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Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862
Fliedermütterchen

Es war einmal ein kleiner Knabe, der hatte sich erkältet; er war ausgegangen und hatte nasse Füße bekommen; Niemand konnte begreifen, wie er sie erhalten hatte, denn es war ganz trockenes Wetter. Nun entkleidete ihn seine Mutter, brachte ihn zu Bette und ließ die Teemaschine hereinbringen, um ihm eine gute Tasse Fliederthee zu bereiten, denn das erwärmt! Zu gleicher Zeit kam auch der alte freundliche Mann zur Tür herein, der ganz oben im Hause wohnte und so allein lebte, denn er hatte weder Frau noch Kinder, hielt aber viel auf alle Kinder und wußte viele Märchen und Geschichten zu erzählen, daß es eine Lust war.
„Nun trinkst Du Deinen Tee!“ sagte die Mutter; „vielleicht bekommst Du dann auch ein Märchen zu hören.“
„Ja, wenn man nur ein neues wüßte!“ sagte der alte Mann und nickte freundlich. „Wo hat aber der Kleine die nassen Füße bekommen?“ fragte er.
„Ja, wie das geschehen ist,“ sagte die Mutter, „das kann Niemand begreifen.“
„Erhalte ich ein Märchen?“ fragte der Knabe.
„Ja, kannst Du mir einigermaßen genau sagen, denn das muß ich zuerst wissen, wie tief der Rinnstein in der kleinen Straße ist, wo Du in die Schule gehst?“
„Gerade bis mitten auf die Schäfte,“ sagte der Knabe; „aber dann muß ich in das tiefe Loch gehen!“
„Sieh, davon haben wir die nassen Füße,“ sagte der Alte. „Nun sollte ich freilich ein Märchen erzählen, aber ich weiß keins mehr!“
„Sie können gleich eins machen,“ sagte der kleine Knabe. „Mutter sagt, daß Alles, was Sie betrachten, zu einem Märchen werden kann, und von Allem, was Sie berühren, können Sie eine Geschichte machen!“
„Ja, aber die Märchen und Geschichten taugen nichts! Nein, die ordentlichen, die kommen von selbst, die klopfen mir an die Stirn und sagen: Hier bin ich!“
„Klopft es nicht bald?“ fragte der kleine Knabe; und die Mutter lachte, that Fliederthee in die Kanne und goß kochendes Wasser darüber.
„Erzähle! erzähle!“
„Ja, wenn ein Märchen von selbst kommen möchte; aber so eins ist vornehm; es kommt nur, wenn es selbst Lust hat.“ – „Warte!“ sagte er auf einmal. „Da haben wir es! Gib Acht, nun ist eins in der Teekanne!“
Und der kleine Knabe sah nach der Teekanne hin: der Deckel hob sich mehr und mehr, und die Fliederblumen kamen frisch und weiß daraus hervor; sie schossen große, lange Zweige; selbst aus der Tülle verbreiteten sie sich nach allen Seiten und wurden größer und größer; es war der herrlichste Fliederbusch, ein ganzer Baum; er ragte in das Bett hinein und schob die Gardinen zur Seite; nein, wie das blühete und duftete! Und mitten im Baume saß eine alte freundliche Frau mit einem sonderbaren Kleide; es war ganz grün, gleich den Blättern des Fliederbaumes, und mit großen, weißen Fliederblumen besetzt; man konnte nicht gleich erkennen, ob es Zeug oder lebendiges Grün und Blumen waren.
„Wie heißt die Frau?“ fragte der kleine Knabe.
„Ja, die Römer und Griechen,“ sagte der alte Mann, „die nannten sie eine Dryade, aber das verstehen wir nicht; draußen in der Vorstadt der Matrosen haben wir einen bessern Namen für dieselbe; dort wird sie Fliedermütterchen genannt, und sie ist es, auf die Du Acht geben mußt; horch nur, und betrachte den herrlichen Fliederbaum.“
„Gerade ein solcher großer, blühender Baum steht da draußen; er wuchs dort in einem Winkel eines kleinen ärmlichen Hofes; unter diesem Baume saßen eines Nachmittags im schönsten Sonnenschein zwei alte Leute. Es war ein alter, alter Seemann und seine alte, alte Frau; sie waren Urgroßeltern und sollten bald ihre goldene Hochzeit feiern, aber sie konnten sich des Datums nicht recht entsinnen; und die Fliedermutter saß im Baume und sah so vergnügt aus, gerade wie hier. „Ich weiß wohl, wann die goldene Hochzeit ist!“ sagte sie; aber sie hörten es nicht, sie sprachen von alten Zeiten.
„Ja, entsinnst Du Dich,“ sagte der alte Seemann; „damals, als wir noch ganz klein waren und herumliefen und spielten; es war gerade in demselben Hofe, wo wir nun sitzen; und wir pflanzten kleine Zweige in den Hof und machten einen Garten.“
„Ja,“ sagte die alte Frau; „dessen erinnere ich mich recht gut; und wir begossen die Zweige, und einer derselben war ein Fliederzweig, der schlug Wurzeln, schoß grüne Zweige und ist ein großer Baum geworden, unter dem wir alten Leute nun sitzen.“
„Ja sicher!“ sagte er; „und dort in der Ecke stand ein Wasserkübel; dort schwamm mein Fahrzeug; ich hatte es selbst ausgeschnitten. Wie das segeln konnte! Aber ich kam freilich bald anderswohin zum Segeln.“
„Ja, aber zuerst gingen wir in die Schule und lernten etwas,“ sagte sie; „und dann wurden wir eingesegnet; wir weinten beide; aber des Nachmittags gingen wir Hand in Hand auf den runden Thurm und sahen in die Welt hinaus über Kopenhagen und das Wasser; dann gingen wir nach Friedrichsberg, wo der König und die Königin in ihrem prächtigen Boote auf den Canälen herumfuhren.“
„Aber ich mußte wahrlich anders herumfahren, und das viele Jahre, weit weg, auf den langen Reisen!“
„Ja, ich weinte oft Deinetwegen,“ sagte sie; „ich glaubte, Du seiest todt und fort, und lägest dort unten im tiefen Wasser, von den Wellen geschaukelt. Manche Nacht stand ich auf und sah, ob die Wetterfahne sich drehte; ja, sie drehte sich wohl, aber Du kamst nicht! Ich erinnere mich so deutlich, wie es eines Tages vom Himmel strömte; der Kärner, der den Kehricht holt, kam dort hin, wo ich diente; ich ging mit dem Kehrichtfasse hinunter und blieb in der Thüre stehen; – was war das für ein abscheuliches Wetter! Und gerade als ich dastand, war der Briefträger mir zur Seite und gab mir einen Brief: der war von Dir! Ja, wie der herumgereist war! Ich riß ihn auf und las; ich lachte und weinte, ich war so froh! Da stand, daß Du in den warmen Ländern wärest, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was muß das für ein herrliches Land sein! Du erzähltest so viel, und ich las das Alles, während der Regen herniederströmte und ich mit dem Kehrichtfasse dastand. Da kam Einer und faßte mich um den Leib – -“
„- Ja, aber Du gabst ihm einen tüchtigen Schlag auf den Backen, daß es klatschte.“
„Ich wußte ja nicht, daß Du es warst; Du warst eben so geschwind, wie Dein Brief gekommen, und Du warst so schön; Das bist Du denn noch; Du hattest ein langes, gelbes, seidenes Tuch in der Tasche und einen glänzenden Hut auf. Du warst so fein! Gott, was das doch für ein Wetter war, und wie die Straße aussah!“
„Dann heiratheten wir uns,“ sagte er; „entsinnst Du Dich? Und dann, als wir den ersten kleinen Knaben und dann Marie und Niels und Peter und Hans Christian bekamen!“
„Ja, und wie Alle herangewachsen und ordentliche Menschen geworden sind, die ein Jeder leiden mag!“
„Und ihre Kinder haben wieder Kleine bekommen,“ sagte der alte Matrose. „Ja, das sind Kindeskinder! Da ist Kern darin. – Es war, wenn ich nicht irre, in dieser Zeit des Jahres, als wir Hochzeitstag hielten.“
„Ja, eben heute ist der goldene Hochzeitstag,“ sagte die Fliedermutter und streckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten hinunter; und die glaubten, es sei die Nachbarin, die da nickte; sie sahen einander an und faßten sich bei den Händen. Bald darauf kamen die Kinder und Kindeskinder; die wußten wohl, daß es der goldene Hochzeitstag sei; sie hatten schon am Morgen gratulirt, aber die Alten hatten es wieder vergessen, während sie so gut sich an alles Das erinnerten, was vor vielen Jahren schon geschehen war. Und der Fliederbaum duftete so stark, und die Sonne, die im Untergehen begriffen war, schien den beiden Alten gerade ins Gesicht; sie sahen beide so rothwangig aus; und das kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief ganz glücklich, daß diesen Abend Pracht herrschen werde; sie sollten warme Kartoffeln haben; und die Fliedermutter nickte im Baume und rief mit allen Andern Hurrah!“
– „Aber das war ja kein Märchen!“ sagte der kleine Knabe, der es erzählen hörte.
„Ja, das mußt Du verstehen!“ sagte der Alte, der erzählte. „Aber laß uns Fliedermütterchen danach fragen!“
„Das war kein Märchen!“ sagte die Fliedermutter; „aber nun kommt es! Aus der Wirklichkeit wächst gerade das sonderbarste Märchen heraus; sonst könnte ja mein schöner Fliederbusch nicht aus der Theekanne hervorgesproßt sein.“ Und dann nahm sie den kleinen Knaben aus dem Bette und legte ihn an ihre Brust, und die Fliederzweige voller Blüthen schlugen um sie zusammen; sie saßen wie in der dichtesten Laube, und diese flog mit ihnen durch die Luft; es war unaussprechlich schön. Fliedermütterchen war auf einmal ein junges niedliches Mädchen geworden, aber das Kleid war noch von demselben grünen weißgeblümten Zeuge, wie es Fliedermütterchen getragen hatte; am Busen hatte sie eine wirkliche Fliederblume, und um ihr gelbes, gelocktes Haar einen Kranz von Fliederblumen; ihre Augen waren so groß, so blau; o, sie war so herrlich anzuschauen! Sie und der Knabe küßten sich, und dann waren sie im gleichen Alter und fühlten gleiche Freuden.
Sie gingen Hand in Hand aus der Laube und standen nun in der Heimath schönem Blumengarten; bei dem frischen Grasplatze war des Vaters Stock an einen Pflock angebunden; für die Kleinen war Leben im Stocke; sobald sie sich quer über denselben setzten, verwandelte sich der blanke Knopf in einen prächtig wiehernden Kopf, die lange schwarze Mähne flatterte, vier schlanke, starke Beine schossen hervor; das Thier war stark und muthig; im Galopp fuhren sie um den Grasplatz herum: hussa! – „Nun reiten wir viele Meilen weit fort!“ sagte der Knabe; „wir reiten nach dem Rittergute, wo wir im vorigen Jahre waren!“ Und sie ritten um den Rasenplatz herum, und immer rief das kleine Mädchen, die, wie wir wissen, keine Andere als die Fliedermutter war: „Nun sind wir auf dem Lande! Siehst Du das Bauernhaus mit dem großen Backofen, der wie ein riesengroßes Ei aus der Mauer nach dem Wege heraussteht? Der Fliederbaum breitet seine Zweige über sie hin, und der Hahn geht und kratzt für die Hühner; sieh, wie er sich brüstet! – Nun sind wir bei der Kirche; die liegt hoch auf dem Hügel unter den großen Eichbäumen, wovon der eine halb abgestorben ist! – Nun sind wir bei der Schmiede, wo das Feuer brennt, und die halbnackten Männer mit den Hämmern schlagen, daß die Funken weit umhersprühen. Fort, fort nach dem prächtigen Rittergute!“ Und Alles, was das kleine Mädchen sagte, die hinten auf dem Stock saß, das flog auch vorbei; der Knabe sah es, doch kamen sie nur um den Grasplatz herum. Dann spielten sie im Seitengange und ritzten in der Erde einen kleinen Garten; und sie nahm Fliederblumen aus ihrem Haar und pflanzte sie; und die wuchsen, gerade wie bei den Alten damals, als diese noch klein waren, wie früher erzählt worden ist. Sie gingen Hand in Hand, gerade wie die alten Leute es als Kinder gemacht hatten; aber nicht auf den runden Thurm hinauf oder nach dem Friedrichsberger Garten – nein, das kleine Mädchen faßte den Knaben um den Leib und dann flogen sie weit herum im ganzen Lande. Und es war Frühjahr, und es wurde Sommer, und es war Herbst und es wurde Winter, und Tausende von Bildern spiegelten sich in des Knaben Augen und Herz ab, und immer sang das kleine Mädchen ihm vor: „Das wirst Du nie vergessen!“ Und auf dem ganzen Fluge duftete der Fliederbaum so süß und so herrlich; er bemerkte wohl die Rosen und die frischen Buchen, aber der Fliederbaum duftete noch stärker, denn seine Blumen hingen an des kleinen Mädchens Herzen, und daran lehnte er oft im Fluge den Kopf.
„Hier ist es schön im Frühjahr!“ sagte das junge Mädchen; und sie standen in dem frisch ausgeschlagenen Buchenwald, wo der Waldmeister zu ihren Füßen duftete; und in dem Grünen sahen die blaßrothen Anemonen so lieblich aus. „O, wäre es immer Frühjahr in dem duftenden dänischen Buchenwalde!“
„Hier ist es herrlich im Sommer!“ sagte sie; und sie fuhren an alten Schlössern aus der Ritterzeit vorbei, wo sich die hohen Mauern und gezackten Giebel in den Canälen spiegelten, wo die Schwäne schwammen und in die alten kühlen Alleen hineinsahen. Auf dem Felde wogte das Korn, gleich einem See; in den Gräben standen rothe und gelbe Blumen und auf den Gehegen wilder Hopfen und blühende Winden; und Abends stieg der Mond rund und groß empor; die Heuhaufen auf den Wiesen dufteten so süß. „Das vergißt sich nie!“
„Hier ist es herrlich im Herbst!“ sagte das kleine Mädchen; und die Luft war doppelt so hoch und blau; der Wald bekam die schönsten Farben von Roth, Gelb und Grün. Die Jagdhunde jagten davon; ganze Schaaren Vogelwild flogen schreiend über die Hünengräber hin, auf denen sich Brombeerranken um die alten Steine schlangen. Das Meer war schwarzblau, mit Schiffen voll weißer Segel bedeckt; und in der Tenne saßen alte Frauen, Mädchen und Kinder und pflückten Hopfen in ein großes Gefäß; die Jungen sangen Lieder, aber die Alten erzählten Märchen von Kobolden und Zaubereien. Besser konnte es nirgends sein.
„Hier ist es schön im Winter!“ sagte das kleine Mädchen; und alle Bäume waren mit Reif bedeckt, sodaß sie wie weiße Korallen aussahen; der Schnee knarrte unter den Füßen, als hätte man immer neue Stiefeln an; und vom Himmel fiel eine Sternschnuppe nach der andern. Im Zimmer wurde der Weihnachtsbaum angezündet, da gab es Geschenke und Fröhlichkeit; auf dem Lande ertönte in der Bauernstube die Violine; es wurde um Aepfelschnitte gespielt; selbst das ärmste Kind sagte: „Es ist doch schön im Winter!“
Ja, es war schön! Und das kleine Mädchen zeigte dem Knaben Alles; und immer duftete der Blüthenbaum, und immer wehte die rothe Flagge mit dem weißen Kreuze, die Flagge, unter welcher der alte Seemann gesegelt war. Der Knabe wurde zum Jüngling, und er sollte in die weite Welt hinaus, weit fort nach den warmen Ländern, wo der Kaffee wächst. Aber beim Abschiede nahm das kleine Mädchen eine Fliederblume von ihrer Brust und gab sie ihm zum Aufbewahren; und die wurde in das Gesangbuch gelegt; und im fremden Lande, wenn er das Buch öffnete, geschah es immer an der Stelle, wo die Erinnerungsblume lag; und jemehr er dieselbe betrachtete, desto frischer wurde sie, sodaß er gleichsam einen Duft von den dänischen Wäldern einathmete; und deutlich erblickte er das kleine Mädchen, wie sie mit ihren klaren blauen Augen zwischen den Blumenblättern hervorsah; und die flüsterte dann: „Hier ist es schön im Frühling, im Herbst und im Winter!“ Und Hunderte von Bildern glitten durch seine Gedanken.
So verstrichen viele Jahre, und er war nun ein alter Mann und saß mit seiner alten Frau unter einem blühenden Fliederbaum; sie hielten sich einander bei den Händen, gerade wie der Urgroßvater und die Urgroßmutter es draußen gethan hatten; und sie sprachen eben so, wie diese, von den alten Zeiten und von der goldenen Hochzeit. Das kleine Mädchen mit den blauen Augen und mit den Fliederblumen im Haare saß oben im Baume, nickte Beiden zu und sagte: „Heute ist der goldene Hochzeitstag!“ Und dann nahm sie zwei Blumen aus ihrem Kranze und küßte sie; und die glänzten zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als sie die auf die Häupter der Alten legte, wurde jede Blume zu einer Goldkrone. Da saßen sie Beide, einem Könige und einer Königin gleich, unter dem duftenden Baume, der ganz und gar wie ein Fliederbaum aussah; und er erzählte seiner alten Frau die Geschichte von dem Fliedermütterchen, wie sie ihm erzählt worden war, als er noch ein kleiner Knabe gewesen; und sie meinten Beide, daß sie so Vieles enthielte, was ihrer eigenen gliche; und das, was ähnlich war, gefiel ihnen am besten.
„Ja, so ist es!“ sagte das kleine Mädchen im Baume. „Einige nennen mich Fliedermütterchen, Andere Dryade, aber eigentlich heiße ich Erinnerung; ich bin es, die im Baume sitzt, welcher wächst und wächst; ich kann zurückdenken, ich kann erzählen! Laß sehen, ob Du Deine Blume noch hast!“
Und der alte Mann öffnete sein Gesangbuch; da lag die Fliederblume, so frisch, als wäre sie erst kürzlich hineingelegt; und die Erinnerung nickte, und die beiden Alten mit den Goldkronen auf dem Kopfe saßen in der rothen Abendsonne; sie schlossen die Augen und – und -? Ja, da war das Märchen aus!
Der kleine Knabe lag in seinem Bette, er wußte nicht, ob er geträumt, oder ob er es erzählen gehört habe; die Theekanne stand auf dem Tische, aber es wuchs kein Fliederbaum daraus hervor; und der alte Mann, der erzählt hatte, war im Begriff, zur Thüre hinauszugehen, und das that er auch.
„Wie schön war das!“ sagte der kleine Knabe. „Mutter, ich bin in den warmen Ländern gewesen!“
„Ja, das glaube ich wohl!“ sagte die Mutter; „wenn man zwei volle Tassen Fliederthee zu sich nimmt, dann kommt man wohl nach den warmen Ländern!“ – Und sie deckte ihn gut zu, damit er sich nicht erkälten sollte. „Du hast gut geschlafen, während ich mich mit ihm darüber stritt, ob es eine Geschichte oder ein Märchen sei.“
„Und wo ist die Fliedermutter?“ fragte der Knabe.
„Die ist in der Teekanne,“ sagte die Mutter, „und da mag sie bleiben!“

Hans Christian Andersen (1805-1875)

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Sonntagsmärchen

Das Märchen von dem Myrtenfräulein

Clemens Brentano

Im sandigen Lande, wo nicht viel Grünes wächst, wohnten einige Meilen von der prozellanenen Hauptstadt, wo der Prinz Wetschwuth residierte, ein Töpfer und seine Frau mitten auf ihrem Tonfeld neben ihrem Töpferofen, beide ohne Kinder, einsam und allein. Das Land war ringsum so flach wie ein See, kein Baum und Busch war zu sehen, und es war gar betrübt und langweilig. Täglich beteten die guten Leute zum Himmel, er möge ihnen doch ein Kind bescheren, damit sie eine Unterhaltung hätten, aber der Himmel erhörte ihre Wünsche nicht. Der Töpfer verzierte alle seine Gefäße mit schönen Engelsköpfen, und die Töpferin träumte alle Nacht von grünen Wiesen und anmutigen Gebüschen und Bäumen, bei welchen Kinder spielten; denn wonach das Herz sich sehnt, das hat man immer vor Augen.

Einstens hatte der Töpfer seiner Frau zwei schöne Werke auf ihrem Geburtstag verfertigt, eine wunderschöne Wiege von dem weißesten Ton, ganz mit goldenen Engelsköpfen und Rosen verziert, und ein großes Gartengefäß von rotem Ton, rings mit bunten Schmetterlingen und Blumen bemalt. Sie machte sich ein Bettchen in die Wiege und füllte das Gartengefäß mit der besten Erde, die sie selbst stundenweit in ihrer Schürze dazu herbeitrug, und so stellte sie die beiden Geschenke neben ihre Schlafstelle, in beständiger Hoffnung, der Himmel werde ihr ihre Bitte gewähren; und so betete sie auch einst abends von ganzer Seele:

Herr, ich flehe auf den Knien,
Schenke mir ein liebes Kind,
Fromm will ich es auferziehen:
Ists ein Mägdlein, daß es spinnt
Einen klaren reinen Faden
Und dabei hübsch singt und betet;
Ists ein Sohn durch deine Gnaden,
Daß er kluge Dinge redet
Und ein Mann wird treu von Worten,
Stark von Willen, kühn von Tat,
Der geehrt wird aller Orten,
Wie im Kampfe, so im Rat.
Herr! bereitet ist die Wiege,
Gib, daß mir ein Kind drin liege!
Ach, und sollte es nicht sein,
Gib mir doch nur eine Wonne,
Wärs auch nur ein Bäumelein,
das ich in der lieben Sonne
Könnte ziehen, könnte pflegen,
Daß ich mich mit meinem Gatten
Einst im selbsterzognen Schatten
Unter ihm ins Grab könnt legen.

So betete die gute Frau unter Tränen und ging zu Bett. In der Nacht war ein schweres Gewitter, es donnerte und blitzte, und einmal fuhr ein heller Glanz durch die Schlafkammer. Am andern Morgen war das schönste Wetter, ein kühler Wind wehte durch das offene Fenster, und die gute Töpferin lag in einem süßen Traum, als sitze sie unter einem schönen Myrtenbaum bei ihrem lieben Manne. Da säuselte das Laub um sie und sie erwachte, und siehe da! ein frisches junges Myrtenreis lag neben ihr auf dem Kopfkissen und spielte mit seinen zarten im Winde bewegten Blättern um ihre Wangen. Da weckte sie mit großen Freuden ihren Mann, und zeigte es ihm, und sie dankten beide Gott auf ihren Knien, daß er ihnen doch etwas Lebendiges geschenkt hatte, das sie könnten grünen und blühen sehen. Sie pflanzten das Myrtenreis mit der größten Sorgfalt in das schöne Gartengefäß, und es war täglich ihr liebstes Geschäft, das junge Stämmchen zu begießen und in der Sonne zu setzen und vor bösem Tau und rauhen Winden zu schützen. Der Myrtenreis wuchs zusehends unter ihren Händen und duftete ihnen Fried und Freud ins Herz.

Da kam einstens der Landesherr, Prinz Wetschwuth, in diese Gegend mit einigen Gelehrten, um neue Porzellanerde zu entdecken; denn es wurden in seiner Hauptstadt Porzellania so viele Häuser davon gebaut, daß diese Erde in der Nähe der Stadt selten geworden war. Da er in die Wohnung des Töpfers eintrat, ihn um seinen Rat zu fragen, ward er bei dem Anblick des Myrtenbäumchens so durch dessen Schönheit hingerissen, daß er alles andere vergaß und in lauter Verwunderung ausrief: „O wie lieblich, wie reizend ist diese Myrte! Ihr Anblick hat für mein Herz etwas ungemein Erquickendes, ich möchte immer in der Nähe dieses Baumes leben – nein, ich kann ihn nicht entbehren, ich muß ihn besitzen, und müßte ich ihn mit einem Auge erkaufen.“ Nach diesem Ausruf fragte er sogleich den Töpfer und seine Frau, was sie für die Myrte verlangten. Diese guten Leute erklärten auf die bescheidenste Weise, daß sie den Baum nicht verkaufen wollten, und daß er das Liebste sei, was sie auf Erden hätten. „Ach,“ sagte die Töpferin, „ich könnte nicht leben, wenn ich meine Myrte nicht vor mir sähe; ja sie ist mir so lieb und wert, als wäre sie mein Kind, und kein Königreich nähme ich für diese meine Myrte.“ Da der Prinz Wetschwuth dies hörte, ward er sehr traurig und begab sich nach seinem Schlosse zurück. Seine Sehnsucht nach der Myrte ward so groß, daß er in eine Krankheit fiel und das ganze Land um ihn bekümmert wurde. Da kamen Abgesandte zu dem Töpfer und seiner Frau, und forderten sie auf, die Myrte dem Prinzen zu überlassen, damit er nicht vor Sehnsucht sterben möchte. Nach langen Unterhandlungen sagte die Frau: „Wenn er die Myrte nicht hat, so muß er sterben, und wenn wir die Myrte nicht haben, so können wir nicht leben; will der Prinz nun die Myrte haben, so muß er uns auch mitnehmen, wir wollen sie ihm überbringen und ihn anflehen, daß er uns als treue Diener in sein Schloß aufnehme, damit wir die geliebte Myrte dann und wann sehen und uns an ihr erfreuen können.“ Das waren die Abgesandten zufrieden, sie schickten gleich einen Reiter in die Stadt mit der frohen Nachricht, die Myrte werde ankommen, der Prinz sollte Mut fassen. Nun stellte der Töpfer das Gefäß mit der Myrte auf eine Tragbahre, über welche die Frau ihre schönsten seidenen Tücher gebreitet hatte, und sie trugen beide, nachdem sie ihre Hütte verschlossen hatten, den geliebten Baum nach der Stadt, wohin sie von den Abgesandten begleitet wurden. Von der Stadt kam ihnen der Prinz selbst in einem Wagen entgegen und hatte ein goldenes Gießkännchen in der Hand, womit er die geliebte Myrte begoß, bei deren Anblick er sich sichtbar erholte. Vier weißgekleidete, mit Rosen geschmückte Jungfrauen kamen mit einem rotseidenen Traghimmel, unter welchem die Myrte nach dem Schloß getragen wurde. Kinder streuten Blumen, und alles Volk war froh und warf die Mützen in die Höhe. Nur neun Fräulein in der Stadt waren nicht bei der allgemeinen Freude zugegen, denn sie wünschten, daß die Myrte verdorren möchte, weil der Prinz, ehe er die Myrte gesehen hatte, sie oft besuchte und jede von ihnen gehofft hatte, einst Beherrscherin der Stadt Porzellania zu werden. Seit aber von der Myrte die Rede war, hatte er sich nicht mehr um sie bekümmert; drum waren sie auf den unschuldigen Baum so erbittert, daß sich an diesem Freudentage keine von ihnen erblicken ließ. Der Prinz ließ die Myrte an das Fenster seiner Stube stellen und gab dem Töpfer und seiner Frau eine Wohnung im Schloßgarten, aus deren Fenster sie die Myrte immer erblicken konnten, womit die guten Leute dann auch wohl zufrieden waren.

