Archiv der Kategorie: Märchen

Sonntagsmärchen

Norwegische Märchen

Der Bär, der vom Affen eine Goldkette haben wollte

Als der Bär einmal dem Fuchs begegnete, trug dieser um den Hals eine Goldkette.
„Wo hast du die Goldkette her?“ fragte der Bär.
„Ich habe sie vom Affen bekommen“, sagte der Fuchs, „das war ein netter Kerl. “
Ja, wenn er wüßte, daß er so eine bekommen könnte, würde er auch zum Affen gehen, sagte der Bär .
„Du würdest sie auf der Stelle bekommen“, meinte der Fuchs, „nur mußt du mit der Wahrheit sparsam sein.“
Ja, das versprach der Bär und zottelte in den Wald hinein zum Affen .
„Findest du nicht, daß ich schön bin?“ fragte der Affe.
„Fürwahr, du bist doch nicht schön“, sagte der Bär. „Ich finde, daß du häßlich bist.“
„Aber findest du nicht, daß ich eine schöne Frau habe? „, sagte der Affe und zeigte ihm das Affenweibchen .
„Fürwahr, sie ist doch nicht schön“, sagte der Bär. “ Ich finde, daß sie abscheulich häßlich ist.“ „Aber habe ich nicht schöne Kinder?“, fragte der Affe und zeigte die Äffchen.
„Fürwahr, sie sind doch nicht schön“, sagte der Bär . „Ich glaube, ich habe noch nie so häßliche Kinder gesehen“, meinte er.
Doch da sprang ihm der Affe direkt ins Gesicht und zerkratzte es ganz gräßlich, so daß der Bär froh war, als er sich nach Hause trollen konnte. Unterwegs traf er den. Fuchs.
„Wo bist du denn gewesen?‘. fragte der Fuchs. „Du siehst ja zum Fürchten aus.“
„Ich war beim Affen“, sagte der Bär. „Das ist ein rechter Schurke! Er ist über mich hergefallen und hat mir beinahe meine Haartracht ausgerissen.“
„J a aber, hat er dich denn nicht gefragt, ob er schön sei ?“, fragte der Fuchs.
„Ich fand, daß er häßlich ist“, sagte der Bär.
„Ja aber, zeigte er dir nicht seine Frau“, wollte der Fuchs wissen. „Fragte er nicht, ob sie schön sei? “
„Ich habe gesagt, daß ich sie abscheulich häßlich finde“, sagte der Bär.
„Ja aber, zeigte er dir nicht seine Kinder?“ fragte der Fuchs. „Hast du nicht gesagt, daß sie schön sind? “
„Ich habe gesagt, wie es ist“, antwortete der Bär, „daß ich niemals häßlichere Kinder gesehen habe.“
„Ich habe dir doch gesagt, du sollest mit der Wahrheit sparsam sein“, sprach der Fuchs. „Hättest du das getan, so hättest du eine Goldkette erhalten, du ebenso wie ich. .“

Sonntagsmärchen

E.T.A. Hoffmann – Der goldene Topf

Zur Zeit täglich 15.10 Uhr zu hören auf Radio MDR-Kultur

http://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/klassikerlesung-eta-hoffmann-der-goldene-topf-100.html

oder hier zu lesen.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-goldne-topf-3103/2

