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Zum Tag

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Das Letzte vom Tag

Traurigkeit, Resignation…oder ich gegen den „Rest“ der Welt…

Befremdlich empfinde ich das Verhalten von Frauen, die ihren Körper verhüllen müssen, um nicht Gedankenspiel von Männern zu werden.

Was soll ein mit Tuch bedecktes Haar bedeuten? Die Annahme einer von Männern bestimmten Religion?

Warum ist das Gesicht darunter so stark geschminkt, dass es seinen eigenen Ausdruck – seine Mimik – aufgibt?

Was geht mich das an?

Ich bin Frau, ich sehe und verstehe meine Schwestern.

Glatt hab‘ ich mir heute neue Schuhe gekauft, ungeschminkt lege ich jetzt die Beine hoch.

Männern, die mir zu nahe kommen sollten, kann ich damit wunderbar in den Arsch treten!!!!

Erinnerungen – innere Einstellung

Im Herbst 1978 kam ich in die 7. Klasse einer Polytechnischen Oberschule.

Das Schulsystem der DDR sah einen pflichtigen Grundschulbesuch der Klassen 1 – 4 vor.
Dorfkinder konnten bis dahin auch in speziellen Grundschulen lernen.
Ab der 5. Klasse mussten sie in Polytechnische Oberschulen ( POS ) wechseln, in denen ein Schulbesuch bis zur 10. Klasse geplant war.
Ab der Klasse 8 war eine Aufteilung möglich.
Kinder bzw. Jugendliche, denen das Lernen schwer fiel, durften in Ausnahmefällen die Schulzeit beenden, um eine Lehre zu beginnen.
Begabten Jugendlichen stand der Weg zur Erweiterten Oberschule ( EOS ) offen, in der in den Klassen 8 – 12 die Kenntnisse für ein Ende der 12. Klasse abzuschliessendes Abitur gelehrt wurden.

So die offizielle Version.
Der Begriff “ begabt “ hatte in der DDR einen weiten Rahmen.
Mädchen konnten in der DDR alles werden, naturgemäß in jungen Jahren oft weiter entwickelt als gleichaltrige Jungs, gab es zu viele begabte Mädchen.
Ein Junge hatte in der DDR deutlich bessere Chancen zur EOS zugelassen zu werden.
Der Arbeiter- und Bauernstaat hatte Schwierigkeiten, die vorhandene Intelligenzlerschicht, für die im Symbol der DDR der Zirkel stand, zu tolerieren.
Eigenständiges Denken stört in Diktaturen.
Das Arbeiter und Bauern genauso gut denken können, hatte die Führung verdrängt, später wird sie das bereuen.
Es gab auch in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Sozialistische_Einheitspartei_Deutschlands
eine begrenzte Aufnahmezahl für Mitglieder der zur Intelligenz zählenden Berufe.
Wollte ein leitender Angestellter in einem Volkseigenem Gut (VEG)
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Volkseigenes_Gut
in seiner Karriere vorankommen, musste er Parteimitglied sein. Waren die statistischen Zahlen ausgelastet, schickte man ihn einfach in den Stall arbeiten. In dieser Zeit galt er als Bauer und „durfte“ in die Partei eintreten.
Plan 100 %ig erfüllt, nach 3-4 Wochen Stallarbeit stand der weiteren Karriere die Türen offen.
Kinder aus Elternhäusern in denen ein oder gar beide Teile der Intelligenz zugeordnet werden konnten, war bei parteitreuer Zugehörigkeit der Eltern ein Zugang zum Abitur möglich, sonst selbstverständlich auch erlaubt, aber schwieriger.
Kirchentreue Eltern hatten ähnliche Probleme ihren Kindern einen Zugang zu erweiterter Bildung und der daraus folgenden Zulassung zu einem Hochschulstudium zu ermöglichen.

