Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen

Sämmtliche Märchen, 1862

Die Geschichte von einer Mutter

Eine Mutter saß bei ihrem kleinen Kinde; sie war so betrübt, so besorgt, daß es sterben möchte. Es war so bleich; die kleinen Augen hatten sich geschlossen. Das Kind holte so schwer und zuweilen so tief Athem, als wenn es seufzte; und die Mutter sah noch trauriger auf das kleine Wesen. Da klopfte es an die Thür, und ein armer, alter Mann trat ein, der wie in eine große Pferdedecke eingehüllt war, denn die hält warm, und das hatte er nöthig: es war ja kalter Winter. Draußen war Alles mit Eis und Schnee bedeckt, und der Wind blies so scharf, daß er ins Gesicht schnitt.
Und da der alte Mann vor Kälte zitterte und das kleine Kind einen Augenblick schlief, ging die Mutter und setzte Bier in einem kleinen Topf in den Ofen, um es für ihn zu wärmen. Und der alte Mann saß und wiegte, und die Mutter saß auf einem Stuhl neben ihm, sah auf ihr krankes Kind, das so tief Athem holte, und erfaßte die kleine Hand.
„Nicht wahr, Du glaubst doch auch, daß ich ihn behalten werde?“ fragte sie. „Der liebe Gott wird ihn nicht von mir nehmen!“
Und der alte Mann – es war der Tod selbst – nickte so sonderbar; das konnte eben so gut Ja, wie Nein bedeuten. Und die Mutter schlug die Augen nieder, und Thränen rollten ihr die Wangen herunter. – Der Kopf ward ihr so schwer; in drei Tagen und drei Nächten hatte sie kein Auge zugemacht; und nun schlief sie; aber nur eine Minute: dann fuhr sie auf und bebte vor Kälte. „Was ist das?“ fragte sie und sah sich nach allen Seiten um. Aber der alte Mann war fort, und ihr kleines Kind war fort: er hatte es mit sich genommen. Und dort in der Ecke schnurrte und surrte die alte Uhr; das schwere Bleigewicht lief bis auf den Fußboden herab – bums! – und da stand auch die Uhr still.
Aber die arme Mutter stürzte zum Hause hinaus und rief nach ihrem Kinde.
Draußen, mitten im Schnee, saß eine Frau in langen, schwarzen Kleidern, und die sprach: „Der Tod ist bei Dir in Deiner Stube gewesen; ich sah ihn mit Deinem kleinen Kinde davon eilen; er schreitet schneller als der Wind, und bringt niemals zurück, was er genommen hat!“
„Sage mir blos, welchen Weg er gegangen ist!“ sagte die Mutter. „Sage mir den Weg, und ich werde ihn finden.“
„Ich kenne ihn,“ sagte die Frau in den schwarzen Kleidern; „aber bevor ich ihn Dir sage, mußt Du mir erst alle die Lieder vorsingen, die Du Deinem Kinde vorgesungen hast. Ich liebe diese Lieder; ich habe sie früher gehört; ich bin die Nacht und sah Deine Thränen, als Du sie sangst.“
„Ich will sie alle, alle singen!“ sagte die Mutter. „Aber halte mich nicht auf, damit ich ihn einholen, damit ich mein Kind finden kann!“
Aber die Nacht saß stumm und still. Da rang die Mutter die Hände, sang und weinte. Und es gab viele Lieder, aber noch mehr Thränen! Und dann sagte die Nacht: „Geh‘ rechts in den düstern Fichtenwald hinein; dahin sah ich den Tod mit dem kleinen Kind seinen Weg nehmen.“
Tief drinnen im Walde kreuzte sich der Weg, und sie wußte nicht mehr, welche Richtung sie einschlagen sollte. Da stand ein Dornbusch, der hatte weder Blätter, noch Blumen; aber es war ja auch um die kalte Winterzeit, und Eiszapfen hingen an den Zweigen.
