Monatsarchiv: September 2019

Vorderfrauen

Feines

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Sonntagsmärchen

Wilhelm Hauff: Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 – Kapitel 2 Quellenangabe

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Die Karawane
Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre Nähe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen und helleuchtende Gewänder das Auge. So stellte sich die Karawane einem Manne dar, welcher von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt ein schönes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an dem hochroten Riemenwerk hingen silberne Glöckchen, und auf dem Kopf des Pferdes wehte ein schöner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus, und sein Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weißer Turban, reich mit Gold bestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten Beinkleider waren von brennendem Rot, ein gekrümmtes Schwert mit reichem Griff an seiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Gesicht gedrückt; dies und die schwarzen Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Nase herabhing, gaben ihm ein wildes, kühnes Aussehen.
Als der Reiter ungefähr auf fünfzig Schritt dem Vortrab der Karawane nahe war, spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein so ungewöhnliches Ereignis, einen einzelnen Reiter durch die Wüste ziehen zu sehen, daß die Wächter des Zuges, einen Überfall befürchtend, ihm ihre Lanzen entgegenstreckten.
»Was wollt ihr«, rief der Reiter, als er sich so kriegerisch empfangen sah, »glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane angreifen?«
Beschämt schwangen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr.
»Wer ist der Herr der Karawane?« fragte der Reiter.
»Sie gehört nicht einem Herrn«, antwortete der Gefragte, »sondern es sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen und die wir durch die Wüste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden beunruhigt.«
»So führt mich zu den Kaufleuten«, begehrte der Fremde.
»Das kann jetzt nicht geschehen«, antwortete der Führer, »weil wir ohne Aufenthalt weiterziehen müssen und die Kaufleute wenigstens eine Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten, bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch willfahren.«
Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an in großen Zügen zu rauchen, indem er neben dem Anführer des Vortrabs weiterritt. Dieser wußte nicht, was er aus dem Fremden machen sollte; er wagte es nicht, ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so künstlich er auch ein Gespräch anzuknüpfen suchte, der Fremde hatte auf das: »Ihr raucht da einen guten Tabak«, oder: »Euer Rapp‘ hat einen braven Schritt«, immer nur mit einem kurzen »Ja, ja!« geantwortet.
Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten wollte. Der Anführer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er selbst hielt mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen. Dreißig Kamele, schwer beladen, zogen vorüber, von bewaffneten Führern geleitet. Nach diesen kamen auf schönen Pferden die fünf Kaufleute, denen die Karawane gehörte. Es waren meistens Männer von vorgerücktem Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien viel jünger als die übrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine große Anzahl Kamele und Packpferde schloß den Zug.
Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings umhergestellt. In der Mitte war ein großes Zelt von blauem Seidenzeug. Dorthin führte der Anführer der Wache den Fremden. Als sie durch den Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fünf Kaufleute auf goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven reichten ihnen Speise und Getränke. »Wen bringt Ihr uns da?« rief der junge Kaufmann dem Führer zu.
Ehe noch der Führer antworten konnte, sprach der Fremde: »Ich heiße Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka von einer Räuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich aus der Gefangenschaft befreit. Der große Prophet ließ mich die Glocken eurer Karawane in weiter Ferne hören, und so kam ich bei euch an. Erlaubet mir, daß ich in eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet euren Schutz keinem Unwürdigen schenken, und so ihr nach Bagdad kommet, werde ich eure Güte reichlich belohnen denn ich bin der Neffe des Großwesirs.«
Der älteste der Kaufleute nahm das Wort: »Selim Baruch«, sprach er, »sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir beizustehen; vor allem aber setze dich und iß und trinke mit uns.«
Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und aß und trank mit ihnen. Nach dem Essen räumten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten lange Pfeifen und türkischen Sorbet. Die Kaufleute saßen lange schweigend, indem sie die bläulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und endlich in die Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach endlich das Stillschweigen: »So sitzen wir seit drei Tagen«, sprach er, »zu Pferd und am Tisch, ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich verspüre gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänzer zu sehen oder Gesang und Musik zu hören. Wißt ihr gar nichts, meine Freunde, das uns die Zeit vertreibt?«
Die vier älteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft nachzusinnen, der Fremde aber sprach: »Wenn es mir erlaubt ist, will ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz könnte einer von uns den anderen etwas erzählen. Dies könnte uns schon die Zeit vertreiben.«
»Selim Baruch, du hast wahr gesprochen«, sagte Achmet, der älteste der Kaufleute, »laßt uns den Vorschlag annehmen.«
»Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt«, sprach Selim, »damit ihr aber sehet, daß ich nichts Unbilliges verlange, so will ich den Anfang machen.«
Vergnügt rückten die fünf Kaufleute näher zusammen und ließen den Fremden in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten glühende Kohlen zum Anzünden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem tüchtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart über dem Mund weg und sprach:
»So hört denn die Geschichte vom Kalif Storch.«