Der Prinz war bald wieder ganz gesund; er pflegte den Baum mit einer unbeschreiblichen Liebe und Sorgfalt; auch wuchs dieser und breitete sich aus zu aller Freude. Einstens setzte sich der Prinz abends neben dem Baume auf sein Ruhebett. Alles war ruhig im Schloß, und er entschlummerte in tiefen Gedanken. Da nun die Nacht alles bedeckt hatte, hörte er ein wunderbares Säuseln in seinem Baum und erwachte und lauschte; da vernahm er eine leise Bewegung in seiner Stube herum, und ein süßer Duft breitete sich umher. Er war stille, stille und lauschte immerfort; endlich, da es ihm wieder so wunderbar in der Myrte säuselte, begann er zu singen:

Sag, warum dies süße Rauschen,
Meine wunderschöne Myrte!
O mein Baum, für den ich so glühe?

Da sang eine liebliche leise Stime wider:

Dank will ich für Freundschaft tauschen
Meinem wunderguten Wirte,
Meinem Herrn, für den ich blühe!

Da war der Prinz über die Stimme so entzückt, daß es nicht auszusprechen ist; aber bald ward seine Freude noch viel größer, denn er bemerkte, daß sich jemand auf den Schemel zu seinen Füßen setzte, und da er die Hand darnach ausstreckte, ergriff eine zarte Hand die seinige und führte sie an die Lippen eines Mundes, welcher sprach: „Mein teurer Herr und Prinz! frage nicht, wer ich bin; erlaube mir nur dann und wann in der Stille der Nacht zu deinen Füßen zu sitzen und dir zu danken für die treue Pflege, welche du mir in der Myrte bewiesen, denn ich bin die Bewohnerin dieser Myrte; aber mein Dank für deine Zuneigung ist so gewachsen, daß er keinen Raum mehr in diesem Baume hatte, und so hat es mir der Himmel vergönnt, in menschlichen Gestalt dir manchmal nahezusein.“ Der Prinz war entzückt über diese Worte und pries sich unendlich glücklich durch dies Geschenk der Götter. Sie unterhielten sich einige Stunden, und sie sprach so weise und klug, daß er vor Begierde brannte, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Das Myrtenfräulein aber sagte zu ihm: „Laß mich erst ein kleines Lied singen, dann kannst du mich sehen“, und sie sang:

Säusle, liebe Myrte!
Wie still ists in der Welt,
Der Mond, der Sternenhirte
Auf klarem Himmelsfeld,
Treibt schon die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin,
Schlaf, mein Freund, o schlafe,
Bis ich wieder bei dir bin.

Dazu säuselte die Myrte, und die Wolken trieben so langsam am Himmel hin, und die Springbrunnen plätscherten so leise im Garten, und der Gesang war so sanft, daß der Prinz einschlief, und als er kaum nickte, erhob sich das Myrtenfräulein leise, leise vom Schemel und begab sich wieder in die Myrte.

Als der Prinz am Morgen erwachte, erblickte er den Schemel leer zu seinen Füßen, und er wußte nicht, ob das Myrtenfräulein wirklich bei ihm gewesen war, oder ob er nur geträumt habe; aber da er das Bäumchen ganz mit Blüten übersät sah, die in der Nacht aufgegangen waren, ward er der Erscheinung immer gewisser. Nie ward die Nacht so sehnsüchtig erwartet als von ihm; er setzte sich schon gegen Abend auf sein Ruhebett und harrte. Endlich war die Sonne hinunter, es dämmerte, es ward Nacht. Die Myrte säuselte, und das Myrtenfräulein saß zu seinen Füßen und erzählte ihm so schöne Sachen, daß er nicht genug zuhören konnte, und als er sie wieder bat, Licht anzünden zu dürfen, sang sie ihm wieder ein Liedchen:

Säusle, liebe Myrte!
Und träum im Sternenschein,
Die Turteltaube girrte
Auch ihre Brust schon ein.
Still ziehn die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin,
Schlaf, mein Freund, o schlafe,
Bis ich wieder bei dir bin.

Da schlummerte der Prinz wieder ein und erwachte am Morgen wieder mit der gleichen Überraschung und erwartete die Nacht wieder mit gleicher Sehnsucht. Aber es ging ihm auch diesmal wie in der ersten und zweiten Nacht, sie sang ihn immer in den Schlaf, wenn er sie zu sehen verlangte. Sieben Nächte ging dies so fort, während welchen sie ihm so vortreffliche Lehren über die Kunst zu regieren gab, daß seine Begierde, sie zu sehen, nur noch größer ward. Er ließ daher am andern Tage an die Decke seiner Stube ein seidenes Netz befestigen, welches er ganz leise niederlassen konnte, und so erwartete er die Nacht. Als das Myrtenfräulein wieder zu seinen Füßen saß und ihm die tiefsinnigsten Lehren über die Pflichten eines guten Fürsten gegeben hatte, wollte sie ihm wieder das Schlaflied singen, aber er sprach zu ihr: „Heute will ich einmal singen“, und sie gab es nach vielen Bitten zu; da sang er folgendes Liedchen:

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?
Hörst du, wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt;
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt!
O! wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg, ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt.

Und dies Lied wirkte so durch die sanfte Weise, in welcher er es sang, daß das Myrtenfräulein zu den Füßen des Prinzen entschlummerte; da ließ er das Netz nieder über sie und zündete seine Lampe an, und o Himmel! was sah er? Die wunderschönste Jungfrau, welche jemals gelebt, im Antlitz wie der klare Mond so mild und rein, Locken wie Gold um die Stirne spielend und auf dem Haupt ein Myrtenkrönchen; sie hatte ein grünes Gewand an, mit Silber gestickt, und ihre Hände gefaltet wie ein Engelchen. Lange betrachtete er seine Freundin und Lehrerin mit stummen Erstaunen, dann konnte er seine Freude nicht mehr fassen, er brach in lautem Jubel aus und rief: „O Tugend! o Weisheit! wie schön ist deine Gestalt; wer kann leben ohne dich, wenn er dich einmal erblickte.“ Dann ergriff er ihre Hand und steckte ihr seinen Siegelring an den Finger und sprach: „Erwache, o meine holdselige Freundin! nimm meinen Thron und meine Hand und verlasse mich nie wieder.“ Da erwachte das Myrtenfräulein, und als es das Licht erblickte, errötete es über und über, und blies die Lampe aus. Dann klagte sie, daß er sie gefangen habe, und sagte, daraus wird gewiß Unglück kommen; aber der Prinz bat sie so sehr um Vergebung, bis sie ihm verzieh und versprach, die Fürstin seines Landes zu werden, wenn ihre Eltern es erlaubten, er sollte nur alle Anstalten zur Hochzeit machen und dann ihre Eltern fragen; bis dahin sollte er sie aber nicht wiedersehen. Der Prinz willigte in alles ein und fragte sie, wie er sie rufen solle, wenn er alle Anstalten getroffen habe, und sie sagte: „Befestige eine kleine Silberglocke an die Spitze meines Bäumchens, und sobald du klingelst, werde ich erscheinen.“ Nun zerriß sie das Netz, der Baum rauschte, und fort war das Myrtenfräulein.

Der Tag war kaum angebrochen, als der Prinz auch schon alle seine Minister und Räte zusammenberief und ihnen bekannt machte, daß er sich nächstens zu vermählen gedenke und daß sie alle Anstalten zu dem prächtigsten Hochzeitsfeste treffen sollten, das jemals im Land gewesen. Die Räte waren sehr erfreut darüber und fragten ihn untertänigst um den Namen der Braut, damit sie ihren Namenszug bei der Illumination anbringen könnten. Da sagte der Prinz: „Der erste Buchstabe ihres Namens ist M, und es sollen beim Feste überall Myrtenzweige hingemalt werden, wo es sich schickt.“ Da wollten die Herren ihn schon verlassen, als plötzlich eine Botschaft kam, daß ein wildes Schwein in dem fürstlichen Tiergarten toll geworden wäre und in dem darin befindlichen gläsernen Lusthause alles chinesische Porzellan zertrümmert habe; es sei äußerst nötig, es sogleich zu erlegen, damit es nicht andere Schweine beiße und auch toll mache, welche dann leicht die ganze Stadt Porzellania über den Haufen werfen könnten. Da durfte der Prinz nicht länger zaudern; er befahl seinen Räten, einstweilen die Hochzeit zuzubereiten, und zog mit seinen Jägern hinaus auf die Jagd.

Als der Prinz aus dem Schloß ritt, lagen die neun bösen Fräulein, welche sich nicht mit gefreut hatten, als Myrte so feierlich in die Stadt gebracht wurde, sehr schön geputzt am Fenster, in der Hoffnung, der Prinz werde sie bemerken und grüßen; aber vergebens, wenn sie sich gleich so weit herauslegten, daß sie leicht hätten auf die Straße fallen können: der Prinz tat nicht, als wenn er sie bemerkte. Hierüber aufgebracht, kamen sie zusammen und faßten den Entschluß, sich zu rächen. Die Geschichte mit dem tollgewordenen wilden Schwein war auch nur von ihnen ausgesprengt, damit der Prinz, der sich gar nicht mehr sehen ließ, über die Straße reiten sollte: sie hatten das chinesische Porzellan in dem Lusthaus durch ihre Diener zerschlagen lassen. Als sie eben versammelt waren, trat der Vater der Ältesten, der einer der Minister war, herein, und machte den Damen bekannt, sie möchten sich zum Hochzeitsfest des Prinzen vorbereiten; der Prinz werde eine Prinzessin M. heiraten, auch sei von vielen Myrtenverzierungen bei der Illumination die Rede. Kaum waren sie wieder allein, als sie ihrem ganzen Zorn den Lauf ließen; denn sie hatten sich alle neun eingebildet, den porzellanenen Thron zu besteigen. Sie ließen sich einen Maurer kommen, der mußte ihnen einen unterirdischen Gang bis in die Stube des Prinzen machen; denn sie wollten sehen, wen er dort versperrt habe. Als der Gang fertig war, beredeten sie noch ein zehntes junges Fräulein, der sie jedoch ihr Vorhaben verschwiegen, mitzugehen, welche es auch tat, doch nur aus Neugier und nicht aus bösem Willen; sie nahmen sie aber nur mit, um sie dort zurückzulassen, als habe sie alles getan. Hierauf begaben sie sich in einer Nacht mit Laternen versehen durch den Gang in die Stube des Prinzen und suchten alles durch, sehr verwundert, nichts Besonderes darin zu finden außer der Myrte. An dieser ließen sie nun allen ihren Grimm aus, rissen ihr Zweige und Blätter ab, und als sie auch den Wipfel herunterrissen, klingelte das Glöckchen, und das Myrtenfräulein, welches glaubte, es sei dies das Zeichen zu ihrer Hochzeit, trat plötzlich in dem schönsten Brautkleide aus der Myrte. Anfangs verwunderten sich die bösen Geschöpfe, aber bald waren sie einig, dieses müßte die künftige Fürstin sein, und somit fielen sie über sie her und ermordeten sie auf die unbarmherzigste Weise, indem sie das arme Myrtenfräulein mit ihren Messern in viele kleine Stücke zerhackten; jede nahm sich einen Finger von dem armen Myrtenfräulein mit; nur das zehnte Fräulein hatte nicht mitgeholfen und nur immer gejammert und geweint, wofür sie sie dann einsperrten und nun auf demselben Wege entwichen.

Als der Kammerdiener des Prinzen, welchem dieser bei Lebensstrafe befohlen hatte, die Myrte täglich zu begießen und täglich die Stube aufzuräumen, als wenn der Prinz da wäre, zu seiner Verrichtung hereintrat, war sein Entsetzen unbeschreiblich, da er das zerfleischte Myrtenfräulein in dem Blute an der Erde herumliegen und den Myrtenbaum zerknickt und entblättert sah. Er wußte nicht, was dies sein konnte, denn er wußte von dem Myrtenfräulein nichts; da erzählte ihm das junge Fräulein, welches weinend in einer Ecke saß, alles. Sie nahmen unter bittern Tränen alle Glieder und Knochen der Unglücklichen zusammen und begruben sie unter dem zerstörten Myrtenbaum in das Gefäß, so daß alles einen kleinen Grabhügel bildete; sodann wuschen sie den Boden so rein sie konnten, und begossen den Baum mit dem blutverschmierten Wasser, räumten die Stube auf, schlossen sie zu, und flohen in großer Angst miteinander; doch nahm das Fräulein eine Locke der unglücklichen Gemordeten zum Andenken mit.

Unterdessen waren die Vorbereitungen zu der Hochzeit beinahe fertig, und der Prinz, der das wilde Schwein vergebens aufgesucht hatte, kehrte nach der Stadt zurück. Sein erster Gang war zu dem guten Töpfer und seiner Frau, welchen er seine Geschichte mit dem Myrtenfräulein erzählte und sie um die Hand ihrer Tochter bat. Die guten Leute waren vor Entzücken fast außer sich, als sie vernahmen, daß in ihrem Myrtenbaum ihnen eine Tochter erwachsen sei, und wußten nun, warum sie denselben so ungemein liebgehabt hatten. Freudig willigten sie in die Bitte des Prinzen ein und begleiteten ihn in das Schloß, um ihre wunderbare Tochter zu sehen. Als sie nun zusammen in das Zimmer traten, wo die Myrte stand, sahen ihre Augen ein trauriges Schauspiel: – am Boden noch viele blutige Spuren, und der geliebte Baum entblättert und verletzt, neben ihm aber ein Grabhügel. Der Prinz rief, der Töpfer rief, die Töpferin rief: „O meine geliebte Braut! o mein teures Kind! mein einziges liebes Töchterchen! o wo bist du, laß dich sehen vor deinen unglücklichen Eltern!“ Aber nichts rührte sich, und ihre Verzweiflung war unbegrenzt. Die drei armen Unglücklichen saßen nun ganze Tage und begossen den Myrtenbaum mit ihren Tränen, und das ganze Land war bestürzt und traurig.

Unter solchen Schmerzen pflegten und warteten der Prinz und der Töpfer nebst seiner Frau den kranken Myrtenbaum aufs zärtlichste, und er begann wieder Zweige zu treiben, worüber sie sehr erfreut wurden, und er war schon wieder ganz hergestellt, nur fehlten ihm an dem Wipfel einige Blätter und an einem seiner beiden Hauptäste die äußersten fünf Sprossen und an dem andern vier, neben welchen der fünfte zu keimen anfing. Diesen fünften Sproß beobachtete der Prinz alle Tage, und wie entzückt war er nicht, als er eines Morgens diesen Sproß ganz erwachsen und den Ring, den er dem Myrtenfräulein gegeben, an demselben wie an einem Finger befestigt sah. Sein Entzücken war unbeschreiblich; denn er glaubte nun, das Myrtenfräulein müsse noch leben. In der nächsten Nacht saß er mit dem Töpfer und der Töpferin bei dem Baum, und sie flehten die Myrte so zärtlich um ein Lebenszeichen an, daß der Baum endlich zu säuseln begann und folgende Worte sang:

Habt Erbarmen,
An zwei Armen
Fehlen mir neun Fingerlein.
Lieber Prinz! in deinem Reiche
Wachsen jetzt neun Myrtenzweige,
Und sie sind mein Fleisch und Bein.
Habt Erbarmen,
Schafft mir Armen
Wieder die neun Fingerlein.

Der Prinz und die Eltern waren durch dies traurige Lied sehr gerührt, und der Prinz ließ den andern Tag im ganzen Lande bekanntmachen, wer ihm die schönsten Myrtenzweige bringe, den wolle er mit seiner königlichen Hand belohnen. Dieses kam auch zu den Ohren der Mordfräulein, welche die arme Myrte so schrecklich gemartert hatten, und sie waren sehr froh darüber: denn sie hatten die neun Finger des Myrtenfräuleins, jede den ihren, in einen Topf mit Erde vergraben, und es waren kleine Myrtensprosse daraus erwachsen. Sie putzten sich gleich schön an und kamen eine nach der andern mit ihren Myrtenzweigen ins Schloß; denn sie glaubten, die Worte des Prinzen wollten soviel sagen, als wolle er die Überbringerin der schönsten Myrte heiraten. Der Prinz ließ ihnen die Myrtenzweige abnehmen und versprach ihnen seiner Zeit Antwort sagen zu lassen; sie möchten sich nur zum Feste vorbereiten. Als er nun alle die neun Zweige neben den großen Baum gestellt hatte, sprach die Stimme aus dem Baum:

Willkomm, willkomm, neun Zweigelein!
Willkomm, willkomm, neun Fingerlein!
Willkomm, willkomm, mein Fleisch und Bein!
Willkomm, willkomm, zum Topf herein!

Da begrub der Prinz die neun Zweige und die neun Finger unter die Myrte, welche noch denselben Tag die neun fehlenden Sprossen trieb. Nun aber kam noch das jüngste Fräulein, welche nur die Haarlocke genommen und ihr den Ringfinger gelassen hatte, und warf sich dem Prinzen zu Füßen und sagte: „Herr! ich habe keine Myrte und habe auch keine haben wollen; aber diese Locke gebe ich in deine Hand und bitte dich um eine Gnade.“ Der Prinz versprach sie ihr, und sie erzählte ihm, wie die ganze Mordtat geschehen sei, und bat ihn, er möge seinem entflohenen Kammerherrn verzeihen und sie mit demselben vermählen. Da gab ihr der Prinz einen Gnadenbrief für denselben, und sie lief zu ihm in den Wald, wo er sich in einem hohlen Baum versteckt hatte, in den sie ihm täglich zu essen gebracht. Der Kammerherr erfreute sich sehr über sein Glück und kam mit ihr wieder in die Stadt. Als aber der Prinz die Haarlocke auch vergraben hatte, sprach die Myrte:

Nun bin ich ganz
Im alten Glanz,
Bring mir den Kranz
Und führe mich zum Hochzeitstanz

Da ließ der Prinz ein großes Fest vor allem Volke im Schloßgarten ansagen; da alles versammelt war, ward die Myrte unter einen Thronhimmel gestellt, und der schönste Blumenkranz, mit Gold durchwunden, ward ihr von dem Töpfer und der Töpferin aufgesetzt, und als dies kaum geschehen war, trat das Myrtenfräulein, wie die schönste Braut geschmückt, aus dem Baum hervor und ward von ihren Eltern, welche sie noch nie gesehen hatten, unter Freudentränen und dann von dem glücklichen Prinzen als seine Braut herzlich umarmt. Da standen die neun Mordfräulein wie auf heißen Kohlen; der Prinz aber sprach: „Was verdient der, welche diesem Myrtenfräulein etwas zu Leide tut?“ Und einer sagte da nach dem andern irgendeine harte Strafe her, und als die Frage an die neun Fräulein kam, sagten sie alle zusammen: „Daß ihn die Erde verschlinge und seine Hand aus der Erde wachse“; und kaum hatten sie es gesagt, als die Erde sie auch verschlang und über ihnen Fünffingerkraut hervorwuchs. Nun wurde die Hochzeit gehalten, und der Kammerherr hielt mit dem jüngsten Fräulein auch Hochzeit. Es schenkte dem Prinzen der Himmel auch bald ein kleines Myrtenprinzchen, das ward in der schönen Wiege des alten Töpfers gewiegt, und das ganze Land war froh und glücklich.

Der Myrtenbaum aber ward bald so stark und groß, daß man ihn ins Freie setzen mußte. Da begehrte die Prinzessin Myrte, daß er neben die ehemalige Hütte ihrer Eltern gesetzt werde; das geschah auch, und die Hütte ward zu einem schönen Landhaus verändert, und endlich ward aus dem Myrtenbaum ein Myrtenwald, und die Enkel des Töpfers und seiner Frau spielten darin, und die beiden guten Leute wurden dort, wie sie gewünscht hatten, unter dem Myrtenbaum begraben. Der Prinz und das Myrtenfräulein ruhen wohl auch schon dort, wenn sie nicht mehr leben sollten, woran ich fast zweifle; denn es ist schon sehr lange her.

Sonntagsmärchen

Der verzauberte Garten

Herkunft unbekannt

Vor vielen Jahren zog ein junger Musikant durch die Lande, um mit seinen Liedern die Menschen zu erfreuen. Überall dort, wo er hinkam, seiner Laute die schönsten Melodien entlockte und dazu sang, erntete er großen Beifall und wurde mit Essen und Trinken, manchmal sogar mit ein paar Geldmünzen belohnt. Während der warmen Jahreszeit schlief er unterm freien Himmelszelt, bei Kälte und Regen in Scheunen auf Bauernhöfen oder im Schankraum eines Wirtshauses.

So kam der Jüngling auf seiner Wanderschaft auch in ein wunderschönes, kleines und sonniges Königreich. Frohgelaunt marschierte er auf die ersten Getreidefelder zu, auf denen die Bauern arbeiteten.
„Seid gegrüßt, ihr lieben Leute!“, rief der Musikant den Männern fröhlich zu. „Ich möchte euch das Schaffen gerne mit meiner Musik versüßen.“
„Geh weiter und lass uns in Ruhe!“, antworteten ihm die Leute vom Feld jedoch unfreundlich.
Welche Laus mag denen wohl über die Leber gelaufen sein, fragte sich der Musikant und wanderte leicht betrübt in den Ort hinein. Auf einer Wiese sah er mehrere Kinder im Grase sitzen und schlug ein paar Takte auf seinem Instrument an.
„Hallo, junges Volk, kommt, singt mit mir ein schönes Lied!“, rief er ihnen zu.
Die Kinder aber blieben ihm fern. „Geh weiter und lass uns in Ruhe!“
Diese Töne waren dem Musikanten fremd, denn noch nirgends hatte man ihn so abgewiesen wie hier in diesem Königreich. Traurig senkte er den Kopf und ging auf die Häuser zu. Vielleicht waren ja die Frauen, die Haus und Hof versorgten, während ihre Männer auf den Feldern arbeiteten, etwas zugänglicher und vor allem freundlicher gestimmt.
„Ihr guten Frauen, alt und jung,
lasst uns ein Liedchen singen.
Musik bringt in die Arbeit Schwung.
lässt alles gut gelingen“,

ertönte die Stimme des Jünglings so laut, dass sie wohl kaum zu überhören war.
Einige Haustüren wurden geöffnet und die Frauen erschienen.
„Geh weiter und lass uns in Ruhe!“, riefen auch sie dem Musikanten unfreundlich entgegen und schlugen die Türen wieder zu.

Mit gesenktem Kopf wanderte der Bursche weiter und verstand die Welt nicht mehr. Als er das Dorf fast durchquert hatte, sah er einen alten, schon ziemlich gebrechlichen Hund im Schatten eines Baumes liegen. Der Musikant ging zu ihm hin, bückte sich und streichelte das Zottelfell des Tieres. „Ach, könntest du mir nur sagen, warum die Menschen hier auf diesem herrlichen Fleckchen Erde so unfreundlich zu mir sind“, sprach er zu ihm, erhob sich und betrachtete die Umgebung.