Sonntagsmärchen

Oscar Wilde
Die Nachtigall und die Rose

Foto: Finbarsgift

https://finbarsgift.wordpress.com/2017/05/07/rotrose-anfang-mai/

Dankeschön

»Sie sagte, dass sie mit mir tanzen würde, wenn ich ihr rote Rosen brächte,« rief der junge Student; »aber in meinem ganzen Garten gibt es keine einzige rote Rose.«
Von ihrem Nest in der Steineiche hörte ihn die Nachtigall, schaute durch die Blätter und wunderte sich.
»Keine einzige rote Rose in meinem ganzen Garten!«, rief er, und seine schönen Augen füllten sich mit Tränen. »Ach, von welch kleinen Dingen das Glück abhängt! Ich habe alles gelesen, was kluge Menschen geschrieben haben, alle Geheimnisse der Philosophie sind mein; nun, da ich einer einzigen rote Rose bedarf, ist mein Leben elend.«
»Das ist endlich ein wahrer Liebender,« sagte die Nachtigall. »Nacht für Nacht sang ich von ihm, dachte, ich kenne ihn nicht: Nacht für Nacht erzählte ich seine Geschichte den Sternen und erst jetzt erkenne ich ihn. Seine Haar ist dunkel wie Hyazinthenblüten, und seine Lippen sind rot wie die Rose seines Verlangens; aber Leidenschaft hat sein Gesicht blass wie Elfenbein werden lassen und Sorgen haben ihr Siegel über seinen Augenbrauen hinterlassen.«
»Der Prinz gibt morgen Abend einen Ball,« murmelte der junge Student, »und meine Liebste wird bei der Gesellschaft sein. Wenn ich ihr eine rote Rose bringe, wird sie mit mir bis zur Morgendämmerung tanzen. Wenn ich ihr eine rote Rose bringe, kann ich sie in meinen Armen halten, und sie wird ihren Kopf an meine Schulter lehnen, und ihre Hand wird in meiner liegen. Aber es gibt keine rote Rose in meinem ganzen Garten, also werde ich alleine bleiben und sie wir an mir vorübergehen. Sie wird sich nicht für mich erwärmen und mein Herz wird brechen.«
»Das ist wirklich der wahre Liebende,« sagte die Nachtigall. »Worüber ich singe, läßt ihn leiden, was meine Freude ist, ist sein Kummer. Sicher ist Liebe etwas wundervolles. Sie ist edler als Smaragde und kostbarer als herrliche Opale. Perlen und Granatäpfel können sie nicht erwerben, noch wird sie auf dem Marktplatz feilgeboten. Von keinem Händler kann sie erworben werden, auch in Gold ist sie nicht aufzuwiegen.«
»Die Musiker werden auf dem Podium sitzen,« sagte der junge Student, »und auf ihren Instrumenten spielen, und meine Liebe wird zum Klang der Harfe und der Violine tanzen. Sie wird so leicht dahinschweben, dass ihre Füße den Boden nicht berühen und die Verehrer in ihrer glänzenden Kleidung sich um sie drängen. Aber mit mir wird sich nicht tanzen, da ich keine rote Rose habe um sie ihr zu geben«; und er warf sich ins Gras und vergrub sein Gesicht in den Händen und weinte.
»Warum weint er?«, frage die kleine grüne Eidechse, als sie mit erhobenem Schwanz an ihm vorbei lief.
»Warum nur?«, sagte der Schmetterling, der einem Sonnenstrahl hinterher flatterte.
»Warum nur?«, flüsterte ein Gänseblümchen zu ihrer Nachbarnin, in einer weichen, sanften Stimme.
»Er weint um eine rote Rose«, sagte die Nachtigall.
»Um eine rote Rose?« riefen sie; »wie lächerlich!« und die kleine Eidechse, die so etwas wie eine Zynikerin war, lachte laut auf.
Aber die Nachtigall verstand das Geheimnis des Kummers des Studenten, und sie saß schweigend in der Steineiche und dachte über das Mysterium der Liebe nach.
Plötzlich breitete sie ihre braunen Flügel aus zum Flug und stieg in die Luft. Sie flog durch den Hain wie ein Schatten, und wie ein Schatten schwebte sie quer durch den Garten.
In der Mitte des Rasens stand ein wunderschöner Rosenstrauch, und als sie ihn sah, flog sie über ihn und landete auf einem Zweig.
»Schenk mir eine rote Rose,« rief sie, »und ich werde dir mein lieblichstes Lied singen.«
Aber der Rosenstrauch schüttelte seinen Kopf.
»Meine Rosen sind weiß,« antwortete er; »weiß wie die Gischt des Meeres und weißer als der Schnee auf den Bergen. Aber geh‘ zu meinem Bruder, der an der alten Sonnenuhr wächst, vielleicht kann er dir geben was du wünschst.«
So flog die Nachtigall zum Rosenstrauch, der an der Sonnenuhr wächst, hinüber.
»Schenk mir eine rote Rose,« rief sie, »und ich werde dir mein lieblichstes Lied singen.«
Aber der Rosenstrauch schüttelte seinen Kopf.
»Meine Rosen sind gelb,« anwortete er; »so gelb wie das Haar der Meerjungfrau, die auf dem Bernsteinthron sitzt und gelber noch als die Narzisse, die auf der Wiese blüht bevor der Mäher mit der Sense kommt. Aber geh‘ zu meinem Bruder, der unter dem Fenster des Studenten wächst, vielleicht kann er dir geben was du wünscht.«
So flog die Nachtigall zum Rosenstrauch hinüber, der unter dem Fenster des Studenten wuchs.
»Schenk mir eine rote Rose,« rief sie, »und ich werde dir mein lieblichstes Lied singen.«
Aber der Rosenstrauch schüttelte seinen Kopf.
»Meine Rosen sind rot,« antwortete er, »so rot wie die Füße einer Taube und roter als die weiten Korallenriffe, die in der Tiefe des Meeres wogen und wogen. Aber der Winter hat meine Adern verfroren, der Frost hat meine Knospen im Keim erstick und der Sturm hat meine Zweige gebrochen, ich werde wohl in diesem Jahr keine Rosen haben.«
»Eine rote Rose ist alles was ich will,« rief die Nachtigall, » nur eine rote Rose! Gibt es den keinen Weg diese zu bekommen?«
»Es gibt einen Weg,« sagte der Rosenstrauch; »aber er ist so schrecklich, dass ich nicht wage ihn dir zu erzählen.«
»Sag ihn mir,« sagte die Nachtigall, »ich fürchte mich nicht.«
»Wenn du eine rote Rose willst,« sagte der Rosenstrauch, »musst du sie bei Mondlicht aus Musik formen und färben durch dein eigenes Herzblut. Du sollst zu mir singen mit deinem Brust an meinem Dorn. Die ganze Nacht lang sollst du singen und der Dorn wird dein Herz durchbohren, dein Lebensblut soll in meine Adern fließen und zu meinem werden.«
»Der Tod ist ein hoher Preis für eine rote Rose,« rief die Nachtigall,« und das Leben ist jedem teuer. Es tut so gut, in grünen Wäldern zu sitzen, die Sonnengondel zu schauen und den Mond in seiner Perlengondel. Süß ist der Duft des Weißdorns, süß sind die Glockenblumen, die sich im Tal verbergen und das Heidekraut, das an den Hügeln blüht. Aber die Liebe ist mehr als das Leben und was ist das Herz eines Vogels verglichen mit dem Herzen eines Mannes?«
Und so breitete sie ihre braunen Flügel zum Flug aus und stieg auf in die Luft. Sie schwebte über den Garten wie ein Schatten und wie ein Schatten segelte sie durch den Hain.
Der junge Student lang noch immer im Gras, wo sie ihn zurückgelassen hatte und seine Tränen waren noch nicht trocken in seinen wunderschönen Augen.
»Sei fröhlich,« rief die Nachtigall, »sei fröhlich; du wirst deine rote Rose bekommen. Ich werde sie aus Musik formen bei Mondlicht und sie färben mit meines Herzens Blut. Alles, worum ich dich dafür bitte, ist ein wahrer Liebender zu bleiben, denn Liebe ist weiser als Philosophie, obgleich diese weise ist, und mächtiger als die Macht, obgleich diese mächtig ist. Flammenfarben sind ihre Flügel und gefärbt wie eine Flamme ist ihr Körper. Ihre Lippen sind süß wie Honig und ihr Atem ist wie Weihrauch.«
Der Student schaute aus dem Gras auf und lauschte, aber er verstand nicht, was die Nachtigall zu ihm sagte, da er nur kannte, was in Büchern niedergeschrieben steht.
Aber die Eiche verstand es und wurde traurig, da sie die kleine Nachtigall sehr lieb gewonnen hatte, die ein Nest in ihren Ästen gebaut hatte.
»Sing mir ein letztes Lied,« flüsterte er ; »ich werde sehr einsam sein, wenn du fort bist.«
Also sang die Nachtigall zur Eiche und ihre Stimme sprudelte wie Wasser aus einer Silberquelle.
Als sie ihr Lied beendet hatte, stand der Student auf, zog ein Notizbuch und einen Bleistift aus seiner Tasche hervor.
»Sie hat Format,« sagte er zu sich selbst als er durch den Hain fortging, »das kann man ihr nicht absprechen; aber hat sie auch Gefühle? Ich fürchte nein. Eigentlich ist sie wie alle Künstler; sie hat nur Stil ohne die geringste Ernsthaftigkeit. Sie würde sich nicht selbst für andere aufopfern. Sie denkt bloß an Musik und jeder weiß, dass die Künste selbstsüchtig sind. Trotzdem muss ihr zugestanden werden, dass sie einige wunderwolle Töne in ihrer Stimme hat. Wie schade, dass sie keine Bedeutung haben oder irgendeinen praktischen Nutzen.« Und er ging in sein Zimmer, legte sich auf sein kleines Stohbett und begann an seine Liebste zu denken; und nach einer Weile schlief er ein.
Als der Mond am Himmel schien, flog die Nachtigall zum Rosenstrauch und drückte ihre Brust gegen einen Dorn. Die ganze Nacht lang sang sie mit ihrer Brust gegen den Dorn und der kalte kristalklare Mond beugte sich herunter und lauschte. Sie sang die ganze Nacht hindurch und der Dorn drang tiefer und tiefer in ihre Brust und ihr Lebensblut wich von ihr.
Sie sang zunächst von der aufkeimenden Liebe im Herzen eines Jungen und eines Mädchens. Und am höchsten Zweig des Rosenstrauchs erblühte eine herrliche Rose, Blütenblatt folgte auf Blütenblatt, wie ein Lied auf das nächste folgte. Blass war sie anfangs, wie leichter Nebel, der über dem Fluß liegt. Blass wie Fußspitzen des Morgens und silbern wie die Flügel des beginnenden Tages. Wie das Bild einer Rose in einem Spiegel aus Silber, wie das Bild einer Rose in einem Wasserbassin, so war die Rose, die am höchste Zweig des Rosenstrauchs erblühte.
Aber die Rose rief zur Nachtigall, sie solle sich kräftiger gegen den Dorn pressen. »Noch kräftiger« rief die Rose, »oder der Tag beginnt bevor die Rose fertig ist.«
So drückte sich die Nachtigall sich kräftiger gegen den Dorn und lauter und lauter wurde ihr Gesang, als sie von der Geburt der Leidenschaft in der Seele eines Mannes und einer Maid sang.
Und ein zarte Hauch von Rosa legte sich über die Blätter der Rose wie der Hauch im Gesicht des Bräutigams, wenn er die Lippen der Braut küsst. Aber der Dorn hatte noch nicht ihr Herz erreicht, so dass das Herz der Rose weiß blieb, da nur das Herzblut der Nachtigall das Herz einer Rose blutrot färben kann.
Und die Rose rief zur Nachtigall sie solle sich noch kräftiger gegen den Dorn drücken. »Noch kräftiger« rief die Rose, »oder der Tag beginnt bevor die Rose fertig ist.«
Und so presste sich die Nachtigall stärker gegen den Dorn, der Dorn berührte ihr Herz und ein heftiger Schmerz durchzuckte sie. Bitter, bitter war der Schmerz und immer wilder wurde ihr Gesang, als sie von der Liebe sang, die durch den Tod vervollkommnet wird, von der Liebe, die nicht einmal im Grab stirb.
Und die wundervolle Rose wurde blutrot, wie die Rose am östlichen Himmel. Blutrot war der Ring der Blütenblätter und blutrot wie ein Rubin war das Herz.
Aber die Stimme der Nachtigall wurde matter und ihre kleinen Flügel begannen zu flattern, ein Nebelschleier legte sich über ihre Augen. Schwächer und schwächer wurde ihr Gesang und sie fühlte ihre Kehle immer enger werden.
Dann gab sie einen letzten Schwall Musik von sich. Der weiße Mond hörte es, und er vergaß die Morgendämmerung und verweilte am Himmel. Die rote Rose hörte es und sie bebte überall voll Verzückung und öffnete ihre Blütenblätter in der kalten Morgenluft. Ein Echo trug ihn zu seinen purpurnen Höhlen in den Bergen und weckte die schlafenden Schäfer aus ihren Träumen. Er glitt durch das Schilf am Fluß und es trug die Nachricht weiter zum Meer.
»Sieh nur, sieh!« rief der Rosenstrauch, »die Rose ist jetzt fertig«; aber die Nachtigall gab keine Antwort, da sie tot im langen Gras lag mit einem Dorn in ihrem Herzen.
Und als es Mittag wurde, öffnete der Student sein Fenster und sah hinaus.
»Welch großes Glück!« rief er; »Hier ist eine rote Rose! Ich habe in meinem ganzen Leben nie eine Rose wie diese gesehen. Sie ist so wunderschön, dass ich sicher bin, sie hat einen langen lateinischen Namen«; und er lehnte sich aus dem Fenster und brach sie.
Dann setzte er sich seinen Hut auf und lief zum Haus des Professors mit der Rose in seiner Hand.
Die Tochter des Professors wickelte blaue Seide zu einem Knäul, während sie im Eingang saß, ihr kleiner Hund lag zu ihren Füßen.
»Sie sagten«, rief der Student, »sie würden mit mir tanzen, wenn ich Ihnen eine rote Rose brächte. Hier ist die roteste Rose in der ganzen Welt. Sie können sie heute abend an Ihrem Herzen tragen und wenn wir tanzen, wird sie Sie daran erinnern, wie sehr ich Sie liebe.«
Jedoch das Mädchen runzelte die Stirn.
»Ich fürchte, sie wird nicht zu meinem Kleid passen,« antwortete sie; »und nebenbei bemerkt hat mir der Neffe des Kämmerers echte Juwelen geschickt und jeder weiß doch, dass Juwelen viel teurer sind als Blumen.«
»Nun, glauben Sie mir, Sie sind sehr undankbar,« sagte der Student ungehalten; und er warft die Rose auf die Straße, wo sie in den Rinnstein fiel und das Rad eines Wagens über sie rollte.
»Undankbar!« rief das Mädchen. »Ich sagen Ihnen, Sie sind sehr unverschämt; und alles in allem, wer sind sie schon? Bloß ein Student. Ich glaube nicht, dass Sie Silberschnallen an Ihren Schuhen haben, wie sie der Neffe des Kämmerers trägt«; und sie stand von ihrem Stuhl auf und ging ins Haus.
»Welch töricht Ding die Liebe ist,« sagte der Student als er davon ging. »Sie ist nicht halb so brauchbar wie die Logik, da sich mit ihr nichts beweisen läßt und sie erzählt immer von Dingen, die niemals geschehen werden, sie läßt einen Dinge glauben, die nicht wahr sind. Wirklich, sie ist sehr unpraktisch und heutezutage ist praktisch zu sein alles, ich sollte wieder zur Philosophie zurückkehren und Metaphysik studieren.«
Also kehrte in sein Zimmer zurück, zog ein verstaubtes dickes Buch hervor und begann zu lesen.

