Monatsarchiv: Februar 2020

Zum Tag

Länger schon beobachte ich im Bus zwei laut schnatternde Junggänse.

Eigens erlebte Patchworkfamiliengeschichten berichten sie sich gegenseitig. Ohrstöpselmusik tragen sie nicht, gelegentlich ein wohlbehütet eingepacktes Musikinstrument. Das Handy reicht eine der beiden Freundinnen der kleineren auch mitfahrenden Schwester, lässt sie ihr Spiel zu Ende bringen, um Ihrer Freundin besser zuhören zu können.

Und die hat was, echt.

Sie perliert über Bücher und den Wert dessen was sie schulisch gezwungenen lesen muss, zwar zu laut, aber mit solcher Hingabe, dass ich mir das beschriebene Buch demnächst besorge.

Genauso laut spricht die ca. 15jährige über den Werdegang der Kinder in der DDR. Jungpionier, sie weiß, die trugen blaue Halstücher – Thälmannpionier, sie weiß, die trugen rote Halstücher – FDJler. Hier weiß sie kurz nicht weiter zu anbefohlenen Kleidervorschriften, dann sagt sie… irgendwelche Blusen und hat Recht damit.

Jugendbewegungen können so viel bewirken meint sie, meint damit ihre eigene und stellt alle anderen von ihr nicht erlebten Jugenderlebnisse als absolut falsch beiseite.

So ein kluges Mädel, die schnapp ich mir demnächst zum Erzählen!

Blick in den Wandel – Februar 2020

Februar 2020

Sonntagsmärchen

Brüder [Gebrüder] Grimm

Die Bienenkönigin

Zwei Königssöhne gingen einmal auf Abenteuer
und gerieten in ein wildes, wüstes Leben,
so daß sie gar nicht wieder nach Hause kamen.
Der jüngste, welcher der Dummling hieß,
machte sich auf und suchte seine Brüder:
aber wie er sie endlich fand, verspotteten sie ihn,
daß er mit seiner Einfalt sich durch die Welt schlagen wollte,
und sie zwei könnten nicht durchkommen und wären doch viel klüger.
Sie zogen alle drei miteinander fort und kamen an einen Ameisenhaufen.
Die zwei ältesten wollten ihn aufwühlen und sehen,
wie die kleinen Ameisen in der Angst herumkröchen
und ihre Eier forttrügen, aber der Dummling sagte:
„Laßt die Tiere in Frieden, ich leid’s nicht, daß ihr sie stört.“
Da gingen sie weiter und kamen an einen See,
auf dem schwammen viele viele Enten.
Die zwei Brüder wollten ein paar fangen und braten,
aber der Dummling ließ es nicht zu und sprach:
„Laßt die Tiere in Frieden, ich leid’s nicht, daß ihr sie tötet.“
Endlich kamen sie an ein Bienennest, darin war so viel Honig,
daß er am Stamm herunterlief.
Die zwei wollten Feuer unter den Baum legen und die Bienen ersticken,
damit sie den Honig wegnehmen könnten.
Der Dummling hielt sie aber wieder ab und sprach:
„Laßt die Tiere in Frieden, ich leid’s nicht, daß ihr sie verbrennt.“

Endlich kamen die drei Brüder in ein Schloß,
wo in den Ställen lauter steinerne Pferde standen,
auch war kein Mensch zu sehen, und sie gingen durch alle Säle,
bis sie vor eine Tür ganz am Ende kamen, davor hingen drei Schlösser;
es war aber mitten in der Türe ein Lädlein,
dadurch konnte man in die Stube sehen.

Da sahen sie ein graues Männchen, das an einem Tisch saß.
Sie riefen es an, einmal, zweimal, aber es hörte nicht:
endlich riefen sie zum dritten mal, da stand es auf,
öffnete die Schlösser und kam heraus.
Es sprach aber kein Wort, sondern führte sie zu einem reichbesetzten Tisch;
und als sie gegessen und getrunken hatten,
brachte es einen jeglichen in sein eigenes Schlafgemach.
Am andern Morgen kam das graue Männchen zu dem ältesten,
winkte und leitete ihn zu einer steinernen Tafel,
darauf standen drei Aufgaben geschrieben,
wodurch das Schloß erlöst werden könnte.

