Monatsarchiv: April 2019

Zum Tag oder was ist Zeit

Da war gestern die Schaukelinhaberin bei uns. Ganz allein. So wie früher, also ohne ihre Schwester.

Und da liegt dieses Geschenk in meinen Armen und sagt: “ So habe ich mich gefreut und nun ist bald alles wieder vorbei.“

Was soll ich zu all dieser Liebe sagen, die ich ebenso spüre.

Nichts, so schön, so wahr.

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Das Lied zum Tag

Down by the Sally Gardens

Maura O’Connell

https://lyricstranslate.com/de/down-salley-gardens-da-unten-am-weidengarten.html

Da unten am Weidengarten kam meine Liebe mir herbei

Sie ging am Weidengarten auf schneewieße Füße vorbei

Sie hieß mich die Liebe leicht nehmen, wie die Blätter wachsen im Hain

Doch ich, der ich jung und töricht war, stimmte nicht überein

Es war im Feld am Fluß, wo meine Liebe neben mir stand

Auf meine anlehnte Schulter legte sie ihre schneeweiße Hand

Sie hieß mich das Leben leicht nehmen, wie das Gras wächst auf dem Wehr

Doch ich war jung und töricht, und bin jetzt tränenschwer

Blick in den Wandel – April 2019

April 2019

Sonntagsmärchen

Frau Holle

Gebrüder Grimm

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und mußte so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach: »Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.« Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht, was es anfangen sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.« Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.« Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du mußt nur achtgeben, daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.« Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig, auf daß die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wußte anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: »Ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.« Die Frau Holle sagte: »Es gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.« Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunterstand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. »Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist«, sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:

»Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.«

Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern, häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.« Die Faule aber antwortete: »Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen«, und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.« Sie antwortete aber: »Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen«, und ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich’s gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunterstand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. »Das ist zur Belohnung deiner Dienste«, sagte die Frau Holle und schloß das Tor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief:

»Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.«

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen

Jahreszeitungemäßes oder wer ist Frau Holle ?

