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Novemberrosen – ohne Maske

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Das Lied zum Tag

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Herbst

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Licht

Sonntagsmärchen

Johann Wilhelm WolfDeutsche Hausmärchen, 1858

Die getreue Frau

Ein König hatte eine Tochter, die war überaus schön und klar und hatte eine gar feine und zarte Haut; wenn sie rothen Wein trank, konnte man sehen, wie er ihr durch den Hals herunter lief. Die Welt war so erfüllt mit dem Ruf von ihrer Schönheit, daß selbst des Sultans Sohn aus der Türkei kam und um ihre Hand anhielt. Sie wollte jedoch nichts von ihm wissen und sprach, sie wolle keinen Heiden heirathen, der sei ihr zu schlecht nur ihre Schuhe zu putzen.
Zu gleicher Zeit lebte in einem andern Königreich ein König, welcher drei Söhne hatte. Da er nicht wußte, welchem von ihnen er nach seinem Tode das Königreich übergeben solle, so sprach er: ‚Gehet auf Reisen und wer von euch mir das Schönste mitbringt, der wird König.‘ Sie zogen sofort aus, doch gereute es sie schon am dritten Tage und die beiden Jüngsten sprachen zum Aeltesten: ‚ Lieber Bruder, gehe du nach Hause zurück und tritt die Regierung an, wir wollen in die Welt hinaus ziehen und sehen, wo unser Glück blüht.‘ Sprach der Aeltere: ‚Ich kann euch nicht ziehen lassen, wenn ihr mir nicht versprechet, treu zusammen zu halten in Freud und Leid und euch nicht von einander zu trennen, auch sobald ihr euer Glück gefunden habet, zurück zu kommen, damit ich mich mit euch darüber freue.‘ Darauf gaben sie sich die Hände und schieden von einander.
Nach langem Reisen kamen sie in das Königreich, wo die schöne Prinzessin wohnte. Da gefiel es ihnen so gut, daß sie beschlossen, dort zu bleiben, der eine wollte den Seedienst lernen, der andere unter die Landarmee treten. Da sie so schöne Leute waren, nahm der König sie alsbald an und sie waren so gewandt und geschickt, daß sie in kurzer Zeit der eine Major und der Jüngste Oberst wurden. Sie hatten so viel Geld von Hause mitgenommen, daß sie nicht zu knausern brauchten und ein herrliches Leben führen konnten. Da war kein Mangel an Dienerschaft und Pferden und Wagen; jeden Tag fuhren sie um Mittag aus und jeden Tag der Woche in einem andern Wagen mit sechs andern Pferden und andern Bedienten. Sie kamen dabei stets an dem Schlosse des Königs vorüber, und da wurde die schöne Prinzessin aufmerksam auf sie und kam jedesmal an das Fenster. Das bemerkten die zwei Prinzen bald, aber sie merkten nicht, wie die Liebe nach und nach in dem Herzen der Prinzessin Platz nahm und sie endlich nicht mehr ruhen ließ bei Tag und Nacht. Der Jüngste der beiden Prinzen, welcher auch der schönste war, gefiel ihr nämlich so gut, daß sie meinte, nicht ohne ihn leben zu können; sie mochte es aber Niemand sagen, denn sie war gar stolz und da sie Alles so in sich verbergen mußte fiel sie zuletzt in eine schwere Krankheit. Alle Aerzte im Lande mußten herbei, doch ihre Arzneien halfen nichts und es wurde von Tag zu Tage schlimmer mit ihr. Da ließ sich endlich ein uralter Mann am Hofe melden, der hatte sein ganzes Leben hindurch die Welt bereist und kannte alle Kräuter; er hatte einen Trank ausgefunden, der jede Krankheit auf der Stelle heilte, wenn sie auch noch so gefährlich war. Der König führte ihn zu der Prinzessin und kaum hatte der Alte sie gesehen, so sprach er: ‚Ich kann ihr helfen, aber ich muß mit ihr allein sein.‘ Als der König fortgegangen war, gab ihr der Alte einen stärkenden Trank, dann sagte er: ‚Ihr habt kein körperliches Leiden, sondern eine Herzenskrankheit und ich kann euch nur helfen, wenn ihr mir aufrichtig bekennt, was euch drückt.‘ Anfangs wollte die Prinzessin nicht mit der Sprache heraus, aber der Alte wußte ihr Vertrauen so zu gewinnen, daß sie ihm endlich Alles bekannte, doch bat sie ihn, er solle sich nur nichts davon merken lassen.
Da ging der Alte zum König und sprach: ‚Ich habe die Krankheit wohl überwunden, aber es bleibt noch eine Schwäche zurück. Wenn die Prinzessin jetzt viel Leute sieht und die rechten Leute, die ihr schön zu erzählen und sie zu unterhalten wissen, dann ist die Schwäche auch bald gehoben, denn dann denkt sie nicht darüber nach.‘ ‚Wen will sie denn sehen?‘ frug der König. ‚Von all meinen Hofherren will sie nichts wissen.‘ ‚Wen, das weiß ich nicht,‘ sprach der Alte, ‚aber es sind zwei vornehme Herren in der Stadt, einer ist Major und der andre Oberst; die könntet ihr einladen.‘ Der König freute sich des guten Rathes und sandte sogleich einen Bedienten zu den beiden Prinzen, um sie zum Mittagessen einzuladen. AIs der Bediente seinen Auftrag ausrichtete, gaben die Prinzen ihm keine Antwort; sie sagten zu dem Wirth, er solle ihnen das Essen wie jeden Tag bereit halten. Sie aßen wie immer zu Mittag, dann fuhren sie nach Gewohnheit aus und an dem Schlosse des Königs vorbei. Als der König das sah, fuhr er den Bedienten an, er habe wohl die Einladung nicht gehörig ausgerichtet, doch der sagte, das sei geschehen, die Herren hatten ihm aber keine Antwort gegeben. Da setzte sich der König des andern Morgens in seinen Wagen und fuhr selber zu den Prinzen, lud sie zu sich zu Tische und frug auch, warum sie am vorigen Tage nicht gekommen seien. ‚Man kann auf anderer Leute Reden nicht gehen,‘ sprachen sie. ‚Wenn wir so etwas auszurichten haben, thun wir es selbst.‘ Das freute den König, denn er dachte, da sie so stolz seien, müßten sie wohl von vornehmer Herkunft sein und er frug sie, wer sie denn eigentlich seien? Als er nun ihre Abstammung vernahm, da war er gar außer sich vor Freude und sprach, sie dürften nicht mehr in dem Wirthshaus wohnen, sondern müßten in seinen Pallast ziehen. Dieß geschah noch am selben Tage und Niemand war glücklicher darüber, als die schöne Prinzessin. Als der Jüngste sie nun so jeden Tag in ihrer ganzen Holdseeligkeit sah, da erwachte auch in seinem Herzen die Liebe zu ihr und da war es nicht weit mehr bis zur Verlobung und die Vermählung ließ auch nicht lang warten; also wurden die Beiden das glücklichste Paar auf Gottes Erdboden.
