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Zum Tag . ..

Friedrich Nietzsche – Der tolle Mensch

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“
Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter.
Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere.
Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.

„Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getötet – ihr und ich!
Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht?
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?

Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend?
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?
Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben?
Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen!
Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!
Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?

Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?
Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?
Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?
Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?
Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?

Es gab nie eine größere Tat – und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“
Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. „Ich komme zu früh“, sagte er dann, „ich bin noch nicht an der Zeit.

Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!“ – Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“

(Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, München 1959, S. 166 f)

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Einatmen – Ausatmen

Unten am Hafen bin ich gern.

Wenn die großen Schiffe kommen, sitze ich still und beobachte deren entladen.

Ein Geruch, der Sehnsucht bringt weht vom Meer zu mir, trotzdem fühle ich mich erfrischt, leicht.

Anhand der aufsteigenden Düfte versuche ich, den Inhalt der Frachkisten zu erahnen.
Die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelehnt, ah, der ganze Körper gibt sich dem Duftgefühl hin.

Früchte bringen die Schiffe, von weither.
Hell, von sprudelnder Leichtigkeit dringt die Zitrone in meine Nase, steigt mir zu Kopf. Ihre klare Reinheit mischt sich mit der Jugendfrische verbreitenden, fruchtigen Heiterkeit der Grapefruit.
Kisten voller reifer Mandarinen sind dabei, ihr milder, süßer Geruch beflügelt meine Fantasie.

Blumen müssen an Bord der Schiffe sein. Darunter die Blume der Blumen, die exotische Ylang-Ylang. Betörend sinnlich weht mir ihr Duft in’s Gesicht. Immer noch mit geschlossenen Augen verharrend, wird meine Körperhaltung weicher, femininer.
Da ist noch mehr, etwas das mich fesselnd an sich bindet. Eine impulsive Begegnung mit floralen Düften erlebe ich, wie nur der Wasserjasmin sie bringt.
Ich schwelge in dieser Woge lieblicher, weicher Fraulichkeit, die auf mich überschwappt und mich trägt.

Dennoch, mein Kopf bleibt klar… in all dem Dufttaumel.

Beruhigend kommt ein sanft balsamischer, holziger Duft vom Meer her geweht. Wüsste ich nicht, dass es viel zu wenig Zedern mehr gibt, würde ich wetten, das Schiff bringt diese edlen Bäume. Auf einmal habe ich meine Bodenhaftung wieder und spüre die im Sog des Wassers verloren gegangene bittere Süße der Erde. Fein, holzig dringt der Atem ihrer Wälder zu mir.

Oha!, das Schiff bringt auch noch Moschus. Alle Verlockungen des Orients fallen mir in den Sinn.

Noch immer lasse ich die Augen geschlossen, auch den letzten warmen Hauch braunen Zuckers, der den Kisten entströmt will ich geniessen, lasse ich tief durch jede Faser meines Körpers rinnen.

Entspannt richte ich mich auf, den Blick nach vorn.

Drei Minuten am Morgen müssen zum träumen einfach vorhanden sein, um durch den Tag zu kommen.

Du willst das auch ?

Ganz einfach:
Benutze das Wasser des Genusses, der Freude.

Aqua di Gioia – eau fraiche –
Giorgio Armani

Zwischen den Jahren…

…eine wichtige Zeit wie ich persönlich finde. Notwendig, um das Vergangene zu überdenken, zu vergeben. Auch sich selbst.

Passend zu diesem Schreckensjahr bin ich über diese Zeit krank. Gut, dann hab ich das auch noch weg, kann nur besser werden.

Wichtig ist mir, die dunkle Zeit des Dezembers meine Familie nah zu haben. Gemeinsam gehen wir an Orte, die Licht ausstrahlen.

Obwohl ich vieles an der Institution Kirche verabscheue, mag ich die wärmende Einigkeit, die Religion ausstrahlen kann. Warum brauchen Menschen dafür einen Gott? Und warum einen, der allein wahr ist?

Der Schleier des drohenden Verlustes eines geliebten Menschen wird mit in das neue Jahr kommen. Das jedoch ist nur eine persönliche Angst, eine, die jeden trifft und mit der jeder Einzelne leben muss.

Was der Verlust des gewohnten Lebensraumes so vieler Menschen bringen wird, werden auch wir verwöhnten Europäer zu spüren bekommen. Wie immer, zuerst nur der Teil der Bevölkerung, der zu den ärmeren und ärmsten zählt.

Gehen wir gemeinsam alte Wege neu. Es wäre ein Anfang.