Die erste war: in dem Wald unter dem Moos
lagen die Perlen der Königstochter, tausend an der Zahl,
die mußten aufgesucht werden,
und wenn vor Sonnenuntergang noch eine einzige fehlte,
so ward der, der gesucht hatte, zu Stein.
Der älteste ging hin und suchte den ganzen Tag,
als aber der Tag zu Ende war, hatte er erst hundert gefunden;
es geschah, wie auf der Tafel stand, er ward in Stein verwandelt.
Am folgenden Tag unter nahm der zweite Bruder das Abenteuer:
es ging ihm aber nicht viel besser als dem ältesten;
er fand nicht mehr als zweihundert Perlen und ward zu Stein.
Endlich kam auch an den Dummling die Reihe, der suchte im Moos,
es war aber so schwer, die Perlen zu finden, und ging so langsam.
Da setzte er sich auf einen Stein und weinte.
Und wie er so saß, kam der Ameisenkönig,
dem er einmal das Leben erhalten hatte, mit fünftausend Ameisen,
und es währte gar nicht lange,
so hatten die kleinen Tiere die Perlen miteinander gefunden
und auf einen Haufen getragen.

Die zweite Aufgabe aber war,
den Schlüssel zu der Schlafkammer der Königstochter aus der See zu holen.
Wie der Dummling zur See kam, schwammen die Enten,
die er einmal gerettet hatte, heran,
tauchten unter und holten den Schlüssel aus der Tiefe.

Die dritte Aufgabe aber war die schwerste,
aus den drei schlafenden Töchtern des Königs
sollte die jüngste und die liebste herausgesucht werden.
Sie glichen sich aber vollkommen und waren durch nichts verschieden,
als daß sie, bevor sie eingeschlafen waren,
verschiedene Süßigkeiten gegessen hatten, die älteste ein Stück Zucker,
die zweite ein wenig Sirup, die jüngste einen Löffel voll Honig.
Da kam die Bienenkönigin von den Bienen,
die der Dummling vor dem Feuer geschützt hatte,
und versuchte den Mund von allen dreien;
zuletzt blieb sie auf dem Mund sitzen, der Honig gegessen hatte
und so erkannte der Königssohn die rechte.

Da war der Zauber vorbei, alles war aus dem Schlafe erlöst
und wer von Stein war, erhielt seine menschliche Gestalt wieder.
Und der Dummling vermählte sich mit der jüngsten
und liebsten und ward König nach ihres Vaters Tod;
seine zwei Brüder aber erhielten die beiden andern Schwestern.

Blick in den Wandel

Zweiundzwanzigster Februar 2020

Das Lied zum Tag

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Das Lied zum Tag

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Vorderfrauen

Schneckchen

Streng geheim

Ein wehender Wind,

Ein starker.

Sicher ist.

Er tritt dich und nicht mich in den Arsch!

Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862
Däumelinchen

Es war einmal eine Frau, die sich sehr ein ganz kleines Kind wünschte; aber sie wußte gar nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: „Ich möchte so herzlich gern ein kleines Kind haben; kannst Du mir nicht sagen, wo ich das bekommen kann?“
„O! damit wollen wir schon fertig werden!“ sagte die Hexe. „Da hast Du ein Gerstenkorn; das ist gar nicht von der Art, wie die, welche auf des Landmanns Feld wachsen, oder welche die Hühner zu fressen bekommen; lege das in einen Blumentopf, so wirst Du was zu sehen bekommen!“
„Ich danke Dir!“ sagte die Frau und gab der Hexe zwölf Schillinge, denn so viel kostete es. Dann ging sie nach Hause und pflanzte das Gerstenkorn; und sogleich wuchs da eine herrliche, große Blume, die sah aus, wie eine Tulpe; aber die Blätter schlossen sich fest zusammen, gerade als ob sie noch in der Knospe wäre.
„Das ist eine wunderhübsche Blume!“ sagte die Frau und küßte sie auf die roten und gelben Blätter; aber gerade, indem sie darauf küßte, öffnete die Blume sich mit einem Knall. Es war eine wirkliche Tulpe, wie man nun sehen konnte; aber mitten in der Blume saß auf dem grünen Samengriffel ein ganz kleines Mädchen, so fein und niedlich! Sie war kaum einen halben Daumen hoch, und deshalb wurde sie Däumelinchen genannt.
Eine niedliche, lackirte Wallnußschale bekam sie zur Wiege, blaue Veilchenblätter waren ihre Matratzen und ein Rosenblatt ihr Deckbett. Da schlief sie des Nachts, aber am Tage spielte sie auf dem Tische, wo die Frau einen Teller hingestellt und ringsum mit einem Kranz von Blumen belegt hatte, deren Stengel in Wasser standen; darin schwamm ein großes Tulpenblatt, und auf diesem konnte Däumelinchen sitzen und von der einen Seite des Tellers nach der andern fahren; zum Rudern hatte sie zwei weiße Pferdehaare. Das sah einmal wunderhübsch aus! Sie konnte auch singen, und so fein und niedlich, wie man es noch nie gehört hatte. –
Einst, als sie Nachts in ihrem schönen Bette lag, kam eine häßliche Kröte durch das Fenster hereingehüpft, in dem eine Scheibe entzwei war. Die Kröte war sehr häßlich, groß und naß; sie hüpfte gerade auf den Tisch hinab, wo Däumelinchen lag und unter dem rothen Rosenblatte schlief.
„Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!“ sagte die Kröte; und da nahm sie die Wallnußschale, worin Däumelinchen schlief, und hüpfte mit ihr durchs Fenster, in den Garten hinunter.
Da floß ein großer, breiter Bach; aber das Ufer war sumpfig und morastig; hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohne. Hu! der war häßlich und garstig und glich ganz seiner Mutter! „Koax, koax, brekkekekex!“ Das war Alles, was er sagen konnte, als er das niedliche kleine Mädchen in der Wallnußschale erblickte.
„Sprich nicht so laut, denn sonst erwacht sie!“ sagte die alte Kröte. „Sie könnte uns noch entlaufen, denn sie ist so leicht, wie ein Schwanenflaum! Wir wollen sie auf eins der breiten Nixenblumenblätter in den Bach hinaus setzen; das ist für sie, die so leicht und klein ist, gerade wie eine Insel! Da kann sie nicht davonlaufen, während wir die Staatsstube unten unter dem Morast, wo Ihr wohnen und hausen sollt, in Stand setzen.“
Draußen in dem Bache wuchsen viele Nixenblumen mit den breiten grünen Blättern, welche aussehen, als schwämmen sie oben auf dem Wasser; das Blatt, welches am weitesten hinauslag, war auch das allergrößte; da schwamm die alte Kröte hinaus und setzte darauf die Wallnußschale mit Däumelinchen.
Das kleine, kleine Wesen erwachte früh Morgens, und als sie sah, wo sie war, fing sie recht bitterlich an zu weinen; denn es war Wasser zu allen Seiten des großen grünen Blattes, und sie konnte gar nicht an das Land kommen. –
Die alte Kröte saß unten im Morast und putzte ihre Stube mit Schilf und gelben Fischblattblumen aus; – es sollte da recht hübsch für die neue Schwiegertochter werden; – dann schwamm sie mit dem häßlichen Sohne zum Blatte hinaus, wo Däumelinchen war. Sie wollten ihr hübsches Bett holen, das sollte in das Brautgemach gestellt werden, bevor sie es selbst betrat. Die alte Kröte verneigte sich tief im Wasser vor ihr und sagte: „Hier siehst Du meinen Sohn, er wird Dein Mann sein; und Ihr werdet recht prächtig unten im Morast wohnen;“
