Archiv der Kategorie: Märchen

Sonntagsmärchen

 
Ein Mann und eine Frau hatten ein großes Kürbisfeld. Eines Tages holte sich die Frau einen besonders schönen Kürbis, um ihn zu kochen. Als sie ihn in ihre Hütte getragen hatte, wollte sie ihn gleich zurechtmachen. Da hörte sie plötzlich eine Stimme, die aus dem Kürbis herauskam und sprach: »Laß mich leben! Kochst du mich, so koche ich dich! Laß mich leben! Kochst du mich, so koche ich dich!«
Diese Worte wiederholte er fortwährend. Am liebsten hätte die erschrockene Frau ihn wieder auf das Feld gebracht, von dem sie ihn geholt hatte; aber ihr Mann arbeitete dort, und sie wußte recht gut, daß der sie nur auslachen würde, wenn sie ihm die sonderbare Geschichte von dem sprechenden Kürbis erzählte. Deshalb dachte sie, es wäre am klügsten, recht hurtig bei ihrer Arbeit zu sein, und lief hinaus zur nahen Quelle, um Wasser zum Kochen zu holen. Kaum aber hatte sie ihre Hütte verlassen, als der Kürbis sich in das Kind der Frau verwandelte, welches am Boden lag und schlief. Aus dem Kinde indessen wurde ein Kürbis, genau so schön und groß und schwer, wie der, welchen die Frau vom Felde geholt hatte. Als sie nach wenigen Minuten wieder in die Hütte trat, setzte sie schnell das Wasser auf das Feuer, schärfte sich ihr Messer und ging eiligst daran, den Kürbis zu zerschneiden. Der fing sofort wieder an zu sprechen und rief:
»Laß mich leben! Schneidest du mich, so schneide ich dich! Laß mich leben! Schneidest du mich, so schneide ich dich!«
Dieselben Worte wiederholte er die ganze Zeit, bis er in lauter kleine Stücke zerteilt war; dann warf ihn die Frau in das kochende Wasser und lief schnell hinaus zu ihrem Manne, um ihm alles zu erzählen.
Er wollte ihren Worten zwar nicht glauben, kam aber doch mit zurück zur Hütte, um den sonderbaren Kürbis zu sehen.
»Was ist das?« rief die Frau, sobald sie wieder in der Hütte war; denn auf der Erde, an der Stelle, wo ihr Kind gelegen hatte, lag ein Kürbis, und das Kind war nirgends zu finden.
Der Mann hob inzwischen den Deckel des Kochtopfes hoch, und siehe da, aus dem kochenden Wasser hüpfte frisch und munter ihm sein Kind entgegen!
»Ich bin am Leben!« sprach es. »Ein andermal aber darf meine Mutter nicht die Worte verachten, die zu ihr gesprochen sind, selbst wenn es nur ein Kürbis ist, der sie sagt.«
Der Mann und die Frau waren von Herzen froh, daß sie ihr Kind wieder hatten, und alle drei gingen zusammen auf das Kürbisfeld und trugen den großen Kürbis wieder an den Ort, auf dem er gewachsen war.[Afrika: Märchen und Sagen, der afrikanischen Neger, Zulumärchen]
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Sonntagsmärchen

Der gescheite Hans

Hansens Mutter fragt »wohin, Hans?« Hans antwortet »zur Gretel.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans eine Nadel. Hans spricht »adies, Gretel.« »Adies, Hans.«

Hans nimmt die Nadel, steckt sie in einen Heuwagen und geht hinter dem Wagen her nach Haus. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Nadel gegeben.« »Wo hast du die Nadel, Hans?« »In Heuwagen gesteckt.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest die Nadel an den Ärmel stecken.« »Tut nichts, besser machen.«

»Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans ein Messer. »Adies, Gretel.« »Adies Hans.«

Hans nimmt das Messer, steckts an den Ärmel und geht nach Haus. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Messer gegeben.« »Wo hast das Messer, Hans?« »An den Ärmel gesteckt.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest das Messer in die Tasche stecken.« »Tut nichts, besser machen.« »Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans eine junge Ziege. »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.«

Hans nimmt die Ziege, bindet ihr die Beine und steckt sie in die Tasche. Wie er nach Hause kommt, ist sie erstickt. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Ziege gegeben.« »Wo hast du die Ziege, Hans?« »In die Tasche gesteckt.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest die Ziege an ein Seil binden.« »Tut nichts, besser machen.«

»Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans ein Stück Speck. »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.«

Hans nimmt den Speck, bindet ihn an ein Seil und schleifts hinter sich her. Die Hunde kommen und fressen den Speck ab. Wie er nach Haus kommt, hat er das Seil an der Hand, und ist nichts mehr daran. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Stück Speck gegeben.« »Wo hast du den Speck, Hans?« »Ans Seil gebunden, heim geführt, Hunde weggeholt.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest den Speck auf dem Kopf tragen.« »Tut nichts, besser machen.«

»Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans ein Kalb. »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.«

Hans nimmt das Kalb, setzt es auf den Kopf, und das Kalb zertritt ihm das Gesicht. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Kalb gegeben.« »Wo hast du das Kalb, Hans?« »Auf den Kopf gesetzt, Gesicht zertreten.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest das Kalb leiten und an die Raufe stellen.« »Tut nichts, besser machen.«

»Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Machs gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.«

Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?« »Bring nichts, gegeben han.« Gretel sagt zum Hans »ich will mit dir gehn.«

Hans nimmt die Gretel, bindet sie an ein Seil, leitet sie, führt sie vor die Raufe und knüpft sie fest. Darauf geht Hans zu seiner Mutter. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast du ihr gebracht?« »Nichts gebracht.« »Was hat dir Gretel gegeben?« »Nichts gegeben, mitgegangen.« »Wo hast du die Gretel gelassen?« »Am Seil geleitet, vor die Raufe gebunden, Gras vorgeworfen.« »Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest ihr freundliche Augen zuwerfen.« »Tut nichts, besser machen.«

Hans geht in den Stall, sticht allen Kälbern und Schafen die Augen aus und wirft sie der Gretel ins Gesicht. Da wird Gretel böse, reißt sich los und lauft fort, und ist Hansens Braut gewesen.

Sonntagsmärchen

Brüder [Gebrüder] Grimm

Von dem Sommer- und dem Wintergarten

Ein Kaufmann wollte auf die Messe gehen, da fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen sollte.
Die älteste sprach: ,,Ein schönes Kleid“; die zweite: ,,Ein paar hübsche Schuhe“, die dritte: ,,Eine Rose“.
Aber die Rose zu verschaffen, war etwas schweres, weil es mitten im Winter war, doch weil die jüngste die schönste war, und sie eine große Freude an den Blumen hatte, sagte der Vater, er wolle zusehen, ob er sie bekommen könne, und sich recht Mühe darum geben. Als der Kaufmann wieder auf der Rückreise war, hatte er ein prächtiges Kleid für die älteste, und ein paar schöne Schuhe für die zweite, aber die Rose für die dritte hatte er nicht bekommen können, wenn er in einen Garten gegangen war, und nach Rosen gefragt, hatten die Leute ihn ausgelacht: ,,Ob er denn glaube, dass die Rosen im Schnee wüchsen.“

Das war ihm aber gar leid, und wie er darüber sann, ob er gar nichts für sein liebstes Kind mitbringen könne, kam er vor ein Schloss, und dabei war ein Garten, in dem war es halb Sommer und halb Winter, und auf der einen Seite blühten die schönsten Blumen gross und klein, und auf der andern war alles kahl und lag ein tiefer Schnee. Der Mann stieg vom Pferd herab, und wie er eine ganze Hecke voll Rosen auf der Sommerseite erblickte, war er froh, ging hinzu und brach eine ab, dann ritt er wieder fort.
Er war schon ein Stück Wegs geritten, da hörte er etwas hinter sich herlaufen und schnaufen, er drehte sich um, und sah ein grosses schwarzes Tier, das rief: ,,Du gibst mir meine Rose wieder, oder ich mach dich tot, du gibst mir meine Rose wieder, oder ich mach dich tot!“
Da sprach der Mann: ,,Ich bitte dich, lass mir die Rose, ich soll sie meiner Tochter mitbringen, die ist die Schönste auf der Welt.“
,,Meinetwegen, aber gib mir die schönste Tochter dafür zur Frau!“
Der Mann, um das Tier los zu werden, sagt ja, und dachte, das wird doch nicht kommen und sie fordern, das Tier aber rief noch hinter ihm drein: ,,In acht Tagen komm ich und hol meine Braut.“

Der Kaufmann brachte nun einer jeden Tochter mit, was sie gewünscht hatten; sie freuten sich auch alle darüber, am meisten aber die jüngste über die Rose.
Nach acht Tagen saßen die drei Schwestern beisammen am Tisch, da kam etwas mit schwerem Gang die Treppe herauf und an die Türe und rief: ,,Macht auf! Macht auf“.
Da machten sie auf, aber sie erschraken recht, als ein großes schwarzes Tier hereintrat. ,,Weil meine Braut nicht gekommen, und die Zeit herum ist, will ich mir sie selber holen.“ Damit ging es auf die jüngste Tochter zu und packte sie an. Sie fing an zu schreien, das half aber alles nichts, sie musste mit fort, und als der Vater nach Haus kam, war sein liebstes Kind geraubt.
Das schwarze Tier aber trug die schöne Jungfrau in sein Schloss, da war’s gar wunderbar und schön, und Musikanten waren darin, die spielten auf, und unten war der Garten halb Sommer und halb Winter, und das Tier tat ihr alles zu Liebe, was es ihr nur an den Augen absehen konnte.