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Sonntagsmärchen

Adalbert Stifter

Der große Schneefall im Bayrischem Wald

In der Nacht von Sonntag auf Montag erhob sich ein Wind, der morgens zum Sturme wuchs. Als es graute, sah ich, daß die Gegend mit Schnee bedeckt sei, und als die Tageshelle gekommen war, sah ich auch, daß es heftig schneite. Das Thermometer zeigte Null Grad. Ich hoffte daher, daß unter Tags Regen kommen werde, aber es blieb bei Null, und das Schneien wurde stärker. Ich faßte Besorgnisse. Um zwölf Uhr kam der Wagen. Der Kutscher sagte zu mir: »Sie können nicht fahren. Es sind schon Schneeverwehungen. Auf dem Rosenberger Wege herauf brauchte ich Männer, die mir den Wagen hielten, daß er nicht stürze, und die Pferde sanken oft bis an den Bauch. Ich werde nach Schwarzenberg trachten. Von dort ist die Straße fahrbarer, vielleicht komme ich nach Aigen. Wenn es nicht geht, warte ich in Schwarzenberg auf das Weitere.« Alle Männer, der Pächter, der Wirt und die im Gasthause waren, sagten, ich dürfe mich der Gefahr nicht aussetzen, auf freiem Felde mit dem Wagen liegenbleiben zu müssen. Wie hier die Gegend und wie jetzt die Jahreszeit ist, wird es sich bald ändern. Der Schnee ist ganz naß, morgen regnet es, und alles ist gut. Ich sagte also zu dem Kutscher, er möge wieder mit Männern den Wagen nach Schwarzenberg bringen und dort tun, wie er für gut finde. Sei er morgen in Schwarzenberg, und es trete Regen ein, und man könne fahren, so möge er wieder um mich kommen. Er sagte es zu, und in einer Stunde fuhr er fort.

Und von nun an erlebte ich ein Naturereignis, das ich nie gesehen hatte, das ich nicht für möglich gehalten hätte, und das ich nicht vergessen werde, solange ich lebe. Es wurde ein Schneesturm, wie ich ihn nie ahnte, und es wurden Wirkungen, die weit über mein Wissen gingen. Und zweiundsiebzig Stunden dauerte die Erscheinung bei ihrem ersten Auftreten ununterbrochen fort.

