Monatsarchiv: Dezember 2017

Sonntagsmärchen

Heute würde meine Großmutter 109 Jahre alt. Für sie ist dieses Märchen.

Zwölf mit der Post

Hans Christian Andersen

Es war eine schneidende Kälte, sternenheller Himmel, kein Lüftchen regte sich.

‚Bums!‘ Da wurde ein alter Topf an die Haustüre des Nachbars geworfen. ‚Puff, paff!‘ Dort knallte die Büchse; man begrüßte das neue Jahr. Es war Neujahrsnacht! Jetzt schlug die Turmuhr zwölf!

‚Trateratra!‘ Die Post kam angefahren. Der große Postwagen hielt vor dem Stadttore an. Er brachte zwölf Personen mit, alle Plätze waren besetzt.

„Hurra! Hurra! Hoch!“ sangen die Leute in den Häusern der Stadt, wo die Neujahrsnacht gefeiert wurde und man sich beim zwölften Schlage mit dem gefüllten Glase erhob, um das neue Jahr leben zu lassen.

„Prost Neujahr!“ hieß es, „ein schönes Weib! Viel Geld! Keinen Ärger und Verdruss!“

Das wünschte man sich gegenseitig, und darauf stieß man mit den Gläsern an, dass es klang und sang – und vor dem Stadttore hielt der Postwagen mit den fremden Gästen, den zwölf Reisenden.

Und wer waren diese Fremden? Jeder von ihnen führte seinen Reisepass und sein Gepäck bei sich; ja, sie brachten sogar Geschenke für mich und dich und alle Menschen des Städtchens mit. Wer waren sie, was wollten sie, und was brachten sie?

„Guten Morgen!“ riefen sie der Schildwache am Eingange des Stadttores zu.

„Guten Morgen!“ antwortete diese, denn die Uhr hatte ja zwölf geschlagen.

„Ihr Name? Ihr Stand?“ fragte die Schildwache den von ihnen, der zuerst aus dem Wagen stieg.

„Sehen Sie selbst im Passe nach“, antwortete der Mann. „Ich bin ich!“ Und es war auch ein ganzer Kerl, angetan mit Bärenpelz und Pelzstiefeln. „Ich bin der Mann, in den sehr viele Leute ihre Hoffnung setzen. Komm morgen zu mir; ich gebe dir ein Neujahrsgeschenk! Ich werfe Groschen und Taler unter die Leute, ja ich gebe auch Bälle, volle einunddreißig Bälle, mehr Nächte kann ich aber nicht darauf gehen lassen. Meine Schiffe sind eingefroren, aber in meinem Arbeitsraum ist es warm und gemütlich. Ich bin Kaufmann, heiße Januar und führe nur Rechnungen bei mir.“

Nun stieg der zweite aus, der war ein Bruder Lustig; er war Schauspieldirektor, Direktor der Maskenbälle und aller Vergnügungen, die man sich nur denken kann. Sein Gepäck bestand aus einer großen Tonne.

„Aus der Tonne“, sagte er, „wollen wir zur Fastnachtszeit die Katze heraus jagen. Ich werde euch schon Vergnügen bereiten und mir auch; alle Tage lustig! Ich habe nicht gerade lange zu leben; von der ganzen Familie die kürzeste Zeit; ich werde nämlich nur achtundzwanzig Tage alt. Bisweilen schalten sie mir zwar auch noch einen Tag ein – aber das kümmert mich wenig, hurra!“

„Sie dürfen nicht so schreien!“ sagte die Schildwache.

„Ei was, freilich darf ich schreien“, rief der Mann, „ich bin Prinz Karneval und reise unter dem Namen Februarius.“

Jetzt stieg der dritte aus; er sah wie das leibhaftige Fasten aus, aber er trug die Nase hoch, denn er war verwandt mit den ‚vierzig Rittern‘ und war Wetterprophet. Allein das ist kein fettes Amt, und deshalb pries er auch das Fasten. In einem Knopfloche trug er auch ein Sträußchen Veilchen, auch diese waren sehr klein.