„Koax, koax, brekkekekex!“ war Alles, was der Sohn sagen konnte.
Dann nahmen sie das niedliche kleine Bett und schwammen damit fort; aber Däumelinchen saß ganz allein auf dem grünen Blatte und weinte, denn sie mochte nicht bei der garstigen Kröte wohnen oder ihren häßlichen Sohn zum Manne haben. Die kleinen Fische, welche unten im Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen und auch gehört, was sie gesagt hatte: deshalb streckten sie die Köpfe hervor; sie wollten doch das kleine Mädchen sehen. Sobald sie es erblickten, fanden sie dasselbe so niedlich, daß es ihnen recht leid that, daß es zur häßlichen Kröte hinunter sollte. Nein, das durfte nie geschehen! Sie versammelten sich unten im Wasser rings um den grünen Stengel, welcher das Blatt hielt, auf dem es stand, nagten mit den Zähnen den Stiel ab, und da schwamm das Blatt den Bach hinab mit Däumelinchen davon, weit weg, wo die Kröte sie nicht erreichen konnte.
Däumelinchen segelte vor vielen Städten vorbei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: „Welch liebliches kleines Mädchen!“ Das Blatt schwamm mit ihr immer weiter und weiter fort; so reiste Däumelinchen außer Landes.
Ein niedlicher, kleiner weißer Schmetterling umflatterte sie stets und ließ sich zuletzt auf das Blatt nieder; Däumelinchen gefiel ihm, und sie war sehr erfreut darüber; denn nun konnte die Kröte sie nicht erreichen, und es war so schön, wo sie fuhr; die Sonne schien auf das Wasser und dieses glänzte, wie das herrlichste Gold. Sie nahm ihren Gürtel und band das eine Ende um den Schmetterling, das andere Ende des Bandes befestigte sie am Blatte; das glitt nun viel schneller davon und sie mit, denn sie stand ja auf demselben.
Da kam ein großer Maikäfer angeflogen, der erblickte sie und schlang augenblicklich seine Klauen um ihren schlanken Leib und flog mit ihr auf den Baum. Das grüne Blatt schwamm den Bach hinab, und der Schmetterling flog mit, denn er war an das Blatt festgebunden und konnte nicht von dem Blatte loskommen.
Gott, wie war das arme Däumelinchen erschrocken, als der Maikäfer mit ihr auf den Baum flog. Aber hauptsächlich war sie wegen des schönen weißen Schmetterlings betrübt, den sie an das Blatt festgebunden hatte; im Fall er sich nun nicht befreien könnte, müßte er ja verhungern. Allein darum kümmerte sich der Maikäfer gar nicht. Er setzte sich mit ihr auf das größte grüne Blatt des Baumes, gab ihr das Süße der Blumen zu essen und sagte, daß sie so niedlich sei, obgleich sie einem Maikäfer durchaus nicht gliche. Später kamen alle andern Maikäfer, die im Baume wohnten, und machten Visite; sie betrachteten Däumelinchen, und die Maikäferfräulein rümpften die Fühlhörner und sagten: „Sie hat doch nicht mehr als zwei Beine; das sieht erbärmlich aus!“ „Sie hat keine Fühlhörner!“ sagte eine andere. „Sie ist so schlank in der Taille; pfui! sie sieht wie ein Mensch aus! Wie sie häßlich ist!“ sagten alle Maikäferinnen, und doch war Däumelinchen so niedlich. Das erkannte auch der Maikäfer, der sie geraubt hatte. Aber als alle die Andern sagten, sie sei häßlich, glaubte er es zuletzt auch und wollte sie gar nicht haben; sie könne gehen, wohin sie wolle. Nun flogen sie mit ihr den Baum hinab und setzten sie auf ein Gänseblümchen; da weinte sie, weil sie so häßlich sei, daß die Maikäfer sie nicht haben wollten, und doch war sie das Lieblichste, was man sich denken konnte, so fein und zart, wie das schönste Rosenblatt.