Sie aßen zusammen, und sie musste ihm aufschöpfen, sonst wollte es nicht essen, da ward sie dem Tier hold, und endlich hatte sie es recht lieb.
Einmal sagte sie zu ihm: ,,Mir ist so Angst, ich weiß nicht recht warum, aber mir ist, als wär mein Vater krank, oder eine von meinen Schwestern, könnte ich sie nur ein einziges mal sehen!“
Da führte sie das Tier zu einem Spiegel und sagte: ,,Da schau hinein“, und wie sie hineinschaute, war es recht als wäre sie zu Haus; sie sah ihre Stube und ihren Vater, der war wirklich krank aus Herzeleid, weil er sich Schuld gab, dass sein liebstes Kind von einem wilden Tier geraubt und gar von ihm aufgefressen sei, hätte er gewusst, wie gut es ihm ging, so hätte er sich nicht betrübt; auch ihre zwei Schwestern sah sie am Bett sitzen, die weinten.

Von dem allen war ihr Herz ganz schwer, und sie bat das Tier, es sollte sie nur ein paar Tage wieder heim gehen lassen. Das Tier wollte lange nicht, endlich aber, wie sie so jammerte, hatte es Mitleid mit ihr und sagte: ,,Geh hin zu deinem Vater, aber versprich mir, dass du in acht Tagen wieder da sein willst.“
Sie versprach es ihm, und als sie fort ging, rief es noch: ,,Bleib aber ja nicht länger als acht Tage aus.“

Wie sie heim kam, freute sich ihr Vater, dass er sie noch einmal sähe, aber die Krankheit und das Leid haften schon zu sehr an seinem Herzen gefressen, dass er nicht wieder gesund werden konnte, und nach ein paar Tagen starb er. Da konnte sie an nichts anderes denken vor Traurigkeit, und hernach ward ihr Vater begraben, da ging sie mit zur Leiche, und dann weinten die Schwestern zusammen und trösteten sich, und als sie endlich wieder an ihr liebes Tier dachte, da waren schon längst die acht Tage herum. Da ward ihr etwas Angst, und es war ihr, als sei das auch krank, und sie machte sich gleich auf und ging wieder hin zu seinem Schloss.

Wie sie aber wieder ankam, war’s ganz still und traurig darin, die Musikanten spielten nicht, und alles war mit schwarzem Flor behangen.
Der Garten aber war ganz Winter und von Schnee bedeckt.
Und wie sie das Tier selber suchte, war es fort, und sie suchte aller Orten, aber sie konnte es nicht finden.
Da war sie doppelt traurig, und wusste sich nicht zu trösten, und einmal ging sie so traurig im Garten, und sah einen Haufen Kohlhäupter, die waren oben schon alt und faul, da legte sie die herum, und wie sie ein paar umgedreht hatte, sah sie ihr liebes Tier, das lag darunter und war tot.

Geschwind holte sie Wasser und begoss es damit unaufhörlich, da sprang es auf und war auf einmal verwandelt und ein schöner Prinz. Da ward Hochzeit gehalten und die Musikanten spielten gleich wieder, die Sommerseite im Garten kam prächtig hervor, und der schwarze Flor ward abgerissen, und sie lebten vergnügt miteinander immerdar.

Sonntagsmärchen

Hans-Christian Andersen

Hofhahn und Wetterhahn

Zwei Hähne waren da, einer auf dem Misthaufen, einer auf dem Dach, hoffärtig waren sie beide, wer von den beiden richtete aber am meisten aus? Sage uns deine Meinung, wir behalten dessen ungeachtet doch unsere eigene bei.

Der Hühnerhof war durch einen Holzzaun von einem anderen Hof getrennt, in welchem ein Misthaufen lag, und auf dem Misthaufen lag und wuchs eine große Gurke, die das Bewusstsein hatte, ein Mistbeetgewächs zu sein.

»Dazu wird man geboren«, sprach es im Innern der Gurke, »nicht alle können als Gurken geboren werden, es muss auch andere Arten geben! Die Hühner, die Enten und der ganze Viehbestand des Nachbarhofes sind auch Geschöpfe. Zu dem Hofhahn auf dem Holzzaun sehe ich nun empor, er ist freilich von ganz anderer Bedeutung als der Wetterhahn, der so hochgestellt ist und nicht einmal kämpfen, geschweige dann krähen kann; er hat weder Hühner noch Küchlein; er denkt nur an sich und schwitzt Grünspan! Nein, der Hofhahn, das ist ein Hahn! Sein Auftreten ist Tanz! Sein Krähen ist Musik; wo er hinkommt, wird es einem gleich klar, was ein Trompeter ist! Wenn er nur hier herein käme! Und wenn er mich auch mit Stumpf und Stiel auffräße, wenn ich auch in seinem Körper aufgehen müsste, es wäre ein seliger Tod!« sprach die Gurke.

Nachts kam ein entsetzliches Wetter; Hühner, Küchlein und selbst der Hahn suchten Schutz; den Holzzaun zwischen den beiden Höfen riss der Wind nieder, dass es krachte; die Dachziegel fielen herunter, aber der Wetterhahn saß fest; er drehte sich nicht einmal, er konnte sich nicht drehen, und doch war er jung, frisch gegossen, aber besonnen und gesetzt; er war alt geboren, ähnelte durchaus nicht den fliegenden Vögeln im Himmelsraum, den Sperlingen, den Schwalben, nein, die verachtete er, sie seien Piepvögel von geringer Größe, ordinäre Piepvögel! Die Tauben, meinte er, die seien groß und blank und schimmernd wie Perlmutt, sähen aus wie eine Art Wetterhahn, allein sie seien dick und dumm, ihr ganzes Sinnen und Trachten gehe darauf aus, den Wams zu füllen, auch seien sie langweilige Dinger im Umgang, sagte der Wetterhahn.

Auch die Zugvögel hatten dem Wetterhahn ihre Visite gemacht, ihm von fremden Ländern, von Luftkarawanen und haarsträubenden Räubergeschichten mit den Raubvögeln erzählt, das war neu und interessant, das heißt, das erste Mal, aber später, das wusste der Wetterhahn, wiederholten sie sich, erzählten stets dieselben Geschichten, und das ist langweilig. Sie waren langweilig, und alles war langweilig, mit niemandem konnte man Umgang pflegen, jeder und alle waren fade und borniert.

»Die Welt taugt nichts!« sprach er. »Das Ganze ist dummes Zeug!« Der Wetterhahn war, was man blasiert nennt, und diese Eigenschaft hätte ihn gewiss für die Gurke interessant gemacht, wenn sie es gewusst hätte; allein sie hatte nur Augen für den Hofhahn, und der war jetzt auf dem Hof bei ihr. Den Holzzaun hatte der Wind umgeblasen, aber das Ungewitter war vorüber.

»Was sagt ihr zu dem Hahnenschrei?« sprach der Hofhahn zu den Hühnern und Küchlein. »Das war ein wenig roh, die Eleganz fehlte.« Und Hühner und Küchlein traten auf den Misthaufen, und der Hahn betrat ihn mit Reiterschritten.

»Gartengewächs!« sprach er zu der Gurke, und durch dieses eine Wort wurde ihr seine ganze tiefe Bildung klar, und sie vergaß, dass er in sie hackte und sie auffraß. »Ein seliger Tod!«

Und die Hühner kamen, und die Küchlein kamen, und wenn das eine läuft, so läuft das andere auch, und sie glucksten und piepten, und sie schauten den Hahn an und waren stolz darauf, dass er von ihrer Art war.