Ein paar Jahre hatten sie also beisammen gelebt, da sprach der Aeltere: ‚Lieber Bruder, ich habe den Seedienst nicht umsonst gelernt und kann es auf dem Lande nicht länger aushalten. Zudem finde ich hier mein Glück nicht, darum muß ich es anderswo suchen und will nächstens mit einem Schiffe gegen die Seeräuber ziehen.‘ ‚Thue das nicht,‘ sprach der Jüngste, ‚du weißt doch wohl, daß wir unserm Bruder versprochen haben, nicht von einander zu weichen in Freud und Leid, laß uns darum Wort halten und treu zusammen bleiben. Wenn du dein Glück finden sollst, dann kannst du es hier so gut finden, wie in einem andern Welttheil.‘ Der Aeltere bestand aber darauf, er wolle fort, da sprach der Jüngere: ‚Wenn du gehest, dann kann ich nicht bleiben, denn ich hatte mein Versprechen, wie hart es mir auch ankommt.‘ Und er ging zu seiner Frau und sprach: ‚Binnen acht Tagen verreise ich mit meinem Bruder, um ein wenig die Welt zu sehen; in Jahresfrist sind wir aber wieder zurück.‘ Ach wie da die arme Prinzessin weinte und jammerte; es brach ihm fast das Herz, doch er ließ sich in seinem Entschluß nicht irre machen, denn sein Wort war ihm allzu heilig. Als nun die Schiffe zur Abfahrt gerüstet da lagen, zog der Prinz sein Schwert und gab es seiner lieben Frau, indem er sprach: ‚Behalte dieß Schwert als ein Zeichen von mir; so lange es blank bleibt, geht es mir gut, und so lange du keinen Rost oder Flecken darauf siehst, bin ich dir getreu und das bleibe ich bis in den Tod.‘ Da gab ihm die Prinzessin ihr schneeweißes Gewand und sprach: ‚Dafür schenke ich dir diesen Mantel als ein Zeichen von mir; so lange er weiß bleibt, so lange bleibt meine Treue unverletzt.‘ Da küßten und umarmten sie sich unter vielen Thränen und die beiden Brüder gingen zu Schiffe. Die Prinzessin aber schaute ihnen noch lange nach, bis die weißen Segel fern auf dem Meer verschwanden.
Als sie etwa acht Wochen auf dem Meere waren, da kamen eines Morgens drei Schiffe mit Seeräubern gefahren, welche für den Sultan Beute machten. Die umzingelten das Schiff, worauf die beiden Brüder sich befanden und machten sie und alle Andere, welche mit ihnen fuhren, zu Gefangenen. Am folgenden Tage wurden sie vor den Sultan geführt. Als der ihre reichen und prächtigen Kleider sah, freute er sich über den Fang und frug sie, woher sie kämen und wer sie seien. Da erzählten sie ihm ihre Geschichte und baten, er möge sie doch wieder frei geben, sie wollten ihm schweres Geld senden, so viel, als er verlange. Jetzt war aber seine Freude erst recht groß, als er hörte, daß einer von ihnen der Gemahl der Prinzessin sei, welche ihn so schimpflich abgewiesen hatte, und er sprach: ‚Ich gäbe euch nicht um alles Gold auf der ganzen Welt, denn ich will mich an euch dafür rächen, daß die Prinzessin meinen Thron verschmäht hat; jetzt wird sie aber wohl zahm werden. Ihr seit Hunde und sollt bei den andern Hunden sitzen und mit ihnen fressen und schlafen.‘ Da ging ein trauriges Leben für die Brüder an und hundertmal beklagte der Aeltere, daß er seinem Bruder nicht gefolgt und ihn auch ins Unglück gestürzt hätte. Jeden Tag mußten sie die schimpflichsten Arbeiten verrichten; dazu bekamen sie kein anderes Essen, als die Brocken, welche vom Tische fielen, denn sobald die Glocke zum Mittagessen läutete, mußten sie mit den Hunden in das Speisezimmer laufen und sich unter den Tisch setzen. Die besten Brocken schnappten die Hunde ihnen dazu noch weg, so daß sie manchmal bittern Hunger litten. Oft mußten sie sich auch vor den Sultan legen, der alsdann seine Füße auf sie setzte und sie trat und schimpfte, wenn sie sich nur rührten. Das Schlimmste war ihr Lager im Hundestall, der sehr unrein war und nie gefegt werden durfte. Darum mußte der ältere Bruder jeden Morgen seine Kleider sämmtlich waschen, der jüngere hatte dieß jedoch nicht nöthig, denn an dem Gewande seiner Frau, welches er beständig trug, blieb kein Stäubchen hängen und es war immer schloßenweiß, wie der frischgefallene Schnee; das war sein einziger und größter Trost in diesen schweren Tagen.
Die Prinzessin hatte unterdessen fleißig nach dem Schwerte geschaut und war von Herzen froh, daß es stets so hell und blank blieb. Eines Morgens aber, als sie es erfreut darüber in der Hand hielt und betrachtete, lief ein trüber Hauch darüber und wie sie auch putzte und wischte, er wollte nicht weichen. Da ergriff ein schwerer Kummer ihr Herz, denn sie erkannte nun, daß ihrem lieben Gemahl ein Unglück begegnet sein müsse, und sie beschloß ihm nachzureisen, um ihn zu retten, koste es, was es wolle.
Als sie sich eben zur Abfahrt rüstete, kamen Boten in das Schloß, welche ihr meldeten, daß der Sultan aus der Türkei angekommen sei, der wolle zu ihr, da er viel mit ihr zu sprechen habe und wolle gegen Abend kommen. Sie ließ ihm wieder sagen, er könne kommen, jedoch nicht zu einer andern Zeit, als zwei Stunden vor Mittag und sechs Stunden nach Mittag. Es dauerte nicht lange, da war er schon im Schlosse, trat mit heimtückischer Freude in ihr Zimmer und sprach: ‚Vor Zeiten habet ihr meine Hand verschmäht, um euch mit einem armen Königssohn zu versprechen und den zum Gemahl zu nehmen. Der sitzt jetzt als Hund unter meinem Tische bei den andern Hunden und frißt die Brocken, welche herunter fallen. Ich habe euch aber immer noch lieb und frage euch, ob ihr jetzt meine Frau werden wollt und die mächtigste Fürstin auf der Welt. Bedenket, daß ihr ein solches Glück euer Leben lang nicht wieder findet, denn ihr bekommt die größten Schätze, die je Augen sahen und es ist kein Wunsch, der euch nicht sofort erfüllt würde.‘ Die Prinzessin meinte vor Schmerz zu vergehen, als sie hörte, wie der Sultan von ihrem lieben Manne sprach, und welch ein schreckliches Loos demselben zu Theil gefallen war. Sie faßte sich jedoch und sagte: ‚ Eure Gemahlin kann ich nie werden und wäret ihr selbst Kaiser der ganzen Welt,‘ und sie ging schnell in ihr Kämmerlein und ließ ihn stehn. Dort weinte sie sich recht aus, dann aber warf sie sich auf ihre Kniee nieder und betete zu Gott, er möge ihr Kraft und Muth in ihren Leiden geben und ihr Vorhaben segnen, damit sie ihren lieben Gemahl aus seiner schmählichen Gefangenschaft befreie. Gott erhörte ihr Gebet und stärkte sie so wunderbar, daß sie sich stark fühlte, Alles zu wagen und zu unternehmen.
Vor der Stadt lag eine Kapelle und ein Häuschen, da kehrten die Pilger ein, welche nach Jerusalem gingen. Dahin schickte sie ihre treueste Dienerin und ließ einem der Pilger seine Kleider abkaufen. Diese zog sie an, nahm ihre Harfe, welche sie meisterlich spielte, und ging Abends an den Strand, wo des Sultans Schiffe lagen. Da setzte sie sich hin, schlug ihre Harfe und sang: 