„Hast Du nicht den Tod mit meinem kleinen Kinde vorbeigehen sehen?“
„Ja,“ sagte der Dornbusch; „aber ich sage Dir nicht, welchen Weg er genommen hat, wenn Du mich nicht zuvor an Deinem Busen erwärmen willst! Ich friere hier todt, ich werde zu lauter Eis!“
Und sie drückte den Dornbusch an ihre Brust, so fest, daß er recht aufthauen könne. Und die Dornen drangen in ihr Fleisch ein; und ihr Blut floß in großen Tropfen. Aber der Dornbusch schoß frische, grüne Blätter; und er bekam Blumen in der kalten Winternacht: so warm ist es an dem Herzen einer betrübten Mutter! Und der Dornbusch sagte ihr den Weg, den sie gehen sollte.
Da kam sie an einen großen See, auf dem sich weder Schiff, noch Kahn befand. Der See war nicht genug gefroren, sie tragen zu können, und auch nicht offen und flach genug, durchwatet zu werden – und doch mußte sie über denselben, wollte sie ihr Kind finden. Da legte sie sich nieder, um den See auszutrinken; und das war ja unmöglich für einen Menschen. Aber die betrübte Mutter dachte, daß vielleicht ein Wunder geschehen könnte.
„Nein, das wird niemals gehen!“ sagte der See. „Laß uns zwei lieber sehen, daß wir einig werden! Ich liebe es, Perlen zu sammeln, und Deine Augen sind die zwei klarsten, die ich je gesehen: willst Du sie in mich ausweinen, dann will ich Dich nach dem großen Treibhaus hinüber tragen, wo der Tod wohnt und Blumen und Bäume pflegt; jeder von diesen ist ein Menschenleben!“
„O! Was gebe ich nicht, um zu meinem Kinde zu kommen!“ sagte die verweinte Mutter. Und sie weinte noch mehr, und ihre Augen fielen auf den Grund des Sees hinab und wurden zwei kostbare Perlen. Aber der See hob sie in die Höhe, als säße sie in einer Schaukel, und in einer Schwingung flog sie an das jenseitige Ufer, wo ein meilenlanges, wunderbares Haus stand. Man wußte nicht, ob es ein Berg mit Wäldern und Höhlen, oder ob es gezimmert war. Aber die arme Mutter konnte es nicht sehen: sie hatte ja ihre Augen ausgeweint.
„Wo werde ich den Tod finden, der mit meinem kleinen Kinde davon ging?“ fragte sie.
„Hier ist er noch nicht angekommen!“ sagte ein altes, graues Weib, das dort umherging und auf das Treibhaus des Todes Achtung geben mußte. „Wie hast Du Dich denn hierher gefunden, und wer hat Dir geholfen?“
„Der liebe Gott hat mir geholfen!“ antwortete sie. „Er ist barmherzig, und das wirst Du auch sein. Wo werde ich mein kleines Kind finden?“
„Ich kenne es nicht,“ sagte das alte Weib, „und Du kannst ja nicht sehen! – Viele Blumen und Bäume sind diese Nacht verwelkt, der Tod wird bald kommen und sie umpflanzen. Du weißt es wohl, daß jeder Mensch seinen Lebensbaum oder seine Lebensblume hat, wie gerade ein jeder eingerichtet ist. Sie sehen aus, wie andere Gewächse, aber ihre Herzen schlagen. Kinderherzen können auch schlagen! Danach richte Dich, vielleicht erkennst Du den Herzschlag Deines Kindes. Aber was giebst Du mir, wenn ich Dir sage, was Du noch mehr thun mußt?“
„Ich habe nichts zu geben,“ sagte die betrübte Mutter. „Aber ich will für Dich bis ans Ende der Welt gehen.“
„Da habe ich nichts zu besorgen,“ sagte das alte Weib; „aber Du kannst mir Dein langes, schwarzes Haar geben; Du weißt wohl selbst, daß es schön ist; das gefällt mir! Du kannst mein weißes dafür wieder bekommen; daß ist doch immer etwas!“
„Verlangst Du weiter nichts?“ sagte sie. „Das gebe ich Dir mit Freuden!“ Und sie gab ihr ihr schönes Haar, und erhielt dafür das schneeweiße des alten Weibes.