„März! März!“ rief der vierte ihm nach und schlug ihn auf die Schulter; „riechst du nichts? Geschwind in die Wachstube hinein, dort trinken sie Punsch, deinen Leib- und Labetrunk; ich rieche es schon hier außen. Marsch, Herr Martius!“ – Aber es war nicht wahr, der wollte ihn nur den Einfluss seines Namens fühlen lassen, ihn in den April schicken; denn damit begann der vierte seinen Lebenslauf in der Stadt. Er sah überhaupt sehr flott aus; arbeiten tat er nur sehr wenig; desto mehr aber machte er Feiertage. „Wenn es nur etwas beständiger in der Welt wäre“, sagte er; „aber bald ist man gut, bald schlecht gelaunt, je nach Verhältnissen; bald Regen, bald Sonnenschein; ein- und ausziehen! Ich bin auch so eine Art Wohnungsvermietunternehmer, ich kann lachen und weinen, je nach Umständen! Im Koffer hier habe ich Sommergarderobe, aber es würde sehr töricht sein, sie anzuziehen. Hier bin ich nun! Sonntags geh‘ ich in Schuhen und weißseidenen Strümpfen und mit Muff spazieren.“

Nach ihm stieg eine Dame aus dem Wagen. Fräulein Mai nannte sie sich. Sie trug einen Sommermantel und Überschuhe, ein lindenblattartiges Kleid, Anemonen im Haare, und dazu duftete sie dermaßen nach Waldmeister, dass die Schildwache niesen musste. „Zur Gesundheit und Gottes Segen!“ sagte sie, das war ihr Gruß. Wie sie niedlich war! Und Sängerin war sie, nicht Theatersängerin, auch nicht Bänkelsängerin, nein, Sängerin des Waldes; – den frischen, grünen Wald durchstreifte sie und sang dort zu ihrem eigenen Vergnügen.

„Jetzt kommt die junge Frau!“ riefen die drinnen im Wagen, und aus stieg die junge Frau, fein, stolz und niedlich. Man sah es ihr an, dass sie, Frau Juni, von faulen Siebenschläfern bedient zu werden gewohnt war. Am längsten Tage des Jahres gab sie große Gesellschaft, damit die Gäste Zeit haben möchten, die vielen Gerichte der Tafel zu verzehren. Sie hatte zwar ihren eigenen Wagen; allein sie reiste dennoch mit der Post wie die andern, weil sie zeigen wollte, dass sie nicht hochmütig sei. Aber ohne Begleitung war sie nicht; ihr jüngerer Bruder Julius war bei ihr.

Er war ein wohlgenährter Bursche, sommerlich angekleidet und mit Panamahut. Er führte nur wenig Gepäck bei sich, weil dies bei großer Hitze zu beschwerlich sei; deshalb hatte er sich nur mit einer Schwimmhose versehen, und dies ist nicht viel.

Darauf kam die Mutter selbst, Madame August, Obsthändlerin en gros, Besitzerin einer Menge Fischteiche, sie war dick und heiß, fasste selbst überall an, trug eigenhändig den Arbeitern Bier auf das Feld hinaus. „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen!“ sagte sie, „das steht in der Bibel. Hinterdrein kommen die Spazierfahrten, Tanz und Spiel und die Erntefeste!“ Sie war eine tüchtige Hausfrau.

Nach ihr stieg wieder ein Mann aus der Kutsche, ein Maler, Herr Kolorier Meister September; der musste den Wald bekommen; die Blätter mussten Farbe wechseln, aber wie schön; wenn er es wollte, schillerte der Wald bald in Rot, Gelb oder Braun. Der Meister pfiff wie der schwarze Star, war ein flinker Arbeiter und wand die blaugrüne Hopfenranke um seinen Bierkrug. Das putzte den Krug, und für Ausputz hatte er gerade Sinn. Da stand er nun mit seinem Farbentopfe, der war sein ganzes Gepäck!

Ihm folgte der Gutsbesitzer, der an den Saatmonat, an das Pflügen und Beackern des Bodens, auch an die Jagdvergnügungen dachte; Herr Oktober führte Hund und Büchse mit sich, hatte Nüsse in seiner Jagdtasche – ‚knick, knack!‘ Er hatte viel Reise gut bei sich, sogar einen englischen Pflug; er sprach von der Landwirtschaft; aber vor lauter Husten und Stöhnen seines Nachbars vernahm man nicht viel davon.

Der November war es, der so hustete, während er ausstieg. Er war sehr mit Schnupfen behaftet; er putzte sich fortwährend die Nase, und doch, sagte er, müsse er die Dienstmädchen begleiten und sie in ihre neuen Winterdienste einführen; die Erkältung, meinte er, verliere sich schon wieder, wenn er ans Holzmachen ginge, und Holz müsse er sägen und spalten; denn er sei Sägemeister der Holzmacherinnung.