Als sich der Kutscher entfernt hatte, stand ich an dem Fenster und betrachtete, was draußen geschah. Anna, meine Haushälterin, erzählte mir Geschichten, wie Menschen an Orten eingeschneit worden seien und lange nicht fortgekonnt hatten. Da ich selber in einem Schneelande geboren und mit Winterstürmen vertraut bin und weiß, wie das ausläuft, achtete ich nicht auf sie. Ich kehrte meine Aufmerksamkeit nach außen. Die Gestaltungen der Gegend waren nicht mehr sichtbar. Es war ein Gemisch da von undurchdringlichem Grau und Weiß, von Licht und Dämmerung, von Tag und Nacht, das sich unaufhörlich regte und durcheinandertobte, alles verschlang, unendlich groß zu sein schien, in sich selber bald weiße, fliegende Streifen gebar, bald ganz weiße Flächen, bald Ballen und andere Gebilde und sogar in der nächsten Nähe nicht die geringste Linie oder Grenze eines festen Körpers erblicken ließ. Selbst die Oberfläche des Schnees war nicht klar zu erkennen. Die Erscheinung hatte etwas Furchtbares und großartig Erhabenes. Die Erhabenheit wirkte auf mich mit Gewalt, und ich konnte mich von dem Fenster nicht trennen. Nur war ich des Kutschers wegen, der jetzt zwischen mir und Schwarzenberg sein mußte, besorgt. Das Thermometer stand unbeweglich auf Null.

Da ich einen Spaziergang im Freien nicht machen konnte, nahm ich meinen Mantel um und ging in dem Gange des Hauptgebäudes im ersten Stockwerk hin und wieder. Ich blickte auch hier mit Staunen durch die Fenster der beiden Ebenen des Ganges hinaus. Es war immer dasselbe, das Außerordentliche. Überall im Hause war Schnee, weil er durch die feinsten Ritzen eindrang.

Gegen die Dämmerung ließ ich meinen Boten Joseph aus dem Nebenhäuschen des Rosenberger Hauses holen und fragte ihn, ob er sich nach Schwarzenberg zu gehen getraue.

»Mit einer Laterne schon«, sagte er, »es ist nicht so schreckhaft.«

Ich gab ihm einen Brief an meine Gattin, worin ich ihr meldete, daß ich wegen zu starken Schneiens nicht abreise, daß ich aber den ersten bessern Tag zur Abreise benützen werde; ich trug ihm auf, daß er auf die Post warten und mir den Brief, der aus Linz kommt, bringen möge.

Er ging später mit einer Laterne fort.

Ich packte aus meinem Koffer wieder einiges Notwendiges aus und saß dann mit Anna bei unserm Lichte an dem Tische. Wie es draußen sei, konnten wir nicht erkennen, da alles völlig schwarz geworden war; aber den Sturm hörten wir rütteln, und das sahen wir, daß die Fenster unserer Küche und der Kammer daneben, die keine Außenfenster hatten, schon ganz zugeschneit waren.

Da wir unsere Abendsuppe gegessen hatten, schickte ich Anna in ihre Schlafkammer im Hauptgebäude und wartete auf meinen Boten. Er kam eine halbe Stunde nach zehn Uhr bis auf die Brust hinauf mit Schnee überhüllt.

»Morgen kann niemand mehr ausgehen«, sagte er und gab mir den Brief.

Auf mein Befragen erzählte er mir, daß der Kutscher aus Aigen nicht in Schwarzenberg geblieben, sondern nach Aigen fort sei. Die Post, die in einem Schlitten gekommen sei, habe ihn in Ulrichsberg gesehen, von wo er bis Aigen keine Gefahr mehr habe. Ich reichte ihm seinen Lohn, ließ ihn durch meine untere Treppentür ins Freie und versperrte mich dann in meiner Wohnung. Mariens, unserer Magd, Brief sagte mir, es gehe immer besser, und meine Gattin freue sich schon, daß ich bald nach Linz kommen werde.

Ich suchte nun meine Ruhestätte, in welche wenig Schlaf gelangte.

