und der König hatte das Nachsehn. Anfangs sträubte sich die Prinzessin gegen Ferdinand, als er ihr aber sagte, wie lieb er sie habe, gab sie sich zufrieden und sagte, sie wollte keinen andern Mann, als ihn.

So kamen sie zu dem König, der den Vogel Phönix hatte und waren schon miteinander eins, wie sie es machen wollten, um zusammen zu bleiben. Sie ritten vor des Königs Schloß und als der sie kaum sah, eilte er gleich heraus und begrüßte sie freundlich. Da übergab ihm Ferdinand die Schönste unter der Sonne und bekam den Vogel Phönix dafür. Kaum hatte er ihn aber, da sprang die Schönste unter der Sonne herauf zu ihm auf das schnellste Pferd; er aber sprach: ‚Wohl bekomm’s Herr König!‘ und weg waren sie.

Als sie ein Stück Wegs weiter waren, begegnete ihnen der Bär und der sprach: ‚Das hättest du gut gemacht, aber eile dich, daß du nach Hause kommst und halte dich unterwegs nicht auf, es mag kommen, was will, sonst bist du verloren.‘ Ferdinand versprach’s, bedankte sich bei dem Bären und ritt weiter in Lust und Vergnügen; er hatte ja auch Alles, was er nur wünschen konnte: die Schönste unter der Sonne, Edelsteine von unermeßlichem Werth, das schnellste Pferd und den Vogel Phönix, wodurch er das ganze Königreich seines Vaters erhielt.

So gelangte er an den Baum und sah an den Namen, daß noch keiner seiner Brüder zurückgekehrt sei. Weil es aber ein so sehr heißer Tag war, übermannte ihn die Müdigkeit und er wollte sich schlafen legen. ‚Thu das nicht,‘ sprach die Schönste unter der Sonne. ‚Du weißt ja, was der Bär gesagt hat!‘ ‚Ei, was kann das ausmachen, ob ich ein wenig schlafe, oder nicht,‘ sagte er, und legte sich hin.
Als er aber so da lag, kamen seine Brüder zurück, die hatten gar nichts mit zurückgebracht und waren bettelarm. Als sie ihn sahen und den Vogel Phönix bei ihm und das schöne Pferd und die Schönste unter der Sonne neben ihm, da fraß der Neid in ihr Herz und sie nahmen ihm Alles und banden ihn und warfen ihn in eine Löwengrube; dann theilten sie die Dinge unter sich und zogen heim und brachten ihrem Vater den Vogel Phönix.
Unterdessen lag Ferdinand in der Löwengrube und wußte jetzt, was das Schlafengehen auf sich hatte. Keine Rippe war ihm mehr ganz am Leibe. ‚Ach, lieber Bär, hätte ich dir nur dießmal noch gefolgt!‘ rief er, und da stand der Bär im selben Augenblick oben an der Löwengrube und sprach heimlich mit den heimkehrenden Löwen, sie sollten dem Prinzen nichts thun. Dann rief er hinab: ‚Nun, was hab ich dir gesagt? Jetzt bist du Löwenfutter. Gesegnete Mahlzeit, ihr Herren Löwen!‘ Da wurde es Ferdinand kalt und heiß und er rief: ‚Ach, liebster, bester Bär, ich war ja so müd! Ach verzeih mir’s noch einmal! Du hast ja ein so gutes Herz! Ach denk nur, die Schönste unter der Sonne stirbt vor Leidwesen und du wirst doch nicht dulden können, daß ein so großes Unrecht geschehe und meine Brüder triumphiren!‘ ‚Ach was, das ist gerechte Strafe,‘ sagte der Bär und that, als ob er fortgehn wollte, aber er that es doch nicht, und als Ferdinand wieder recht bat, ließ er sich erweichen, brachte ihm Speise und Trank und verpflegte ihn, so daß er in Zeit von vier Wochen wieder gesund wurde. Dann setzte sich Ferdinand auf seinen Rücken und der Bär eilte fort mit ihm bis an das Schloß, wo Ferdinands Vater wohnte. Da setzte er ihn ab und sprach: ‚Nun geh hinein und sieh, wie du fertig wirst; ich rathe dir nicht mehr.‘ Da ging Ferdinand hinein und frug, ob kein Dienst frei sei? ‚Doch wohl,‘ sagte der Schloßmeister; ‚ich habe gestern meinen Stallknecht fortgeschickt und dessen Stelle kannst du haben.‘ ‚Gut,‘ sprach Ferdinand, und ging mit ihm in den Stall und da stand das schnellste Pferd und ließ den Kopf hängen und war ganz mager und hager, denn es hatte noch gar nichts fressen wollen. Als Ferdinand es sah, ging er zu ihm, streichelte es und sprach mit ihm. Aber kaum hörte das Thier seine Stimme, als es lustig sprang und fraß und ganz munter wurde. Das wunderte den Schloßmeister und er ging zum König, der noch immer krank war, und erzählte es ihm. ‚Den Menschen muß ich sehn!‘ sprach der König. Da führte der Schloßmeister den Prinzen zu ihm. Der König erkannte ihn nicht, weil Ferdinand so sehr bleich und abgezehrt aussah; aber er sprach zu ihm: ‚Da du das Pferd so schnell geheilt hast, kannst du auch den Vogel Phönix heilen, der dort im Bauer sitzt und nicht singen will, und die Schönste unter der Sonne, die am Fenster sitzt und nicht sprechen will. Wenn du das fertig bringst, dann bekommst du tausend Gulden.‘ Da ging Ferdinand zu dem Vogel Phönix und sagte: ‚Hänschen, sing mir ein Stückchen!‘ Und da fing der Vogel an so wunderschön zu singen, daß der König aus dem Bett sprang und ganz gesund war. Dann ging der Prinz auch zur Schönsten unter der Sonne und sprach: ‚ Erzähle du dem König, wer ich bin und wer du bist.‘ Da fing die Schönste unter der Sonne an und erzählte Alles und als der König hörte, daß der Stallknecht sein jüngster Sohn sei, fiel er ihm um den Hals und da war seiner Freude kein Ende. – ‚Jetzt sage mir auch, was mit deinen Brüdern geschehn soll?‘ sprach der König. ‚Sie sollen aus dem Lande,‘ sprach Ferdinand. Da wurden sie alsbald des Landes verwiesen, aber Ferdinand hielt Hochzeit mit der Schönsten unter der Sonne und bekam das ganze Königreich.
Nach einiger Zeit schenkte ihm seine Frau ein sehr schönes Söhnchen und da fehlte ihm nichts mehr zu seinem Glück. Als er nun eines Tages mit ihr und dem Kinde am Fenster stand, da sahen sie in der Ferne den Bären kommen. Ferdinand hatte darüber große Freude, ging ihm bis in den Schloßhof entgegen und führte ihn herauf und ließ eine köstliche Mahlzeit anrichten. Der Bär aber sprach: ‚ Das Alles mundet mir nicht.‘ ‚ Sag nur, was du haben willst und es wird gleich da sein,‘ sprach Ferdinand. ‚Willst du mir gewiß geben, was ich verlange?‘ frug der Bär, und das wurde ihm fest versprochen. ‚ Gut,‘ sprach der Bär, ‚ dann gib mir dein Kind, aber hau es mit deinem Schwert in zwei Teile, damit ich es besser verschlingen kann.‘ Da meinte Ferdinand und seine Frau, die Erde thäte sich vor ihnen auf; sie fielen dem Bären zu Füßen und baten ihn, doch etwas anderes zu wünschen, aber der Bär blieb bei seinem Begehren. ‚Wenn du nicht anders willst, dann müssen wir wohl,‘ sprach Ferdinand, ‚denn wir sind dir zu viel Dank schuldig,‘ und seine Frau stimmte unter Thränen ein. Da holte er das Kind und legte es auf den Tisch, wandte die Augen ab und hob das Schwert; aber im selben Augenblick fiel dem Bären die Haut ab und er stand als ein schöner Prinz da. ‚Jetzt bin ich erlöst,‘ sprach er, und da hatten sie Alle erst rechte Freude, und um so mehr, je größer ihr Herzeleid gewesen war. Der Prinz blieb noch einige Tage bei ihnen, dann ging er nach Haus, verkaufte sein Königreich, kam bald wieder und baute sich ein großes Schloß neben dem von Ferdinand, und da lebten sie in Frieden und Einigkeit und da kam eine Maus und das Mährlein ist aus.

Johann Wilhelm Wolf (1817-1855)

Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862
Die Schneekönigin

In sieben Geschichten

Erste Geschichte, welche von dem Spiegel und den Scherben handelt

Seht! nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr, als jetzt, denn es war ein böser Kobold! Es war einer der allerärgsten, es war der Teufel! Eines Tages war er recht bei Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht, welcher die Eigenschaft besaß, daß alles Gute und Schöne, was sich darin spiegelte, fast zu nichts zusammenschwand, aber Das, was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, hervortrat und noch ärger wurde. Die herrlichsten Landschaften sahen wie gekochter Spinat darin aus, und die besten Menschen wurden widerlich oder standen auf dem Kopfe ohne Rumpf; die Gesichter wurden so verdreht, daß sie nicht zu erkennen waren, und hatte man einen Sonnenfleck, so konnte man überzeugt sein, daß er sich über Nase und Mund verbreitete. Das sei äußerst belustigend, sagte der Teufel. Fuhr nun ein guter frommer Gedanke durch einen Menschen, dann zeigte sich ein Grinsen im Spiegel, sodaß der Teufel über seine künstliche Erfindung lachen mußte. Alle, welche die Koboldschule besuchten, denn er hielt Koboldschule, erzählten rings umher, daß ein Wunder geschehen sei; nun könnte man erst sehen, meinten sie, wie die Welt und die Menschen wirklich aussähen. Sie liefen mit dem Spiegel umher, und zuletzt gab es kein Land oder keinen Menschen mehr, welcher nicht verdreht darin gewesen wäre. Nun wollten sie auch zum Himmel selbst auffliegen, um sich über die Engel und den lieben Gott lustig zu machen. Je höher sie mit dem Spiegel flogen, um so mehr grinste er; sie konnten ihn kaum festhalten; sie flogen höher und höher, Gott und den Engeln näher; da erzitterte der Spiegel so fürchterlich in seinem Grinsen, daß er ihren Händen entfiel und zur Erde stürzte, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang. Und nun gerade verursachte er weit größeres Unglück, als zuvor; denn einige Stücke waren kaum so groß als ein Sandkorn, und diese flogen rings umher in der weiten Welt, und wo Jemand sie in das Auge bekam, da blieben sie sitzen, und da sahen die Menschen Alles verkehrt oder hatten nur Augen für das Verkehrte bei einer Sache; denn jede kleine Spiegelscherbe hatte dieselben Kräfte behalten, welche der ganze Spiegel besaß. Einige Menschen bekamen sogar eine Spiegelscherbe in das Herz, und dann war es ganz gräulich; das Herz wurde einem Klumpen Eis gleich. Einige Spiegelscherben waren so groß, daß sie zu Fensterscheiben verbraucht wurden; aber durch diese Scheiben taugte es nicht, seine Freunde zu betrachten; andere Stücke kamen in Brillen, und dann ging es schlecht, wenn die Leute diese Brillen aufsetzten, um recht zu sehen und gerecht zu sein; der Böse lachte, daß ihm der Bauch wackelte, und das kitzelte ihn so angenehm. Aber draußen flogen noch kleine Glasscherben in der Luft umher. Nun werden wir’s hören.

Zweite Geschichte. Ein kleiner Knabe und ein kleines Mädchen

Drinnen in der großen Stadt, wo so viele Menschen und Häuser sind, daß dort nicht Platz genug ist, daß alle Leute einen kleinen Garten besitzen können, und wo sich deshalb die Meisten mit Blumen in Blumentöpfen begnügen müssen, waren zwei arme Kinder, die einen etwas größern Garten, als einen Blumentopf, besaßen. Sie waren nicht Bruder und Schwester, aber sie waren sich eben so gut, als wenn sie es gewesen wären. Die Eltern wohnten einander gerade gegenüber in zwei Dachkammern, wo das Dach des einen Nachbarhauses gegen das andere stieß und die Wasserrinne zwischen den Dächern entlang lief; dort war in jedem Hause ein kleines Fenster; man brauchte nur über die Rinne zu schreiten, so konnte man von dem einen Fenster zum andern gelangen.
Die Eltern hatten draußen beiderseits einen großen hölzernen Kasten, und darin wuchsen Küchenkräuter, die sie brauchten, und ein kleiner Rosenstock; es stand einer in jedem Kasten; die wuchsen so herrlich! Nun fiel es den Eltern ein, die Kasten quer über die Rinne zu stellen, sodaß sie fast von dem einen Fenster zum andern reichten und zwei Blumenwällen ganz ähnlich sahen. Erbsenranken hingen über die Kasten herunter und die Rosenstöcke schossen lange Zweige, die sich um die Fenster rankten und einander entgegenbogen; es war fast einer Ehrenpforte von Blättern und Blumen gleich. Da die Kasten sehr hoch waren und die Kinder wußten, daß sie nicht hinaufkriechen durften, so erhielten sie oft die Erlaubniß, zu einander hinaus zu steigen und auf ihren kleinen Schemeln unter den Rosen zu sitzen; da spielten sie dann so prächtig.
Im Winter hatte dies Vergnügen ein Ende. Die Fenster waren oft ganz zugefroren; aber dann wärmten sie Kupferschillinge auf dem Ofen und legten den warmen Schilling gegen die gefrorene Scheibe; dadurch entstand ein schönes Guckloch, so rund, so rund; dahinter blitzte ein lieblich mildes Auge, eines vor jedem Fenster; das war der kleine Knabe und das kleine Mädchen. Er hieß Kay und sie hieß Gerda. Im Sommer konnten sie mit einem Sprunge zu einander gelangen, im Winter mußten sie erst die vielen Treppen hinunter und die Treppen hinauf; draußen stob der Schnee.
„Das sind die weißen Bienen, die schwärmen,“ sagte die alte Großmutter.
„Haben sie auch eine Bienenkönigin?“ fragte der kleine Knabe, denn er wußte, daß unter den wirklichen Bienen eine solche ist.
„Die haben sie!“ sagte die Großmutter. „Sie fliegt dort, wo sie am dichtesten schwärmen! Es ist die größte von Allen, und nie bleibt sie stille auf Erden; sie fliegt wieder in die schwarze Wolke hinauf. Manche Mitternacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt und blickt zu den Fenstern hinein, und dann frieren die so sonderbar und sehen wie Blumen aus.“
„Ja, das habe ich gesehen!“ sagten beide Kinder und wußten nun, daß es wahr sei.
„Kann die Schneekönigin hier hereinkommen?“ fragte das kleine Mädchen.
„Laß sie nur kommen!“ sagte der Knabe; „dann setze ich sie auf den warmen Ofen und sie schmilzt.“
Aber die Großmutter glättete sein Haar und erzählte andere Geschichten.
Am Abend, als der kleine Kay zu Hause und halb entkleidet war, kletterte er auf den Stuhl am Fenster und guckte aus dem kleinen Loche; ein Paar Schneeflocken fielen draußen und eine derselben, die allergrößte, blieb auf dem Rande des einen Blumenkastens liegen; die Schneeflocke wuchs mehr und mehr, und wurde zuletzt ein ganzes Frauenzimmer, in dem feinsten weißen Flor gekleidet, der wie aus Millionen sternartiger Flocken zusammengesetzt war. Sie war so schön und fein, aber von Eis, von blendendem, blinkendem Eise. Doch war sie lebendig; die Augen blitzten, wie zwei klare Sterne; aber es war keine Ruhe oder Rast in ihnen. Sie nickte dem Fenster zu und winkte mit der Hand. Der kleine Knabe erschrak und sprang vom Stuhle herunter; da war es, als ob draußen vor dem Fenster ein großer Vogel vorbeiflöge.
Am nächsten Tage wurde es klarer Frost – und dann kam das Frühjahr; die Sonne schien, das Grün keimte hervor, die Schwalben bauten Nester, die Fenster wurden geöffnet, und die kleinen Kinder saßen wieder in ihrem kleinen Garten hoch oben in der Dachrinne über allen Stockwerken.
Die Rosen blühten diesen Sommer so prachtvoll; das kleine Mädchen hatte einen Psalm gelernt, in welchem auch von Rosen die Rede war; und bei den Rosen dachte sie an ihre eigenen; und sie sang ihn dem kleinen Knaben vor und er sang mit:

„Die Rosen, sie blüh’n und verwehen,
Wir werden das Christkindlein sehen!“

Und die Kleinen hielten einander bei den Händen, küßten die Rosen, blickten in Gottes hellen Sonnenschein hinein und sprachen zu demselben, als ob das Jesuskind da wäre. Was waren das für herrliche Sommertage; wie schön war es draußen bei den frischen Rosenstöcken, welche mit dem Blühen nie aufhören zu wollen schienen!
Kay und Gerda saßen und blickten in das Bilderbuch mit Thieren und Vögeln, da war es – die Uhr schlug gerade fünf auf dem großen Kirchthurme -, daß Kay sagte: „Au! Es stach mir in das Herz, und mir flog etwas in das Auge!“
Das kleine Mädchen fiel ihm um den Hals; er blinzelte mit den Augen; nein, es war gar nichts zu sehen.
„Ich glaube, es ist weg!“ sagte er; aber weg war es nicht. Es war gerade so eins von jenen Glaskörnern, welche vom Spiegel gesprungen waren, dem Zauberspiegel, wir entsinnen uns seiner wohl, dem häßlichen Glase, welches alles Große und Gute, das sich darin abspiegelte, klein und häßlich machte; aber das Böse und Schlechte trat ordentlich hervor, und jeder Fehler an einer Sache war gleich zu bemerken. Der arme Kay hatte auch ein Körnchen gerade in das Herz hinein bekommen. Das wird nun bald wie ein Eisklumpen werden. Nun tat es nicht mehr wehe, aber das Körnchen war da.
„Weshalb weinst Du?“ fragte er. „So siehst Du häßlich aus! Mir fehlt ja nichts! Pfui!“ rief er auf einmal; „die Rose dort hat einen Wurmstich! Und sieh, diese da ist ja ganz schief! Im Grunde sind es häßliche Rosen! Sie gleichen dem Kasten, in welchem sie stehen!“ Und dann stieß er mit dem Fuße gegen den Kasten und riß die beiden Rosen ab.
„Kay, was machst Du?“ rief das kleine Mädchen; und als er ihren Schreck gewahr wurde, riß er noch eine Rose ab und sprang dann in sein Fenster hinein von der kleinen, lieblichen Gerda fort.
Wenn sie später mit dem Bilderbuche kam, sagte er, daß das für Wickelkinder wäre; und erzählte die Großmutter Geschichten, so kam er immer mit einem aber; – konnte er dazu gelangen, dann ging er hinter ihr her, setzte eine Brille auf und sprach eben so, wie sie; das machte er ganz treffend, und die Leute lachten über ihn. Bald konnte er allen Menschen in der ganzen Straße nachsprechen und nachgehen. Alles, was an ihnen eigenthümlich und unschön war, das wußte Kay nachzumachen; und die Leute sagten: „Das ist sicher ein ausgezeichneter Kopf, den der Knabe hat!“ Aber es war das Glas, das ihm in das Auge gekommen war, das Glas, welches ihm in dem Herzen saß, daher kam es auch, daß er selbst die kleine Gerda neckte, die ihm von ganzem Herzen gut war.
Seine Spiele wurden nun ganz anders, als früher; sie waren so verständig. – An einem Wintertage, wo es schneite, kam er mit einem großen Brennglase, hielt seinen blauen Rockzipfel hinaus und ließ die Schneeflocken darauffallen.
„Sieh nun in das Glas, Gerda!“ sagte er; und jede Schneeflocke wurde viel größer und sah aus wie eine prächtige Blume oder ein zehneckiger Stern; es war schön anzusehen. „Siehst Du, wie künstlich!“ sagte Kay. „Das ist weit interessanter, als die wirklichen Blumen! Und es ist kein einziger Fehler daran; sie sind ganz accurat, wenn sie nur nicht schmölzen!“
Bald darauf kam Kay mit großen Handschuhen und seinem Schlitten auf dem Rücken; er rief Gerda in die Ohren: „Ich habe Erlaubniß erhalten, auf den großen Platz zu fahren, wo die andern Knaben spielen!“ und weg war er.
Dort auf dem Platze banden die kecksten Knaben oft ihre Schlitten an die Wagen der Landleute fest, und dann fuhren sie ein gutes Stück Wegs mit. Das ging recht schön. Als sie im besten Spielen waren, kam ein großer Schlitten; der war ganz weiß angestrichen, und darin saß Jemand, in einen rauhen weißen Pelz gehüllt und mit einer rauhen weißen Mütze; der Schlitten fuhr zwei Mal um den Platz herum, und Kay band seinen kleinen Schlitten schnell daran fest, und nun fuhr er mit. Es ging rascher und rascher, gerade hinein in die nächste Straße; der, welcher fuhr, drehte sich um, nickte dem Kay freundlich zu; es war, als ob sie einander kennten; jedesmal, wenn Kay seinen kleinen Schlitten ablösen wollte, nickte der Fahrende wieder, und dann blieb Kay sitzen; sie fuhren zum Stadtthor hinaus. Da begann der Schnee so hernieder zu fallen, daß der kleine Knabe keine Hand vor sich erblicken konnte; aber er fuhr weiter; nun ließ er schnell die Schnur fahren, um von dem großen Schlitten los zu kommen, aber das half nichts, sein kleines Fuhrwerk hing fest, und es ging mit Windeseile vorwärts. Da rief er ganz laut, aber Niemand hörte ihn, und der Schnee stob und der Schlitten flog von dannen; mitunter gab es einen Sprung; es war, als führe er über Graben und Hecken. Der Knabe war ganz erschrocken; er wollte sein Vaterunser beten, aber er konnte sich nur des großen Ein-Mal-Eins entsinnen.
Die Schneeflocken wurden größer und größer; zuletzt sahen sie aus, wie große weiße Hühner; auf einmal sprangen sie zur Seite, der große Schlitten hielt, und die Person, die ihn fuhr, erhob sich; der Pelz und die Mütze waren ganz und gar von Schnee; es war eine Dame, hoch und schlank, glänzend weiß; es war die Schneekönigin.
„Wir sind gut gefahren!“ sagte sie; „aber wer wird frieren! Krieche in meinen Bärenpelz!“ Und sie setzte ihn neben sich in den Schlitten und schlug den Pelz um ihn; es war, als versinke er in einem Schneetreiben.
„Friert Dich noch?“ fragte sie, und dann küßte sie ihn auf die Stirn. O! das war kälter, als Eis; das ging ihm gerade hinein bis ins Herz, welches doch zur Hälfte ein Eisklumpen war; es war, als sollte er sterben; – aber nur einen Augenblick, dann that es ihm recht wohl; er spürte nichts mehr von der Kälte rings umher.
„Meinen Schlitten! Vergiß nicht meinen Schlitten!“ Daran dachte er zuerst, und der wurde an eins der weißen Hühnchen festgebunden, und dieses flog hinterher mit dem Schlitten auf dem Rücken. Die Schneekönigin küßte Kay nochmals, und da hatte er die kleine Gerda, die Großmutter und Alle daheim vergessen.
„Nun bekommst Du keine Küsse mehr!“ sagte sie; „denn sonst küßte ich Dich todt!“
Kay sah sie an; sie war so schön; ein klügeres, lieblicheres Antlitz konnte er sich nicht denken; nun erschien sie ihm nicht von Eis, wie damals, als sie draußen vor dem Fenster saß und ihm winkte; in seinen Augen war sie vollkommen; er fühlte gar keine Furcht. Er erzählte ihr, daß er Kopfrechnen könne, und zwar mit Brüchen; er wisse des Landes Quadratmeilen und die Einwohnerzahl; und sie lächelte immer; da kam es ihm vor, als wäre es doch nicht genug, was er wisse; und er blickte hinauf in den großen Luftraum; und sie flog mit ihm, flog hoch hinauf auf die schwarze Wolke, und der Sturm sauste und brauste; es war, als sänge er alte Lieder. Sie flogen über Wälder und Seen, über Meere und Länder; unter ihnen sauste der kalte Wind, die Wölfe heulten, der Schnee knisterte; über demselben flogen die schwarzen schreienden Krähen dahin; aber hoch oben schien der Mond so groß und klar, und dort betrachtete Kay die lange, lange Winternacht; am Tage schlief er zu den Füßen der Schneekönigin.

Dritte Geschichte. Der Blumengarten bei der Frau, welche zaubern konnte

Aber wie erging es der kleinen Gerda, als Kay nicht zurückkehrte? Wo war er doch geblieben? – Niemand wußte es, Niemand konnte Bescheid geben. Die Knaben erzählten nur, daß sie ihn seinen Schlitten an einen mächtig großen hätten binden sehen, der in die Straße hinein und aus dem Stadtthore gefahren wäre. Niemand wußte, wo er war; viele Thränen flossen; die kleine Gerda weinte so viel und so lange; – dann sagten sie, er sei todt; er wäre im Fluß ertrunken, der nahe bei der Schule vorbeifloß; o das waren recht lange, finstere Wintertage.
Nun kam der Frühling mit wärmerem Sonnenschein.
„Kay ist todt und fort!“ sagte die kleine Gerda.
„Das glaube ich nicht!“ antwortete der Sonnenschein.
„Er ist todt und fort!“ sagte sie zu den Schwalben.
„Das glauben wir nicht!“ erwiderten diese, und am Ende glaubte die kleine Gerda es auch nicht.
„Ich will meine neuen, rothen Schuhe anziehen,“ sagte sie eines Morgens, „die, welche Kay nie gesehen hat, und dann will ich zum Fluß hinuntergehen und den nach ihm fragen!“
Und es war noch ganz früh; sie küßte die alte Großmutter, die noch schlief, zog die rothen Schuhe an und ging ganz allein aus dem Stadtthor nach dem Flusse.
„Ist es wahr, daß Du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast? Ich will Dir meine rothen Schuhe schenken, wenn du mir ihn wiedergeben willst!“
Und es war ihr, als nickten die Wellen so sonderbar; da nahm sie ihre rothen Schuhe, die sie am liebsten hatte, und warf sie alle beide in den Fluß hinein; aber sie fielen dicht an das Ufer, und die kleinen Wellen trugen sie ihr wieder an das Land; es war gerade, als wollte der Fluß das Liebste, was sie hatte, nicht, weil er den kleinen Kay ja nicht hatte; aber sie glaubte nun, daß sie die Schuhe nicht weit genug hinausgeworfen habe; und so kroch sie in ein Boot, welches im Schilfe lag; sie ging ganz an das äußerste Ende desselben und warf die Schuhe von da in das Wasser; aber das Boot war nicht festgebunden, und bei der Bewegung, welche sie verursachte, glitt es vom Lande ab; sie bemerkte es und beeilte sich, herauszukommen; doch ehe sie zurückkam, war das Boot über eine Elle vom Lande, und nun trieb es schneller von dannen.
Da erschrak die kleine Gerda sehr und fing an zu weinen; allein Niemand außer den Sperlingen hörte sie, und die konnten sie nicht an das Land tragen; aber sie flogen längs dem Ufer und sangen, gleichsam um sie zu trösten: „Hier sind wir, hier sind wir!“ Das Boot trieb mit dem Strome; die kleine Gerda saß ganz stille, nur mit Strümpfen an den Füßen; ihre kleinen rothen Schuhe trieben hinter ihr her; aber sie konnten das Boot nicht erreichen; das hatte stärkere Fahrt.
Hübsch war es an beiden Ufern: schöne Blumen; alte Bäume und Abhänge mit Schafen und Kühen; aber nicht ein Mensch war zu erblicken.
„Vielleicht trägt mich der Fluß zu dem kleinen Kay hin,“ dachte Gerda, und da wurde sie heiterer, erhob sich und betrachtete viele Stunden die grünen, schönen Ufer; dann gelangte sie zu einem großen Kirschgarten, in welchem ein kleines Haus mit sonderbaren rothen und blauen Fenstern war; übrigens hatte es ein Strohdach, und draußen waren zwei hölzerne Soldaten, die vor den Vorbeisegelnden das Gewehr schulterten.
Gerda rief nach ihnen; sie glaubte, daß sie lebendig seien; aber sie antworteten natürlich nicht; sie kam ihnen ganz nahe; der Fluß trieb das Boot gerade auf das Land zu.
Gerda rief noch lauter, und da kam eine alte, alte Frau aus dem Hause, die sich auf einen Krückstock stützte; sie hatte einen großen Sonnenhut auf, und der war mit den schönsten Blumen bemalt.
„Du armes, kleines Kind!“ sagte die alte Frau; „wie bist Du doch auf den großen, reißenden Strom gekommen, und weit in die Welt hinausgetrieben!“ Und dann ging die alte Frau ganz in das Wasser hinein, erfaßte mit ihrem Krückstocke das Boot, zog es an das Land und hob die kleine Gerda heraus.
Und Gerda war froh, wieder auf das Trockne zu gelangen, obgleich sie sich vor der fremden alten Frau ein wenig fürchtete.
„Komm doch und erzähle mir, wer Du bist, und wie Du hierher kommst!“ sagte sie.
Und Gerda erzählte ihr Alles; und die Alte schüttelte mit dem Kopfe und sagte: „Hm! Hm!“ Und als ihr Gerda Alles gesagt und gefragt hatte, ob sie nicht den kleinen Kay gesehen habe, sagte die Frau, daß er nicht vorbeigekommen sei; aber er komme wohl noch; sie solle nur nicht betrübt sein, sondern ihre Kirschen kosten und ihre Blumen betrachten; die wären schöner, als irgend ein Bilderbuch; eine jede könne eine Geschichte erzählen. Dann nahm sie Gerda bei der Hand, sie gingen in das kleine Haus hinein, und die alte Frau schloß die Thüre zu.
Die Fenster lagen sehr hoch, und die Scheiben waren roth, blau und gelb; das Tageslicht schien mit allen Farben so sonderbar herein, aber auf dem Tische standen die schönsten Kirschen, und Gerda aß davon, so viel sie wollte, denn das war ihr erlaubt. Während sie aß, kämmte die alte Frau ihr Haar mit einem goldenen Kamme, und das Haar ringelte sich und glänzte so herrlich gelb rings um das kleine, freundliche Antlitz, welches so rund war und wie eine Rose aussah.
„Nach einem so lieben, kleinen Mädchen habe ich mich schon lange gesehnt,“ sagte die Alte. „Nun wirst Du sehen, wie gut wir mit einander leben werden!“ Und so wie sie der kleinen Gerda Haar kämmte, vergaß Gerda mehr und mehr ihren Pflegebruder Kay; denn die alte Frau konnte zaubern; aber eine böse Zauberin war sie nicht; sie zauberte nur ein wenig zu ihrem Vergnügen und wollte gern die kleine Gerda behalten. Deshalb ging sie in den Garten, streckte ihren Krückstock gegen alle Rosensträuche aus, und wie schön sie auch blühten, so sanken sie doch alle in die schwarze Erde hinunter, und man konnte nicht sehen, wo sie gestanden hatten. Die Alte fürchtete, wenn Gerda die Rosen erblickte, möchte sie an ihre eigenen denken, sich dann des kleinen Kay erinnern und davonlaufen.
Nun führte sie Gerda hinaus in den Blumengarten. Was war da für ein Duft und eine Herrlichkeit! Alle nur denkbaren Blumen, und zwar für jede Jahreszeit, standen hier im prächtigsten Flor; kein Bilderbuch konnte bunter und schöner sein. Gerda sprang vor Freuden hochauf und spielte, bis die Sonne hinter den hohen Kirschbäumen unterging; da bekam sie ein schönes Bett mit rothen Seidenkissen, die waren mit bunten Veilchen gestopft; und sie schlief und träumte da so herrlich, wie nur eine Königin an ihrem Hochzeitstage.
Am nächsten Tage konnte sie wieder mit den Blumen im warmen Sonnenschein spielen, und so verflossen viele Tage. Gerda kannte jede Blume; aber wie viel deren auch waren, so war es ihr doch, als ob eine fehlte, allein welche, das wußte sie nicht. Da sitzt sie eines Tages und betrachtet der alten Frau Sonnenhut mit den gemalten Blumen, und gerade die schönste darunter war eine Rose. Die Alte hatte vergessen, diese vom Hut wegzunehmen, als sie die andern in die Erde senkte. Aber so ist es, wenn man die Gedanken nicht immer beisammen hat! „Was! sind hier keine Rosen?“ sagte Gerda und sprang zwischen die Beete, suchte und suchte; ach, da war keine zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte aber ihre Thränen fielen gerade auf eine Stelle, wo ein Rosenstrauch versunken war, und als die warmen Thränen die Erde bewässerten, schoß der Strauch auf einmal empor, so blühend, wie er versunken war, und Gerda umarmte ihn, küßte die Rosen und gedachte der herrlichen Rosen daheim und mit ihnen auch des kleinen Kay.
„O, wie bin ich aufgehalten worden!“ sagte das kleine Mädchen. „Ich wollte ja den kleinen Kay suchen! – Wißt Ihr nicht, wo er ist?“ fragte sie die Rosen. „Glaubt Ihr, er sei todt?“
„Todt ist er nicht,“ antworteten die Rosen. „Wir sind ja in der Erde gewesen; dort sind alle Todten, aber Kay war nicht da.“
„Ich danke Euch!“ sagte die kleine Gerda und ging zu den andern Blumen hin, sah in deren Kelch hinein und fragte: „Wißt Ihr nicht, wo der kleine Kay ist?“
Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihr eigenes Märchen oder Geschichtchen; davon hörte Gerda so viele, viele; aber keine wußte etwas von Kay.
Und was sagte denn die Feuerlilie?
„Hörst Du die Trommel: bum! bum! Es sind nur zwei Töne; immer: bum! bum! Höre der Frauen Trauergesang, höre den Ruf der Priester. – In ihrem langen rothen Mantel steht das Hinduweib auf dem Scheiterhaufen; die Flammen lodern um sie und ihren todten Mann empor; aber das Hinduweib denkt an den Lebenden hier im Kreise, an ihn, dessen Augen heißer denn die Flammen brennen, an ihn, dessen Augenfeuer ihr Herz stärker berührt, als die Flammen, welche bald ihren Körper zu Asche verbrennen. Kann die Flamme des Herzens in der Flamme des Scheiterhaufens ersterben?“
„Das verstehe ich durchaus nicht,“ sagte die kleine Gerda.
„Das ist mein Märchen!“ sagte die Feuerlilie.
Was sagte die Winde?
„Ueber den schmalen Feldweg hinaus hängt eine alte Ritterburg; das dichte Immergrün wächst um die alten rothen Mauern empor, Blatt an Blatt, um den Altan herum, und da steht ein schönes Mädchen; sie beugt sich über das Geländer hinaus und sieht den Weg hinunter. Keine Rose hängt frischer an den Zweigen, als sie; keine Apfelblüthe, wenn der Wind sie dem Baume entführt, schwebt leichter dahin, als sie; wie rauscht das prächtige Seidengewand! „Kommt er noch nicht?““
„Ist es Kay, den Du meinst?“ fragte die kleine Gerda.
„Ich spreche nur von meinem Märchen, meinem Traume,“ erwiderte die Winde.
Was sagte die kleine Schneeblume?
„Zwischen den Bäumen hängt an Seilen das lange Brett; das ist eine Schaukel; zwei niedlich kleine Mädchen – die Kleider sind weiß, wie der Schnee; lange grüne Seidenbänder flattern von den Hüten – sitzen und schaukeln sich; der Bruder, welcher größer ist, als sie, steht in der Schaukel; er hat den Arm um das Seil geschlungen, um sich zu halten, denn in der einen Hand hat er eine kleine Schaale, in der andern eine Tonpfeife; er bläst Seifenblasen; die Schaukel geht, und die Blasen fliegen mit schönen, wechselnden Farben; die letzte hängt noch am Pfeifenstiele und biegt sich im Winde. Die Schaukel geht; der kleine schwarze Hund, leicht wie die Blasen, erhebt sich auf den Hinterfüßen und will mit in die Schaukel; sie fliegt; der Hund fällt, bellt und ist böse; er wird geneckt, die Blasen bersten. – Ein schaukelndes Brett, ein zerspringendes Schaumbild ist mein Gesang!“
„Es ist möglich, daß es hübsch ist, was Du erzählst; aber Du sagst es so traurig und erwähnst den kleinen Kay gar nicht.“
Was sagten die Hyacinthen?
„Es waren drei schöne Schwestern, so durchsichtig und fein; der Einen Kleid war roth, der Andern blau, der Dritten ganz weiß; Hand in Hand tanzten sie beim stillen See im hellen Mondenschein. Es waren keine Elfen, es waren Menschenkinder. Dort duftete es so süß, und die Mädchen verschwanden im Walde; der Duft wurde stärker; drei Särge, darin lagen die schönen Mädchen, glitten von des Waldes Dickicht über den See dahin; die Johanniswürmchen flogen leuchtend rings herum, wie kleine schwebende Lichter. Schlafen die tanzenden Mädchen, oder sind sie todt? – Der Blumenduft sagt, sie sind Leichen; die Abendglocke läutet den Grabgesang!“
„Du machst mich ganz betrübt,“ sagte die kleine Gerda. „Du duftest so stark; ich muß an die todten Mädchen denken! Ach, ist denn der kleine Kay wirklich todt? Die Rosen sind unten in der Erde gewesen, und die sagen: Nein!“
„Kling, Klang!“ läuteten die Hyacinthenglocken. „Wir läuten nicht für den kleinen Kay, wir kennen ihn nicht; wir singen nur unser Lied, das einzige, welches wir können.“
Und Gerda ging zur Butterblume, die aus den glänzenden, grünen Blättern hervorschien.
„Du bist eine kleine helle Sonne!“ sagte Gerda. „Sage mir, ob Du weißt, wo ich meinen Gespielen finden kann?“
Und die Butterblume glänzte so schön und sah wieder auf Gerda. Welches Lied konnte wohl die Butterblume singen? Es handelte auch nicht von Kay.
„In einem kleinen Hofe schien die liebe Gottessonne am ersten Frühlingstage so warm; die Strahlen glitten an des Nachbarhauses weißen Wänden hinab; dicht dabei wuchs die erste gelbe Blume und glänzte golden in den warmen Sonnenstrahlen; die alte Großmutter saß draußen in ihrem Stuhle; die Enkelin, ein armes, schönes Dienstmädchen, kehrte von einem kurzen Besuche heim; sie küßte die Großmutter; es war Gold, Herzensgold in dem gesegneten Kusse. Gold im Munde, Gold im Grunde, Gold in der Morgenstunde! Sieh, das ist meine kleine Geschichte!“ sagte die Butterblume.
„Meine arme alte Großmutter!“ seufzte Gerda. „Ja, sie sehnt sich gewiß nach mir und grämt sich um mich, ebenso wie sie es um den kleinen Kay that. Aber ich komme bald wieder nach Hause und dann bringe ich Kay mit. – Es nützt zu nichts, daß ich die Blumen frage, die wissen nur ihr eigenes Lied; sie geben mir keinen Bescheid!“ Und dann band sie ihr kleines Kleid auf, damit sie rascher laufen könne; aber die Pfingstlilie schlug ihr über das Bein, indem sie darüber hinsprang; da blieb sie stehen, betrachtete die lange gelbe Blume und fragte: „Weißt du vielleicht etwas?“ Und sie bog sich ganz zur Pfingstlilie hinab; und was sagte die?
„Ich kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!“ sagte die Pfingstlilie. „O, o, wie ich rieche! – Oben in dem kleinen Erkerzimmer steht, halb angekleidet, eine kleine Tänzerin; sie steht bald auf einem Beine, bald auf beiden; sie tritt die ganze Welt mit Füßen; sie ist nichts als Augentäuschung. Sie gießt Wasser aus dem Theetopf auf ein Stück Zeug aus, welches sie hält; es ist der Schnürleib; – Reinlichkeit ist eine schöne Sache! Das weiße Kleid hängt am Haken; das ist auch im Theetopf gewaschen und auf dem Dache getrocknet; sie zieht es an und schlägt das safrangelbe Tuch um den Hals; nun scheint das Kleid noch weißer. Das Bein ausgestreckt! Sieh, wie sie auf einem Stiele prangt! Ich kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!“
„Darum kümmere ich mich gar nicht!“ sagte Gerda. „Das brauchst Du mir nicht zu erzählen!“ Und dann lief sie nach dem Ende des Gartens.
Die Thüre war verschlossen, aber sie drückte auf die verrostete Klinke, sodaß diese losging; die Thüre sprang auf und die kleine Gerda lief auf bloßen Füßen in die weite Welt hinaus. Sie blickte dreimal zurück, aber Niemand war da, der sie verfolgte; zuletzt konnte sie nicht mehr laufen und setzte sich auf einen großen Stein; und als sie sich umsah, war es mit dem Sommer vorbei; es war Spätherbst; das konnte man in dem schönen Garten gar nicht bemerken, wo immer Sonnenschein und Blumen aller Jahreszeiten waren.
„Gott, wie habe ich mich verspätet!“ sagte die kleine Gerda. „Es ist ja Herbst geworden! Da darf ich nicht ruhen!“ Und sie erhob sich, um zu gehen.
O, wie waren ihre kleinen Füße so wund und müde! Rings umher sah es kalt und rauh aus; die langen Weidenblätter waren ganz gelb, und der Thau tröpfelte als Wasser herab; ein Blatt fiel nach dem andern ab; nur der Schlehendorn trug noch Früchte, die waren aber herbe und zogen den Mund zusammen. O, wie war es grau und schwer in der weiten Welt!