„Was willst du hier bei uns, Musikant?“
Der Jüngling erschrak und schaute sich um. Ein altes Mütterchen stand, auf einen Stock gestützt, jetzt dort, wo kurz zuvor noch der Hund gelegen hatte.
„Sei gegrüßt, Mütterchen“, erwiderte der Jüngling in der Hoffnung, doch noch einen freundlichen Menschen an diesem Ort vorzufinden. „Meine Wanderschaft hat mich zu euch geführt. Ich wollte die Leute hier mit meinen Liedern erfreuen, doch man schickt mich wie einen Störenfried unhöflich weiter. Warum?“
Die alte Frau ging einen Schritt auf den Jüngling zu und sagte:
„Das liegt bestimmt nicht an deiner Musik. Aber sie wird die Menschen von Schöntal wohl kaum erfreuen, es sei denn, du könntest damit den Zauberbann von unserem König und seinen Schlossbewohnern brechen.“

„Was ist denn geschehen?“, fragte der Musikant, jetzt neugierig geworden. Und er erfuhr von dem Mütterchen, was sich vor einiger Zeit hier zugetragen hatte.
„Vor vielen Monaten kam ein Zauberer auf seiner Reise in unser Königreich und gelangte auch zum Schloss. Er bat um Obdach für ein paar Nächte und lernte die Prinzessin, das einzige Kind des Königspaares, kennen. Sofort entbrannte er in Liebe zu ihr und wollte sie zu seiner Frau machen. Das schöne Mädchen aber weigerte sich und bat den Vater, den Zauberer umgehend fortzuschicken. Das tat der König auch.
Tags drauf erschien der Abgewiesene erneut vor dem Palast und sprach einen Zauberspruch aus, der schlimme Folgen für unser Königreich hatte:
Das Königspaar und alle, die im Schloss lebten, verwandelten sich in Steinsäulen. Die Prinzessin jedoch wurde in eine Rose verzaubert, die von nun an im königlichen Garten unter all den anderen Pflanzen ihr Leben fristet.
Die Bewohner rund um das Schloss, die den König und seine Familie sehr verehren, sind seitdem unglücklich und mit Traurigkeit erfüllt. Erst wenn es einem Jüngling gelingen sollte, aus allen Blumen die Prinzessin heraus zu finden, wird der Bann vom Königreich genommen. Ich habe die Worte des Zauberers mit angehört.“

Der Musikant hatte der alten Frau gespannt zugehört.
„Eine Rose zu finden, das dürfte doch ein Leichtes sein“, sagte er erfreut nach einigen Minuten.
„Ach, Jüngling, das haben vor dir schon mehrere Prinzen gedacht und mussten ohne Erfolg wieder davonziehen. Doch du solltest um den Garten wissen, denn auch er ist verzaubert.
Nichts ist dort so, wie es ausschaut,
eine Rose muss nicht die Prinzessin sein
und der Löwenzahn auch nicht Unkraut,
folge nur dem Herze dein.

Der Musikant sah ein Blitzen in den Augen des alten Mütterchens.
„Geh und versuche dein Glück“, flüsterte es, „oder verlasse diesen Ort auf der Stelle.“ Bevor der Musikant noch etwas erwidern konnte, war die Frau verschwunden und statt ihrer lag wieder der alte, zottelige Hund zu seinen Füßen.

Es dauerte nicht lange, da erreichte der junge Mann den Schlossgarten, dessen Tor sich mühelos öffnen ließ. Munteres Vogelgezwitscher und das Summen vieler Insekten begrüßte ihn. Vorsichtig trat er ein und erblickte sogleich die Schönheit von unzähligen, wunderbaren roten Rosen rechts und links eines breiten Kiesweges. Da der junge Musikant ein Naturbursche war, kannte er fast alle Pflanzen unterm Himmelszelt und die hier sahen nicht so aus, als seien sie verzaubert.
Doch auf einmal wehte ein starker Windstoß ganz dicht an ihm vorbei und warf krachend die Gartenpforte zu. Als der Musikant sich von diesem Schrecken erholt hatte, spürte er fast körperlich, dass sich etwas verändert hatte. Es war still geworden und das beunruhigte ihn. Plötzlich bot sich seinen Augen ein völlig anderes Bild. Und als auch noch Nelken begannen, an der dornigen Rosenhecke zu blühen, wurde ihm unheimlich zumute.
„Das kann doch nicht wahr sein“, flüsterte der Musikant vor sich hin und da bekam er schon den nächsten Schock, als die Pflanzen zu sprechen begannen: „He, Fremder, lockere die Erde um uns herum etwas auf. Die Wurzeln bekommen keine Luft mehr.“
Der junge Mann drehte sich um, und wollte auf dem schnellsten Weg den Garten verlassen, aber da fiel ihm ein, dass er ja aus einem ganz bestimmten Grund hergekommen war.
„Bitte, lockere die Erde auf“, riefen die Pflanzen erneut.
„Ich suche aber die Prinzessin, die der Zauberer in eine Blume verwandelt hat“, entgegnete der Jüngling.
„Die musst du schon selbst suchen. Doch jetzt hilf uns bitte.“
„Womit soll ich denn die Erde auflockern?“, wollte der Bursche wissen. „Ich habe weder Harke noch Rechen.“
„Nimm deine Hände, aber beeile dich, sonst ersticken die Wurzeln und wir müssen sterben.“ Der Musikant bückte sich widerwillig und begann mit seinen Händen, die solche Arbeit nicht gewöhnt waren, die schon ziemlich trockene, feste Erde aufzulockern. Als er fertig war, betrachtete er seine verschmutzten Finger und säuberte sie, so gut es ging, mit dem einzigen Taschentuch, das er besaß. Er nahm hastig seine Laute an sich und lief weiter, bevor die Pflanzen erneute Forderungen an ihn stellen konnten.

Als der Jüngling zwischen einigen Bäumen hindurch schlüpfte, fühlte er plötzlich, wie sich etwas ganz sacht um seinen Hals schlängelte und dann weiter um seinen Brustkorb. Er erschrak, als er die Schlingpflanze bemerkte, die ihn ansprach: „Es hat lange nicht geregnet, gib uns bitte Wasser!“ Dann ließ sie seinen Körper wieder los. Der Musikant war sprachlos und riss seine Augen auf. Schlingpflanzen, die auf Bäumen wuchsen, wo eigentlich Blätter hätten sein müssen, hatte er noch nie gesehen.
„Nun hol schon Wasser, wir verdursten sonst noch!“, riefen jetzt auch die anderen Schlingpflanzen ungeduldig von oben herunter und plötzlich tönte es wie ein Chor aus allen Richtungen: „Wir brauchen Wasser, gib uns zu Trinken.“
So schaute sich der Jüngling nach einem Brunnen oder einem Teich um. Was er dabei alles noch zu sehen bekam, hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt.
Nichts ist so, wie es ausschaut. Die Worte der alten Frau fielen ihm wieder ein und jetzt verstand er, was sie gemeint hatte.

Äpfel und Birnen hingen nicht wie üblich an Bäumen, sondern wuchsen auf kleinen Stengeln Efeu rankte nicht an Mauern empor, sondern schlängelte sich um die blattlosen Äste vieler Eichen, wie er es schon vorhin bei den Schlingpflanzen auf den Buchen gesehen hatte. Selbst die Birken hatten sich verändert und trugen ein grünes Kleid aus Tannennadeln. An den Ginsterbüschen hingen die Haselnüsse und die weißen Margeritenblüten zierten den Wachholderstrauch. Nichts stimmte mehr in diesem Garten. Veilchen wuchsen auf Lilienstengeln und Rittersporn an Fliederbäumen. Die Rosen entdeckte der Musikant schließlich auf den Stielen des Löwenzahn und durch die Haselnusssträucher schimmerten gelb die Sonnenblumen.
Es passte nichts mehr zueinander und alles verwirrte ihn. Wie sollte er hier die Prinzessin finden?

„Bring uns endlich Wasser!“, tönte es erneut von allen Seiten. „Wir verdursten sonst.“
Endlich entdeckte der Jüngling einen Pumpenbrunnen. Er fand gleich daneben eine Gießkanne und stellte sie unter den Wasserhahn. Dann begann er zu pumpen, bis endlich das kühle Nass heraussprudelte. Kanne um Kanne füllte er, um jede Blume, jeden Strauch und auch die Bäume im ganzen Garten zu bewässern. Dabei verging so viel Zeit, dass es darüber Abend wurde. Als der Musikant endlich mit dieser Arbeit fertig war, brach er vor Erschöpfung neben dem Brunnen zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf.

Der Jüngling träumte in der Nacht von einer Fee, die zu ihm kam und eine Decke aus Klee über ihn breitete. Dabei beugte sie sich so weit zu ihm hinunter, dass er eine kleine weiße Gänseblume in ihrem Haar erblickte. Die Fee flüsterte ihm etwas zu, doch er konnte die Worte nicht verstehen. Dann verschwand sie.

Kurz nach Sonnenaufgang erwachte der Musikant und streckte sich. Zuerst wusste er nicht, wo er sich befand, dann fiel sein Blick auf den Brunnen und die Erinnerung an den Tag zuvor kehrte zurück.
Er musste unbedingt die Prinzessin finden!
Hastig stand er auf und da sah er die aus lauter kleinen Kleeblättern geflochtene Decke.
„Ich habe also doch nicht geträumt“, sprach er laut zu sich selbst. „Dieser Garten ist wirklich sehr seltsam.“
Mit dem Brunnenwasser wusch er sich Gesicht und Hände, griff seine Laute und machte sich auf die Suche nach einer verzauberten Rose. Wenn er nur wüsste, in welche Blume sich die Prinzessinnen-Rose verwandelt hatte.

Er betrachtete auf seinem Gang jede Blühpflanze sehr genau und immer wenn er fragte: „Bist du die Prinzessin?“, dann schüttelte sie ihren Blütenkelch und der Musikant ging jedes Mal traurig weiter.
Um die Mittagszeit ließ er sich auf einem kleinen Stück Rasen nieder, nahm die Laute, zauberte mit seinen Fingern eine liebliche Melodie und sang dazu.
Oh Prinzessin, holdes Wesen,
warst einst ein Menschenkind gewesen,
hast abgewiesen einen Mann,
der um dich wob den Zauberbann.

Als Blume hier im Königsgarten
musst auf Erlösung du jetzt warten,
schon viele Prinzen sind gekommen,
von weit, weit her, aus fernem Land,
die dich zur Frau wohl gern genommen.
Doch ich bin nur ein Musikant.

Willst trotzdem du die Hand mir reichen
auch wenn ich nicht hab Gut und Geld,
so gib mir doch ein kleines Zeichen,
dann schenk ich dir das Himmelszelt.
Auch die Sterne und das Sonnenlicht,
wenn du nicht willst, dann gehe ich.

Als die letzten Töne verklungen waren, blieb es einige Augenblicke still, doch dann brach ein Jubelchor los. „Bravo, bravo, bitte noch ein Lied.“ Der Musikant lächelte vor sich hin. Blumen, Sträucher und Bäume hatten bisher noch nicht zu seinem Publikum gehört. Er stand auf und verbeugte sich. „Danke euch allen!“, rief er laut. Als es wieder ruhig geworden war, vernahm er ein leises Stimmchen direkt neben sich. „Bravo, bravo. Dein Lied hat mir sehr gefallen.“
Der Musikant schaute ins Gras hinunter und da sah er es, ein einsam stehendes unscheinbares, halbverwelktes Gänseblümchen. „Habe ich dich etwa vergessen zu gießen? Das tut mir leid“, sprach der Jüngling und beugte sich zu ihm hinunter. „Ich hole dir sofort frisches Wasser.“ Vorsichtig berührte er die kleinen weißen Blättchen und fühlte mit einem Male wieder einen starken Windstoß, der ihn diesmal zu Boden riss. Als er wieder aufstand, blickte er direkt in die blauen Augen eines Mädchens. „Bist du etwa die Prinzessin?“, fragte der Musikant mit bebender Stimme.
„Ja“, antwortete die Schöne, „du hast mich und mein Volk von dem bösen Zauber erlöst.“
„Dann warst du die kleine Gänseblume“, stellte der Jüngling fest.
„Ja. Ich wurde von dem Zauberer in eine Rose verwandelt und jedes Mal, wenn ein junger Mann den Garten betrat, um mich zu erlösen, verschwanden alle Vögel und Insekten und die Pflanzen und Bäume verwandelten sich. So wurde aus der schönen Rose, nach der alle suchten, eine unscheinbare Gänseblume, die niemand beachtete. Du bist der Erste, der mich nicht übersehen hat, dir will ich für immer mein Herz schenken.“

Und am Ende waren alle wieder glücklich. Nachdem die Prinzessin erlöst worden war, fiel der Zauber auch von den anderen Schlossbewohnern. Zu den Menschen in Schöntal kehrte die Fröhlichkeit zurück und sie hatten wieder Spaß am Leben.
Der Musikant feierte mit der Prinzessin ein großes Hochzeitsfest. Er spielte und sang fortan nur noch für seine schöne Gemahlin, ab und an jedoch auch für die Bewohner des kleinen, sonnigen Königreiches.

Sonntagsmärchen

Das Pfingstrosenmädchen

Türkisches Märchen

Es war einmal und es war keinmal, da war einmal in alten Zeiten ein Pfingstrosenzüchter, der hatte drei Töchter. Diese Töchter gingen den ganzen Tag im Garten herum und begossen die Pfingstrosen. Ihrem Hause gegenüber wohnte ein Bej, der ihnen immer zusah, wie sie jeden Tag ihre Rosen im Garten begossen.
Als eines Tages die älteste der Mädchen im Garten herumging und die Blumen begoss, erblickte sie der Bej und um mit ihr ein wenig zu scherzen, sprach er zum Mädchen: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen- Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen, du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Das Mädchen wusste ihm nicht zu antworten, schämte sich und lief aus dem Garten. Als dann später das mittlere Mädchen in den Garten ging und ihre Rosen begoss, sagte ihr der Bej dasselbe und da auch sie sich, wie ihre ältere Schwester, schämte, lief sie ebenfalls davon. Als endlich auch das jüngste Mädchen kam, sprach er zu ihr ebenfalls: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen-Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen, du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Da die Kleinen immer naseweiser sind, antwortete sie ihm: »mein Bej, mein Bej, in deiner Hand hast du eine Feder, in deinem Gürtel ein Tintenfass, weisst du aber, wie viel Sterne am Himmel sind?« Da der Bej darauf nicht zu antworten wusste, so schämte er sich und nahm sich vor, es ihr heimzuzahlen.
Nach Verlauf von drei bis fünf Tagen, kaufte sich der Bej einen schundigen Fez, eine abgetragene Kniehose, setzte auf den Kopf einen Korb und verkleidet sich so als Fischhändler. Das Mädchen ass nämlich Fische sehr gerne. Der Bej fing nun an, Fische zu verkaufen, indem er auf der Strasse rief: »Kauft Fische, kauft Fische!« Ein bis zwei Tage verkauft er so Fische, am dritten Tage rief das Mädchen den Fischer und fragte ihn: »Wie teuer verkaufst du die Fische?« Der Bej antwortete: »Für Geld verkaufe ich keine Fische.« – »Also wofür?« fragte das Mädchen. Der Bej antwortete: »Für einen Kuss gebe ich eine Okka.« Das Mädchen dachte sinnend nach, und da sie meinte, dass es ohnehin niemand sieht, gibt sie dem Jüngling einen Kuss und bekam dafür eine Okka Fische. Der Bej freute sich und ging nach Hause. Er zog wieder seine früheren Kleider an und wartete, bis das Mädchen wieder in den Garten ging.
Doch ziehen wir die Sache nicht in die Länge. Als das älteste und mittlere Mädchen wieder in den Garten ging, sprach sie der Bej wieder so an, worauf sie davon liefen. Die Reihe kam nun an die jüngste. Als das jüngste Mädchen hinausging, spricht der Bej: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen-Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen, du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Das Mädchen antwortete ihm: »Mein Bej, mein Bej, in deiner Hand hast du eine Feder, in deinem Gürtel ein Tintenfass, weisst du aber, wie viel Sterne am Himmel sind?« Darauf hub der Bej an: »Weisst du aber, ob man für einen Kuss eine Okka Fische kaufen kann?« Sofort begriff das Mädchen die Sache und nahm sich vor, ihm ebenfalls nichts schuldig zu bleiben.
Sie liess sich also ein klingelndes, schellendes Kleid machen und verbarg es unter ihre Achseln. Eines Tages lauerte sie auf, bis man das Tor des Bej öffnete und als dies geschah, huschte sie, ohne dass es jemand wahrgenommen hätte, ins Haus und ging in den Stall, wo sie sich verbarg. Das Schlafzimmer des Bej war gerade in der Nähe. In der Nacht, als man beim Bej sich schon niedergelegt hatte, zog das Mädchen um Mitternacht ihr Kleid mit den Klingeln und Schellen an, ging zum Bej hin, schüttelte sich, so dass das Kleid zu klingeln und zu schellen begann. Das Mädchen schüttelte sich noch einmal und als sie »öhö, öhö« zu husten anfing, erwachte der Bej und mit dem Ruf: »Wer da?« guckt der Bej unter der Decke hervor. Das Mädchen hustete noch einmal, schüttelte sich, der Bej unter der Decke zitterte zähneklappernd. Endlich sprach das Mädchen: »Ich bin Esrael und bin um deine Seele gekommen; entweder du gibst deine Seele her, oder ich stecke dir ein Horn in den Hintern.« Der Bej begann nachzudenken und da er erwog, dass ein Horn doch besser sei, als die Seele hinzugeben, so sprach er: »Nun also steck.« Das Mädchen zerstach ihm tüchtig den Hintern und verschwand.
Tags darauf stand der Bej wohl auf, allein fünf bis zehn Tage lang konnte er sich kaum niedersetzen, so sehr hatte ihn das Mädchen zerstochen. Als er wieder gänzlich hergestellt war, setzte er sich vors Fenster, und als er sah, dass die jüngste wieder ging, um ihre Rosen zu begiessen, sprach er: »Pfingstrosen-Mädchen, Pfingstrosen-Mädchen, deine Pfingstrosen weisst du zu begiessen; du weisst aber nicht, wie viel Blätter sie haben.« Das Mädchen antwortet ihm: »Mein Bej, mein Bej, in deiner Hand hast du eine Feder, in deinem Gürtel ein Tintenfass, weisst du aber, wie viel Sterne am Himmel sind?« Da sprach wieder der Bej: »Weisst du aber, ob man für einen Kuss eine Okka Fische kaufen kann?« Hierauf versetzte das Mädchen: »Nun, weisst du aber, ob man in deinen Hintern ein Horn gesteckt?« – »O, du verschmitzer Windbeutel« platzte der Jüngling; ging schnurstracks zu seiner Mutter und sagte ihr, sie möge hinübergehen und die jüngste Tochter des Pfingstrosenzüchters für ihn zur Frau verlangen.
Umsonst sträubte sich die Mutter dagegen, da doch die Tochter Eines armen Rosenzüchters nicht zu einem Bej passe, der Bej hörte auf nichts anderes. Als die Mutter sah, dass ihr Sohn davon durchaus nicht abstehen wollte, so ging sie auf die Brautschau und hielt um ihre Hand an. Vater und Mutter des Mädchens willigten ein und trafen Veranstaltungen zur Vorbereitung der Hochzeit. Als dies das Mädchen erfuhr, witterte sie sogleich, dass der Bej etwas im Schilde führe, ging eilends zu ihrem Vater, und zwingt ihn, dass er eine ihr ähnliche Puppe aus Wachs machen lasse. Was sollte der Vater auch tun, er ging hin und liess dieselbe anfertigen. Das Mädchen nimmt das Ebenbild, setzt es in das Brautgemach hinein und nachdem sie an den Kopf der Puppe einen Faden befestigt hatte, zieht sie das eine Ende des Fadens ganz bis zum Kasten hin; in das Innere des Bildes jedoch ganz bis zum Kopf hinauf gab sie einen Topf Sirup hinein.
Am Hochzeitsabend, nachdem ihre Gespielinnen und Freundinnen alle weggegangen waren, ging das Mädchen, ehe der Bräutigam zu ihr kam, ins Brautzimmer hinein, zieht ihr Brautkleid ihrem Ebenbilde an, befestigt den Schleier und die Goldfäden alle auf den Kopf der Puppe, sie selbst aber schlüpft in den Kasten hinein und guckt durch das Kastenloch hinaus. Später kam der Bräutigam, trat in’s Zimmer ein, riss sein Schwert aus der Scheide und sprach: »Du Wildfang, du warst es also, die mir das Horn hineingesteckt?« Das Mädchen im Kasten zog vorsichtig an der Schnur, so dass die Puppe mit ihrem Kopfe bejahend nickte. Darüber wurde der Bej wütend und: »Was, du nickst noch mit dem Kopfe?« rufend stiess er sein Schwert in die Puppe, worauf der Sirup aus ihr herausfloss. »Ich habe geschworen,« sagte der Bej, »dass ich dein Blut trinken werde« und schlürfte von dem Sirup auf dem Boden. Da merkte er, dass dieser süss wie Zucker ist. »O weh,« rief er, »wie süss ist ihr Blut, um wie viel süsser musste sie selbst gewesen sein!« Hierauf trat das Mädchen aus dem Kasten heraus und sprach: »Mein Bej, deinen Eid hast du gehalten.« Damit sanken sie sich einander an die Brust und von dieser Stunde an verlebten sie ihre Tage in Glückseligkeit.

Sonntagsmärchen

Giovanni Boccaccio

Das Dekameron

  1. Novelle
    (Übersetzung von Karl Witte)

Herr Chapelet täuscht einen frommen Pater durch eine falsche Beichte und stirbt. Trotz des schlechten Lebenswandels, den er geführt, kommt er nach seinem Tode in den Ruf der Heiligkeit und wird Sankt Chapelet genannt.

Es ziemt sich, ihr liebwerten Damen, ein jedes Ding, das der Mensch unternimmt, mit dem heiligen und wunderbaren Namen dessen zu beginnen, der alle Dinge geschaffen hat. Darum denke ich denn, der ich als erster bei unseren Erzählungen den Anfang machen soll, mit einer jener wunderbaren Fügungen zu beginnen, deren Kunde unser Vertrauen auf ihn als den Unwandelbaren bestärken und uns lehren wird, seinen Namen immerdar zu preisen. Es ist offenbar, daß die weltlichen Dinge insgesamt vergänglich und sterblich sowie nach innen und nach außen reich an Leiden, Qual und Mühe sind und unzähligen Gefahren unterliegen, welchen wir, die wir mitten unter ihnen leben und selbst ein Teil von ihnen sind, weder widerstehen noch uns ihrer erwehren könnten, wenn uns Gottes besondere Gnade nicht die nötige Kraft und Fürsorge verliehe. Was diese Gnade anbetrifft, so haben wir uns keineswegs einzubilden, daß sie um irgendeines Verdienstes willen, das wir hätten, über uns komme, vielmehr geht sie nur von seiner eigenen Huld aus und wird den Bitten derer gewährt, die einst wie wir sterblich waren, jetzt aber, weil sie während ihres Erdenwallens seinem Willen folgten, mit ihm im Himmel der ewigen Seligkeit teilhaftig sind. An sie, als an Fürsprecher, die unsere Schwäche und Gebrechlichkeit aus eigener Erfahrung kennen, richten wir vor allem jene Bitten, die wir vielleicht nicht wagten, unserem höchsten Richter gegenüber laut werden zu lassen. Um so überschwenglichere Gnade haben wir aber in ihm zu erkennen, wenn wir, deren sterbliches Auge auf keine Weise in das Geheimnis des göttlichen Willens eindringen kann, durch falschen Wahn betrogen, einen zu unserem Fürsprecher vor der Majestät Gottes erwählen, den er von seinem Angesicht verbannt hat, und wenn er, vor dem nichts verborgen ist, dessen ungeachtet mehr auf die reine Gesinnung des Bittenden als auf dessen Unwissenheit oder auf des Angerufenen Verdammung sieht und das Gebet ebenso erhört, als ob der vermeintliche Fürsprecher die Seligkeit, ihn zu schauen, genösse. Daß es sich so verhält, wird aus der Geschichte offenbar werden, die ich euch erzählen will. Offenbar nach menschlichem Dafürhalten, sage ich, da Gottes Ratschlüsse uns verborgen bleiben.

Es wird nämlich berichtet, daß Musciatto Franzesi, als er von einem reichen und angesehenen Kaufherrn zum Edelmanne geworden war und nun mit dem Bruder des Königs von Frankreich, dem vom Papst Bonifaz herbeigerufenen und unterstützten Karl ohne Land, nach Toskana ziehen sollte, sich entschloß, seine Geschäfte, welche, wie es bei Kaufleuten der Fall zu sein pflegt, äußerst verwickelt waren, mehreren Bevollmächtigten zu übertragen. Für alles fand er Rat, nur blieb ungewiß, wo er jemanden auftreiben wollte, der geschickt wäre, jene Schulden einzutreiben, die er bei einigen Burgundern ausstehen hatte. Der Grund seines Bedenkens lag darin, daß ihm wohlbekannt war, was für ein wortbrüchiges, händelsüchtiges und abscheuliches Volk die Burgunder sind und daß er sich auf niemand besinnen konnte, der abgefeimt genug gewesen wäre, um ihrer Bösartigkeit mit Erfolg Widerpart zu leisten. Als er in solchem Zweifel lange hin und her überlegt hatte, fiel ihm ein gewisser Ciapperello von Prato ein, der sein Haus in Paris oft zu besuchen pflegte. Die Franzosen, die den Namen Ciapperello nicht verstanden und der Meinung waren, er wolle so viel sagen wie chapeau, was in ihrer Landessprache Kranz bedeutet, nannten diesen Mann, der klein von Gestalt und sehr geschniegelt war, seiner Kleinheit halber nicht Chapeau, sondern Chapelet, unter welchem Namen er denn überall bekannt war, während nur wenige wußten, daß er Ciapperello hieß.

