Heimatstadt oder die Gaststätte „ Zum Kuchendeckel

Lange war ich nicht hier, in der Gaststätte „Zum Kuchendeckel „, das letzte Mal zu meiner Jugendweihe, also vor 41 Jahren.

Als ich Kind war, lief ich oft mit den Eltern und meiner Schwester den 1 Kilometer von unserer Wohnung zu diesem Ort. Dort das Abendessen einzunehmen war immer etwas ganz besonderes. Meine Mutter musste nicht kochen und war deswegen gut gelaunt, mein Vater freute sich Freunde zu treffen und wir Kinder uns auf einen lustigen Abend am Spieltisch. Immer bekam ich einen Groschen vom Vater für ihn und noch einen Groschen für den Automaten mit den Zitronendrops, der auf dem Weg zu Toilette hing. Kinderglückseeligkeit.

Den Süßigkeitsspender gibt es nicht mehr, wohl aber noch den Spieltisch.

Unbenutzt,verstaubt und vollgestellt steht er im Raum zu den Toiletten, für das Foto räume ich ihn frei.

Den Wirt, der 10 Jahre älter ist als ich, habe ich vorher gefragt. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle ihm, dass ich oft mit den Eltern früher hier bei seinen Eltern war. Er erinnert sich:“ Sie sehen aus wie ihr Vater.“ sagt er, Recht hat er.

Oft habe ich, während die Eltern sich mit anderen Gästen unterhielten, damals traf man sich noch am Abend in den Kneipchen der Stadt um zu plaudern, in der Küche der Gaststätte gesessen und mich der alten, Kartoffeln schälenden Großmutter, die immer schwarze Kleider schon damals längst vergangener Tage trug, beigesellt, immer war ich ihr willkommen. Auch das erzähle ich dem Wirt. Natürlich ist die alte Frau lange tot, aber seine 94jährige Mutter lebt noch. Alte Geschichten werden wach in unser beider Köpfen.

Alt wie die Gaststätte selber, die er in vierter Generation fortführt.

Wie kommt es zu dem eigenartigen Namen? In der Speisekarte kann jeder der es wissen will nachlesen.

Ansonsten hat sie sich in den 40 vergangenen Jahren nicht geändert. Regionale Hausmannskost gibt es hier, zu kleinen Preisen und immer noch lecker und gut.

Wie früher bestelle ich mir eine „Scharfe Sache“, das ist kalter Schweinebraten auf mit Meerrettich und Senf bestrichenem und mit saurer Gurke belegtem Schwarzbrot. Meine Lieblingsspeise als Fünfjährige!, dafür würde ich von allen Erwachsen angestaunt. Leider bekomme ich sie nicht. Hier wird der Schweinebraten noch selber gemacht, der Wirt hat ab dem nächsten Tag Urlaub, deshalb gibt es nur noch was in der Küche vorrätig ist… hausgemachte Sülze und Bratkartoffeln. Köstliches, einfaches Essen.

Mein Mann entscheidet sich für Soljanka und Würzfleisch, ebenfalls DDR- Klassiker und wird genauso zufrieden damit wie ich mit meinem Essen. Zusammen mit einem Bier und einem Wasser bezahlen wir 17,40 Euro.

Wir kommen wieder sagen wir dem Wirt.

“ Beeilt euch“ sagt er. „Nächstes Jahr werde ich 65, ich habe 3 Kinder, keines will die Gaststätte übernehmen.“

Lebensgeschichten eben, vielleicht doch noch länger. Es wäre wünschenswert, nicht nur wegen des alten Kachelofens

und der immer noch Uralteinrichtung dieses liebenswertem Kneipchens.

19 Antworten zu “Heimatstadt oder die Gaststätte „ Zum Kuchendeckel

  1. Eine sehr schöne Erinnerung, Arabella.

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  2. so schön in Erinnerungen schwelgen- Überall gibt es diese Veränderungen- cool und hipp- nicht gemütlich zum verweilen und plaudern – gut, die jüngeren
    haben gerne alles anders- wir wollten das auch immer als wir jung waren- kochen selbst mal nostalgisch und essen dann eben gemütlich zu Hause.- ab und zu Gerichte der schwäbischen Küche können auch lecker sein, vor allem im Herbst oder Winter. Oder „alt hergebrachte Traditionen“ neu erfinden.

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  3. Schöne Erinnerung, fein erzählt …
    Hab Dank dafür liebe Arabella!
    Herzliche Abendgrüße vom Lu

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  4. Sie verstehen es wahrhaftig, den Leuten Sachsen „schmackhaft“ zu machen. Mich muss man da nicht überzeugen. Ich bin an der Grenze zwischen Anhalt und Sachsen aufgewachsen. 😊

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  5. hübsch 🙂
    und mit kachelofen
    sehr gemütlich
    die soljanka wäre ganz sicher nicht meine erste wahl gewesen
    das würzfleisch allerdings schon
    damit krichste mich immer 🙂
    mit worchestersoße und halbverbranntem toast kicher kicher
    ich kauf noch immer die dresdner version davon also nich vom toastbrot 😀
    dein bratenbrot hätt ich auch gegessen aber ohne meerrettich
    da komm ich nich ran
    früher gabs in unserer kaschemme tatar
    also einfach nur trocken brot und auf nem holzbrett
    rinderhack mit ner mulde in der mitte und nem rohen ei drin
    selbst mischen selbst stulle schmieren selbst würzen
    darf man denn erfahren in welcher stadt der kuchendeckel is ?
    gruß ronny

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  6. Richtig schön. Sofort hinfahren. Scheiße. Die Kleeche. Bin ja noch kein Rentner.

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  7. Man bekommt richtig Lust da mal hinzugehen.

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