Monatsarchiv: Oktober 2017

Erinnerungen – mein toter Vater

Für meinen Vater, der heute 85 Jahre alt werden würde.
Erinnerungen – mein toter Vater – eine mit Nachsicht aufrechnende Abrechnung.

Verlust ist es und der Schmerz um die Sinnlosigkeit dieses, das sind die überwiegenden Gefühle, wenn ich an meinen Vater denke, der mich als ich 6 Jahre alt war, durch Selbstmord verlassen hat.

An seine Zahnarztpraxis schloss sich unsere Wohnung. Vom großzügigem Wohnzimmer ging eine Tür direkt in sein Sprechzimmer. Für meine Mutter war das ideal, sie arbeitete mit in seiner Praxis. Mir fiel es schwer, mich nur einen Augenblick von meiner Mutter zu trennen. Immer wollte ich in der Nähe dieser schönen, weichen Frau sein. Für meine Mutter muss meine Klammerei anstrengend gewesen sein. Sie war damals eine lebenslustige Frau. Einmal ging sie allein mit ihrer Sportgruppe aus, meine große Schwester schlief, ich lag bei meinem Vater auf dem Sofa und schrie wie wild. Immer daselbe. Ich will zu meiner Mama! Mein Vater hat am Anfang versucht mich liebevoll zu beruhigen, er hat auf mich eingeredet, mich den langen Flur unserer Wohnung und auch noch den der Praxis entlang getragen. Mit nichts war ich zu beruhigen. Ich will zu meiner Mama! Am Ende hat er die Geduld verloren, mir ein Sofakissen auf’s Gesicht geworfen und gesagt, schrei da rein. Diese Geste hat mich von ihm entfernt, ich hörte auf zu schreien, aber nur aus Furcht vor diesem wütenden, großen schwarzhaarigem Mann mit den stechend blauen Augen. Irgendwann kam meine Mutter und für mich war aller Schmerz wieder gut.

Meinen Vater habe ich nur in einem weißen Kittel in Erinnerung. Von Fotos weiß ich, dass er immer gut gekleidet war. Beliebt wegen der Qualität seiner Arbeit war er und hatte einen großen Freundeskreis. Die kurzen Erinnerungen die ich an ihn habe, liegen fast alle in seiner Praxis. Einmal wünschte ich mir ein kleines Spielzeughäschen. Mit einem Schlüssel konnte es aufgezogen werden und begann dann sich im Kreis zu drehen. Es musste wunderbar sein, einen solchen Spielkameraden zu haben. Lange habe ich davon erzählt. Eines späten Nachmittags sagte meine Mutter ich solle in’s Sprechzimmer kommen, mein Vater hätte eine Überraschung für mich. Mein Häschen! Er hat mir mein Häschen gekauft! Ich sauste durch die nur mit Erlaubnis zu benutzende Wohnzimmertür zu ihm. Er hielt mir einen kleinen Hasen hin, der nicht im entferntesten mein tanzendes Wunschtierchen war. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich hatte ihm das Spielzeug genau beschrieben, es mir zu einem Anlass erbeten. Heute war ein normaler Wochentag, aber so veralbern musste er mich doch nicht! Traurig war ich, wie es ist, wenn ein Wunschtraum nicht wahr wird. Plötzlich ein Geräusch, ich drehte mich um und da war er, mein tanzender Hase. Direkt vor mir, er tanzte auf mich zu und ich bald überglücklich mit ihm. Mein Vater hatte einen Scherz gemacht. Nie habe ich solche Art von Scherzen gemocht und den bekommenen Hasen nicht geliebt.