Langsames

https://wp.me/p1bewG-7mI

Emil hat einen Text frei gegeben. Da er mich berührt, spinne ich weiter.

Emils Text:

Schnell noch, bis ich langsam werde

Schnell noch einen Text verfassen!
Schnell nocheinmal “hoch die Tassen”.
Schnell noch diesen Arzt besuchen.
Schnell in einem Stau noch fluchen.
Schnell noch Brot und Brötchen kaufen.
Schnell noch eine Runde laufen.
Schnell noch dies und schnell noch das:
Aber wozu geb‘ ich Gas?

Schnell noch, schnell noch und noch schneller!
Schnell noch einen Salatteller!
Schnell noch dieses Geld kassieren.
Schnell nochmal den Hund ausführen.
Schnell noch einen Brief verfassen.
Schnell noch etwas Neues hassen.
Alles schnell noch und noch schneller.
Schnell: Das ist der Mega-Seller!

Mein Text:

Der Sommer hat mich betrogen. Zu viel an Licht. Weder ich noch meine Pflanzen können damit umgehen.

Schleichend, austrocknend entzieht die allgegenwärtige Sonne Flüssigkeit. Alles erschlafft.

Mit seinem frischen Grün, hat der Frühling mich belogen. Fröste schickte er, alles vernichtend.

Wie lob ich mir Herbstnebel, die sich senkend, das Auge täuschen und den Zeiten folgen.

Langsam ordnet sich. Alles.

Ende und Anfang


Ich bin sehr müde. Ich folge mehr Bloggern, als ich lesen kann. Ich fühle mich mit meinem Blog nicht mehr wohl.

Ich lese viel zwischen den Zeilen. Ich bin offen, ich bin sensibel, ich bin verletzbar.

Ich will mir meinen eigenen Raum bewahren. Immer lebe ich den Versuch, im Bewusstsein mit mir zu leben.

Ich trenne mich von Blogs. Für mich stehen dahinter immer Menschen.

Soviel Ich …Endlich.

Erinnerungen – Urlaub damals und heute – Frischer Wind


(Transit – Winter an der See, Musiktipp Herr Bludgeon, Danke)

Frischen Wind bringt ein Urlaub an der Ostsee im touristenarmen Monat November immer. 

Er hilft enorm, Gedanken im Alltagskopf zu ordnen. Hier am Meer sind um diese Jahreszeit fast nur Gleichgesinnte zu finden. Sie suchen wie wir stille Schönheit und innere Einkehr. Auf Rügen findet ich das. Und ein Licht, das es nur hier gibt.

Nach der Wende, als auf einmal die Möglichkeit bestand, westliche Reisestandarts zu nutzen, sind wir wie viele Andere auch, sonnenhungrig in den Süden geflogen. Mit zwei kleinen Kindern im Reisegepäck war der Urlaub in abgeschotteten Ferienidyllen für die Kinder natürlich ein Sommersonnenerlebnis. Mir selber hat das nicht so recht gefallen. All inclusive Ferien zu Gunsten des finanzkräftig-goldenen Westlers sind nicht meins. Fliegerei in geschaffene Urlaubsparadiese, die weit weg vom realen Leben der einheimischen Bevölkerung liegen, ebenso nicht. Alleinerkundung eines fremden Landes mit zwei kleinen Kindern war auch nicht das Richtige, ich war noch nie der Camper- und/oder Abenteurertyp, so haben wir viele Jahre den Sommerurlaub mit unseren Kindern im Häuschen eines Freundes verbracht, das im Wald in einer kleinen Siedlung lag. Das brandenburgische Flachland hat uns Pilzernten wie aus einem russischen Märchen geschenkt und baden in einem der zahlreichen Seen hat den Kindern mehr Spass gebracht, als jede Kinderamination am Hotelpool es hätte tun können. Den Luxus einer Herbstreise in ein dann bezahlbares Osteehotel leisten wir uns in den letzten Jahren zu gern. 

Wir sind wieder zu zweit stehend und genießen das. Immer wenn ich meinen Koffer packe, denke ich an unsere einzige Urlaubsreise mit Kind über den FdGB in der DDR. Wir hatten damals noch kein Auto und traten die Reise nach Thüringen mit Bus und Bahn an, im Schlepptau ein Kleinkind. Zusätzlich zur dafür benötigten Wäsche waren wir noch mit Bettwäsche und Handtüchern beladen, die damals selbst mitzubringen waren. An die Schlacht um’s Buffett denke ich, angesichts des famosen Essens in unserem Ostseehotel, lächelnd. 