Ab der Klasse 7 begannen die Bewerbungen für einen Wechsel von der POS zur EOS.
Grundlage waren die Schulnoten.
Offiziell.
Inoffiziell wurden die Bewerber nach den oben genannten Kriterien bewertet.
Selbstverständlich spielten gute Noten auch eine wahrhafte Rolle.
Für einen Jungen aus einem Arbeiterelternhaus war es jedoch leichter möglich mit einem Zensurendurchschnitt von – ich schätze jetzt grob – 2,2 einen Platz auf der EOS zu erhalten, als für ein Mädchen mit einem geschätzten Zensurendurchschnitt von 1,7 aus einem Intelligenzlerhaushalt.

Ab der 7. Klasse wurde das Fach Staatsbürgerkunde gelehrt.
Darin eine gute Note zu haben, war wichtigere Vorraussetzung als gutes Rechnen, Lesen oder Schreiben.
Inhalt des Faches war die marxistisch-leninistische Weltanschauung.

Ich bin ein aufgewecktes Kind mit stark ausgeprägter, eigener Meinung.
Lernen macht mir Freude und fällt mir leicht.
Mit Mathematik habe ich Schwierigkeiten. Zum Glück fällt das Teilgebiet Geometrie in die Bewertung.
Mit den dazu notwendigen Zeichnungen kann ich etwas anfangen, sie akkurat abliefern und gleiche damit die mangelnde Denkkraft im Zahlenbereich aus, was mich auf eine Gesamtnote von 2,4 im Fach Mathematik bringt.
Deutsche Sprache und Literatur…welche Freude.
Geschichte…her damit, die dafür notwendigen Zahlenkenntnisse sind für mich greifbar. Einmal gelesen kann ich sie auswendig. Das funktioniert auch mit Gedichten, bis heute.
Im neuen Fach Staatsbürgerkunde kann ich sie anwenden, denke ich und scheitere kläglich.
Hier wird kein eigenes Denken gewünscht, hier wird Papierwahrheit eingetrichtert, ohne Abweichung und Kommentare wiederzugeben verlangt, bei sonstiger Schlechtbenotung.
Schon mit der These der gerechten und ungerechten Kriege habe ich große Schwierigkeiten. Ich sehe es anders, als die Lehrmeinung vorschreibt.
Irgendwie kriegen sie mich dabei noch auf den vorgeschriebenen Weg zurück.
Ihn werde ich bei folgendem Text verlassen:

„Die Partei, die Partei,
Die hat immer recht
Und Genossen es bleibe dabei,
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Wer das Leben beleidigt,
Ist dumm oder schlecht,
Wer die Menschen verteidigt,
Hat immer recht.
So aus Lenin’schem Geist
Wächst von Stalin geschweißt
Die Partei, die Partei, die Partei.“

Er stammt aus dem Lied “ Lied der Partei „.
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Lied_der_Partei