‚Was fehlet dir, mein Herz,
Daß du in mir so schlagest?
Wie kommt es, daß du dich
So heftig in mir regest?
Du störst bei finstrer Nacht
Mir alle meine Ruh,
Am Tag, bei finstrer Nacht.‘

Der Sultan, welcher grade auf seinem Schiffe stand, horchte auf und ließ den Harfner zu sich rufen, sprach: ‚Wie kommst‘ du zu diesen Liedern?‘ ‚Das sind so meine Träume,‘ antwortete der Harfner und sang weiter:

‚Es schlagen über mich
Die Unglückswellen her,
Ich schweb in Todesangst
Auf einem wilden Meer,
Die stört bei finstrer Nacht
Mir alle meine Ruh,
Am Tag, bei finstrer Nacht.‘

Dann fuhr er fort und sang in schönen Versen Alles, was dem Sultan mit der Prinzessin begegnet war. Da frug der Sultan abermals: ‚Wie kommst du zu diesen Liedern?‘ ‚Das sind so meine Träume,‘ sprach der Harfner. Da rief der Sultan erstaunt: „Du mußt mit mir ziehen, magst du dafür fordern, was du willst.‘ Hier kann ich nichts fordern,‘ sprach der Harfner. ‚Ich will aber mit euch ziehen und ein Jahr bei euch bleiben. Wenn es mir dann bei euch gefällt, bleibe ich, gefällt es mir nicht, so gehe ich, doch müßt ihr mir zuvor schwören, daß ihr mir drei Wünsche erfüllen und mich ziehen lassen wollt.‘ Da sprach der Sultan: ‚Ich gebe dir Alles, was dein Herz begehrt, das schwöre ich dir beim Feuer und meinem Bart,‘ und das ist der höchste Schwur, den die Türken thun. So blieb der Harfner auf dem Schiffe und fuhr am folgenden Tage frühmorgens mit dem Sultan ab. Dieser gewann ihn immer lieber wegen seiner wunderschönen Lieder, so daß der Harfner ihn endlich, wie man zu sagen pflegt, um einen Finger wickeln konnte und nichts begehrte, was nicht sogleich erfüllt worden wäre.
Als sie in dem Schlosse des Sultans ankamen, mußte der Harfner gleich am folgenden Tage bei der Tafel spielen und alle Gäste waren darüber außer sich vor Entzücken, nur nicht des Sultans Mutter, ein böses altes Heidenweib, welche stets nur Ränke und Böses sann und spann. Diese zankte fortwährend, wozu das Geleier diene und sie könne den Singsang nicht ausstehen, aber Niemand hörte auf sie und Alle wurden von Stunde zu Stunde lustiger. Als die Tafel fast zu Ende war, öffneten sich die Thüren und da kamen die Hunde und mit ihnen die beiden Prinzen herein, der Jüngere in seinem schneeweißen Gewand und sein armer Bruder. ‚Das sind Alles meine Hunde‘ sprach der Sultan und warf den Prinzen ein paar Brocken zu; doch da sprangen die andern Hunde herbei und schnappten sie ihnen weg. Der Harfner mußte sich sehr Gewalt anthun, als er dieß jammervolle Schauspiel ansah, aber er ließ sich nichts merken und sprach nur: ‚Mir scheint, ihr füttert eure Hunde schlecht, die beiden großen Menschenhunde sehen gar mager aus.‘ Dann warf er ihnen große Brocken hin, welche die beiden Prinzen gierig verschlangen, denn ein so reiches Mahl hatten sie lange nicht bekommen. Das ärgerte die alte Sultanin noch mehr, als sie aber darüber poltern wollte, fing der Harfner an zu singen und da ging sie voller Wuth weg. Aber auch der Sultan ärgerte sich darüber, darum stand er schnell von der Tafel auf, als das Lied zu Ende war. Zugleich kamen die Diener und schwangen ihre langen Peitschen, da wurde das Zimmer bald leer.

Am folgenden Tage sonnte sich der Sultan in seinem Rosengarten, wo die Sklaven arbeiteten, und er ließ den Harfner kommen, daß er vor ihm spiele. Da schlug er die Harfe gar schön und sang dazu:

‚Ich kam in kurzer Zeit
In einen schönen Garten,
Da sah ich also schöne stehn
Viel Blumen aller Arten;
Darunter sah ich eine Rose blühn,
Ich wollt, ich könnte sie für mich erziehn.

‚Das ist ein wunderliches Lied‘ sprach der Sultan, ‚aber sage mir nur welche Rose du meinst, ich will sie dir sogleich schenken.‘ ‚Ach das sind meine Gesänge so, ich habe keine von euren Rosen gemeint,‘ sprach der Harfner und fuhr fort:

‚Jetzt muß ich ganz betrübt
Aus diesem Garten gehn;
Niemand kommt fragen mich,
Wie es mir wird ergehn.
Die Unglückswellen fallen
Zu schwer über mich herein.‘

‚Welche Unglückswellen meinst du denn?‘ frug der Sultan und der Harfner antwortete: ‚Ach das sind meine Lieder so.‘ Da sprach der Sultan und wies dabei auf die beiden Prinzen hin, welche im Schweiß ihres Angesichtes graben mußten: ‚Kennst du die Hunde dort? die sind aus deinem Lande, gehe und sprich mit ihnen.‘ ‚Ich kenne sie nicht‘ erwiederte der Harfner, ‚aber ich bin auch nicht aus dem Lande, wo du mich gefunden hast, ich bin viel weiter her, will aber doch mit ihnen sprechen, ob sie meine Muttersprache verstehn.‘ Da ging er zu ihnen und machte allerlei Wischi waschi durcheinander daher, als ob er eine ganz fremde Sprache rede, doch die Prinzen sprachen: ‚Wir verstehen dich nicht‘ und das war ihnen nicht zu verdenken, denn das hätte kein Heidenkind verstanden. Der Harfner kam zum Sultan zurück und sprach: ‚Sie verstehen meine Sprache nicht, aber aus welchem Lande sind sie denn?‘ ‚Diese Hunde sind zwei Prinzen, welche ich gefangen halte, weil die Frau des einen meine Liebe verschmäht hat.‘ ‚Da geschieht ihnen recht‘ sprach der Harfner, ‚wenn sie aber mein wären, ließe ich sie feine Arbeiten machen, welches die andern Sklaven nicht können. Sie müßten mir schöne Körbe flechten, Käfige schnitzen und solche Dinge, womit ich mein Haus und meinen Garten verzierte.‘ Das sagte er aber, weil er wußte, daß die Prinzen solches in ihrer Jugend gelernt hatten und damit sie nicht mehr so harte Arbeit thun müßten. ‚Das ist ein guter Gedanke,‘ sprach der Sultan, ‚aber sie können es schwerlich.‘ ‚Es kommt auf eine Probe an,‘ erwiederte der Harfner. Da wurden ihnen Weiden und Messer und Holz gegeben und sie flochten und schnitzten so schön, daß der Sultan außer sich vor Freude war.
Mittags mußte der Harfner wieder bei Tische spielen und man setzte ihm ein reiches, kostbares Mahl vor, doch aß er nur sehr wenig davon. Als die Hunde aber herein gelassen wurden, da lockte er die zwei Prinzen zu sich und warf ihnen große Bissen zu. Das ärgerte die alte Sultanin und sie hetzte an dem Sultan und sprach: ‚Sieh doch, wie das gute Essen verschwendet wird. Es ist eine Schande, daß die Hunde es bekommen. Mach dem doch ein Ende.‘ Anfangs sprach der Sultan wohl, man solle den Harfner gewähren lassen, aber sie hörte nicht auf zu hetzen bis er ärgerlich rief: ‚Ich will nicht haben, daß du den Hunden dein Mahl gibst.‘ ‚Verzeiht, Herr Sultan,‘ sprach der Harfner, ‚die Hunde können nichts fordern, darum muß man ihnen geben. Wenn ihr aber nicht haben wollt, daß ich den armen Hunden eine gute Mahlzeit gebe, dann lasset mich in mein Vaterland zurück gehn.‘ Da schwieg der Sultan und ließ ihn gewähren.