Vierte Geschichte. Prinz und Prinzessin

Gerda mußte wieder ausruhen; da hüpfte dort auf dem Schnee, der Stelle, wo sie saß, gerade gegenüber, eine große Krähe; die hatte lange gesessen, sie betrachtet und mit dem Kopfe gewackelt; nun sagte sie: „Kra! Kra! – Gu‘ Tag! Gu‘ Tag!“ Besser konnte sie es nicht herausbringen, aber sie meinte es gut mit dem kleinen Mädchen und fragte, wohin sie so allein in die weite Welt hinausginge. Das Wort allein verstand Gerda sehr wohl und fühlte recht, wie viel darin lag; und sie erzählte der Krähe ihr ganzes Leben und Schicksal und fragte, ob sie Kay nicht gesehen habe.
Und die Krähe nickte ganz bedächtig und sagte: „Das könnte sein! Das könnte sein!“
„Wie? Glaubst Du?“ rief das kleine Mädchen und hätte fast die Krähe todtgedrückt: so küßte sie diese.
„Vernünftig, vernünftig!“ sagte die Krähe. „Ich glaube, ich weiß; – ich glaube; es kann sein; der kleine Kay – aber nun hat er Dich sicher über die Prinzessin vergessen!“
„Wohnt er bei einer Prinzessin?“ fragte Gerda.
„Ja, höre!“ sagte die Krähe. „Aber es fällt mir so schwer, Deine Sprache zu reden. Verstehst Du die Krähensprache*), dann will ich besser erzählen.“
„Nein, die habe ich nicht gelernt,“ sagte Gerda; „aber die Großmutter kannte sie, und auch sprechen konnte sie die Sprache. Hätte ich es nur gelernt!“
„Thut gar nichts!“ sagte die Krähe. „Ich werde erzählen, so gut ich kann; aber schlecht wird es gehen;“ und dann erzählte sie, was sie wußte.
„In diesem Königreiche, in welchem wir jetzt sitzen, wohnt eine Prinzessin, die ist so unbändig klug; aber sie hat auch alle Zeitungen, die es in der Welt gibt, gelesen und wieder vergessen, so klug ist sie. Neulich saß sie auf dem Throne, und das ist doch nicht so angenehm, sagt man; da fängt sie an, ein Lied zu singen, und das war gerade dieses: „“Weshalb sollt ich mich nicht verheirathen!““ „“Höre, da ist etwas daran,““ sagte sie, und so wollte sie sich verheirathen; aber sie wollte einen Mann haben, der zu antworten verstand, wenn man mit ihm sprach; einen, der nicht blos dastand und vornehm aussah, denn das ist so langweilig. Nun ließ sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als diese hörten, was sie wollte, wurden sie sehr vergnügt. „“Das mögen wir leiden!““ sagten sie; „“daran dachten wir neulich auch!““ – Du kannst glauben, daß jedes Wort, was ich sage, wahr ist!“ sagte die Krähe. „Ich habe eine zahme Geliebte, die geht frei im Schlosse umher, und die hat mir Alles erzählt!“
Die Geliebte war natürlicherweise auch eine Krähe. Denn eine Krähe sucht die andere, und es bleibt immer eine Krähe.


*) Ein bei den Kindern übliches, durch Hinzufügen von Sylben und Buchstaben an jedes Wort entstehendes Kauderwelsch.
„Die Zeitungen kamen sogleich mit einem Rande von Herzen und der Prinzessin Namenszug heraus; man konnte darin lesen, daß es einem jeden jungen Manne, der gut aussehe, freistehe, auf das Schloß zu kommen und mit der Prinzessin zu sprechen; und Derjenige, welcher rede, daß man hören könne, er sei dort zu Hause, und der am besten spräche, den wolle die Prinzessin zum Manne nehmen.“ – „Ja, ja,“ sprach die Krähe, „Du kannst mir es glauben; es ist so gewiß wahr, als ich hier sitze. Die Leute strömten herzu; es war ein Gedränge und ein Laufen; aber es glückte nicht, weder den ersten, noch den zweiten Tag. Sie konnten Alle gut sprechen, wenn sie draußen auf der Straße waren, aber wenn sie in das Schloßthor traten und die Gardisten in Silber sahen und die Treppe hinauf die Lakaien in Gold und die großen erleuchteten Säle: dann wurden sie verwirrt. Und standen sie gar vor dem Throne, wo die Prinzessin saß; dann wußten sie nichts zu sagen, als das letzte Wort, was die gesprochen hatte; und das noch einmal zu hören, dazu hatte sie keine Lust. Es war gerade, als ob die Leute drinnen Schnupftabak auf den Magen bekommen hätten und in den Schlaf gefallen wären, bis sie wieder auf die Straße kamen, denn dann konnten sie sprechen. Da stand eine Reihe vom Stadtthore an bis zum Schlosse.“ – „Ich war selbst drinnen, um es zu sehen!“ sagte die Krähe. „Sie wurden hungrig und durstig, aber auf dem Schlosse erhielten sie nicht einmal ein Glas laues Wasser. Zwar hatten einige der Klügsten Butterbrod mitgenommen, aber sie theilten nicht mit ihrem Nachbar; sie dachten so: Laß ihn nur hungrig aussehen, dann nimmt die Prinzessin ihn nicht!“
„Aber Kay, der kleine Kay!“ fragte Gerda. „Wann kam der? War er unter der Menge?“
„Warte! warte! Jetzt sind wir gerade bei ihm! Es war am dritten Tage, da kam eine kleine Person, ohne Pferd oder Wagen, ganz fröhlich gerade auf das Schloß zu marschirt; seine Augen glänzten, wie Deine; er hatte schöne lange Haare, aber sonst ärmliche Kleider.“
„Das war Kay!“ jubelte Gerda. „O, dann habe ich ihn gefunden!“ und sie klatschte in die Hände.
„Er hatte ein kleines Ränzel auf dem Rücken!“ sagte die Krähe.
„Nein, das war sicher sein Schlitten!“ sagte Gerda; „denn mit dem Schlitten ging er fort!“
„Das kann wohl sein,“ sagte die Krähe; „ich sah nicht so genau danach! Aber das weiß ich von meiner zahmen Geliebten: als er in das Schloßthor kam und die Leibgardisten in Silber sah und die Treppe hinauf die Lakaien in Gold, daß er nicht im mindesten verlegen wurde; er nickte und sagte zu ihnen: „Das muß langweilig sein, auf der Treppe zu stehen; ich gehe lieber hinein!“ Da glänzten die Säle von Lichtern; Geheimräthe und Excellenzen gingen auf bloßen Füßen und trugen Goldgefäße; man konnte wohl andächtig werden! Seine Stiefeln knarrten so gewaltig laut, aber ihm wurde doch nicht bange.“
„Das ist ganz gewiß Kay!“ sagte Gerda. „Ich weiß, er hatte neue Stiefeln an; ich habe sie in der Großmutter Stube knarren hören!“
„Ja freilich knarrten sie!“ sagte die Krähe. „Und frischen Muthes ging er gerade zur Prinzessin hinein, die auf einer großen Perle saß, welche so groß wie ein Spinnrad war; und alle Hofdamen mit ihren Jungfern und den Jungfern der Jungfern, und alle Cavaliere mit ihren Dienern und den Dienern der Diener, die wieder einen Burschen hielten, standen rings herum aufgestellt; und je näher sie der Thüre standen, desto stolzer sahen sie aus. Des Dieners Dieners Burschen, der immer in Pantoffeln geht, darf man kaum anzusehen wagen, so stolz steht er in der Thüre!“
„Das muß gräulich sein!“ sagte die kleine Gerda. „Und Kay hat doch die Prinzessin erhalten?“
„Wäre ich nicht eine Krähe gewesen, so hätte ich sie genommen, und das ungeachtet ich verlobt bin. Er soll eben so gut gesprochen haben, wie ich spreche, wenn ich die Krähensprache rede: das habe ich von meiner zahmen Geliebten gehört. Er war fröhlich und niedlich; er war gar nicht gekommen zum Freien, sondern nur, um der Prinzessin Klugheit zu hören; und die fand er gut, und sie fand ihn wieder gut.“
„Ja, sicher! das war Kay!“ sagte Gerda. „Er war so klug; er konnte die Kopfrechnung mit Brüchen! – O! willst Du mich nicht auf dem Schlosse einführen?“
„Ja, das ist leicht gesagt!“ antwortete die Krähe. „Aber wie machen wir das? Ich werde es mit meiner zahmen Geliebten besprechen; sie kann uns wohl Rath ertheilen; denn das muß ich Dir sagen: so ein kleines Mädchen, wie Du bist, bekommt nie die Erlaubniß, ganz hinein zu kommen!“
„Ja, die erhalte ich!“ sagte Gerda. „Wenn Kay hört, daß ich da bin, kommt er gleich heraus und holt mich!“
„Erwarte mich dort am Gitter!“ sagte die Krähe, wackelte mit dem Kopfe und flog davon.
Erst als es spät am Abend war, kehrte die Krähe wieder zurück. „Rar! Rar!“ sagte sie. „Ich soll Dich vielmal von ihr grüßen, und hier ist ein kleines Brod für Dich, das nahm sie aus der Küche; dort ist Brod genug, und Du bist sicher hungrig. – Es ist nicht möglich, daß Du in das Schloß hineinkommen kannst: Du bist ja barfuß. Die Gardisten in Silber und die Lackaien in Gold würden es nicht erlauben. Aber weine nicht! Du sollst schon hinaufkommen. Meine Geliebte kennt eine kleine Hintertreppe, die zum Schlafgemach führt, und sie weiß, wo sie den Schlüssel erhalten kann.“
Und sie gingen in den Garten hinein, in die große Allee, wo ein Blatt nach dem andern abfiel; und als auf dem Schlosse die Lichter ausgelöscht wurden, das eine nach dem andern, führte die Krähe die kleine Gerda zu einer Hinterthüre, die nur angelehnt war.