In den Kinder – und Hausmärchen der Gebrüder Grimm schüttelt Frau Holle die Betten aus.
Dadurch schneit es auf der Erde und der Schnee legt sich auf sie und schützt die Pflanzen vorm Erfrieren.
Frau Holle ist viel mehr als eine Märchengestalt.
Sie hat ein hohes Alter und geht zurück bis auf eine Göttin der Jungsteinzeit.
Verfolgen lässt sich ihre Spur gesichert bis über 1000 Jahre.
Erstmals schriftliche Erwähnung fand diese uralte Gestalt in den Dekreten des Bischofs Burchard von Worms der um 1010 schrieb:“ Die Indizien sprechen jedenfalls stark für die Annahme, dass Frau Holle keine Spukgestalt und kein Vegetationsdämon ist, sondern die regionale Verkörperung einer uralten weiblichen Erdgottheit, wie man sie fast überall auf der Welt unter den verschiedensten Namen verehrt hat.“
Nicht immer ist die christliche Kirche so offen im Umgang mit weiblichen Gottheiten.
Die Jungfrau Maria muss alle abgeschafften Göttinen ersetzen.Frau Holle – das kann man in etwa mit „Die Huldvolle“ übersetzen – geht bis auf die germanische Göttin Frigg zurück.
Die Christianisierung brachte den neuen Namen Frau Holle mit sich, den Namen einer heidnischen Göttin zu nennen, zog Strafe nach sich.
Immer wieder bedauere ich, welcher Schatz an Wissen durch das Eingreifen der Kirche verloren gegangen ist.
Oft wird Frau Holle auch mit der germanischen Totengöttin Hel gleich gesetzt.
Im Märchen fallen die Mädchen in einen Brunnen, müssen also erst sterben und durch die Unterwelt wandern, bevor sie in einer neuen Welt – der Anderwelt – erwachen.
Im Fall von Frau Holle liegt diese dann erstaunlicherweise über den Wolken. Ein eindeutiger Hinweis auf die göttliche Herkunft der alten Dame mit den großen Zähnen ?Zur Anderwelt komme ich später noch einmal zurück.Vorerst bleibe ich bei Hel.Hel ist die nordische Totengöttin, wie schon gesagt, und gleichzeitig der Begriff für die Unterwelt.
Hel kommt vom urgermanischen haljô für die unterirdische Totenwelt.
Im Gotischen: halja ; im Altenglischen: hell bezeichnet es immer das Gleiche:
Die Hölle.
Das Wort steht jedoch in Beziehung zum Verb “ verhehlen “ und das bedeutet nichts anderes als verbergen.
Die Hölle ist also wortwörtlich“ Das Verborgene „.
Erst die christlichen Vorstellungen machten die Hölle zum Fegefeuer, Sitz des Teufels und damit des Schreckens ohnegleichen.
Vorher war es ein Ort zum Verbergen bis zum Übergang in’s …~~~.
Frau Holle führt auch zur germanischen Göttin Nehalennia.
Sie wird gedeutet als Göttin der Fruchtbarkeit und der Schifffahrt.
Ihr Name Nehalennia steht mit Nebel in Verbindung.
“ Nebh “ entspricht Nässe, Feuchtigkeit;
“ hel “ steht für verhehlen oder verbergen.
“ Lennia “ nun kann dem gotischen “ linnan “ für verschwinden oder weggehen gleich gesetzt werden.
Nehalennia ist also die im Nebel Verschwindende.
Und so komme ich von Frau Holle zu den Nebeln von Avalon, der sagenumwobenen Insel, die sich in Nebel hüllend, König Arthur beherbergt.
Er wird von der Herrin Avalons dorthin gebracht, nachdem er tödlich verwundet wurde.
Avalon heißt auch Insula Pomorum – Apfelinsel.
Der Apfel wird mir nur wenig später wieder begegnen.
Und die Herrin der Apfelinsel ist niemand anderes als Morgan le Fey , älteste der neun Schwestern, die Avalon regieren.
Ein Matriarchat. Das Erste? Das Letzte? Das Ewige?
Dazu noch Halbschwester von König Arthus und Mutter seines einzigen Sohnes.
Zurück zu Nehalennia, aber eigentlich war ich ihr ja auch gerade eben sehr nah…
Oft wird sie mit einem Wolf dargestellt und war auch die Göttin der Unterwelt und hier schließt sich der Kreis zu Frau Holle.
Es gab viele Bräuche Frau Holle zu Ehren und um ihren Beistand zu erlangen.
Im Frau Holle Teich, der in der Nähe des Hoher Meißners in Nordhessen liegt, badeten die Frauen schon vor Jahrhunderten um fruchtbar zu werden.Die alten Totengöttinen haben fast immer eine zweite, fruchtbare Seite.
Um den Teich wurde getanzt, also Rituale aufgeführt. Goldmünzenfunde dort weisen auf Opfergaben hin.
Ein Lied, dessen Bedeutung heute im Unklaren liegt, ist noch überliefert.
Es geht so:
“ Miameide – steht auf der Heide – .
Hat ein grünes Röcklein an.
Sitzen drei Jungfern dran.
Die eine schaut nach vorne, die andre in den Wind.
Das Weibsbild an dem Born hat viele, viele Kind.“
Schon wieder ein Born – ein Brunnen, eine Quelle.
Der Brunnen ist im Märchen der Zugang zur Anderwelt.
In den keltischen Mythen existiert diese auf einer Ebene mit der realen Welt.
In ihr leben mythische Personen.
Zugang zu ihr bekommt nur, wer bestimmte Bedingungen erfüllt.
Auch auf dem Weg zu Frau Holle warten Aufgaben, bei denen die Mädchen auf eine Probe gestellt werden.
Eine davon ist das Pflücken reifer Äpfel.
“ Rüttle mich, schüttle mich, meine Äpfel sind allesamt reif. “ ruft der Apfel!baum.
Der sprechende Apfelbaum kann ein Hinweis auf die nordische Göttin Idun sein
Idun ist die Göttin der Jugend und Unsterblichkeit.
Sie ist die Hüterin der goldenen Äpfel, die von den Göttern gegessen werden, wodurch diese ewige Jugend und Unsterblichkeit erlangen.
Da war doch auch im Garten Eden ein Baum mit den Äpfeln der Erkenntnis, nach deren verbotenen Verzehr das Paradies auf Erden für immer verloren gegangen sein soll, nicht wahr?
Das die christliche Kirche die Schuld der Frau zuschiebt, eigentlich gleich zwei Frauen – Lilith und Eva – wundert beim inzwischen sich durchgesetzt habenden Patriarchat, dessen Vertreter auch die Kirche ist, niemanden mehr.
Frau Holle hat noch mehr Eigenschaften.
So soll sie den Menschen die Kunstfertigkeit gebracht haben und sie spinnen und weben gelehrt haben.
Ihr Sitz auf Erden ist der Hollunderbusch – Sitz der guten Geister schlechthin- indem auch Fliedermütterchen in Andersen’s gleichnamigen Märchen sitzt.In den Raunächten steigt Frau Holle zur Erdoberfläche um zu sehen, wer von den Erdenbürgern fleissig und wer faul ist.
Der Weihnachtsmann, der nichts anderes tut, hat seine Wurzeln also keinesfalls in einer braunen, süßen, koffeinhaltigen Limonade.
Wie bei der Gold- und der Pechmarie wird bei ihm, je nach Verhalten, der gerechte Lohn bemessen.
Er ist der einzige männliche Unsterbliche heute.
Das Christkind, welches Geschlecht hat es eigentlich, beurteilt nach den gleichen Kriterien.
Der Hahnenschrei im Märchen „Kickericki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hi.“ verweist, genau wie das Gold, mit dem das gute, fleißige Mädchen überschüttet wird, auf die immer wieder aufgehende Sonne.
Nun ist also auch noch die Göttin der Morgenröte – Aurora – mit im Spiel.
Göttinen über Göttinen, so hab ich’s gern.
Sie sind der Ursprung.
Wofür das Pech steht, welches über dem faulen Mädchen ausgegossen wird, überlasse ich für heute euerer Fantasie und euerem Wissen.Mein barfuss bei Schnee durch den Garten Rundgang hat mir diese Gedanken gebracht.
Nun muss ich schnell in’s Warme aus einer vom Schnee, der selbstverständlich aus Frau Holle’s Kissen kam, ganz verzauberten Welt.
Die nicht die Anderwelt aber eine andere, stillere Welt ist.