Das Leben, das dieser Chapelet führte, war folgendermaßen beschaffen: In seinem Beruf als Notar hätte er es für eine große Schande gehalten, wenn eine der von ihm ausgestellten Urkunden, obgleich er deren wenige ausstellte, anders als gefälscht befunden worden wäre. Solcher falschen Urkunden aber machte er, soviel man nur wollte, und dergleichen lieber umsonst als rechtmäßige für schwere Bezahlung. Falsches Zeugnis legte er auf Verlangen und aus freien Stücken besonders gern ab, und da in Frankreich Eidschwüre um jene Zeit in höchstem Ansehen standen, gewann er, da er sich nicht um einen Meineid scherte, auf unrechtmäßige Weise alle Prozesse, in denen er die Wahrheit nach seinem Gewissen zu beschwören berufen ward. Ausnehmendes Wohlgefallen fand er daran, und großen Fleiß verwandte er darauf, unter Freunden, Verwandten und was sonst immer für Leuten Unfrieden und Feindschaft anzuzetteln, und je größeres Unglück daraus entstand, desto mehr freute er sich. Wurde er aufgefordert, jemand umbringen zu helfen oder an einer anderen Schandtat teilzunehmen, so weigerte er sich niemals und war der erste auf dem Platz. Oft war er auch bereit, mit eigenen Händen zu ermorden und zu verwunden. In seiner beispiellosen Jähheit lästerte er Gott und alle Heiligen um jeder Kleinigkeit willen auf das gräßlichste. In der Kirche ließ er sich niemals antreffen und verspottete alle christlichen Sakramente mit den verruchtesten Worten. Um so mehr war er dafür in den Schenken und anderen Sündenhäusern. Aus Rauben und Stehlen hätte er sich ebensowenig ein Gewissen gemacht, als ein Heiliger daraus, Almosen zu geben. Er fraß und soff in solchem Übermaß, daß er mehrmals knapp mit dem Leben davonkam. Spielen und im Spiel betrügen betrieb er wie ein Handwerk. Doch wozu so viele Worte! Genug, er war der schändlichste Mensch, der vielleicht je geboren ward, und schon seit langer Zeit konnten nur die Macht und das Ansehen des Herrn Musciatto ihm bei seinen Verbrechen durchhelfen, so daß weder Einzelpersonen, die er häufig, noch die Gerichte, die er fortwährend beleidigte, Hand an ihn legten.

Dieser Ciapperello war es, den Herr Musciatto, welcher seinen Lebenswandel sehr genau kannte, jetzt als den rechten Mann auserkor, um der burgundischen Bosheit die Spitze zu bieten. So ließ er ihn denn rufen und sprach zu ihm: »Chapelet, ich stehe, wie du weißt, im Begriff, ganz von hier wegzuziehen, und da ich unter anderm noch mit einer Anzahl von Burgundern zu tun habe, so kenne ich niemand, dem ich mich besser als dir anvertrauen könnte, um von so betrügerischem Volk mein Geld einzutreiben. Du hast jetzt nichts zu tun, und wenn du diese Angelegenheit übernehmen willst, so verspreche ich dir, dich mit den Gerichten auszusöhnen und dir an dem, was du für mich eintreibst, einen Anteil zu lassen, daß du zufrieden sein kannst.« Herr Chapelet, der müßig ging, auch an irdischen Gütern keinen Überfluß hatte und nun den verlieren sollte, der lange Zeit sein Stecken und Stab gewesen war, sagte ohne langes Besinnen und gewissermaßen notgedrungen, ja, er sei gern bereit.

Nach gehöriger Verabredung und nach Empfang der Vollmacht des Herrn Musciatto und der Gnadenbriefe des Königs reiste Chapelet, als Herr Musciatto Paris verlassen, nach Burgund, wo ihn fast niemand kannte. Hier fing er, wider seine Natur, ganz freundlich und sanftmütig an, seinen Auftrag auszuführen und die Schulden einzufordern, gleichsam als wollte er sich die Bosheit bis zuletzt aufsparen.

Inzwischen war Chapelet ins Haus zweier Brüder aus Florenz gezogen, die Geld auf Wucherzinsen liehen und ihm, Herrn Musciatto zuliebe, viel Ehre erwiesen. In deren Hause erkrankte er jetzt, und obgleich die beiden Brüder ihm sogleich geschickte Ärzte rufen, ihn durch ihre Diener pflegen ließen und überhaupt alles taten, was zu seiner Heilung förderlich sein konnte, so war doch jede Hilfe vergeblich. Dem guten Mann, der nachgerade alt geworden war und liederlich gelebt hatte, ging es nach der Aussage der Ärzte täglich schlechter und schlechter, und es zeigte sich zum großen Leidwesen der Brüder gar bald, daß Chapelet an keiner anderen Krankheit als der des nahen Todes leide.

Diese beiden Brüder nun fingen eines Tages nicht weit von dem Zimmer, wo Chapelet krank lag, folgendermaßen zu reden an: »Was sollen wir mit dem Menschen anfangen«, sagte der eine zum andern. »Wir sind auf jeden Fall seinetwegen in einer sehr verdrießlichen Lage. Ihn jetzt, krank wie er ist, aus dem Hause zu weisen, wäre gewiß unserem Ruf ebenso nachteilig wie unüberlegt von unserer Seite; denn die Leute, die gesehen haben, wie wir ihn erst aufgenommen und für seine Pflege und Heilung gesorgt, wären überzeugt, daß er uns keinen Grund gegeben haben könne, ihn nun als einen Todkranken aus dem Hause zu tun. Auf der anderen Seite aber ist er ein so gottloser Mensch gewesen, daß er weder wird beichten, noch das Abendmahl oder die letzte Ölung wird annehmen wollen, und stirbt er, ohne gebeichtet zu haben, so nimmt keine Kirche den Leichnam auf, und er wird wie ein toter Hund in die Grube geworfen. Sollte er aber auch beichten, so sind seine Sünden so zahlreich und so verrucht, daß nichts dadurch gebessert wird; denn es wird sich weder Mönch noch Pfaffe finden, der ihn lossprechen könnte oder wollte, und stirbt er ohne Absolution, so schmeißen sie ihn auch in die Grube. Kommt es aber so oder so, immer wird das ganze Volk, das ohnehin wegen unseres von ihm verabscheuten Gewerbes äußerst schlecht auf uns zu sprechen ist und Lust genug haben mag, uns auszuplündern, offen gegen uns aufstehen und sagen: ‚Diese Hunde von Italienern, die man in der Kirche abweist, wollen wir nicht mehr unter uns dulden.‘ Sie werden unser Haus stürmen und sich kein Gewissen daraus machen, uns nicht nur Hab und Gut zu nehmen, sondern gar leicht sich an unserem Leib und Leben vergreifen. So sind wir denn auf alle Fälle bei Chapelets Tod übel daran.«

Herr Chapelet, der, wie gesagt, ganz nahe bei dem Orte lag, wo die beiden redeten, und wie man es oft bei Kranken findet, ein feines Gehör hatte, verstand alles, was sie über ihn sagten. Er ließ sie zu sich rufen und sprach: »Ich wünsche nicht, daß ihr euch meinetwegen Gedanken macht oder in Furcht seid, daß euch jemand um meinetwillen kränken möchte. Ich habe gehört, was ihr über mich gesprochen habt, und ich bin wohl überzeugt, daß es so käme, wir ihr sagt, wenn das geschähe, was ihr voraussetzt; aber es soll schon anders gehen. Ich habe zu meinen Lebzeiten unserem Herrgott so viel zuleide getan, daß jetzt, wo ich sterbe, ein Streich mehr auch keinen Unterschied machen wird. Darum schafft mir nur den erfahrensten und frömmsten Mönch herbei, den ihr zu finden wißt, und habt ihr den, so laßt mich nur machen. Ich werde eure und meine Angelegenheit schon so besorgen, daß alles gut sein wird und ihr Ursache habt, zufrieden zu sein.«

Obgleich die beiden Brüder daraus noch keine besondere Hoffnung schöpften, gingen sie doch in ein Mönchskloster und verlangten nach einem frommen und verständigen Manne, der einem Italiener, welcher bei ihnen krank liege, die Beichte hören könnte. Man gab ihnen einen bejahrten Mönch mit, der ein heiliges, makelloses Leben führte, ein großer Schriftgelehrter und gar ehrwürdiger Mann war und bei allen Bürgern im besonderen und hohen Ansehen der Heiligkeit stand. Diesen brachten sie zu dem Kranken.

Als er in die Kammer eingetreten war, wo Chapelet lag, und sich an sein Bett gesetzt hatte, hub er freundlich an, ihm Mut zuzusprechen; und dann erst fragte er ihn, wie lange es her sei, daß er zum letzten Male gebeichtet habe. Chapelet, der sein Leben lang nicht gebeichtet hatte, antwortete ihm: »Ehrwürdiger Vater, sonst ist es meine Gewohnheit, alle Woche wenigstens einmal zur Beichte zu gehen, die vielen Male ungerechnet, wo ich öfter gehe; aber ich muß gestehen, jetzt, wo ich krank geworden bin, sind schon acht Tage vergangen, ohne daß ich gebeichtet hätte, soviel Schmerzen hat die Krankheit mir bereitet.«

»Mein Sohn«, sagte darauf der Mönch, »daran hast du wohlgetan, und also magst du auch in Zukunft tun. Doch da du so oft beichtest, so sehe ich wohl, ich werde wenig Mühe haben, dich zu fragen und deine Antworten anzuhören.« Chapelet sprach: »Herr Pater, sagt das nicht; wie oft und wie vielmals ich auch zur Beichte gegangen bin, so habe ich mich doch nie entschließen können, anders zu verfahren, als eine Generalbeichte aller meiner Sünden vom Tage meiner Geburt an bis zum Beichttag abzulegen. Darum bitte ich Euch, bester Vater, daß Ihr mich ebenso genau über alles ausfragt, als ob ich nie gebeichtet hätte. Und schont mich nur ja nicht etwa, weil ich krank bin; denn ich will viel lieber dieses mein Fleisch plagen, als aus Schonung dafür irgend etwas tun, was meiner unsterblichen Seele, die mein Heiland mit seinem kostbaren Blute losgekauft hat, zum Verderben gereichen könnte.« Diese Worte hatten den ganzen Beifall des heiligen Mannes und schienen ihm von einem gesammelten Gemüt Zeugnis zu geben.

Nachdem er also diese Gewohnheit Chapelet gegenüber sehr gelobt hatte, fing er an, ihn zu befragen, ob er sich je mit Weibern in Wollust versündigt habe. Chapelet antwortete ihm mit einem Seufzer: »Mein Vater, was das anbetrifft, so schäme ich mich, Euch die Wahrheit zu sagen, denn ich fürchte, sie könnte als eitles Selbstlob ausgelegt werden.« Der heilige Pater entgegnete: »Rede nur ruhig; denn wer die Wahrheit spricht, sei es in der Beichte oder bei anderer Gelegenheit, der sündigt niemals.« »Nun denn«, erwiderte Chapelet, »weil Ihr mich darüber beruhigt, so will ich Euch nur sagen, ich bin noch ebenso rein und unbefleckt, wie ich aus dem Schoße meiner Mutter hervorkam.« »Des möge Gott dich segnen«, sagte der Mönch, »Wie wohl hast du daran getan! Und um so verdienstlicher ist deine Keuschheit, da du, wenn du gewollt hättest, weit eher das Gegenteil tun konntest als wir und alle andern, die durch eine Ordensregel gebunden sind.«

Hierauf fragte er ihn, ob er sich je durch Völlerei Gottes Mißfallen zugezogen habe. Mit einem lauten Seufzer antwortete Chapelet: »Allerdings und oftmals.« Denn weil er sich daran gewöhnt habe, außer den vierzigtägigen Fasten, welche fromme Leute jährlich halten, auch allwöchentlich wenigstens drei Tage lang mit Wasser und Brot zu fasten, so habe er das Wasser, vor allem wenn er von Gebeten oder Wallfahrten besonders angestrengt gewesen sei, mit derselben Lust und demselben Wohlgefallen getrunken wie der größte Säufer den Wein. Manchmal habe es ihn auch nach Kräutersalat gelüstet, wie ihn die Bäuerinnen machen, wenn sie aufs Feld gehen, und das Essen habe ihm besser geschmeckt, als es seiner Ansicht nach einem schmecken dürfe, der aus Gottesfurcht faste, wie er es doch getan habe. »Mein Sohn«, sagte darauf der Mönch, »das sind Sünden, welche die Natur mit sich bringt; die haben wenig zu bedeuten, und um ihretwillen möchte ich nicht, daß du dein Gewissen mehr als not tut beschwertest. Es geschieht jedem Menschen, wenn er auch noch so heilig ist, daß ihm nach langem Fasten das Essen gut schmeckt und nach großer Anstrengung das Trinken.« »Ach, Herr Pater«, antwortete Chapelet, »Ihr sprecht so, um mich zu beruhigen. Das solltet Ihr nicht tun. Euch ist ja bekannt, daß ich wohl weiß, wie alles, was man tut, um Gott zu dienen, in ganz reiner Gesinnung, frei von jeder befleckenden Lust getan werden muß und daß, wer dem zuwiderhandelt, sündigt.«

Höchlich zufrieden sagte der Mönch: »Nun, so freut es mich, daß du es so ansiehst, und ich lobe in diesem Stück dein ängstliches und sorgsames Gewissen. Aber sage mir: Hast du dich durch Geiz vergangen und mehr verlangt, als du verlangen solltest, oder behalten, was du nicht behalten durftest?« »Ehrwürdiger Vater«, erwiderte ihm Chapelet, »es sollte mir leid tun, wenn Ihr eine falsche Meinung von mir hättet, weil ich bei den Wucherern hier wohne. Ich habe keinen Teil an ihrem Handwerk; vielmehr bin ich zu ihnen gekommen, um ihnen ins Gewissen zu reden und sie von diesem abscheulichen Erwerbe abzubringen. Auch wäre mir das, wie ich glaube, gelungen, hätte mich Gott nicht so heimgesucht. Ich kann Euch aber sagen, daß mein Vater mir ein schönes Vermögen hinterließ, von dem ich nach seinem Tode den größeren Teil als Almosen weggab. Dann habe ich, um mich zu ernähren und den Armen Gottes beistehen zu können, meinen kleinen Handel getrieben und dabei allerdings den Erwerb im Auge gehabt; was ich aber erworben habe, das habe ich immer mit den Armen gleichmäßig geteilt und meine Hälfte zu meiner Notdurft verbraucht, die andere aber jenen geschenkt. Dafür hat mir aber auch mein Schöpfer beigestanden, so daß meine Geschäfte täglich besser und besser gegangen sind.«

»Daran hast du wohlgetan«, sagte der Mönch. »Aber hast du dich etwa häufig erzürnt?« »Ja«, sagte Herr Chapelet, »das habe ich freilich gar oft getan. Und wer könnte sich wohl dessen enthalten, wenn er die Menschen alle Tage die abscheulichsten Dinge treiben sieht, wenn er beobachtet, wie sie Gottes Gebote nicht halten und sein Gericht nicht fürchten? Wohl zehnmal des Tages habe ich lieber tot als lebendig sein wollen, wenn ich sah, wie die jungen Leute den Eitelkeiten der Welt nachliefen, schworen und sich verschworen, in die Schenken, aber um die Kirche herumgingen und weit mehr auf den Wegen der Welt als auf dem Pfade Gottes wandelten.« Darauf erwiderte der Mönch: »Mein Sohn, das ist ein edler Zorn, um dessentwillen ich für mein Teil dir keine Buße aufzuerlegen wüßte. Sage nur aber, wäre es vielleicht möglich, daß du dich irgendeinmal vom Zorn zu einem Mord, zu Schlägereien oder zu Schimpfworten hättest verleiten lassen?« »Ach du meine Güte, Herr Pater«, sagte Chapelet, »ich halte Euch für einen Mann Gottes; wie könnt Ihr doch solche Reden führen. Glaubt Ihr denn, ich bildete mir ein, daß Gott mich so lange am Leben erhalten hätte, wenn mir nur der entfernteste Gedanke gekommen wäre, etwas von dem zu tun, was Ihr da genannt habt? Dergleichen können ja nur Mörder und Straßenräuber tun; sooft ich dergleichen gesehen, habe ich immer gesagt: Geh, und Gott bessere dich.«

»Gott segne dich, mein Sohn«, sprach der Pater. »So sage mir denn, ob du jemals gegen irgendwen falsches Zeugnis abgelegt oder von andern schlecht gesprochen oder wider Willen des Eigentümers dich an fremdem Gute bereichert hast.« »Ach ja, Herr Pater«, sagte Chapelet, »was die üble Nachrede betrifft, freilich ja. Denn einmal hatte ich einen Nachbarn, der seine Frau in einem fort prügelte, ohne den geringsten Anlaß zu haben. Da hat mich denn das Mitleid mit dem armen Weibe, das er, sooft er sich betrunken hatte, jämmerlich zurichtete, einmal so gepackt, daß ich gegen ihre Verwandten recht auf ihn gescholten habe.« »Wohl denn«, antwortete der Mönch, »nun sage mir aber, wie ich höre, so bist du ein Kaufmann gewesen; hast du niemals jemand nach Art der Kaufleute betrogen?« »Ja, wahrhaftig, Herr Pater«, sagte Herr Chapelet, »Wie er hieß, das weiß ich aber nicht. Es war einer, der mir Geld brachte, was er für ein Stück Tuch schuldig war, das ich ihm verkauft hatte. Nun tat ich das Geld, ohne es zu zählen, in einen Kasten, und reichlich einen Monat später fand ich, daß es vier Heller mehr waren, als mir zukamen. Wohl ein ganzes Jahr lang habe ich sie aufgehoben; weil ich aber den, dem sie gehörten, in der ganzen Zeit nicht mehr wiedersah, habe ich sie am Ende als Almosen verschenkt.« »Das war eine Kleinigkeit«, sagte der Mönch, »und du hast recht daran getan, so damit zu verfahren.«

Der fromme Mönch fragte ihn noch mancherlei, worauf er immer in dieser Weise antwortete. So wollte denn jener schon zur Absolution schreiten, als Chapelet sprach: »Herr Pater, noch eine Sünde habe ich auf dem Gewissen, die ich Euch nicht gebeichtet.« »Und die wäre?« sagte der Mönch. »Ich entsinne mich«, antwortete jener, »daß ich an einem Samstag gegen Abend von meinem Diener das Haus kehren ließ und also die schuldige Ehrfurcht vor dem Tage des Herrn vergessen habe.« »Mein Sohn«, erwiderte der Geistliche, »das hat weiter nichts zu bedeuten.« »Sagt nicht, das habe nichts zu bedeuten«, entgegnete Chapelet. »Den Sonntag soll man ehren; denn an diesem Tag war es, daß unser Heiland von den Toten auferstand.« Darauf sagte der Mönch: »Und hast du sonst noch etwas zu beichten?« »Ja, Herr Pater«, antwortete Chapelet, »einmal habe ich in Gedanken in der Kirche ausgespuckt.« Der Mönch fing an zu lächeln und sagte: »Mein Sohn, das sind Dinge, die man sich nicht zu Herzen nehmen soll; wir sind Geistliche und spucken alle Tage in der Kirche aus.« »Und tut daran sehr übel«, sprach Herr Chapelet; »denn nichts auf der Welt soll man so rein halten wie den Tempel des Herrn, in dem man dem Höchsten opfert.«

Um es kurz zu machen, Sünden von dieser Art beichtete er ihm noch eine Menge. Dann fing er an zu seufzen und brach in einen Strom von Tränen aus, deren ihm, wenn er wollte, immer reichlich zu Gebote standen. »Was ist dir, mein Sohn?« sagte der Geistliche. »Ach, Herr Pater«, erwiderte Chapelet, »eine Sünde habe ich noch auf dem Herzen, die habe ich nie gebeichtet, so schäme ich mich, sie zu bekennen; wenn ich nur daran denke, so weine ich, wie Ihr mich jetzt weinen seht, und um dieser Sünde willen kann ich nur auch nicht denken, daß Gott Erbarmen mit mir haben wird.« »Schäme dich, mein Sohn«, entgegnete der Mönch, »was redest du da? Wären alle Sünden, die von allen Menschen jemals zusammen begangen worden sind oder, solange die Welt stehen wird, noch von den Menschen begangen werden, in einem einzigen Menschen vereinigt, und der wäre reuig und zerknirscht, wie ich sehe, daß du es bist, so ist Gottes Gnade und Barmherzigkeit so groß, daß er sie alle, sobald sie gebeichtet wären, ihm freudig vergeben würde; und so sage denn zuversichtlich, was du getan hast.« Darauf sprach Herr Chapelet, ohne vom Weinen abzulassen: »Ach, ehrwürdiger Vater, es ist eine gar zu schwere Sünde, und wenn es nicht auf Eure Fürbitte hin geschieht, so kann ich kaum glauben, daß Gott sie mir jemals vergeben sollte.« Der Mönch antwortete ihm: »Sage sie nur ruhig, denn ich verspreche dir, daß ich für dich zu Gott beten werde.« Herr Chapelet weinte noch in einem fort und schwieg; der Mönch aber ermunterte ihn erneut, zu reden. Als nun Chapelet den Geistlichen so mit Weinen eine lange Weile hingehalten hatte, stieß er einen tiefen Seufzer aus und sprach: »Ehrwürdiger Vater, weil Ihr mir denn versprochen habt, Gott für mich zu bitten, so will ich’s Euch sagen. Wißt denn, wie ich noch klein war, habe ich einmal meine Mutter geschmäht.« Und kaum hatte er so gesprochen, so hub er von neuem bitterlich zu weinen an. »Mein Sohn«, antwortete der Mönch, »dünkt dich denn das wirklich solch eine schwere Sünde? Lästern die Leute nicht etwa täglich ihren Herrgott? Und doch vergibt er gern einem jeden, der bereut, ihn gelästert zu haben. Und du verzweifelst, für diesen Fehltritt Vergebung zu finden? Fasse Mut und weine nicht; denn wahrlich, wärest du einer von denen gewesen, die unsern Herrn ans Kreuz geschlagen haben, und wärest du so zerknirscht, wie ich es jetzt an dir sehe, so vergäbe er dir.« Darauf sagte Chapelet: »Um Himmels willen, Herr Pater, was sprecht Ihr da? Allzusehr habe ich mich vergangen, und allzu große Sünde war es, daß ich meine Herzensmutter schmähte, die mich neun Monate lang Tag und Nacht im Leibe getragen hat und mich mehr als hundertmal auf den Armen hielt; und wenn Ihr nicht für mich betet, so wird mir’s auch nicht verziehen werden.«

Als der Mönch inneward, daß Chapelet weiter nichts zu sagen hatte, sprach er ihn los und gab ihm in der festen Überzeugung, Chapelet, dessen Reden er für lautere Wahrheit nahm, sei ein frommer, gottseliger Mensch, den Segen. Und wer möchte wohl zweifeln, wenn er jemand auf dem Totenbette also reden hörte? Nach dem allen sagte er: »Herr Chapelet, Ihr werdet mit Gottes Hilfe bald wieder gesund sein; sollte es aber dennoch geschehen, daß Gott Eure gesegnete und zum Abschied von dieser Welt bereite Seele zu sich riefe, hättet Ihr alsdann etwas dawider, daß Euer Körper in unserem Kloster beerdigt würde?« »Durchaus nicht«, entgegnete Chapelet; »vielmehr möchte ich sonst nirgends liegen als eben bei Euch. Ihr habt mir ja versprochen, für mich zu beten, und auch ohne das habe ich von jeher besondere Ehrfurcht für Euren Orden gehabt. Und so bitte ich Euch, daß Ihr Christi wahrhaftigen Leib, den Ihr diesen Morgen auf dem Altare eingesegnet habt, mir zusendet, sobald Ihr in Euer Kloster zurückgekommen seid. Denn ich denke ihn, wenn Ihr es gestattet, obgleich unwürdig, zu genießen und dann die letzte heilige Ölung zu empfangen, damit ich, wenn ich als Sünder gelebt habe, wenigstens als Christ sterben möge.« Der heilige Mann sagte, das sei wohl gesprochen und er sei alles zufrieden. Das Sakrament solle dem Kranken sogleich gebracht werden. Und so geschah es.

Die beiden Brüder hatten sehr gefürchtet, Chapelet werde sie täuschen, und sich deshalb der Bretterwand nahe gesetzt, welche die Kammer, in welcher der Kranke lag, von der anstoßenden trennte. Hier hatten sie die ganze Beichte belauscht und bequem verstanden, was Chapelet dem Mönche gesagt. Mehr als einmal reizten die Geschichten, die sie ihn beichten hörten, sie so sehr zum Lachen, daß wenig daran fehlte, so wären sie damit herausgeplatzt. Dann aber sagten sie wieder zueinander: »Himmel, welch ein Mensch ist das, den weder Alter noch Krankheit, noch Furcht vor dem Tode, dem er sich nahe sieht, oder vor Gott, vor dessen Richterstuhl er in wenigen Stunden zu stehen vermuten muß, von seiner Verruchtheit haben abbringen und zu dem Entschluß führen können, anders zu sterben, als er gelebt hat.« Indes, sie hatten gehört, seine Leiche solle in der Kirche aufgenommen werden, und um das Übrige kümmerten sie sich nicht. — Herr Chapelet empfing bald darauf das Abendmahl, dann, als sein Befinden sich über die Maßen verschlechterte, die letzte Ölung und starb noch am Tage seiner musterhaften Beichte, bald nach der Vesper.

Die beiden Brüder besorgten aus dem Nachlaß des Verstorbenen ein anständiges Begräbnis und meldeten den Todesfall im Kloster, damit die Mönche, wie es der Brauch ist, die Nachtwache bei der Leiche halten und sie am andern Morgen abholen sollten.