Es erschien nun der Dienstag, und bei dem ersten Tagesschimmer sahen wir, daß es draußen gedauert habe wie gestern, und daß es noch dauere. An den Mauern des Hauptgebäudes sahen wir jetzt das Emporwachsen des Schnees. Vor unseren Fenstern war ein Berg desselben, aus dem Garten dämmerte einer herüber, der schon höher war als das Gartenhaus, die Tür des Hauptgebäudes war verschneit, so daß, als eine Magd sie von innen öffnete, der Schnee auf sie hereinfiel, daß sie mit hölzernen Schaufeln ausgeschaufelt werden mußte. Die Mauern waren weiß, und von allen Vorsprüngen und Dächern hingen die vielgestaltigsten Schneeungetüme nieder. Ich konnte nichts tun, als immer in das Wirrsal schauen. Das war kein Schneien wie sonst, kein Flockenwerfen, nicht eine einzige Flocke war zu sehen, sondern wie wenn Mehl von dem Himmel geleert würde, strömte ein weißer Fall nieder, er strömte aber auch wieder gerade empor, er strömte von links gegen rechts, von rechts gegen links, von allen Seiten gegen alle Seiten, und dieses Flimmern und Flirren und Wirbeln dauerte fort und fort und fort, wie Stunde an Stunde verrann. Und wenn man von dem Fenster wegging, sah man es im Geiste, und man ging lieber wieder zum Fenster. Der Sturm tobte, daß man zu fühlen meinte, wie das ganze Haus bebe. Wir waren abgeschlossen, die ersten Bäume der Allee, zwanzig Schritte entfernt, waren nicht mehr sichtbar. Zum nächsten Hause geht man sonst in einigen Minuten. Sie konnten nicht zu uns, wir nicht zu ihnen. Von Ausschaufeln, selbst zu dem einige Schritte entfernten Gasthause, war bei diesem Sturm keine Rede. Man konnte nur das Toben anschauen und hatte keine Ahnung, wohin das führen werde.

Von meiner Gattin konnte ich keine Nachricht erhalten. Nach Schwarzenberg war nicht zu gelangen, und die Post konnte bei diesem Wetter nicht gehen. Wenn sie nun von mir, der ich täglich geschrieben hatte, kein Schreiben mehr erhält, wenn sie aus der Zeitung erführe, daß die Posten aus dem Walde ausgeblieben sind, wenn sie rückfällig würde! Aber mit allen Gedanken konnte man nichts als nur harren. Der Barometerstand und der Thermometerstand waren wie gestern, es konnte jeden Augenblick regnen; aber es regnete nicht und regnete nicht.

Es wurde Mittag, es wurde Nachmittag, es wurde Abend. Immer das gleiche.

In der Finsternis, da man das Flirren nicht sah, mußte man es sich vorstellen und stellte es sich ärger vor, als man es bei Tage gesehen hätte. Und zuletzt wußte man auch nicht, ob es nicht ärger sei. Ich legte mich ins Bett, der Sturm tönte, als wollte er den Dachstuhl des Hauses zertrümmern.

Es kam Mittwoch.

Das Tageslicht zeigte die gleiche Erscheinung. Der Gipfel des Schneeberges, der einige Schritte entfernt vor meinen Fenstern stand, reichte bis zu mir herauf. Der Schneewulst im Garten war emporgewachsen, daß er in gleicher Höhe mit den Fenstern des ersten Stockwerkes stand, und die Tür am untern Ende der Treppe zu meiner Wohnung, die nach außen aufging, konnte nicht mehr geöffnet werden. Und immer noch dauerte das Schneeflirren fort.

Was anfangs furchtbar und großartig erhaben gewesen war, zeigte sich jetzt anders. Es war nur mehr furchtbar. Ein Bangen kam in die Seele. Die Starrheit des Wirbelns wirkte fast sinnbestrickend, und man konnte dem Zauber nicht entrinnen. Dazu der Gedanke, wenn etwa, wie die Knechte fahrlässig sind, in den Scheuern des Hauses Feuer ausbräche, was dann? Wir hatten an diesem Tage auch nur mehr das letzte Stückchen Fleisch; ich aß aber keins.

Nachmittags stieg das Barometer sehr rasch und hoch, und es kam wie ein Lichtschein in mein Gemüt. Gegen den Morgen hörte der Wind auf, und es ward still. Später sah ich Sterne durch die Fenster hereinscheinen.