Als aber jeden Mittag dieselbe Geschichte war, wurde der Sultan dessen endlich müde, denn die Alte sprach stets : ‚ Laß ihn nur laufen, er verdirbt dir die Hunde durch Leckerbissen und wer weiß, was er noch im Schilde führt. Den Christen ist nicht zu trauen.‘ Er sprach eines Tages: ‚Ich kann dem nicht länger zusehn, gehe sobald es dir geliebt.‘ ‚Dann will ich gleich morgen gehen,‘ sprach der Harfner und freute sich und lobte Gott in seinem Herzen. ‚Vorher aber müsset ihr mir euer Versprechen lösen und mir meine drei Wünsche gewähren.‘ ‚Thue das nur nicht, raunte die Alte dem Sultan ins Ohr, aber der sprach: ‚Ich muß es thun, denn ich habe es geschworen beim Feuer und meinem Bart. Sage mir, was du dir für drei Dinge wünschest und ich will sie dir gewähren.‘ Da that der Harfner, als ob er sich besänne und sprach alsdann: ‚Fürs erste wünsche ich mir den weißen Hund, (das war nämlich der Prinz, welcher das weiße Gewand trug) für’s zweite den andern Hund, welcher immer bei ihm ist und für’s dritte ein Schiff mit Geld und Mannschaft, um in mein Vaterland zu fahren.‘
Da machte der Sultan ein saures Gesicht, die Alte aber sprang und tanzte vor Wuth und rief: ‚Das geht nicht, die Hunde bekommst du nicht, du hast Hundes genug an dir selbst.‘ Der Harfner aber sprach: ‚Bedenket euren Schwur, Herr Sultan, ich verlange nur, was mir zukommt.‘ Der Sultan erwiederte: ‚Du forderst das Größte, was ich habe, aber da du mein Versprechen hast, sollst du Alles bekommen‘ und er ließ den Prinzen die Ketten abnehmen und sie auf das Schiff des Harfners führen. Der Harfner fiel ihm zu Füßen und dankte ihm für das Geschenk, doch der Sultan wollte nichts von Dank wissen und ging zornig weg.
Wer da glücklicher war, die Prinzessin d.f. Harfner, oder die beiden Prinzen, das ist schwer zu sagen. Gern hätten sie ihr für ihre Rettung gedankt, aber sie ging auf dem Schiffe nicht aus ihrer Kammer, ließ auch Niemanden zu sich herein, außer einem Mädchen, welches ihr das Essen brachte. Sie lag Tag und Nacht auf den Knieen und dankte Gott für alle Gnaden, welche er ihr erwiesen hatte, bat ihn, ihr ferner auch beizustehn und sie nicht zu verlassen in Leid und Freude. Das Schiff flog schnell über das Meer dahin und landete bald in einem Hafen ihres Königreiches. Da ging sie aus ihrer Kammer hervor und ließ die beiden Prinzen zu sich kommen. Sie wollten sich vor ihr auf die Kniee werfen, aber sie sprach: ‚Ihr brauchet mir nicht zu danken, danket Gott dem Herrn. Ich schenke euch eure Freiheit und Alles was im Schiffe ist, aber bevor ihr ans Land tretet, sollet ihr hier niederknieen und Gott die Ehre geben.‘ Da knieten die Prinzen und beteten inbrünstig, sie aber schlich sich unterdessen in ihren Harfnerkleidern leise fort und ging auf heimlichen Wegen der Hauptstadt zu.
Unterwegs traf sie einen Pilger, der ging desselben Wegs. Sie fragte ihn, was man sich Alles in der Stadt erzähle und wie es der Prinzessin ergehe. Der Pilger antwortete: ‚Man weiß nichts von ihr, sie ist weggegangen, seitdem der Sultan da war, und kein Mensch kann sagen wohin. Die Minister haben ihrem Vater aber gesagt, sie gehe auf schlechten Wegen und ihm so lange zugeredet, bis er an allen Straßenecken hat bekannt machen lassen, wer sie überliefere, der erhalte eine große Belohnung. Man will nämlich Gericht über sie halten und dann konnte es leicht ein schlechtes Ende mit ihr nehmen.‘ Die Prinzessin sprach: ‚Du kannst dir diese Belohnung verdienen, wenn du Alles thust, was ich dir sage, und du bekommst noch viel mehr dazu.‘ ‚Wie sollte das möglich sein?‘ frug der Pilger. ‚Ich bin die Prinzessin‘ sprach sie und verabredete sich mit ihm, was er zu thun habe. Dann ging sie mit ihm in das Haus vor der Stadt, wo die Pilger einzukehren pflegten und wechselte dort die Kleider; darauf band er sie und führte sie in das Gefängnis. 
Am selben Abend langten die beiden Prinzen gleichfalls in der Hauptstadt an und wurden mit großen Freuden empfangen. Das erste was der Jüngste aber sprach, war: ‚Wo ist meine liebe getreue Frau? ‚ Da traten die Minister zu ihm und antworteten: ‚Wir möchten lieber von ihr schweigen, aber da wir reden müssen, so müssen wir auch die Wahrheit sagen. Sie ist als eine feile Dirne im Lande herumgefahren und erst heute eingefangen und ins Gefängnis gebracht worden.‘ ‚Das ist nicht wahr‘ sprach der Prinz, ‚denn ihr Gewand ist so weiß, wie mein Schwert blank ist, darum kann ich es nicht glauben.‘ Da brachten sie aber Zeugen, welche aussagten, daß die Prinzessin zur Zeit wo der Sultan da gewesen, plötzlich verschwunden sei und daß Niemand sie seit dem Tage gesehen habe. Der Prinz sah sein Gewand an und es dünkte ihm weißer als je zuvor, doch da sprachen die Minister: ‚Das Gewand kann euch trügen, denn da sie so lange herumstreichen konnte, versteht sie sich gewiß auch auf Zauberkünste, darum darf man dem Gewande nicht trauen und dem Recht muß sein Lauf gelassen werden.‘ Der Prinz meinte, das Herz müsse ihm vor Leid zerspringen, als er das hörte, ach er hätte Alles so gern nicht geglaubt und er konnte doch am Ende nicht anders.
Am folgenden Tage wurde Gericht gehalten und da sich die Prinzessin gar nicht vertheidigte und kein Wort sprach, so wurde sie zum Tode am Galgen verurtheilt. Als der Tag herankam, wo das Urtheil sollte vollstreckt werden und man die schöne Prinzessin in groben Kleidern auf den Richtplatz führte, da war Trauer in der ganzen Stadt und wurde mehr geweint als gelacht. Auf dem Richtplatz war ein schwarzer Thron aufgeschlagen, worauf der Prinz saß, denn es war Sitte im Lande, daß Niemand hingerichtet werden durfte, als in Gegenwart des Königs oder eines Prinzen. Als er seine Frau sah, da brach er in Thränen aus, denn er glaubte immer noch sie müsse unschuldig sein und hielt sich beide Hände vors Gesicht, damit das Volk nicht sähe, wie bitterlich er weinte. Sie bat aber, man möge ihr nur eine Gnade schenken, bevor sie sterbe. Das wurde ihr zugesagt und sie sprach: ‚ Dann lasset mich einen Augenblick mit dem frommen Pilger, der dort steht, in dem Kapellchen allein beten und mich zum Tod vorbereiten.‘ Da schloß man ihr dies Kapellchen auf und sie trat mit dem Pilger hinein. Der hatte aber ihre Harfe unter seinem Mantel verborgen und auch die Kleider, in welchen sie vor dem Sultan gespielt und die beiden Prinzen erlöst hatte. Diese zog sie in der Sacristei rasch an, färbte ihr Gesicht und nahm die Harfe in die Hand. Also trat sie heraus und vor den Prinzen; der sah sie aber nicht, weil er so sehr weinte. Sie sang:

‚Kennst du den Harfner nicht,
Der dich ja hat erlöst?
Erlöset hat er dich
Aus Kerker und aus Banden
Und hat dich heimgebracht
Wol in dein Vaterland.

Ich falle nieder hier
Auf meine beiden Knie,
Ach du mein liebster Herr,
Verzeihe dieses mir,
Ich wollte dich ja nur
Für mich allein erziehn.‘

Als der Prinz die Stimme hörte und die Harfentöne dazu, hob er erstaunt sein Haupt, da erkannte er den Harfner und sprang von seinem Thron, um ihn zu umarmen und willkommen zu heißen. In demselben Augenblick aber warf der Harfner die falschen Kleider ab, da stand die Prinzessin da in ihrer ganzen Schönheit. Was das für Freude und Glückseligkeit war, das könnten tausend Schreiber in hundert Jahren nicht ausschreiben. Der Prinz erzählte vor allem Volke, daß er sein Leben einzig und allein seiner lieben Frau verdanke und da ging erst der Jubel recht los. Beide wurden im Triumph durch die Straßen der Stadt geführt und die Festlichkeiten wollten gar kein Ende nehmen.

Johann Wilhelm Wolf (1817-1855)

Streng geheim

Angst im Blut,

gefroren unter Maske verführt dahin zu gehen,

wo man selbst sich nicht erkennt.

Es ist nur reizvoll, nicht gut

über dünnes Eis zu gehen

Das Schöne vom Tag

Sehr freue ich mich auf den Herbst und Winter mit seinen Fleischgerichten und den getrockneten Pilzen in der Soße dazu.

Das Schöne vom Tag

Pilze suchen ist fein, Pilze finden wundervoll.

Die Geschichte von dem kleinen Muck

von Wilhelm Hauff

In Nicea, meiner lieben Heimatstadt, wohnte ein Mann, den man den kleinen Muck nannte. Er war schon ein alter Geselle, doch seine Gestalt war sonderbar. Er war gerade mal drei bis vier Schuhe hoch, und sein zierlicher Leib musste einen Kopf tragen, der viel größer und dicker war als bei anderen Leuten. Der kleine Muck wohnte ganz alleine in einem großen Haus. Man sah ihn oft am Abend auf seinem Dache auf und ab gehen. Von der Straße aus gesehen glaubte man, nur sein großer Kopf schwebe vorbei.

Ich und meine Kameraden waren böse Buben. Für uns war es immer ein Festtag, wenn der kleine Muck alle vier Wochen einmal ausging. Wir versammelten uns vor seinem Haus und warteten, bis er herauskam. Wenn dann die Türe aufging und der große Kopf mit einem noch größeren Turban herausguckte, ertönte die Luft von unserem Freudengeschrei. Wir warfen unsere Mützen in die Höhe und tanzten wie toll umher. Der kleine Muck aber grüßte uns mit einem steifen Nicken und ging langsam die Straße hinab. Wir liefen alle hinter ihm her und sangen unseren Vers:

„Kleiner Muck, kleiner Muck,
wohnst in einem großen Haus,
gehst nur ab und zu mal aus.
Bist ein braver, kleiner Zwerg,
hast ein Köpflein wie ein Berg.
Schau dich einmal um und guck,
lauf und fang uns, kleiner Muck!“

So hatten wir schon oft unsere Scherze getrieben, und zu meiner Schande muss ich es gestehen, ich war immer vorne mit dabei. Manchmal zupfte ich den kleinen Muck am Mäntelein, und einmal trat ich ihm von hinten auf die großen Pantoffeln, dass er hinfiel. Dies kam mir nun sehr lächerlich vor, aber das Lachen sollte mir noch vergehen. Ich sah den kleinen Muck nämlich in das Haus meines Vaters gehen. Als er wieder herauskam, begleitete mein Vater ihn und verabschiedete sich mit vielen Bücklingen von ihm. Mir war gar nicht wohl zumute.

Ich blieb noch lange in meinem Versteck, aber der Hunger trieb mich heraus. Mit gesenktem Kopf trat ich vor meinen Vater. Er sprach in sehr ernstem Tone: „Du hast, wie ich höre, den guten Muck zu Fall gebracht. Ich will dir mal die Geschichte von dem kleinen Muck erzählen. Danach wirst du ihn gewiss nicht mehr auslachen. Davor und danach bekommst du aber das Gewöhnliche.“ – Das Gewöhnliche waren fünfundzwanzig Hiebe, die mein Vater der Reihe nach abzählte. Er nahm sein langes Pfeifenrohr, schraubte die Spitze aus Bernstein ab und bearbeitete mich schlimmer als je zuvor. Dann erzählte er mir die versprochene Geschichte.

Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckrah hieß, war in Nicea ein angesehener, aber armer Mann. Er lebte beinahe so einsam, wie jetzt sein Sohn. Muckrah konnte seinen Sohn nicht recht leiden, weil er sich wegen seiner Zwerggestalt schämte. Der Alte stürzte einmal böse die Treppe herunter und starb daran. Die Verwandten, bei denen der Verstorbene noch Schulden hatte, jagten den kleinen Muck jetzt aus dem Hause und rieten ihm, sein Glück in der Welt zu suchen. Der kleine Muck bat sich aber noch den Anzug und den Dolch seines Vaters aus, was ihm auch bewilligt wurde.

Sein Vater war ein großer, starker Mann gewesen, daher wollten die Kleider dem kleinen Muck nicht recht passen. Er aber schnitt ab, was zu lang war, und zog die Kleider einfach an. Dabei schien er zu vergessen, dass man auch in der Weite etwas abschneiden musste. So kam es dann zu dem sonderbaren Aufzug, in dem der kleine Muck auch noch heute zu sehen ist. Der große Turban, der breite Gürtel, die weiten Hosen, das blaue Mäntelein, das alles sind Erbstücke seines Vaters.