Der fromme Mönch, der sein Beichtiger gewesen war, besprach sich, als er seinen Tod vernahm, mit dem Prior des Klosters. Er ließ zum Kapitel läuten und schilderte den versammelten Mönchen, welch ein frommer Mann Chapelet, seiner Beichte zufolge, gewesen war. In der Hoffnung, daß Gott durch ihn noch große Wunder verrichten werde, überredete er sie, man müsse diese Leiche notwendig mit besonderer Auszeichnung und Ehrfurcht empfangen. Der Prior und die übrigen Mönche pflichteten in ihrer Leichtgläubigkeit dieser Meinung bei, und so gingen sie denn sämtlich noch spät am Abend in das Haus, wo Chapelets Leichnam lag, und hielten über diesem eine große und feierliche Vigilie.

Am andern Morgen kamen sie alle, mit Chorhemden und Mäntelchen angetan, die Chorbücher in der Hand und die Kreuze voraus, um den Leichnam mit Gesang zu holen. Dann trugen sie ihn unter Gepränge und großer Feierlichkeit in ihre Kirche, und fast die ganze Einwohnerschaft des Städtchens, Männer und Frauen, schloß sich dem Zuge an. Als die Leiche in der Kirche niedergesetzt worden war, stieg der Geistliche, dem Chapelet gebeichtet hatte, auf die Kanzel und berichtete von des Verstorbenen frommem Leben, von seinem Fasten, seiner Keuschheit, seiner Einfalt, Unschuld und Heiligkeit die wunderbarsten Dinge. Unter anderm erzählte er, was Herr Chapelet ihm unter Tränen als seine größte Sünde gebeichtet und wie er ihn kaum zu überzeugen vermocht habe, daß Gott ihm auch diese vergeben werde. Dann begann er die Zuhörer zu schelten und sagte: »Ihr aber, ihr von Gott Verdammten, ihr lästert um jedes Strohhalmes willen, der euch zwischen die Füße kommt, Gott, seine Mutter und alle Heiligen im Paradiese.« Außerdem sagte er noch viel von seiner Herzensgüte und Lauterkeit.

Mit einem Wort, seine Reden, denen die Gemeinde vollkommenen Glauben schenkte, bemächtigten sich in solchem Maße der frommen Herzen der Versammlung, daß alle, sobald der Gottesdienst zu Ende war, sich untereinander stießen und drängten, um dem Toten Hände und Füße zu küssen. Die Kleider wurden ihm auf dem Leibe zerrissen; denn jeder hielt sich für glücklich, wenn er einen Fetzen davon haben konnte. In der Tat mußten die Mönche den Körper den ganzen Tag über ausstellen, daß ihn jedweder nach Gefallen beschauen konnte. In der folgenden Nacht wurde er in einer Kapelle ehrenvoll in einem Marmorsarge bestattet, und schon am Tage darauf fingen die Leute an, den Toten zu besuchen, zu verehren und Lichter anzuzünden. Mit der Zeit gelobten sie ihm Opfergaben und begannen dann, ihrem Versprechen gemäß, Wachsbilder aufzuhängen. Der Ruf seiner Heiligkeit und seine Verehrung wuchsen so sehr, daß nicht leicht jemand in irgendeiner Gefahr einen anderen Heiligen anrief als Sankt Chapelet, wie sie ihn nannten und noch heute nennen, und allgemein wird versichert, daß Gott durch ihn gar viele Wunder getan habe und deren noch täglich an jedem tue, der die Fürsprache dieses Heiligen andächtig erbitte.

So lebte und starb Herr Ciapperello von Prato und wurde ein Heiliger, wie ihr gehört habt. Daß es möglich ist, dieser Mensch sei wirklich im Anschauen Gottes selig, will ich allerdings nicht leugnen, denn so ruchlos und abscheulich sein Leben war, so kann er doch in den letzten Augenblicken seines Lebens so viel Reue empfunden haben, daß Gott sich vielleicht seiner erbarmt und ihn in sein Reich aufgenommen hat. Weil uns dies aber verborgen bleibt, so spreche ich nach dem, was uns offenbar ist, und sage, daß er vielmehr in den Krallen des Teufels verdammt als im Paradiese zu sein verdient. Verhält es sich aber so, dann können wir deutlich erkennen, wie unermeßlich Gottes Gnade gegen uns ist, die nicht unseren Irrtum, sondern die Lauterkeit unseres Glaubens betrachtet, wenn wir einen seiner Feinde in der Meinung, er sei sein Freund, zum Mittler zwischen ihm und uns machen und er uns erhört, als hätten wir uns einen wahren Heiligen zu unserem Fürsprecher bei seiner Gnade erwählt. Und so empfehlen wir uns ihm denn mit allem, was uns not ist, in der festen Überzeugung, erhört zu werden, damit er uns in diesem allgemeinen Elend und in dieser so heiteren Gesellschaft im Lobe seines Namens, in dem wir sie begonnen, gesund und unversehrt erhalten möge. Und damit schwieg Pafilo.

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http://gutenberg.spiegel.de/buch/decameron-2540/2

Sonntagsmärchen

Wolfram von Eschenbach: Parzival und Titurel

Parzival.
I.
Belakane.
Inhalt.
In der Einleitung wird die Treue gegen Gott und Menschen der Untreue und dem Zweifel entgegengesetzt; dann gewarnt vor dem Vertrauen zu dem Unstäten. Auch die Frauen sollten ihre Gunst nur dem Getreuen zuwenden, sie selbst nur durch ihre Treue, nicht durch äußere Schönheit des Lobs der Männer theilhaftig werden. So bricht der Dichter seine Betrachtungen ab, verspricht seinen Zuhörern ein mannigfaltiges Gedicht von großem Umfange und geht nach dem Lobe seines noch ungeborenen Helden zu der Geschichte seines Vaters über. Gahmuret, der jüngere Sohn Gandeins, Königs von Anschau (Anjou), daher er auch Anschewein (Anjevin) heißt, will nach dem Tode seines Vaters nicht Ingesinde seines Bruders Galoes sein, dem nach dem Erstgeburtsrecht die Krone zugefallen war. Entschloßen, keinem andern zu dienen als der auf Erden die höchste Macht besäße, begiebt er sich, von der Mutter, dem Bruder und einer Freundin stattlich ausgerüstet, nur von edeln Kinden (Pagen), Knappen und Hausgesinde begleitet, in den Dienst des Baruchs (Kalifen) von Baldag (Bagdad), der mit zweien babylonischen Brüdern, Pompejus und Ipomidon, im Kriege begriffen ist. Seines Vaters Wappen, den Panther, hat er mit dem Anker vertauscht. Nachdem er sich hier und in vielen andern Ländern versucht, verschlägt ihn der Sturm in den Hafen von Patelamunt, wo Belakane, die Königin von Zaßamank im Mohrenlande, der Ermordung Eisenharts beschuldigt, von zweien Heeren, einem christlichen und einem heidnischen, belagert wird. Der Mohrenkönig Eisenhart von Aßagog hatte im Minnedienst Belakanens auf ihren Befehl und zum Beweise seiner Ergebenheit und Kühnheit die Rüstung weggegeben. Als er nun bloß auf Abenteuer ausritt, ward er von seinem Nebenbuhler Prothißilas, einem Fürsten Belakanens, in der Tjost, dem ritterlichen Zweikampf, erschlagen, und Belakanen traf der Verdacht, ihn verrathen zu haben. Der Schottenkönig Friedebrand, dessen Oheim Tankanis des Erschlagenen Vater war, zog, seinen Mord zu rächen, mit vier Genoßen über Meer, und bestürmte Patelamunt vor acht Thoren, während die andern acht der Mohr Raßalig von Aßagog, ein Vasall Eisenharts, bedrängte. Friedebrand selber war mit Morholden, der aus Gottfried von Straßburgs Tristan bekannt ist, wieder heimgezogen, um sein eigen Land gegen die Verwandten Hernants, den er Herlindens wegen erschlagen hatte, zu schirmen; sein Heer aber bedroht noch Patelamunt. Die Belagerer führen einen durchstochenen Ritter in der Fahne, die Belagerten das Bild ihrer Königin, welche zwei Finger der rechten Hand zum Eide ausgestreckt hält, daß sie an Eisenharts Tode unschuldig sei. Sich zur Rache anzuspornen, haben die Belagerer die gebalsamte Leiche Eisenharts nebst dessen kostbarer Rüstung unter einem prächtigen Gezelte vor der Stadt aufgestellt. So stehen die Dinge, als Gahmuret anlangt und der Königin, die ihm trotz ihrer Schwärze gefällt, seine Dienste widmet. Am Morgen reitet er zuerst in das Christenheer, besiegt und fängt dessen Anführer, die Herzoge Heuteger von Schottland und Gaschier von Normandie, entweicht aber vor Kaileten, den er an dem Strauß auf dem Helm und dem Sarapandratest (Tête de serpent) am Schilde als seinen Muhmensohn erkennt. Doch will auch dieser nicht mit ihm streiten, als er von Heuteger seinen Namen erfährt. Von da reitet er zu den Mohren, deren Fürsten Raßalig er gleichfalls gefangen nimmt. Da hiemit der Krieg entschieden ist, kehrt er in die Stadt zurück, wo ihn die Königin entwappnet, und sogleich in ihr Schlafgemach führt. So wird er König der Mohrenreiche Zaßamank und Aßagog. Gahmuret giebt seine Gefangenen und seinen Neffen Killirjakak von Champagne, den die Städter früher gefangen hatten, frei, belehnt seine Fürsten, und schenkt seinem Wirthe das von Prothißilas hinterlaßene Herzogtum. Eisenharts Leiche wird zur Erde bestattet, sein prächtiges Gezelt erhält Gahmuret, und die kostbare Rüstung, welche Raßalig, um sie dem Lande zu erhalten, seinem neuen Könige gleichfalls erbeten hatte, verspricht Heuteger von seinem Herren Friedebrand zu erwerben und ins Mohrenland zurückzuschicken. Die christlichen Fürsten fahren heim, Gahmuret bleibt zurück, sehnt sich aber bald, zumal er keine Ritterschaft findet, wieder nach der Christenheit. Heimlich schifft er sich ein und hinterläßt der Königin einen Brief, der ihr den Grund seiner Flucht meldet und für das Kind, das sie von ihm trägt, sein Geschlechtsregister ausführlich mittheilt. Jenes kommt wie eine Elster schwarz und weiß gescheckt zur Welt und wird Feirefiss Anschewein genannt. Gahmuret begegnet unterwegs noch dem Schiffe, das Eisenharts kostbare Rüstung zurückbringt. Er läßt sie sich aushändigen und fährt gen Sevilla.

1 Wem Zweifel an dem Herzen nagt, [Fußnote]
Dem ist der Seele Ruh versagt.
Geziert ist und zugleich entstellt,
Wo Unlautres sich gesellt
5 Zu des kühnen Mannes Preis
Wie bei der Elster Schwarz zu Weiß.
Doch oft gelangt er noch zum Heil,
Denn beide haben an ihm Theil,
Der Himmel und der Hölle Schlund.
10 Wer Untreu hegt in Herzensgrund,
Wird schwarzer Farbe ganz und gar
Und trägt sich nach der finstern Schar;
Doch fest hält an der blanken
Der mit stätigen Gedanken.
15

Dieses flüchtge Gleichniss,
Den Blöden ists zu schnell gewiss,
Sie faßen nicht der Lehre Sinn.
Es huscht im Saus vor ihnen hin
Wie ein brünstiger Hase.

20 Zinn verlöthet hinterm Glase
Täuscht wie des Blinden Traumgesicht.
Sie weigern flüchtgen Anblick nicht;
Doch beständig kann nicht sein
Dieser trübe, leichte Schein,
25 Seine Freud ist kurz fürwahr.
Wer rauft mich, wo mir niemals Haar
Wuchs, in hohler Hand so bloß?
Der hat zu nahe Griffe los.
Schrei ich doch auf vor solcher Noth,
So ist mein Verstand wohl unbedroht.

2 Wie werd ich Treue finden,
Wo sie sicher muß verschwinden
Wie das Feuer in dem Bronnen,
Wie der Thau vor der Sonnen?
5 Auch kannt ich nie so weisen Mann,
Der nicht gern Kunde hätt empfahn,
Wie hienach zu leben frommt
Und was daraus für Lehre kommt.
So beschieden wird er nie verzagen
10 Bald zu fliehen, bald zu jagen,
Nun zu weichen, nun zu kehren,
Jetzt zu tadeln, jetzt zu ehren.
Wer mit dem allen umgehen kann,
An dem hat Weisheit wohlgethan,
15 Der sich nicht versitzet noch vergeht
Und sonst auch wohl Bescheid versteht.
Des wandelbaren Freundes Sinn
Führt zum Höllenfeuer hin,
Verhagelt hoher Ehren Glanz.
20 Seine Treue war so kurz von Schwanz,
Daß sie kaum den dritten Stich vergalt,
Wenn sie von Bremsen litt im Wald.
Aber nicht allein den Mann
Gehn alle diese Lehren an;

25 Dieß Ziel steck ich den Frauen:
Die meinem Rath will trauen,
Die wisse wohl, wohin sie kehre
Ihren Preis und ihre Ehre
Und welchem Mann sie sei bereit
Ihrer Lieb und Würdigkeit,
3 Auf daß sie nicht gereue
Ihrer Keuschheit, ihrer Treue.
Von Gott erfleh ich gutem Weibe,
Daß sie dem Maß getreu verbleibe.
5 Aus Scham fließt alle gute Sitte:
Dieß Heil ists, das ich ihr erbitte;
Die Falsche lohnt nur falscher Preis.
Wie lange währt ein dünnes Eis,
Wenn des Augustmonds Sonne schien?
10 So fährt auch bald ihr Lob dahin.
Viel Schöne preist die weite Welt;
Ist deren Herz nicht wohlbestellt,
Die lob ich, wie ich loben wollt
Ein blaues Glas, gefaßt in Gold.

15 Des Missgriff auch ist nicht gering,
Der in den schlechten Messing
Verwirkt den köstlichen Rubin,
All seines Glückes Vollgewinn:
Dem gleich ich rechten Frauenmuth.
20 Die weiblich denkt und weiblich thut,
Nach deren Aussehn frag ich nicht,
Noch ob ihr Herzensdach besticht:
Ist sie innerhalb der Brust bewahrt,
Bleibt volles Lob ihr ungespart.
25

Sollt ich euch nun Weib und Mann
So gründlich schildern als ichs kann,
So würd uns Zeit und Weile theuer;
Hört lieber dieses Abenteuer.
Es weiß von Lieb und Leide
Und lehrt sie kennen beide;

4 Freud und Angst sind auch dabei.
Und wären hier statt meiner drei,
Deren Jeder Kunst besäße,
Daß man meiner Kunst vergäße,
5 Es brauchte doch manch seltnen Fund,
Thäten euch die dreie kund,
Was ich euch künden will allein;
Ihre Mühe sollte sauer sein.
Die Märe, die ich erneue,

10 Meldet von großer Treue,
Von Weibes rechter Weiblichkeit,
Von echten Mannes Mannheit,
Die nie vor hartem Stein sich bog.
Sein Herz ihn nie darum betrog,
15 Er Stahl! wo er zum Streite kam,
Daß seine Hand nicht siegreich nahm
Manchen rühmlichen Preis.
Er kühner Mann, versucht und weis
(Der Held ists, den ich grüße),
20 In der Frauen Augen süße,
Und doch der Frauenherzen Sucht,
Im Unglück sichre Zuflucht!
Den ich hiezu mir auserkoren,
Im Gedicht ist er noch ungeboren,
25 Den diese Aventüre meint
Und was von Wunder drin erscheint.
Noch pflegt man, wie man sonst gepflegt,
Wo man welsch Gerichte hegt;
So hälts wohl auch bei uns ein Strich,
Ihr werdets wißen ohne mich.

5 Wer je da herscht‘ im Lande,
Der gebot wohl ohne Schande,
Es ist die Wahrheit sonder Wahn,
Der ältre Bruder sollt empfahn
5 Des Vaters Erbschaft allzumal.
Das schuf den jüngern Söhnen Qual,
Denn ihnen nahm des Vaters Tod
Die Rechte, die sein Leben bot.
Das Land war allen sonst gemein;
10 Der ältre hat es jetzt allein.
Das rieth jedoch ein weiser Mann,
Daß Alter Gut sollt empfahn.
Jugend hat viel Würdigkeit,
Das Alter Seufzen nur und Leid.
15 Es ist wohl nichts so trübgemuth
Als Alter bei der Armut.
Könge, Grafen, Herzogen,
Das sag ich euch für ungelogen,
Daß die des Guts enterbet sind
20 Bis auf das älteste Kind,
Das ist gar ein seltsam Ding.
Der fromme, kühne Jüngling,
Gachmuret der Weigand
Verlor so Burgen auch und Land,
25 Wo sein Vater einst mit Fug
Scepter und Krone trug
In königlicher Herlichkeit,
Bis ihn dahin nahm Ritterstreit.
Sie klagten ihn im Lande sehr.
Ohne Makel Treu und Ehr

6 Bracht er bis auf seinen Tod.
Alsbald der ältre Sohn entbot
Des Landes Fürsten her zu sich.
Sie kamen alle ritterlich,
5 Denn große Lehen sonder Wahn
Sollten sie von ihm empfahn.
Da sie zu Hof gekommen,
Eines Jeden Recht vernommen
War, daß sie die Lehn empfingen,

10 Nun höret, was sie da begingen.
Wie ihre Treue rieth den Biedern,
Das Volk zumal, die Hoh’n und Niedern,
Bescheiden haben sie gebeten,
Daß der König Gahmureten
15 Die Brudertreu bewährte
Und sich selber damit ehrte,
Daß er ihn nicht ganz verstieße
Und ihm in seinem Lande ließe
Einen Edelsitz, nur daß er hätte [Fußnote]
20 Seiner Freiheit eine Stätte,
Darauf sein Name möchte ruhn.
Der König wollt es gerne thun:
»Ihr wißt mit Maßen zu begehren,
Ich will euch das und mehr gewähren.
25 Was nennt ihr nicht den Bruder mein
Gachmuret Anschewein?
Anschau heißet dieß mein Land:
Wir beide sein davon genannt.«
Also sprach der König hehr.
»Mein Bruder wiße, daß er mehr

7 Stäter Hülfe bei mir finde,
Als ich sagen könnte so geschwinde.
Er soll mein Ingesinde sein.
Ich laß euch nicht im Zweifel sein,
5 Ob uns dieselbe Mutter trug.
Er hat wenig, ich genug:
Drum soll ihm spenden meine Hand,
Daß nicht mein Heil dafür zu Pfand
Steh vor dem, der nimmt und giebt,
10 Beides ganz wie ihm geliebt.«
Als die Fürsten all umher
Vernahmen, daß der König hehr
Dem Bruder ganzer Treue pflag,
Das war den Herrn ein lieber Tag;

15 Auch dankt‘ es ihm ein Jeder sehr.
Da säumte Gahmuret nicht mehr
Zu reden, wie das Herz ihm sann.
Zum König hub er gütlich an:
»Herr und lieber Bruder mein,
20 Wollt ich Ingesinde sein
Eines Mannes auf der Welt,
So wärs hier wohl um mich bestellt.
Nun meßet daran meinen Preis,
Seid ihr doch getreu und weis,
25 Und rathet nach der Dinge Stand;
Darnach geht hülfreich mir zur Hand.
Ein Harnisch nur gehört mir an;
Hätt ich mehr darin gethan,
Das in der Ferne Lob mir brächte,
So hofft ich, daß man mein gedächte.«
8

Gachmuret sprach weiter: »Noch
Sechszehn Knappen hab ich doch,
Davon ich sechs geharnischt finde.
Gebt ihr mir dazu vier Kinde

5 Von guter Zucht, von hoher Art,
So wird an ihnen nichts gespart,
Das ich erwerben mag mit Händen.
Ich will mich in die Fremde wenden.
Ich hab auch früher Land durchfahren.
10 Wenn das Glück mich will bewahren,
So erwerb ich guten Weibes Gruß.
Wenn ich dafür ihr dienen muß
Und ich dessen würdig bin,
So räth mir Herz und bester Sinn,
15 Daß ich der rechten Treue pflege.
Gott leite mich des Heiles Wege!
Wir fuhren einst gesellt umher
(Damals trug die Krone hehr
Noch unser Vater Gandein),
20 Wir litten Kummer viel und Pein
Manchmal um ein liebes Lieb.
Ihr wart ein Ritter und ein Dieb,
Ihr konntet dienen, konntet hehlen;
Ach, könnt auch ich nun Minne stehlen;
25 Weh mir, hätt ich Eure Kunst
Und bei der Schönen wahre Gunst!«
Mit Seufzen sprach der König da:
»O weh, daß ich dich jemals sah,
Da du so mit leichtem Scherz
Mir zerschnitten hast das Herz

9 Und zerschneiden wirst im Scheiden.
Mein Vater hat uns beiden
Hinterlaßen Gut genug:
Dir sei daran der gleiche Fug.
5 Ich bin dir von Herzen hold:
Licht Gesteine, rothes Gold,
Rosse, Waffen, Volk, Gewand,
Des nimm so viel von meiner Hand,
Daß du nach deinem Willen fährst
10 Und deine milde Hand bewährst.
Deine Tapferkeit ist auserkoren:
Wärst du von Gilstram geboren
Oder kämst von Rankulat [Fußnote] daher,
Lieber könnt ich nimmermehr
15 Dich haben, als ich dich gewann:
Du bist mein Bruder sonder Wahn.«
»Herr, mich zu loben ist euch noth,
Da eure Zucht es euch gebot.
Nun sollt ihr mir auch Hülfe leihn.

20 Wollt Ihr und auch die Mutter mein
Mir geben eures fahrenden Gutes,
So steig ich aufwärts frohes Muthes.
Empor ist meines Herzens Streben:
Warum hat es dieses Leben,
25 Daß so mir schwillt die linke Brust?
Wohin, ach, jagt mich ihr Gelust?
Ich wills erfahren, wenn ich kann;
Nun naht der Abschied mir heran.«
Der König Alles ihm gewährte,
Er gab ihm mehr als er begehrte:

10 Fünf Rosse schön und auserkannt,
Die Besten in des Königs Land,
Stark, kühn und rasch von Feuer;
Viel Goldgefäße theuer
5 Und manchen Kloß von Golde schwer.
So milde war der König hehr,
Er füllt‘ ihm des vier Reiseschreine;
Darein auch muste viel Gesteine.
Da sie gefüllet lagen,
10 Knappen, die des pflagen,
Waren wohl bekleidet und beritten.
Sie weinten laut mit Jammerssitten,
Als er vor seine Mutter ging,
Und sie herzend ihn umfing.
15

»Fils dü Roi Gandein,
Willst du nicht länger bei mir sein?«
Sprach das weibliche Weib.
»O weh, es trug dich doch mein Leib!
Du bist auch König Gandeins Kind.

20 Ist Gott, daß er mir hülfe, blind
Oder ließ sein Ohr ertauben,
Daß er mir nicht will glauben?
Soll ich noch neuen Kummer haben?
Meines Herzens Lust hab ich begraben
25 Und die Süße meiner Augen:
Will er noch mehr mir rauben?
Der doch stäts gerecht gerichtet,
So ist das all erdichtet
Was sie von seiner Hülse sagen,
Da er so gar mich läßt verzagen.«
11

»Frau,« sprach der junge Anschewein,
»Gott tröst euch um den Vater mein:
Wir beide sollen um ihn klagen.
Laßt euch von mir Niemanden sagen,

5 Was euch Sorge schüf und Leid.
Ich fahr um höhre Würdigkeit
Nach Ritterschaft in fremdes Land:
So ist es, Frau, um mich bewandt.«
Da sprach zu ihm die Königin:

10 »Hast du Dienst und Herz und Sinn
Gewandt auf hoher Minne Lohn,
So verschmähe, lieber Sohn.
Nicht mein Gut zu dieser Reise.
Deine Kämmerlinge weise
15 Her, daß sie empfahn von mir
Schwerer Reiseschreine vier,
Breite Zeuge drin von Seiden,
Ganze, die noch zu verschneiden,
Und theuern Samt zu manchem Kleid.
20 Süßer Mann, laß mich die Zeit
Wißen, wann du wiederkehrst,
Daß du meine Freuden mehrst.«
»Frau, das ist mir unbekannt;
Ich weiß auch nicht voraus das Land.