War es schon mehr als dürftig bestückt, wurde auch nicht aufgefüllt…das daraus folgende Gedrängel war schlimm. Um dem zu entgehen, sind wir immer zum Schluss essen gegangen, lieber ein einfaches Marmeladenbrötchen als schupsende Massen. Entspannen wir heute während des Novemberostseeurlaubs im Hallenbad und in vielerlei Saunen, gab es im FdGB Urlaub ein Zimmer, das eine Familie im Eigenheim zur Vermietung bereit gestellte hatte. Ein kleines Waschbecken mit dünnen Wasserstrahl war die einzige Möglichkeit für uns damals noch drei Personen, sich zu reinigen.Kein Vergleich zu dem heute gebotenem Luxus von Saunen und Schwimmbad in den gepflegten Hotels an der Küste.

Den FdGB-Urlaub haben wir uns ein einziges Mal angetan, unabhängig von unserer privaten Meinung, wäre ich als Schwester im Krankenhaus in dem ich arbeitete, sowieso erst in knapp zehn Jahren wieder mir der Vergabe eines FdGB-Ferienplatzes an der Reihe gewesen. Die Arbeiter in volkseigenen Betrieben hatten es da besser, viele dieser Betriebe hatten eigenen Ferienobjekte, in denen die Mitarbeiter ihren Urlaub kostengünstig verbringen konnten. Mein Stiefvater hat mir und meiner Mutter so oft ermöglicht, unseren Sommerurlaub an der Ostsee oder an einem See zu verbringen. Meine Schwester mochte damals nicht mehr mit den Eltern gemeinsam verreisen. Sie ist sechs Jahre älter als ich und plante lieber für sich allein. Den Luxus restaurierten alten Glanzes wie die Henry van de Velde Architektur in unserem diesjährigen Urlaubsschloss gab es nicht.

Dafür hatten wir eine Tischtennisplatte und einen Grill. Schloßherrliche Treppen gab es nur in Museen zu bewundern,

heute kann ich sie steigen, um zu meinem Zimmer zu gelangen oder den freien Blick auf den Jasmunder Boden zu genießen, der von der Seebühne der Störtebeckerfestspiele leicht verschandelt wird.

Ohne diese gewinnträchtige Kulisse, ist es der Blick in ein gern gelesenes Buch, die „Problematischen Naturen“ von Friedrich Spielhagen.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/problematische-naturen-1556/1

Wer anders als mein „persönlicher“ Musikberater und bester Kritiker – Herr Bludgeon –

https://tokaihtotales.wordpress.com/2016/08/04/im-jenseits-2/comment-page-1/

hätte mir dieses Buch empfehlen können.

Die DDR war eine große Tauschgemeinschaft. Jeder versuchte, sich das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, indem er Beziehungen gegen Rares und umgekehrt eintauschte. Mein Mann konnte einem befreundeten Lkw-Fahrer helfen, als dessen Rücken die Strapazen, welche dieser Beruf in den hoppeligen Lkw’s der damaligen Zeit mit sich brachte, nicht mehr stand hielt. Er vermittelte ihm an dem Gericht, an dem er arbeitete, eine Stelle als Wachtmeister. Zum Dank dafür durften wir sein Grundstück in seiner alten Heimat Brandenburg, gegen kleines Geld, für unseren Urlaub nutzen. Auch nach der Wende und nach unserem Abstecher in den Süden, haben wir dort gemeinsam mit unseren Kindern erholsame Ferien verbracht. Das Häuschen bot alles was wir brauchten, inclusive Terrasse und Hängematte. Dennoch hatte ich, nachdem ich viele Jahre nicht an der Ostsee war, eine solche Sehnsucht nach ihr, dass sie mich in meine Träume verfolgte.

Wind, Wasser, Wald, die einzigartige Küste der Kreidefelsen Rügens

und ein märchenhaftes Schloss…was für ein Urlaubsvergnügen ist mir heute möglich

und meinem lieben Gärtnergatten, der seinen Geburtstag im November, früher ungeliebt, nicht mehr missen möchte. Und einen Bernstein habe ich auch „gefunden“.