»Kikeriki«, krähte er, »die Küchlein werden sofort zu großen Hühnern, wenn ich es ausschreie in den Hühnerhof der Welt!«, und Hühner und Küchlein glucksten und piepten, und der Hahn verkündete eine große Neuigkeit: »Ein Hahn kann ein Ei legen! Und wisst ihr, was in dem Ei liegt? In dem Ei liegt ein Basilisk. Den Anblick seines solchen vermag niemand auszuhalten; das wissen die Menschen, und jetzt wisst ihr es auch, wisst, was in mir wohnt, was ich für ein Allerhühnerhofskerl bin!«

Und darauf schlug der Hofhahn mit den Flügeln, ließ den Hahnenkamm schwellen und krähte wieder; und es schauderte ihnen allen, den Hühnern und den kleinen Küchlein, aber sie waren gar stolz, dass einer von ihren Leuten so ein Allerhühnerhofskerl war; sie glucksten und piepten, dass der Wetterhahn es hören musste, und er hörte es, aber er rührte sich nicht dabei.

»Das Ganze ist dummes Zeug!« sprach es im Innern des Wetterhahns. »Der Hofhahn legt keine Eier, und ich bin zu faul dazu; wenn ich wollte, ich könnte schon ein Windei legen, aber die Welt ist kein Windei wert. Das Ganze ist dummes Zeug! Jetzt mag ich nicht einmal länger hier sitzen.«

Und damit brach der Wetterhahn ab, aber er schlug nicht den Hofhahn tot, obgleich er es darauf abgesehen hatte, wie die Hühner sagten; und was sagt die Moral? »Immerhin noch besser zu krähen als blasiert zu sein und abzubrechen!

Sonntagsmärchen

Das Märchen vom Schlaraffenland

Ludwig Bechstein

Hört zu, ich will euch von einem guten Lande sagen, dahin würde mancher auswandern, wüßte er, wo selbes läge und eine gute Schiffsgelegenheit. Aber der Weg dahin ist weit für die Jungen und für die Alten, denen es im Winter zu heiß ist und zu kalt im Sommer. Diese schöne Gegend heißt Schlaraffenland, auf Welsch Cucagna, da sind die Häuser gedeckt mit Eierfladen, und Türen und Wände sind von Lebzelten und die Balken von Schweinebraten. Was man bei uns für einen Dukaten kauft, kostet dort nur einen Pfennig. Um jedes Haus steht ein Zaun, der ist von Bratwürsten geflochten und von bayerischen Wursteln, die sind teils auf dem Rost gebraten, teils frisch gesotten, je nachdem sie einer so oder so gern ißt. Alle Brunnen sind voll Malvasier und andre süße Weine, auch Champagner, die rinnen einem nur so in das Maul hinein, wenn er es an die Röhren hält. Wer also gern solche Weine trinkt, der eile sich, daß er in das Schlaraffenland hineinkomme. Auf den Birken und Weiden da wachsen die Semmeln frischbacken, und unter den Bäumen fließen Milchbäche; in diese fallen die Semmeln hinein und weichen sich selbst ein für die, so sie gern einbrocken; das ist etwas für Weiber und für Kinder, für Knechte und Mägde! Holla Gretel, holla Steffel! Wollt ihr nicht mit auswandern? Macht euch herbei zum Semmelbach und vergeßt nicht, einen großen Milchlöffel mitzubringen.

Die Fische schwimmen in dem Schlaraffenlande obendrauf auf dem Wasser, sind auch schon gebacken oder gesotten und schwimmen ganz nahe am Gestade; wenn aber einer gar zu faul ist und ein echter Schlaraff, der darf nur rufen: bst! bst – so kommen die Fische auch heraus aufs Land spaziert und hüpfen dem guten Schlaraffen in die Hand, daß er sich nicht zu bücken braucht.

Das könnt ihr glauben, daß die Vögel dort gebraten in der Luft herumfliegen, Gänse und Truthähne, Tauben und Kapaunen, Lerchen und Krammetsvögel, und wem es zu viel Mühe macht, die Hand darnach auszustrecken, dem fliegen sie schnurstracks ins Maul hinein. Die Spanferkel geraten dort alle Jahr überaus trefflich; sie laufen gebraten umher und jedes trägt ein Tranchiermesser im Rücken, damit, wer da will, sich ein frisches, saftiges Stück abschneiden kann.

Die Käse wachsen in dem Schlaraffenlande wie die Steine, groß und klein; die Steine selbst sind lauter Taubenkröpfe mit Gefülltem, oder auch kleine Fleischpastetchen. Im Winter, wenn es regnet, so regnet es lauter Honig in süßen Tropfen, da kann einer lecken und schlecken, daß es eine Lust ist, und wenn es schneit, so schneit es klaren Zucker, und wenn es hagelt, so hagelt es Würfelzucker, untermischt mit Feigen, Rosinen und Mandeln.

Im Schlaraffenland legen die Rosse keine Roßäpfel, sondern Eier, große, ganze Körbe voll, und ganze Haufen; so daß man tausend um einen Pfennig kauft. Und das Geld kann man von den Bäumen schütteln, wie Kästen (gute Kastanien). Jeder mag sich das Beste herunterschütteln und das Minderwerte liegen lassen.

In dem Lande hat es auch große Wälder, da wachsen im Buschwerk und auf Bäumen die schönsten Kleider: Röcke, Mäntel, Schauben, Hosen und Wämser von allen Farben, schwarz, grün, gelb, (für die Postillons) blau oder rot, und wer ein neues Gewand braucht, der geht in den Wald und wirft es mit einem Stein herunter, oder schießt mit dem Bolzen hinauf. In der Heide wachsen schöne Damenkleider von Sammet, Atlas, Gros de Naples, Barege, Madras, Taft, Nanking usw. Das Gras besteht aus Bändern von allen Farben, auch schattiert. Die Wacholderstöcke tragen Broschen und goldne Chemisett- und Mantelettnadeln, und ihre Beeren sind nicht schwarz, sondern echte Perlen. An den Tannen hängen Damenuhren und Chatelaines sehr künstlich. Auf den Stauden wachsen Stiefeln und Schuhe, auch Herren- und Damenhüte, Reisstrohhüte und Marabouts und allerlei Kopfputz mit Paradiesvögeln, Kolibris, Brillantkäfern, Perlen, Schmelz und Goldborten verziert.

Dieses edle Land hat auch zwei große Messen und Märkte mit schönen Freiheiten. Wer eine alte Frau hat und mag sie nicht mehr, weil sie ihm nicht mehr jung genug und hübsch ist, der kann sie dort gegen eine junge und schöne vertauschen und bekommt noch ein Draufgeld. Die alten und garstigen (denn ein Sprichwort sagt: wenn man alt wird, wird man garstig) kommen in ein Jungbad, damit das Land begnadigt ist, das ist von großen Kräften; darin baden die alten Weiber etwa drei Tage oder höchstens vier, da werden schmucke Dirnlein daraus von siebzehn oder achtzehn Jahren.

Auch viel und mancherlei Kurzweil gibt es in dem Schlaraffenlande. Wer hierzulande gar kein Glück hat, der hat es dort im Spiel und Lustschießen, wie im Gesellenstechen. Mancher schießt hier alle sein Lebtag nebenaus und weit vom Ziel, dort aber trifft er, und wenn er der allerweiteste davon wäre, doch das Beste. Auch für die Schlafsäcke und Schlafpelze, die hier von ihrer Faulheit arm werden, daß sie Bankrott machen und betteln gehen müssen, ist jenes Land vortrefflich. Jede Stunde Schlafens bringt dort einen Gulden ein und jedesmal Gähnen einen Doppeltaler. Wer im Spiel verliert, dem fällt sein Geld wieder in die Tasche. Die Trinker haben den besten Wein umsonst und von jedem Trunk und Schluck drei Batzen Lohn, sowohl Frauen als Männer. Wer die Leute am besten necken und aufziehen kann, bekommt jeweilen einen Gulden. Keiner darf etwas umsonst tun, und wer die größte Lüge macht, der hat allemal eine Krone dafür.

Hierzulande lügt so mancher drauf und drein und hat nichts für diese seine Mühe; dort aber hält man Lügen für die beste Kunst, daher lügen sich wohl in das Land allerlei Prokura-, Dok- und andere toren, Roßtäuscher und die ***r Handwerksleute, die ihren Kunden stets aufreden und nimmer Wort halten.