Den ganzen Sommer über lebte das arme Däumelinchen ganz allein in dem großen Walde. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hing es unter einem Kleeblatte auf, so war sie vor dem Regen geschützt; sie pflückte das Süße der Blumen zur Speise und trank vom Thau, der jeden Morgen auf den Blättern stand. So vergingen Sommer und Herbst, aber nun kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel, die so schön vor ihr gesungen hatten, flogen davon; Bäume und Blumen verdorrten; das große Kleeblatt, unter dem sie gewohnt hatte, rollte zusammen, und es blieb nichts als ein gelber verwelkter Stengel zurück; und sie fror erschrecklich, denn ihre Kleider waren entzwei, und sie war selbst so fein und klein, das arme Däumelinchen: sie mußte erfrieren. Es fing an zu schneien, und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, war, als wenn man auf uns eine ganze Schaufel voll wirst; denn wir sind groß und sie war nur einen Zoll lang. Da hüllte sie sich in ein dürres Blatt ein, aber das riß in der Mitte entzwei und wollte nicht wärmen; sie zitterte vor Kälte.
Dicht vor dem Walde, wohin sie nun gekommen war, lag ein großes Kornfeld; aber das Korn war seit langer Zeit fort; nur die nackten, trocknen Stoppeln standen aus der gefrornen Erde hervor. Die waren gerade wie ein ganzer Wald für sie zu durchwandern; o, wie zitterte sie vor Kälte! Da gelangte sie vor die Thüre der Feldmaus. Die hatte ein kleines Loch unter den Kornstoppeln. Da wohnte die Feldmaus warm und gemüthlich, hatte die ganze Stube voll Korn, eine herrliche Küche und Speisekammer. Das arme Däumelinchen stellte sich in die Thüre, gerade wie ein armes Bettelmädchen, und bat um ein kleines Stück von einem Gerstenkorn, denn sie hatte seit zwei Tagen nicht das Mindeste zu essen gehabt.
„Du armes Thierchen!“ sagte die Feldmaus, denn im Grunde war es eine gute alte Feldmaus; „komm herein in meine warme Stube und speise mit mir!“
Da ihr nun Däumelinchen gefiel, sagte sie: „Du kannst meinetwegen den Winter über bei mir bleiben, aber Du mußt meine Stube sauber und rein halten und mir Geschichten erzählen, denn die liebe ich sehr.“ Und Däumelinchen tat, was die gute alte Feldmaus verlangte, und hatte es dafür außerordentlich gut.
„Nun werden wir bald Besuch erhalten!“ sagte die Feldmaus; „mein Nachbar pflegt mich alle Wochen ein Mal zu besuchen. Er steht sich noch besser, als ich, hat große Säle und trägt einen schönen, schwarzen Sammetpelz! Wenn Du den nur zum Manne bekommen könntest, so wärest Du gut versorgt. Aber er kann nicht sehen. Du mußt ihm die niedlichsten Geschichten erzählen, die Du weißt!“
Aber darum kümmerte sich Däumelinchen nicht; ihr lag gar nichts an dem Nachbar, denn es war ja ein Maulwurf.
Dieser kam und stattete in seinem schwarzen Sammetpelz Besuch ab. Er sei so reich und so gelehrt, sagte die Feldmaus; seine Wohnung sei auch über zwanzig Mal größer, als die der Feldmaus. Gelehrsamkeit besaß er, aber die Sonne und die schönen Blumen mochte er gar nicht leiden; von diesen sprach er schlecht, denn er hatte sie nie gesehen.
Däumelinchen mußte singen, und sie sang „Maikäfer, fliege!“ und „Geht der Pfaffe auf das Feld“. Da verliebte sich der Maulwurf in sie, der schönen Stimme halber; aber er sagte nichts: er war ein besonnener Mann. –
Er hatte sich vor Kurzem einen langen Gang durch die Erde von seinem bis zu ihrem Hause gegraben; in diesem erhielten die Feldmaus und Däumelinchen Erlaubniß, zu spazieren; so viel sie wollten. Aber er bat sie, sich nicht vor dem todten Vogel zu fürchten, der in dem Gange läge. Es war ein ganzer Vogel mit Federn und Schnabel, der sicher erst kürzlich gestorben war und nun begraben lag, gerade wo Jener seinen Gang gemacht hatte.
Der Maulwurf nahm ein Stück faules Holz in’s Maul, denn das schimmert wie Feuer im Dunkeln, und ging dann voran und leuchtete ihnen in dem langen, finstern Gange. Als sie dahin kamen, wo der todte Vogel lag, stemmte der Maulwurf seine breite Nase gegen die Decke und stieß die Erde auf, sodaß ein großes Loch entstand, durch welches das Licht hinunterscheinen konnte. Mitten auf dem Fußboden lag eine todte Schwalbe, die schönen Flügel fest an die Seiten gedrückt, die Füße und den Kopf unter die Federn gezogen; der arme Vogel war sicher vor Kälte gestorben. Das that Däumelinchen so leid; sie hielt so viel von allen kleinen Vögeln, die hatten ja den ganzen Sommer so schön vor ihr gesungen und gezwitschert; aber der Maulwurf stieß ihn mit seinen kurzen Beinen und sagte: „Nun pfeift er nicht mehr! Es muß doch erbärmlich sein, als kleiner Vogel geboren zu werden! Gott sei Dank, daß keins von meinen Kindern das wird; ein solcher Vogel hat ja nichts außer seinem Quivit und muß im Winter verhungern!“