25 Doch wo ich sei zu jeder Zeit,
Ihr habt nach eurer Würdigkeit
Rittersehre mir bezeigt.
Auch der König war mir so geneigt,
Daß ich viel Dank ihm schuldig bin.
Ich weiß, daß Ihr ihn, Königin,
12 Darum noch mehr in Zukunft liebt,
Was immer sich mit mir begiebt.«
Wie uns die Aventüre sagt,
So ward dem Degen unverzagt

5 Von Liebeswegen zugesandt,
Und weil er edeln Fraun bekannt,
Ein Kleinod tausend Marken werth.
Wenn heut ein Jude Pfand begehrt,
Er würd es gern dafür empfangen
10 Und weitre Bürgschaft nicht verlangen.
Das sandt ihm eine Freundin.
Ihm brachte stäts sein Dienst Gewinn,
Der Frauen Gruß und ihre Minne;
Er ward doch selten Trostes inne.
15

Urlaub nahm der Weigand.
Mutter, Bruder, beider Land
Sein Auge nimmer wiedersah;
Daran doch Manchem Leid geschah.
Die ihm je gefällig waren,

20 Bis er heute sollte fahren,
Und wars mit noch so kleinen Dingen,
Groß war der Dank, den sie empfingen;
Mehr als genug gedaucht‘ es sie.
Sich merken ließ der Höfische nie,
25 Daß sie ihm nur sein Recht gegeben;
Sein Sinn war ebner noch als eben.
Wer selber sagt, wie werth er sei,
Da steht Unglaube Jedem frei:
Zuschauer solltens melden
Und die gesehn den Helden,
13 Wenn er in der Fremde wäre,
So fände Glauben wohl die Märe.
Gachmuret ohn Unterlaß
Blickte nach dem rechten Maß

5 Unverlockt von anderm Ziel;
Seines Rühmens war nicht viel.
Große Ehre must er leidend leiden,
Uebermuth wollt er meiden.
Doch wähnte der Gefüge,
10 Daß Niemand Krone trüge,
Wärs König, Kaiser, Kaiserin,
In dessen Dienst er dürfe ziehn,
Er hätte denn die höchste Macht,
Die je auf Erden ward erdacht:
15 Der Will in seinem Herzen lag.
Ihm ward gesagt, zu Baldag
Wär ein so gewaltger Mann,
Daß ihm des Erdreichs unterthan
Zwei Drittel wären oder mehr.
20 Er war im Heidentum so hehr,
Daß er des Baruchs Namen trug.
Seine Herschaft nahm so hohen Flug,
Mancher König war sein Mann,
Mit gekröntem Leib ihm unterthan.
25 Des Baruchs Amt besteht noch heut:
Wie man Christenrecht uns beut
Zu Rom, die wir die Tauf empfingen,
Die Heiden so nach Baldag gingen,
Ihr Pabstrecht nahmen und gedachten
Schier unfehlbar sei’s zu achten.
14 Der Baruch pflegt der Sünden
Ihnen Ablaß zu verkünden.
Brüdern zwen von Babylon, [Fußnote]
Pompejus und Ipomidon,

5 Denen nahm der Baruch Ninive,
Das ihrer Vordern war von je:
Sie thaten starken Widerstand.
Da kam der Anschewein ins Land:
Dem wurde bald der Baruch hold.
10 Für Dienste nahm von ihm den Sold
Gachmuret der werthe Mann.
Nun verzeiht ihm, daß er dort gewann
Ander Wappen, als Gandein
Ihm einst verliehn, der Vater sein.
15 Der Herr trug mit bescheidnen Sitten
Auf seine Kouvertür geschnitten
Anker von lichtem Härmelin: [Fußnote]
Diesen ähnlich führt‘ er ihn
Auf dem Schild und all der Tracht.
20 Grüner noch als ein Smaragd
War sein Reitzeug und Gewand,
Das ganz aus Achmardi bestand:
So heißt ein Zeug von Seiden,
Daraus der Held ließ schneiden
25 Korsett und Wappenrock [Fußnote] gesamt,
Denn es ist beßer als der Samt;
Anker von Harm daraus genäht,
Viel goldne Fäden drum gedreht.
Seine Anker hatten niemals Land
Gefaßt an eines Ufers Rand,

15 Sie wurden nie in Grund geschlagen.
Der Degen mußte weiter tragen
In manches Land, der werthe Gast,
Diese wappenliche Last
5 Und die ankergleichen Zeichen,
Weil es nirgend in den Reichen
Ihn nur zu kurzer Ruh gelitten.
Wieviel er Länder durchritten
Und in Schiffen hab umfahren?
10 Sollt ich schwörend mich verwahren,
So sagt‘ ich euch auf meinen Eid
Und ritterliche Sicherheit,
Nur was die Aventüre spricht,
Denn weitre Zeugen hab ich nicht.
15 Sie sagt, daß seiner Mannheit Kraft
Den Preis nahm in der Heidenschaft,
In Persien und in Marokko.
Seine Hand erwarb auch anderswo,
In Aleppo und Damaskus auch,
20 Und wo nur Ritterspiel Gebrauch,
In Arabien und rings umher,
Daß im Turniere Niemand mehr
Mit ihm zu streiten mocht heran:
So war der Ruf, den er gewann.
25 Sein Herz rang nach dem höchsten Lob:
Aller Andern That zerstob,
Vor seiner ganz vernichtet.
So wurde stäts berichtet,
Wer gegen ihn zu streiten kam.
Zu Baldag man es auch vernahm.
16

Aufwärts strebt‘ er sonder Wank.
Von dannen gegen Zaßamank
Fuhr er, in das Königreich.
Da klagte Freund und Feind zugleich

5 Eisenharten, der das Leben
Einem Weibe dienend hingegeben.
Dazu zwang ihn Belakane,
Die reine, wohlgethane.
Weil sie ihm niemals Minne bot,
10 Lag er um ihre Minne todt.
Da rächten ihn die Freunde bald
Offen und im Hinterhalt:
Die Frau bedrängt‘ ihr mächtig Heer.
Sie stellte kräftig sich zur Wehr,
15 Als Gahmuret kam in ihr Land,
Das der Schotte Friedebrand
Von den Schiffen aus verbrannte,
Eh er hinweg sich wandte.
Nun hört von unsers Ritters Fahrt.

20 Vom Sturm er her verschlagen ward;
Er büßt‘ es mit dem Leben fast.
Vor der Königin Palast
Kam er gesegelt in den Hafen,
Wo ihn viel Gafferblicke trafen.
25 Nun sah er um sich: dort im Feld
War aufgeschlagen manch Gezelt
Rings um die Stadt bis zu dem Meere:
Da lagen zwei gewaltge Heere.
Er fragte nach der Märe,
Wem Burg und Herschaft wäre;
17 Vernommen hatt ers nie bis heute,
Noch Einer seiner Schiffleute.
Sie thaten seinen Boten kund,
Es wäre Patelamunt.
5 Das entboten sie ihm minniglich,
Bei ihren Göttern flehentlich
Um Hülf ihn bittend: die wär Noth:
Sie rängen nur noch um den Tod.
Als der junge Anschewein

10 Vernahm von ihres Kummers Pein,
Da bot er seinen Dienst um Gut,
Wie es oft ein Ritter thut,
Daß er wißen möcht um was
Er dulden sollte Feindeshaß.
15 Da sprach aus Einem Munde
Der Sieche, der Gesunde,
Es sollt ihm unverweigert sein,
All ihr Gold und ihr Gestein:
Darüber möcht er schalten
20 Und froh bei ihnen alten.
Doch bedurft er nicht des Soldes:
Arabischen Goldes
Hat er manchen Knollen mitgebracht.
Leute finster wie die Nacht
Waren die von Zaßamank:
25 Bei denen ward die Zeit ihm lang.
Doch ließ er Herberg nehmen:
Da müsten sie sich schämen,
Wenn sie ihm nicht die beste gaben.
Noch immer in den Fenstern lagen
18 Mägdelein und Frauen:
Sie musten Alles schauen,
Seine Knappen, sein Gewaffen
Wie das bestellt war und beschaffen.
5

Sie sahn, es trug der Degen mild
Auf einem hermelinen Schild
Wer weiß wie manchen Zobelbalg.
Das Wappenbild dem Marschalk
Der Königin ein Anker schien.

10 Gar unverdroßen blickt‘ er hin:
Da musten ihm die Augen sagen,
Er habe schon gesehn vor Tagen
Diesen Ritter oder seinen Schein.
Zu Alexandrien must es sein,
15 Als der Baruch lag davor:
Da that es Niemand ihm zuvor.
So fuhr der Hochgemuthe
In die Stadt mit Volk und Gute;
Zehn Säumer ließ ers faßen;

20 Die keuchten durch die Gaßen,
Und zwanzig Knappen ritten nach.
Sein Volk voraus zu reiten pflag:
Lakaien, Köche, Küchenjungen,
Die kamen vorn einher gesprungen.
25 Stolz war sein Ingesinde:
Zwölf hochgeborner Kinde
Hinter seinen Knappen ritten
Mit guter Zucht und süßen Sitten:
Darunter waren Sarazenen.
Acht Rosse zog man hinter denen
19 An den Zäumen, allzumal
Verdeckt mit gutem Zindal;
Das neunte seinen Sattel trug.
Seinen Schild, der euch bekannt genug,
5 Führt‘ ein muntrer Knapp herbei.
Nach diesem ritten in der Reih
Posauner, die man auch bedarf.
Ein Tambour schritt und schlug und warf
Seine Trommel hoch empor.
10 Dem Herren kam es spärlich vor,
Ritten Flötenspieler nicht dabei
Und der guten Fiedler drei.
Sie eilten alle nicht zu sehr.
Er selbst ritt hinter ihnen her.
15 Den Schiffmann zu der linken Hand,
Den weisen, weithin wohlbekannt.
Soviel Volks auch war darinnen,
Mohren und Möhrinnen
Waren beide, Weib und Mann.

20 Auch sah der Degen wohlgethan
Viel Schilde da zerbrochen
Und von Speren ganz durchstochen.
Man sah sie aufgehangen
An Wand und Thüren prangen.
25 Sie hatten Angst und Jammer da.
In die Fenster, kühlen Lüften nah,
War gebettet manchem Wunden:
Hätt er den Arzt gefunden,
So konnt er doch nicht mehr genesen.
Die waren vor dem Feind gewesen.
20 So ergeht es uns, die ungern fliehn.
Sich entgegen sah er Rosse ziehn
Durchstochen und zerhauen;
Auch viel dunkelfarbge Frauen
5 Zu beiden Seiten neben sich:
Ihr Schein der Rabenschwärze glich.
Gar freundlich nahm ihn auf sein Wirth,
Der bald noch mehr sich freuen wird.
Er war ein kraftreicher Mann:

10 Mit seiner Hand hatt er gethan
Manchen Stich und manchen Schlag,
Da er einer Pforte hütend pflag.
Viel Ritter, die er bei ihm fand,
Hängten die Hände in ein Band,
15 Die Häupter voller Schrunden.
So stands mit ihren Wunden,
Sie übten dennoch Ritterschaft;
Unverkürzt war ihre Kraft.
Sein Wirth, der Burggraf der Stadt,

20 Den Gast mit holden Worten bat,
Sich für daheim zu halten
Und nach freier Lust zu schalten
Ueber sein Gut und über ihn.
Er führt‘ ihn seinem Weibe hin,
25 Die Gachmureten küsste,
Wars auch nicht sein Gelüste.
Dann ging es in den Speisesaal.
Als sie gegeßen allzumal,
Da ging der Marschall hin zuhand,
Wo er die Königstochter fand
21 Und heischte großes Botenbrot.
Er sprach: »Herrin, unsre Noth
Ist mit Freuden nun zergangen.
Der hier gastlich ward empfangen,
5 Der Ritter ist so kühn im Streit,
Wir müßen danken allezeit
Den Göttern, die ihn hergebracht,
Daß sie uns Rettung zugedacht.«
»Nun sag mir bei der Treue dein,

10 Wer der Ritter möge sein?«
»Frau, es ist ein stolzer Degen,
Dem einst der Baruch Gold ließ wägen,
Ein Anschewein von hoher Art.
Avoi! wie wenig er sich spart,
15 Wenn er daher sprengt zu dem Streit!
Wie behende kann er jederzeit
Weichen und vorwärts dringen
Und Feinden Schaden bringen.
Ich sah ihn kämpfen gar verwegen,
20 Als von Babylon die Degen
Alexandrien entsetzen sollten
Und den Baruch treiben wollten
Mit Gewalt aus dem Feld.
Wie Manchen hat er da gefällt
25 Bei des Heeres Niederlage!
Wohl beging an diesem Tage
Der edle Held so kühne That,
Sie musten fliehn, es blieb kein Rath.
Auch rühmten Alle so den Mann,
Man erkannte leicht daran,
22 Daß ihm ob manchen Landen
Der Preis wird zugestanden.«
»So sieh mir zu und säume nicht,
Daß er herkommt und mich spricht.

5 Wir haben Frieden diesen Tag,
Daß er herauf wohl reiten mag
Zu mir; oder soll ich hin?
Er ist andrer Farbe denn ich bin:
O weh, verdrießt ihn das auch nicht?
10 Hätt ich darüber nur Bericht!
Wenn mirs die Meinen riethen,
Wollt ich ihm Ehre bieten.
Geruht er, mir zu nahen,
Wie soll ich ihn empfahen?
15 Ist er so wohl geboren,
Daß mein Kuss nicht sei verloren?«
»Er ist von königlichem Blut,
Ich bürg euch, Frau, mit Leib und Gut.
Frau, euern Fürsten will ich sagen,
20 Daß sie reiche Kleider tragen
Und vor euch stehn nach Hofessitten,
Wenn wir kommen hergeritten;
Das sagt auch euern Fraun zumal.
Nun eil ich wieder hin zu Thal
25 Und bring euch her den Degen werth;
Keiner süßen Tugend er entbehrt.«
Das Alles fiel auf guten Grund:
Der Marschall that behend ihm kund
Wes die Herrin ihn gebeten.
Schnell wurden Gachmureten

23 Reiche Kleider hingetragen:
Die zog er an; ich hörte sagen,
Daß sie gar köstlich wären;
Seine Anker drauf, die schweren,
5 Aus arabschem Golde fein:
Also wollt er, sollt es sein.
Da bestieg der Minne süßer Lohn
Ein Ross, darauf vor Babylon
Ein Ritter ihn bestand im Streit:
10 Er stach ihn ab, das war dem leid.
Ob sein Wirth auch mit ihm war?
Er und seiner Ritter Schar:
Ja gewiss, des sind sie froh.
Sie ritten miteinander so

15 Und stiegen ab vor dem Saal.
Da war der Ritter große Zahl:
Die musten wohlgekleidet sein.
Seine Kinde liefen mit ihm ein
Und gaben sich je zwei die Hand.
20 Ihr Herr auch manche Frau da fand,
Die wonniglich gekleidet ging.
Die reiche Königin empfing
Durch ihre Augen hohe Pein,
Als sie ersah den Anschewein.
25 Sein Antlitz war so minniglich:
Ihr Herz erschloß er völlig sich,
Ob es ihr lieb war oder leid;
Sonst schloß es ihre Weiblichkeit.
Ein wenig trat sie ihm entgegen
Und ließ sich küssen von dem Degen.

24 Sie nahm ihn selber bei der Hand.
Sie setzten sich zum Feind gewandt
In eines Fensters Ecke
Aus gesteppter Sammetdecke,
5 Die über weichen Kissen lag.
Ist etwas lichter, denn der Tag,
Dem glich nicht viel die Königin.
Sie hatte weiblichen Sinn;
Sonst war die tadellose
10 Ungleich der thau’gen Rose:
Schwarze Farbe von ihr schien,
Die Kron ein lichter Rubin,
Daß man ihr Haupt durchscheinen sah.
Zum Gaste sprach die Wirthin da,
15 Er war ihr sehr willkommen.
»Viel hab ich, Herr, vernommen,
Wie ritterlich und kühn ihr seid.
Bei eurer Zucht, sei euch nicht leid,
Daß ich euch den Kummer klage,
20 Den ich nah am Herzen trage.«
»Meine Hülfe bleibt euch unversagt.
Frau, was euch kümmert oder plagt,
Mag das wenden meine Hand,
Sei sie zu euerm Dienst verwandt.

25 Ich bin nur der Eine Mann:
Wird euch was zu leid gethan,
So halt ich meinen Schild entgegen;
Doch macht den Feind das nicht verlegen.
Da hub ein Fürst mit Züchten an:
»Fehlt‘ uns nicht ein Hauptmann,

25 So wollten wir den Feind nicht sparen.
Denn Friedebrand ist heimgefahren,
Er befreit nun dort sein eigen Land:
Ein König Namens Hernant,
5 Den er Herlindens halb erschlug,
Des Freunde thun ihm Leid genug;
Sie wollen es ihm nicht erlaßen:
Doch hat er Helden hier gelaßen:
Den Herzogen Heuteger,
10 Des kühne That schon viel Beschwer
Uns schuf, und seine Ritterschaft:
Ihr Streit hat Kunst genug und Kraft.
So hat auch manchen Söldner hier
Der Normanne Gaschier,
15 Der versuchte Degen hehr.
Noch hat hier der Ritter mehr
Kailet von Hoskurast,
Manchen zornigen Gast.
Die alle bracht in dieses Land
20 Der Schottenkönig Friedebrand
Und die vier Genoßen sein;
Mancher Söldner zog mit ihnen ein.
Gegen Westen dort am Meer
Lagert Eisenhartens Heer:
25 Ihre Augen trocknen nimmer sich.
Nicht geheim noch öffentlich
Hat man sie anders je gesehn
Als jämmerlich in Klage stehn.
Ihr Herz zerströmt sich so in Güßen,
Weil ihr Herr im Zweikampf enden müßen.«
26

Da sprach zu seiner Wirthin
Der Gast mit höflichem Sinn:
»Geruhet doch und sagt mir an,
Wie dieser Haß sich entspann.

5 Was ziehn sie euch mit Macht entgegen?
Ihr habt so manchen kühnen Degen:
Mich jammert, sind sie so beladen
Mit Feindeshaß zu ihrem Schaden.«
»Vernehmt es, Herr, da ihrs begehrt.

10 Mir dient‘ ein Ritter, der war werth,
Aller Tugend blühend Reis.
Mannhaft war der Held und weis,
Der Treue wohlgediehne Frucht,
Seine Zucht ging über alle Zucht.
15 Er war noch keuscher als ein Weib,
Kraft und Kühnheit trug sein Leib.
Kein Ritter über allem Land
War auch noch je so milder Hand
(Wer weiß, was nach uns soll geschehn?
20 Da mögen andre Leute spähn).
Er war zu falscher That ein Thor,
Gleich mir von schwarzer Farb ein Mohr.
Sein Vater hieß Tankaneis:
Der König trug auch hohen Preis;
25 Mein Freund hieß selber Eisenhart.
Meine Weibheit war nicht wohlbewahrt,
Mir dient‘ er doch um Minnelohn,
Daß er den Wunsch nicht trug davon:
Das muß ich ewig nun beklagen.
Ich ließ ihn, wähnen sie, erschlagen.
27 Verrathes bin ich unerfahren,
Wie mich des zeihen seine Scharen.
Mehr als sie selber liebt ich ihn,
Des ich nicht ohne Zeugen bin:
5 Damit bewähr ich es wohl noch.
Die rechte Wahrheit wißen doch
Meine Götter und die seinen.
Wie mußt ich um ihn weinen!
So zog ich mit verschämter Strenge
10 Seinen Lohn, mein Leid auch, in die Länge.
»Mein Dienst erwarb im Rittertum
Dem Helden oftmals hohen Ruhm.
Ich versucht‘ ihn, ob er Freund zu sein
Verstünde: bald wohl sah ichs ein.

15 Er gab um mich den Harnisch hin,
Der unter jenem Baldachin [Fußnote]
Nun steht (das herliche Gezelt
Brachten Schotten auf dieß Feld).
Als des der Degen ledig ward,
20 Da hat er sich nicht viel gespart,
Weil ihn des Lebens schier verdroß:
Manch Abenteuer sucht‘ er bloß.
Da es also mit uns stand,
Ein Fürst, Prothißilas genannt,
25 Mein Höfling und mein Unterthan,
Der unerschrockenste Mann,
Ritt auf Abenteuer aus
Und fand des Schadens viel im Strauß.
Dort im Wald von Aßagog
Eine Tjost ihn nicht um Tod betrog, [Fußnote]
28 Die er that auf einen kühnen Mann,
Der auch sein Ende da gewann.
Das war mein Freund Eisenhart.
Mit einem Sper durchstochen ward
5 Jedweder durch Schild und Leib.
Das klag ich noch, ich armes Weib:
Der beiden Tod mich ewig müht,
Auf meiner Treue Jammer blüht.
»Ich vermählte nie mich einem Mann.«

10 Gachmuret erwog und sann,
Obwohl sie eine Heidin wär,
Weiblichen Sinnes sei doch mehr
Nie in ein Frauenherz gekommen.
Statt Taufe müß ihr Keusche frommen,
15 Der Regen auch, der sie begoß,
Von ihren Augen strömt‘ und floß
Ihr auf den Zobel, auf die Brust.
Trauern nur war ihr Gelust,
Dazu jammerhaftes Klagen.
20 Da hub sie wieder an zu sagen:

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http://gutenberg.spiegel.de/buch/parzival-und-titurel-1994/3

Sonntagsmärchen

Gullivers Reisen

Jonathan Swift

Der Reisen erster Teil.
Eine Reise nach Lilliput.

Kapitel I.
Der Verfasser erstattet Bericht über sich, seine Familie und die ersten Anlässe, die ihn zu reisen trieben. Er erleidet Schiffbruch, schwimmt um sein Leben und kommt wohlbehalten im Lande Lilliput ans Land, wo er gefangen genommen und landeinwärts gebracht wird.

Mein Vater hatte einen kleinen Besitz in Nottinghamshire; ich war der dritte von fünf Söhnen. Er schickte mich in meinem vierzehnten Jahr aufs Emanuel College in Cambridge, wo ich drei Jahre blieb und fleissig meinen Studien oblag; da aber die Kosten meines Unterhalts (obwohl ich einen sehr kärglichen Wechsel erhielt) für ein schmales Vermögen zu hoch wurden, gab man mich zu Herrn Jakob Bates, einem hervorragenden Chirurgen in London, in die Lehre; bei ihm blieb ich vier Jahre, und da mein Vater mir von Zeit zu Zeit kleine Summen Geldes schickte, so verwandte ich sie darauf, etwas von der Seefahrt und andern Gebieten der Mathematik zu lernen, wie sie solchen, die reisen wollen, von Nutzen sind; denn ich war stets davon überzeugt, dass Reisen einmal mein Schicksal sein würden. Als ich Herrn Bates verliess, kehrte ich zu meinem Vater zurück. Dort brachte ich mit seiner Hilfe und der meines Onkels Johann, sowie einiger andrer Verwandter vierzig Pfund zusammen, und man versprach mir ferner dreissig Pfund jährlich für einen Aufenthalt in Leyden, wo ich zwei Jahre und sieben Monate lang die Arzneikunde studierte, denn ich wusste, die würde mir auf langen Reisen nützen.

Bald nach meiner Rückkehr aus Leyden wurde ich von meinem guten Meister, Herrn Bates, für die Stellung als Schiffsarzt auf der Schwalbe empfohlen, die vom Kapitän Abraham Pannell befehligt wurde; ich machte während der dreieinhalb Jahre, die ich bei ihm blieb, eine oder zwei Reisen in die Levante und ein paar andre Gegenden. Als ich heimkam, beschloss ich, mich in London niederzulassen, wozu mich Herr Bates, mein Lehrmeister, ermutigte; er empfahl mich auch einigen Leidenden. Ich mietete mir einen Teil eines kleinen Hauses in der Old Jury, und da man mir riet, meinen ledigen Stand zu wechseln, so heiratete ich Fräulein Mary Burton, die zweite Tochter des Herrn Edmund Burton, des Kleiderhändlers in der Newgate-Street, die mir vierhundert Pfund in die Ehe brachte.

Da aber zwei Jahre darauf mein guter Lehrmeister Bates starb, und ich nur wenig Freunde hatte, so begann mein Verdienst zu ebben, denn mein Gewissen erlaubte mir nicht, die schlimmen Bräuche nur zu vieler unter meinen Brüdern nachzuahmen. Nachdem ich mich also mit meinem Weibe und einigen Leuten aus meiner Bekanntschaft beraten hatte, beschloss ich, wieder zur See zu gehn. Ich war nacheinander auf zwei Schiffen Arzt und machte in sechs Jahren verschiedene Reisen nach Ost- und Westindien, durch die ich mein Vermögen ein wenig vermehrte. Meine Mussestunden verbrachte ich damit, dass ich die besten alten und modernen Autoren las, denn ich war stets mit einer reichlichen Anzahl Bücher versehen; und wenn ich an Land war, so beobachtete ich das Wesen und den Charakter des Volks und lernte seine Sprache, was mir vermöge der Stärke meines Gedächtnisses sehr leicht wurde.

Da sich die letzten dieser Reisen als nicht sehr glücklich erwiesen, so wurde ich der Seefahrt müde und beschloss, mit meinem Weibe und den Meinen zu Hause zu bleiben. Ich zog aus der Old Jury in die Fetter-Lane, und von dort nach Wapping, da ich hoffte, unter den Seeleuten Arbeit zu finden; aber es wollte sich nicht lohnen. Nachdem ich drei Jahre darauf gewartet hatte, dass die Dinge sich bessern würden, nahm ich ein vorteilhaftes Angebot des Kapitäns William Prichard an; er führte die Antilope, die eine Reise in die Südsee machen sollte. Wir gingen am 4. Mai 1699 von Bristol aus unter Segel, und unsre Reise war zunächst sehr glücklich.