Das Lied zum Tag

Torn Between Two Lovers

Streng geheim

nicht Kirschblüten haschend

läuft sie

frei im Fall

Blick im den Wandel

Vierundzwanzigster April 2019

Blick in den Wandel

Zweiundzwanzigster April 2019

Märchenstunde

Charles Perrault: Märchen

Eselshaut

Es war einmal, aber es ist schon lange her, ein großer König, der war von seinen Untertanen so geliebt, von allen seinen Nachbarn und Verbündeten so geachtet, daß man ihn den glücklichsten aller Monarchen hätte nennen können. Sein Glück wurde noch durch die Tugend seiner Gemahlin erhöht, die nebenbei eine große Schönheit war, und das glückliche Paar der Landeseltern lebte in schönster Eintracht. Aus ihrer Ehe erwuchs eine mit so vielen Reizen und Tugenden geschmückte Prinzessin, daß sie sich über den Mangel weiterer Nachkommenschaft billig trösten konnten.

Das kann man der Überlieferung glauben, daß in des Königs Palaste Pracht, Geschmack und Überfluß herrschten, und aus Gefälligkeit und der Seltenheit wegen wollen wir auch gläubig hinnehmen, was ferner berichtet wird: daß seine Minister weise und gerecht waren, die Höflinge tugendhaft und anhänglich, die Diener fleißig und treu. Und sehr einleuchtend ist, was man weiter erzählt, daß die Stallungen weit, groß und schön waren, so daß die armen Leute die prächtigen, immer reichgezäumten Pferde um ihre Wohnung beneiden konnten.

Auffallend war nur dieses, daß in diesen prächtigen Stallungen ein Esel den obersten, besten und vornehmsten Platz einnahm. Aber diesem Esel mußte man es zugestehen, daß er die Ehren, die ihm zuteil wurden, reichlich verdiente. Denn an jedem Morgen fanden sich in seinem Stand in schönen, wohlgeordneten Haufen große Mengen von Laubtalern und von Louis- und Friedrichsdoren aller Art, die man nur mit dem Besen zusammenzufegen brauchte, um mehr zu haben, als der ganze Hof- und Haushalt des Königs bedurfte. Der eine Esel war mehr wert als ein ganzes Dutzend der besten Finanzminister.

Wie aber in dieser besten der Welten alles dem Wandel unterworfen ist, das Glück der Könige ebensogut wie das der Untertanen, und wie auf Freud Leid folgen muß, so geschah es auch, daß die Königin plötzlich eine bösartige Krankheit heimsuchte, an der die Kunst der berühmtesten Ärzte zuschanden wurde.

Die Trostlosigkeit lag wie ein dicker Nebel auf dem ganzen Lande.