Wer dort ein gelehrter Mann sein will, muß auf einen Grobian studiert haben. Solcher Studenten gibt’s auch bei uns zulande, haben aber keinen Dank davon und keine Ehren. Auch muß er dabei faul und gefräßig sein, das sind drei schöne Künste. Ich kenne einen, der kann alle Tage Professor werden.

Wer gern arbeitet, Gutes tut und Böses läßt, dem ist jedermann dort abhold, und er wird Schlaraffenlandes verwiesen. Aber wer tölpisch ist, gar nichts kann und dabei doch voll dummen Dünkels, der ist dort als ein Edelmann angesehen. Wer nichts kann, als schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Der aber, welchen das allgemeine Stimmrecht als den Faulsten und zu allem Guten Untauglichsten erkannt, der wird König über das ganze Land und hat ein großes Einkommen.

Nun wißt ihr des Schlaraffenlandes Art und Eigenschaft. Wer sich also auftun und dorthin eine Reise machen will, aber den Weg nicht weiß, der frage einen Blinden; aber auch ein Stummer ist gut dazu, denn er sagt ihm gewiß keinen falschen Weg.

Um das ganze Land herum ist aber eine berghohe Mauer von Reisbrei. Wer hinein oder heraus will, muß sich da erst überzwerch durchfressen.

Sonntagsmärchen

Hans Christian AndersenSämmtliche Märchen, 1862Die kleine SeejungfrauWeit draußen im Meere ist das Wasser so blau, wie die Blätter der schönsten Kornblume, und so klar, wie das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer, als irgend ein Ankertau reicht; viele Kirchthürme müßten auf einander gestellt werden, um vom Boden bis über das Wasser zu reichen. Dort unten wohnt das Meervolk.
Nun muß man aber nicht glauben, daß da nur der nackte weiße Sandboden sei; nein, da wachsen die sonderbarsten Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stiel und in den Blättern sind, daß sie sich bei der geringsten Bewegung des Wassers rühren, gerade als ob sie lebten. Alle Fische, kleine und große, schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch, ebenso wie hier oben die Vögel durch die Bäume. An der allertiefsten Stelle liegt des Meerkönigs Schloß; die Mauern sind von Korallen und die langen spitzen Fenster vom allerklarsten Bernstein; aber das Dach bilden Muschelschalen, die sich öffnen und schließen, jenachdem das Wasser strömt. Es sieht herrlich aus, denn in jeder liegen strahlende Perlen; eine einzige davon würde großen Werth in der Krone einer Königin haben.
Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Wittwer, während seine alte Mutter bei ihm wirthschaftete. Sie war eine kluge Frau, aber stolz auf ihren Adel; deshalb trug sie zwölf Austern auf dem Schwanze, die andern Vornehmen aber durften nur sechs tragen. – Sonst verdiente sie großes Lob, besonders weil sie viel von den kleinen Meerprinzessinnen, ihren Enkelinnen, hielt. Es waren sechs schöne Kinder, aber die Jüngste war die Schönste von allen; ihre Haut war so klar und fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See; aber ebenso, wie alle die Anderen, hatte sie keine Füße; der Körper endete in einen Fischschwanz.
Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse, in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden hervorwuchsen, spielen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu ihnen herein, ebenso wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir aufmachen; doch die Fische schwammen gerade zu den Prinzessinnen hin, fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln.
Draußen vor dem Schlosse war ein großer Garten mit feuerrothen und dunkelblauen Bäumen; die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, indem sie fortwährend Stengel und Blätter bewegten. Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau, wie die Schwefelflamme. Ueber dem Ganzen dort unten lag ein eigenthümlich blauer Schein; man hätte eher glauben mögen, daß man hoch in der Luft stehe und nur Himmel über und unter sich habe, als daß man auf dem Grunde des Meeres sei. Während der Windstille konnte man die Sonne erblicken; sie erschien wie eine Purpurblume, aus deren Kelch alles Licht ausströmte.
Eine jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen Fleck im Garten, wo sie graben und pflanzen konnte, wie es ihr gefiel. Die Eine gab ihrem Blumenfleck die Gestalt eines Walfisches; einer Andern gefiel es besser, daß der ihrige einem kleinen Meerweibe gleiche; aber die Jüngste machte den ihrigen ganz rund, der Sonne gleich, und hatte Blumen, die roth wie diese schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenklich; und wenn die andern Schwestern mit den sonderbarsten Sachen, welche sie von gestrandeten Schiffen erhalten hatten, prunkten, wollte sie außer den rosenrothen Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche Marmorstatue haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem Stein gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund gekommen war. Sie pflanzte bei der Statue eine rosenrothe Trauerweide; die wuchs herrlich und hing mit ihren frischen Zweigen über derselben, gegen den blauen Sandboden hinunter, wo der Schatten sich violet zeigte und, gleich den Zweigen, in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln mit einander spielten, als wollten sie sich küssen.
Es gab keine größere Freude für sie, als von der Menschenwelt dort oben zu hören; die alte Großmutter mußte Alles, was sie von Schiffen und Städten, Menschen und Thieren wußte, erzählen; hauptsächlich erschien ihr ganz besonders schön, daß oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das thaten sie auf dem Grunde des Meeres nicht, und daß die Wälder grün wären, und daß die Fische, die man dort zwischen den Bäumen erblickte, so laut und herrlich singen könnten, daß es eine Lust sei. Es waren die kleinen Vögel, welche die Großmutter Fische nannte, denn sonst konnten sie sie nicht verstehen, da sie noch keinen Vogel erblickt hatten.
„Wenn Ihr Euer funfzehntes Jahr erreicht habt,“ sagte die Großmutter, „dann sollt Ihr die Erlaubniß erhalten, aus dem Meere emporzutauchen, im Mondschein auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe, die vorbeisegeln, zu sehen. Wälder und Städte werdet Ihr dann erblicken!“ In dem kommenden Jahre war die eine der Schwestern funfzehn Jahr, aber von den andern war die eine immer ein Jahr jünger, als die andere; die jüngste von ihnen hatte demnach noch volle fünf Jahre, bevor sie aus dem Grunde des Meeres hinaufkommen und sehen konnte, wie es bei uns aussehe. Aber die Eine versprach der Andern, zu erzählen, was sie erblickt und was sie am ersten Tage am schönsten gefunden habe; denn ihre Großmutter erzählte ihnen nicht genug; da war so Vieles, worüber sie Auskunft haben wollten.
Keine war so sehnsüchtig, als die Jüngste, gerade sie, die noch die längste Zeit zu warten hatte und die so still und gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue Wasser empor, wie die Fische mit ihren Flossen und Schweifen plätscherten. Mond und Sterne konnte sie sehen; freilich schienen diese ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie weit größer aus, als vor unsern Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter ihnen hin: so wußte sie, daß es entweder ein Walfisch sei, der über ihr schwamm, oder auch ein Schiff mit vielen Menschen; die dachten sicher nicht daran, daß eine liebliche kleine Seejungfrau unten stehe und ihre weißen Hände gegen den Kiel emporstrecke.
Nun war die älteste Prinzessin funfzehn Jahr und durfte zu der Meeresfläche emporsteigen.
Als sie zurückkehrte, hatte sie Hunderterlei zu erzählen, aber das Schönste, sagte sie, sei, im Mondschein auf einer Sandbank in der ruhigen See zu liegen und nahebei die Küste mit der großen Stadt zu betrachten, wo die Lichter gleich hundert Sternen blinkten, die Musik und den Lärm und das Toben von Wagen und Menschen zu hören, die vielen Kirchthürme zu sehen und das Läuten der Glocken zu vernehmen. Gerade weil sie nicht da hinauf gelangen konnte, sehnte sie sich am allermeisten nach allem Diesen.
O! wie horchte nicht die jüngste Schwester auf, und wenn sie später des Abends am offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser emporblickte, gedachte sie der großen Stadt mit all dem Lärmen und Toben; und dann glaubte sie die Kirchenglocken bis zu sich herunter läuten hören zu können.
Im folgenden Jahre erhielt die zweite Schwester die Erlaubniß, aus dem Wasser emporzusteigen und zu schwimmen, wohin sie wolle. Sie tauchte auf, gerade als die Sonne unterging, und dieser Anblick, fand sie, sei das Schönste. Der ganze Himmel habe wie Gold ausgesehen, sagte sie, und die Wolken, ja, deren Schönheit konnte sie nicht genug beschreiben! Roth und violet waren sie über ihr dahin gesegelt, aber weit schneller, als diese, flog, einem langen weißen Schleier gleich, ein Schwarm wilder Schwäne über das Wasser hin, wo die Sonne stand. Sie schwamm derselben entgegen, aber die Sonne sank und der Rosenschein erlosch auf der Meeresfläche und in den Wolken.
Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie war die dreisteste von allen, deshalb schwamm sie einen breiten Fluß aufwärts, der in das Meer ausmündete. Herrliche grüne Hügel mit Weinranken erblickte sie; Schlösser und Burgen schimmerten durch prächtige Wälder hervor; sie hörte, wie alle Vögel sangen; und die Sonne schien so warm, daß sie oft unter das Wasser tauchen mußte, um ihr brennendes Antlitz abzukühlen. In einer kleinen Bucht traf sie einen ganzen Schwarm kleiner Menschenkinder. Diese waren völlig nackt und plätscherten im Wasser; sie wollte mit ihnen spielen, aber die flohen erschrocken davon, und es kam ein kleines schwarzes Thier, das war ein Hund – aber sie hatte nie einen Hund gesehen -, der bellte sie so erschrecklich an, daß sie ängstlich wurde und die offene See zu erreichen suchte. Doch nie konnte sie die prächtigen Wälder, die grünen Hügel und die niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser schwimmen konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten.
„Die vierte Schwester war nicht so dreist; sie blieb draußen mitten im wilden Meere und erzählte, daß es gerade dort am schönsten sei! Man sehe rings umher viele Meilen weit, und der Himmel stehe wie eine Glasglocke darüber. Schiffe hatte sie gesehen, aber nur in weiter Ferne; die sahen wie Möven aus, und die possirlichen Delphine hatten Purzelbäume geschossen, und die großen Walfische aus ihren Nasenlöchern Wasser emporgespritzt, sodaß es ausgesehen hatte, wie Hunderte von Springbrunnen rings umher.
Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester; ihr Geburtstag war gerade im Winter, und deshalb sah sie, was die andern das erste Mal nicht gesehen hatten. Die See nahm sich ganz grün aus, und rings umher schwammen große Eisberge; ein jeder sah wie eine Perle aus, sagte sie, und war doch weit größer, als die Kirchthürme, welche die Menschen bauen. Sie zeigten sich in den sonderbarsten Gestalten und glänzten wie Diamanten. Sie hatte sich auf einen der allergrößten gesetzt, und alle Segler kreuzten erschrocken draußen herum, wo sie saß und den Wind mit ihrem langen Haare spielen ließ; aber gegen Abend wurde der Himmel mit Wolken überzogen; es blitzte und donnerte, während die schwarze See die großen Eisblöcke hoch emporhob und sie im rothen Blitz erglänzen ließ. Auf allen Schiffen reffte man die Segel ein; da war eine Angst und ein Grauen. Aber sie saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberge und sah die blauen Blitzstrahlen im Zickzack in die schimmernde See fahren.
Das erste Mal, wenn eineWeiterlesen hier:https://maerchen.com/andersen/die-kleine-seejungfrau.php