Am nächsten Tage, Donnerstag, war an dem tiefblauen Himmel kein Wölklein, und die Sonne strahlte auf das unermeßliche Weiß blendend hernieder. Der Pächter ließ einen Weg in das Gasthaus schaufeln. Menschen kamen hoch auf dem Schnee mit Schneereifen zu uns und in das Gasthaus. Ich ging auch in dasselbe. Dort sahen die Angekommenen verstört aus, und achtzigjährige Männer sagten, daß sie das nie erlebt haben. Ich ließ bei dem Bürgermeister der Lakerhäuser anfragen, wann er schaufeln lassen werde. Er antwortete, morgen werde er einsagen lassen. Das war mir zu spät. Ich bestellte nun durch Joseph eine Zahl Männer und trug ihnen auf, sie mögen einen Weg schaufeln, daß ein Schlitten durchkommen könne. Sie machten sich ans Werk.

Später kam Joseph zurück und sagte, alles sei in Ordnung. Ich hatte nun eine ruhigere Nacht.

Der nächste Tag, Freitag, war still und sanft bewölkt. Mittags stand ich am Fenster und erwartete den Schlitten. Alles war gepackt. Ich in Reisekleidern. Aber der Schlitten kam nicht, und es kam keine Nachricht. Ich war in unbeschreiblicher Unruhe. Nachmittags fiel das Barometer ebenso rasch, als es mittags gestiegen war. Abends legte ich mich zu Bette, konnte aber nicht schlafen. Es war mir immer, ich höre ein schwaches Sausen. Das Sausen war auch wirklich, es wuchs, und noch vor Mitternacht war Sturm.

Morgens, Samstag, war der Schneesturm wieder so stark wie in den frühern Tagen, mein geschaufelter Weg war wieder zu. Alles war vergeblich gewesen. Das Thermometer zeigte Null. Wie lange wird nun der Sturm dauern und was wird werden, wenn die neuen Schneemassen zu den alten kommen und wenn sie so hoch sind wie die alten und wenn sie höher sind ? Mir klebte die Zunge an dem Gaumen, ich aß nichts mehr, sondern träufelte nur Liebigs Fleischextrakt in warmes Wasser und trank die Brühe. Das Flirren war nun geradezu entsetzlich, und es riß die Augen an sich, wenn man auch nicht wollte. Nachmittags stieg das Barometer wieder rasch. Die Nacht war ohne Schlaf.

Der folgende Tag, Sonntag, war still, aber trüb. Die Leute traten, da sie zu uns kamen und von uns gingen, mit Schneereifen auf dem feuchten Schnee so feste Fußtapfen, daß man auf ihnen gehen konnte. Jeder Tritt aber seitwärts hätte unberechenbares Einsinken zur Folge gehabt. Nachmittags ging ich, auf diese Fußtapfen tretend, die Allee entlang und weiter fort. Ich ging Schneestiegen hinan und Schneestiegen hinab. Alleebäume sahen mit ihren Kronen wie Gesträuche aus dem Schnee. Alles war anders. Wo ein Tal sein sollte, war ein Hügel, wo ein Hügel sein sollte, war ein Tal, und wo der Weg unter dem Schnee gehe, wußte ich nicht; denn man hatte die Ruten zur Bezeichnung desselben noch nicht gesteckt. Der erhabene Wald, obwohl ganz beschneit, war doch dunkler als all das Weiß und sah wie ein riesiger Fleck fürchterlich und drohend herunter. Bekannte Gestaltungen der Ferne vermochte ich nicht zu finden. Neben der Kapelle war ein Schneerücken, von dessen Schneide man auf das Kapellendach niedersah. Ich brauchte zu einem Wege von Minuten eine Stunde.

Am Montage war leichtes Schneien mit etwas Wind. Es fielen zum ersten Male wieder Flocken.