Es ist nicht mehr da…

Immer wenn ich dort vorbeiging, dachte ich an die Spaziergänge mit meinem Großvater. Im Sommer noch hat die alte Heckenrose vor dem Haus geblüht, als wüsste sie das es ihr letzter Sommer ist.
…nur noch in meinen Erinnerungen gibt es das alte Haus…

https://teil2einfachesleben.wordpress.com/2015/08/18/erinnerungen-lebendiges-verfallenes/?iframe=true&theme_preview=true

Danke

Meine Liebste, 

seit es dich gibt, lebe ich bewusster. Du hast mich dazu gebracht, endlich mit dem Schreiben anzufangen. Für dich koche ich am Liebsten, mit keinem Menschen auf der Welt backe ich so gern wie mit dir. Du bringst mich zum Nachdenken, ich will deine Zukunft beschützen. Wir haben zu deiner Geburt einen Kirschbaum gepflanzt, du sollst – so wie ich es bei meinen Großeltern tun konnte – in ihn klettern und dich satt essen an der Süße des Lebens. Niemals in deinem Leben sollst du dich allein fühlen, du sollst umgeben sein von Kindern und Erwachsenen die ihr Leben gern leben. Du sollst nicht bedroht sein von Krieg und Terror. Alles was in meinen Kräften steht, werde ich dafür tun. Für dich und für alle Kinder. Mut zum Handeln will ich dir lehren und Achtung vor dem Nächsten. Die kleinen Dinge will ich dir zeigen, welche das Leben so groß werden lassen. Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt.

Erinnerungen – …

Es ist der 13.Dezember Anfang der 90er Jahre. Ich bin eine junge, attraktive Frau, ich bin verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Schwester in einer Arztpraxis. Mein Mann fährt in diesen Tagen zu einem Lehrgang nach Trier. Er ist als Richter an einem Amtsgericht tätig.

Der Tag war ein fröhlicher. Ich habe in dieser Woche ausschließlich Frühdienst, da mein Mann die Kinderbetreuung nicht übernehmen kann. Am Nachmittag bin ich in der Schule meiner großen Tochter, nachdem ich meinen Sohn aus dem Kindergarten abgeholt habe. Gemeinsam mit anderen backen wir Weihnachtsplätzchen. Fröhlich kommen wir schon im Dunklem heim, morgen kommt mein Mann wieder. Wir freuen uns alle auf das gemeinsame Wochenende.

Als ich die Kinder ins Bett gebracht habe, setzte ich mich noch für eine Weile ins Wohnzimmer. Damals war unser Haus noch nicht umgebaut. Wir hatten noch keine Heizung, im Wohnzimmer lief ein Gamat und sorgte für Wärme, im Kinderzimmer – das ein Stockwerk höher lag – steht ein Ölradiator. Die Küche beheizte ich mit einem Herd, die Tür hatten wir ausgehängt, damit der Flur nicht eisig bleibt.

Unser Bad existierte damals noch nicht, an seiner Stelle war ein Vorraum, der ein kleines Fenster zum Garten hatte. Darunter standen die Mülltonnen. 

Ich bin nach dem langen Tag müde und schlafe auf dem Sofa ein. Die Wohnzimmertür habe ich geschlossen, um die Wärme im Raum zu halten. Meine Kinder schlafen.

Ein Geräusch lässt mich hochschrecken. Ich gehe zur Tür und öffne sie. Vor mir steht eine dunkle Gestalt. Voller Angst schließe ich die Tür wieder. Dem gegenwirkenden Druck von außen kann ich nicht lange stand halten. Die Tür öffnet sich einen Spalt, durch ihn dringt ein Gas. Ich kann nichts mehr sehen und taumle in den Raum zurück. Wenig später zieht mir jemand etwas über den Kopf und hält mich fest. Ich bin völlig durcheinander und weiß nicht was geschieht. Mein Zeitgefühl ist verschwunden.

Eine Männerstimme mit bayrischem Dialekt gibt mir Anweisungen, die mich in eine bestimmte Position befehlen. Ich folge den Anweisungen. Im Kopf werde ich klarer. Meine Kinder sind im Haus. Solange der Mann bei mir ist, ist er nicht bei ihnen. Er gibt weiter Befehle. Während ich ihnen folge, rede ich ununterbrochen auf ihn ein, erkläre die Sinnlosigkeit seiner Tat. Zum Nachfolgenden kann ich immer noch nicht sprechen. Ich habe Todesangst, noch größer ist die Angst um meine Kinder. Ich rede permanent auf den Mann ein.

Es vergeht eine Weile, als der Mann von mir abläßt und anordnet, dass ich mich nicht bewegen soll. Ich weiß nicht wie lange ich so dagekauert habe, ein eisiger Luftzug kam über einen Zeitraum, gefolgt von Stille. 