O, wie Gerda’s Herz vor Angst und Sehnsucht pochte! Es war gerade, als ob sie etwas Böses thun wollte; und sie wollte ja doch nur wissen, ob es der kleine Kay sei. Ja, er mußte es sein; sie gedachte so lebendig seiner klugen Augen, seines langen Haares; sie konnte ordentlich sehen, wie er lächelte, wie damals, als sie daheim unter den Rosen saßen. Er würde sicher froh werden, sie zu erblicken; zu hören, welchen langen Weg sie um seinetwillen zurückgelegt; zu wissen, wie betrübt sie Alle daheim gewesen, als er nicht wiedergekommen. O, das war eine Furcht und eine Freude!
Nun waren sie auf der Treppe; da brannte eine kleine Lampe auf einem Schrank; mitten auf dem Fußboden stand die zahme Krähe und wendete den Kopf nach allen Seiten und betrachtete Gerda, die sich verneigte, wie die Großmutter sie gelehrt hatte.
„Mein Verlobter hat mir so viel Gutes von Ihnen gesagt, mein kleines Fräulein,“ sagte die zahme Krähe; „Ihre Vita, wie man es nennt, ist auch sehr rührend. – Wollen Sie die Lampe nehmen, dann werde ich vorangehen. Wir gehen hier den geraden Weg, denn da begegnen wir Niemanden.“
„Es ist mir, als käme Jemand hinter uns,“ sagte Gerda; und es sauste an ihr vorbei; es war, wie Schatten an der Wand: Pferde mit fliegenden Mähnen und dünnen Beinen, Jägerburschen, Herren und Damen zu Pferde.
„Das sind nur Träume, sagte die Krähe; „die kommen und holen der hohen Herrschaft Gedanken zur Jagd ab. Das ist recht gut, dann können Sie sie besser im Bette betrachten. Aber ich hoffe, wenn Sie zu Ehren und Würden gelangen, werden Sie ein dankbares Herz zeigen.“
„Das versteht sich von selbst!“ sagte die Krähe vom Walde.
Nun kamen sie in den ersten Saal; der war von rosenrothem Atlas mit künstlichen Blumen an den Wänden hinauf; hier sausten an ihnen schon die Träume vorbei; aber sie fuhren so schnell, daß Gerda die hohen Herrschaften nicht zu sehen bekam. Ein Saal war immer prächtiger, als der andere; ja, man konnte wohl verdutzt werden! Nun waren sie im Schlafgemach. Hier glich die Decke einer großen Palme mit Blättern von Glas, von kostbarem Glase; und mitten auf dem Fußboden hingen an einem dicken Stengel von Gold zwei Betten, von denen jedes wie eine Lilie aussah; die eine war weiß, in der lag die Prinzessin; die andere war roth, und in dieser sollte Gerda den kleinen Kay suchen. Sie bog eins der rothen Blätter zur Seite, und da sah sie einen braunen Nacken. – O, das war Kay! – Sie rief ganz laut seinen Namen, hielt die Lampe nach ihm hin – die Träume sausten zu Pferde wieder in die Stube herein – er erwachte, drehte den Kopf um und – es war nicht der kleine Kay.
Der Prinz glich ihm nur im Nacken; aber jung und hübsch war er. Und aus dem weißen Lilienblatte blinzelte die Prinzessin hervor und fragte, was da wäre. Da weinte die kleine Gerda und erzählte ihre ganze Geschichte und Alles, was die Krähen für sie gethan hätten.
„Du armes Kind!“ sagten der Prinz und die Prinzessin; und sie belobten die Krähen und sagten, daß sie gar nicht böse auf sie seien; aber sie sollten es doch nicht öfter thun. Uebrigens sollten sie eine Belohnung erhalten.
„Wollt Ihr frei fliegen?“ fragte die Prinzessin. „Oder wollt Ihr feste Anstellung als Hofkrähen haben, mit Allem, was in der Küche abfällt?“
Und beide Krähen verneigten sich und baten um feste Anstellung, denn sie gedachten des Alters und sagten: „Es wäre so schön, etwas für die alten Tage zu haben,“ wie sie es nannten.
Und der Prinz stand aus seinem Bette auf und ließ Gerda darin schlafen, und mehr konnte er nicht thun. Sie faltete ihre kleinen Hände und dachte: „Wie gut sind nicht die Menschen und Thiere!“ Und dann schloß sie ihre Augen und schlief so sanft. Alle Träume kamen wieder hereingeflogen, und da sahen sie wie Gottes Engel aus, und sie zogen einen kleinen Schlitten, auf welchem Kay saß und nickte; aber das Ganze war nur ein Traum, und deshalb war es auch wieder fort, sobald sie wieder erwachte.
Am folgenden Tage wurde sie vom Kopf bis zum Fuß in Seide und Sammet gekleidet; es wurde ihr angeboten, auf dem Schlosse zu bleiben und gute Tage zu genießen; aber sie bat nur um einen kleinen Wagen mit einem Pferde davor und ein Paar kleine Stiefeln; dann wolle sie wieder in die weite Welt hinausfahren und Kay suchen.
Und sie erhielt sowohl Stiefeln, als Muff; sie wurde niedlich gekleidet, und als sie fortwollte, hielt vor der Thüre eine neue Kutsche aus reinem Golde; des Prinzen und der Prinzessin Wappen glänzte an derselben wie ein Stern; Kutscher, Diener und Vorreiter, denn es waren auch Vorreiter da, saßen mit Goldkronen auf dem Kopfe. Der Prinz und die Prinzessin halfen ihr selbst in den Wagen und wünschten ihr alles Glück. Die Waldkrähe, welche nun verheirathet war, begleitete sie die drei ersten Meilen; sie saß ihr zur Seite, denn sie konnte nicht vertragen, rückwärts zu fahren; die andere Krähe stand in der Thüre und schlug mit den Flügeln; sie kam nicht mit, denn sie litt an Kopfschmerzen, seitdem sie eine feste Anstellung und zu viel zu essen erhalten hatte. Inwendig war die Kutsche mit Zuckerbrezeln gefüttert, und im Sitze waren Früchte und Pfeffernüsse.
„Lebe wohl! Lebe wohl!“ riefen der Prinz und die Prinzessin; und die kleine Gerda weinte, und die Krähe weinte. – So ging es die ersten Meilen; da sagte auch die Krähe Lebewohl, und das war der schwerste Abschied; sie flog auf einen Baum und schlug mit ihren schwarzen Flügeln, so lange sie den Wagen, welcher wie der helle Sonnenschein glänzte, erblicken konnte.

Fünfte Geschichte. Das kleine Räubermädchen

Sie fuhren durch den dunkeln Wald, aber die Kutsche leuchtete gleich einer Fackel; das stach den Räubern in die Augen, das konnten sie nicht ertragen.
„Das ist Gold, das ist Gold!“ riefen sie, stürzten hervor, ergriffen die Pferde, schlugen die kleinen Jockeys, den Kutscher und die Diener todt, und zogen dann die kleine Gerda aus dem Wagen.
„Sie ist fett, sie ist niedlich, sie ist mit Nußkernen gefüttert!“ sagte das alte Räuberweib, die einen langen, struppigen Bart und Augenbrauen hatte, die ihr über die Augen herabhingen.
„Das ist so gut, wie ein kleines fettes Lamm; wie soll die schmecken!“ Und dann zog sie ihr blankes Messer heraus, und das glänzte, daß es gräulich war.
„Au!“ sagte das Weib zu gleicher Zeit; sie wurde von ihrer eigenen Tochter, die auf ihrem Rücken hing, so wild und unartig, daß es eine Lust war, in das Ohr gebissen. „Du häßlicher Balg!“ sagte die Mutter, und hatte nicht Zeit, Gerda zu schlachten.
„Sie soll mit mir spielen!“ sagte das kleine Räubermädchen. „Sie soll mir ihren Muff, ihr hübsches Kleid geben, bei mir in meinem Bette schlafen! Und dann biß sie wieder, daß das Räuberweib in die Höhe sprang und sich rings herum drehte. Und alle Räuber lachten und sagten: „Sieh, wie sie mit ihrem Kalbe tanzt!“
„Ich will in den Wagen hinein!“ sagte das kleine Räubermädchen. Und sie wollte und mußte ihren Willen haben, denn sie war so verzogen und so hartnäckig! Sie und Gerda saßen drinnen, und so fuhren sie über Stock und Stein tiefer in den Wald hinein. Das kleine Räubermädchen war so groß, wie Gerda, aber stärker, breitschultriger und von dunkler Haut; die Augen waren ganz schwarz; sie sahen fast traurig aus. Sie faßte die kleine Gerda um den Leib und sagte: „Sie sollen Dich nicht schlachten, so lange ich Dir nicht böse werde. Du bist wohl eine Prinzessin?“
„Nein!“ sagte Gerda und erzählte ihr Alles, was sie erlebt hatte, und wie sehr sie den kleinen Kay lieb hätte.
Das Räubermädchen betrachtete sie ganz ernsthaft, nickte ein wenig mit dem Kopfe und sagte: „Sie sollen Dich nicht schlachten, selbst wenn ich Dir böse werde; dann werde ich es schon selbst thun!“ Und dann trocknete sie Gerda’s Augen und steckte ihre beiden Hände in den schönen Muff, der so weich und warm war.
Nun hielt die Kutsche still; sie waren mitten auf dem Hofe eines Räuberschlosses; dasselbe war von oben bis unten geborsten; Raben und Krähen flogen aus den offenen Löchern, und die großen Bullenbeißer, von denen jeder aussah, als könnte er einen Menschen verschlingen, sprangen hoch empor; aber sie bellten nicht, denn das war verboten.
In dem großen, alten, verräucherten Saale brannte mitten auf dem steinernen Fußboden ein helles Feuer; der Rauch zog unter der Decke hin und mußte sich selbst den Ausweg suchen; ein großer Braukessel mit Suppe kochte, und Hasen, wie Kaninchen wurden an Spießen gebraten.
„Du sollst diese Nacht mit mir bei allen meinen kleinen Thieren schlafen,“ sagte das Räubermädchen. Sie bekamen zu essen und zu trinken und gingen dann nach einer Ecke, wo Stroh und Teppiche lagen. Oben darüber saßen auf Latten und Stäben mehr als hundert Tauben, die alle zu schlafen schienen, sich aber doch ein wenig drehten, als die beiden kleinen Mädchen kamen.
„Die gehören mir alle!“ sagte das kleine Räubermädchen und ergriff rasch eine der nächsten, hielt sie bei den Füßen und schüttelte sie, daß sie mit den Flügeln schlug. „Küsse sie!“ rief sie und schlug sie Gerda ins Gesicht. „Da sitzen die Waldcanaillen,“ fuhr sie fort und zeigte hinter eine Anzahl Stäbe, die vor einem Loche oben in der Mauer eingeschlagen waren. „Das sind Waldcanaillen, die beiden; die fliegen gleich fort, wenn man sie nicht ordentlich verschlossen hält; und hier steht mein alter liebster Bä!“ Und sie zog ein Rennthier am Horne, welches einen blanken kupfernen Ring um den Hals trug und angebunden war. „Den müssen wir auch in der Klemme halten, sonst springt er von uns fort. An jedem Abend kitzle ich ihn mit meinem scharfen Messer am Halse, davor fürchtet er sich so!“ Und das kleine Mädchen zog ein langes Messer aus einer Spalte in der Mauer und ließ es über des Rennthiers Hals hingleiten; das arme Thier schlug mit den Beinen aus, und das kleine Räubermädchen lachte und zog dann Gerda mit in das Bett hinein.
„Willst Du das Messer behalten, wenn Du schläfst?“ fragte Gerda und blickte etwas furchtsam nach demselben hin.
„Ich schlafe immer mit dem Messer!“ sagte das kleine Räubermädchen. „Man weiß nie, was vorfallen kann. Aber erzähle mir nun wieder, was Du mir vorhin von dem kleinen Kay erzähltest, und weshalb Du in die weite Welt hinausgegangen bist.“ Und Gerda erzählte wieder von vorn, und die Waldtauben kurrten oben im Käfig, und die andern Tauben schliefen. Das kleine Räubermädchen legte ihren Arm um Gerda’s Hals, hielt das Messer in der andern Hand und schlief, daß man es hören konnte; aber Gerda konnte ihre Augen durchaus nicht schließen; sie wußte nicht, ob sie leben oder sterben würde. Die Räuber saßen rings um das Feuer, sangen und tranken, und das Räuberweib überkegelte sich. O! es war ganz gräulich für das kleine Mädchen mit anzusehen.
Da sagten die Waldtauben: „Kurre! Kurre! Wir haben den kleinen Kay gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten; er saß im Wagen der Schneekönigin, welcher dicht über den Wald hinfuhr, als wir im Neste lagen; sie blies auf uns Junge, und außer uns beiden starben Alle. Kurre! Kurre!“
„Was sagt Ihr dort oben?“ rief Gerda. „Wohin reiste die Schneekönigin? Wißt Ihr etwas davon?“
„Sie reiste wahrscheinlich nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und Eis! Frage das Rennthier, welches am Stricke angebunden steht!“
„Dort ist Eis und Schnee, dort ist es herrlich und gut!“ sagte das Rennthier. „Dort springt man frei umher in den großen glänzenden Thälern! Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt; aber ihr festes Schloß ist oben, gegen den Nordpol hin, auf der Insel, die Spitzbergen genannt wird!“
„O Kay, kleiner Kay!“ seufzte Gerda.
„Du mußt still liegen!“ sagte das Räubermädchen; „sonst stoße ich Dir das Messer in den Leib!“
Am Morgen erzählte Gerda ihr Alles, was die Waldtauben gesagt hatten, und das kleine Räubermädchen sah ganz ernsthaft aus, nickte aber mit dem Kopfe und sagte: „Das ist einerlei! Das ist einerlei!“ – „Weißt Du, wo Lappland ist?“ fragte sie das Rennthier.
„Wer könnte es wohl besser wissen, als ich?“ sagte das Thier, und die Augen funkelten ihm im Kopfe. „Dort bin ich geboren und erzogen; dort bin ich auf den Schneefeldern herumgesprungen!“
„Höre!“ sagte das Räubermädchen zu Gerda; „Du siehst, alle unsere Mannsleute sind fort; nur die Mutter ist noch hier, und die bleibt; aber gegen Mittag trinkt sie aus der großen Flasche und schlummert hernach ein wenig darauf; – dann werde ich etwas für Dich thun!“ Nun sprang sie aus dem Bette, fuhr der Mutter um den Hals, zog sie am Bart und sagte: „Mein einzig lieber Ziegenbock, guten Morgen!“ Und die Mutter gab ihr Nasenstüber, daß die Nase roth und blau wurde; und das geschah Alles aus lauter Liebe.
Als die Mutter dann aus ihrer Flasche getrunken hatte und darauf einschlief, ging das Räubermädchen zum Rennthier hin und sagte: „Ich könnte große Freude davon haben, Dich noch manches Mal mit dem scharfen Messer zu kitzeln, denn dann bist Du so possierlich; aber es ist einerlei; ich will Deine Schnur lösen und Dir hinaushelfen, damit Du nach Lappland laufen kannst; aber Du mußt tüchtig Beine machen und dieses kleine Mädchen zum Schlosse der Schneekönigin bringen, wo ihr Spielkamerad ist. Du hast wohl gehört, was sie erzählte, denn sie sprach laut genug, und Du horchtest!“
Das Rennthier sprang vor Freuden hochauf. Das Räubermädchen hob die kleine Gerda hinauf und hatte die Vorsicht, sie fest zu binden, ja sogar, ihr ein kleines Kissen zum Sitzen zu geben. „Da hast Du auch Deine Pelzstiefeln,“ sagte sie, „denn es wird kalt; aber den Muff behalte ich, der ist gar zu niedlich! Darum sollst Du aber doch nicht frieren. Hier hast Du meiner Mutter große Fausthandschuhe, die reichen Dir gerade bis zum Ellenbogen hinauf. Krieche hinein! – Nun siehst Du an den Händen gerade aus, wie meine häßliche Mutter!“
Und Gerda weinte vor Freuden.
„Ich kann nicht leiden, daß Du grinsest!“ sagte das kleine Räubermädchen. „Jetzt mußt Du gerade recht froh aussehen! Und da hast Du zwei Brode und einen Schinken: nun wirst Du nicht hungern.“ Beides wurde hinten auf das Rennthier gebunden; das kleine Räubermädchen öffnete die Thüre, lockte alle die großen Hunde herein, durchschnitt dann den Strick mit ihrem scharfen Messer und sagte zum Rennthiere: „Laufe denn! Aber gib recht auf das kleine Mädchen Acht!“
Und Gerda streckte die Hände mit den großen Fausthandschuhen gegen das Räubermädchen aus und sagte Lebewohl, und dann flog das Rennthier über Stock und Stein davon, durch den großen Wald, über Sümpfe und Steppen, so schnell es nur konnte. Die Wölfe heulten und die Raben schrieen. – „Fut! Fut!“ ging es am Himmel. Es war gleichsam, als ob er roth nießte.
„Das sind meine alten Nordlichter!“ sagte das Rennthier; „sieh, wie sie leuchten!“ Und dann lief es noch schneller davon, Tag und Nacht. Die Brode wurden verzehrt, der Schinken auch, und dann waren sie in Lappland.