Ich hielt mich für krank, weil ich schon den dritten Tag nichts gegessen hatte. Ich sandte Joseph um den Arzt nach Schwarzenberg. Dieser kam mit Schneereifen, in Schweiß gebadet, und hatte drei Stunden gebraucht. Er untersuchte mich und sagte dann, ich sei nicht krank, könne es aber werden. Mein Entschluß war nun gefaßt. Ich ließ Joseph holen und beauftragte ihn, er möge mir Männer bestellen, die mit Schneereifen morgen beim Tagesgrauen zu mir kommen sollen. Ich werde nach Schwarzenberg gehen, und weil ich es mit Schneereifen nicht kann, so sollen sie mit ihren Schneereifen mir einen Pfad auf dem Schnee niedertreten, der mich trägt. Einer soll mein Gepäck mit einem Handschlitten ziehen. Joseph versprach, alles zu besorgen.

So kam die Nacht. Mein Wunsch war nur der einzige: nur morgen kein Sturm.

Die Nacht war ruhig. Der Tag brach an und hatte grauen Himmel und leichtes Gestöber. Da kamen die Männer und Joseph. Ich sagte ihnen noch einmal mein Anliegen, und sie antworteten, so gehe es. Anna rang die Hände. Ich bat sie aber, meine Habschaften, die da bereitlägen, dem Manne auf den Schlitten packen zu helfen, ich gehe gleich fort, ich könne nicht mehr warten. Dann dankte ich ihr, da sie bitterlich weinte, für alle Sorgfalt und Treue und nahm Abschied. Ich ging nun, in meinen Oberrock geknöpft, die Treppe hinunter, verabschiedete mich unten von dem Pächter und seiner Frau und trat meinen Weg an. Die Männer stampften, Fuß neben Fuß setzend, vor mir einen Pfad. Es ging so langsam, daß ich kaum in jeder Sekunde einen Schritt machen konnte; aber der Pfad trug mich. Gegen die stechenden Nadeln, die waagerecht in der Luft daherflogen, spannte ich den Regenschirm auf. So kamen wir weiter. Wir überwanden Schneehügel, Schneewülste, Schneefelder. Um und über uns war dichtes Grau, unter uns das Weiß. Ich hätte allein die Richtung nicht gefunden. Ich fand mich erleichtert. Der Mann mit dem Schlitten kam uns nach und war erfreut; denn der Wind verwehte in kurzer Strecke hinter uns den Pfad wieder. Ich glaubte, wir kommen niemehr zu dem Aufseherhause. Endlich erkannte ich in der dichten Luft die Umrisse des Hauses, und wir kamen bald zu demselben. Dort auf der Waldkirchner Straße wurde es besser. Auch das war besser, daß wir gegen Osten gingen und den Wind im Rücken hatten. Im Zollhause konnten die Schneereifen abgelegt werden, und wir vermochten nun auf der österreichischen Straße in gewöhnlichem Schritte fortzugehen. Und so kamen wir nach einer Wanderung von mehreren Stunden in das Gasthaus von Schwarzenberg.

In einer Stunde waren die Pferde und der Schlitten in Bereitschaft. Meine Sachen wurden aufgepackt, ich stieg mittels eines Schemels über die Leiter in den Schlitten, machte mir aus Werg Überschuhe, hüllte mich in meinen Pelz, breitete noch meinen Mantel und Plaid über die Füße und war in Ordnung. Meine Schneereifenmänner und die anderen Leute umringten den Schlitten, um von mir Abschied zu nehmen. Ich sagte ihnen ein herzliches Lebewohl, und Martin führte mich von dannen . . .

Meine Gattin hatte mich nicht erwartet. Das Wiedersehen war freudig und schmerzlich. Ich fand sie außer dem Bette, aber noch schwach und angegriffen. Jedoch die Krankheit war völlig behoben. Wir saßen nun beieinander und erzählten uns unsere Erlebnisse. Sie war sichtlich gesünder, weil ich nur da war, und ich war es, weil ich sie doch außer aller Gefahr fand. Die freundlichen, warmen, vor jedem Unwetter geschützten Räume meiner Wohnung waren mir wie ein Paradies.