„Ja, das mögt Ihr, als vernünftiger Mann, wohl sagen,“ sagte die Feldmaus. „Was hat der Vogel für all sein Quivit, wenn der Winter kommt? Er muß hungern und frieren. Doch das soll wohl gar vornehm sein!“
Däumelinchen sagte nichts, als aber die beiden Andern dem Vogel den Rücken wandten, neigte sie sich herab, schob die Federn zur Seite, welche den Kopf bedeckten, und küßte ihn auf die geschlossenen Augen.
„Vielleicht war er es, der so hübsch vor mir im Sommer sang,“ dachte sie. „Wie viel Freude hat er mir nicht gemacht, der liebe, schöne Vogel!“
Der Maulwurf stopfte nun das Loch zu, durch welches der Tag herein schien, und begleitete dann die Damen nach Hause. Aber des Nachts konnte Däumelinchen gar nicht schlafen; da stand sie aus ihrem Bette auf und flocht von Heu einen großen, schönen Teppich; den trug sie hin, breitete ihn über den toten Vogel aus und legte die feinen Staubfäden von Blumen, die weich wie Baumwolle waren, und die sie in der Stube der Feldmaus gefunden hatte, an die Seiten des Vogels, damit er in der kalten Erde warm liegen möge.
„Lebe wohl, Du schöner kleiner Vogel!“ sagte sie. „Lebe wohl und habe Dank für Deinen herrlichen Gesang im Sommer, als alle Bäume grün waren und die Sonne warm auf uns herabschien!“ Dann legte sie ihr Haupt an des Vogels Brust, erschrak aber zugleich, denn es war gerade, als ob drinnen etwas klopfte: Poch, Poch! Das war des Vogels Herz. Der Vogel war nicht todt; er lag nur betäubt da und war nun erwärmt worden und bekam wieder Leben.
Im Herbste fliegen alle Schwalben nach den warmen Ländern fort, aber ist eine da, die sich verspätet, dann friert die so, daß sie wie todt niederstürzt und liegen bleibt, wo sie hinfällt; der kalte Schnee bedeckt sie dann.
Däumelinchen zitterte ordentlich, so war sie erschrocken; denn der Vogel war ja groß, sehr groß gegen sie, die nur einen Zoll lang war. Aber sie faßte doch Muth, legte die Baumwolle dichter um die arme Schwalbe, holte ein Krausemünzblatt, welches sie selbst zum Deckbett gehabt hatte, und legte es über den Kopf des Vogels.
In der nächsten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm, und da war er lebendig, aber ganz matt; er konnte nur einen kurzen Augenblick seine Augen öffnen und Däumelinchen ansehen, die mit einem Stück faulem Holze in der Hand, denn eine andere Laterne hatte sie nicht, vor ihm stand. –
„Ich danke Dir, Du niedliches kleines Kind!“ sagte die kranke Schwalbe zu ihr. „Ich bin so herrlich erwärmt worden! Bald erlange ich meine Kräfte wieder und kann dann draußen in dem warmen Sonnenschein herumfliegen!“
„O!“ sagte sie, „es ist kalt draußen; es schneit und friert. Bleib in Deinem warmen Bette; ich werde Dich schon pflegen!“
Dann brachte sie der Schwalbe Wasser in einem Blumenblatt, und die trank und erzählte ihr, wie sie sich den einen Flügel an einem Dornenbusch wund gerissen und deshalb nicht so schnell hätte fliegen können, als die andern Schwalben, welche fortgeflogen seien, weit fort, nach den warmen Ländern. So sei sie zuletzt auf die Erde gefallen, aber mehr konnte sie sich nicht entsinnen, und wußte gar nicht, wie sie hierher gekommen war.
Den ganzen Winter blieb sie nun da unten, und Däumelinchen pflegte sie und hatte sie so lieb: weder der Maulwurf, noch die Feldmaus erfuhren etwas davon, denn die mochten ja die arme Schwalbe nicht leiden.
Sobald das Frühjahr kam und die Sonne die Erde erwärmte, sagte die Schwalbe dem Däumelinchen Lebewohl, die das Loch öffnete, welches der Maulwurf oben gemacht hatte. Die Sonne schien so herrlich zu ihnen herein, und die Schwalbe frug, ob sie mitkommen wolle; sie könne auf ihrem Rücken sitzen; sie wollten weit in den grünen Wald hineinfliegen. Aber Däumelinchen wußte, daß es die alte Feldmaus betrüben würde, wenn sie die so verließe.