Sechste Geschichte. Die Lappin und die Finnin

Bei einem kleinen Hause hielten sie an; es war so jämmerlich; das Dach ging bis zur Erde hinunter, und die Thüre war so niedrig, daß die Familie auf dem Bauche kriechen mußte, wenn sie heraus oder hinein wollte. Hier war außer einer alten Lappin, welche bei einer Thranlampe Fische kochte, Niemand zu Hause; und das Rennthier erzählte Gerda’s ganze Geschichte, aber zuerst seine eigene, denn diese erschien ihm weit wichtiger; und Gerda war so angegriffen von der Kälte, daß sie nicht sprechen konnte.
„Ach, ihr Armen!“ sagte die Lappin; „da habt ihr noch weit zu laufen! Ihr müßt über hundert Meilen weit in Finnmarken hinein, denn da wohnt die Schneekönigin auf dem Lande und brennt jeden Abend bengalische Flammen. Ich werde ein paar Worte auf einen trocknen Stockfisch schreiben; Papier habe ich nicht; den werde ich Euch für die Finnin dort oben mitgeben; sie kann Euch besser Bescheid ertheilen, als ich!“
Und als Gerda nun erwärmt worden war und zu essen und zu trinken bekommen hatte, schrieb die Lappin ein paar Worte auf einen trocknen Stockfisch, bat Gerda, wohl darauf zu achten, band sie wieder auf dem Rennthiere fest, und dieses sprang davon. „Fut! Fut!“ ging es oben in der Luft; die ganze Nacht brannten die schönsten blauen Nordlichter; – und dann kamen sie nach Finnmarken und klopften an den Schornstein der Finnin, denn die hatte nicht einmal eine Thüre.
Da war eine Hitze drinnen, daß die Finnin selbst fast völlig nackt ging; sie war klein und ganz schmutzig; gleich löste sie die Kleider der kleinen Gerda und zog ihr die Fausthandschuhe und Stiefeln aus, denn sonst wäre es ihr zu heiß geworden, legte dem Rennthier ein Stück Eis auf den Kopf und las dann, was auf dem Stockfisch geschrieben stand: sie las es drei Mal, und dann wußte sie es auswendig und steckte den Fisch in den Suppenkessel, denn er konnte ja gegessen werden, und sie verschwendete nie etwas.
Nun erzählte das Rennthier zuerst seine Geschichte, dann die der kleinen Gerda; und die Finnin blinzelte mit den klugen Augen, sagte aber gar nichts.
„Du bist so klug,“ sagte das Rennthier; „ich weiß, Du kannst alle Winde der Welt in einen Zwirnfaden zusammenbinden; wenn der Schiffer den einen Knoten löst, so erhält er guten Wind, löst er den andern, dann weht es scharf, und löst er den dritten und vierten, dann stürmt es, daß die Wälder umfallen. Willst Du nicht dem kleinen Mädchen einen Trank geben, daß sie Zwölf-Männer-Kraft erhält und die Schneekönigin überwindet?“
„Zwölf-Männer-Kraft?“ sagte die Finnin. „Ja, das würde viel helfen!“ Und dann ging sie nach einem Brette, nahm ein großes zusammengerolltes Fell hervor und rollte es auf; da waren wunderbare Buchstaben darauf geschrieben, und die Finnin las, daß ihr das Wasser von der Stirn herunterlief.
Aber das Rennthier bat wieder so sehr für die kleine Gerda, und Gerda blickte die Finnin mit so bittenden Augen voller Thränen an, daß diese wieder mit den ihrigen zu blinzeln anfing und das Rennthier in einen Winkel zog, wo sie ihm zuflüsterte, während es wieder frisches Eis auf den Kopf bekam:
„Der kleine Kay ist freilich bei der Schneekönigin und findet dort Alles nach seinem Geschmacke und Gefallen und glaubt, es sei der beste Ort in der Welt; aber das kommt davon, daß er einen Glassplitter in das Herz und ein kleines Glaskörnchen in das Auge bekommen hat; die müssen zuerst heraus, sonst wird er nie wieder ein Mensch, und die Schneekönigin wird die Gewalt über ihn behalten!“
„Aber kannst Du nicht der kleinen Gerda etwas eingeben, sodaß sie Gewalt über das Ganze erhält?“
„Ich kann ihr keine größere Gewalt geben, als sie schon besitzt; siehst Du nicht, wie groß die ist? Siehst Du nicht, wie Menschen und Thiere ihr dienen müssen, wie sie auf bloßen Füßen so gut in der Welt fortgekommen ist? Sie kann nicht von uns ihre Macht erhalten; die sitzt in ihrem Herzen; sie besteht darin, daß sie ein liebes unschuldiges Kind ist. Kann sie nicht selbst zur Schneekönigin hineingelangen und das Glas aus dem kleinen Kay bringen, dann können wir nicht helfen! Zwei Meilen von hier beginnt der Schneekönigin Garten; dahin kannst Du das kleine Mädchen tragen; setze sie beim großen Busche ab, welcher mit rothen Beeren im Schnee steht; halte keinen Gevatterklatsch, sondern spute Dich, hierher zurückzukommen!“ Und dann hob die Finnin die kleine Gerda auf das Rennthier, welches lief, was es konnte.
„O, ich habe meine Stiefeln nicht! Ich habe meine Fausthandschuhe nicht!“ rief die kleine Gerda. Das merkte sie in der schneidenden Kälte; aber das Rennthier wagte nicht, anzuhalten; es lief, bis es zu dem Busche mit den rothen Beeren gelangte; da setzte es Gerda ab und küßte sie auf den Mund und es liefen große blanke Thränen über des Thieres Backen; und dann lief es, was es nur konnte, wieder zurück. Da stand die arme Gerda, ohne Schuhe, ohne Handschuhe, mitten in dem fürchterlichen, eiskalten Finnmarken.
Sie lief vorwärts, so schnell sie nur konnte; da kam ein ganzes Regiment Schneeflocken; aber die fielen nicht vom Himmel herunter, der war ganz hell und glänzte von Nordlichtern; die Schneeflocken liefen gerade auf der Erde hin, und je näher sie kamen, desto größer wurden sie. Gerda erinnerte sich noch, wie groß und künstlich die Schneeflocken damals ausgesehen hatten, als sie dieselben durch ein Brennglas betrachtete. Aber hier waren sie freilich noch weit größer und fürchterlicher; sie lebten; sie waren der Schneekönigin Vorposten; sie hatten die sonderbarsten Gestalten. Einige sahen aus, wie häßliche große Stachelschweine; andere wie Knoten, gebildet von Schlangen, welche die Köpfe hervorsteckten; noch andere wie kleine dicke Bären, auf denen die Haare sich sträubten; alle waren glänzend weiß, alle waren lebendige Schneeflocken.
Da betete die kleine Gerda ihr Vaterunser; und die Kälte war so groß, daß sie ihren eigenen Athem sehen konnte; der ging ihr wie Rauch aus dem Munde. Der Athem wurde dichter und dichter und gestaltete sich zu kleinen Engeln, die mehr und mehr wuchsen, wenn sie die Erde berührten; und alle hatten Helme auf dem Kopf und Spieße und Schilde in den Händen; ihre Anzahl wurde größer und größer, und als Gerda ihr Vaterunser geendet hatte, war eine ganze Legion um sie; sie stachen mit ihren Spießen gegen die gräulichen Schneeflocken, sodaß diese in hundert Stücke zersprangen; und die kleine Gerda ging ganz sicher und frischen Muthes vorwärts. Die Engel streichelten ihr Hände und Füße, da empfand sie weniger, wie kalt es war, und eilte nach der Schneekönigin Schloß. – Aber nun müssen wir doch erst sehen, was Kay macht. Er dachte freilich nicht an die kleine Gerda, und am wenigsten, daß sie draußen vor dem Schlosse stände.

Siebente Geschichte. Von dem Schlosse der Schneekönigin, und was sich später darin zutrug

Des Schlosses Wände waren gebildet von dem treibenden Schnee, und Fenster und Thüren von den schneidenden Winden; es waren über hundert Säle darin, alle, wie sie der Schnee zusammenwehte; der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang; das starke Nordlicht beleuchtete sie alle, und sie waren so groß, so leer, so eisig kalt und so glänzend! Nie gab es hier Lustbarkeiten, nicht einmal einen kleinen Bärenball, wozu der Sturm hätte aufspielen und wobei die Eisbären hätten auf den Hinterfüßen gehen und ihre feinen Manieren zeigen können; nie eine kleine Spielgesellschaft mit Maulklapp und Tatzenschlag; nie ein klein Bischen Kaffeeklatsch von den Weißen-Fuchs-Fräulein; leer, groß und kalt war es in der Schneekönigin Sälen. Die Nordlichter flammten so genau, daß man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaale war ein zugefrorner See, der war in tausend Stücke zersprungen; aber jedes Stück war dem andern so gleich, daß es ein vollkommenes Kunstwerk war; und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war; und dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes säße, und daß dieses der einzige und beste in der Welt sei.
Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz; aber er merkte es doch nicht, denn sie hatte ihm den Frostschauer abgeküßt und sein Herz glich einem Eisklumpen. Er schleppte einige scharfe, flache Eisstücke hin und her, die er auf alle mögliche Weise aneinanderfügte, denn er wollte damit etwas herausbringen. Es war gerade, als wenn wir kleine Holztafeln haben und diese in Figuren zusammenlegen, was man das chinesische Spiel nennt. Kay ging auch und legte Figuren, und zwar die allerkünstlichsten. Das war das Eisspiel des Verstandes. In seinen Augen waren die Figuren ganz ausgezeichnet und von der höchsten Wichtigkeit: das machte das Glaskörnchen, welches ihm im Auge saß! Er legte vollständige Figuren, die ein geschriebenes Wort waren; aber nie konnte er es dahin bringen, das Wort zu legen, das er gerade haben wollte, das Wort: Ewigkeit. Und die Schneekönigin hatte gesagt: „Kannst Du diese Figur ausfindig machen, dann sollst Du Dein eigener Herr sein, und ich schenke Dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe.“ Aber er konnte es nicht.
„Nun sause ich fort nach den warmen Ländern!“ sagte die Schneekönigin. „Ich will hinfahren und in die schwarzen Töpfe hineinsehen!“ – Das waren die feuerspeienden Berge Aetna und Vesuv, wie man sie nennt. „Ich werde sie ein wenig weiß machen! Das gehört dazu; das thut den Citronen und Weintrauben gut!“ Und die Schneekönigin flog davon, und Kay saß ganz allein in dem viele Meilen großen, leeren Eissaal, betrachtete die Eisstücke und dachte und dachte, sodaß es in ihm knackte; ganz steif und stille saß er; man hätte glauben sollen, er wäre erfroren.
Da geschah es, daß die kleine Gerda durch das große Thor in das Schloß trat. Hier herrschten schneidende Winde; aber sie betete ein Abendgebet, da legten sich die Winde, als ob sie schlafen wollten; und sie trat in die großen, leeren, kalten Säle hinein – da erblickte sie Kay; sie erkannte ihn, sie flog ihm um den Hals, hielt ihn so fest und rief: „Kay! Lieber, kleiner Kay! Da habe ich Dich endlich gefunden!“
Aber er saß ganz stille, steif und kalt; – da weinte die kleine Gerda heiße Thränen, die fielen auf seine Brust; sie drangen in sein Herz; sie thauten den Eisklumpen auf und verzehrten das kleine Spiegelstück darin; er betrachtete sie und sang:

„Rosen, die blüh’n und verwehen;
Wir werden das Christkindlein sehen!“

Da brach Kay in Tränen aus, er weinte so, daß das Spiegelkörnchen aus dem Auge schwamm; nun erkannte er sie und jubelte: „Gerda, liebe kleine Gerda! – Wo bist Du doch so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?“ Und er blickte rings um sich her. „Wie kalt es hier ist! Wie es hier weit und leer ist!“ Und er klammerte sich an Gerda an, und sie lachte und weinte vor Freuden; das war so herrlich, daß selbst die Eisstücke vor Freuden rings herum tanzten; und als sie müde waren und sich niederlegten, lagen sie gerade in den Buchstaben, von denen die Schneekönigin gesagt hatte, daß er sie ausfindig machen sollte, dann wäre er sein eigener Herr, und sie wolle ihm die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe geben.
Und Gerda küßte seine Wangen, und sie wurden blühend; sie küßte seine Augen, und sie leuchteten gleich den ihrigen; sie küßte seine Hände und Füße, und er war gesund und munter. Die Schneekönigin mochte nun nach Hause kommen: sein Freibrief stand da mit glänzenden Eisstücken geschrieben.
Und sie faßten einander bei den Händen und wanderten aus dem großen Schlosse hinaus; sie sprachen von der Großmutter und von den Rosen oben auf dem Dache; und wo sie gingen, ruhten die Winde und die Sonne brach hervor; und als sie den Busch mit den rothen Beeren erreichten, stand das Rennthier da und wartete; es hatte ein anderes junges Rennthier mit sich, dessen Euter voll waren; und dieses gab den Kleinen seine warme Milch und küßte sie auf den Mund. Dann trugen sie Kay und Gerda erst zur Finnin, wo sie sich in der heißen Stube auswärmten und über die Heimreise Bescheid erhielten; dann zur Lappin, welche ihnen neue Kleider genäht und ihren Schlitten in Stand gesetzt hatte.
Das Rennthier und das Junge sprangen zur Seite und folgten, gerade bis zur Grenze des Landes; dort sproßte das erste Grün hervor; da nahmen sie Abschied vom Rennthier und von der Lappin: „Lebt wohl!“ sagten Alle. Und die ersten kleinen Vögel begannen zu zwitschern, der Wald hatte grüne Knospen, und aus ihm kam auf einem prächtigen Pferde, welches Gerda kannte (es war vor die goldene Kutsche gespannt gewesen) ein junges Mädchen geritten, mit einer glänzenden rothen Mütze auf dem Kopfe und Pistolen im Halfter; das war das kleine Räubermädchen, welches es satt hatte, zu Hause zu sein, und nun erst gegen Norden und später, wenn ihr das nicht zusagte, nach einer andern Weltgegend hin wollte. Sie erkannte Gerda gleich, und Gerda erkannte sie: das war eine Freude!
„Du bist ein schöner Patron mit Herumschweifen!“ sagte sie zum kleinen Kay. „Ich möchte wissen, ob Du verdienst, daß man Deinethalben bis an der Welt Ende läuft!“
Aber Gerda klopfte ihr die Wangen und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin.
„Die sind nach fremden Ländern gereist!“ sagte das Räubermädchen.
„Aber die Krähe?“ sagte Gerda.
„Ja, die Krähe ist todt!“ erwiderte sie. „Die zahme Geliebte ist Wittwe geworden und geht mit einem Endchen schwarzen wollenen Garns um das Bein; sie klagt ganz jämmerlich, und Geschwätz ist das Ganze! – Aber erzähle mir nun, wie es Dir ergangen ist, und wie Du ihn erwischt hast.“
Und Gerda und Kay erzählten.
„Snipp-Snapp-Snurre-Purre-Baselurre!“ sagte das Räubermädchen, nahm Beide bei den Händen und versprach, daß, wenn sie je durch ihre Stadt kommen sollte, sie hinaufkommen wolle, sie zu besuchen. Und dann ritt sie in die weite Welt hinein. Aber Kay und Gerda gingen Hand in Hand, und wie sie gingen, war es herrlicher Frühling mit Blumen und mit Grün; die Kirchenglocken läuteten, und sie erkannten die hohen Thürme, die große Stadt; es war die, in der sie wohnten; und sie gingen in dieselbe hinein und hin zur Thüre der Großmutter, die Treppe hinauf, in die Stube hinein, wo Alles wie früher auf derselben Stelle stand; und die Uhr ging: „Tick! Tack!“ und die Zeiger drehten sich; aber indem sie durch die Thüre gingen, bemerkten sie, daß sie erwachsene Menschen geworden waren. Die Rosen aus der Dachrinne blühten zum offenen Fenster herein, und da standen die kleinen Kinderstühle, und Kay und Gerda setzten sich ein Jeder auf den seinigen und hielten einander bei den Händen; die kalte, leere Herrlichkeit bei der Schneekönigin hatten sie gleich einem schweren Traume vergessen. Die Großmutter saß in Gottes hellem Sonnenschein und las laut aus der Bibel: „Werdet ihr nicht wie die Kinder, so werdet ihr das Reich Gottes nicht erben!“
Und Kay und Gerda sahen einander in die Augen, und sie verstanden auf einmal den alten Gesang:

„Rosen, die blüh’n und verwehen;
Wir werden das Christkindlein sehen!“

Da saßen sie Beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Sommer, warmer, wohltuender Sommer.

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862
Der kleine Klaus und der große Klaus