Sonntagsmärchen

Hans-Christian Andersen

Das häßliche junge Entlein.Es war herrlich draußen auf dem Lande; es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt, und da ging der Storch auf seinen langen rothen Beinen und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Mutter gelernt. Rings um den Acker und die Wiese waren große Wälder und mitten in den Wäldern tiefe Seen, ja es war wirklich herrlich da draußen auf dem Lande! Mitten im Sonnenschein lag dort ein altes Rittergut, von tiefen Kanälen umgeben, und von der Mauer bis zum Wasser herunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch waren, daß kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten; es war aber so wild darin, wie im tiefsten Walde. Hier saß eine Ente auf dem Neste, welche ihre Jungen ausbrüten mußte, aber es wurde ihr fast zu langweilig, ehe die Jungen kamen, dazu bekam sie selten Besuch; die andern Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als daß sie hinauf liefen, sich unter ein Klettenblatt zu setzen und mit ihr zu schnattern.Endlich borst ein Ei nach dem andern. »Piep, piep!« sagte es und alle Eidotter waren lebendig geworden und die jungen Entlein steckten den Kopf heraus.»Rapp, rapp!« sagte sie, und so rappelten sich alle, was sie konnten, und sahen nach allen Seiten unter den grünen Blättern, und die Mutter ließ sie sehen, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen.»Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen; denn nun hatten sie freilich ganz anders Platz, als wie sie noch drinnen im Ei lagen.»Glaubt Ihr, daß dieß die ganze Welt sei?« sagte die Mutter. »Die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, gerade hinein in des Pfarrers Feld, aber da bin ich noch nie gewesen! Ihr seid doch alle beisammen?« fuhr sie fort, und so stand sie auf. »Nein, ich habe noch nicht alle, das größte Ei liegt noch da. Wie lange soll das noch währen? Jetzt bin ich es bald überdrüssig!« Und so setzte sie sich wieder.»Nun, wie geht es?« sagte eine alte Ente, welche gekommen war, um ihr einen Besuch abzustatten.»Es währt so lange mit dem einen Ei!« sagte die Ente, die da saß; es will nicht entzwei gehen; doch blicke nur auf die andern hin, sind sie nicht die niedlichsten Entlein, die man je gesehen? Sie gleichen allesammt ihrem Vater; der Bösewicht kommt nicht, mich zu besuchen.«»Laß mich das Ei sehen, welches nicht bersten will!« sagte die Alte. »Glaube mir, es ist ein Kalekutenei; ich bin auch einmal so angeführt worden, und hatte meine große Sorge und Noth mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser. Ich konnte sie nicht hinein bekommen, ich rappte und schnappte, aber es half nichts. Laß mich das Ei sehen. Ja, das ist ein Kalekutenei, laß Du das liegen und lehre lieber die andern Kinder schwimmen.«»Ich will doch noch ein bischen darauf sitzen«, sagte die Ente, »habe ich nun so lange gesessen, kann ich auch noch einige Zeit sitzen.«»Nach Belieben,« sagte die alte Ente und ging von dannen.Endlich borst das große Ei. »Piep, piep!« sagte das Junge und kroch heraus; es war groß und häßlich. Die Ente betrachtete es. »Das ist doch ein gewaltig großes Entlein«, sagte sie; »keins von den andern sieht so aus; sollte es doch ein kalekutisches Küchlein sein? Nun, wir wollen bald dahinter kommen; in das Wasser muß es, ob ich es auch selbst hineinstoßen soll.«Am nächsten Tage war schönes, herrliches Wetter. Die Sonne schien auf all‘ die grünen Kletten. Die Entleinmutter ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Kanal hinunter; platsch; da sprang sie in das Wasser. »Rapp, rapp!« sagte sie, und ein Entlein plumpste nach dem andern hinein; das Wasser schlug ihnen über dem Kopfe zusammen, aber sie kamen gleich wieder empor und schwammen so prächtig, die Beine gingen von selbst, und alle waren sie darin, selbst das häßliche, graue Junge schwamm mit.»Nein, es ist kein Kalekut«, sagte sie; »sieh, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält, es ist mein eigenes Kind. Im Grunde ist es doch ganz hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp, rapp! – Kommt nur mit mir, ich werde Euch in die große Welt führen, Euch im Entenhof vorstellen, aber haltet Euch immer nahe zu mir, damit Niemand auf Euch trete, und nehmt Euch vor den Katzen in Acht!«Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Da drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn da waren zwei Familien, die sich um einen Aalkopf bissen, und am Ende bekam ihn doch die Katze.»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte die Entenmutter und wetzte ihren Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Braucht nur die Beine!« sagte sie. »Seht, daß Ihr Euch rappeln könnt, und neigt Euren Hals vor der alten Ente dort; sie ist die vornehmste von allen hier; sie ist aus spanischem Geblüt, deßwegen ist sie so dick; und seht Ihr, sie hat einen rothen Lappen um das Bein, das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche einer Ente zu Theil werden kann; das bedeutet so viel, daß man sie nicht verlieren will und daß sie von Thier und Menschen erkannt werden soll! Rappelt Euch; setzt die Füße nicht einwärts. Ein wohlerzogenes Entlein setzt die Füße weit von einander, gerade wie Vater und Mutter; seht, so! Nun neigt Euern Hals und sagt: Rapp!«Und das thaten sie; aber die anderen Enten ringsumher betrachteten sie und sagten ganz laut: »Sieh da! Nun sollen wir noch den Anhang haben, als ob wir nicht schon genug wären, und pfui! wie das eine Entlein aussieht, das wollen wir nicht dulden!« Und sogleich flog eine Ente hin und biß es in den Nacken.»Laß es in Ruhe!« sagte die Mutter. »Es thut ja Niemand etwas.«»Ja, aber es ist so groß und ungewöhnlich«, sagte die beißende Ente, »und deßhalb muß es gepufft werden.«»Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat,« sagte die Ente mit dem Lappen um das Bein. »Alle zusammen schön, bis auf das eine, das ist nicht geglückt; ich möchte wünschen, daß sie es umarbeiten könnte.«»Das geht nicht, Ihro Gnaden«, sagte die Entleinmutter; »es ist nicht hübsch, aber es hat ein gutes Gemüth und schwimmt so herrlich wie eins von den andern, ja, ich darf sagen, noch etwas besser; ich denke, es wird hübsch heranwachsen und mit der Zeit etwas kleiner werden; es hat so lange in dem Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen!« Und so zupfte sie es im Nacken und glättete das Gefieder. »Es ist überdieß ein Entrich,« sagte sie, »und darum macht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen, er schlägt sich schon durch.«»Die andern Entlein sind niedlich,« sagte die Alte. »Thut nun, als ob Ihr zu Hause wäret, und findet Ihr einen Aalkopf, so könnt Ihr mir ihn bringen.«Und so waren sie wie zu Hause.Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so häßlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und zum Besten gehalten, und das sowohl von den Enten wie von den Hühnern. »Es ist zu groß«, sagten sie allesammt, und der talekutische Hahn, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, daß er Kaiser sei, blies sich wie ein Fahrzeug mit vollen Segeln auf, ging gerade auf dasselbe los, und dann kollerte er und wurde ganz roth am Kopfe. Das arme Entlein wußte weder, wo es stehen noch gehen sollte; es war betrübt, weil es häßlich aussah und vom ganzen Entenhofe verspottet wurde.So ging es den ersten Tag, und später wurde es schlimmer und schlimmer. Das Entlein wurde von Allen gejagt, selbst seine Geschwister waren böse gegen dasselbe und sagten immer: »Wenn die Katze Dich nur fangen möchte, Du häßliches Geschöpf!« und die Mutter sagte: »Wenn Du nur weit fort wärest!« Die Enten bissen es, und die Hühner schlugen es, und das Mädchen, welches die Thiere füttern sollte, stieß mit dem Fuße darnach.Da lief und flog es über das Gehege; die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken auf. »Das geschieht, weil ich häßlich bin!« dachte das Entlein und schloß die Augen, lief aber gleichwohl weiter; so kam es hinaus zu dem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht, es war sehr müde und kummervoll.Am Morgen flogen die wilden Enten auf und sie betrachteten den neuen Kameraden. »Was bist Du für einer ?« fragten sie, und das Entlein wandte sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte.»Du bist außerordentlich häßlich!« sagten die wilden Enten. »Aber das kann uns gleichgiltig sein, wenn Du Dich nur nicht in unsere Familie hinein heirathest.« Das Arme dachte wahrlich nicht daran, sich zu verheirathen, wenn es nur die Erlaubnis hatte, im Schilfe zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken.So lag es ganze zwei Tage. Da kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche dorthin; es war noch nicht lange her, daß sie aus dem Ei gekrochen waren, und deshalb waren sie auch so keck.»Höre, Kamerad«, sagten sie, »Du bist so häßlich, daß wir Dich gut leiden mögen; willst Du mitziehen und Zugvogel sein? Hier nahebei in einem andern Moor giebt es einige liebliche, wilde Gänse, alle zusammen Fräulein, die da Rapp! sagen können. Du bist im Stande, Dein Glück zu machen, so häßlich Du auch bist!«»Piff, paff!« ertönte es und beide wilde Gänseriche fielen todt in das Schilf nieder, und das Wasser wurde blutroth. »Piff, paff!« erscholl es wieder, und ganze Schaaren wilder Gänse flogen aus dem Schilfe auf, und dann knallte es wieder. Es war große Jagd; die Jäger lagen rings um das Rohr herum, ja einige saßen oben in den Baumzweigen, welche sich weit über das Schilf hinstreckten, der blaue Dampf zog gleich Wolken in die dunklen Bäume hinein und ging weit über das Wasser hin; zum Moor kamen die Jagdhunde: platsch! platsch! – das Schilf und Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entlein; es wendete den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, und im selben Augenblick stand ein fürchterlich großer Hund dicht bei dem Entlein, die Zunge hing ihm lang aus dem Halse heraus, und die Augen leuchteten greulich häßlich; er streckte seinen Rachen dem Entlein gerade entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – platsch! platsch! ging er wieder, ohne es zu packen.»O, Gott sei Dank!« seufzte das Entlein, »ich bin so häßlich, daß mich selbst der Hund nicht beißen mag!«So lag es ganz still, wahrend der Bleihagel durch das Schilf sauste und Schuß auf Schuß knallte.Erst spät am Tage wurde es still, aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben; es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moor, so schnell es konnte; es lief über Feld und Wiese