Und dann gingen sie in das große Treibhaus des Todes hinein, wo Blumen und Bäume wunderbar durcheinander wuchsen. Da standen feine Hyacinthen unter Glasglocken und große baumstarke Pfingstrosen. Da wuchsen Wasserpflanzen, einige ganz frisch, andere halb krank; Wasserschlangen legten sich auf sie, und schwarze Krebse klemmten sich am Stengel fest. Da standen prächtige Palmbäume, Eichen und Platanen; da stand Petersilie und blühender Thymian. Jeder Baum und jede Blume hatten ihren Namen; sie waren Jedes ein Menschenleben; die Menschen lebten noch, der eine in China, der andere in Grönland, rund umher in der Welt. Da waren große Bäume in kleinen Töpfen, so daß sie ganz beengt dastanden und nahe daran waren, den Topf zu sprengen; es war auch manche kleine, schwächliche Blume da in fetter Erde, mit Moos rund umher und gewartet und gepflegt. Aber die betrübte Mutter beugte sich über alle die kleinsten Pflanzen hin, sie hörte in jeder das Menschenherz schlagen, und aus Millionen erkannte sie das ihres Kindes heraus.
„Da ist es!“ rief sie und streckte die Hand über eine kleine Krokusblume aus, die ganz krank nach einer Seite hinüber hing.
„Rühre die Blume nicht an!“ sagte das alte Weib. „Aber stelle Dich hierher, und wenn dann der Tod kommt, – ich erwarte ihn jeden Augenblick! – da laß ihn die Pflanze nicht herausreißen, sondern drohe ihm, daß Du dasselbe mit den andern Blumen thun würdest: dann wird er bange! Er muß dem lieben Gott dafür einstehen; keine darf heraus gerissen werden, bevor der die Erlaubniß dazu giebt!“
Da sauste es mit einem Mal eiskalt durch den Saal, und die blinde Mutter fühlte, daß es der Tod war, der nun ankam.
„Wie hast Du den Weg hierher finden können?“ fragte er. Wie hast Du schneller hier ankommen können, als ich?“
„Ich bin eine Mutter!“ antwortete sie.
Und der Tod streckte seine lange Hand nach der kleinen, feinen Blume aus; aber sie hielt ihre Hände fest um dieselbe, so dicht, so dicht, und dennoch voll ängstlicher Sorgfalt, daß sie keines der Blätter berühre. Da hauchte der Tod auf ihre Hände; und sie fühlte, daß dies kälter war, als der kalte Wind; und ihre Hände sanken matt herab.
„Gegen mich kannst Du doch nichts ausrichten!“ sagte der Tod.
„Aber der liebe Gott kann es!“ sagte sie.
„Ich thue nur, was der will!“ sagte der Tod. „Ich bin sein Gärtner. Ich nehme alle seine Blumen und Bäume und verpflanze sie in den großen Paradiesgarten, in das unbekannte Land. Wie sie aber dort gedeihen, und wie es dort ist: das darf ich Dir nicht sagen!“
„Gieb mir mein Kind zurück!“ sagte die Mutter und weinte und flehte. Mit einem Mal faßte sie mit den Händen zwei hübsche Blumen fest an und rief dem Tode zu: „Ich reiße alle Deine Blumen ab, denn ich bin in Verzweiflung!“
„Rühre sie nicht an!“ sagte der Tod. „Du sagst, daß Du so unglücklich bist, und nun wolltest Du eine andere Mutter eben so unglücklich machen?“
„Eine andere Mutter!“ sagte die arme Frau und ließ sogleich beide Blumen los.
„Da hast Du Deine Augen,“ sagte der Tod. „Ich habe sie aus dem See aufgefischt; sie glänzten so hell; ich wußte nicht, daß es die Deinigen waren. Nimm sie zurück, sie sind jetzt noch klarer, als früher; dann sieh hinab in den tiefen Brunnen hier nebenan. Ich will die Namen der zwei Blumen nennen, die Du ausreißen wolltest, und Du wirst ihre ganze Zukunft sehen, ihr ganzes Menschenleben. Du wirst sehen, was Du zerstören und zu Grund richten wolltest!“
Und sie sah hinab in den Brunnen; und es war eine Glückseligkeit, zu sehen, wie die Eine ein Segen für die Welt ward, zu sehen, wie viel Glück und Freude sich um dieselbe verbreitete. Und sie sah das Leben der Andern, und das waren Sorgen und Noth, Jammer und Elend.
„Beides ist Gottes Wille!“ sagte der Tod.
„Welche von ihnen ist die Blume des Unglücks, und welche die Gesegnete?“ fragte sie.
„Das sage ich Dir nicht,“ antwortete der Tod; „aber das sollst Du von mir erfahren

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