Mir will nicht klar werden, wie eine einzige Institution das Recht auf die alleinige Wahrheit in Anspruch nehmen kann.
Dies sage ich laut, diskutiere offen darüber.
Nur meine friedliche Einstellung zum von mir geschätztem Engelswerk “ Der Ursprung der Familie…“
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Der_Ursprung_der_Familie,_des_Privateigenthums_und_des_Staats
und mein brillanter Umgang mit den darin erworbenen Kenntnissen rettet meine Zensur.
Vorgemerkt bin ich schon mal. Wieder einmal weiß ich das damals nicht.
In der DDR gibt es die Gesellschaft „Deutsch-sowjetische Freundschaft“ (DSF).
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_f%C3%BCr_Deutsch-Sowjetische_Freundschaft
Der Beitritt ist gebührenpflichtig und freiwillig.
Ich trete nicht ein.
Wie alle anderen Mitschüler habe ich eine russische Brieffreundin, mit der ich regelmäßigen Briefwechsel führe. Mir ist das Zeichen genug, eine offizielle Absegnung meiner Freundschaft durch den Eintritt in die DSF halte ich für verlogen.
Meine Meinung hat Gewicht. Ich bin Mitglied des Gruppenrates der Klasse in der ich lerne und zähle jedes Schuljahr zu den ausgezeichneten Bestschülern.
Ich bekomme eine Vorladung zum Direktor, der ich Folge leiste.
In einem langen Gespräch versucht der Direktor mich zum Entritt in die DSF zu bewegen, ohne Gründe dafür zu benennen. Er kennt und schätzt meine klare Meinung und sagt mir das auch.
Ihm ist es nicht gelungen, mich zu überzeugen, den Eintritt vorzunehmen.
Später, nach der Wende, werde ich erfahren, das von diesem Gespräch meine Zulassung zur EOS abhing.
Kein DSF-Eintritt bedeutet keine EOS-Zulassung, so die einfache Rechnung. Aber mit dem Rechnen habe ich es nunmal nicht so.
Später hat mein Klassenlehrer, den ich wahrhaftig gepisackt habe, mich versucht zu überzeugen ein Abitur mit Berufsausbildung in einer Weberei abzuschließen.
Für mich ein nicht gangbarer Weg.
Eine Mitschülerin, die ihrer Kirchenzugehörigkeit wegen nicht auf die EOS durfte, ist ihn gegangen.
Ihre praktischen Fähigkeiten und ihre Denkweite waren den meinen weit voraus.
Also habe ich einen 10. Klasse Abschluß mit 1,3 ( Mathematik 2 und Sport 2 – im Sport hat mich einzig das Schwimmen und der Ausdauerlauf gerettet. ) und kein Abitur. Sie eine fundierte handwerkliche Ausbildung mit nachfolgendem Zugang zur Universität.
In der 10. Klasse hatte ich einen Vorteil davon.
Nun gab es auch noch das Schulfach Zivile Verteidigung (ZV), auch Wehrunterricht genannt.
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wehrunterricht
Im praktischen Teil wurde von mir und meinen Mitschülern verlangt, mit Gasmaske über den Waldboden zu kriechen und gegen den imaginären Feind vorzugehen.
Mit Hinweis auf meine Einstellung zu gerechten und ungerechten Kriegen, habe ich mich geweigert, daran teilzunehmen.
Mein Lehrer war der Diskussion überdrüßig und er erließ mir diesen Teil der Ausbildung inoffiziell.
Während die anderen über den kalten Boden krochen, blieb ich mit beiden Beinen fest auf ihm stehen.
Später hat es Zeiten gegeben, in denen ich dies bereut habe.
Bei den Feierlichkeiten zur Ausgabe der Abschlusszeugnisse durfte und musste ich die Rede des ausgewählten Schülers halten. Das stellte eine besondere Ehrung ebendieses Schülers dar.
Mein Glaube daran, der Ursprung dessen läge in meiner sprachlichen und rhetorischen Fähigkeit, war gering.
Die Rede habe ich gehalten und unbeschadet überstanden.
Vorher hatte ich sie mit einer mir gewogenen Deutschlehrerin – dem von mir hochgeschätzten, lange verstorbenen Fräulein Bauer – abgesprochen.
Das die Auswahl auf mich fiel, sei Teil der persönlichen Entschuldigung meines Direktors an mich gewesen, erfuhr ich viele Jahre später.
Nicht von ihm selbst.