Wie die Königin ihr letztes Stündlein herannahen fühlte, sprach die hohe Kranke zu ihrem in Tränen schwimmenden Gatten wie folgt: »Mein Gatte, gestattet mir in meiner letzten Stunde eine Bitte, nämlich, daß, wenn Ihr Lust habt, Euch wieder zu verehelichen…«

»Niemals! Niemals!« fiel ihr hier der König schluchzend ins Wort, bedeckte ihre Hand mit Küssen und versicherte, daß jedes Wort eitel sei… »Zweite Ehe!« – lachte er bitter – »nein, liebe Königin, befehlet lieber, daß man mich gleich mit Euch bestatte…«

»Der Staat«, sagte die Königin mit einer Einsicht, die ihm den bevorstehenden Verlust noch empfindlicher machte, »der Staat verlangt einen männlichen Thronfolger, und da ich Euch nur eine Tochter gegeben, wird man in Euch dringen, für einen Sohn zu sorgen, der Eure Tugenden erbe und Eure segensreiche Regierung fortsetze. Nun aber beschwöre ich Euch aufs inständigste, bei aller Liebe, die uns verbunden, weichet dem Andringen Eurer Völker nicht eher, als bis Ihr eine Prinzessin gefunden, die schöner und besser gewachsen ist, als ich es war. Versprechet mir das mit einem Eide, und ich will ruhig verscheiden.«

Sie bildete sich freilich ein, daß eine schönere und besser gewachsene Königin in allen Reichen nicht aufzutreiben sei und daß sie durch diesen Schwur eine zweite Ehe des Königs vereitle.

Der König war außer sich, weinte Tag und Nacht und versäumte nichts, was einem Witwer wohlanständig ist.

Aber zu heftiger Schmerz tobt sich aus. Auch kamen bald die Großen der Krone, die den König aufforderten, sich zum zweiten Male zu verehelichen. Als man ihm dieses Ansinnen zum ersten Male stellte, schien es ihm sehr hart und bewirkte nur, daß er aufs neue in Tränen ausbrach. Er entschuldigte sich mit dem der Hochseligen geleisteten Eide und forderte sie heraus, ihm eine schönere und besser gewachsene Königin zu finden, ebenfalls vermeinend, daß dies unmöglich sei.

Aber der Staatsrat und die Großen der Krone beharrten auf ihrer Forderung, untertänigsten Bitte und treugehorsamsten Vorstellung. Sie gaben ihm zu erwägen, daß es eine Torheit sei, sich an solche Liebesschwüre zu halten, während man sich, wo der Staat und das Interesse es gebieten, um ganz andere Eide, Versprechungen und Verträge nicht kümmere. Sie sagten, daß an der Schönheit einer Königin und ob sie gut gewachsen sei, gar wenig, wohl aber an ihrer Tugend gar viel liege. Er sollte auch bedenken, daß der Staat im Interesse der Ruhe und der geordneten Thronfolge eines oder mehrerer Prinzen aufs dringendste bedürfe, und endlich, daß, wenn kein Prinz aus dem alten Haus mehr da sei, habsüchtige Nachbarn leicht Erbfolgekriege erregen und das Reich verderben und zerreißen könnten, wie das in der Geschichte schon zu wiederholten Malen vorgekommen. Alle diese Überlegungen machten auf den König einen solchen Eindruck, daß er beschloß und versprach, sie in Erwägung zu ziehen.

Als ein König, der sein Versprechen zu halten gewohnt war, fing .er darauf in der Tat an, sich unter den Prinzessinnen umzusehen. Täglich wurden ihm reizende Porträts zur Ansicht vorgelegt, aber keines hatte die Schönheit der Hochseligen, und so kam er zu keiner Wahl, zu keinem Entschluß.

In einer unglückseligen Stunde stand er plötzlich betroffen vor einem Gedanken, vor einer Bemerkung: Die Prinzessin, seine eigene Tochter, war nicht nur bezaubernd schön und wunderbar gewachsen, sie übertraf noch weit die Hochselige an Geist, Anmut und allem, was das weibliche Geschlecht reizend machen kann. Ihre Jugend, ihre Schönheit entflammten ihn dermaßen, daß er es vor ihr nicht länger verbergen konnte und daß er endlich mit der Erklärung herausrückte, sie, nur sie heiraten zu wollen, weil auch sie allein ihn von seinem Schwur entbinden könne.

Die junge, schöne, tugendhafte Prinzessin meinte, in Ohnmacht fallen zu müssen. Sie warf sich ihm zu Füßen, sie weinte, sie beschwor ihn, sie doch nicht dazu zu zwingen.

Der König, der, seinem Stande gemäß, sich nichts versagen konnte, was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, ging hin, um sich mit einem alten Druiden in dieser Angelegenheit zu beraten und das Gewissen der Prinzessin zu beruhigen, wohl wissend, daß dieser Druide für alle Sünden die schönsten Entschuldigungen zu finden verstand.

In der Tat verließ er denselben wieder, überzeugt, daß es ein frommes Werk sei, seine Tochter zu heiraten. Demgemäß umarmte er die Prinzessin und befahl ihr, sich für alles, was zur Hochzeit gehört, vorzubereiten.