In einem Dorfe wohnten zwei Leute, die beide denselben Namen hatten. Alle Beide hießen sie Klaus, aber der eine besaß vier Pferde und der andere nur ein einziges Pferd. Um sie jedoch von einander unterscheiden zu können, nannte man Den, der vier Pferde hatte, den großen Klaus, und Den, der nur ein einziges Pferd hatte, den kleinen Klaus. Nun wollen wir hören, wie es den Beiden erging, denn es ist eine wahre Geschichte.
Die ganze Woche hindurch mußte der kleine Klaus für den großen Klaus pflügen und ihm sein einziges Pferd leihen; dann half der große Klaus ihm wieder mit allen seinen vieren, aber nur einmal wöchentlich, und das war des Sonntags. Hussa! wie klatschte der kleine Klaus mit seiner Peitsche über alle fünf Pferde; sie waren ja nun so gut wie sein, an dem einen Tage. Die Sonne schien so herrlich, und alle Glocken im Kirchthurme läuteten zur Kirche; die Leute waren alle so geputzt und gingen mit dem Gesangbuche unter dem Arme, den Prediger predigen zu hören; und sie sahen den kleinen Klaus, der mit fünf Pferden pflügte; und der war so vergnügt, daß er immer wieder mit der Peitsche klatschte und rief: „Hü, alle meine Pferde!“
„So mußt Du nicht sprechen,“ sagte der große Klaus; „das eine Pferd ist ja nur Dein!“
Als aber wieder Jemand vorbeiging, vergaß der kleine Klaus, daß er es nicht sagen sollte, und da rief er: „Hü, alle meine Pferde!“
„Ja, nun werde ich Dich ersuchen, es bleiben zu lassen!“ sagte der große Klaus; „denn sagst Du es noch einmal, so schlage ich Dein Pferd vor den Kopf, daß es auf der Stelle todt ist; dann ist es mit ihm aus!“
„Ich will es wahrlich nicht mehr sagen!“ sagte der kleine Klaus. Aber als dann Leute vorbei kamen und ihm guten Tag zunickten, wurde er so erfreut und dachte, es sähe doch recht gut aus, daß er fünf Pferde habe, sein Feld zu pflügen; und da klatschte er mit der Peitsche und rief: „Hü, alle meine Pferde!“
„Ich werde Deine Pferde hüen!“ sagte der große Klaus und nahm den Spannstrickhammer und schlug des kleinen Klaus einziges Pferd vor den Kopf, sodaß es umfiel und ganz todt war.
„Ach, nun habe ich gar kein Pferd mehr!“ sagte der kleine Klaus und fing an zu weinen. Hierauf zog er dem Pferde die Haut ab und ließ sie gut im Winde trocknen, steckte sie dann in einen Sack, den er auf die Schulter nahm, und ging nach der Stadt, um seine Pferdehaut zu verkaufen. Er hatte einen sehr weiten Weg zu gehen, mußte durch einen großen, dunkeln Wald, und da wurde es ein gewaltig schlechtes Wetter; er verirrte sich gänzlich, und ehe er wieder auf den rechten Weg kam, war es Abend und allzu weit, um zur Stadt oder wieder nach Hause zu gelangen, bevor es Nacht wurde.
Dicht am Wege lag ein großer Bauerhof; die Fensterladen waren draußen vor den Fenstern geschlossen, aber das Licht konnte doch darüber hinausscheinen. Da werde ich wohl Erlaubniß erhalten können, die Nacht über zu bleiben, dachte der kleine Klaus und ging hin, um anzuklopfen.
Die Bauerfrau machte auf; als sie aber hörte, was er wollte, sagte sie, er möge seiner Wege gehen; ihr Mann sei nicht zu Hause, und sie nehme keinen Fremden auf.
„Nun, so muß ich draußen liegen bleiben,“ sagte der kleine Klaus, und die Bauerfrau schlug ihm die Thüre vor der Nase zu.
Dicht daneben stand ein großer Heuschober, und zwischen diesem und dem Hause war ein kleiner Schuppen mit einem flachen Strohdache gebaut.
„Da oben kann ich liegen!“ dachte der kleine Klaus, als er das Dach erblickte; „das ist ja ein herrliches Bett. Der Storch fliegt wohl nicht herunter und beißt mich in die Beine.“ Denn es stand ein lebendiger Storch oben auf dem Dache, wo er sein Nest hatte.
Nun kroch der kleine Klaus oben auf den Schuppen hinauf, wo er lag und sich drehte, um sich recht bequem zu betten. Die hölzernen Laden vor den Fenstern schlossen oben nicht zu, und so konnte er gerade in die Stube hineinblicken.
Da war ein großer Tisch gedeckt, mit Wein und Braten und einem herrlichen Fisch darauf; die Bauerfrau und der Küster saßen bei Tische und sonst Niemand anders; und sie schenkte ihm ein, und er gabelte in den Fisch, denn das war sein Leibgericht.
„Wer doch etwas davon abbekommen könnte!“ dachte der kleine Klaus, und streckte den Kopf gerade gegen das Fenster. Gott, welchen herrlichen Kuchen sah er drinnen stehen! Ja, das war ein Fest!
Nun hörte er Jemand von der Landstraße her gegen das Haus geritten kommen; das war der Mann der Bauerfrau, der nach Hause kam.
Es war ein sehr guter Mann, aber er hatte die wunderliche Eigenheit, daß er nie vertragen konnte, einen Küster zu sehen; kam ihm ein Küster vor die Augen, so wurde er ganz rasend. Darin lag auch der Grund, daß der Küster zu seiner Frau hineingegangen war, um ihr guten Tag zu sagen, weil er wußte, daß der Mann nicht zu Hause sei; und die gute Frau setzte ihm deshalb das herrlichste Essen vor, was sie hatte. Als sie aber den Mann kommen hörten, erschraken sie; und die Frau bat den Küster, in eine große leere Kiste hineinzukriechen. Das that er; denn er wußte ja, daß der arme Mann es nicht vertragen konnte, einen Küster zu sehen. Die Frau versteckte geschwind all das herrliche Essen und den Wein in ihrem Backofen, denn hätte der Mann das zu sehen bekommen, so hätte er sicher gefragt, was es zu bedeuten habe.
„Ach ja!“ seufzte der kleine Klaus oben auf seinem Schuppen, als er all das Essen verschwinden sah.
„Ist Jemand dort oben?“ fragte der Bauer und sah nach dem kleinen Klaus hinauf. „Weshalb liegst Du dort? Komm lieber mit in die Stube.“
Nun erzählte der kleine Klaus, wie er sich verirrt habe, und bat, daß er die Nacht über bleiben dürfe.
„Ja freilich!“ sagte der Bauer; „aber wir müssen zuerst etwas zu leben haben!“
Die Frau empfing sie Beide sehr freundlich, deckte einen langen Tisch und gab ihnen eine große Schüssel voll Grütze. Der Bauer war hungrig und aß mit rechtem Appetit, aber der kleine Klaus konnte nicht unterlassen, an den herrlichen Braten, Fisch und Kuchen, welche er im Ofen wußte, zu denken.
Unter den Tisch zu seinen Füßen hatte er den Sack mit der Pferdehaut darin gelegt, denn wir wissen ja, daß er ihrethalben ausgegangen war, um sie in der Stadt zu verkaufen. Die Grütze wollte ihm nicht schmecken, und da trat er auf seinen Sack, und die trockene Haut im Sacke knarrte ganz laut.
„St!“ sagte der kleine Klaus zu seinem Sacke, trat aber zu gleicher Zeit wieder darauf; da knarrte es weit lauter als zuvor.
„Ei! was hast Du denn in Deinem Sacke?“ fragte der Bauer nun.
„O, das ist ein Zauberer!“ sagte der kleine Klaus. „Er sagt, wir sollten keine Grütze essen, er habe den ganzen Ofen voll von Braten, Fischen und Kuchen gehext.“
„Potztausend!“ sagte der Bauer und machte schnell den Ofen auf, wo er all die prächtigen, leckern Speisen erblickte, welche die Frau dort verborgen hatte, aber die, wie er nun glaubte, der Zauberer im Sacke für sie gehext habe. Die Frau durfte nichts sagen, sondern setzte sogleich die Speisen auf den Tisch, und so aßen Beide vom Fische, vom Braten und von dem Kuchen. Nun trat der kleine Klaus wieder auf seinen Sack, daß die Haut knarrte.
„Was sagt er jetzt?“ fragte der Bauer.
„Er sagt,“ erwiederte der kleine Klaus, „daß er auch drei Flaschen Wein für uns gehext hat; sie stehen dort in der Ecke beim Ofen!“ Nun mußte die Frau den Wein herholen, den sie verborgen hatte, und der Bauer trank und wurde so lustig! Einen solchen Zauberer, wie der kleine Klaus im Sacke hatte, hätte er doch gar zu gerne gehabt.
„Kann er auch den Teufel hervorhexen?“ fragte der Bauer; „ich möchte ihn wohl sehen, denn nun bin ich lustig!“
„Ja,“ sagte der kleine Klaus, „mein Zauberer kann Alles, was ich verlangen will. Nicht wahr?“ fragte er und trat auf den Sack, daß es knarrte. „Hörst Du? Er sagt: Ja! Aber der Teufel sieht so häßlich aus; wir wollen ihn lieber nicht sehen!“
„O, mir ist gar nicht bange. Wie mag er wohl aussehen?“
„Ja, er wird sich ganz leibhaftig als ein Küster zeigen!“
„Hu!“ sagte der Bauer, „das ist häßlich! Ihr müßt wissen, ich kann nicht vertragen, einen Küster zu sehen! Aber es thut nichts; ich weiß ja, daß es der Teufel ist; so werde ich mich wohl leichter darein finden! Nun habe ich Muth! Allein er muß mir nicht zu nahe kommen.“
„Nun, ich werde meinen Zauberer fragen,“ sagte der kleine Klaus trat auf den Sack und hielt sein Ohr hin.
„Was sagt er?“
„Er sagt, Ihr könnt hingehen und die Kiste aufmachen, die dort in der Ecke steht: so werdet Ihr den Teufel sehen, wie er darin kauert; aber Ihr müßt den Deckel halten, daß er nicht entwischt.“
„Wollt Ihr mir helfen, ihn zu halten?“ bat der Bauer und ging zu der Kiste hin, wo die Frau den wirklichen Küster verborgen hatte, der darin saß und sich sehr fürchtete.
Der Bauer öffnete den Deckel ein wenig und sah unter denselben hinein. „Hu!“ schrie er und sprang zurück. „Ja nun habe ich ihn gesehen; er sah ganz aus, wie unser Küster. Nein, das war erschrecklich.“
Darauf mußte getrunken werden, und so tranken sie denn noch bis in die tiefe Nacht hinein.
„Den Zauberer mußt Du mir verkaufen,“ sagte der Bauer. „Verlange dafür Alles, was Du willst! Ja, ich gebe Dir gleich einen ganzen Scheffel Geld!“
„Nein, das kann ich nicht!“ sagte der kleine Klaus. „Bedenke doch, wie vielen Nutzen kann ich nicht von diesem Zauberer haben!“
„Ach, ich möchte ihn so gerne haben!“ sagte der Bauer und fuhr fort zu bitten.
„Ja,“ sagte der kleine Klaus zuletzt; „da Du so gut gewesen bist, mir diese Nacht Obdach zu gewähren, so mag es darum sein. Du sollst den Zauberer für einen Scheffel Geld haben; aber ich will den Scheffel gehäuft voll haben.“
„Das sollst Du bekommen,“ sagte der Bauer. Aber die Kiste dort mußt Du mit Dir nehmen; ich will sie nicht eine Stunde im Hause behalten; man kann nicht wissen: vielleicht sitzt er noch darin.“
Der kleine Klaus gab dem Bauer seinen Sack mit der trockenen Haut darin und bekam einen ganzen Scheffel Geld, und das gehäuft gemessen, dafür. Der Bauer schenkte ihm sogar noch einen Karren, um das Geld und die Kiste darauf fortzufahren.
„Lebe wohl!“ sagte der kleine Klaus, und da fuhr er mit seinem Gelde und der großen Kiste, worin noch der Küster saß, davon.
Auf der andern Seite des Waldes war ein großer, tiefer Fluß; das Wasser floß so reißend darin, daß man kaum gegen den Strom schwimmen konnte; man hatte eine große neue Brücke darüber geschlagen; der kleine Klaus hielt mitten auf derselben an, und sagte ganz laut, damit der Küster in der Kiste es hören könne:
„Nein, was soll ich doch mit der dummen Kiste machen? Sie ist so schwer, als ob Steine darin wären! ich werde nur müde davon, sie weiter zu fahren; ich will sie deshalb in den Fluß werfen; schwimmt sie zu mir nach Hause, so ist es gut, und thut sie es nicht, so macht es auch nichts.“
Nun faßte er die Kiste mit der einen Hand an und hob sie ein wenig auf, gerade als ob er sie in das Wasser werfen wollte.
„Nein, laß das sein!“ rief der Küster innerhalb der Kiste. „Laß mich erst heraus!“
„Hu!“ sagte der kleine Klaus und that, als fürchte er sich. „Er sitzt noch darin! Da muß ich ihn geschwind in den Fluß werfen, damit er ertrinkt!“
„O nein, o nein!“ rief der Küster. „Ich will Dir einen ganzen Scheffel Geld geben, wenn Du mich gehen läßt!“
„Ja, das ist etwas Anderes!“ sagte der kleine Klaus und machte die Kiste auf. Der Küster kroch schnell heraus, stieß die leere Kiste in das Wasser und ging nach seinem Hause, wo der kleine Klaus einen ganzen Scheffel Geld bekam; einen hatte er ja schon von dem Bauer erhalten, nun hatte er also seinen ganzen Karren voller Geld.
„Sieh, das Pferd erhielt ich ganz gut bezahlt!“ sagte er zu sich selbst, als er zu Hause in seiner eigenen Stube war und alles Geld auf einen Berg mitten in der Stube ausschüttete. Das wird den großen Klaus ärgern, wenn er erfährt, wie reich ich durch mein einziges Pferd geworden bin; aber ich will es ihm doch nicht gerade rein heraussagen!“
Nun sandte er einen Knaben zum großen Klaus hin, um sich ein Scheffelmaß zu leihen.
Was mag er wohl damit wollen?“ dachte der große Klaus und schmierte Theer unter den Boden desselben, damit von Dem, was gemessen werde, etwas daran hängen bleiben könne. Und das that es denn auch; denn als er das Scheffelmaß zurückerhielt, hingen drei neue silberne Achtgroschenstücke daran.
„Was ist das?“ sagte der große Klaus und lief sogleich zu dem kleinen. „Wo hast Du denn das viele Geld herbekommen?“
„O, das ist für meine Pferdehaut; ich verkaufte sie gestern Abend!“
„Das war wahrlich gut bezahlt!“ sagte der große Klaus, lief geschwind nach Hause, nahm eine Axt, schlug alle seine vier Pferde vor den Kopf, zog ihnen die Haut ab und fuhr damit zur Stadt.
„Häute! Häute! Wer will Häute kaufen!“ rief er durch die Straßen.
Alle Schuhmacher und Gerber kamen gelaufen und fragten, was er dafür haben wolle.
„Einen Scheffel Geld für jede,“ sagte der große Klaus.
„Bist Du toll?“ riefen Alle. „Glaubst Du, wir hätten Geld scheffelweise?“
„Häute! Häute! Wer will Häute kaufen!“ rief er wieder, aber all Denen, welche ihn fragten, was die Häute kosten sollten, erwiederte er: „Einen Scheffel Geld.“
„Er will uns foppen!“ sagten Alle, und da nahmen die Schuhmacher ihre Spannriemen und die Gerber ihre Schurzfelle und fingen an, auf den großen Klaus loszuprügeln.
„Häute! Häute!“ höhnten sie ihm nach; „ja, wir wollen Dir die Haut gerben, daß Dir die rothe Suppe nachlaufen soll. Hinaus aus der Stadt mit ihm!“ riefen sie, und der große Klaus mußte sich sputen, was er nur konnte; denn so war er noch nie durchgeprügelt worden.
„Na!“ sagte er, als er nach Hause kam, „das soll der kleine Klaus bezahlt erhalten! Ich will ihn dafür todtschlagen!“
Aber zu Hause beim kleinen Klaus war die alte Großmutter gestorben. Sie war freilich recht böse und schlimm gegen ihn gewesen, aber er war doch ganz betrübt und nahm die todte Frau und legte sie in sein warmes Bett, um zu sehen, ob sie nicht zum Leben zurückkehren möchte. Da sollte sie die ganze Nacht liegen; er selbst wollte im Winkel sitzen und auf einem Stuhle schlafen; das hatte er schon öfter gethan.
Als er nun in der Nacht dasaß, ging die Thüre auf, und der große Klaus kam mit seiner Art herein. Er wußte wohl, wo des kleinen Klaus Bett stand, ging gerade darauf los und schlug dann die alte Großmutter vor den Kopf, indem er glaubte, daß es der kleine Klaus sei.
„Siehst Du!“ sagte er. „Nun sollst Du mich nicht mehr zum besten haben!“ Und dann ging er wieder nach Hause.
„Das ist doch ein recht böser Mann,“ dachte der kleine Klaus. „Da wollte er mich todtschlagen! Es war doch gut für die alte Großmutter, daß sie schon todt war, sonst hätte er ihr das Leben genommen!“
Nun legte er der alten Großmutter Sonntagskleider an, lieh sich von seinem Nachbar ein Pferd, spannte es vor den Wagen und setzte die alte Großmutter auf den hintersten Sitz, sodaß sie nicht herausfallen konnte, wenn er fuhr; und so rollten sie von dannen durch den Wald. Als die Sonne aufging, waren sie vor einem großen Wirthshause; da hielt der kleine Klaus an und ging hinein, um etwas zu genießen.
Der Wirth hatte sehr, sehr viel Geld; er war auch ein recht guter, aber hitziger Mann, als wären Pfeffer und Taback in ihm.
Guten Morgen!“ sagte er zum kleinen Klaus. „Du bist heute früh ins Zeug gekommen!“
„Ja,“ sagte der kleine Klaus, „ich will mit meiner alten Großmutter zur Stadt; sie sitzt da draußen auf dem Wagen; ich kann sie nicht in die Stube hereinbringen. Wollt Ihr derselben nicht ein Glas Meth geben? Aber Ihr müßt recht laut sprechen, denn sie kann nicht gut hören.“
„Ja, das will ich thun!“ sagte der Wirth und schenkte ein großes Glas Meth ein, mit dem er zur todten Großmutter hinausging, welche in dem Wagen aufrecht gesetzt war.
„Hier ist ein Glas Meth von Ihrem Sohne!“ sagte der Wirth. Aber die todte Frau erwiederte kein Wort, sondern saß ganz stille. –
„Hört Ihr nicht!“ rief der Wirth so laut er konnte; „hier ist ein Glas Meth von Ihrem Sohne!“
Noch einmal rief er Dasselbe und dann noch einmal; da sie sich aber durchaus nicht von der Stelle rührte, wurde er ärgerlich und warf ihr das Glas in das Gesicht, sodaß ihr der Meth gerade über die Nase lief und sie rücklings über den Wagen fiel, denn sie war nur aufgesetzt und nicht festgebunden.
„Heda!“ rief der kleine Klaus, sprang zur Thüre heraus und packte den Wirth an der Brust; „da hast Du meine Großmutter erschlagen! Sieh nur, da ist ein großes Loch in ihrer Stirn!“
„O, das ist ein Unglück!“ rief der Wirth und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Das kommt Alles von meiner Hitze! Lieber kleiner Klaus, ich will Dir einen Scheffel Geld geben und Deine Großmutter begraben lassen, als wäre es meine eigene; aber schweige nur still, sonst wird mir der Kopf abgeschlagen, und das wäre doch unangenehm.“
So bekam der kleine Klaus einen ganzen Scheffel Geld, und der Wirth begrub die alte Großmutter so, als ob es seine eigene gewesen wäre.
Als nun der kleine Klaus wieder mit dem vielen Gelde nach Hause kam, schickte er gleich seinen Knaben hinüber zum großen Klaus, um ihn bitten zu lassen, ihm ein Scheffelmaß zu leihen.
„Was ist das?“ sagte der große Klaus. „Habe ich ihn nicht todtgeschlagen? Da muß ich doch selbst nachsehen!“ Und so ging er selbst mit dem Scheffel hinüber zum kleinen Klaus.
„Nein, wo hast Du doch all das Geld herbekommen?“ fragte er und riß die Augen recht auf, als er alles Das erblickte, was noch hinzugekommen war. –
„Du hast meine Großmutter, aber nicht mich erschlagen!“ sagte der kleine Klaus; „die habe ich nun verkauft und einen Scheffel Geld dafür bekommen!“
„Das ist wahrlich gut bezahlt!“ sagte der große Klaus und eilte nach Hause, nahm eine Axt und schlug gleich seine alte Großmutter todt, legte sie auf den Wagen, fuhr mit ihr zur Stadt, wo der Apotheker wohnte, und fragte, ob er einen todten Menschen kaufen wolle.
„Wer ist es, und wo habt Ihr ihn her?“ fragte der Apotheker.
„Es ist meine Großmutter!“ sagte der große Klaus. „Ich habe sie todtgeschlagen, um einen Scheffel Geld dafür zu bekommen!“
„Gott bewahre uns!“ sagte der Apotheker. „Ihr sprecht irre!
Sagt doch nicht dergleichen, sonst könnt Ihr den Kopf verlieren!“ – Und nun sagte er ihm ausführlich, was das für eine böse That sei, die er begangen habe, und was für ein schlechter Mensch er sei, und daß er bestraft werden müsse; da erschrak der große Klaus so sehr, daß er aus der Apotheke gerade in den Wagen sprang, auf die Pferde hieb und nach Hause fuhr. Aber der Apotheker und alle Leute glaubten, er sei verrückt, und deshalb ließen sie ihn fahren, wohin er wollte.
„Das sollst Du mir bezahlen!“ sagte der große Klaus, als er draußen auf der Landstraße war. „Ja, das sollst Du mir bezahlen, kleiner Klaus!“ Und dann nahm er, sobald er nach Hause kam, den größten Sack, den er finden konnte, ging hinüber zum kleinen Klaus und sagte: „Nun hast Du mich wieder gefoppt! Erst schlug ich meine Pferde todt, dann meine alte Großmutter. Das ist Alles Deine Schuld, aber Du sollst mich nie mehr foppen!“ Und da packte er den kleinen Klaus um den Leib und steckte ihn in seinen Sack, nahm ihn so auf seinen Rücken und rief ihm zu: „Nun gehe ich aus und ertränke Dich!“
Es war ein weiter Weg, den er zu gehen hatte, bevor er zu dem Flusse kam, und der kleine Klaus war nicht so leicht zu tragen. Der Weg ging dicht bei der Kirche vorbei, die Orgel ertönte und die Leute sangen so schön! Da setzte der große Klaus seinen Sack mit dem kleinen Klaus darin dicht bei der Kirchenthüre nieder und dachte, es könne wohl ganz gut sein, hineinzugehen und einen Psalm zu hören, ehe er weiter ginge. Der kleine Klaus konnte ja nicht herauskommen, und alle Leute waren in der Kirche; so ging er denn hinein.
„Ach ja, ach ja!“ seufzte der kleine Klaus im Sacke und drehte und wendete sich; aber es war ihm nicht möglich, das Band aufzulösen. Da kam ein alter, alter Viehtreiber daher, mit schneeweißem Haare und einem großen Stab in der Hand; er trieb eine ganze Heerde Kühe und Stiere vor sich hin; die stießen an den Sack, in dem der kleine Klaus saß, sodaß er umgeworfen wurde.
„Ach ja!“ seufzte der kleine Klaus. „Ich bin noch so jung und soll schon in’s Himmelreich!“
„Und ich Armer,“ sagte der Viehtreiber, „ich bin schon so alt und kann noch immer nicht dahin kommen!“
„Mache den Sack auf!“ rief der kleine Klaus; „krieche statt meiner hinein, so kommst Du sogleich in’s Himmelreich.“
„Ja, das will ich herzlich gern,“ sagte der Viehtreiber und band den Sack auf, aus dem der kleine Klaus sogleich heraussprang.
„Willst Du nun aber auch auf das Vieh Acht geben?“ sagte der alte Mann und kroch dann in den Sack hinein, den der kleine Klaus zuband und hierauf mit allen Kühen und Stieren seines Weges zog.
Bald darauf kam der große Klaus aus der Kirche; er nahm wieder seinen Sack auf den Rücken, obgleich es ihm schien, als wäre derselbe leichter geworden; denn der alte Viehtreiber war nicht mehr als halb so schwer, wie der kleine Klaus. „Wie ist er doch leicht zu tragen geworden! Ja, das kommt daher, daß ich einen Psalm gehört habe!“ So ging er nach dem Flusse, der tief und breit war, warf den Sack mit dem alten Viehtreiber in’s Wasser und rief hinterdrein, denn er glaubte ja, daß es der kleine Klaus sei: „Da liege! Nun sollst Du mich nicht mehr foppen!“
Darauf ging er nach Hause; als er aber an die Stelle kam, wo der Weg sich kreuzte, begegnete er dem kleinen Klaus, welcher mit allem seinen Vieh dahertrieb.
„Was ist das!“ sagte der große Klaus. „Habe ich Dich nicht ertränkt?“
„Ja!“ sagte der kleine Klaus. „Du warfst mich ja vor einer kleinen halben Stunde in den Fluß hinunter!“
„Aber wo hast Du all das herrliche Vieh herbekommen?“ fragte der große Klaus.
Das ist Seevieh!“ sagte der kleine Klaus. „Ich will Dir die ganze Geschichte erzählen und Dir Dank sagen, daß Du mich ertränktest, denn nun bin ich obenauf, bin wahrhaft reich! – Mir war so bange, als ich im Sacke steckte; und der Wind pfiff mir um die Ohren, als Du mich von der Brücke hinunter in das kalte Wasser warfst. Ich sank sogleich zu Boden, aber ich stieß mich nicht, denn da unten wächst das schönste weiche Gras. Da fiel ich darauf, und sogleich wurde der Sack geöffnet, und das lieblichste Mädchen, mit schneeweißen Kleidern und mit einem grünen Kranz um das nasse Haar, nahm mich bei der Hand und sagte: „“Bist Du da, kleiner Klaus? Da hast Du zuerst einiges Vieh! Eine Meile weiter auf dem Wege steht noch eine ganze Heerde, die ich Dir schenken will!““ – Nun sah ich, daß der Fluß eine große Landstraße für das Meervolk bildete. Unten auf dem Grunde gingen und fuhren sie gerade von der See her und ganz hinein in das Land, bis wo der Fluß endet. Da war es so schön voll von Blumen und dem frischesten Grase; die Fische, welche im Wasser schwammen, schossen mir an den Ohren vorüber, gerade so, wie hier die Vögel in der Luft. Was gab es da für hübsche Leute, und was war da für Vieh, das auf Gräben und Wällen graste!“
„Aber weshalb bist Du gleich wieder zu uns heraufgekommen?“ fragte der große Klaus. „Das hätte ich nicht gethan, wenn es so schön dort unten ist!“
„Ja,“ sagte der kleine Klaus; „das ist gerade politisch von mir gehandelt. Du hörst ja wohl, daß ich Dir erzähle: die Seejungfrau sagte mir, eine Meile weiter auf dem Wege – und mit dem Wege meint sie ja den Fluß, denn sie kann nirgends anders hinkommen – stehe noch eine ganze Heerde Vieh für mich. Aber ich weiß, was der Fluß für Krümmungen macht, bald hier, bald dort; das ist ja ein weiter Umweg; nein, da macht man es kürzer ab, wenn man hier an das Land kommt und treibt querfeldüber wieder zum Flusse; dabei spare ich ja fast eine halbe Meile und komme hurtiger zu meinem Seevieh!“
„O, Du bist ein glücklicher Mann!“ sagte der große Klaus. „Glaubst Du, daß ich auch Seevieh erhielte, wenn ich auf den Grund des Flusses käme?“
„Ja, das denke ich wohl,“ sagte der kleine Klaus. „Aber ich kann Dich nicht im Sacke bis zum Flusse tragen: Du bist mir zu schwer! Willst Du selbst dahin gehen und dann in den Sack kriechen, so werde ich Dich mit dem größten Vergnügen hineinwerfen.“
„Ich danke Dir!“ sagte der große Klaus. „Aber erhalte ich kein Seevieh, wenn ich hinunterkomme, so glaube mir, werde ich Dich tüchtig prügeln!“
„O nein! mache es nicht so schlimm!“ Und da gingen sie zum Flusse hin. Als das Vieh, welches durstig war, das Wasser erblickte, lief es, was es nur konnte, um hinunter zum Trinken zu gelangen.
„Sieh, wie es sich sputet!“ sagte der kleine Klaus. „Es verlangt danach, wieder auf den Grund zu kommen!“
„Ja, hilf mir nun erst,“ sagte der große Klaus, „sonst bekommst Du Prügel!“ Und so kroch er in den großen Sack, der quer über dem Rücken eines der Stiere gelegen hatte. „Lege einen Stein hinein, sonst fürchte ich, nicht unterzusinken,“ sagte der große Klaus.
„Es geht schon!“ sagte der kleine Klaus, legte aber doch immer einen großen Stein in den Sack, knüpfte das Band fest zu und dann stieß er daran. Plump! da lag der große Klaus in dem Flusse und sank sogleich hinunter auf den Grund.
„Ich fürchte, er wird das Vieh nicht finden!“ sagte der kleine Klaus und trieb dann heim mit Dem, was er hatte.