Erinnerungen – Entdeckung des Lesens

1971 ist für mich ein Jahr der Veränderungen.
Der Tod meines Vaters beeinflußt meinen Lebensweg.
Mir 6jährigen fehlt nicht die tatsächliche Person, das kommt erst später.
Das Lächeln meiner Mutter am Morgen für mich, ihr freudiger Ruf “ Aufstehen, die Sonne scheint „, fehlen mir, fallen schwach aus und das für eine lange Zeit.
Mein erstes Schuljahr beginnt.
Ich muss mich an eine neue Wohnung gewöhnen, die fern der Nähe meiner „Tante Hanne“ liegt, deren Mehrgenerationenhaushalt mir liebe Zuflucht ist.
Meine Mutter nimmt eine Arbeit in einer anderen, nahegelegenen Stadt an.
Nach der Schule muss ich erst in den Hort, dann kann ich für ein paar Stunden zu Tante Hanne, bis meine Mutter zu Hause ist.
Am späten Nachmittag laufe ich heim, immer noch den Schulranzen auf dem Rücken.
Spielende Kinder denen ich dabei begegne, spotten…“ jetzt kommt die erst aus der Schule „.
Ich schäme mich dafür und bitte meine Mutter gleich nach dem Hort heim gehen zu dürfen, sie erlaubt mir das, ohne den Grund zu kennen.
Meine Nachmittage sind nun einsam, aber ohne Spott.
Das Haus in das wir gezogen sind ist von älteren Leuten bewohnt.
Ruhig geht es in ihm zu. Gern setzte ich mich zu den sehr verschiedenen Menschen, auf ihre jeweilige Gartenbank. Willkommen bin ich allen, eine enge Bindung wie an meine Tante Hanne finde ich nicht wieder.
Warum auch eng binden, wenn doch nichts von Bestand ist?
Ich werde stiller. Nach innen.
Neben unserer alten Wohnung lebt ein Mädchen, das schon mit mir in die gleiche Kindergartengruppe ging, jetzt teilen wir eine Schulklasse.
Früher spielten wir oft gemeinsam, in ihrer oder in unserer Wohnung.
Ihre Mutter ist die Apothekerin, mein Vater war der Zahnarzt der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin.
Jetzt besuchen wir uns nicht mehr.
Einmal sagt sie zu mir in der Pause: “ Früher hattet ihr eine größere Wohnung als wir, jetzt ist unsere größer .“
Mir war die Wohnungsgröße nicht aufgefallen, aber der Ton in dem sie das sagt, macht mich wütend.
Auch davon erzähle ich meiner Mutter nichts.
Dafür gehe ich oft in der Pause zu dem betreffenden Mädchen und ärgere sie solange bis sie in Tränen ausbricht.
Meine Mutter wird darüber informiert, sie sagt, ich solle das nicht mehr tun, ohne nach dem Grund zu fragen.
Es macht mir schon lange keinen Spaß mehr dieses Mädchen zu ärgern, die meine Freundschaft einer Wohnungsgröße wegen nicht mehr will. Es fällt leicht, davon abzulassen.
Dafür lerne ich lesen.
Schnell und gut.
Fünf, sechs Jahre später werde ich beginnen, die mit uns umgezogene Bibliothek meines Vaters zu lesen.
Die Bücher ersetzen mir meine Kinderschallplatten, die ich so lange höre, bis ich jedes Wort auswendig kann.
Mir fallen der Hodscha Nasredin in die jungen Hände und Diderots „Die Nonne“
Ich sauge Grimm’s Märchen in Gesamtausgabe auf und lese hinterher im „Heptameron“ der Marguerite de Navarre.
Tausendundeine Nacht ist mir so lieb wie das Decameron, die Ausgabe meines Vaters hat Illustrationen von Werner Klemke. Ich kann mich nicht satt sehen.
Ebenso wenig an den Bilderbänden der Prager Burg und der darin hängenden Gemälde, sie begleiten meine Nachmittage.
Tschechow und sein „Drama auf der Jagd“ lese ich und andere Russen. Ihre Schwermut spiegelt meine.
Vieles lese ich zu früh, schaffe mir ein Weltbild aus Büchern, nicht aus Menschen und lebendigen Meinungen.
Menschen sind mir zu vergänglich.
Meine Mutter versucht anfangs einzugreifen, gibt aber bald auf.
Meine Lesegier ist nicht zu stoppen.
Ob meine Mutter aufgegeben hat, weil sie um die Erfolglosigkeit wusste oder ob sie sich dadurch meinem toten Vater näher fühlte weiß ich bis heute nicht und werde nicht danach fragen.
Die Wunden der damaligen Zeit haben sich geschlossen.
Geblieben sind bei Stimmungen schmerzende Narben und die Liebe zu den Büchern.

Zum Tag . ..

Friedrich Nietzsche – Der tolle Mensch

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“
Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter.
Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere.
Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.

„Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getötet – ihr und ich!
Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht?
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?

Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend?
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?
Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben?
Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen!
Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!
Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?

Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?
Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?
Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?
Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?
Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?

Es gab nie eine größere Tat – und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“
Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. „Ich komme zu früh“, sagte er dann, „ich bin noch nicht an der Zeit.

Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!“ – Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“

(Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, München 1959, S. 166 f)

Einatmen – Ausatmen

Unten am Hafen bin ich gern.

Wenn die großen Schiffe kommen, sitze ich still und beobachte deren entladen.

Ein Geruch, der Sehnsucht bringt weht vom Meer zu mir, trotzdem fühle ich mich erfrischt, leicht.