„Nein, ich kann nicht!“ sagte Däumelinchen.
„Lebe wohl, lebe wohl! Du gutes, niedliches Mädchen!“ sagte die Schwalbe und flog hinaus in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr nach, und die Thränen traten ihr in die Augen, denn sie war der armen Schwalbe so gut.
„Quivit, quivit!“ sang der Vogel und flog in den grünen Wald. – Däumelinchen war sehr betrübt. Sie erhielt gar keine Erlaubniß, in den warmen Sonnenschein hinauszugehen. Das Korn, welches auf dem Felde, über dem Hause der Feldmaus, gesäet war, wuchs auch hoch in die Luft empor; das war ein ganz dichter Wald für das arme kleine Mädchen, die ja nur einen Zoll lang war.
„Nun bist Du Braut, Däumelinchen!“ sagte die Feldmaus. „Der Nachbar hat um Dich angehalten. Welch großes Glück für ein armes Kind! Nun mußt Du Deine Aussteuer nähen, sowohl Wollen- wie Leinenzeug; denn es darf an nichts fehlen, wenn Du des Maulwurfs Frau wirst!“
Däumelinchen mußte die Spindel drehen, und die Feldmaus mietete vier Spinnen, um Tag und Nacht für sie zu weben. Jeden Abend besuchte sie der Maulwurf und sprach dann immer davon, daß, wenn der Sommer zu Ende gehe, die Sonne lange nicht so warm scheinen werde; sie brenne ja jetzt die Erde fest wie einen Stein. Ja, wenn der Sommer vorbei sei, dann wolle er mit Däumelinchen Hochzeit halten. Aber die war gar nicht froh, denn sie mochte den langweiligen Maulwurf nicht leiden. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterging, stahl sie sich zur Thüre hinaus, und wenn dann der Wind die Kornähren trennte, sodaß sie den blauen Himmel erblicken konnte, dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen sei, und wünschte sehnlichst, die liebe Schwalbe wiederzusehen. Aber die kam nie wieder; die war gewiß weit weg in den schönen, grünen Wald geflogen.
Als es nun Herbst wurde, hatte Däumelinchen ihre ganze Aussteuer fertig.
„In vier Wochen sollst Du Hochzeit halten!“ sagte die Feldmaus zu ihr. Aber Däumelinchen weinte und sagte, sie wolle den langweiligen Maulwurf nicht haben.
„Schnickschnack!“ sagte die Feldmaus; sei nicht widerspenstig, denn sonst werde ich Dich mit meinen weißen Zähnen beißen! Es ist ja ein schöner Mann, den Du bekommst! Die Königin selbst hat nicht solch einen schwarzen Sammetpelz! Er hat Küche und Keller voll. Danke Du Gott dafür!“
Nun sollte die Hochzeit sein. Der Maulwurf war schon gekommen, Däumelinchen zu holen; sie sollte bei ihm wohnen, tief unter der Erde, und nie an die warme Sonne hinauskommen, denn die mochte er nicht leiden. Das arme Kind war so betrübt; sie sollte nun der schönen Sonne Lebewohl sagen, die sie doch bei der Feldmaus Erlaubniß gehabt hatte von der Thüre aus zu sehen.
„Lebe wohl, Du helle Sonne!“ sagte sie, streckte die Arme hoch empor und ging auch eine kleine Strecke vor dem Hause der Feldmaus weiter; denn nun war das Korn geerntet, und hier standen nur die trockenen Stoppeln. „Lebe wohl, lebe wohl!“ sagte sie und schlang ihre Arme um eine kleine rothe Blume, die dastand. „Grüße die kleine Schwalbe von mir, wenn Du sie zu sehen bekommst!“
„Quivit, quivit!“ ertönte es plötzlich über ihrem Kopfe; sie sah empor; es war die kleine Schwalbe, die gerade vorbeikam. Sobald sie Däumelinchen erblickte, wurde sie sehr erfreut; diese erzählte ihr, wie ungern sie den häßlichen Maulwurf zum Manne haben wolle, und daß sie dann tief unter der Erde wohnen solle, wo nie die Sonne scheine. Sie konnte sich nicht enthalten, dabei zu weinen.
„Nun kommt der kalte Winter,“ sagte die kleine Schwalbe; „ich fliege weit fort nach den warmen Ländern; willst Du mit mir kommen? Du kannst auf meinem Rücken sitzen; binde Dich nur mit Deinem Gürtel fest; dann fliegen wir von dem häßlichen Maulwurf und seiner dunkeln Stube fort, weit weg, über die Berge, nach den warmen Ländern, wo die Sonne schöner scheint, als hier, wo es immer Sommer ist und es herrliche Blumen gibt. Fliege nur mit mir, Du liebes, kleines Däumelinchen, die mein Leben gerettet hat, als ich erfroren in dem dunkeln Erdkeller lag!“