Endlich kam der letzte Reisende zum Vorschein, das alte Mütterchen Dezember mit der Feuerkiepe; die Alte fror, aber ihre Augen strahlten wie zwei helle Sterne. Sie trug einen Blumentopf auf dem Arme, in dem ein kleiner Tannenbaum eingepflanzt war. „Den Baum will ich hegen und pflegen, damit er gedeihe und groß werde bis zum Weihnachtsabend, vom Fußboden bis an die Decke reiche und emporschieße mit flammenden Lichtern, goldenen Äpfeln und ausgeschnittenen Figürchen. Die Feuerkiepe wärmt wie ein Ofen; ich hole das Märchenbuch aus der Tasche und lese laut aus ihm vor, dass alle Kinder im Zimmer still, die Figürchen an dem Baume aber lebendig werden und der kleine Engel von Wachs auf der äußersten Spitze die Flittergoldflügel ausbreitet, her abfliegt vom grünen Sitze und klein und groß im Zimmer küsst, ja, auch die armen Kinder küsst, die draußen auf dem Flure und auf der Straße stehen und das Weihnachtslied von dem Bethlehemsgestirne singen.“

„So! Jetzt kann die Kutsche abfahren“, sagte die Schildwache, „wir haben sie alle zwölf. Der Beiwagen mag vorfahren!“

„Lass doch erst die zwölf zu mir herein!“ sprach der Wachhabende, „einen nach dem andern! Die Pässe behalte ich hier; sie gelten jeder einen Monat; wenn der verstrichen ist, werde ich das Verhalten auf dem Passe bescheinigen. Herr Januar, belieben Sie näher zu treten.“

Und Herr Januar trat näher.

Wenn ein Jahr verstrichen ist, werde ich dir sagen, was die zwölf uns allen gebracht haben. Jetzt weiß ich es noch nicht, und sie wissen es wohl selbst nicht – denn es ist eine seltsam unruhige Zeit, in der wir leben.

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Blick in den Wandel – Dezember 2017

Dezember 2017

Blick in den Wandel

30.Dezember 2017

Zwischen den Jahren…

…eine wichtige Zeit wie ich persönlich finde. Notwendig, um das Vergangene zu überdenken, zu vergeben. Auch sich selbst.

Passend zu diesem Schreckensjahr bin ich über diese Zeit krank. Gut, dann hab ich das auch noch weg, kann nur besser werden.

Wichtig ist mir, die dunkle Zeit des Dezembers meine Familie nah zu haben. Gemeinsam gehen wir an Orte, die Licht ausstrahlen.

Obwohl ich vieles an der Institution Kirche verabscheue, mag ich die wärmende Einigkeit, die Religion ausstrahlen kann. Warum brauchen Menschen dafür einen Gott? Und warum einen, der allein wahr ist?

Der Schleier des drohenden Verlustes eines geliebten Menschen wird mit in das neue Jahr kommen. Das jedoch ist nur eine persönliche Angst, eine, die jeden trifft und mit der jeder Einzelne leben muss.

Was der Verlust des gewohnten Lebensraumes so vieler Menschen bringen wird, werden auch wir verwöhnten Europäer zu spüren bekommen. Wie immer, zuerst nur der Teil der Bevölkerung, der zu den ärmeren und ärmsten zählt.

Gehen wir gemeinsam alte Wege neu. Es wäre ein Anfang.

Das Schöne vom Tag

Weihnachtslicht

Zum Tag

Bedacht überlegen, gesteuert vom Fühlen.

Friede im Herzen und den Menschen ein Wohlgefallen.

Wie, in dieser digitalisierten Welt, ist das zu finden?

Indem wir uns nicht mehr steuern lassen, indem wir aufbrechen.

Aufbrechen…die Torheit und Doktrin der Eliten und Regierungen hinter uns lassend.

Aufbrechen ungenau überlieferte Vorstellungen von einem Gott, der straft.

Selbst wissen wir um unser Fehltun. Nur wir ändern, keine Beichte hilft.

Stark aufstehen für die Unterschiedlichkeit des Einzelnen.

Zwischenspiel oder ich denke laut

Eigentlich mach ich ja Pause, das hier kann ich mir dennoch nicht verkneifen.

Ach ja. Vor langer, langer Zeit gab es einmal eine Königin. Fern ihres Volkes war sie, in ihrem eigen gewählten Elfenbeinturm. 

Dianarapunzel hatte vorher schon ihr Haar abgeschnitten, ach wie liebte sie das Volk dafür.

Die schon immer kurz beschnittene Queen musste von allen Ministern überzeugt werden, Einkehr zu finden –  mit ihrem eigenen Volk.