Anhand der aufsteigenden Düfte versuche ich, den Inhalt der Frachkisten zu erahnen.
Die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelehnt, ah, der ganze Körper gibt sich dem Duftgefühl hin.

Früchte bringen die Schiffe, von weither.
Hell, von sprudelnder Leichtigkeit dringt die Zitrone in meine Nase, steigt mir zu Kopf. Ihre klare Reinheit mischt sich mit der Jugendfrische verbreitenden, fruchtigen Heiterkeit der Grapefruit.
Kisten voller reifer Mandarinen sind dabei, ihr milder, süßer Geruch beflügelt meine Fantasie.

Blumen müssen an Bord der Schiffe sein. Darunter die Blume der Blumen, die exotische Ylang-Ylang. Betörend sinnlich weht mir ihr Duft in’s Gesicht. Immer noch mit geschlossenen Augen verharrend, wird meine Körperhaltung weicher, femininer.
Da ist noch mehr, etwas das mich fesselnd an sich bindet. Eine impulsive Begegnung mit floralen Düften erlebe ich, wie nur der Wasserjasmin sie bringt.
Ich schwelge in dieser Woge lieblicher, weicher Fraulichkeit, die auf mich überschwappt und mich trägt.

Dennoch, mein Kopf bleibt klar… in all dem Dufttaumel.

Beruhigend kommt ein sanft balsamischer, holziger Duft vom Meer her geweht. Wüsste ich nicht, dass es viel zu wenig Zedern mehr gibt, würde ich wetten, das Schiff bringt diese edlen Bäume. Auf einmal habe ich meine Bodenhaftung wieder und spüre die im Sog des Wassers verloren gegangene bittere Süße der Erde. Fein, holzig dringt der Atem ihrer Wälder zu mir.

Oha!, das Schiff bringt auch noch Moschus. Alle Verlockungen des Orients fallen mir in den Sinn.

Noch immer lasse ich die Augen geschlossen, auch den letzten warmen Hauch braunen Zuckers, der den Kisten entströmt will ich geniessen, lasse ich tief durch jede Faser meines Körpers rinnen.

Entspannt richte ich mich auf, den Blick nach vorn.

Drei Minuten am Morgen müssen zum träumen einfach vorhanden sein, um durch den Tag zu kommen.

Du willst das auch ?

Ganz einfach:
Benutze das Wasser des Genusses, der Freude.

Aqua di Gioia – eau fraiche –
Giorgio Armani

Zwischen den Jahren…

…eine wichtige Zeit wie ich persönlich finde. Notwendig, um das Vergangene zu überdenken, zu vergeben. Auch sich selbst.

Passend zu diesem Schreckensjahr bin ich über diese Zeit krank. Gut, dann hab ich das auch noch weg, kann nur besser werden.

Wichtig ist mir, die dunkle Zeit des Dezembers meine Familie nah zu haben. Gemeinsam gehen wir an Orte, die Licht ausstrahlen.

Obwohl ich vieles an der Institution Kirche verabscheue, mag ich die wärmende Einigkeit, die Religion ausstrahlen kann. Warum brauchen Menschen dafür einen Gott? Und warum einen, der allein wahr ist?

Der Schleier des drohenden Verlustes eines geliebten Menschen wird mit in das neue Jahr kommen. Das jedoch ist nur eine persönliche Angst, eine, die jeden trifft und mit der jeder Einzelne leben muss.

Was der Verlust des gewohnten Lebensraumes so vieler Menschen bringen wird, werden auch wir verwöhnten Europäer zu spüren bekommen. Wie immer, zuerst nur der Teil der Bevölkerung, der zu den ärmeren und ärmsten zählt.

Gehen wir gemeinsam alte Wege neu. Es wäre ein Anfang.

Langsames

https://wp.me/p1bewG-7mI

Emil hat einen Text frei gegeben. Da er mich berührt, spinne ich weiter.