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Sonntagsmärchen

Hans Christian AndersenSämmtliche Märchen, 1862Der Rosen-Elf

Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war ganz voller Rosen; und in einer derselben, der schönsten von allen, wohnte ein Elf. Er war so winzig klein, daß kein menschliches Auge ihn erblicken konnte. Hinter jedem Blatte in der Rose hatte er eine Schlafkammer. Er war so wohlgebildet und schön, wie nur ein Kind sein konnte, und hatte Flügel von den Schultern bis hinunter zu den Füßen. O, welcher Duft war in seinen Zimmern, und wie klar und schön waren die Wände! Es waren ja die blaßrothen Rosenblätter.
Den ganzen Tag erfreute er sich im warmen Sonnenschein, flog von Blume zu Blume, tanzte auf den Flügeln des fliegenden Schmetterlings und maß, wie viele Schritte er zu gehen habe, um über alle Landstraßen und Stege zu gelangen, welche auf einem einzigen Lindenblatte sind. Das war, was wir die Adern im Blatte nennen, die er für Landstraßen und Stege hielt. Ja, das waren ewige Wege für ihn! Ehe er damit fertig wurde, ging die Sonne unter: er hatte auch so spät damit angefangen!

Es wurde so kalt, der Tau fiel und der Wind wehte; nun war es das Beste, nach Hause zu kommen. Er tummelte sich, was er konnte; aber die Rose hatte sich geschlossen; er konnte nicht hineingelangen; – keine einzige Rose stand geöffnet. Der arme kleine Elf erschrak sehr. Er war früher nie des Nachts ausgewesen, hatte immer so süß hinter den warmen Rosenblättern geschlummert: o, das wird sicher sein Tod werden!
Am andern Ende des Gartens, wußte er, befand sich eine Laube mit schönem Jelängerjelieber; die Blüthen sahen wie große bemalte Hörner aus; in eine derselben wollte er hinabsteigen und bis morgen schlafen.
Er flog dahin. Still! Es waren zwei Menschen darin: ein junger, hübscher Mann und ein schönes Mädchen. Sie saßen nebeneinander und wünschten, daß sie sich nie zu trennen brauchten. Sie waren einander so gut, weit mehr noch, als das beste Kind seiner Mutter und seinem Vater sein kann.
„Dennoch müssen wir uns trennen!“ sagte der junge Mann. „Dein Bruder mag uns nicht leiden, deshalb sendet er mich mit einem Auftrage so weit über Berge und Seen fort! Lebe wohl, meine süße Braut, denn das bist Du doch!“
Und dann küßten sie sich, und das junge Mädchen weinte und gab ihm eine Rose. Aber bevor sie ihm diese reichte, drückte sie einen Kuß so fest und innig darauf, daß die Blume sich öffnete. Da flog der kleine Elf in diese hinein und lehnte sein Haupt gegen die feinen, duftenden Wände; hier konnte er gut hören, daß Lebewohl gesagt wurde, lebe wohl! Und er fühlte, daß die Rose ihren Platz an des jungen Mannes Brust erhielt. – O, wie schlug doch das Herz drinnen! Der kleine Elf konnte gar nicht einschlafen, so pochte es.
Aber nicht lange ruhte die Rose auf der Brust ungestört. Der Mann nahm sie hervor, und während er einsam in dem dunkeln Walde ging, küßte er die Blume, o, so oft und so heftig, daß der kleine Elf fast erdrückt wurde. Er konnte durch das Blatt fühlen, wie die Lippen des Mannes brannten, und die Rose selbst hatte sich wie bei der stärksten Mittagssonne geöffnet.
Da kam ein anderer Mann, finster und böse; es war des hübschen Mädchens schlechter Bruder. Der zog ein scharfes Messer hervor, und während Jener die Rose küßte, stach der schlechte Mann ihn todt, schnitt seinen Kopf ab und begrub ihn mit dem Körper in der weichen Erde unter dem Lindenbaume.
„Nun ist er vergessen und fort!“ dachte der schlechte Bruder; „er kommt nie mehr zurück. Eine lange Reise sollte er machen, über Berge und Seen: da kann man leicht das Leben verlieren, und das hat er verloren. Er kommt nicht mehr zurück, und mich darf meine Schwester nicht nach ihm fragen.“
Dann scharrte er mit dem Fuße verdorrte Blätter über die lockere Erde und ging wieder in der dunkeln Nacht nach Hause.