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Sonntagsmärchen

Sagen vom Wassermann im Erzgebirge

Zuweilen hört man aus dem Schwarz- und andern Wassern ein greuliches Geheul, wenn ein Unglück, Feuer- oder Wasserschaden bevorsteht. Im Jahre 1630, den Tag zuvor ehe Annaberg abbrannte, hat es im Elterleiner großen Teiche am Geyerschen Wege entsetzlich geheult, daß des Zeugschmieds Junge, der mehr Wasser aufschlagen sollte, mit Schrecken davongelaufen. Im Jahre 1645, den 10. Juli am andern Pfingsttage, heulte es früh in einem Teiche zu Elterlein jämmerlich, daß eine Jungfer, die gerade über den Teichdamm ging, aus Furcht eilend ausriß, darauf ist ein Schulknabe, M. Rudels, des alten Richters Sohn, im Teiche ertrunken. Im Jahre 1632 ließ Theophilus Groschupf, Stadtschreiber zu Scheibenberg, an den Erbisleiten einen Raum ausroden und zu Feld machen; da nun einer seiner Arbeiter um Mittag hinunter an einen Brunnen geht, um Trinkwasser zu holen, findet er einen überaus häßlichen Mann dabei liegen, der ihm nicht allein auf seinen Gruß nicht dankt, sondern auch im Rückwege auf ihn fällt und ihn braun und blau drückt, daß er 8 Wochen darüber krank lag. Im Jahre 1613 wollten Bürger zu Gottesgabe einen alten Teich, der lange als ein Sumpfwüste gelegen, ausräumen. Als nun zwei Bergleute den Sumpf abführen und zugrunde arbeiten wollen, fährt ein Wasserteufel im Sumpfe auf, wütet und tobt und treibt die Bergleute mit Wasser und Kot ab, daß sie ausreißen müssen. Zum Scheibenberg, eine starke Viertelstunde unter dem Elterleiner Wege, läuft der tiefe Stollen aus in einen Teich; da hat es oft die Leute bei Tag und Nacht erschreckt und den Weg bald in eines großen ungeheuren Mannes, bald in eines Wolfs Gestalt vertreten oder sonst mit Tumult und Gerassel ganze Reitertrupps betört, denn der Weg geht durch Wasser und Teiche. Im Jahre 1644, im Juli, waren die Oberscheibener bei ihren Teichen im Heumachen, da kommt am Sonnabend vor dem 10. Trinitatis ein mächtiger Sturmwind mit Sausen und Pfeifen, fährt in die Teiche und wirft das Wasser hoch in die Höhe, als wenn sich zwei Pferde im Wasser miteinander schlügen, darüber erschrecken die Leute, laufen an die Heuschober, die bösen Geister aber fahren aus den Teichen in die Heuschober, spielen damit in der Luft, fahren unter die Äcker hinaus und nehmen die Wipfel oben von den Bäumen mit, wo sie angetroffen, bis gegen Crottendorf zu.

Sonntagsmärchen

Von den zwölf Monaten.

Es war eine Mutter, und die hatte zwei Töchter; die eine war ihre eigne, die andere ihre Stieftochter. Die eigne Tochter hatte sie sehr lieb, die Stieftochter konnte sie nicht einmal ansehen, blos darum, weil Maruschka schöner war, als Holena. Die gute Maruschka wußte von ihrer Schönheit nichts; sie konnte sich gar nicht erklären, warum die Mutter so böse sei, so oft sie sie ansehe. Alle Arbeit mußte sie selbst verrichten: die Stube aufräumen, kochen, waschen, nähen, spinnen, weben, Gras zutragen und die Kuh allein besorgen. Holena putzte sich nur und ging müßig. Aber Maruschka arbeitete gern, war geduldig, und ertrug das Schelten, das Fluchen der Schwester und Mutter wie ein Lamm. Allein dies half nichts, sie wurden von Tag zu Tag schlimmer, und zwar blos darum, weil Maruschka je länger, desto schöner, Holena desto garstiger ward. Die Mutter dachte: »Wozu sollt‘ ich die schöne Stieftochter im Hause leiden, wenn meine eigne Tochter nicht auch so ist? Die Bursche werden auf Brautschau kommen Maruschka wird ihnen gefallen, Holena werden sie nicht haben wollen!« Von diesem Augenblicke an suchten sie der armen Maruschka loszuwerden; sie quälten sie mit Hunger, sie schlugen sie, doch sie ertrug’s geduldig und ward von Tag zu Tag schöner. Sie ersannen Qualen, wie sie braven Menschen gar nicht in den Sinn gekommen wären.
Eines Tages – es war in der Mitte des Eismonats – wollte Holena Veilchen haben. »Geh‘, Maruschka, bring‘ mir aus dem Walde einen Veilchenstrauß! Ich will ihn hinter den Gürtel stecken und an ihn riechen!« befahl sie der Schwester. »Ach Gott, liebe Schwester, was fällt Dir bei! Hab‘ nie gehört daß unter dem Schnee Veilchen[20] wüchsen,« versetzte das arme Mädchen. »Du nichtsnutziges Ding, Du Kröte, Du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich wirst Du in den Wald gehen, und bringst Du keine Veilchen, so schlag‘ ich Dich todt!« drohte Holena. Die Stiefmutter faßte Maruschka, stieß sie zur Thür hinaus, und schloß diese hinter ihr. Das Mädchen ging bitter weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgend war eine Fußstapfe. Die Arme irrte, irrte lange. Hunger plagte sie. Kälte schüttelte sie; sie bat Gott, er möchte sie lieber aus der Welt nehmen. Da gewahrt sie in der Ferne ein Licht. Sie geht dem Glanze nach und kommt auf den Gipfel eines Berges. Auf dem Gipfel brannte ein großes Feuer, um das Feuer lagen zwölf Steine, auf den Steinen saßen zwölf Männer. Drei waren graubärtig, drei waren jünger, drei waren noch jünger, und die drei jüngsten waren die schönsten. Sie redeten nichts, sie blickten still in das Feuer. Die zwölf Männer waren die zwölf Monate. Der Eismonat saß obenan; der hatte Haare und Bart weiß wie Schnee. In der Hand hielt er einen Stab, Maruschka erschrak, und blieb eine Weile verwundert stehen; dann aber faßte sie Muth, trat näher und bat: »Liebe Leute, erlaubt mir, daß ich mich am Feuer wärme, Kälte schüttelt mich!« Der Eismonat nickte mit dem Haupte und fragte sie: »Weshalb bist Du hergekommen, Mädchen? Was suchst Du hier?« – »Ich suche Veilchen,« antwortete Maruschka. – »Es ist nicht an der Zeit, Veilchen zu suchen, wenn Schnee liegt,« sagte der Eismonat. – »Ich weiß wohl,« entgegnete Maruschka traurig, »allein Schwester Holena und die Stiefmutter haben mir befohlen, Veilchen aus dem Walde zu bringen; bring‘ ich sie nicht, so schlagen sie mich todt. Bitte schön, Ihr Hirten, sagt mir, wo ich deren finde?« Da erhob sich der Eismonat, schritt zu dem jüngsten Monat, gab ihm den Stab in die Hand, und sprach: »Bruder März, setz‘ Dich obenan!« Der Monat März setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. In dem Augenblicke loderte das Feuer höher, der Schnee begann zu thauen, Bäume trieben Knospen, unter den Buchen grünte Gras, in dem Grase keimten bunte Blumen und es war Frühling. Unter Gesträuch verborgen blühten Veilchen, und eh‘ sich Maruschka dessen versah, gab es ihrer so viele, als ob wer ein blaues Tuch ausgebreitet hätte. »Schnell, Maruschka, pflücke!« gebot der März. Maruschka pflückte freudig, bis sie einen großen Strauß beisammen[21] hatte. Dann dankte sie den Monaten und eilte froh nach Hause. Es wunderte sich Holena, es wunderte sich die Stiefmutter, als sie Maruschka sahen, wie sie einen Veilchenstrauß trug; sie gingen, ihr die Thür zu öffnen, und der Duft der Veilchen ergoß sich durch die ganze Hütte. »Wo hast Du sie gepflückt?« fragte Holena störrig. »Hoch auf dem Berge, dort wuchsen ihrer unter Gesträuch in Menge,« erwiederte Maruschka. Holena nahm die Veilchen, steckte sie hinter den Gürtel, roch an sie, und ließ die Mutter riechen; zur Schwester sagte sie nicht einmal: »Riech auch!«