Es wäre aus bestimmten Gründen nicht ratsam, den Leser mit den Einzelheiten unsrer Abenteuer in jenen Meeren zu belästigen; es genüge, wenn ich ihm sage, dass wir während unsrer Überfahrt von dort nach Ostindien durch einen heftigen Sturm nach dem Nordwesten von Van-Diemensland verschlagen wurden. Nach einer Aufnahme befanden wir uns auf dreissig Grad zwei Minuten südlicher Breite. Zwölf Leute unsrer Mannschaft waren infolge übermässiger Anstrengung gestorben, der Rest in einem Zustand grosser Schwäche. Am fünften November, dem Sommeranfang in diesen Gegenden, erspähten die Seeleute bei sehr nebligem Wetter einen Felsen erst, als er vom Schiff nur noch um eine halbe Taulänge entfernt war; der Wind war so stark, dass wir grade darauf zugetrieben wurden und auf der Stelle zerschellten. Sechs Leuten von der Mannschaft, unter denen auch ich war, gelang es, da sie das Boot aufs Wasser gelassen hatten, vom Schiff und vom Felsen klar zu kommen. Wir ruderten nach meiner Rechnung etwa drei Meilen weit; dann waren wir nicht mehr imstande, noch länger zu arbeiten, denn schon auf dem Schiff waren wir von der Anstrengung erschöpft gewesen. Wir überliessen uns also dem Willen der Wellen, und nach etwa einer halben Stunde kenterte das Boot in einer plötzlichen Bö aus Norden. Was aus meinen Gefährten im Boot, sowie aus denen, die sich auf den Felsen gerettet hatten oder im Schiff geblieben waren, wurde, kann ich nicht sagen, doch ich vermute, dass sie alle umkamen. Ich meinesteils schwamm, wie mich der Zufall führte, und Wind und Flut trugen mich vorwärts. Ich liess oft meine Beine nach unten sinken, doch ohne Grund zu finden; als ich aber fast erschöpft war und kaum noch weiter zu ringen vermochte, fühlte ich plötzlich Boden unter mir, und mittlerweile hatte sich auch der Sturm sehr gelegt. Die Neigung des Bodens war so gering, dass ich fast eine Meile zu gehn hatte, ehe ich die Küste erreichte; es war nach meiner Schätzung etwa acht Uhr abends. Ich ging dann noch etwa eine halbe Meile landeinwärts, doch konnte ich keine Spur von Häusern oder Einwohnern finden; wenigstens war ich so geschwächt, dass ich sie nicht bemerkte. Ich war ausserordentlich müde; und infolge dieser Ermüdung sowie des warmen Wetters hatte ich, zumal ich beim Verlassen des Schiffes auch noch etwa einen Viertelliter Branntwein getrunken hatte, grosses Verlangen nach Schlaf. Ich legte mich auf dem kurzen und weichen Grase nieder und schlief dort besser, als ich mich je in meinem Leben geschlafen zu haben erinnere; mein Schlummer muss nach meiner Rechnung etwa neun Stunden gedauert haben; denn als ich erwachte, war es gerade hell geworden. Ich versuchte aufzustehn, aber ich war ausserstande, mich zu rühren; denn da ich auf dem Rücken lag, so entdeckte ich, dass meine Arme und Beine auf beiden Seiten kräftig an den Boden gefesselt waren, und auch mein langes und dichtes Haar war ebenso gebunden. Ich fühlte auch, dass von meinen Achselhöhlen an bis zu den Schenkeln hinunter mehrere dünne Fesseln quer über meinen Körper liefen. Ich konnte nur nach oben sehn, die Sonne begann zu brennen, und das Licht tat meinen Augen weh. Ich hörte rings um mich ein wirres Geräusch, aber in meiner Lage konnte ich nichts als den Himmel sehn; bald darauf spürte ich, wie sich auf meinem linken Bein etwas Lebendiges bewegte, was vorsichtig über meine Brust weiter stieg und fast bis an mein Kinn herantrat; als ich nun, so sehr ich konnte, meine Augen nach unten drehte, erkannte ich in ihm ein menschliches Wesen von noch nicht sechs Zoll Höhe, das Pfeile und Bogen in den Händen und auf dem Rücken einen Köcher trug. Zugleich bemerkte ich, dass dem ersten mindestens vierzig weitere derselben Art (so vermutete ich) folgten. Ich war aufs höchste erstaunt und brüllte laut auf, so dass sie alle voll Entsetzen zurückliefen; und einige von ihnen, so erzählte man mir später, erlitten, als sie von meiner Seite zu Boden sprangen, im Sturz allerlei Verletzungen. Bald aber kehrten sie zurück, und einer von ihnen, der sich weit genug vorwagte, um mein Gesicht voll überschauen zu können, rief, indem er voll Bewunderung Hände und Blicke emporhob, mit schriller aber deutlicher Stimme: »Hekinah degul!« Die andern wiederholten mehrmals dieselben Worte, doch damals wusste ich noch nicht, was sie bedeuteten. Ich lag derweilen, wie der Leser leicht glauben wird, in grosser Unruhe da: schliesslich aber war ich in meinem Ringen, frei zu kommen, glücklich genug, die Fesseln zu sprengen und die Pflöcke, die meinen linken Arm am Boden festhielten, herauszureissen; denn, indem ich ihn zu meinem Gesicht emporhob, entdeckte ich die Methode, die sie angewandt hatten, um mich zu binden; und zugleich lockerte ich mit einem gewaltsamen Ruck, der mir grosse Schmerzen machte, die Stricke ein wenig, die mein Haar auf der linken Seite festhielten, so dass ich gerade imstande war, meinen Kopf um zwei Zoll zu wenden. Aber die Geschöpfe liefen zum zweitenmal davon, bevor ich sie ergreifen konnte; worauf in sehr schrillem Ton ein lauter Schrei erscholl, und als er verhallte, hörte ich einen von ihnen laut rufen: »Tolgo phonac!« Und im selben Augenblick fühlte ich, wie mehr als hundert Pfeile auf meine linke Hand abgeschossen wurden, wo sie mich wie ebenso viele Nadeln stachen; und alsbald schossen sie noch eine zweite Salve in die Luft, wie wir in Europa Bomben schiessen, und viele Pfeile fielen (so vermute ich, denn ich fühlte sie nicht) auf meinen Körper, einige aber auch auf mein Gesicht, das ich sofort mit der linken Hand bedeckte. Als dieser Pfeilregen vorüber war, begann ich vor Schmerz zu stöhnen; und als ich mich von neuem bemühte, los zu kommen, entsandten sie die dritte Salve, die grösser war als die ersten, und einige von ihnen versuchten mich mit Speeren in die Seite zu stechen; doch zum Glück hatte ich ein Lederwams an, das sie nicht durchstechen konnten. Ich hielt es für das klügste, still zu liegen, und es war meine Absicht, bis zum Einbruch der Nacht so liegen zu bleiben; da meine linke Hand bereits frei war, konnte ich mich dann leicht lösen. Was aber die Einwohner anging, so hatte ich Grund, zu glauben, dass ich den grössten Heeren gewachsen wäre, die sie gegen mich ins Feld führen konnten, falls sie nämlich alle von gleicher Statur waren wie der, den ich gesehen hatte. Aber das Schicksal wollte es anders. Als die Leute sahen, dass ich ruhig blieb, schossen sie nicht mehr mit Pfeilen; doch an dem Lärm, den ich hörte, erkannte ich, dass ihre Zahl zunahm; und etwa vier Ellen von mir entfernt hörte ich länger als eine Stunde hindurch meinem rechten Ohr gegenüber ein Pochen, wie wenn Leute an der Arbeit wären; als ich dann meinen Kopf, soweit es die Pflöcke und Stricke erlaubten, dorthin drehte, sah ich etwa anderthalb Fuss über dem Boden eine Tribüne errichtet, die vier der Eingeborenen fassen mochte und auf die drei oder vier Leitern hinaufführten. Von dort aus nun hielt mir einer von ihnen, der ein Mann von Stande zu sein schien, eine lange Rede, von der ich nicht eine Silbe verstand. Doch ich hätte erwähnen sollen, dass diese vornehme Persönlichkeit, ehe sie ihren Vortrag begann, dreimal ausrief: »Langro dehul san!« (Diese und die früheren Worte wurden mir später wiederholt und erklärt.) Worauf sofort etwa fünfzig der Eingeborenen herbeikamen und die Stricke durchschnitten, die die linke Seite meines Kopfes fesselten; so dass ich nun die Möglichkeit hatte, ihn nach rechts zu wenden und das Wesen und die Gesten dessen, der reden wollte, zu beobachten. Er schien in den mittleren Jahren zu stehn und grösser zu sein, als irgend einer der drei andern, die bei ihm waren; einer von diesen war ein Page, der ihm die Schleppe trug; der schien mir etwas länger als mein Mittelfinger; die beiden andern standen je auf einer seiner Seiten, um ihn zu stützen. Er spielte die Rolle eines Redners, und ich konnte viele Perioden der Drohungen, Perioden der Versprechungen, des Mitleids und der Güte unterscheiden. Ich antwortete ihm in ein paar Worten, doch in der unterwürfigsten Weise, indem ich meine linke Hand und meine beiden Augen zur Sonne hob, als riefe ich sie zum Zeugen an. Und da ich fast verhungert war (denn schon mehrere Stunden, bevor ich das Schiff verliess, hatte ich keinen Bissen mehr gegessen), so machte die Natur ihre Ansprüche so kräftig geltend, dass ich mich nicht enthalten konnte, meine Ungeduld zu zeigen (vielleicht den strengen Regeln des Anstands zuwider), indem ich oft den Finger auf den Mund legte, um anzudeuten, wie sehr es mich nach Nahrung verlangte. Der »Hurgo« (denn so nennen sie, wie ich später erfuhr, einen grossen Herrn) verstand mich sehr wohl. Er stieg von der Tribüne herab und befahl, dass mir mehrere Leitern an die Seiten gelegt würden, auf denen über hundert der Eingeborenen heraufstiegen und, beladen mit Körben voller Speisen, die auf des Königs Befehl besorgt und herbeigeschafft worden waren, sowie er von mir Nachricht erhalten hatte, auf meinen Mund zuschritten. Ich merkte wohl, dass das Fleisch mehrerer Tiere darunter war, aber ich konnte sie durch den Geschmack nicht unterscheiden. Es waren Schultern, Beine und Keulen, geformt wie die der Hämmel, und sehr gut zubereitet, aber kleiner als die Flügel einer Lerche. Ich ass immer zwei oder drei auf einen Bissen und nahm drei Brote, deren jedes etwa so gross war wie eine Musketenkugel, zugleich. Sie gaben mir so schnell wie möglich zu essen und verrieten durch tausend Zeichen ihre Verwunderung und ihr Staunen über meinen Umfang und meinen Appetit. Dann gab ich ihnen einen zweiten Wink, dass ich zu trinken wünschte. Sie hatten schon an der Art, wie ich ass, erkannt, dass mir keine kleine Menge genügen würde; und da sie höchst scharfsinnige Leute waren, so wanden sie mit grosser Geschicklichkeit eines ihrer grössten Oxhofte empor, rollten es bis an meine Hand und schlugen den Deckel ab. Ich trank es auf einen einzigen Zug leer, und das war nicht schwer, denn es enthielt noch keinen Viertelliter; das Getränk schmeckte wie ein Burgunder Landwein, doch viel köstlicher. Sie brachten mir noch ein zweites Oxhoft, das ich auf dieselbe Art und Weise austrank; doch als ich winkte, um ein drittes zu verlangen, hatten sie mir keins mehr zu geben. Sie erhoben ein Freudengeschrei, als ich diese Wunder vollbracht hatte, tanzten mir auf der Brust herum und wiederholten mehrmals wie im Anfang: »Hekinah degul!« Sie winkten mir, die beiden Fässer hinabzuwerfen, doch warnten sie zunächst die Untenstehenden, aus dem Wege zu gehn, indem sie laut »Borach Mivola!« riefen; und als sie die Gefässe durch die Luft fliegen sahen, erhoben sie ein allgemeines Geschrei: »Hekinah degul!« Ich gestehe, ich war oft in Versuchung, während sie auf meinem Leibe hin- und herliefen, vierzig oder fünfzig von den ersten zu ergreifen, die in meinen Bereich kamen und sie auf dem Boden zu zerschmettern. Aber die Erinnerung an das, was ich hatte spüren müssen und was wahrscheinlich noch nicht das schlimmste war, was sie mir antun konnten, und an das Ehrenversprechen, das ich ihnen gegeben hatte (denn so legte ich mein unterwürfiges Benehmen aus), vertrieb diese Gedanken gar bald. Ausserdem sah ich mich jetzt als durch die Gesetze der Gastfreundschaft an dieses Volk gebunden an, das mich unter solchen Kosten und mit soviel Grossartigkeit bewirtete. In meinen Gedanken aber konnte ich mich nicht genug über die Unerschrockenheit dieser winzigen Sterblichen wundern, die es wagten, mir auf den Leib zu klettern und dort umherzugehn, obwohl eine meiner Hände frei war, und zwar, ohne beim blossen Anblick eines so fabelhaften Geschöpfes, wie ich ihnen vorkommen musste, zu zittern. Als sie nach einiger Zeit bemerkten, dass ich nichts mehr zu essen verlangte, erschien im Auftrage Seiner Kaiserlichen Majestät eine hochgestellte Persönlichkeit vor mir. Seine Exzellenz stieg mir unten aufs Schienbein und schritt mit einem Gefolge von etwa einem Dutzend Leuten bis zu meinem Gesicht empor. Und nachdem er seine mit dem Königlichen Siegel versehenen Beglaubigungsschreiben hervorgezogen und sie mir dicht unter die Augen gehalten hatte, sprach er ohne jedes Zeichen des Zorns, aber im Ton fester Entschlossenheit etwa zehn Minuten lang, indem er oft vor sich hin deutete; wie ich später herausfand, lag dort in einer Entfernung von etwa einer halben Meile die Hauptstadt, wohin ich, wie Seine Majestät im Kronrat beschlossen hatte, überführt werden sollte. Ich antwortete in wenigen Worten, die freilich zwecklos waren, und gab ihm ein Zeichen mit meiner freien Hand, indem ich sie an die andre legte (ich hob sie hoch über Seiner Exzellenz Haupt hinweg, weil ich fürchtete, ihn oder einen aus seinem Gefolge zu verletzen) und dann auf meinen Kopf und meinen Körper deutete; ich wollte ihm damit sagen, dass mich nach meiner Freiheit verlangte. Offenbar verstand er mich ganz genau, denn er schüttelte zum Zeichen des Widerspruchs den Kopf und streckte seine Hand in einer Geste vor, die zeigen sollte, dass ich als Gefangener geführt werden müsste. Er gab mir jedoch noch weitere Winke, um mir zu verstehn zu geben, dass ich Speise und Trank in genügender Menge erhalten und sehr gut behandelt werden würde. Mir kam noch einmal der Gedanke, einen Versuch zu machen, ob ich meine Fesseln sprengen könnte; aber als ich den Schmerz ihrer Pfeile auf Gesicht und Händen spürte, die ganz voll Blasen waren, in denen noch viele der Waffen staken, und als ich zugleich erkannte, dass die Zahl meiner Feinde immer anschwoll, gab ich ihnen ein Zeichen, dass sie mit mir tun sollten, was ihnen beliebte. Daraufhin zogen sich der Hurgo und sein Gefolge in grosser Höflichkeit und mit freudigem Gesicht zurück. Bald darauf hörte ich ein allgemeines Schreien, in dem die Worte: »Peplom selan,« häufig wiederholt wurden; und ich fühlte, wie grosse Scharen von Leuten auf meiner linken Seite die Stricke soweit lockerten, dass ich mich auf meine rechte Seite wälzen und mir Erleichterung verschaffen konnte, indem ich Wasser liess; zum grossen Staunen der Leute tat ich das in grosser Fülle; sie hatten an meinen Bewegungen erraten, was ich beginnen wollte und flohen auf dieser Seite sofort nach rechts und links, um den Giessbach zu vermeiden, der mir mit soviel Lärm und Gewalt entströmte. Aber schon zuvor hatten sie mir das Gesicht und beide Hände mit einer Art Salbe bestrichen, die sehr angenehm roch und den Schmerz der Pfeilwunden in wenigen Minuten behob. Das und die Erfrischung, die mir ihre Speisen und ihr Getränk gegeben hatten, denn sie waren sehr nahrhaft, machte mich schläfrig. Ich schlief, wie man mir später versicherte, etwa acht Stunden lang; und das war auch kein Wunder, denn auf Befehl des Kaisers hatten die Ärzte in die beiden Oxhofte Weins einen Schlaftrunk gemischt.

Es scheint, dass der Kaiser, sowie man mich nach meiner Landung am Boden schlafend gefunden hatte, durch einen Eilboten Bericht erhielt und im Rat beschloss, dass ich auf die geschilderte Art und Weise gebunden würde (es geschah in der Nacht, während ich schlief); er ordnete an, dass man mir reichliche Mengen an Speise und Trank schicken und eine Maschine herrichten sollte, um mich in die Hauptstadt zu schaffen.

Dieser Entschluss mag vielleicht als verwegen und gefährlich erscheinen und ich bin überzeugt, dass kein europäischer Fürst ihn bei der gleichen Gelegenheit nachahmen würde; meiner Meinung nach aber war er ebenso klug wie grossmütig: denn angenommen, diese Leute hätten versucht, mich, während ich schlief, mit ihren Speeren und Pfeilen zu töten, so wäre ich sicherlich bei der ersten Schmerzempfindung erwacht, die vielleicht zugleich meine Wut und meine Kraft in einem Grade geweckt hätte, dass ich imstande gewesen wäre, die Stricke, mit denen ich gefesselt war, zu sprengen; und da sie mir dann keinen Widerstand zu leisten vermochten, hätten sie auch keine Gnade erwarten können.

Diese Leute sind vortreffliche Mathematiker, und in der Technik haben sie es durch die Ermutigung und Förderung des Kaisers, der ein berühmter Gönner der Gelehrsamkeit ist, zu grosser Vollkommenheit gebracht. Dieser Fürst besitzt mehrere auf Rädern errichtete Maschinen zum Transport von Bäumen und andern grossen Lasten. Er erbaut oft seine grössten Kriegsschiffe, von denen einige neun Fuss lang sind, mitten in den Wäldern, in denen das Holz wächst, und er lässt sie auf diesen Maschinen drei- oder fünfhundert Ellen weit zum Meer hinunterschaffen. Fünfhundert Zimmerleute und Ingenieure machten sich sofort an die Arbeit, um die grösste Maschine herzurichten, die sie besassen. Sie bestand aus einem hölzernen Rahmen, der sich drei Zoll über den Boden erhob; er war etwa sieben Fuss lang und vier Fuss breit und lief auf zweiundzwanzig Rädern. Der Schrei, den ich hörte, begrüsste das Eintreffen dieser Maschine, die, wie es scheint, vier Stunden nach meiner Landung aufbrach. Sie wurde parallel neben mich gefahren, als ich dalag. Aber die Hauptschwierigkeit bestand darin, mich emporzuheben und auf dies Gefährt zu bringen. Zu diesem Zweck wurden achtzig Pfähle von je einem Fuss Länge errichtet; dann befestigte man mit Hilfe von Haken sehr starke Stricke von der Dicke einer Packschnur an den Binden, die die Arbeiter mir um Nacken, Hände, Leib und Beine gebunden hatten. Neunhundert der stärksten Leute wurden angestellt, um diese Stricke mit Flaschenzügen hochzuwinden, die man an den Pfählen befestigt hatte; und so hob man mich in weniger als drei Stunden empor, schlang mich auf das Gefährt und band mich darauf fest. All das erzählte man mir, denn während die ganze Arbeit vor sich ging, lag ich in tiefem Schlaf, so stark wirkte das Betäubungsmittel, das man in mein Getränk gemischt hatte. Fünfzehnhundert der grössten Pferde des Kaisers, deren jedes etwa viereinhalb Zoll hoch war, zogen mich zur Metropole, die, wie ich schon sagte, eine halbe Meile entfernt war.

Etwa vier Stunden, nachdem wir unsre Fahrt begonnen hatten, erwachte ich durch einen sehr lächerlichen Zufall; denn da der Wagen eine Weile Halt gemacht hatte, um etwas in Ordnung zu bringen, so wurden zwei oder drei der jungen Eingeborenen neugierig, wie ich wohl im Schlaf aussähe; sie kletterten in den Wagen hinauf, und als sie sehr vorsichtig bis zu meinem Gesicht vorgedrungen waren, steckte mir einer von ihnen, ein junger Gardeoffizier, das scharfe Ende seiner Pike in mein linkes Nasenloch; sie kitzelte mich wie ein Strohhalm, so dass ich heftig niesen musste. Sie stahlen sich unbemerkt davon, und erst drei Wochen später erfuhr ich die Ursache meines plötzlichen Erwachens. Wir machten während des übrigen Tages einen weiten Weg, und nachts rasteten wir mit je fünfhundert Wachen zu meinen beiden Seiten, von denen die Hälfte mit Fackeln, die andre Hälfte aber mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren, bereit, mich zu erschiessen, wenn ich Miene machen sollte, mich zu rühren. Am nächsten Morgen setzten wir mit Sonnenaufgang unsre Fahrt fort, und um Mittag waren wir nur noch etwa zweihundert Ellen von den Stadttoren entfernt. Der Kaiser und sein ganzer Hof kamen uns entgegen; aber seine Grosswürdenträger wollten auf keinen Fall dulden, dass Seine Majestät sich in Gefahr begab, indem er meinen Körper bestieg.

An der Stelle, wo der Wagen hielt, stand ein alter Tempel, der als der grösste im ganzen Königreich galt; und da er vor einigen Jahren durch einen unnatürlichen Mord entweiht worden war, sah ihn das Volk in seinem grossen Religionseifer als profan an; man benutzte ihn zu unheiligen Zwecken und hatte alles Gerät und allen Schmuck daraus entfernt. In diesem Gebäude, so wurde es beschlossen, sollte ich hausen. Das grosse nach Norden gerichtete Tor war etwa vier Fuss hoch und zwei Fuss breit, so dass ich leicht hindurchkriechen konnte. Zu beiden Seiten des Tors lag nicht mehr als sechs Zoll überm Boden je ein kleines Fenster; und durch das auf der linken Seite hatten des Königs Schmiede einundneunzig Ketten geführt, die etwa jenen glichen, wie sie in Europa an der Taschenuhr einer Dame hängen, und die auch etwa ebenso stark waren; die befestigte man mir mit sechsunddreissig Schlössern an meinem linken Bein. Diesem Tempel gegenüber stand auf der andern Seite der grossen Strasse in einer Entfernung von etwa zwanzig Fuss ein Turm von mindestens fünf Fuss Höhe. Den bestieg der Kaiser mit vielen grossen Herrn seines Hofs, um, wie man mir später sagte, mich bequem überblicken zu können, denn sehen konnte ich sie nicht. Es wurde berechnet, dass etwa hunderttausend Einwohner zum gleichen Zweck aus der Stadt kamen; und trotz meiner Wachen, glaube ich, konnten es mehrmals nicht weniger als zehntausend Menschen sein, die mir mit Hilfe von Leitern auf den Körper stiegen. Bald darauf aber wurde ein Erlass verkündigt, der das bei Todesstrafe verbot. Als die Arbeiter sahen, dass ich mich nicht mehr befreien konnte, kappten sie all die Stricke, die mich banden, und ich stand in der melancholischsten Stimmung, die ich in meinem ganzen Leben gekannt hatte, auf. Aber der Aufruhr und das Staunen des Volks, als es mich aufstehn und umhergehn sah, lassen sich nicht schildern. Die Ketten, die mein linkes Bein fesselten, waren etwa zwei Ellen lang und erlaubten mir nicht nur, in einem Halbkreis hin und her zu gehn, sondern, da sie nur vier Zoll weit vom Tor entfernt befestigt waren, so konnte ich auch hineinkriechen und mich im Tempel in voller Länge ausstrecken.

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Sonntagsmärchen

Das Waldhaus

Gebrüder Grimm

Ein armer Holzhauer lebte mit seiner Frau und drei Töchtern in einer kleinen Hütte an dem Rande eines einsamen Waldes. Eines Morgens, als er wieder an seine Arbeit wollte, sagte er zu seiner Frau: »Laß mir ein Mittagsbrot von dem ältesten Mädchen hinaus in den Wald bringen, ich werde sonst nicht fertig. Und damit es sich nicht verirrt«, setzte er hinzu, »so will ich einen Beutel mit Hirse mitnehmen und die Körner auf den Weg streuen.«

Als nun die Sonne mitten über dem Walde stand, machte sich das Mädchen mit einem Topf voll Suppe auf den Weg. Aber die Feld- und Waldsperlinge, die Lerchen und Finken, Amseln und Zeisige hatten die Hirse schon längst aufgepickt, und das Mädchen konnte die Spur nicht finden. Da ging es auf gut Glück immer fort, bis die Sonne sank und die Nacht einbrach. Die Bäume rauschten in der Dunkelheit, die Eulen schnarrten, und es fing an, ihm angst zu werden. Da erblickte es in der Ferne ein Licht, das zwischen den Bäumen blinkte. Dort sollten wohl Leute wohnen, dachte es, die mich über Nacht behalten, und ging auf das Licht zu. Nicht lange, so kam es an ein Haus, dessen Fenster erleuchtet waren. Es klopfte an, und eine rauhe Stimme rief von innen: »Herein!« Das Mädchen trat auf die dunkle Diele und pochte an die Stubentür. »Nur herein«, rief die Stimme, und als es öffnete, saß da ein alter, eisgrauer Mann an dem Tisch, hatte das Gesicht auf die beiden Hände gestützt, und sein weißer Bart floß über den Tisch herab fast bis auf die Erde. Am Ofen aber lagen drei Tiere, ein Hühnchen, ein Hähnchen und eine buntgescheckte Kuh. Das Mädchen erzählte dem Alten sein Schicksal und bat um ein Nachtlager. Der Mann sprach:

»Schön Hühnchen,
Schön Hähnchen
Und du schöne bunte Kuh,
Was sagst du dazu?«

»Duks!« antworteten die Tiere, und das mußte wohl heißen »wir sind es zufrieden«, denn der Alte sprach weiter: »Hier ist Hülle und Fülle, geh hinaus an den Herd und koch uns ein Abendessen.« Das Mädchen fand in der Küche Überfluß an allem und kochte eine gute Speise, aber an die Tiere dachte es nicht. Es trug die volle Schüssel auf den Tisch, setzte sich zu dem grauen Mann, aß und stillte seinen Hunger. Als es satt war, sprach es: »Aber jetzt bin ich müde, wo ist ein Bett, in das ich mich legen und schlafen kann?« Die Tiere antworteten:

»Du hast mit ihm gegessen,
Du hast mit ihm getrunken,
Du hast an uns gar nicht gedacht,
Nun sieh auch. wo du bleibst die Nacht.«

Da sprach der Alte: »Steig nur die Treppe hinauf, so wirst du eine Kammer mit zwei Betten finden, schüttle sie auf und decke sie mit weißem Linnen, so will ich auch kommen und mich schlafen legen.« Das Mädchen stieg hinauf, und als es die Betten geschüttelt und frisch gedeckt hatte, da legte es sich in das eine, ohne weiter auf den Alten zu warten. Nach einiger Zeit aber kam der graue Mann, beleuchtete das Mädchen mit dem Licht und schüttelte den Kopf. Und als er sah, daß es fest eingeschlafen war, öffnete er eine Falltüre und ließ es in den Keller sinken.