Jedoch monatelang, wenn ich an die prachtvolle Waldgegend dachte, hatte ich, statt des grün und rötlich und violett und blau und grau schimmernden Bandes, nur das Bild des weißen Ungeheuers vor mir. Endlich entfernte sich auch das, und das lange eingebürgerte, edle Bild trat wieder an seine Stelle.

Das Unwetter wurde aber nach meiner Abreise noch ärger. Martin brauchte vier Tage zur Rückfahrt, und die Verbindung für Schlitten war zwischen den Lakerhäusern und Schwarzenberg noch drei Wochen lang unterbrochen.

Quelle: Adalbert Stifter, Der große Schneefall im Bayrischen Walde, aus: Die Winterpostille. Ein Lese- und Singbuch für Winter und Weihnacht. Breslau o. J.

 

Blick in den Wandel Oktober 2018 – September 2019

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Blick in den Wandel – September 2019

Blick in den Wandel

Einundzwanzigster September 2019

Vorderfrauen

Gretel

Streng geheim

Komm.

Es ist ausgesprochen.
Hände strecken sich einander zu.
Das macht es leichter in’s Freie zu gehen.
Sie fühlt seine Hand nicht.
Ihr Blut klopft bis zum Hals.
Diesem Gefühl folgt sie, es pocht.
Mach die Augen zu, lauf weiter.
Auftauchend aus den Gerüchen der Nacht, steigt der Morgen.
Selbst unter ihren geschlossenen Lidern fühlbar.
Diese Gewissheit ist unerträglich.
Kurz dagegen die Bewegung, mit der sie ihren Mund an den seinen bringt.
Der Beobachter ist Liebender geworden.
An seiner Hand hat er den Ausbund puren Lebens.
Zugreifen würde bedeuten, es zu verlieren.
Er spürt das.
Ihr Gang wird freier.
Noch einmal dreht sie den Kopf.
Warm schlagen seine Lippen auf ihren geöffneten Mund.
Sie fühlt seine Hand sich aus ihrer lösend, ihre Haare liebkosend.
Hier gibt es kein zurück.
Sie sehnt sich nach Begehren, nicht nach dieser Lust.
Es ist hell geworden.
Ihre Augen sehen den Mann, der sie vor Begierde zitternd fragt, warum bleibst du nicht.
Weil das nicht mein Weg ist, sagt sie zu sich selbst und geht, ohne ihn jemals zu vergessen.

Sonntagsmärchen

Die Ameise und die Heuschrecke
(Aesop)

An einem Sommertag hüpfte eine Heuschrecke in einem Feld herum. Sie zirpte und sang nach Herzenslust. Eine Ameise kam vorüber, und trug mit großer Anstrengung eine Ähre, die sie zum Nest bringen wollte.
„Warum kommst du nicht mit mir“, sagte die Heuschrecke, „anstatt zu schuften und dich abzuschleppen“?
„Ich helfe, um für den Winter Vorräte anzulegen“, sagte die Ameise, „und ich empfehle dir, das gleiche zu tun“.
„Warum sich jetzt schon Mühe machen und über den Winter nachdenken?“, sagte sich die Heuschrecke. „Wir haben derzeit reichlich zu fressen“.

Und die Ameise ging weiter auf ihrem Weg, und setzte ihre Arbeit fort.
Als der Winter kam, dachte die Heuschrecke vor Hunger zu sterben. Dann sah sie, wie die Ameisen jeden Tag Mais und Getreide aus den Lagern verteilten, die sie im Sommer gesammelt hatten.
Dann wusste die Heuschrecke:
„Sammle in der Zeit, dann hast du in der Not!“

MORAL:
Vergiss nicht – es gibt eine Zeit für die Arbeit und eine Zeit für das Spiel!
Arbeite heute, und du kannst die Vorteile Morgen genießen . . .

Blick in den Wandel

Vierzehnter September 2019