Archiv der Kategorie: Gedichte

Herbst

Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke, 11.9.1902, Paris

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Balladenostermontag

Christiane

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/04/17/aufruf-balladenmontag-der-zauberlehrling/

hat wieder zum Balladensammeln eingeladen. Weil ich ihren Blog schätze und weil ich weiß wieviel Arbeit hinter solchen Projekten steckt, bin ich gerne dabei. Ausgesucht habe ich Goethe’s schaurigen Totentanz, den er während seiner Flucht vor Napoleon schrieb und an seinen Sohn schickte, der dann diese Ballade veröffentlichte. Zudem ist Ostern das Fest des Lebens und des Sterbens. Allen die einen Verlust zu beklagen haben wünsche ich Kraft, allen die einen Verlust befürchten müssen wünsche ich Mitgefühl und Stärke. 

Der Totentanz

Johann Wolfgang von Goethe

Der Türmer, der schaut zu mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht:
Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
in weißen und schleppenden Hemden.
Das reckt nun, es will sich ergötzen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung und so alt und so reich;
Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil nun die Scham hier nun nicht weiter gebeut,
Sie schütteln sich alle: da liegen zerstreut
Die Hemdlein über den Hügeln.
Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es, vertrackte;
Dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein,
Als schlüg‘ man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
Geh! hole dir einen der Laken.
Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
Nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond, und noch immer er scheinet so hell
Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
Doch endlich verlieret sich dieser und der,
Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher,
Und husch! ist es unter dem Rasen.
Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt
Und tappet und grapst an den Grüften;
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt,
Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück:
Sie blinkt von metallenen Kreuzen.
Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
Da gilt auch kein langes Besinnen,
Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
Und klettert von Zinnen zu Zinnen.
Nun ist’s um den armen, den Türmer getan!
Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
Langbeinigen Spinnen vergleichbar.
Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
Gern gäb‘ er ihn wieder, den Laken.
Da häkelt – jetzt hat er am längsten gelebt –
Den Zipfel ein eiserner Zacken.
Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,
Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins,
Und unten zerschellt das Gerippe.

Im Nebel

Herrmann Hesse

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Zwielicht oder allerletzte Sommerküche


Joseph von Eichendorff

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken ziehn wie schwere Träume –
Was will dieses Graun bedeuten?
Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wieder wandern.
Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug und Munde,
Sinnt er Krieg im tückschen Frieden.
Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib wach und munter

Sehr liebe ich dieses Gedicht, Wahrheit liegt darin. Der Menschen Treue ist geringer als die der Tiere.

Den Herbst mag ich, weil er diese Stimmung aufbringt. Mich mahnt das zur Wachsamkeit im Umgang mit anderen. 

Melancholie ist ein Herbstbegleiter, setzte ich ihr etwas entgegen…einen allerletzten Abend Sommerküche. Einfach und heiter. Dazu braucht es wenig. Eine kleine Putenbrust schneide ich in schmale Stücke, die ich mit Schinken umwickele. Fertig

Dazu gibt es den letzten Gurkensalat dieses Jahres. Meine Schwester hat uns und meine Kinder reichlich mit ihrer Ernte beliefert, diese kleine Gurke noch…und dann…Freude auf anderes.

Für uns beide ist der Tisch im Garten schnell gedeckt. Wir haben uns auf die Terrasse zurück gezogen, alles andere ist schon beräumt. Gern erledige ich jahreszeitlich bedingte Arbeiten zur rechten Zeit, dann macht die Arbeit Freude.

Unser einfaches Essen im Freien ist ein Abschied ohne Trauer. Leicht in der Vor- und Zubereitung.

Genauso leicht ist es auch aufgegessen.

Immer ist für unverhoffte Gäste bei uns Platz.

Noch bleibt Zeit zum Wahrnehmen der letzten Gartenmomente.

Stille Ruhe liegt über allem. Ich beobachte die Wechselspiele der verschiedenen Lichter,

noch bietet das Feuer ausrechend Wärme,

mit der Nacht kommt der lang erhoffte Regen.

Im Herbst

Wilhelm Busch

Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst, der Reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.
Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.
Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Sie ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewußt bestimmte Ziel.
Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

Bitte

Eva Strittmatter


Laßt mir das Silberfingerkraut

Laßt mir den Hasenklee

Laßt mir den kleinen Lerchenlaut

Laßt mir den Liliensee

Laßt mir den Sandweg durch die Heide

Die Kiefer und den Birkenbaum

Braucht ihr nicht manches Mal auch beide – 

die Weltstadt und den Weltenraum

Für Beerensucher

Julius Otto Bierbaum

Gingen zwei in einen Beerenwald,

Fand der Eine süße Beeren bald,

Hat sich fleißig gebückt

Und emsig gepflückt,

Tat nichts als essen

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Der Andre indessen

Trug immer die Nase zum Himmel gericht,

Sah den lieben Herrgott oder machte ein Gedicht,

Aber die süßen Beeren, die sah er nicht.

Ich liebe Beeren- und Himmelsweide.

Ich hätte mir Beeren gesucht im Kraut

Und essend zum blauen Himmel geschaut.

Mir hätte keins das andre geniert,

Hätte Himmel und Beeren in eins skandiert.

Sonntägliches

Ach Liebster, bring mich doch dorthin,
da wo die blauen Blumen blühn.
Wo frei der Himmel hoch sich wölbt,
weit über’s wohl bestellte Feld.

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Ach Liebste, ich will lieber ruhn, die Woche war gar zu viel zu tun.

Ach Liebster, bring mich zu diesem Ort,
wir werden Ruhe finden dort.
Gehst du mit hin, erzähl ich dir von der Blüten Heilkraft dann dafür.

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Ach Liebste, diese kenn ich schon.
Siehst du nicht auch die Wolken drohn.
Wir werden nass bis auf die Knochen,
bevor du hast die Blumen gebrochen.

Ach Liebster, Wolken ziehn vorbei,
komm mit, es ist wohl nichts dabei.
Fällt ein Tropfen auf deinen Mund,
küss ich ihn ab dir noch zu der Stund.

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Ach Liebste, versprichst du Küsse mir,
will ich dir folgen durch die Tür.
Will mit dir blaue Blumen grüßen,
mich satt trinken an deinen Küssen.

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https://teil2einfachesleben.wordpress.com/2015/07/08/hitzefrei-oder-kornblumen-und-der-tee-daraus/

Im Sommer

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Wilhelm Busch

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In Sommerbäder 
Reist jetzt ein jeder 
Und lebt famos. 
Der arme Dokter, 
Zu Hause hockt er 
Patientenlos.

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Von Winterszenen, 
Von schrecklich schönen, 
Träumt sein Gemüt, 
Wenn, Dank der Götter, 
Bei Hundewetter 
Sein Weizen blüht..

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Sie war ein Blümlein…

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Wilhelm Busch

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling.
So schmerzlich durch die Seele ging.
Doch was am Meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kam zuletzt.
Ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heiß geliebte Pflanze.