Emils Text:

Schnell noch, bis ich langsam werde

Schnell noch einen Text verfassen!
Schnell nocheinmal “hoch die Tassen”.
Schnell noch diesen Arzt besuchen.
Schnell in einem Stau noch fluchen.
Schnell noch Brot und Brötchen kaufen.
Schnell noch eine Runde laufen.
Schnell noch dies und schnell noch das:
Aber wozu geb‘ ich Gas?

Schnell noch, schnell noch und noch schneller!
Schnell noch einen Salatteller!
Schnell noch dieses Geld kassieren.
Schnell nochmal den Hund ausführen.
Schnell noch einen Brief verfassen.
Schnell noch etwas Neues hassen.
Alles schnell noch und noch schneller.
Schnell: Das ist der Mega-Seller!

Mein Text:

Der Sommer hat mich betrogen. Zu viel an Licht. Weder ich noch meine Pflanzen können damit umgehen.

Schleichend, austrocknend entzieht die allgegenwärtige Sonne Flüssigkeit. Alles erschlafft.

Mit seinem frischen Grün, hat der Frühling mich belogen. Fröste schickte er, alles vernichtend.

Wie lob ich mir Herbstnebel, die sich senkend, das Auge täuschen und den Zeiten folgen.

Langsam ordnet sich. Alles.

Ende und Anfang


Ich bin sehr müde. Ich folge mehr Bloggern, als ich lesen kann. Ich fühle mich mit meinem Blog nicht mehr wohl.

Ich lese viel zwischen den Zeilen. Ich bin offen, ich bin sensibel, ich bin verletzbar.

Ich will mir meinen eigenen Raum bewahren. Immer lebe ich den Versuch, im Bewusstsein mit mir zu leben.

Ich trenne mich von Blogs. Für mich stehen dahinter immer Menschen.

Soviel Ich …Endlich.

Erinnerungen – Urlaub damals und heute – Frischer Wind


(Transit – Winter an der See, Musiktipp Herr Bludgeon, Danke)

Frischen Wind bringt ein Urlaub an der Ostsee im touristenarmen Monat November immer. 

Er hilft enorm, Gedanken im Alltagskopf zu ordnen. Hier am Meer sind um diese Jahreszeit fast nur Gleichgesinnte zu finden. Sie suchen wie wir stille Schönheit und innere Einkehr. Auf Rügen findet ich das. Und ein Licht, das es nur hier gibt.

Nach der Wende, als auf einmal die Möglichkeit bestand, westliche Reisestandarts zu nutzen, sind wir wie viele Andere auch, sonnenhungrig in den Süden geflogen. Mit zwei kleinen Kindern im Reisegepäck war der Urlaub in abgeschotteten Ferienidyllen für die Kinder natürlich ein Sommersonnenerlebnis. Mir selber hat das nicht so recht gefallen. All inclusive Ferien zu Gunsten des finanzkräftig-goldenen Westlers sind nicht meins. Fliegerei in geschaffene Urlaubsparadiese, die weit weg vom realen Leben der einheimischen Bevölkerung liegen, ebenso nicht. Alleinerkundung eines fremden Landes mit zwei kleinen Kindern war auch nicht das Richtige, ich war noch nie der Camper- und/oder Abenteurertyp, so haben wir viele Jahre den Sommerurlaub mit unseren Kindern im Häuschen eines Freundes verbracht, das im Wald in einer kleinen Siedlung lag. Das brandenburgische Flachland hat uns Pilzernten wie aus einem russischen Märchen geschenkt und baden in einem der zahlreichen Seen hat den Kindern mehr Spass gebracht, als jede Kinderamination am Hotelpool es hätte tun können. Den Luxus einer Herbstreise in ein dann bezahlbares Osteehotel leisten wir uns in den letzten Jahren zu gern. 

Wir sind wieder zu zweit stehend und genießen das. Immer wenn ich meinen Koffer packe, denke ich an unsere einzige Urlaubsreise mit Kind über den FdGB in der DDR. Wir hatten damals noch kein Auto und traten die Reise nach Thüringen mit Bus und Bahn an, im Schlepptau ein Kleinkind. Zusätzlich zur dafür benötigten Wäsche waren wir noch mit Bettwäsche und Handtüchern beladen, die damals selbst mitzubringen waren. An die Schlacht um’s Buffett denke ich, angesichts des famosen Essens in unserem Ostseehotel, lächelnd. 