Der kleine Muck steckte nun den Dolch in seinen Gürtel, ergriff ein Stöckchen und wanderte zum Tor hinaus. Fröhlich wanderte er den ganzen Tag, denn er war ja ausgezogen, um sein Glück zu suchen. Die Früchte des Feldes waren seine Nahrung und die harte Erde sein Nachtlager.

Am Morgen des dritten Tages erblickte er eine große Stadt. Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen. Bunte Fahnen schimmerten auf den Dächern und schienen dem kleinen Muck zu winken. „Ja, dort wird der kleine Muck sein Glück finden“, sprach er zu sich selbst, ergriff sein Stöckchen und ging mutig voran.

Er hatte schon einige Straßen der Stadt durchwandert, doch nirgends öffnete sich ihm eine Türe. Da schaute er sehnsüchtig zu einem großen, schönen Haus hinauf, und es öffnete sich ein Fenster. Eine alte Frau schaute heraus und rief mit singender Stimme:

„Herbei, herbei,
gekocht ist der Brei.
Den Tisch ließ ich decken,
drum lasst es euch schmecken.
Ihr Nachbarn herbei,
gekocht ist der Brei.“

Die Türe des Hauses öffnete sich, und Muck sah viele Katzen und Hunde hineinlaufen. Er überlegte kurz, ob er der Einladung folgen sollte. Dann stieg er aber die Treppe hinauf, wo ihm die alte Frau begegnete. Sie sah ihn mürrisch an und fragte nach seinem Verlangen. „Du hast doch jedermann zu deinem Brei geladen“, antwortete der kleine Muck. „Ich bin ja so hungrig, und darum bin ich gekommen.“

Die Alte lächelte und sprach: „Woher kommst du denn, du wunderlicher Geselle? Die ganze Stadt weiß, dass ich nur für meine lieben Katzen koche, und hier und da auch mal für die Tiere der Nachbarn.“

Der kleine Muck erzählte nun der alten Frau, wie es ihm nach dem Tod seines Vaters ergangen war. Die Frau mochte den kleinen Muck und gab ihm reichlich zu essen und zu trinken. Als er gesättigt war, betrachtete die Frau ihn lange und sagte schließlich: „Kleiner Muck, bleibe doch in meinen Diensten! Du hast wenig Mühe und sollst es alle Tage gut haben.“

Der kleine Muck nahm an, auch wenn der Dienst etwas sonderbar war. Frau Ahaszi hatte nämlich zwei Kater und vier Katzen. Die musste der kleine Muck jeden Morgen kämmen und mit köstlichen Salben einreiben. Und wenn Frau Ahaszi ausging, musste er auf die Katzen Acht geben und ihnen die Schüsseln vorlegen. Am Abend legte der kleine Muck die Katzen dann auf seidene Polster und hüllte sie in weiche Decken. Es waren aber auch noch kleine Hunde im Haus, die er bedienen sollte. Das machte aber nicht so viel Umstände, wie bei den verwöhnten Katzen.

Eine Zeit lang ging es dem kleinen Muck ganz gut. Er hatte immer zu essen und die alte Frau schien recht zufrieden mit ihm. Mit der Zeit wurden die Katzen aber unartig. Wenn die Alte ausgegangen war, sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher, warfen alles durcheinander und zerbrachen schönes Geschirr. Wenn die Katzen dann Frau Ahaszi die Treppe heraufkommen hörten, sprangen sie geschwind auf ihre Polster und wedelten artig mit den Schwänzen. Frau Ahaszi geriet jedes Mal in Zorn, wenn sie ihre Zimmer verwüstet sah. Sie schob alles auf den kleinen Muck, obwohl er seine Unschuld beteuerte.

Da beschloss der kleine Muck, den Dienst so bald wie möglich zu verlassen. Nun gab es in dem Haus aber ein Zimmer, das immer verschlossen war. Eines Morgens, als die Frau mal wieder ausgegangen war, zupfte ein Hündlein am Hosenbein vom kleinen Muck. Es schien so, als sollte er dem Hündlein folgen. Muck tat es, und siehe da, das Hündlein führte ihn in das Schlafkammer von Frau Ahaszi. Dort fand er kleine Türe, die er nie zuvor bemerkt hatte. Die Türe stand halb offen. Das Hündlein ging hinein, und Muck folgte ihm.

Jetzt erst merkte er, dass sie in dem Zimmer waren, welches stets verschlossen war. Der kleine Muck schaute sich um, doch er fand nur alte Kleider und wunderlich geformtes Geschirr. Er drehte sich noch ein letztes Mal im Kreise, da fielen ihm zwei mächtig große Pantoffeln ins Auge. Die konnte er für seine anstehende Reise gut gebrauchen, den sein alten Schuhe waren schon fast durchgelaufen. Er zog also schnell seine Schuhe aus und fuhr in die großen Pantoffeln hinein. Dann fand er auch noch in der Ecke ein Spazierstöckchen mit einem schön geschnittenen Löwenkopf. Er nahm es und eilte zum Zimmer hinaus.

Hui, jetzt ging der kleine Muck geschwind in seine Kammer, zog sein Mäntelein an, setzte den väterlichen Turban auf, steckte den Dolch in den Gürtel und lief im Sauseschritt zur Stadt hinaus. So schnell war er in seinem ganz Leben noch nicht gegangen. Ja, es schien ihm, als könne er gar nicht aufhören zu laufen. Eine unsichtbare Gewalt schien ihn einfach fortzureißen. Da merkte er, dass es mit den Pantoffeln eine besondere Bewandtnis hatte. Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen, aber es wollte nicht gelingen. In höchster Not rief er schließlich wie bei einem Pferd: „Ho, Ho!“ Da hielten die Pantoffeln an. Erschöpft warf sich Muck auf die Erde und schlief auf der Stelle ein.

Im Traume erschien ihm das Hündlein von Frau Ahaszi, das ihm zu den Pantoffeln verholfen hatte. Es sprach: „Lieber Muck, du verstehst den Gebrauch der Pantoffeln nicht recht. Wisse, wenn du dich dreimal auf dem Absatz drehst, kannst du hinfliegen, wohin du nur willst. Und mit dem Stöckchen kannst du Schätze finden. Dort, wo Gold vergraben ist, wird es dreimal auf die Erde schlagen, bei Silber nur zweimal.“

Als Muck aufwachte, dachte er über den Traum nach und beschloss, einen Versuch zu wagen. Er zog die Pantoffeln an und probierte sich auf dem Absatz zu drehen. Der Arme fiel einige Mal tüchtig auf die Nase, doch ließ er sich nicht abschrecken. Er versuchte es immer wieder, und endlich glückte es.

Wie ein Rad fuhr er auf seinem Absatz herum und wünschte sich in die nächste große Stadt. Die Pantoffeln ruderten hinauf in die Lüfte und liefen mit Windeseile durch die Wolken. Noch ehe sich der kleine Muck besinnen konnte, war er schon auf einem großen Marktplatz, wo unzählige Menschen geschäftig umherliefen.

Der kleine Muck überlegte nun, wie er sich wohl ein Stück Geld verdienen könnte. Er hatte zwar ein Stöckchen, das ihm verborgene Schätze anzeigte, aber wo sollte er suchen? – Auch hätte er sich zur Not für Geld auf dem Markte ausstellen können, aber dafür war er doch zu stolz.