Sonntagsmärchen

Der alte Großvater und der Enkel

Ein Märchen der Brüder Grimm

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?“ fragte der Vater. „Ich mache ein Tröglein,“ antwortete das Kind, „daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an Fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862

Das Liebespaar

Ein Kreisel und ein Bällchen lagen im Kasten beisammen unter anderm Spielzeug, und da sagte der Kreisel zum Bällchen: „Wollen wir nicht Brautleute sein, da wir doch in Einem Kasten zusammenliegen?“ Aber das Bällchen, welches von Saffian genäht war, und das sich eben so viel einbildete, als ein feines Fräulein, wollte auf dergleichen nicht antworten.
Am nächsten Tage kam der kleine Knabe, dem das Spielzeug gehörte; er bemalte den Kreisel roth und gelb und schlug einen Messingnagel mitten hinein; das sah einmal recht prächtig aus, wenn der Kreisel sich herumdrehte!
„Sehen Sie mich an!“ sagte er zum Bällchen. „Was sagen Sie nun? Wollen wir nun nicht Brautleute sein? Wir passen so gut zu einander: Sie springen und ich tanze! Glücklicher, als wir Beide, würde Niemand werden können!“
„So? Glauben Sie das?“ sagte das Bällchen. „Sie wissen wohl nicht, daß mein Vater und meine Mutter Saffianpantoffeln gewesen sind, und daß ich einen spanischen Kork im Leibe habe?“
„Ja, aber ich bin von Mahagonyholz,“ sagte der Kreisel; „und der Bürgermeister hat mich selbst gedrechselt. Er hat seine eigene Drechselbank und es hat ihm viel Vergnügen gemacht.“
„Kann ich mich darauf verlassen?“ fragte das Bällchen.
„Möge ich niemals die Peitsche bekommen, wenn ich lüge!“ erwiderte der Kreisel.
„Sie wissen gut für sich zu sprechen!“ sagte das Bällchen. „Aber ich kann doch nicht; ich bin mit einer Schwalbe so gut wie versprochen; jedes Mal, wenn ich in die Luft fliege, steckt sie den Kopf zum Neste heraus und fragt: „Wollen Sie?“ Und nun habe ich innerlich ja gesagt, und das ist so gut, wie eine halbe Verlobung, aber ich verspreche Ihnen, Sie nie zu vergessen!“
„Ja, das wird viel helfen!“ sagte der Kreisel. Und so sprachen sie nicht mehr mit einander.
Am nächsten Tage wurde das Bällchen von dem Knaben hervor genommen. Der Kreisel sah, wie es hoch in die Luft flog, gleich einem Vogel; zuletzt konnte man es gar nicht mehr erblicken; jedes Mal kam es wieder zurück, machte aber immer einen hohen Sprung, wenn es die Erde berührte; und das geschah entweder aus Sehnsucht, oder weil es einen spanischen Kork im Leibe hatte. Das neunte Mal aber blieb das Bällchen weg und kam nicht wieder; und der Knabe suchte und suchte, aber weg war es.
„Ich weiß wohl, wo es ist!“ seufzte der Kreisel. „Es ist im Schwalbenneste und hat sich mit der Schwalbe verheirathet!“
Je mehr der Kreisel daran dachte, um so mehr wurde er für das Bällchen eingenommen; gerade weil er es nicht bekommen konnte, darum nahm seine Liebe zu; daß es einen Andern genommen hatte, das war das Eigenthümliche dabei; und der Kreisel tanzte herum und schnurrte, dachte aber beständig an das Bällchen, welches in seinen Gedanken immer schöner und schöner wurde. So verstrich manches Jahr – – und nun war es eine alte Liebe.
Und der Kreisel war nicht mehr jung – – ! Aber da wurde er eines Tages ganz und gar vergoldet; nie hatte er so schön ausgesehen; er war nun ein Goldkreisel und sprang, daß er schnurrte. Ja, das war doch Etwas! Aber auf einmal sprang er zu hoch und – weg war er!
Man suchte und suchte, selbst unten im Keller, doch er war nicht zu finden.
– – Wo war er?
Er war in den Kehrichtkasten gesprungen, wo Allerlei lag: Kohlstrünke, Kehricht und Schutt, welcher von der Dachrinne heruntergefallen war.
„Nun liege ich freilich gut! Hier wird die Vergoldung bald von mir verschwinden. Ach, unter welches Gesindel bin ich hier gerathen!“ und dann schielte er nach einem langen, abgeblätterten Kohlstrunk, und nach einem sonderbaren, runden Dinge, welches wie ein alter Apfel aussah; – aber es war kein Apfel, es war ein altes Bällchen, welches viele Jahre in der Dachrinne gelegen hatte und vom Wasser ganz durchdrungen war.
„Gott sei Dank, da kommt doch einer Unsersgleichen, mit dem man sprechen kann!“ sagte das Bällchen und betrachtete den vergoldeten Kreisel. „Ich bin eigentlich von Saffian, von Jungfrauen-Händen genäht, und habe einen spanischen Kork im Leibe; aber das wird mir wohl Niemand ansehen. Ich war nahe daran, mich mit einer Schwalbe zu verheirathen; allein da fiel ich in die Dachrinne, und darin habe ich wohl fünf Jahre gelegen und bin aufgequollen! Glauben Sie mir, das ist eine lange Zeit für ein junges Mädchen!“
Aber der Kreisel sagte nichts; er dachte an sein altes Liebchen, und je mehr er hörte, desto klarer wurde es ihm, daß sie es war.
Da kam das Dienstmädchen und wollte den Kasten umwenden: „Heisa, da ist der Goldkreisel!“ sagte sie.
Und der Kreisel kam wieder zu Ansehen und Ehre, aber vom Bällchen hörte man nichts. Und der Kreisel sprach nie mehr von seiner alten Liebe; die vergeht, wenn die Geliebte fünf Jahre lang in einer Wasserrinne gelegen hat und aufgequollen ist; ja, man erkennt sie nicht wieder, wenn man ihr im Kehrichtkasten begegnet.

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Sonntagsmärchen

Sonntagsmärchen und Foto sind diesmal von meiner Freundin Antje. Dankeschön.

https://antjemauch1.wordpress.com/author/antjemauch/

Die ungekürzte Fassung lest ihr hier:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-historie-von-der-schoenen-lau-5521/1
Bearbeiten

Eduard Mörike

Die Schöne Lau

war eine Nixe, die im Blautopf lebte. Ihr Mann hatte sie dorthin verbannt, weil sie keine gesunden Kinder zur Welt bringen konnte. Das lag daran, dass sie nicht lachen konnte.
Fünfmal müsse sie von Herzen lachen, bevor sie lebende Kinder gebären würde, erklärte ihr ihre Schwiegermutter. Nun wohnte sie im Blautopf und lebte von den Münzen, die in den See geworfen wurden. Eines Tages, nachdem sie schon einige Zeit im Blautopf lebte, tauchte sie auf, und im Gebüsch saß ein kleiner Junge der ihr zurief: „Hey Laubfrosch, gibt´s schönes Wetter.“ Darauf zog die Lau den Jungen unter Wasser und sperrte ihn in eine Kammer ein, in der sie ihn vergammeln lassen wollte. Doch er konnte sich befreien und rannte in ein anderes Zimmer, in dem er einen schweren Sack fand. Er vermutete, dass Gold in dem Sack versteckt se und nahm ihn mit. Eine Kerze nahm er auch mit, denn es war sehr dunkel. Dann rannte und rannte er damit ihn niemand mehr entdeckte. Er kam bis zu einer großen Steinmauer, die er dann, da es keinen anderen Weg gab hinaufklettern musste. Er kletterte mit seinem Bündel die Mauer hinauf. Es war sehr anstrengend. Doch als er schließlich oben war, stellte er fest, dass er sich in einem Wald befand. Neugierig machte er das Säckchen auf und was drin war, war ein Klötzle Blei. Er schämte sich dafür, dass er so einen Mist mitgenommen hatte. Deshalb warf er das Klötzchen einfach so ins Gebüsch und rannte schnell davon. Ein paar Tage später bemerkte die Lau, dass ihr Klötzle Blei fehlte, denn es hatte einen Tintenfischzahn, der jeden, der das Klötzle bei sich trägt, unsichtbar macht. Es war sehr wertvoll und daher eines der Lieblingsstücke der Lau, nach dem sie immer wieder schaute. Der Diener vom Herzog lief den langen Weg durch den Wald und entdeckte dort im Sonnenschein das funkelnde Bleilot. Er hob es auf und brachte es zum Herzog. Dieser bezeichnete das Stück Blei als sehr wertvoll. Er erkannte sofort die besonderen Fähigkeiten des Stückchen Bleis, denn er war Zauberer. Als der Herzog sterben musste, vermachte er das Bleilot seinem Diener, der es ihm damals gebracht hatte. Als er wieder an den Blautopf kam, nahm er es als Lot und band viele Tücher und Schnüre an das Stückchen Blei. Er wollte endlich herausfinden, wie tief der Blautopf sei. Die Lau, die das Ganze vom Boden des Sees aus verfolgte, zog kräftig an der Schnur des Bleilots und so dachte der alte Diener, der See sei unendlich tief. Die Lau hatte natürlich erkannt, dass dies ihr Bleilot war und band anstelle des Bleilots eine Zwiebel, eine Kette und eine goldene Schere an die Schnur. Die Zofe der Lau wollte sich jedoch einen Scherz erlauben und streckte ihre hässliche weiße Hand aus dem Wasser. Der alte Diener erschrak zu Tode und murmelte drei Tage nur den ein und den selben Spruch vor sich her:

s´leit a Klötzle Blei bei Blaubeura
glei bei Blaubeura leit a Klötzle Blei

Am Ufer des Blautopfes war ein hässlicher Hügel. Eines Tages kam dann die Wirtin Betha aus Blaubeuren und entfernte das Unkraut und pflanzte Kürbissamen mit ein. Als die Lau dies sah, freute sie sich sehr und besuchte die Wirtin an ihrem Kellerbrunnen. Zufällig war Xaver, der Sohn von Betha, gerade im Keller. Er erschrak allerdings sehr beim Anblick der Lau und lief schnell nach oben. Dort rief er Betha. Betha hatte jedoch keine Angst und ging sofort in den Keller hinunter. Xaver und seinen Freund nahm sie jedoch nicht mit hinunter, denn die Lau war nur halb angezogen.
An diesem Tag erzählte die Lau der Betha ihre Geschichte. Daraufhin lud Betha Seysolfin die Schöne Lau zu sich ins Haus ein. Die Lau war ganz begeistert von der Idee, denn es hatte sie schon immer interessiert, wie ein Haus aussieht. Betha forderte Jutta, ihre Tochte, dazu auf, der schönen Lau Kleider zu leihen und sie davor abzutrocknen. Beim Abrocknen musste die Lau herzhaft lachen, denn sie war an den Füßen schrecklich kitzelig. Man war sich jedoch nicht sicher, ob die als echtes Lachen gelten würde.
Als die Lau während des Rundganges das Bed betrat, sah sie einen wunderschönen grünen Topf, auf dem ein kleiner Junge saß. Deshalb hielt die Lau den Topf zuerst für einen Stuhl. Als sie jedoch den stinkenden Geruch wahrnahm, der von dem Topf auging, merkte sie, um was es sich bei dem „Stuhl“ handelte. Es war der Kinderstuhl von Juttas Sohn. Daraufhin musste sie herzhaft lachen. Dies war das zweite Lachen der Lau.
In der Nacht hatte sie einen sehr schönen Traum. Sie träumte davon, dass Betha eine Wassernixe sei und am Rand des Sees sitze. Der Abt aus dem Kloster in der Nähe würde vorbei laufen und ihr einen Kuss geben, den man meilenweit hören würde. Die Lau musste schallend lachen. Als sie es am nächsten Morgen der Betha erzählen wollte, sagte diese, dass sie nicht wisse, ob dieses Lachen im Traum gelte. Da war die Lau sehr traurig und weinte stundenlang in ihrem Palast im Blautopf. Daraufhin trat der Blautopf über seine Ufer. Xaver, der dies sofort bemerkte, nahm ein Bettgestell aus dem Kloster mit und stellte es am Ufer des Blautopfes auf. Dann tanzte er so wild um das Bettgestell herum, dass die Lau am Grund des Blautopfes schallen loslachte. Dies war nun das dritte Lachen. Eines Tages trafen sich die Frauen aus dem Ort bei Betha zu einem Spinnabend. Die Lau setzte sich weit entfernt vom Kachelofen auf einen Stuhl, da ihr die Wärme nicht besonders gut tat. Eine der Frauen erzählte die Geschichte vom Klötzle Blei. Es wurde herzhaft gelacht. Nur die Lau lachte nicht, denn sie kannte die Geschichte ja schon. Erst als man versuchte den Spruch aufzusagen und sich alle verhaspelten, lächelte die Lau. Als sie gar selbst an der Reihe war und nur einen einzigen Wortsalat herausbrachte, musste sie lauthals lachen. So war das vierte Lachen entstanden. Der Xaver Stürmte laut rufend in die Stube der Betha und erzählte allen, dass der Blautopf schon wieder über die Ufer trete. Die Lau fiel in Ohnmacht, da sie ahnte, dass ihr Mann der Nixenkönig bald am Blautopf ankommen würde. Daraufhin nahm Xaver die Schöne Lau
auf seine Arme und trug sie zum Blautopf. Betha leuchtete den beiden den Weg, damit der Xaver nicht hinfalle. Als der Xaver die Lau am Ufer des Blautopfes ablegen wollte, überlegte er sich, dass dies die letzte Möglichkeit sei, eine echte Wassernixe zu küssen. Gesagt, getan. Xaver küsste die Lau und sofort hagelte es Maulschellen von den Zofen der Lau. Trotz ihrer Ohnmacht musste die Lau lachen. Von diesem fünften Lachen wusste die nichts und genauso musste es laut ihrer Schwiegermutter ja auch sein. Alle warteten gespannt auf die Ankunft des Nixenkönigs. Aber er kam nicht. Also gingen alle wieder heim. Sie waren gerade erst wieder zu Hause, als der Blautopf wieder über die Ufer trat. Dieses Mal kam der Nixenkönig.
Bevor sie zurück ins Schwarze Meer schwamm, überreichte die Lau der Wirtin Betha eine Kiste voll mit Goldstücken. Sie versprach ihr, dass sich die Kiste bevor das letzte Goldstück verbraucht sei, wieder füllen würde. Dem Xaver schenkte sie einen besonderen Kochlöffel. Nachdem sie ihre Abschiedsgeschenke verteilt hatte, schwamm sie zu ihrem Palast im Blautopf und traf sich dort mit ihrem Mann. Gemeinsam schwammen die beiden zurück ins Schwarze Meer und bekamen dort viele Kinder. Nun leben sie dort glücklich und zufrieden.

dies ist eine abgekürzte Version der Legende die von Eduard Mörike geschrieben wurde

Sonntagsmärchen

Läuschen und Flöhchen

Ein Märchen der Brüder Grimm

Ein Läuschen und ein Flöhchen, die lebten zusammen in einem Haushalte und brauten das Bier in einer Eierschale. Da fiel das Läuschen hinein und verbrannte sich. Darüber fing das Flöhchen an laut zu schreien. Da sprach die kleine Stubentüre: „Was schreist du, Flöhchen?“ – „Weil Läuschen sich verbrannt hat.“

Da fing das Türchen an zu knarren. Da sprach ein Besenchen in der Ecke: „Was knarrst du, Türchen?“ – „Soll ich nicht knarren?

Läuschen hat sich verbrannt,
Flöhchen weint.“

Da fing das Besenchen an entsetzlich zu kehren. Da kam ein Wägelchen vorbei und sprach: „Was kehrst du, Besenchen?“ – „Soll ich nicht kehren?

Läuschen hat sich verbrannt,
Flöhchen weint,
Türchen knarrt.“

Da sprach das Wägelchen: „So will ich rennen,“ und fing an entsetzlich zu rennen. Da sprach das Mistchen, an dem es vorbeirannte: „Was rennst du, Wägelchen?“ – „Soll ich nicht rennen?

Läuschen hat sich verbrannt,
Flöhchen weint,
Türchen knarrt,
Besenchen kehrt.“

Da sprach das Mistchen: „So will ich entsetzlich brennen,“ und fing an in hellem Feuer zu brennen. Da stand ein Bäumchen neben dem Mistchen, das sprach: „Mistchen, warum brennst du?“ – „Soll ich nicht brennen?

Läuschen hat sich verbrannt,
Flöhchen weint,
Türchen knarrt,
Besenchen kehrt,
Wägelchen rennt.“

Da sprach das Bäumchen: „So will ich mich schütteln,“ und fing an sich zu schütteln, daß all seine Blätter abfielen. Das sah ein Mädchen, das mit seinem Wasserkrügelchen herankam und sprach: „Bäumchen, was schüttelst du dich?“ – „Soll ich mich nicht schütteln?

Läuschen hat sich verbrannt,
Flöhchen weint,
Türchen knarrt,
Besenchen kehrt,
Wägelchen rennt,
Mistchen brennt.“

Da sprach das Mädchen: „So will ich mein Wasserkrügelchen zerbrechen,“ und zerbrach das Wasserkrügelchen. Da sprach das Brünnlein, aus dem das Wasser quoll: „Mädchen, was zerbrichst du dein Wasserkrügelchen?“ – „Soll ich mein Wasserkrügelchen nicht zerbrechen?

Läuschen hat sich verbrannt,
Flöhchen weint,
Türchen knarrt,
Besenchen kehrt,
Wägelchen rennt,
Mistchen brennt,
Bäumchen schüttelt sich.“

„Ei,“ sagte das Brünnchen, „so will ich anfangen zu fließen,“ und fing an entsetzlich zu fließen. Und in dem Wasser ist alles ertrunken, das Mädchen, das Bäumchen, das Mistchen, das Wägelchen, das Besenchen, das Türchen, das Flöhchen, das Läuschen, alles miteinander.

Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen

Die Nachtigall

In China, weißt du ja wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen. Es sind nun viele Jahre her, aber gerade deshalb ist es wert, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird. Des Kaisers Schloß war das prächtigste der Welt, ganz und gar von feinem Porzellan, so kostbar, aber so spröde, so mißlich daran zu rühren, daß man sich ordentlich in acht nehmen mußte. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen, und an die allerprächtigsten waren Silberglocken gebunden, die erklangen, damit man nicht vorbeigehen möchte, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers Garten fein ausgedacht, und er erstreckte sich so weit, daß der Gärtner selbst das Ende nicht kannte; ging man immer weiter, so kam man in den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging gerade hinunter bis zum Meere, das blau und tief war. Große Schiffe konnten unter den Zweigen hinsegeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, die so herrlich sang, daß selbst der arme Fischer, der soviel anderes zu tun hatte, stillhielt und horchte, wenn er nachts ausgefahren war, um das Fischnetz aufzuziehen. »Ach Gott, wie ist das schön!« sagte er, aber dann mußte er auf sein Netz achtgeben und vergaß den Vogel; doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer dorthin kam, sagte er wieder: »Ach Gott, wie ist das doch schön!«
Von allen Ländern kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten sie, das Schloß und den Garten; doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: »Das ist doch das Beste!«
Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloß und den Garten, aber die Nachtigall vergaßen sie nicht, sie wurde am höchsten gestellt, und die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See.
Die Bücher durchliefen die Welt, und einige kamen dann auch einmal zum Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhl, las und las, jeden Augenblick nickte er mit dem Kopfe, denn er freute sich über die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens. »Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!« stand da geschrieben.
»Was ist das?« fragte der Kaiser. »Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel hier in meinem Kaiserreiche und sogar in meinem Garten? Das habe ich nie gehört; so etwas soll man erst aus Büchern erfahren?«
Da rief er seinen Haushofmeister. Der war so vornehm, daß, wenn jemand, der geringer war als er, mit ihm zu sprechen oder ihn um etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: »P!« Und das hat nichts zu bedeuten.
»Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, der Nachtigall genannt wird!« sagte der Kaiser. »Man spricht, dies sei das Allerbeste in meinem großen Reiche; weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?«
»Ich habe ihn früher nie nennen hören«, sagte der Haushofmeister. »Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!«
»Ich will, daß er heute abend herkomme und vor mir singe!« sagte der Kaiser. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht!«
»Ich habe ihn früher nie nennen hören!« sagte der Haushofmeister. »Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!«
Aber wo war er zu finden? Der Haushofmeister lief alle Treppen auf und nieder, durch Säle und Gänge, keiner von allen denen, auf die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Haushofmeister lief wieder zum Kaiser und sagte, daß es sicher eine Fabel von denen sei, die da Bücher schreiben. »Dero Kaiserliche Majestät können gar nicht glauben, was da alles geschrieben wird; das sind Erdichtungen und etwas, was man die schwarze Kunst nennt!«
»Aber das Buch, in dem ich dieses gelesen habe», sagte der Kaiser, »ist mir von dem großmächtigen Kaiser von Japan gesandt, also kann es keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachtigall hören; sie muß heute abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, so soll dem ganzen Hof auf den Leib getrampelt werden, wenn er Abendbrot gegessen hat!«
»Tsing-pe!« sagte der Haushofmeister und lief wieder alle Treppen auf und nieder, durch alle Säle und Gänge; und der halbe Hof lief mit, denn sie wollten nicht gern auf den Leib getrampelt werden. Da gab es ein Fragen nach der merkwürdigen Nachtigall, die von aller Welt gekannt war, nur von niemand bei Hofe.
Endlich trafen sie ein kleines, armes Mädchen in der Küche. Sie sagte: »O Gott, die Nachtigall, die kenne ich gut, ja, wie kann die singen! Jeden Abend habe ich die Erlaubnis, meiner armen, kranken Mutter einige Überbleibsel vom Tische mit nach Hause zu bringen. Sie wohnt unten am Strande, wenn ich dann zurückgehe, müde bin und im Walde ausruhe, höre ich Nachtigall singen. Es kommt mir dabei das Wasser in die Augen, und es ist gerade, als ob meine Mutter mich küßte!«
»Kleine Köchin«, sagte der Haushofmeister, »ich werde dir eine feste Anstellung in der Küche und die Erlaubnis, den Kaiser speisen zu sehen, verschaffen, wenn du uns zur Nachtigall führen kannst; denn sie ist zu heute abend angesagt.«
So zogen sie allesamt hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen pflegte; der halbe Hof war mit. Als sie im besten Zuge waren, fing eine Kuh zu brüllen an.
»Oh!« sagten die Hofjunker, »nun haben wir sie; das ist doch eine merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tiere! Die habe ich sicher schon früher gehört!«
»Nein, das sind Kühe, die brüllen!« sagte die kleine Köchin. »Wir sind noch weit von dem Orte entfernt!«
Nun quakten die Frösche im Sumpfe.
»Herrlich!« sagte der chinesische Schloßpropst. »Nun höre ich sie, es klingt gerade wie kleine Tempelglocken.«
»Nein, das sind Frösche!« sagte die kleine Köchin. »Aber nun, denke ich werden wir sie bald hören!«
Da begann die Nachtigall zu singen.
»Das ist sie«, sagte das kleine Mädchen. »Hört, hört! Und da sitzt sie!« Sie zeigte nach einem kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen.
»Ist es möglich?« sagte der Haushofmeister. »So hätte ich sie mir nimmer gedacht; wie einfach sie aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe darüber verloren, daß sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt!«
»Kleine Nachtigall«, rief die kleine Köchin ganz laut, »unser gnädigste Kaiser will, daß Sie vor ihm singen möchten!«
»Mit dem größten Vergnügen«, sagte die Nachtigall und sang dann, daß es eine Lust war.
»Es ist gerade wie Glasglocken!« sagte der Haushofmeister. »Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, daß wir sie früher nie gesehen haben; sie wird großes Aufsehen bei Hofe machen!«
»Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?« fragte die Nachtigall, die glaubte, der Kaiser sei auch da.
»Meine vortreffliche, kleine Nachtigall«, sagte der Haushofmeister, »ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend einzuladen, wo Sie Dero hohe Kaiserliche Gnaden mit Ihrem prächtigen Gesange bezaubern werden!«
»Der nimmt sich am besten im Grünen aus!« sagte die Nachtigall, aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, daß der Kaiser es wünschte.
Auf dem Schlosse war alles aufgeputzt. Wände und Fußboden, die von Porzellan waren, glänzten im Strahle vieler tausend goldener Lampen, und die prächtigsten Blumen, die recht klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt. Da war ein Laufen und ein Zugwind, aber alle Glocken klingelten so, daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte.
Mitten in dem großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein goldener Stab hingestellt, auf dem sollte die Nachtigall sitzen. Der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu stehen, da sie nun den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. Alle waren in ihrem größten Staate, und alle sahen nach dem kleinen, grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte.
Die Nachtigall sang so herrlich, daß dem Kaiser die Tränen in die Augen traten, die Tränen liefen ihm über die Wangen hernieder, und da sang die Nachtigall noch schöner; das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war sehr erfreut und sagte, daß die Nachtigall einen goldenen Pantoffel um den Hals tragen solle. Aber die Nachtigall dankte, sie habe schon Belohnung genug erhalten.
»Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist mir der reichste Schatz! Gott weiß es, ich bin genug belohnt!« Und darauf sang sie wieder mit ihrer süßen, herrlichen Stimme.
»Das ist die liebenswürdigste Stimme, die wir kennen!« sagten die Damen ringsherum, und dann nahmen sie Wasser in den Mund, um zu klucken, wenn jemand mit ihnen spräche; sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu sein. Ja, die Diener und Kammermädchen ließen melden, daß auch sie zufrieden seien, und das will viel sagen, denn sie sind am schwierigsten zu befriedigen. Ja, die Nachtigall machte wahrlich Glück.
Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig haben, samt der Freiheit, zweimal des Tages und einmal des Nachts herauszuspazieren. Sie bekam zwölf Diener mit, die ihr ein Seidenband um das Bein geschlungen hatten, woran sie sie festhielten. Es war durchaus kein Vergnügen bei solchem Ausflug.
Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich zwei, dann seufzten sie und verstanden einander: Ja, elf Hökerkinder wurden nach ihr benannt, aber nicht eins von ihnen hatte einen Ton in der Kehle.
Eines Tages erhielt der Kaiser eine Kiste, auf der geschrieben stand: »Die Nachtigall.«
»Da haben wir nun ein neues Buch über unseren berühmten Vogel!« sagte der Kaiser; aber es war kein Buch, es war ein Kunststück, das in einer Schachtel lag, eine künstliche Nachtigall, die der lebenden gleichen sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man den künstlichen Vogel aufzog, konnte er eins der Stücke, die der wirkliche sang, singen, und dann bewegte sich der Schweif auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals hing ein kleines Band, und darauf stand geschrieben: »Des Kaisers von Japan Nachtigall ist arm gegen die des Kaisers von China.«
»Das ist herrlich!« sagten alle, und der Mann, der den künstlichen Vogel gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher Oberhofnachtigallbringer.
»Nun müssen sie zusammen singen! Was wird das für ein Genuß werden!«
Sie mußten zusammen singen, aber es wollte nicht recht gehen, denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel ging auf Walzen. »Der hat keine Schuld«, sagte der Spielmeister; »der ist besonders taktfest und ganz nach meiner Schule!« Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er machte ebenso viel Glück wie der wirkliche, und dann war er viel niedlicher anzusehen; er glänzte wie Armbänder und Brustnadeln.
Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht müde; die Leute hätten ihn gern wieder von vorn gehört, aber der Kaiser meinte, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas singen solle. Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, daß sie aus dem offenen Fenster fort zu ihren grünen Wäldern geflogen war.
»Aber was ist denn das?« fragte der Kaiser; und alle Hofleute schalten und meinten, daß die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei. »Den besten Vogel haben wir doch!« sagten sie, und so mußte der Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddreißigste Mal, daß sie dasselbe Stück zu hören bekamen, aber sie konnten es noch nicht ganz auswendig, denn es war sehr schwer. Der Spielmeister lobte den Vogel außerordentlich, ja, er versicherte, daß er besser als die wirkliche Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die vielen herrlichen Diamanten betreffe, sondern auch innerlich.
Denn sehen Sie, meine Herrschaften, der Kaiser vor allen! Bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird, aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt; man kann es erklären, man kann ihn aufmachen und das menschliche Denken zeigen, wie die Walzen liegen, wie sie gehen und wie das eine aus dem andern folgt!«
»Das sind ganz unsere Gedanken!« sagten sie alle, und der Spielmeister erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntag den Vogel dem Volke vorzuzeigen. Es sollte ihn auch singen hören, befahl der Kaiser, und es hörte ihn, und es wurde so vergnügt, als ob es sich im Tee berauscht hätte, denn das ist ganz chinesisch; und da sagten alle: »Oh!« und hielten den Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Aber die armen Fischer, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: »Es klingt hübsch, die Melodien gleichen sich auch, aber es fehlt etwas, wir wissen nicht was!«
Die wirkliche Nachtigall ward aus dem Lande und Reiche verwiesen.
Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen dicht bei des Kaisers Bett; alle Geschenke, die er erhalten, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem ‚Hochkaiserlichen Nachttischsänger‘ gestiegen, im Range Numero eins zur linken Seite, denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste, auf der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Und der Spielmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den Kunstvogel; das war so gelehrt und lang, voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern, daß alle Leute sagten, sie haben es gelesen und verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und auf den Leib getrampelt worden.
So ging es ein ganzes Jahr; der Kaiser, der Hof und alle die übrigen Chinesen konnten jeden kleinen Kluck in des Kunstvogels Gesang auswendig, aber gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am allerbesten; sie konnten selbst mitsingen, und das taten sie. Die Straßenbuben sangen »Ziziiz! Kluckkluckkluck!« und der Kaiser sang es. Ja, das war gewiß prächtig!
Aber eines Abends, als der Kunstvogel am besten sang und der Kaiser im Bette lag und darauf hörte, sagte es »Schwupp« inwendig im Vogel; da sprang etwas. »Schnurrrr!« Alle Räder liefen herum, und dann stand die Musik still.
Der Kaiser sprang gleich aus dem Bette und ließ seinen Leibarzt rufen. Aber was konnte der helfen? Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und nach vielem Sprechen und Nachsehen brachte er den Vogel etwas in Ordnung, aber er sagte, daß er sehr geschont werden müsse, denn die Zapfen seien abgenutzt, und es sei unmöglich, neue so einzusetzen, daß die Musik sicher gehe. Das war nun eine große Trauer! Nur einmal des Jahres durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das war fast schon zuviel, aber dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede mit schweren Worten und sagte, daß es ebensogut wie früher sei, und dann war es ebensogut wie früher.
Nun waren fünf Jahre vergangen, und das ganze Land bekam eine wirkliche, große Trauer. Die Chinesen hielten im Grunde allesamt große Stücke auf ihren Kaiser, und jetzt war er krank und konnte nicht länger leben. Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Haushofmeister, wie es seinem alten Kaiser gehe.
»P!« sagte er und schüttelte mit dem Kopfe.
Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen Bett. Der ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jeder lief, den neuen Kaiser zu begrüßen, die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu sprechen, und die Kammermädchen hatten große Kaffeegesellschaft. Ringsumher in allen Sälen und Gängen war Tuch gelegt, damit man niemand gehen höre, und deshalb war es sehr still. Aber der Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem prächtigen Bette mit den langen Samtvorhängen und den schweren Goldquasten, hoch oben stand ein Fenster auf, und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel.
Der arme Kaiser konnte kaum atmen, es war gerade, als ob etwas auf seiner Brust säße. Er schlug die Augen auf, und da sah er, daß es der Tod war. Er hatte sich eine goldene Krone aufgesetzt und hielt in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine prächtige Fahne. Ringsumher aus den Falten der großen Samtbettvorhänge sahen allerlei wunderliche Köpfe hervor, einige ganz häßlich, andere lieblich und mild; das waren des Kaisers gute und böse Taten, die ihn anblickten, jetzt, da der Tod ihm auf dem Herzen saß.
»Entsinnst du dich dessen?« Und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann.
»Das habe ich nie gewußt!« sagte der Kaiser. »Musik, Musik, die große chinesische Trommel«, rief er, »damit ich nicht alles zu hören brauche, was sie sagen!«
Aber sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was gesagt wurde. »Musik, Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner herrlicher Goldvogel, singe doch, singe! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben, ich habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch, singe!«
Aber der Vogel stand still, es war niemand da, um ihn aufzuziehen, sonst sang er nicht, und der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen, leeren Augenhöhlen anzustarren, und es war still, erschrecklich still.
Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang. Es war die kleine, lebendige Nachtigall, die auf einem Zweige draußen saß. Sie hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war deshalb gekommen, ihm Trost und Hoffnung zu singen; und so wie sie sang, wurden die Gespenster bleicher und bleicher, das Blut kam immer rascher und rascher in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte und sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall! Fahre fort!«
»Ja, willst du mir den prächtigen, goldenen Säbel geben? Willst du mir die reiche Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?«
Der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und die Nachtigall fuhr fort zu singen. Sie sang von dem stillen Gottesacker, wo die weißen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Tränen der Überlebenden befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel aus dem Fenster.
»Dank, Dank!« sagte der Kaiser, »du himmlischer, kleiner Vogel, ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reich gejagt, und doch hast du die bösen Geister von meinem Bette weggesungen, den Tod von meinem Herzen weggeschafft! Wie kann ich dir lohnen?«
»Du hast mich belohnt!« sagte die Nachtigall. »Ich habe deinen Augen Tränen entlockt, als ich das erstemal sang, das vergesse ich nie; das sind die Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen. Aber schlafe nun und werde stark, ich werde dir vorsingen!«
Sie sang, und der Kaiser fiel in süßen Schlummer; mild und wohltuend war der Schlaf!
Die Sonne schien durch das Fenster herein, als er gestärkt und gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war noch zurückgekehrt; denn sie glaubten, er sei tot; aber die Nachtigall saß noch und sang.
»Immer mußt du bei mir bleiben!« sagte der Kaiser. »Du sollst nur singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke.«
»Tue das nicht«, sagte die Nachtigall, »der hat ja das Gute getan, solange er konnte, behalte ihn wie bisher. Ich kann nicht nisten und wohnen im Schlosse, aber laß mich kommen, wenn ich selbst Lust habe, da will ich des Abends dort beim Fenster sitzen und dir vorsingen, damit du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich. Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die da leiden; ich werde vom Bösen und Guten singen, was rings um dich her dir verborgen bleibt. Der kleine Singvogel fliegt weit herum zu dem armen Fischer, zu des Landmanns Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt ist. Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone einen Duft von etwas Heiligem um sich. Ich komme und singe dir vor! Aber eins mußt du mir versprechen!«
»Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, die er angelegt hatte, und drückte den Säbel, der schwer von Gold war, an sein Herz. »Um eins bitte ich dich; erzähle niemand, daß du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!«
So flog die Nachtigall fort.
Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen; ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: »Guten Morgen!«