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Des andern Tages saß Holena müßig beim Ofen, und es gelüstete sie nach Erdbeeren. »Geh‘, Maruschka, bring‘ mir Erdbeeren aus dem Walde!« befahl Holena der Schwester. »Ach Gott, liebe Schwester, wo werd‘ ich Erdbeeren finden! Hab‘ nie gehört, daß unter dem Schnee Erdbeeren wüchsen,« versetzte Maruschka. »Du nichtsnutziges Ding, Du Kröte, Du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich geh‘ in den Wald, und bringst Du keine Erdbeeren, wahrlich, so schlag‘ ich Dich todt!« drohte die böse Holena. Die Stiefmutter faßte Maruschka, stieß sie zur Thür hinaus, und schloß diese fest hinter ihr. Das Mädchen ging bitter weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgend war eine Fußstapfe. Die Arme irrte, irrte lange: Hunger plagte sie, Kälte schüttelte sie. Da gewahrt sie in der Ferne dasselbe Feuer, das sie den Tag zuvor gesehen. Mit Freuden eilte sie darauf zu. Sie kam wieder zu dem großen Feuer, um welches die zwölf Monate saßen. Der Eismonat saß obenan. »Liebe Leute, erlaubt mir, daß ich mich am Feuer wärme, Kälte schüttelt mich,« bat Maruschka. Der Eismonat nickte mit dem Haupte und fragte: »Warum bist Du wieder gekommen, was suchst Du?« – »Ich suche Erdbeeren,« entgegnete Maruschka. – »Es ist nicht an der Zeit, Erdbeeren zu suchen, wenn Schnee liegt,« sagte der Eismonat. »Ich weiß wohl,« antwortete Maruschka traurig, »allein Schwester Holena und meine Stiefmutter haben mir befohlen, Erdbeeren zu bringen; bring‘ ich sie nicht, so schlagen sie mich todt. Bitte schön, Ihr Hirten, sagt mir, wo ich deren finde!« Der Eismonat erhob sich, schritt zum Monat, der ihm gegenüber saß, gab ihm den Stab in die Hand und sprach: »Bruder Juni, setz‘ Dich obenan!« Der schöne Monat Juni setzte sich obenan, und schwang den Stab über dem Feuer. In[22] dem Augenblicke schlug die Flamme hoch empor, der Schnee zerschmolz alsbald, die Erde grünte, Bäume umhüllten sich mit Laub, Vögel begannen zu singen, mannichfaltige Blumen blühten im Walde und es war Sommer. Weiße Sternlein gab es, als ob sie wer dahin gesä’t hätte. Sichtbar aber verwandelten sich die weißen Sternlein in Erdbeeren, die Erdbeeren reiften schnell, und eh‘ sich Maruschka dessen versah, gab es ihrer in dem grünen Rasen, als ob wer Blut ausgegossen hätte. »Schnell, Maruschka, pflücke!« gebot der Juni. Maruschka pflückte freudig, bis sie die Schürze voll hatte. Dann dankte sie den Monaten schön, und eilte froh nach Hause. Es wunderte sich Holena, es wunderte sich die Stiefmutter, als sie sahen, daß Maruschka in der That Erdbeeren bringe, die ganze Schürze voll. Sie liefen, ihr die Thür zu öffnen, und der Duft der Erdbeeren ergoß sich durch die ganze Hütte. »Wo hast Du sie gepflückt?« fragte Holena störrig. – »Hoch auf dem Berge, dort wachsen ihrer in Fülle unter den Buchen,« erwiederte Maruschka. Holena nahm die Erdbeeren, aß sich satt, und gab auch der Mutter zu essen; zu Maruschka sagten sie nicht einmal: »Kost‘ auch!«

Holena hatten die Erdbeeren geschmeckt, und es gelüstete sie des dritten Tages nach roten Aepfeln. »Geh‘ in den Wald, Maruschka, und bring‘ mir rothe Aepfel!« befahl sie der Schwester. – »Ach Gott, liebe Schwester, woher sollten im Winter Aepfel kommen?« versetzte die arme Maruschka. – »Du nichtsnutziges Ding, Du Kröte, Du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich geh‘ in den Wald, und bringst Du keine rothen Aepfel, wahrlich, so schlag‘ ich Dich todt!« drohte die böse Holena. Die Stiefmutter faßte Maruschka, stieß sie zur Thür hinaus, und schloß diese fest hinter ihr. Das Mädchen eilte bitter weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgend war eine Fußstapfe. Allein das Mädchen irrte nicht umher, es ging gerade auf den Gipfel des Berges, wo das große Feuer brannte, wo die zwölf Monate saßen. Sie saßen dort, der Eismonat saß obenan. »Liebe Leute, erlaubt mir, daß ich mich am Feuer wärme, Kälte schüttelt mich,« bat Maruschka, und trat zum Feuer. Der Eismonat nickte mit dem Haupte und fragte: »Weshalb bist Du wieder gekommen, was suchst Du da?« – »Ich suche rothe Aepfel,« antwortete Maruschka. – »Es ist nicht an der Zeit,« sagte der Eismonat. – »Ich weiß wohl,« entgegnete Maruschka traurig, »allein Schwester Holena[23] und meine Stiefmutter haben mir befohlen, rothe Aepfel aus dem Wald zu bringen; bring‘ ich sie nicht, so schlagen sie mich todt. Bitte schön, Ihr Hirten, sagt mir, wo ich deren finde!« Da erhob sich der Eismonat, schritt zu einem der ältern Monate, gab ihm den Stab in die Hand, und sprach: »Bruder September, setz‘ Dich obenan!« Der Monat September setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. Das Feuer glühte roth, der Schnee verlor sich, aber die Bäume umhüllten sich nicht mit Laub, ein Blatt nach dem andern fiel ab, und der kühle Wind verstreute sie auf dem falben Rasen, eins dahin, das andere dorthin. Maruschka sah nicht soviele bunte Blumen. Am Thalhang blühte Altmannskraut, blühten rothe Nelken, im Thale standen gelbliche Eschen, unter den Buchen wuchs hohes Farrenkraut und dichtes Immergrün. Maruschka blickte nur nach rothen Aepfeln umher, und sie gewahrte in der That einen Apfelbaum und hoch auf ihm zwischen den Zweigen rothe Aepfel. »Schnell, Maruschka, schüttle!« gebot der September. Maruschka schüttelte freudig den Apfelbaum; es fiel ein Apfel herab. Maruschka schüttelte noch einmal; es fiel ein zweiter herab. »Schnell, Maruschka, eile nach Hause!« gebot der Monat. Maruschka gehorchte, nahm die zwei Aepfel, dankte den Monaten schön, und eilte froh nach Hause. Es wunderte sich Holena, es wunderte sich die Stiefmutter, als sie sahen, daß Maruschka Aepfel bringe. Sie gingen ihr öffnen. Maruschka gab ihnen die zwei Aepfel. »Wo hast Du sie gepflückt?« – »Hoch auf dem Berge; sie wachsen dort, und noch giebt’s ihrer dort genug,« erwiederte Maruschka. »Warum hast Du nicht mehr gebracht? Oder hast Du sie unterwegs gegessen?« fuhr Holena zornig gegen sie los. »Ach liebe Schwester, ich habe keinen Bissen gegessen. Ich schüttelte einmal, da fiel ein Apfel herab; ich schüttelte zum zweiten Mal, da fiel noch einer herab; länger zu schütteln erlaubten sie mir nicht. Sie hießen mich nach Hause gehen,« sagte Maruschka. »Daß der Donner in Dich fahre!« fluchte Holena, und wollte Maruschka schlagen. Maruschka brach in Thränen aus, und bat Gott, er solle sie lieber zu sich nehmen, und sie nicht von der bösen Schwester und Stiefmutter erschlagen lassen. Sie floh in die Küche. Die genäschige Holena ließ das Fluchen und begann einen Apfel zu essen. Der Apfel schmeckte ihr so, daß sie versicherte, noch niemals in ihrem Leben so[24] was Köstliches gegessen zu haben. Auch die Stiefmutter ließ sich’s schmecken. Sie aßen die Aepfel auf, und es gelüstete sie nach mehr. »Mutter, gieb mir meinen Pelz! ich will selbst in den Wald gehen,« sagte Holena. »Das nichtsnutzige Ding würde sie wieder unterwegs essen. Ich will schon den Ort finden, und sie alle herabschütteln, ob es wer erlaubt oder nicht!« Vergebens rieth die Mutter ab. Holena zog den Pelz an, nahm ein Tuch um den Kopf, und eilte in den Wald. Die Mutter stand auf der Schwelle, und sah Holena nach, wie es ihr gehe.
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Alles lag voll Schnee, nirgend war eine Fußstapfe zu schauen. Holena irrte, irrte lange; ihre Genäschigkeit trieb sie immer weiter. Da gewahrt sie in der Ferne ein Licht. Sie eilt darauf zu. Sie gelangt auf den Gipfel, wo das Feuer brennt, um das auf zwölf Steinen die zwölf Monate sitzen. Holena erschrickt; doch bald faßt sie sich, tritt näher zu dem Feuer, und streckt die Hände aus, um sich zu wärmen. Sie fragt die Monate nicht: »Darf ich mich wärmen?« und spricht kein Wort zu ihnen. »Was suchst Du hier, warum bist Du hergekommen!« fragt verdrießlich der Eismonat. – »Wozu fragst Du, Du alter Thor? Du brauchst nicht zu wissen, wohin ich gehe!« fertigt ihn Holena störrig ab, und wendet sich vom Feuer in den Wald. Der Eismonat runzelt die Stirn, und schwingt seinen Stab über dem Haupte. In dem Augenblicke verfinstert sich der Himmel, das Feuer brennt niedrig, es beginnt Schnee zu fallen, als ob wer ein Federbett ausschüttelte, eisiger Wind weht durch den Wald. Holena sieht nicht einen Schritt vor sich; sie irrt und irrt, und stürzt in eine Schneewehe, und ihre Glieder ermatten, erstarren. Unaufhörlich fällt Schnee, eisiger Wind weht, Holena flucht der Schwester, flucht dem lieben Gott. Ihre Glieder erfrieren in dem warmen Pelz.
Die Mutter harrte auf Holena, blickte zum Fenster hinaus, blickte zur Thür hinaus, konnte aber die Tochter nicht erharren. Stunde auf Stunde verstrich, Holena kam nicht. »Vielleicht schmecken ihr die Aepfel so gut, daß sie sich nicht von ihnen trennen kann,« dachte die Mutter, »ich muß nach ihr sehen!« Sie zog ihren Pelz an, nahm ein Tuch um den Kopf, und ging, Holena zu finden. Alles lag voll Schnee, nirgend war eine Fußstapfe zu schauen. Sie rief Holena; niemand meldete sich. Sie irrte, irrte lange; Schnee fiel dicht, eisiger Wind wehte,[25] Maruschka kochte das Essen, besorgte die Kuh; doch weder Holena, noch die Stiefmutter kam. »Wo bleiben sie so lange!« sprach Maruschka zu sich, und setzte sich zum Spinnrocken. Schon war die Spindel voll, schon dämmerte es in der Stube, und es kam weder Holena, noch die Stiefmutter. »Ach Gott, was ist ihnen zugestoßen?« klagte das gute Mädchen, und sah zum Fenster hinaus. Der Himmel strahlte von Sternen, die Erde glänzte von Schnee, es ließ sich niemand sehen; traurig schloß Maruschka das Fenster, machte das Kreuz, und betete ein Vaterunser für die Schwester und Mutter. Des andern Tages harrte sie mit dem Frühstück, harrte sie mit dem Mittagsmahl; doch sie erharrte weder Holena, noch die Stiefmutter. Beide waren im Wald erfroren. Der guten Maruschka blieb die Hütte, die Kuh und ein Stückchen Feld; es fand sich auch ein Hauswirth dazu, und Beide lebten in Frieden glücklich mit einander.[26

Sonntagsmärchen

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern, Hans Christian Andersen

Es war ganz grausam kalt; es schneite und es begann dunkler Abend zu werden; es war auch der letzte Abend im Jahre, Silvesterabend. In dieser Kälte und in diesem Dunkel ging auf der Straße ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopf und nackten Füßen. Ja, sie hatte ja freilich Pantoffeln angehabt, als sie von zu Hause wegging, aber was konnte das helfen! Es waren sehr große Pantoffeln, ihre Mutter hatte sie zuletzt benützt, so groß waren sie, und die verlor die Kleine, als sie über die Straße eilte, weil zwei Wagen so schrecklich schnell vorbeifuhren. Der eine Pantoffel war nicht zu finden, und mit dem andern lief ein Junge davon; er sagte, daß er ihn als Wiege benützen könne, wenn er selbst Kinder bekomme.

Da ging nun das kleine Mädchen auf den kleinen, nackten Füßen, die rot und blau vor Kälte waren; in einer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer, und mit einem Bund in der Hand ging sie dahin. Keiner hatte ihr während des ganzen Tages etwas abgekauft, keiner ihr einen kleinen Schilling gegeben; hungrig und verfroren ging sie dahin und sah so verschüchtert aus, das arme kleine Wurm! Die Schneeflocken fielen in ihre langen, blonden Haare, die sich so schön um den Nacken lockten; – aber an die Pracht dachte sie freilich nicht. Aus allen Fenstern leuchteten Lichte, und dann roch es da in der Straße so herrlich nach Gänsebraten; es war ja Neujahrsabend, – ja, daran dachte sie.

Hinten in einer Ecke zwischen zwei Häusern, das eine sprang ein wenig mehr in die Straße vor als das andere, da setzte sie sich hin und kauerte sich zusammen. Die kleinen Beine hatte sie hinaufgezogen unter sich, aber sie fror noch mehr und heimgehen durfte sie nicht, sie hatte ja keine Schwefelhölzer verkauft, keinen einzigen Schilling bekommen, ihr Vater würde sie schlagen. Und kalt war es auch daheim, sie hatten nur grade das Dach über sich, und da pfiff der Wind herein, obschon Stroh und Lumpen in die größten Spalten gestopft waren. Ihre kleinen Hände waren beinahe ganz tot vor Kälte. Ach, ein kleines Schwefelholz konnte gut tun! Hätte sie nur gewagt, eines aus dem Bund zu ziehen, es an der Wand anzustreichen und die Finger daran zu wärmen! Sie zog eines heraus. „Ritsch!“ wie das sprühte, wie es brannte! Es war eine warme klare Flamme wie eine kleine Kerze, als sie die Hand darum hielt; es war ein wunderbares Licht! Dem kleinen Mädchen schien es, als säße sie vor einem großen Eisenofen mit blanken Messingkugeln und Messingtrommel; das Feuer brannte so herrlich, wärmte so gut; nein, was war das! – Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen, – da erlosch die Flamme. Der Ofen verschwand, sie saß mit einem kleinen Stumpf eines abgebrannten Schwefelholzes in der Hand.

Ein neues wurde angesteckt, es brannte, es leuchtete, und wie der Schein auf die Mauer fiel, wurde sie durchsichtig wie ein Schleier; sie sah ganz bis in die Stube hinein, wo der Tisch mit einem schimmernden weißen Tuch gedeckt stand mit seinem Porzellan, und herrlich dampfte die gebratene Gans, die mit Pflaumen und Äpfeln gefüllt war; und was noch prächtiger war, die Gans sprang von der Schüssel, wackelte über den Boden mit Gabel und Messer im Rücken, ganz hin zu dem armen Mädchen kam sie; da erlosch das Schwefelholz, und es war nur die dicke, kalte Mauer zu sehen.

Sie zündete ein neues an. Da saß sie unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum, der war noch größer und noch mehr geputzt als der, den sie am letzten Weihnachtsabend durch die Glastüre bei dem reichen Kaufmann gesehen hatte. Tausend Lichte brannten an den grünen Zweigen, und bunte Bilder wie die, die die Ladenfenster schmückten, sahen auf sie herab. Die Kleine streckte beide Hände hoch, – da erlosch das Schwefelholz. Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher, sie sah, es waren nur die klaren Sterne, einer von ihnen fiel und bildete einen langen Feuerstreifen am Himmel.

„Nun stirbt da jemand!“ sagte die Kleine, denn die alte Großmutter, die die Einzige war, die gut zu ihr gewesen, aber jetzt tot war, hatte gesagt: Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele empor zu Gott!

Sie strich wieder ein Schwefelholz an die Mauer, es leuchtete im Umkreis, und in dem Glanz stand die alte Großmutter, so hell, so leuchtend, so mild und gesegnet.

„Großmutter!“ rief die Kleine, „oh, nimm mich mit! Ich weiß, du bist fort, wenn das Schwefelholz ausgeht, fort, wie der warme Ofen, der herrliche Gänsebraten und der große, prachtvolle Weihnachtsbaum!“ – Und sie strich in Eile den ganzen Rest Schwefelhölzer an, die im Bund waren, sie wollte die Großmutter recht festhalten; und die Schwefelhölzer leuchteten mit einem solchen Glanz, daß es heller war als am lichten Tag. Großmutter war früher niemals so schön gewesen, so groß; sie hob das kleine Mädchen auf ihren Arm, und sie flogen in Glanz und Freude so hoch, so hoch! Und da war keine Kälte, kein Hunger, keine Angst – sie waren bei Gott!

Aber in der Ecke beim Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit einem Lächeln um den Mund – tot, erfroren am letzten Abend des alten Jahres. Der Neujahrsmorgen ging auf über der kleinen Leiche, die mit Schwefelhölzern dasaß, von denen ein Bund fast abgebrannt war. Sie hat sich wärmen wollen, sagte man; niemand wußte, was sie Schönes gesehen, in welchem Glanz sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war!

Quelle: Märchen von Hans Christian Andersen, Berlin 1910