Nun, unsere Boje tut das auch. Was für eine wundervolle Weihnacht.
Kanzlerin auf dem Breitscheidplatz: Merkel trifft Hinterbliebene

http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_82923000/tid_amp/kanzlerin-auf-dem-breitscheidplatz-merkel-trifft-hinterbliebene.html

Frohe Weihnachten – Pause

Liebe Blogger, mein lieber Freund Arno, lieber Emil, liebe Karfunkelfee, liebe Gerda, sehr gemochter Herr Plietsche, liebe Annemarie, liebes Eulchen,

nichts wünsche ich mir mehr als Ruhe.

Mein Sonntagsmärchen gibt es darum schon heute.

Geniesst die Adventszeit. Geniesst die Weihnacht. Geniesst die Stille

Nikolause

Es war Niklausabend-Tag, und soeben hatte der Bäcker ein großes Kuchenblech voll frischgebackener Nikolause aus dem Ofen gezogen.

Die Augen standen ihnen – dass Gott erbarm! – so dick wie Froschaugen aus dem Kopfe heraus. Eine Nase hatte der Bäcker überhaupt für überflüssig gehalten – auch Ohren. Der Mund aber saß dem einen rechts – dem andern links, und hatte eine
verzweifelte Ähnlichkeit mit den Westenknöpfen.
Von den Armen und Beinen gar nicht zu reden! Was kümmerten die den Bäcker? Er hatte ja alle seine vier Glieder – und nicht zu knapp! Die Nikolause, die würde er auf alle Fälle verkaufen, ob sie nun wulstige oder spindeldürre Arme – gerade Beine oder nur zwei zugespitzte Klumpen hatten.
Zuerst waren nun die Frischgebackenen da eine Weile still. Sie mussten sich die Welt ringsum doch erst ein wenig ansehn. Da merkten die, die das Glück hatten, geradeaus sehn zu können, dass die Decke der Backstube lachte.
„Warum lachen Chie?“ fragte einer, der einen bedauerlich schiefen Mund bekommen hatte.
„Ach“ – entschuldigte sich die Decke – „ich wunderte mich nur darüber, dass der Bäcker es in keinem Jahre fertig bringt, tadellose Nikolause zu backen.“
„Tadelloch – wach choll dach heichen?“ fragte der Nikolaus und rollte seine schwarzen Korinthenaugen.
Nun mischten sich auch die andern ein. „Ja – wollen Sie uns bitte eine Erklärung geben, was sie mit dem Worte „tadellos“ gemeint haben?“
„Ach – ich meinte ja nur so – so – na ja: eben so, wie sich’s gehört. Arme und Beine hübsch regelmäßig geformt, der Mund in der Mitte und auch die Augen auf ihrem richtigen Platz. Aber es ist noch nie vorgekommen, dass der Bäcker solche Männer zustande gebracht hat. Der heilige Nikolaus wird sich bedanken für seine gebackenen Photographien!“
Inzwischen hatte der Bäckermeister sich daran gemacht, ein zweites Blech mit Teigmännern zu belegen. Sie fielen nicht besser aus. Im Gegenteil! Es war haarsträubend, was der Bäcker sich in seiner Schöpferlaune leistete! Klebten zwei Korinthen zusammen – „Da: hast de zwei Münder.“
„Es ist empörend!“ rief der Tisch. „Ein Doppelmund! Aber der wäre dem schwatzhaften Bäcker selber sicher sehr angenehm. Dass ihm doch der heilige Nikolaus den eigenen Kopf so tief zwischen die Schultern steckte!“
„Ja – und ihn recht kräftig an den Ohren zwickte,“ grollte der Stuhl. „Dann würde er sich seiner Hörorgane vielleicht erinnern.“
Am hitzigsten war aber der Backofen. „Die Augen sollte man ihm auskratzen und sie ihm hüben und drüben auf die Backen kleistern“ – schrie er wütend. „Ein Skandal ist es! Und schließlich bleibt ja doch alles an mir hängen.“
Nun kam die Frau Bäckermeisterin mit einem Körbchen, stellte die Nikolause hinein und trug sie in das Schaufenster des Lädchens.
„Aah – aah – aah -,“ kam es von allen Seiten, „die Herren Nikolause!“ Gleich kam auch ein Trupp Schulbuben die Straße daher, drückte sich die Nase an den Scheiben platt, rief: „Nikkelees! Nikkelees!“ und verschlang mit den Augen das ganze Körbchen.