Sonntagsmärchen

Schlesische Sagen

Fräulein Kunigunde von Kynast.

Fräulein Kunigunde war ein wildes Mädchen, von Jugend auf liebte sie mehr zu jagen, hetzen und reiten, als im einsamen Kämmerlein bei weiblicher Arbeit zu sitzen. Daher hatte sie auch nicht besondere Lust zum Ehestande und trieb nur mit den Rittern ihren Spaß, die sich, ihrer Schönheit und ihres Reichthums wegen, um ihre Gunst bewarben. Um die Ritter von ihren Liebesbewerbungen abzuschrecken, setzte sie fest, daß niemand anders, als derjenige ihre Hand erhalte, der auf der äußeren Mauer um den Kynast reiten würde. Dies war ein halsbrechendes Unternehmen. Die Mauer war an sich nicht sehr breit, wenn auch breiter und in einem besseren Zustande, als jetzt die Ruinen. Sie läuft nicht nur am Abhange[26] des Berges hin, sondern sie ist über einen Theil des schroffen Abgrundes, die Hölle genannt, am Rande hingebaut. Ein einziger Fehltritt des Pferdes konnte Pferd und Reiter in den Abgrund stürzen und beiden das Leben kosten. Oder wäre auch der Ritter glücklich genug gewesen, sich selbst zu retten, so war nicht nur das Pferd, sondern auch die Braut verloren; denn er war nicht herum geritten.

Diese harte Liebesprobe hielt zwar manchen Ritter ab, sich um die Hand des Fräuleins zu bewerben, in dessen vertrieb sie doch nicht sogleich alle Freier, aber keiner ward in die Burg gelassen, der nicht jene gefährliche Bedingung zu erfüllen versicherte. Alle Vorstellungen und Versuche, ihren Sinn zu ändern, waren vergebens, sie hatte die Bedingungen beschworen und blieb dabei.
Mancher begab sich zurück, aber andere, die im Taumel eines übertriebenen Ehrgefühls ihr Leben zu wagen und die Burg zu umreiten für rühmlicher hielten, versuchten den Ritt und fanden ihr Grab in den Abgründen, beweint von allen, nur nicht von dem grausamen, hartherzigen Fräulein. Wie viele brave Ritter auf diese Weise ihr Leben endeten, erzählt die Sage nicht, aber die Burg Kynast blieb so eine Zeit lang ziemlich öde und unbesucht von Fremden, besonders von Freiern.
Endlich erschien ein stattlicher Ritter am Fuße des Kynast. Die Landleute umher warnten ihn freundlich vor dem gefährlichen Unternehmen, auf die Burg zu reiten, allein er schien ganz furchtlos und ritt muthig den Berg hinan, ließ sich bei Kunigunden melden, mit dem Zusatze, daß er unfehlbar auf der äußeren Mauer um die Burg reiten werde, wenn er nur ihrer Hand dann gewiß sei. Er ward eingelassen und empfangen, aber zum erstenmale fühlte Kunigunde mehr, als je bei den übrigen Rittern; er machte durch seine schöne Gestalt, durch sein edles muthvolles Betragen, durch seine mannlichen Worte so vielen Eindruck auf sie, daß sie ihm selbst im Innern ihres Herzens Glück zu seinem Unternehmen wünschte. Gern hätte sie ihm die harte Bedingung, zu ihrem Besitz zu gelangen, erlassen, aber sie hatte geschworen und konnte ihren Schwur nicht zurücknehmen, doch sah sie nicht, wie gewöhnlich, von der Zinne des Thurms diesmal zu.