„Ja, ich werde mit Dir ziehen!“ sagte Däumelinchen, setzte sich auf des Vogels Rücken, mit den Füßen auf seine entfaltete Schwinge, und band ihren Gürtel an eine der stärksten Federn fest; da flog die Schwalbe hoch in die Luft hinauf, über Wald und über See, hoch hinauf über die großen Berge, wo immer Schnee liegt. Und Däumelinchen fror in der kalten Luft, aber dann verkroch sie sich unter des Vogels warme Federn und steckte nur den kleinen Kopf hervor, um all die Schönheiten unter sich zu bewundern.
Da kamen sie denn nach den warmen Ländern. Dort schien die Sonne weit heller, als hier: der Himmel war zweimal so hoch, und auf Gräben und Hecken wuchsen die schönsten grünen und blauen Weintrauben; in den Wäldern hingen Citronen und Apfelsinen; es duftete von Myrthen und Krausemünze, und auf den Landstraßen liefen die niedlichsten Kinder und spielten mit großen bunten Schmetterlingen. Aber die Schwalbe flog noch weiter fort, und es wurde schöner und schöner. Unter den herrlichsten grünen Bäumen an dem blauen See stand ein blendend weißes Marmorschloß, noch aus alten Zeiten! Weinreben rankten sich um die hohen Säulen empor; ganz oben waren viele Schwalbennester, und in einem derselben wohnte die Schwalbe, welche Däumelinchen trug.
„Hier ist mein Haus!“ sagte die Schwalbe. Aber es schickt sich nicht, daß Du mit da wohnst; ich bin nicht so eingerichtet, daß Du damit zufrieden sein kannst; suche Dir nun selbst eine der prächtigsten Blumen, die da unten wachsen; dann will ich Dich hineinsetzen, und Du sollst es so gut haben, wie Du es nur wünschest!“
„Das ist herrlich!“ sagte sie und klatschte in die kleinen Hände.
Da lag eine große weiße Marmorsäule, welche zu Boden gefallen und in drei Stücke gesprungen war; aber zwischen diesen wuchsen die schönsten großen, weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen hinunter und setzte sie auf eins der breiten Blätter. Aber wie erstaunte diese! Da saß ein kleiner Mann mitten in der Blume, so weiß und durchsichtig, als wäre er von Glas; die niedlichste Goldkrone trug er auf dem Kopfe und die herrlichsten Flügel an den Schultern; er war selbst nicht größer als Däumelinchen. Es war der Blume Engel. In jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine Frau; aber dieser war der König über Alle.
„Gott, wie ist er schön!“ flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu. Der kleine Prinz erschrack sehr über die Schwalbe, denn sie war ja gegen ihn, der so klein und fein war, ein ganzer Riesenvogel. Aber als er Däumelinchen erblickte, wurde er hoch erfreut; sie war das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Deshalb nahm er seine Goldkrone vom Haupte und setzte sie ihr auf, frug, wie sie heiße, und ob sie seine Frau werden wolle; dann solle sie Königin über alle Blumen sein! Ja, das war wahrlich ein anderer Mann als der Sohn der Kröte und der Maulwurf mit dem schwarzen Sammetpelze. Sie sagte deshalb „Ja“ zu dem herrlichen Prinzen. Und von jeder Blume kam eine Dame oder ein Herr, so niedlich, daß es eine Lust war; jeder brachte Däumelinchen ein Geschenk, aber das beste von allen waren ein Paar schöne Flügel von einer großen weißen Fliege; die wurden Däumelinchen am Rücken befestigt, und nun konnte sie auch von Blume zu Blume fliegen. Da gab es viele Freude, und die kleine Schwalbe saß oben in ihrem Neste und sollte das Hochzeitlied singen, und das that sie denn auch, so gut sie konnte; aber im Herzen war sie doch betrübt, denn sie war Däumelinchen so gut, o, gar so gut, und hätte sich nie von ihr trennen mögen. „Du sollst nicht Däumelinchen heißen!“ sagte der Blumenengel zu ihr. „Das ist ein häßlicher Name und Du bist so schön. Wir wollen Dich Maja nennen.“
„Lebe wohl, lebe wohl!“ sagte die kleine Schwalbe mit schwerem Herzen und flog wieder fort von den warmen Ländern, weit weg nach Dänemark zurück. Dort hatte sie ein kleines Nest über dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann. Vor ihm sang sie „Quivit, quivit!“ Daher wissen wir die ganze Geschichte.

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Blick in den Wandel

Fünfzehnter Februar 2020