Die Männer aus dem feurigen Ofen mussten durchaus den Eindruck gewinnen, als werde ihnen hier unverhohlene – ja begeisterte Bewunderung zuteil.
Einer von ihnen, dem die Augen ungefähr in gleicher Höhe mit dem Munde saßen, dessen obere Kopfhälfte aber dafür außerordentlich viel Platz zum Denken ließ, philosophierte: „Der Geschmack und die Ansichten dieser Welt scheinen sehr geteilt zu sein. Was von dem einem verlacht wird, wird von den andern bewundert.“
Mit dieser Erkenntnis suchten seine Kameraden – je nach Veranlagung – (d.h.: je nachdem man ihnen die Korinthen in den Kopf gedrückt und dadurch ihren Gesichtern Ausdruck verliehen hatte) fertig zu werden. Die einen mit Humor, die andern mit Pessimismus, die dritten mit dem Grundsatz der allgemeinen Wurschtigkeit.
„Was aber mag der eigentliche Zweck des Lebens – des Lebens eines Nikolauses – sein?“ grübelte der mit der Denkerstirne weiter.
Er brauchte nicht lange auf die Antwort zuwarten. Die Ladentür klingelte, und herein trat eine Frau in Schürze, Pantoffeln und Kopftuch. „Gewwe Se mer mal sechs Stick von dene Nikkeleese“, sagte sie zur Bäckermeisterin. „Mer muss doch merkke, dass heit Nikkeleesabend is. Awwer von dene große – zu 10 Pfennig.“
„Aha!“ dachte der Philosoph aus Kuchenteig. „Die Dinge des Lebens werden also verschieden bewertet. Je nach Größe und Umfang – sehr vernünftig!“
Er verschwand mit fünf Kollegen in einer Tüte. „Zuhause“ wurde er ausgepackt.
„Wie groß ist doch die Welt! Nicht nur einen Geburtsort und einen Kaufladen – nein: auch noch eine Straße und ein „Zuhause“ gibt es darin -“ dachte er begeistert.
Nun verbreitete sich in der Stube ein würziger Duft; Tassen wurden auf den Tisch gestellt und in jede derselben ein Nikolaus hineingesteckt. Recht stattlich nahm er sich doch aus, dieser Kreis von wackeren Kumpanen! Herzerquickend war denn auch die Freude der Kinderschar.
Unser Held wollte gerade ausrufen: „Kameraden – O Gott – das Leben ist doch schön!“ da verzogen sich seine drei Münder – oder seine drei Augen – wie man’s nehmen will – und er spürte einen Riss in seiner Kopfhaut. „Ach nein – kurz scheint’s zu sein,“ konnte er merkwürdigerweise doch noch denken. „Und der Hunger scheint mächtiger zu sein als die Liebe.“
Hierin hatte er nicht unbedingt recht – glücklicherweise. Denn wenn auch seine fünf Genossen geköpft, gevierteilt oder sonst wie misshandelt und dann aus kannibalische Weise verspeist wurden – er kam mit einer leichten Verletzung davon.
„Ich will mein Nikkelees doch liewer erst mal dem werkliche Nikkelees heit abend zeige -“ sagte seine kleine Besitzerin liebevoll.
„Tu des – tu des nur, mei Herzche,“ nickte die Mutter.
Also ward dem Glücklichen noch eine Galgenfrist beschert. Er benutzte sie natürlich sofort wieder zum philosophieren. „Nur die Gedanken scheinen ewig,“ meinte er. –
Nun: Der Abend kam, und der wirkliche Nikolaus kam. Er betrachtete sein Kuchen-Konterfei – lange und prüfend; und schüttelte dann sein ehrwürdiges Haupt.
Plötzlich aber hellte sich die Miene des wirklichen Nikolaus auf. „Ich armer Nikolaus – soll ich schon klagen?“ rief er aus. „Du lieber Gott – – – was musst du erst alles an deinen Ebenbildern erleben!“

Autor: Sophie Reinheimer

Zum Tag

Früh bricht Dunkelheit ein. 

Es sind letzte Tage der weiteren Finsternis, mehr Licht schon in naher Sicht.

Am Nachmittag habe ich die Wäsche meiner Mutter gemacht. Es ist schon dunkel, als wir sie zu ihr bringen. Gemeinsam und mit einem halben Stollen für sie dabei. So ein weiches, so ein gutes Gesicht hat meine Mutter, wie ein warmes Feuer ist es.