Der muthige Ritter bestieg sein Roß, lenkte es auf die äußere Mauer zu und ritt auf derselben zwar langsam, aber glücklich rund um die Burg. Freudig erschrak Kunigunde, als sie den Ritter wieder zum Burgthor einreiten sah. Sie ging ihm bis in den Burghof entgegen, wo der Ritter, statt mit liebenden Worten vor ihr zu stehen, sie mit mürrischer Miene verächtlich anblickte, ihr eine Strafpredigt hielt, daß sie so viele brave Ritter  bereits gemißhandelt, manche gar mittelbar durch ihr grausames Verlangen gemordet hätte, deren Leben ihr schwer auf der Seele liegen müßte. Er sei nicht gekommen, um sie zu heirathen, sondern nur um ihren unbändigen Stolz zu demüthigen; sie verdiene nur Verachtung, aber keinen Ritter zum Gemahl. Hierbei gab er ihr eine Ohrfeige, als Strafe für ihren Muthwillen, schwang sich aufs Pferd und ritt davon.
Was aus dem Fräulein geworden, erzählt die Sage nicht, aber noch jetzt bringen die Kinder des Kommandanten auf dem Kynast jedem Fremden, der zum erstenmale diese herrliche Burg besucht, ein mißgeschaffenes Bild von Holz, mit einer Igelhaut, statt der Haare, überzogen und verlangen entweder eine kleine Verehrung, oder man solle dies Ungethüm, das sie Kunigunde nennen, küssen. – Der glückliche Ritter soll der Landgraf Adalbert von Thüringen gewesen sein, der schon verheirathet war und Kunigunden bloß zeigen wollte, daß ihre Forderung wohl zu erfüllen wäre, daß sie aber wegen derselben Verachtung verdiene. Er soll sich deswegen ein eigenes Pferd, zum Gehen auf schmalen Steinen, haben abrichten lassen, um so das Abentheuer bestehen zu können.

Sonntagsmärchen

Die Sonnenbrücke

Vor vielen, vielen Jahren lebte auf der Insel Rügen in einem kleinen Fischerdorf ein junges Ehepaar. Der Mann, Namens Nordfan war Fischer. Er fuhr täglich hinaus auf
die See, um Fische zu fangen, während die junge Frau daheim die Wirtschaft versorgte und Netze strickte. Die Eheleute hatten sich sehr lieb und kannten keine
Sorgen, denn der Mann verdiente reichlich soviel, als sie bei ihren bescheidenen Ansprüchen gebrauchten. Dennoch fehlte ihnen eins zu ihrem vollständigen Glück.
Der Himmel hatte ihnen Kinder versagt, und sie hätten doch gar zu gern ein liebes Geschöpfchen gehabt. Eines Tages – es war im Frühjahr, das Eis war längst von den warmen Strahlen der Sonne gewichen, die Wiesenfläche vor dem Dörfchen wurde wieder von der See bespült und leuchtete im saftigsten Grün, die blauen Gottesaugen
und die Himmelschlüsselchen blühten lieblich in dem kleinen Vorgarten der jungen Fischersleute, kehrten die Störche und Schwalben aus den warmen Ländern
zurück, um ihre alten, trauten Nester aufzusuchen. Ein alter Storch, der auf seiner Reise flügellahm geworden war, trug ein reizendes Mägdlein im Schnabel, das sicher für eine Königin oder Prinzessin bestimmt war, so fein und lieblich sah es aus. Aber seine Kräfte reichten nicht aus, es bis ins Schloß zu tragen; mit großer Mühe hielt
er sich so lange, um nicht ins Meer zu stürzen, dann aber ließ er sich erschöpft niederund legte das Mägdlein unter die schattige Linde vor Nordfans Thür. Der Fischer war schon vor Tagesgrauen hinausgefahren auf das Meer, aber seine Frau erschien bald vor der Thür, um die Wege des Gärtchens zu harken. Sie hörte ein leises Weinen und erblickte das reizende Kindlein. Mit einem Freudenschrei nahm sie es in die Arme und preßte es an ihre Brust. Dann trug sie es ins Haus auf ihr Bett, holte das Kinderzeug, welches sie selbst einst getragen, und zog es dem Kinde an, tränkte und sättigte er mit frischer Milch, und als die Kleine dann eingeschlafen war, weidete sie sich eine Weile an dem Anblick des schlummernden Kindes, bewunderte seine schönen, feinen Züge, das rabenschwarze, seidenweiche Haar und die langen, dunklen Wimpern, welche wie Fransen über die zarten Wangen fielen. Dann eilte sie auf den Dachboden und holte die alte Familienwiege herab, in welcher schon Mutter und Großmutter den süßen Schlaf der Unschuld geschlafen, säuberte sie von Staub und Spinngeweben, bezog die dazu gehörigen Bettchen mit schneeweißen Linnen und bette das Mägdlein hinein, das nun wirklich wie eine Prinzessin dalag. Als die geschäftige Frau mit allem fertig war, eilte sie vor die Hausthür an die Wiege, um sich über ihres Herzens Liebling zu erfreuen. So trieb sie es stundenlang, aber der Mann wollte noch immer nicht heimkehren. Er hatte versprochen, dem Förster drüben auf der gegenüberliegenden kleinen Insel Lebensmittel zu bringen, und hielt sich dort länger auf, als er anfänglich beabsichtigte. Die Förstersleute hatten mit ihm gleiches Leid. Auch sie hatten keine Kinder und murrten oft deshalb, ja sie lebten lange nicht so glücklich und einig wie die jungen Fischersleute. Als Nordfan heute auf die auf die Insel kam, fand er den Förster in heller Aufregung. Der Förster war in aller Frühe in den Wald gegangen, um wilde Kaninchen zu schießen. Da war sein Hund plötzlich vor einem Gebüsch stehen geblieben und hatte sich winselnd und hülfeflehend umgesehen. Der Förster war hinzugeeilt und fand ein reizendes Knäblein friedlich schlummernd im Moose. Sanft hob er es auf und trug es glückstrahlend nach Hause zu seiner Frau. Mit dem ersehnten Kinde war Glück und Friede ins Försterhaus gezogen. Sie gelobten sich, es fromm und Gott wohlgefällig zu erziehen und ihm durch gegenseitige Liebe und Einigkeit ein gutes Beispiel zu geben, und damit sie stets an ihr Versprechen erinnert werden, nannten sie den kleinen „Friedow.“ Der Knabe mochte wohl etwas über ein Jahr alt sein; er war reich und vornehm gekleidet und trug an seinem Halse ein goldenes Kettchen mit einer Kapsel, darin war das Bild einer schönen jungen Frau. Jedenfalls war es Friedows Mutter, denn er glich ihr auffallend. Er hatte dasselbe Blonde Lockenhaar und ebenso große vergissmeinnichtblaue Augen. Entzückt betrachtete Norfan den reizenden Knaben und horchte verwundert auf den Bericht des Försters. Er fühlte einen leisen Schmerz beim Glück der Förstersleute, als er seiner eigenen kinderlosen Häuslichkeit gedachte, und bitter traurig, wie es sonst nicht seine Art war, begab er sich auf den Heimweg. Seine Frau kam ihm mit strahlendem Lächeln entgegen und schien sein bekümmertes Gesicht gar nicht zu sehen.