Endlich fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße wieder ein, und er beschloss, sich als Schnellläufer zu verdingen. Da er aber hoffen durfte, dass der König dieser Stadt solche Dienste brauchte, fragte er nun nach dem Palast. Am Tor des Palastes stand eine Wache, die ihn fragte, was er hier zu suchen habe. Der kleine Muck antwortete, er wolle als Bote in die Dienste des Königs treten. Da schickte man ihn zum Aufseher der Sklaven.

Der Aufseher maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis Fuß und sprach: „Wie willst du denn mit deinen winzigen Füße königlicher Schnellläufer werden? Fort mit dir! Ich bin nicht dazu da, mit jedem Narren meine Zeit zu vertrödeln.“ Der kleine Muck versicherte ihm aber, dass es ihm ernst sei, und dass er mit dem Schnellsten um die Wette laufen wolle. Das kam dem Aufseher geradezu lächerlich vor, doch er befahl dem Muck, sich bis zum Abend bereitzuhalten. Dann begab sich der Aufseher zum König und erzählte ihm von dem übermütigen kleinen Kerl. Der König war ein lustiger Herr. Es gefiel ihm wohl, und er befahl dem Aufseher, auf einer großen Wiese hinter dem Schloss Anstalten zu treffen.

Am Abend kam der König mit seinen Gefolge dann zu der Wiese und nahm auf einem Gerüst den vordersten Platz ein. Der kleine Muck trat auf die Wiese und machte vor den hohen Herrschaften eine zierliche Verbeugung. Ein allgemeines Freudengeschrei ertönte, denn mit seinem großen Kopf sah der kleine Muck doch recht merkwürdig aus.

Der Aufseher der Sklaven hatte den besten königlichen Läufer ausgesucht. Dieser trat nun heraus, stellte sich neben den Kleinen, und beide warteten auf das Zeichen. Prinzessin Amarza erhob sich elegant und winkte mit einem Seidentuch. Da flogen die beiden Wettläufer wie zwei Pfeile über die Wiese. Von Anfang hatte der Gegner einen Vorsprung, aber Muck jagte ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk hinterher und holte ihn ein. Als der königliche Läufer dann das Ziel erreichte, stand Muck schon lange da und wippte fröhlich mit seinen Pantoffeln.

Die Zuschauer trauten ihren Augen nicht. Der König aber klatschte in die Hände. Da jauchzte die Menge, und alle riefen: „Hoch lebe der kleine Muck, der Sieger im Wettlauf!“

Er trat nun vor den König, warf sich nieder und sprach: „Großmächtiger König, ich habe Euch eine kleine Probe meiner Kunst gegeben. Wollt Ihr mir nun eine Stelle unter Euren Boten geben!“ Der König antwortete: „Nein, du sollst mein Leibläufer werden, lieber Muck. Du wirst jährlich hundert Goldstücke erhalten, und darfst auch an der Tafel meiner ersten Diener speisen.“

Die übrigen Diener des Königs hörten es mit Schrecken, und sie veranstalteten manche Verschwörung gegen den kleinen Muck, um ihn zu stürzen. Muck bemerkte dieses sehr wohl, sann aber nicht auf Rache, denn dafür hatte er ein zu gutes Herz. Doch in seiner Not fiel ihm wieder sein Stöckchen ein. Wenn er Schätze finden könnte, dachte er, würden ihm die Herren schon geneigter sein.

Der kleine Muck hatte schon oft gehört, dass der Vater des jetzigen Königs Schätze vergraben hatte, als der Feind anrückte. Man sagte auch, der alte König sei darüber gestorben und habe sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Von nun an nahm der kleine Muck immer sein Stöckchen mit und hoffte, die Schätze zu finden.

Eines Abends führte ihn der Zufall in einen entlegenen Teil des Schlossgartens. Plötzlich fühlte er das Stöckchen in seiner Hand zucken. Es schlug dreimal auf den Boden. Da wusste der kleine Muck, was das zu bedeuten hatte. Er schlich sich wieder in das Schloss, verschaffte sich einen Spaten und wartete die Nacht ab.

Als im Schloss dann Ruhe eingekehrt war, schlich sich der kleine Muck wieder in den Garten hinaus. Er grub nun einen harten Klumpen aus, der wie Eisen klang, wenn man darauf klopfte. Es war ein großer Topf, gefüllt mit vielen Goldstücken. Muck konnte den Topf aber nicht anheben. Darum steckte er sich Goldstücke ein, so viel er nur tragen konnte. Das Übrige bedeckte er wieder sorgfältig mit Erde und lief in sein Zimmer zurück.

Jetzt hatte er reichlich Gold und glaubte, damit die Gunst seiner Feinde gewinnen zu können. – Er hätte es eigentlich besser wissen müssen, denn wahre Freunde kann man mit Geld nicht kaufen. –

Das Gold, das der kleine Muck von jetzt austeilte, erweckte nur den Neid der Hofbediensteten, die nichts bekamen. Der Küchenmeister erzählte hinter vorgehaltener Hand: „Muck ist ein Falschmünzer.“ Der Sklavenaufseher flüsterte allen zu: „Der Zwerg hat es dem König abgeschwatzt.“ Und der Schatzmeister, der selbst in die Kasse des Königs gegriffen hatte, behauptete einfach: „Der Muck hat es gestohlen.“

Um nun der Sache ein Ende zu bereiten, trat der Mundschenk eines Tages recht traurig und niedergeschlagen vor den König. Er beklagte sich, dass der König seinen Leibläufer viel zu sehr mit Gold belade, seinen treuen Dienern aber wenig gebe. Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht und ließ sich von den Goldausteilungen des kleinen Muck erzählen. Nun war es leicht, den Verdacht zu schüren, dass Muck die Schatzkammer bestohlen habe. Diese Wendung war dem Schatzmeister natürlich sehr lieb, konnte er dem Muck doch alles in seine großen Pantoffeln schieben.

Der König gab jetzt den Befehl, alle Schritte vom kleinen Muck heimlich zu überwachen. Dieser beschloss schon bald wieder Goldstücke im Garten zu holen, weil sein Vorrat sich erschöpfte. In tiefster Nacht nahm er den Spaten und schlich hinaus in den Schlossgarten. Die Wachen folgten ihm aber, angeführt vom Küchenmeister und dem Schatzmeister. Als Muck das ausgegrabene Gold einsteckten fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn vor den König. Der Schatzmeister gab an, dass er den Muck überrascht habe, wie er einen Topf mit Gold in die Erde eingraben wollte. Der kleine Muck sagte aber, dass er diesen Topf im Garten entdeckt habe. Er habe ihn nicht ein-, sondern ausgraben wollen. Da lachten alle laut und der König rief: „Schatzmeister! Ist das Gold im Topf aus meinem Schatz?“ „Ja, mein Gebieter!“, antwortete der Schatzmeister. “ Es entspricht genau der Menge, die im königlichen Schatz fehlt.“ Da befahl der König, den kleinen Muck in Ketten zu legen. Dem Schatzmeister übergab er aber das Gold des kleinen Muck, um es in die Schatzkammer zu bringen.