Ich ziehe mir das Teil vom Kopf. Es ist der Rentierpullover meines Sohnes, der in der Küche bei den ausgezogenen Sachen der Kinder lag. Die Türen stehen offen, es ist niemand mehr da. In der Ferne startet ein Auto mit Dieselmotor.

Ich gehe ins Kinderzimmer. Meine Kinder schlafen.

Im Wohnzimmer setzte ich mich an den Tisch, stumm, für eine lange Zeit. So kurz nach der Wende haben wir immer noch keinen Telefonanschluss im Haus. Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich schäme mich, es ekelt mich.

Schließlich entschließe ich mich das Haus zu verschließen und zwei Häuser weiter zur Nachbarin zu laufen, die einen Telefonanschluss hat.

Ich erzähle ihr was geschehen ist. Sie alarmiert die Polizei und ruft die Ärztin an, bei der ich arbeite. Diese hat Bereitschaftsdienst und kommt innerhalb weniger Minuten. Die Polizei verlangt eine gynäkologische Untersuchung. Ich bin außer mir, ich lasse mich von niemanden anfassen und reagiere hysterisch. Die Ärztin kann durchsetzen, dass die Untersuchung die ich verweigere nicht durchgeführt wird.

Gemeinsam mit ihr gehe ich in mein Haus zurück, hole meine Kinder und verbringe die Nacht und den Vormittag bei ihr. Am nächsten Tag fährt sie mich mit ihrem Mann und meinen Kindern zum Bahnhof meinen Mann abholen. Er weiß von nichts. Der Mann meiner Chefin erklärt ihm was geschehen ist.

Wir fahren heim. Zu Hause ist die Polizei und betreibt Spurensicherung. Im Hof liegen Glassplitter der eingeschlagenen Scheibe des Vorhauses. Auf die Mülltonnen steigend ist der Täter auf diesem Weg ins verschlossene Haus gelangt. 

Ich werde zur Zeugenvernehmung vorgeladen. Eine Polizistin und ein Polizist befragen mich zum Tathergang. Ich bitte meinen Mann mich zu begleiten. Die Polizistin weist mich darauf hin, dass meine Aussage meinen Mann unangenehm berühren könnte, er könne draußen warten, wenn ich dem zustimme. Das lehne ich ab. Ich brauche meinen Mann, wenn ich all das beim Erzählen nocheinmal durchleben muss.

In der Befragung erkläre ich, dass ich einige Details für ungewöhnlich halte. Der Täter hätte sich brutaler verhalten können als er es in gewissen Punkten tat. Das sage ich auch aus. Der Kommentar der Polizistin war…das haben wir auch so gedacht, gut, dass Sie das so darstellen, man könnte sonst glauben, Sie hätten den Übergriff fingiert.

Ich kann gehen und gehe. 

Monate später bekomme ich Post von der Staatsanwaltschaft.

Das Verfahren gegen Unbekannt wurde wegen nicht zu ermittelndem Täter eingestellt.

Es gibt eine Grund warum ich diesen Artikel veröffentliche. Ich möchte die Angst, die Scham, die Verzweiflung, die Demütigung wiedergeben die eine Frau erlebt, die einen solchen Übergriff erleiden muss und ihn zur Anzeige bringt.

Ich werde den Artikel nicht kommentieren.

Zu mir und meinem Blog

Ein sich wohl fühlender Einzelgänger bin ich. Oft gelingt es mir, aus Stroh Gold zu spinnen, selbstverständlich im übertragenen Sinne. Das so viele Blogger bei mir lesen und kommentieren ist eine unerwartete Bereicherung. Mein Blog ist mein erster Kontakt mit sozialen Netzwerken, ich lerne immer noch. Persönlich geht es mir nicht darum, in Blogrolls aufgenommenen zu werden oder „gefolgt“ zu werden. Alle Blogger die dies tun oder lassen, bitte ich mich mit darauf hinweisenden Mails zu verschonen. Bereichernd finde ich die Vielfältigkeit der Kommentare in meinem Blog. Darum bleibt hier bei mir auch weiterhin die Möglichkeit bestehen, nach einmaliger Anmeldung frei seiner eigenen Meinung Ausdruck zu verleihen. Kommentare, die den Rahmen des von mir empfundenem guten Geschmacks sprengen werde ich löschen bzw.mit einer Pünktchenzensur versehen. Ich wünsche und verlange von jedem der bei mir kommentiert Respekt für die gegenüberstehende Person. Wer glaubt, sich gegen meine „Idylle“ wehren zu müssen, hat nichts vom Sinn meines Bloges verstanden.