In dieser verzweifelten Lage blieb der armen Prinzessin nichts übrig, als sich an ihre Pate, die Fliederfee, um Rat und Hilfe zu wenden. Und in der Nacht schlich sie aus dem Palaste, spannte einen Hammel, der ihr Vertrauen besaß und der alle Wege kannte, vor ihren Wagen und fuhr im Mondschein davon.

Noch vor Mitternacht kam sie bei der Fee glücklich an. Diese wußte natürlich schon, um was es sich handelte, ließ sich aber doch alles ausführlich erzählen und versicherte dann der Prinzessin, daß sie ganz ruhig sein könne und daß ihr nichts Böses geschehen werde, wenn sie nur ihre, der Fee, Ratschläge pünktlich befolge. »Denn«, sagte sie, »es wäre ein großer Fehler, seinen Vater zu heiraten, und man muß dem auszuweichen suchen, ohne ihm gerade zu widersprechen. Verlange du als Belohnung für dein Jawort von ihm ein Kleid von der Farbe des Wetters. Sage du, es sei einmal dein Geschmack, ein solches Kleid, und du würdest nicht eher ja sagen, als bis er dir dasselbe verschaffe. Niemals, bei aller Liebe und Macht, wird er dir ein Kleid von der Wetterfarbe verschaffen können.«

Gleich am nächsten Morgen tat die Prinzessin, wie die Pate gesagt hatte, und schwor, zu dieser Heirat nicht eher ja zu sagen, als bis sie ein Kleid von der Wetterfarbe besitze.

Der König war entzückt. Er ließ sogleich die berühmtesten Arbeiter des Landes kommen und versprach demjenigen, der ihm ein Kleid von schönster Wetterfarbe fabriziere, die höchsten Würden.

So kam es, daß nach zweimal vierundzwanzig Stunden das bestellte Kleid fix und fertig war.

Der König jubelte, die Prinzessin eilte wieder zur Fee, um neuen Rat zu holen. Diese meinte, es sei nichts zu tun, als auf .dieselbe Weise fortzufahren und noch ein Kleid, und zwar von der Mondfarbe, zu verlangen.

Das tat denn die Prinzessin. Aber schon nach vierundzwanzig Stunden brachte derselbe Arbeiter ein Kleid, das leuchtete wie der Mond und war so schön, daß die Prinzessin darüber ihren Kummer, nicht aber ihre Tugend vergaß. Sie nahm es an sich, fuhr aber fort zu verzweifeln und zu klagen. Jetzt kam die Fee selber heran und riet, ein Kleid von der Farbe der Sonne zu verlangen.

»Die Sonne«, sagte sie, »wird doch hoffentlich die verruchte Industrie nicht nachahmen können! – Und wenn sie es kann, so haben wir doch Zeit gewonnen und können uns indessen auf anderes besinnen.« So verlangte denn die Prinzessin ein Sonnenkleid.

Der König war unterdessen, gerade infolge des fortgesetzten Widerstandes, so verliebt geworden, daß er auch darauf einging. Er gab her, was er an Diamanten und Rubinen besaß, und befahl, daß man ein Kleid verfertige, welches die Sonne nicht nur an Glanz erreiche, sondern sogar übertreffe.

Und siehe da, es kam ein Kleid zustande, das alle, die es sahen, zwang, die Augen zu schließen.

Die Prinzessin war außer sich, die Fee wütend.

Nachdem sie sich ein wenig beruhigt, sagte sie: »Nun aber wollen wir uns mit diesen Teufelswerken nicht weiter befassen, sondern die Liebe des Vaters auf eine Probe stellen, die er schwerlich bestehen wird. Wir wollen einmal sehen, wie sich ein König benimmt, wenn man an seine Einkünfte rührt. Gehe hin, meine Tochter, und verlange die Haut jenes Esels, den er so hoch schätzt und der ihm eine so große Rente abwirft. Gehe hin und verlange besagte Haut.«

Die Prinzessin, glücklich, noch ein Mittel zu besitzen, um dem verabscheuten Ehebunde zu entgehen, und überzeugt, daß der König den geliebten Esel ihr nicht opfern werde, verlangte also mit vielem Mute und großer Entschiedenheit die Haut des kostbaren Tieres.

Der König erschrak, faßte sich aber bald und gab Befehl, daß der Goldesel geschlachtet werde.

Als man ihr im Namen des Königs die Haut des Esels in einem schön geschnitzten Köfferchen herbeibrachte, raufte sich die Prinzessin die Haare aus. Jetzt sah sie keinen Ausweg mehr, um den bösen Wünschen des Vaters zu entgehen.

Die Fee, die dazukam, rief entrüstet: »Wa