Aber er ging nicht allein, wie er glaubte: der kleine Elf begleitete ihn. Der saß in einem vertrockneten, aufgerollten Lindenblatte, welches dem bösen Manne, als er grub, in die Haare gefallen war. Der Hut war nun darauf gesetzt; es war so dunkel darin, und der Elf zitterte vor Schreck und Zorn über die schlechte That.
In der Morgenstunde kam der böse Mann nach Hause; er nahm seinen Hut ab und ging in der Schwester Schlafkammer hinein. Da lag das schöne, blühende Mädchen und träumte von ihm, dem sie so gut war und von dem sie nun glaubte, daß er über Berge und durch Wälder ginge. Und der böse Bruder neigte sich über sie und lachte häßlich, wie nur ein Teufel lachen kann. Da fiel das trockene Blatt aus seinem Haare auf die Bettdecke nieder; aber er bemerkte es nicht und ging hinaus, um in der Morgenstunde selbst ein wenig zu schlafen. Aber der Elf schlüpfte aus dem verdorrten Blatte, setzte sich in das Ohr des schlafenden Mädchens und erzählte ihr, wie in einem Traume den schrecklichen Mord; beschrieb ihr den Ort, wo der Bruder ihn erschlagen und seine Leiche verscharrt hatte; erzählte von dem blühenden Lindenbaume dicht dabei und sagte: „Damit Du nicht glaubest, daß es nur ein Traum ist, was ich Dir erzählt habe, so wirst Du auf Deinem Bette ein verdorrtes Blatt finden!“ Und das fand sie, als sie erwachte.
O, welche bittere Thränen weinte sie! Und Niemandem durfte sie ihren Schmerz anvertrauen. Das Fenster stand den ganzen Tag offen: der kleine Elf konnte leicht zu den Rosen und all den übrigen Blumen in dem Garten hinausgelangen. Aber er konnte es nicht über sein Herz bringen, die Betrübte zu verlassen. Im Fenster stand ein Strauch mit Monatsrosen: in eine der Blumen setzte er sich und betrachtete das arme Mädchen. Ihr Bruder kam oft in die Kammer hinein. Und er war so heiter und so schlecht, sie aber durfte kein Wort über ihren Herzenskummer sagen.
Sobald es Nacht wurde, schlich sie sich aus dem Hause, ging im Walde nach der Stelle, wo der Lindenbaum stand, nahm die Blätter von der Erde, grub dieselbe auf und fand ihn gleich, der erschlagen worden war. O, wie weinte sie und bat den lieben Gott, daß auch sie bald sterben möge!
Gern hätte sie die Leiche mit sich nach Hause genommen, aber das konnte sie nicht. Da nahm sie das bleiche Haupt mit den geschlossenen Augen, küßte den kalten Mund und schüttelte die Erde aus seinem schönen Haar. „Das will ich behalten!“ sagte sie. Und als sie Erde und Blätter auf den todten Körper gelegt hatte, nahm sie den Kopf und einen kleinen Zweig von dem Jasminstrauch, der im Walde blühete, wo er begraben war, mit sich nach Hause.

Sobald sie in ihrer Stube war, holte sie sich den größten Blumentopf, der zu finden war; in diesen legte sie des Todten Kopf, schüttete Erde darauf und pflanzte dann den Jasminzweig in den Topf.
„Lebe wohl! Lebe wohl!“ flüsterte der kleine Elf; er konnte es nicht länger ertragen, all diesen Schmerz zu sehen, und flog deshalb hinaus zu seiner Rose im Garten. Aber die war abgeblüht; es hingen nur einige bleiche Blätter an der grünen Hagebutte.
„Ach, wie bald ist es doch mit all dem Schönen und Guten vorbei!“ seufzte der Elf. Zuletzt fand er wieder eine Rose; die wurde sein Haus; hinter ihren feinen und duftenden Blättern konnte er hausen und wohnen.
Jeden Morgen flog er nach dem Fenster des armen Mädchens, und da stand sie immer bei dem Blumentopf und weinte. Die bittern Thränen fielen auf den Jasminzweig, und mit jedem Tage, an welchem sie bleicher und bleicher wurde, stand der Zweig frischer und grüner da; der eine Schoß trieb nach dem andern hervor; kleine weiße Knospen blüheten auf, und die küßte sie. Aber der böse Bruder schalt sie und frug, ob sie närrisch geworden sei? Er konnte es nicht leiden und nicht begreifen, weshalb sie immer über dem Blumentopf weine. Er wußte ja nicht, welche Augen da geschlossen und welche rothe Lippen da zu Erde geworden waren. Und sie neigte ihr Haupt gegen den Blumentopf, und der kleine Elf von der Rose fand sie da schlummernd. Da setzte er sich in ihr Ohr, erzählte von dem Abend in der Laube, vom Duft der Rose und der Elfen Liebe. Da träumte sie so süß, und während sie träumte, entschwand das Leben; sie war eines stillen Todes erblichen; sie war bei ihm, den sie liebte, im Himmel.
Und die Jasminblume öffnete ihre großen weißen Glocken; sie dufteten so eigenthümlich süß: anders konnten sie nicht über die Todte weinen.

Aber der böse Bruder betrachtete den schön blühenden Strauch, nahm ihn als ein Erbgut zu sich und setzte ihn in seine Schlafstube, dicht an sein Bett, denn er war herrlich anzuschauen und der Duft war so süß und lieblich. Der kleine Rosen-Elf folgte mit, flog von Blume zu Blume – in jeder wohnte ja eine kleine Seele – und erzählte von dem ermordeten jungen Manne, dessen Haupt nun Erde unter der Erde war, erzählte von dem bösen Bruder und der armen Schwester.
„Wir wissen es!“ sagte eine jede Seele in den Blumen; „wir wissen es! Sind wir nicht aus des Erschlagenen Augen und Lippen entsprossen! Wir wissen es! Wir wissen es!“ Und dann nickten sie so sonderbar mit dem Kopfe.
Der Rosen-Elf konnte es gar nicht begreifen, wie sie so ruhig sein könnten; und er flog hinaus zu den Bienen, die da Honig sammelten und erzählten ihnen die Geschichte von dem bösen Bruder. Und die Bienen sagten es ihrer Königin, und diese befahl, daß sie alle nächsten Morgen den Mörder umbringen sollten.
Aber in der Nacht voher – es war die erste Nacht, welche auf den Tod der Schwester folgte – als der Bruder in seinem Bette dicht neben dem duftenden Jasminstrauche schlief, öffnete sich ein jeder Blumenkelch, und unsichtbar, aber mit giftigen Spießen, stiegen die Blumenseelen heraus und setzten sich in sein Ohr und erzählten ihm böse Träume, flogen darauf über seine Lippen und stachen seine Zunge mit den giftigen Spießen. „Nun haben wir den Todten gerächt!“ sagten sie und flogen zurück in des Jasmins weiße Glocken.
Als es Morgen war und das Fenster der Schlafkammer auf einmal aufgerissen wurde, fuhr der Rosen-Elf mit der Bienenkönigin und dem ganzen Bienenschwarm hinein, um ihn zu tödten.
Aber er war schon todt; es standen Leute rings um das Bett und die sagten: „Der Jasminduft hat ihn getödtet!“
Da verstand der Rosen-Elf der Blumen Rache, und er erzählte es der Königin der Bienen, und sie summte mit ihrem ganzen Schwarm um den Blumentopf. Die Bienen waren nicht zu verjagen. Da nahm ein Mann den Blumentopf fort, und eine der Bienen stach seine Hand, sodaß er den Topf fallen und zerbrechen ließ.
Da sahen sie den bleichen Totenschädel, und sie wußten, daß der Todte im Bette ein Mörder war.
Und die Bienenkönigin summte in der Luft und sang von der Rache der Blumen und von dem Rosen-Elf, und daß hinter dem geringsten Blatte Einer wohnt, der das Böse erzählen und rächen kann.

