Märchenstunde

Das Märchen von den Pilzen

Veröffentlicht in der Südwestdeutschen Pilzrundschau und hier freundlicherweise zum Download zur Verfügung gestellt.

Zwei junge Mädchen, Anna und Else, wurden im Sommer alle Tage in den Wald geschickt, um Erdbeeren zu sammeln, welche die Mutter, weil sie herrlich dufteten, um vieles Geld auf dem Markt verkaufte. Es war gar heimlich und lieblich in dem alten Tannenwald; die Zweige hingen tief und schwer herab, Eichhörnchen kletterten lustig d’rin umher und naschten von den Tannenzapfen. Im dunklen Schatten der Bäume aber wuchsen die schönsten Pilze aller Arten und schienen die Stelle der Blumen eingenommen zu haben, so schönfarbig und mannigfalt waren sie. An diesen hatten die beiden Kinder nun immer ihre große Freude, und lernten sie bald von einander unterscheiden. Aber sie schonten ihre Lieblinge auch, und zerstießen keinen derselben, wie die übermüthigen Knaben tun. Hatten sie doch auch erzählen hören, daß es gar winzige Männlein gäbe, die Niemand Uebels thäten, welche in Erdlöchern wohnten, und von denen die Pilze geformt und mit so schönen Farben bemalt würden.
Als sie einstmals einen ganz besonders wohlgerathenen großen Pilz fanden, legten sie ein Stückchen ihres Brodes darauf, zur Belohnung für den Kunstfleiß der braven Männlein, deren wirkliches Dasein sie kaum noch bezweifelten.
Als die Mädchen nach einigen Tagen warmen Regenwetters wieder an ihre Lieblingsplätze kamen, da staunten sie über die Pracht, Menge und Mannigfaltigkeit der Pilze, welche sie überall erblickten. Da standen die edlen Blätterpilze, dicke Champignons bei dem Goldbrätling, die leckeren Pfifferlinge, und Morcheln und auch Judenbart in reizender Abwechslung. Aber aus den Löchern und unter den Baumwurzeln huschten überall die kleinen Wichte hervor, anfangs scheu, nach und nach jedoch zutraulicher. Sie deuteten die Mädchen nach einem entfernteren, ganz außerordentlich großen Tischpilz, wunderschön scharlachroth, auf welchem die Wichtchen allerlei artige Dinge ausgelegt hatten, wie sie kleine Mädchen gerne haben. Es lagen darauf allerliebste silberne Schneckenhäuschen, Granaten und andere herrliche Steine und Zierrathen, welche sie aus ihren Magazinen hervorgeholt hatten. Mehrere der Pilzwichter waren dabei überrascht worden, der Eine hatte seinen Hut vergessen, der Andere musste den seinigen noch schnell abbürsten, ein Dritter seinem Sombrero noch einige verdorbene Farben in Eile aufbessern.
Die beiden Mädchen waren natürlich in hohem Grade überrascht. Die kleine Anna stutzte sehr bedenklich und wollte schon davonlaufen. Aber der wilden Else war’s, als ob sie schon lange mit ihnen verkehrt hätte, sie lachte und freuete sich unendlich der kleinen drolligen Bursche und ihrer Geschenke, nahm auch davon, was ihr beliebte, und gab mehreren von ihnen ein Händchen. Wenn sie später den Wald wieder besuchten, so verfehlten sie nicht, für die gutmüthigen Käuze irgendeinen Leckerbissen mitzubringen, welchen sie auf einen der Tischpilze niederlegten. Die Pilze wuchsen seitdem an jener Stelle nach wie vor in besonderer Schönheit, aber von den Wichtern hatte sich keiner wieder blicken lassen, und nur Ein Mal noch sahen sie Einen derselben auf einem Eichhörnchen durch die Tannen jagen.
Also bedenkt Euch wohl, ihr lieben kleinen Mädchen, und auch ihr Buben, wenn ihr den netten, zerbrechlichen Dingern im Walde begegnet, und zerschlagt nicht gleich aus bloßer Zerstörungslust die schönen Pilze, welche der liebe Gott zum Schmuck der dunklen Waldesstellen und zur Freude der Menschen hingepflanzt hat. Auch sie haben Leben von ihm empfangen, und Freude an ihrem kurzen Dasein.

A. Schrödter
© Südwestdeutsche Pilzrundschau, 46. Jahrgang, Heft 1, Januar 201 http://www.dgfm-ev.de
Das älteste bislang bekannte deutschsprachige Pilzmärchen (aus „Deutsche Bilderbogen für Jung und Alt Nr. 51“ von 1870). Die Original-Rechtschreibung wurde beibehalten.
P. Reil

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