Als dem kleinen Muck am anderen Tage auch noch sein Todurteil verkündet wurde, sagte er zu sich selbst: „Es ist vielleicht besser, wenn ich dem König das Geheimnis meines Zauberstöckchens verrate.“ Und so geschah es. Der König war erstaunt, doch er versprach, den kleinen Muck nicht zu töten, wenn er eine Probe mit dem Stöckchen bestehen könne. Der König befahl nun seiner Leibwache, einen Sack mit Gold an der Schlossmauer heimlich zu vergraben. Der kleine Muck fand ihn aber mit dem Stöckchen schnell, denn es schlug vor aller Augen dreimal aus.

Da merkte der König, dass der Schatzmeister gelogen hatte, und ließ ihn in den Kerker werfen. Zum kleinen Muck aber sprach er: „Ich habe dir dein Leben versprochen. Mir scheint aber, dass du noch andere Geheimnisse vor mir hast. Sage mir, wie du das mit dem Schnelllauf machst, oder du wirst auf ewig mein Gefangener bleiben.“

Der kleine Muck gab nun zu, dass seine ganze Kunst in den Pantoffeln liege. Doch er sagte den König nicht, wie man die Pantoffeln gebrauchen musste. Der König schlüpfte nun selbst in die Pantoffeln, um die Probe zu machen, und jagte wie unsinnig im Garten umher. Oft wollte er anhalten, doch er wusste beim besten Willen nicht wie. Der kleine Muck grinste ein wenig und ließ den König einfach weiterlaufen, bis dieser ohnmächtig zu Boden fiel.

Als der König wieder zur Besinnung kam, schimpfte er schrecklich über den kleinen Muck. Dann aber sagte er: „Ich habe dir mein Wort gegeben, dich frei zu lassen. Siehe zu, dass du in zwölf Stunden mein Land verlassen hast, sonst lasse ich dich aufknüpfen!“ Dann nahm der König die Pantoffeln und das Stöckchen und brachte sie in seine Schatzkammer.

Der arme Muck beeilte sich, rechtzeitig aus dem Land zu kommen und legte sich müde in einem Wald zur Ruhe. Am nächsten Morgen hingen aber, oh Wunder, köstliche Feigen an dem Baum, unter dem er geschlafen hatte. Muck stieg hinauf und ließ es sich gut schmecken. Dann ging er hinunter an den Bach, um seinen Durst zu löschen. Doch wie groß war sein Schrecken, als er seinen Kopf mit zwei gewaltigen Ohren und einer dicken, langen Nase im Wasser sah! Geschwind griff er mit den Händen nach den Ohren, und wirklich, sie waren da. „Ich verdiene Eselsohren!“, rief er aus. „Warum habe ich nur mein Glück wie ein Esel mit Füßen getreten?“

Verzweifelt wanderte er lange unter den Bäumen umher. Als er aber wieder den Hunger spürte, kletterte er erneut in einen Baum und aß von den köstlichen Feigen. Und siehe, die riesigen Ohren und die lange Nase waren mit einem Male wieder verschwunden.

Jetzt wusste der kleine Muck, wie es gekommen war. Schnell ging er zu dem ersten Baum zurück und pflückte dort so viele Feigen, wie er nur tragen konnte. Dann besorgte er sich in einem kleinen Dorf einen großen Hut und andere Kleider, und ging gut verkleidet in die Stadt des Königs.

Es war gerade die Jahreszeit, in der die reifen Früchte noch ziemlich selten waren. Darum setzte sich der kleine Muck vor das Tor des Palastes, denn er wusste, dass der Küchenmeister dort für die königliche Tafel kaufte. Muck hatte noch nicht lange gesessen, da kam der Küchenmeister schon über den Hof. Er musterte die Waren der Händler, die sich am Tor des Palastes eingefunden hatten. Da fiel sein Blick auch auf die Feigen von Muck. „Ah, ein seltener Bissen“, sagte der Küchenmeister, „das wird unserer Majestät gewiss behagen. Was willst du für deine Ware?“ Der kleine Muck sagte seinen Preis, und sie waren sich bald einig. Der Küchenmeister übergab den Korb einem Sklaven und ging weiter. Der kleine Muck aber machte sich aus dem Staub und ging wieder über die Grenze.

Der König war bei Tisch sehr heiter gestimmt und lobte seinem Küchenmeister für seine gute Küche. Der Küchenmeister schmunzelte nur freundlich. Als er aber die schönen Feigen aufsetzen ließ, da machte ein großes „Ah!“ die Runde. Der König, der mit solchen Leckerbissen sehr sparsam zu sein pflegte, teilte mit eigener Hand die Feigen aus. Jeder bekam eine, und er selbst aß gleich drei.

„Du lieber Gott!“, rief auf einmal Prinzessin Amarza. „Was geschieht mit dir, Vater?“ Alle sahen den König erstaunt an. Ungeheure Ohren hingen an seinem Kopf, und eine lange Nase fiel über sein Kinn herunter. Jetzt betrachten sich alle gegenseitig, und es war immer das Gleiche. Man schickte nach den Ärzten, aber sie konnten die Ohren und Nasen nicht zum Schrumpfen bringen. In ihrer Not operierten die Ärzte sogar einen Prinzen, doch die Ohren wuchsen einfach nur nach.

Muck hatte die ganze Geschichte von Reisenden gehört und erkannte, dass es jetzt an der Zeit war, zu handeln. Er ging zu dem zweiten Feigenbaum, der ihn von seinen Qualen erlöst hatte, und pflückte so viele Feigen, wie er tragen konnte. Dann besorgte er sich einen langen Bart aus Ziegenhaaren und die Kleidung von einem verstorbenen Arzt. So wanderte er wieder verkleidet zum Palast des Königs und bot seine Hilfe an. Man war zunächst sehr ungläubig. Doch da gab der fremde Arzt der Prinzessin eine Feige, was Ohren und Nase wieder in den alten Zustand versetzte. Jetzt wollten auch die anderen geheilt werden, darum bekam jeder eine Feige, nur nicht der König selbst. Der fremde Arzt hielt die letzte Feige hoch und fragte, welchen Lohn er für seine Dienste erwarten könne. Da führte der König ihn in seine Schatzkammer und sprach: „Hier sind meine Schätze. Wähle, was es auch sei. Es soll dir gehören, wenn du mir die Feige gibst.“

Das war süße Musik in den Ohren des kleinen Muck. Er hatte gleich beim Eintritt seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen, und gleich daneben lag auch sein Stöckchen. Er ging nun umher in der Kammer, und tat so, als wolle er sich etwas aussuchen. Kaum aber war er bei seinen Pantoffeln, schlüpfte er hinein und ergriff sein Stöckchen. Dann riss er seinen falschen Bart herab und zeigte dem erstaunten König seine wahre Gestalt.

„Treuloser König“, rief er, „du hast meine treuen Dienste mit Undank belohnt. Nimm als Strafe die Missgestalt, die du trägst. Ich lasse sie dir zurück, damit du dich täglich an den kleinen Muck erinnerst.“ Als er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell dreimal auf dem Absatz und wünschte sich weit weg. Noch ehe der König um Hilfe rufen konnte, war der kleine Muck verschwunden.

Ja, so hat es mir mein Vater erzählt. – Dann gab er mir die andere Hälfte des Gewöhnlichen.

Ich beeilte mich nun und erzählte die Geschichte meinen Kameraden weiter. Wir haben den kleinen Muck nie wieder beschimpft. Im Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte. Und wir haben uns vor ihm immer wie vor einem Kadi oder Mufti gebückt.“