Schneeweißchen und Rosenrot oder bei diesem Wetter braucht man eine warme Suppe

Allen ist es bekannt – das Märchen von den zwei gleich guten und schönen Schwestern Schneeweißchen und Rosenrot.
Zum Symbol ihrer schwesterlichen Liebe stehen zwei Rosenbüsche vor der Hütte in der sie mit ihrer Mutter leben. Einer weiß, einer rosenrot – rosa also – denn für rosa steht in den vergangenen Zeiten das Wort rosenrot.
So sind es sicher auch keine Edelrosenbäumchen die da vor der Hütte wachsen,  sondern Wildrosen –  Hagebutten.
Was auch viel logischer ist, bedenkt man die Armut der Hütte und ihrer Bewohner. Die Hagebutten sind gleichzeitig wichtige Ergänzung des einfaches Mahles. Schönheit und Nützlichkeit vereint also, wie bei den beiden Schwestern Schönheit und Güte beieinander sind.
Zwei gleich gute und schöne Schwestern – das ist die Besonderheit in diesem Märchen.
Die anderen gleichgeschlechtlichen Geschwisterpaare haben einen mit gut und einen mit böse besetzten Part.
Am bekanntesten zu lesen in „Aschenputtel“, weniger bekannt, jedoch von märchenhafter Schönheit ist die Geschichte von „Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein“.
Bei ihren Ausflügen in den Wald begegnen Schneeweißchen und Rosenrot einem bösem Zwerg, der Tieren Schätze entreißen will und dabei in Gefahr gerät und dem sie trotz seiner Boshaftigkeit Hilfe leisten.
Von einem ihrer Streifzüge bringen sie gesammelte Pilze mit.
Gewiss hat ihnen ihre gütige Mutter daraus eine die Winterkälte vertreibende, wohlschmeckende Suppe bereitet, so wie ich es heute aus unseren gesammelten Pilzen tue.
Am Vorabend weiche ich dafür eine größere Menge getrockneter Pilze in kaltem Wasser ein.
Über Nacht ziehen diese im Wasser und geben ihm dunkle Farbe und intensiven Pilzgeschmack.
In einem größeren Topf lasse ich Butter zerlaufen und bereite durch hinzugeben von Mehl eine Mehlschwitze zu.

Das geschieht bei kleinster Temperatur damit nichts anbrennt.
Wenn die Butter und das Mehl sich cremig verbunden haben, gebe ich löffelweise,  zuerst in kleineren Mengen, dann mehr,  die Pilzbrühe hinzu.

Immer dabei mit dem Schneebesen weiter rühren, damit sich keine Klümpchen bilden.
Zum Schluss die eingeweichten Pilze mit dem restlichen Sud

hineingeben und aufkochen lassen.

Zum würzen verwende ich Salz,  Pfeffer und ein klein wenig Muskat. Auch ein ganz kleiner Schluck Sherry schmeckt in dieser Suppe prächtig.
Wenn dies alles drin ist, mixe ich mit dem Pürrierstab auf, die so zerkleinerten Pilze intensivieren den Geschmack der Suppe.

Eine cremige, nach Waldpilzen duftende und schmeckende Suppe ist entstanden, der ich mit dem Hinzugeben süßer Sahne den letzten, runden Geschmack gebe.

Die beiden Schwestern ließen im Winter einen Bären in ihre Hütte, dem sie den Schnee aus seinem Fell klopften.
„Schneeweißchen, Rosenrot, schlägst dir den Freier tot.“, brummte der Bär freundlich dazu.
Als er im Frühjahr wieder in die Wälder zog, riß sein Fell ein wenig und darunter, so schien es, schimmerte Gold.
Später treffen die Mädchen im Wald wieder auf den Zwerg, dessen Zauberkraft sie durch das Abschneiden seines Bartes besiegen und der Bär tötet schließlich den Zwerg.
Ist das Abschneiden der Barthaare ein Hinweis auf die biblische Geschichte von Samson, dem seine Geliebte Delila die Kraft raubte, indem sie ihm die Haare abschnitt?
Auch hier ist mit dem Abschneiden der Haare die Zauberkraft erloschen und der in einen Bären verwunschene Prinz erhält seine menschliche Gestalt zurück.
Er freit Schneeweißchen, sein Bruder Rosenrot und zu ihrer Hochzeit gab es meine vorzügliche Waldpilzsuppe.

Das Märchen ist aus, da rennt eine Maus.
Wer sie fängt darf sich aus ihrem Fell ein Pelzchen machen.
Das jedoch ist schon wieder ein anderes Märchen.