War es schon mehr als dürftig bestückt, wurde auch nicht aufgefüllt…das daraus folgende Gedrängel war schlimm. Um dem zu entgehen, sind wir immer zum Schluss essen gegangen, lieber ein einfaches Marmeladenbrötchen als schupsende Massen. Entspannen wir heute während des Novemberostseeurlaubs im Hallenbad und in vielerlei Saunen, gab es im FdGB Urlaub ein Zimmer, das eine Familie im Eigenheim zur Vermietung bereit gestellte hatte. Ein kleines Waschbecken mit dünnen Wasserstrahl war die einzige Möglichkeit für uns damals noch drei Personen, sich zu reinigen.Kein Vergleich zu dem heute gebotenem Luxus von Saunen und Schwimmbad in den gepflegten Hotels an der Küste.

Den FdGB-Urlaub haben wir uns ein einziges Mal angetan, unabhängig von unserer privaten Meinung, wäre ich als Schwester im Krankenhaus in dem ich arbeitete, sowieso erst in knapp zehn Jahren wieder mir der Vergabe eines FdGB-Ferienplatzes an der Reihe gewesen. Die Arbeiter in volkseigenen Betrieben hatten es da besser, viele dieser Betriebe hatten eigenen Ferienobjekte, in denen die Mitarbeiter ihren Urlaub kostengünstig verbringen konnten. Mein Stiefvater hat mir und meiner Mutter so oft ermöglicht, unseren Sommerurlaub an der Ostsee oder an einem See zu verbringen. Meine Schwester mochte damals nicht mehr mit den Eltern gemeinsam verreisen. Sie ist sechs Jahre älter als ich und plante lieber für sich allein. Den Luxus restaurierten alten Glanzes wie die Henry van de Velde Architektur in unserem diesjährigen Urlaubsschloss gab es nicht.

Dafür hatten wir eine Tischtennisplatte und einen Grill. Schloßherrliche Treppen gab es nur in Museen zu bewundern,

heute kann ich sie steigen, um zu meinem Zimmer zu gelangen oder den freien Blick auf den Jasmunder Boden zu genießen, der von der Seebühne der Störtebeckerfestspiele leicht verschandelt wird.

Ohne diese gewinnträchtige Kulisse, ist es der Blick in ein gern gelesenes Buch, die „Problematischen Naturen“ von Friedrich Spielhagen.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/problematische-naturen-1556/1

Wer anders als mein „persönlicher“ Musikberater und bester Kritiker – Herr Bludgeon –

https://tokaihtotales.wordpress.com/2016/08/04/im-jenseits-2/comment-page-1/

hätte mir dieses Buch empfehlen können.

Die DDR war eine große Tauschgemeinschaft. Jeder versuchte, sich das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, indem er Beziehungen gegen Rares und umgekehrt eintauschte. Mein Mann konnte einem befreundeten Lkw-Fahrer helfen, als dessen Rücken die Strapazen, welche dieser Beruf in den hoppeligen Lkw’s der damaligen Zeit mit sich brachte, nicht mehr stand hielt. Er vermittelte ihm an dem Gericht, an dem er arbeitete, eine Stelle als Wachtmeister. Zum Dank dafür durften wir sein Grundstück in seiner alten Heimat Brandenburg, gegen kleines Geld, für unseren Urlaub nutzen. Auch nach der Wende und nach unserem Abstecher in den Süden, haben wir dort gemeinsam mit unseren Kindern erholsame Ferien verbracht. Das Häuschen bot alles was wir brauchten, inclusive Terrasse und Hängematte. Dennoch hatte ich, nachdem ich viele Jahre nicht an der Ostsee war, eine solche Sehnsucht nach ihr, dass sie mich in meine Träume verfolgte.

Wind, Wasser, Wald, die einzigartige Küste der Kreidefelsen Rügens

und ein märchenhaftes Schloss…was für ein Urlaubsvergnügen ist mir heute möglich

und meinem lieben Gärtnergatten, der seinen Geburtstag im November, früher ungeliebt, nicht mehr missen möchte. Und einen Bernstein habe ich auch „gefunden“.