Er erzählte ihr in größter Hast von dem Glück drüben auf der kleinen Insel und von dem kleinen Friedow; sie aber hörte ihn kaum. „Sieh nur, sieh, was Gott uns beschert hat!“ – rief sie und zog ihn mit sich zu der Wiege des Kindes. Da war der Fischer wortlos vor Glück und Freude. Er sank an dem Bettchen in die Kniee und küßte die weiße Stirn und die zierlichen Hände der Kleinen. Leise rauschte das Meer, sanft bewegten sich und flüsterten die Blätter der alten Linde, unter deren Dach das Kind zuerst geruht hatte, und die Eltern nannten es „Meerlinde.“ Die beiden Findelkinder erblühten lieblich zu der Eltern Freude, welche seit dieser Zeit ein inniges Freundschaftsband verknüpfte.So oft das Wetter es zuließ, besuchten sie sich, und die Kinder gewannen sich so lieb, daß sie kaum noch ohne einander lebten mochten. Sehr früh schon lernte Friedow den kleinen Nachen führen und durfte Meerlinde spazieren fahren; doch nur bei günstigem Wetter und dem Ufer nahe, wo ihnen kein Unfall zustoßen konnte. Es war Sommer; die Linde vor Nordfans Thür stand in voller Blüte und sandte ihre süßen Düfte durch die offenen Fenster ins Fischerhäuschen. Meerlinde aber war an den Strand gelaufen und schaute sehnsüchtig hinaus über das Meer. Seit acht Tagen hatte es unaufhörlich gestürmt und geregnet, und sie ihren lieben Friedow nicht gesehen. Jetzt war es seit einer Stunde besser, das Gewitter und die mit ihm rabenschwarzen Wolken waren vorüber, und die untergehende Sonne überzog das Meer mit einem goldigen Schimmer. Würde Friedow wohl heute noch kommen? Wohl schwerlich. So spät hatten die Eltern in der Wirtschaft zu thun, und allein ließen sie ihn nicht so weit rudern. Und drüben auf der Insel, hoch auf dem Berge, stand Friedow und schaute sehnsüchtig über das Meer zu dem Fischerdörfchen. Seine blonden Locken flatterten im Winde, seine Wangen glühten und seine blauen Augen leuchteten wie Himmelssterne. „O, dürfte ich zu Dir hinüber, Meerlinde“, rief er, als müßte sie ihn hören, „aber der Vater hat’s verboten, ich darf allein nicht so weit fort.“ Da brach die scheidende Sonne noch einmal durch das dunkle, dichte Gewölk im Abend, und ihre glänzenden Strahlen legten sich gleich zu einer festen, goldenen Brücke von dem Fischerhäuschen nach der kleinen Insel. Entzückt schaute Friedow auf das herrliche Schauspiel und rief in kindlicher Einfalt: „Die lieben Engelein droben hörten meinen Wunsch und bauten mir eine goldene Brücke, Meerlinde, ich komme! Denn zu dir gehen haben mir die Eltern nicht verboten.“ Hastig lief er den Berg hinab an den Strand. Da entdeckte er zu seinem Kummer, daß ein ganzes Stück der Brücke bis zum Ufer fehlte. „Ach“, tröstete sich Friedow, „ein Stückchen zu fahren ist mir doch erlaubt.“ Er band seinen kleinen Nachen los und ruderte nach der Sonnenbrücke, aber wenn er sie erreicht zu haben glaubte, dann wich sie wieder ein Stück von ihm zurück. Auf diese Weise war er weiter hinausgekommen, als es ihm erlaubt war. Da erschien ihm die Brücke wieder ganz nahe, vor ihm tauchte eine schöne Frauengestalt in goldschimmernden Gewande empor. Sie winkte ihm lächelnd zu und reif mit süßer Stimme: „Springe getrost in meinen Arm, ich trage Dich auf die goldene Brücke.“ „Ich komme“, rief Friedow und sprang zu ihr hinüber. Fest umschlang sie ihn mit ihren kalten, nassen Armen und tauchte mit ihm hinab auf den Meeresgrund, in ihr kristallenes Schloß. In demselben Augenblick erschienen die Förstersleute droben auf dem Berge, sie suchten Friedow und sahen, wie die Wogen über ihm zusammenschlugen. Sie versuchten ihn zu retten, aber sie fanden keine Spur von ihm und kehrten, Verzweiflung im Herzen in ihr vereinsamtes Haus zurück. Und die Wellen rollten dem Ufer zu und erzählten einander von dem schönen, versunkenen Friedow und der falschen Nixe, die ihn auf die trügerische Brücke in den Grund gelockt. Und am Uferrand stand ein dunkeläugiges Mädchen und schaute sehnsuchtsvoll nach dem teuren Gespielen. Sie schaute sich die Augen müde, bis die Wellen zu ihr kamen und ihr die traurige Kunde brachten, daß er auf dem Wege zu ihr versunken sei. „O, Friedow“, rief sie in herzzerbrechendem Ton, „ich komme, ich werde dich finden und dich retten!“ Sie band einen Kahn los und ruderte, so lange ihre Kräfte ausreichten, dann ließ sie die Ruder sinken und beugte sich über den Rand des Kahns, Friedow zu suchen. Da tauchte vor ihr eine liebliche Frauengestalt in goldglänzendem Gewande aus den Wogen. Die hielt den schlafenden Friedow im Arm, und rief mit süßer, verlockender Stimme: „Lieb Mägdlein, komm, sieh, Friedow ist schon hier!“ „Ich komme!“ rief Meerlinde und sprang hinab. Und mit zwei Opfern tauchte die falsche Nixe hinab und brachte triumphierend ihre Beute dem Nixenkönig. Die armen, verlassenen Eltern waren nun einsamer denn zuvor. Sie blieben aber in inniger Freundschaft verbunden und trugen gemeinsam ihr herbes Leid. Wenn zuweilen abends die Strahlen der untergehenden Sonne sich gleich einer goldenen Brücke von dem Fischerdörfchen bis zur kleinen Insel über die See legten, und Fremde, welche dieselbe besuchten, andächtig die Hände falteten bei dem erhabenen Schauspiel, dann wandten die Förster = und Fischersleute sich schaudernd von der trügerischen Brücke und gedachten voll bitteren Schmerzes ihrer versunkenen Lieblinge, „Friedow und Meerlinde.“

Jahre schwanden dahin, – nur selten wurde von den verschwundenen Kindern gesprochen, aber in den Herzen der Eltern lebte ihr Andenken ungeschwächt fort. Da eines Tages, zeigte sich plötzlich auf dem Meere ein prächtiges Schiff mit buntem Wimpeln. Es steuerte direkt nach der kleinen Insel zu und warf dort Anker. Ein kleines zierliches Boot wurde herabgelassen; vier Herren in blitzenden Uniformen sprangen hinab und halfen einer schönen blonden Frau hinein. Alsdann ließen sich alle von zwei Bootsleuten nach der kleinen Insel rudern. Die Fischersleute waren gerade bei dem Förster zu Gaste, als sich plötzlich die Thür öffnete und eine fremde Dame mit ihrem Gefolge auf der Schwelle erschien. Ehrerbietig erhoben sie sich, um die Gäste zu begrüßen. „Vor achtzehn Jahre“, sagte die Dame, nachdem sie die freundliche Begrüßung erwidert, „trennte ich mich mit blutendem Herzen von meinem Sohn, um ihn vor sicherem Verderben zu retten. Ich legte ihn auf ,dieser Insel nieder, hoffend, ihr würdet Mitleid mit ihm haben, ihn an Kindesstatt annehmen und zu einem braven Menschen erziehen. Heute sind alle Gefahren für ihn beseitigt, seine Feinde tot, und ich komme, ihn von Euch zurückzufordern, damit er endlich die ihm zukommende Würden eines Königs empfange.“ Die Förtsers = und Fischersleute sahen sich sprachlos an. Thräne um Thräne rann über ihre erbleichten Wangen, und nur mit Mühe vermochten sie der armen Mutter von dem Verschwinden des Sohnes und von ihrer eigenen Verzweiflung zu erzählen. Die Königin war untröstlich, aufgelöst vor Schmerz. Wie lange hatte sie die Stunde ersehnt, den geliebten Sohn an ihr Herz zu drücken und ihn öffentlich anerkennen zu dürfen, und nun sollte sie ihn als tot beweinen. In stummer, namenloser Trauer verließ sie das Zimmer und eilte auf den Gipfel des Berges. Sie spähte hinaus auf das Meer, nach der Stelle wo Friedow einst versunken. So stand sie lange, lange mit gerungenen Händen und todestraurigen Augen. Da brach plötzlich wie durch ein Zauberwort die scheidende Sonne noch einmal durch das dunkle Gewölk, und ihre Strahlen legten sich wie damals gleich einer goldenen Brücke über das Wasser. „Da ist sie ja wieder, die schöne, aber trügerische Brücke“, riefen die Förstersleute, welche der Königin mit den übrigen auf der Insel Anwesenden gefolgt waren. Aller Augen waren entzückt von dem herrlichen Anblick und vermochten sich nicht davon abzuwenden.

Und siehe da. Plötzlich stieg inmitten der See auf der goldenen Brücke zwei Gestalten empor und schienen dem Ufer zuzuschweben. Ein hoher, schöner Jüngling mit blondem Lockenhaar und leuchtenden, blauen Augen und eine wunderschöne Jungfrau mit dunklen Samtaugen und rabenschwarzem Haar. Die atemlosen Zuschauer auf dem Berge sahen nicht, daß sie beide in einer prachtvollen Perlmuttermuschel standen, welche von unsichtbaren Händen gelenkt wurde. Endlich landeten sie, kamen in fliegender Hast den Berg hinan und stürzten zu den Füßen der Königin. Es waren Friedow und Meerlinde, welche nun den staunenden Zuhörern ihre wunderbaren Erlebnisse erzählten. Der Nixenkönig, gerührt von ihrer innigen kindlichen Liebe für einander, hatte sie bald zu seinen Lieblingen auserkoren und es ihnen an nichts fehlen lassen. Sie wären in der sie umgebenden Pracht ganz glücklich gewesen, wenn sie nicht die verzehrendste Sehnsucht nach den lieben Eltern empfunden hätten. Eines Tages, als sie wieder vom schrecklichsten Heimweh geplagt wurden, teilte ihnen der Nixenkönig mit, daß Friedow gar nicht der Sohn des Försters sei. Einst werde seine rechte Mutter, die eine Königin sei, kommen, um ihn aufzufordern, bis dahin solle er bei ihnen bleiben, denn er vermöge sich nicht eine Stunde eher von ihm zu trennen. Heute nun war er wieder bei ihnen erschienen und hatte gesagt: „Friedow, die Stunde des Abschieds ist gekommen. Soeben ist Deine Mutter bei der Insel gelandet, und Du darfst zu ihr zurückkehren.“ „Und Meerlinde?“ hatte Friedow ängstlich gefragt. „Sie wird bei mir bleiben, denn ich liebe sie“, erwiderte der Nixenkönig. „Dann gehe ich auch nicht“, erklärte Friedow und zog das weinende Mädchen an seine Brust. Das rührte den Nixenkönig dermaßen, daß er auch Meerlinde freigab und sie beide sicher ans Land setzen ließ. – Das junge Mädchen stand mit bang klopfendem Herzen als Friedow alles erzählte und dann hinzufügte: „Ich denke, was der Nixenkönig nicht vermochte, das wird auch meine liebe, gute Mutter nicht übers Herz bringen. Sie wird uns nicht trennen, sondern unsern Bund segnen, denn wir lieben uns und werde niemals einander verlassen.“ Dabei ergriff er Meerlindes Hand und führte sie zu der Königin. Diese schloß sie beide zärtlich in ihre Arme und freute sich, daß sie statt des einen lieben Kindes – zwei wiederfand. Nun gab es eine allgemeine, große Freude, und als das Schiff der Königin andern Tages die Anker lichtete da hatte es lauter glückliche Menschen an Bord, denn auch die Försters und Fischersleute fuhren mit, um der glänzenden Hochzeit ihrer lieben Kinder beizuwohnen, welche gleich nach ihrer Ankunft auf dem Königsschloß gefeiert wurde.

Märchen aus Preußen