Der Holzhauer kam am späten Abend nach Haus und machte seiner Frau Vorwürfe, daß sie ihn den ganzen Tag habe hungern lassen. »Ich habe keine Schuld«, antwortete sie, »das Mädchen ist mit dem Mittagessen hinausgegangen, es muß sich verirrt haben; morgen wird es schon wiederkommen.« Vor Tag aber stand der Holzhauer auf, wollte in den Wald, verlangte, die zweite Tochter solle ihm diesmal das Essen bringen. »Ich will einen Beutel mit Linsen mitnehmen«, sagte er, »die Körner sind größer als Hirse, das Mädchen wird sie besser sehen und kann den Weg nicht verfehlen.« Zur Mittagszeit trug auch das Mädchen die Speise hinaus, aber die Linsen waren verschwunden: die Waldvögel hatten sie, wie am vorigen Tag, aufgepickt und keine übriggelassen. Das Mädchen irrte im Walde umher, bis es Nacht ward, da kam es ebenfalls zu dem Haus des Alten, ward hereingerufen und bat um Speise und Nachtlager. Der Mann mit dem weißen Barte fragte wieder die Tiere:

»Schön Hühnchen,
schön Hähnchen
Und du schöne bunte Kuh,
Was sagst du dazu?«

Die Tiere antworteten abermals: »Duks!«, und es geschah alles wie am vorigen Tag. Das Mädchen kochte eine gute Speise, aß und trank mit dem Alten und kümmerte sich nicht um die Tiere. Und als es sich nach seinem Nachtlager erkundigte, antworteten sie:

»Du hast, mit ihm gegessen,
Du hast mit ihm getrunken,
Du hast an uns gar nicht gedacht,
Nun sieh auch, wo du bleibst die Nacht.«

Als es eingeschlafen war, kam der Alte, betrachtete es mit Kopfschütteln und ließ es in den Keller hinab. Am dritten Morgen sprach der Holzhacker zu seiner Frau: »Schick unser jüngstes Kind mit dem Essen hinaus, das ist immer gut und gehorsam gewesen, das wird auf dem rechten Weg bleiben und nicht wie seine Schwestern, die wilden Hummeln, herumschwärmen.« Die Mutter wollte nicht und sprach: »Soll ich mein liebstes Kind auch noch verlieren?« »Sei ohne Sorge«, antwortete er, »das Mädchen verirrt sich nicht, es ist zu klug und verständig; zum Überfluß will ich Erbsen mitnehmen und ausstreuen, die sind noch größer als Linsen und werden ihm den Weg zeigen.« Aber als das Mädchen mit dem Korb am Arm hinauskam, so hatten die Waldtauben die Erbsen schon im Kropf, und es wußte nicht, wohin es sich wenden sollte. Es war voll Sorgen und dachte beständig daran, wie der arme Vater hungern und die gute Mutter jammern würde, wenn es ausblieb. Endlich, als es finster ward, erblickte es das Lichtchen und kam an das Waldhaus. Es bat ganz freundlich, sie möchten es über Nacht beherbergen, und der Mann mit dem weißen Bart fragte wieder seine Tiere:

»Schön Hühnchen,
Schön Hähnchen
Und du schöne bunte Kuh,
Was sagst du dazu?«

»Duks!« sagten sie. Da trat das Mädchen an den Ofen, wo die Tiere lagen, und liebkoste Hühnchen und Hähnchen, indem es mit der Hand über die glatten Federn hinstrich, und die bunte Kuh kraute es zwischen den Hörnern. Und als es auf Geheiß des Alten eine gute Suppe bereitet hatte und die Schüssel auf dem Tisch stand, so sprach es: »Soll ich mich sättigen, und die guten Tiere sollen nichts haben? Draußen ist die Hülle und Fülle, erst will ich für sie sorgen.« Da ging es, holte Gerste und streute sie dem Hühnchen und Hähnchen vor und brachte der Kuh wohlriechendes Heu, einen ganzen Arm voll. »Laßt’s euch schmecken, ihr lieben Tiere«, sagte es, »und wenn ihr durstig seid, sollt ihr auch einen frischen Trunk haben.« Dann trug es einen Eimer voll Wasser herein, und Hühnchen und Hähnchen sprangen auf den Rand, steckten den Schnabel hinein und hielten den Kopf dann in die Höhe, wie die Vögel trinken, und die bunte Kuh tat auch einen herzhaften Zug. Als die Tiere gefüttert waren, setzte sich das Mädchen zu dem Alten an den Tisch und aß, was er ihm übriggelassen hatte. Nicht lange, so fing das Hühnchen und Hähnchen an, das Köpfchen zwischen die Flügel zu stecken, und die bunte Kuh blinzelte mit den Augen. Da sprach das Mädchen: »Sollen wir uns nicht zur Ruhe begeben?«

»Schön Hühnchen,
Schön Hähnchen
Und du schöne, bunte Kuh,
Was sagst du dazu?«

Die Tiere antworteten: »Duks,

Du hast mit uns gegessen,
Du hast mit uns getrunken,
Du hast uns alle wohlbedacht,
Wir wünschen dir eine gute Nacht.«

Da ging das Mädchen die Treppe hinauf, schüttelte die Federkissen und deckte frisches Linnen auf, und als es fertig war, kam der Alte und legte sich in das eine Bett, und sein weißer Bart reichte ihm bis an die Füße. Das Mädchen legte sich in das andere, tat sein Gebet und schlief ein. Es schlief ruhig bis Mitternacht, da ward es so unruhig in dem Hause, daß das Mädchen erwachte. Da fing es an, in den Ecken zu knittern und zu knattern, und die Türe sprang auf und schlug an die Wand; die Balken dröhnten, als wenn sie aus ihren Fugen gerissen würden, und es war, als wenn die Treppe herabstürzte, und endlich krachte es, als wenn das ganze Dach zusammenfiele. Da es aber wieder still ward und dem Mädchen nichts zuleid geschah, so blieb es ruhig liegen und schlief wieder ein. Als es aber am Morgen bei hellem Sonnenschein aufwachte, was erblickten seine Augen? Es lag in einem großen Saal, und ringsumher glänzte alles in königlicher Pracht: An den Wänden wuchsen auf grünseidenem Grund goldene Blumen in die Höhe, das Bett war von Elfenbein und die Decke darauf von rotem Samt, und auf einem Stuhl daneben stand ein Paar mit Perlen gestickte Pantoffeln. Das Mädchen glaubte, es wäre ein Traum, aber es traten drei reichgekleidete Diener herein und fragten, was es zu befehlen hätte. »Geht nur«, antwortete das Mädchen »ich will gleich aufstehen und dem Alten eine Suppe kochen und dann auch schön Hühnchen, schön Hähnchen und die schöne bunte Kuh füttern.« Es dachte, der Alte wäre schon aufgestanden, und sah sich nach seinem Bette um, aber er lag nicht darin, sondern ein fremder Mann. Und als es ihn betrachtete und sah, daß er jung und schön war, erwachte er, richtete sich auf und sprach: »Ich bin ein Königssohn und war von einer bösen Hexe verwünscht worden, als ein alter, eisgrauer Mann in dem Wald zu leben, niemand durfte um mich sein als meine drei Diener in der Gestalt eines Hühnchens, eines Hähnchens und einer bunten Kuh. Und nicht eher sollte die Verwünschung aufhören, als bis ein Mädchen zu uns käme, so gut von Herzen, daß es nicht nur gegen die Menschen allein, sondern auch gegen die Tiere sich liebreich bezeigte, und das bist du gewesen, und heute um Mitternacht sind wir durch dich erlöst und das alte Waldhaus ist wieder in meinen königlichen Palast verwandelt worden.« Und als sie aufgestanden waren, sagte der Königssohn den drei Dienern, sie sollten hinausfahren und Vater und Mutter des Mädchens zur Hochzeit herbeiholen. »Aber wo sind meine zwei Schwestern?« fragte das Mädchen. »Die habe ich in den Keller gesperrt, und morgen sollen sie in den Wald geführt werden und sollen bei dem Köhler so lange als Mägde dienen, bis sie sich gebessert haben und auch die armen Tiere nicht hungern lassen.

Sonntagsmärchen

E.T.A. Hoffmann

Das steinerne Herz

(Erstdruck 1817)

Jedem Reisenden, der bei guter Tageszeit sich dem Städtchen G. von der südlichen Seite bis auf eine halbe Stunde Weges genähert, fällt der Landstraße rechts ein stattliches Landhaus in die Augen, welches mit seinen wunderlichen bunten Zinnen aus finsterm Gebüsch blickend, emporsteigt. Dieses Gebüsch umkränzte den weitläufigen Garten, der sich in weiter Strecke talabwärts hinzieht. Kommst du einmal, vielgeliebter Leser! des Weges, so scheue weder den kleinen Aufenthalt deiner Reise, noch das kleine Trinkgeld, das du etwa dem Gärtner geben dürftest, sondern steige fein aus dem Wagen, und laß dir Haus und Garten aufschließen, vorgebend, du hättest den verstorbenen Eigentümer des anmutigen Landsitzes, den Hofrat Reutlinger in G., recht gut gekannt. Im Grunde genommen kannst du dies alsdann mit gutem Fug tun, wenn es dir gefallen sollte, alles, was ich dir zu erzählen eben im Begriff stehe, bis ans Ende durchzulesen; denn ich hoffe, der Hofrat Reutlinger soll dir alsdann mit all seinem sonderbaren Tun und Treiben so vor Augen stehen, als ob du ihn wirklich selbst gekannt hättest. Schon von außen findest du das Landhaus auf altertümliche groteske Weise mit bunten gemalten Zieraten verschmückt, du klagst mit Recht über die Geschmacklosigkeit dieser zum Teil widersinnigen Wandgemälde, aber bei näherer Betrachtung weht dich ein besonderer wunderbarer Geist aus diesen bemalten Steinen an und mit einem leisen Schauer, der dich überläuft, trittst du in die weite Vorhalle. Auf den in Felder abgeteilten, mit weißem Gipsmarmor bekleideten Wänden erblickest du mit grellen Farben gemalte Arabesken, die in den wunderlichsten Verschlingungen, Menschen- und Tiergestalten, Blumen, Früchte, Gesteine, darstellen, und deren Bedeutung du ohne weitere Verdeutlichung zu ahnen glaubst. Im Saal, der den untern Stock in der Breite einnimmt und bis über den zweiten Stock hinaufsteigt, scheint in vergoldeter Bilderei alles das plastisch ausgeführt, was erst durch Gemälde angedeutet wurde. Du wirst im ersten Augenblick vom verdorbenen Geschmack des Zeitalters Ludwig des Vierzehnten reden, du wirst weidlich schmälen über das Barocke, Überladene, Grelle, Geschmacklose dieses Stils, aber bist du nur was weniges meines Sinnes, fehlt es dir nicht an reger Fantasie, welches ich allemal bei dir, mein gütiger Leser! voraussetze, so wirst du bald allen in der Tat gegründeten Tadel vergessen. Es wird dir so zumute werden, als sei die regellose Willkür nur das kecke Spiel des Meisters mit Gestaltungen, über die er unumschränkt zu herrschen wußte, dann aber, als verkette sich alles zur bittersten Ironie des irdischen Treibens, die nur dem tiefen, aber an einer Todeswunde kränkelnden Gemüt eigen. Ich rate dir, geliebter Leser! die kleinen Zimmer des zweiten Stocks, die wie eine Galerie den Saal umgeben, und aus deren Fenstern man hinabschaut in den Saal, zu durchwandern. Hier sind die Verzierungen sehr einfach, aber hin und wieder stößest du auf teutsche, arabische und türkische Inschriften, die sich wunderlich genug ausnehmen. Du eilst jetzt nach dem Garten, er ist nach altfranzösischer Art mit langen, breiten, von hohen Taxuswänden umschlossenen Gängen, mit geräumigen [Bosketts] angelegt, und mit Statuen, mit Fontänen geschmückt. Ich weiß nicht, ob du, geliebter Leser, nicht auch den ernsten feierlichen Eindruck, den solch ein altfranzösischer Garten macht, mit mir fühlst, und ob du solch ein Gartenkunstwerk nicht der albernen Kleinigkeitskrämerei vorziehst, die in unsern sogenannten englischen Gärten mit Brückchen und Flüßlein, und Tempelchen und Gröttchen getrieben wird. Am Ende des Gartens trittst du in einen finstern Hain von Trauerweiden, Hängebirken und Weymouthskiefern. Der Gärtner sagt dir, daß dies Wäldchen, wie man es von der Höhe des Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in der Form eines Herzens erbaut. Du tritts hinein, der Boden ist mit weißen Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz in gewöhnlicher Größe. Es ist ein dunkelroter in den weißen Marmor eingefugter Stein. Du bückst dich herab, und entdeckest die in den Stein eingegrabenen Worte: Es ruht! In diesem Pavillon, bei diesem dunkelroten steinernen Herzen, das damals jene Inschrift noch nicht trug, standen am Tage Mariä Geburt, das heißt am achten September des Jahres 18o- ein großer stattlicher alter Herr und eine alte Dame, beide sehr reich und schön nach der Mode der sechziger Jahre gekleidet. »Aber«, sprach die alte Dame, »aber wie kam Ihnen, lieber Hofrat, denn wieder die bizarre, ich möchte lieber sagen, die schauervolle Idee, in diesem Pavillon das Grabmal Ihres Herzens, das unter dem roten Stein ruhen soll, bauen zu lassen?« »Lassen Sie uns«, erwiderte der alte Herr, »lassen Sie uns, liebe Geheime Rätin, von diesen Dingen schweigen! – Nennen Sie es das krankhafte Spiel eines wunden Gemüts, nennen Sie es wie Sie wollen, aber erfahren Sie, daß, wenn mich mitten unter dem reichen Gut, das das hämische Glück wie ein Spielzeug dem einfältigen Kinde, das darüber die Todeswunden vergißt, mir zuwarf, der bitterste Unmut ergreift, wenn alles erfahrne Leid von neuem auf mich zutritt, daß ich dann hier in diesen Mauern Trost und Beruhigung finde. Meine Blutstropfen haben den Stein so rot gefärbt, aber er ist eiskalt, bald liegt er auf meinem Herzen und kühlt die verderbliche Glut, welche darin loderte.« Die alte Dame sah mit einem Blick der tiefsten Wehmut herab zum steinernen Herzen, und indem sie sich etwas herabbückte, fielen ein paar große perlenglänzende Tränen auf den roten Stein. Da faßte der alte Herr schnell herüber und ergriff ihre Hand. Seine Augen erblitzten im jugendlichen Feuer; wie ein fernes mit Blüten und Blumen reich geschmücktes herrliches Land im schimmernden Abendrot lag eine längst vergangene Zeit voll Liebe und Seligkeit in seinen glühenden Blicken. »Julie! –Julie! und auch Sie konnten dieses arme Herz so auf den Tod verwunden.« – So rief der alte Herr mit von der schmerzlichsten Wehmut halberstickter Stimme. »Nicht mich«, erwiderte die alte Dame sehr weich und zärtlich, »nicht mich, klagen Sie an, Maximilian! – War es denn nicht Ihr starrer unversöhnlicher Sinn, Ihr träumerischer Glaube an Ahnungen, an seltsame, Unheil verkündende Visionen, der Sie forttrieb von mir, und der mich zuletzt bestimmen mußte, dem sanfteren, beugsameren Mann, der mit Ihnen zugleich sich um mich bewarb, den Vorzug zu geben. Ach! Maximilian, Sie mußten es ja wohl fühlen, wie innig Sie geliebt wurden, aber Ihre ewige Selbstqual, peinigte sie mich nicht bis zur Todesermattung?« Der alte Herr unterbrach die Dame, indem er ihre Hand fahren ließ: »O Sie haben recht, Frau Geheime Rätin, ich muß allein stehen, kein menschliches Herz darf sich mir anschmiegen, alles was Freundschaft, was Liebe vermag, prallt wirkungslos ab von diesem steinernen Herzen.« – »Wie bitter«, fiel die Dame dem alten Herrn in die Rede, »Wie bitter, wie ungerecht gegen sich selbst, und andere sind Sie, Maximilian! – Wer kennt Sie denn nicht als den freigebigsten Wohltäter der Bedürftigen, als den unwandelbarsten Verfechter des Rechts, der Billigkeit, aber welches böse Geschick warf jenes entsetzliche Mißtrauen in Ihre Seele, das in einem Wort, in einem Blick, ja in irgend einem von jeder Willkür unabhängigen Ereignis Verderben und Unheil ahnet?« – »Hege ich denn nicht alles«, sprach der alte Herr mit weicherer Stimme und Tränen in den Augen, »hege ich denn nicht alles, was sich mir nähert, mit der vollsten Liebe? Aber diese Liebe zerreißt mir das Herz, statt es zu nähren. – Ha!« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »dem unerforschlichen Geist der Welten gefiel es mich mit einer Gabe auszustatten, die, mich dem Tode entreißend, mich hundertmal tötet! – Gleich dem Ewigen Juden, sehe ich das unsichtbare Kainszeichen auf der Stirne des gleisnerischen Meuters! – Ich erkenne die geheimen Warnungen, die oft wie spielende Rätsel der geheimnisvolle König der Welt, den wir Zufall nennen, uns in den Weg wirft. Eine holde Jungfrau schaut uns mit hellen klaren Isisaugen an, aber wer ihre Rätsel nicht löst, den ergreift sie mit kräftigen Löwentatzen, und schleudert ihn in den Abgrund.« – »Noch immer«, sprach die alte Dame, »noch immer diese verderblichen Träume. Wo blieb der schöne, artige Knabe, Ihres jüngern Bruders Sohn, den Sie vor einigen Jahren so liebreich aufgenommen, in dem so viel Liebe und Trost für Sie aufzukeimen schien?« – »Den«, erwiderte der alte Herr mit rauher Stimme, »den habe ich verstoßen, es war ein Bösewicht, eine Schlange, die ich mir zum Verderben im Busen nährte.« – »Ein Bösewicht! – der Knabe von sechs Jahren?« fragte die Dame ganz bestürzt. »Sie wissen«, fuhr der alte Herr fort, »die Geschichte meines jüngern Bruders; Sie wissen, daß er mich mehrmals auf bübische Weise täuschte, daß, alles brüderliche Gefühl in seiner Brust ertötend, ihm jede Wohltat, die ich ihm erzeigte, zur Waffe gegen mich diente. An ihm, an seinem rastlosen Streben lag es nicht, daß nicht meine Ehre, meine bürgerliche Existenz verloren ging. Sie wissen, wie er vor mehreren Jahren, in das tiefste Elend versunken, zu mir kam, wie er mir Änderung seiner verworrenen Lebensweise, wiedererwachte Liebe heuchelte, wie ich ihn hegte und pflegte, wie er dann seinen Aufenthalt in meinem Hause nutzte, um gewisse Dokumente – doch genug davon. Sein Knabe gefiel mir, und diesen behielt ich bei mir, als der Schändliche, nachdem seine Ränke, die mich in einen meine Ehre vernichtenden Kriminalprozeß verwickeln sollten, entdeckt worden, fliehen mußte. Ein warnender Wink des Schicksals befreiete mich von dem Bösewicht.« – »Und dieser Wink des Schicksals war gewiß einer Ihrer bösen Träume.« So sprach die alte Dame, doch der alte Herr fuhr fort: »Hören Sie, urteilen Sie Julie! – Sie wissen, daß meines Bruders Teufelei mir den härtesten Stoß gab, den ich erlitten – es sei denn, daß – doch still davon. Mag es sein, daß ich der Seelenkrankheit, die mich befallen, den Gedanken zuschreiben muß, mir in diesem Wäldchen eine Grabstätte für mein Herz bereiten zu lassen. Genug, es geschah! – Das Wäldchen war in Herzform angepflanzt, der Pavillon erbaut, die Arbeiter beschäftigten sich mit der Marmortäfelung des Fußbodens. Ich trete hinan, um nach dem Werk zu sehen. Da bemerke ich, daß in einiger Entfernung der Knabe, so wie ich, Max geheißen, etwas hin- und herkugelt unter allerlei tollen Bockssprüngen und lautem Gelächter. Eine finstere Ahnung geht durch meine Seele! – Ich gehe los auf den Knaben und erstarre, als ich sehe, daß es der rote herzförmig ausgearbeitete Stein ist, der zum Einlegen in dem Pavillon bereit lag, den er mit Mühe herausgekugelt hat und mit dem er nun spielt! ›Bube! du spielst mit meinem Herzen, wie dein Vater!‹ – Mit diesen Worten stieß ich ihn voll Abscheu von mir, als er sich weinend mir nahte. – Mein Verwalter erhielt die nötigen Befehle ihn fortzuschaffen, ich habe den Knaben nicht wiedergesehen!« – »Entsetzlicher Mann!« rief die alte Dame, die aber der alte Herr sich höflich verbeugend, und mit den Worten: »Des Schicksals große Grundstriche fügen sich nicht dem feinen Nonpareil der Damen«, unter dem Arm faßte, und aus dem Pavillon hinausführte durch das Wäldchen in den Garten. – Der alte Herr war der Hofrat Reutlinger, die alte Dame aber die Geheime Rätin Foerd. – – Der Garten bot das allermerkwürdigste Schauspiel dar, was man nur sehen konnte. Eine große Gesellschaft alter Herren, Geheime Räte, Hofräte u. a. nebst ihren Familien aus den benachbarten Städtchen hatte sich versammelt. Alle, selbst die jungen Leute und Mädchen waren ganz streng nach der Mode des Jahres 1760 gekleidet mit großen Perücken, gesteiften Kleidern, hohen Frisuren, Reifröcken usw., welches denn um so mehr einen wunderlichen Eindruck machte, als die Anlagen des Gartens ganz zu jenem Kostüm paßten. Jeder glaubte sich, wie durch einen Zauberschlag, in eine längst verflossene Zeit zurückversetzt. Der Maskerade lag eine wunderliche Idee Reutlingers zum Grunde. Er pflegte alle drei Jahre am Tage Mariä Geburt auf seinem Landsitz das Fest der alten Zeit zu feiern, wozu er alles aus dem Städtchen, was nur kommen wollte, einlud, jedoch war es unerläßliche Bedingung, daß jeder Gast sich in das Kostüm des Jahres 1760 werfen mußte. Jungen Leuten, denen es lästig gewesen sein würde, dergleichen Kleider herbeizuschaffen, half der Hofrat aus mit seiner eigenen reichen Garderobe. – Offenbar wollte der Hofrat diese Zeit hindurch (das Fest dauerte zwei bis drei Tage) in Rückerinnerungen der alten Jugendzeit recht schwelgen.

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http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-steinerne-herz-3098/1

Sonntagsmärchen

Ich habe einen Batzen Geld
Und schon manches gute Stück
Im Kaufhaus dafür ausgewählt

Ich könnte kaufen eine Kuh
Oder besser noch ein Schwein
Schön wär auch, ich käm dazu
Und kriege einen Schleifstein

Ich habe einen Batzen Geld
Und kriege dafür, was ich will
Ich habe dreimal nachgezählt
Ein herrliches Gefühl
Ein herrliches Gefühl

Ich könnte kaufen Kuh und Schwein
Stein und Bein und Schnick und Schnack
Aber nein, ich laß es sein
Ich schlepp mich doch nicht ab

In der Hand der Batzen Geld
Ist so leicht fast kein Gewicht
Ich krieg dafür die halbe Welt
Aber ich will sie nicht

So lauf ich unbeschwert nach Haus
Und geh mit meiner Alten aus
Wir leben mal in Saus und Braus
Und schmeißen’s Geld zum Fenster ’naus

Und meine Alte tankt sich voll
Und ist sie abends blitzeblau
Dann liebt sie mich im Bett wie toll
Und macht dabei Radau

Träumen wir nach unserm Glück
Von einem großen Batzen Geld
Sagt, sie hätt schon manches Stück
Im Kaufhaus ausgewählt
Im Kaufhaus ausgewählt