Sonntagsmärchen

Das PfingstrosenmädchenEs war einmal und es war keinmal, da war einmal in alten Zeiten ein Pfingstrosenzüchter, der hatte drei Töchter. Diese Töchter gingen den ganzen Tag im Garten herum und begossen die Pfingstrosen. Ihrem Hause gegenüber wohnte ein Bej, der ihnen immer zusah, wie sie jeden Tag ihre Rosen im Garten begossen.
Als eines Tages die älteste der Mädchen im Garten herumging und die Blumen begoss, erblickte sie der Bej und um mit ihr ein wenig zu scherzen, sprach er zum Mädchen: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen- Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen, du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Das Mädchen wusste ihm nicht zu antworten, schämte sich und lief aus dem Garten. Als dann später das mittlere Mädchen in den Garten ging und ihre Rosen begoss, sagte ihr der Bej dasselbe und da auch sie sich, wie ihre ältere Schwester, schämte, lief sie ebenfalls davon. Als endlich auch das jüngste Mädchen kam, sprach er zu ihr ebenfalls: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen-Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen, du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Da die Kleinen immer naseweiser sind, antwortete sie ihm: »mein Bej, mein Bej, in deiner Hand hast du eine Feder, in deinem Gürtel ein Tintenfass, weisst du aber, wie viel Sterne am Himmel sind?« Da der Bej darauf nicht zu antworten wusste, so schämte er sich und nahm sich vor, es ihr heimzuzahlen.
Nach Verlauf von drei bis fünf Tagen, kaufte sich der Bej einen schundigen Fez, eine abgetragene Kniehose, setzte auf den Kopf einen Korb und verkleidet sich so als Fischhändler. Das Mädchen ass nämlich Fische sehr gerne. Der Bej fing nun an, Fische zu verkaufen, indem er auf der Strasse rief: »Kauft Fische, kauft Fische!« Ein bis zwei Tage verkauft er so Fische, am dritten Tage rief das Mädchen den Fischer und fragte ihn: »Wie teuer verkaufst du die Fische?« Der Bej antwortete: »Für Geld verkaufe ich keine Fische.« – »Also wofür?« fragte das Mädchen. Der Bej antwortete: »Für einen Kuss gebe ich eine Okka.« Das Mädchen dachte sinnend nach, und da sie meinte, dass es ohnehin niemand sieht, gibt sie dem Jüngling einen Kuss und bekam dafür eine Okka Fische. Der Bej freute sich und ging nach Hause. Er zog wieder seine früheren Kleider an und wartete, bis das Mädchen wieder in den Garten ging.
Doch ziehen wir die Sache nicht in die Länge. Als das älteste und mittlere Mädchen wieder in den Garten ging, sprach sie der Bej wieder so an, worauf sie davon liefen. Die Reihe kam nun an die jüngste. Als das jüngste Mädchen hinausging, spricht der Bej: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen-Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen, du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Das Mädchen antwortete ihm: »Mein Bej, mein Bej, in deiner Hand hast du eine Feder, in deinem Gürtel ein Tintenfass, weisst du aber, wie viel Sterne am Himmel sind?« Darauf hub der Bej an: »Weisst du aber, ob man für einen Kuss eine Okka Fische kaufen kann?« Sofort begriff das Mädchen die Sache und nahm sich vor, ihm ebenfalls nichts schuldig zu bleiben.
Sie liess sich also ein klingelndes, schellendes Kleid machen und verbarg es unter ihre Achseln. Eines Tages lauerte sie auf, bis man das Tor des Bej öffnete und als dies geschah, huschte sie, ohne dass es jemand wahrgenommen hätte, ins Haus und ging in den Stall, wo sie sich verbarg. Das Schlafzimmer des Bej war gerade in der Nähe. In der Nacht, als man beim Bej sich schon niedergelegt hatte, zog das Mädchen um Mitternacht ihr Kleid mit den Klingeln und Schellen an, ging zum Bej hin, schüttelte sich, so dass das Kleid zu klingeln und zu schellen begann. Das Mädchen schüttelte sich noch einmal und als sie »öhö, öhö« zu husten anfing, erwachte der Bej und mit dem Ruf: »Wer da?« guckt der Bej unter der Decke hervor. Das Mädchen hustete noch einmal, schüttelte sich, der Bej unter der Decke zitterte zähneklappernd. Endlich sprach das Mädchen: »Ich bin Esrael und bin um deine Seele gekommen; entweder du gibst deine Seele her, oder ich stecke dir ein Horn in den Hintern.« Der Bej begann nachzudenken und da er erwog, dass ein Horn doch besser sei, als die Seele hinzugeben, so sprach er: »Nun also steck.« Das Mädchen zerstach ihm tüchtig den Hintern und verschwand.
Tags darauf stand der Bej wohl auf, allein fünf bis zehn Tage lang konnte er sich kaum niedersetzen, so sehr hatte ihn das Mädchen zerstochen. Als er wieder gänzlich hergestellt war, setzte er sich vors Fenster, und als er sah, dass die jüngste wieder ging, um ihre Rosen zu begiessen, sprach er: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen-Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen; du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Das Mädchen antwortet ihm: »Mein Bej, mein Bej, in deiner Hand hast du eine Feder, in deinem Gürtel ein Tintenfass, weisst du aber, wie viel Sterne am Himmel sind?« Da sprach wieder der Bej: »Weisst du aber, ob man für einen Kuss eine Okka Fische kaufen kann?« Hierauf versetzte das Mädchen: »Nun, weisst du aber, ob man in deinen Hintern ein Horn gesteckt?« – »O, du verschmitzer Windbeutel« platzte der Jüngling; ging schnurstracks zu seiner Mutter und sagte ihr, sie möge hinübergehen und die jüngste Tochter des Pfingstrosenzüchters für ihn zur Frau verlangen.
Umsonst sträubte sich die Mutter dagegen, da doch die Tochter Eines armen Rosenzüchters nicht zu einem Bej passe, der Bej hörte auf nichts anderes. Als die Mutter sah, dass ihr Sohn davon durchaus nicht abstehen wollte, so ging sie auf die Brautschau und hielt um ihre Hand an. Vater und Mutter des Mädchens willigten ein und trafen Veranstaltungen zur Vorbereitung der Hochzeit. Als dies das Mädchen erfuhr, witterte sie sogleich, dass der Bej etwas im Schilde führe, ging eilends zu ihrem Vater, und zwingt ihn, dass er eine ihr ähnliche Puppe aus Wachs machen lasse. Was sollte der Vater auch tun, er ging hin und liess dieselbe anfertigen. Das Mädchen nimmt das Ebenbild, setzt es in das Brautgemach hinein und nachdem sie an den Kopf der Puppe einen Faden befestigt hatte, zieht sie das eine Ende des Fadens ganz bis zum Kasten hin; in das Innere des Bildes jedoch ganz bis zum Kopf hinauf gab sie einen Topf Sirup hinein.
Am Hochzeitsabend, nachdem ihre Gespielinnen und Freundinnen alle weggegangen waren, ging das Mädchen, ehe der Bräutigam zu ihr kam, ins Brautzimmer hinein, zieht ihr Brautkleid ihrem Ebenbilde an, befestigt den Schleier und die Goldfäden alle auf den Kopf der Puppe, sie selbst aber schlüpft in den Kasten hinein und guckt durch das Kastenloch hinaus. Später kam der Bräutigam, trat in’s Zimmer ein, riss sein Schwert aus der Scheide und sprach: »Du Wildfang, du warst es also, die mir das Horn hineingesteckt?« Das Mädchen im Kasten zog vorsichtig an der Schnur, so dass die Puppe mit ihrem Kopfe bejahend nickte. Darüber wurde der Bej wütend und: »Was, du nickst noch mit dem Kopfe?« rufend stiess er sein Schwert in die Puppe, worauf der Sirup aus ihr herausfloss. »Ich habe geschworen,« sagte der Bej, »dass ich dein Blut trinken werde« und schlürfte von dem Sirup auf dem Boden. Da merkte er, dass dieser süss wie Zucker ist. »O weh,« rief er, »wie süss ist ihr Blut, um wie viel süsser musste sie selbst gewesen sein!« Hierauf trat das Mädchen aus dem Kasten heraus und sprach: »Mein Bej, deinen Eid hast du gehalten.« Damit sanken sie sich einander an die Brust und von dieser Stunde an verlebten sie ihre Tage in Glückseligkeit.[Asien: Türkei. Märchen der Welt]

Märchenstunde

Der alte Großvater und der Enkel

Ein Märchen der Brüder Grimm

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?“ fragte der Vater. „Ich mache ein Tröglein,“ antwortete das Kind, „daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an Fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.