Sehe ich diese Zeit aus heutiger Sicht, versuche ich durch diese Geschichten meinen Vater mir nah zu bringen. Er war ein begabter Mensch, interessiert, klug. Während seines Studiums erlernte er zusätzlich das Segelfliegen. Er war interessiert an Literatur und besaß eine umfangreiche Sammlung von Büchern, die er auch gelesen hatte. Einen Doktortitel besaß er und war kunsthandwerklich tätig. Verheiratet mit einer schönen Frau die ihn liebte, hatte er zwei gesunde Kinder. Zwar sollte ich lieber ein Junge sein, oft erzählte er mir, wenn du ein Junge gewesen wärst, hätte ich uns eine große Eisenbahnanlage gekauft, da du ein Mädchen bist haben wir uns für ein neues Auto entschieden. Aus solchen Erinnerungsfetzen versuche ich mir ein Bild eines Mannes zu machen, der all das später nicht mehr leben wollte.

Erst viele Jahre später, beim Tod meines Großvaters, als meine Großmutter einige Tage bei uns verbrachte (mein Vater war da schon Jahre tot), erfuhr ich durch Zufall, dass mein Vater eine Pflegekind war, der sich erst mit 18 Jahren von seinen Pflegeeltern (meinen Großeltern) hat adoptieren lassen. Ich hatte in’s Stammbuch geschaut und einen anderen Nachnamen als unseren entdeckt. Hattest du noch ein Kind, fragte ich meine Großmutter und wo ist es. Ja sagte meine Großmutter und…es ist auch tot. Meine Mutter hat mir kurz den Zusammenhang erklärt, dann wurde darüber nicht mehr gesprochen.

Ist es also die verlorene Identität gewesen, die meinen Vater nicht leben ließ? 

Erinnerungen habe ich an laute Streiterein meiner unternehmungslustigen Eltern. Sie gingen oft aus, kamen sie heim, gab es manchmal laute Streiterein. Ich habe mich aus meinem Bett geschlichen und hinter der Tür versteckt. Lauschend bin ich dort eingeschlafen und von den Eltern erst entdeckt worden als sie zu Bett gingen. 

Einmal hatte sich mein Vater mit dem Auto in der Garage eingeschlossen, den Motor laufen lassen und versucht, sich dadurch zu töten. Meine Mutter hat die Garagenfenster eingeschlagen und ihn damit gerettet und beruhigt. Warum diese Situation keine klärenden Handlungen nach sich zog, ist mir bis heute nicht bekannt. Nachbarn waren aufmerksam geworden, meine Mutter hätte alamiert gewesen sein müssen, mein Vater hätte eine Behandlung notwendig gehabt. Nichts geschah, das Leben lief seinen Trott weiter.

Ich war damals zu klein, um eingreifen zu können. Meine Mutter spricht nicht über diese Zeit. Inzwischen gönne ich ihr den Abstand und die Ruhe die sie dadurch gewonnen hat. Ich werde sie nicht mehr fragen und ihre Ruhe zerstören, um meine zu finden.

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Blick in den Wandel – Oktober 2017

Frauen die Geschichte schrieben – Clara Zetkin (1857-1933)

Clara Zetkin war eine wichtige Wegbereiterin auf dem langen und längst noch nicht beendetem Weg zur Gleichberechtigung der Frau. Der 8.März, der Internationale Frauentag, geht auf ihre Initiative zurück.

Geboren wurde Clara 1857. Ihr Vater, Gottfried Eisner, war Sohn eines Tagelöhners und hatte sich selbst schon mit 16 Jahren zum Dorfschullehrer hoch gearbeitet. Als tief gläubiger Christ versuchte er durch eigene Mildtätigkeit, die Welt zu einem besserem Ort zu machen.

In zweiter Ehe heiratete er Josephine Vitale, die Clara’s Mutter wurde. Früh schon kam Clara, die älteste Tochter dieser Ehe war, über ihre Mutter mit deren Veränderungshoffnungen, die auf der verpfuschten Revolution von 1848 beruhten, in Kontakt. Ihre Mutter gründete in Wiederau, dem Wohnort der Familie, einen Verein für Frauengymnastik und stand zudem in engem Kontakt zu anderen Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung.

1872 zog die Familie nach Leipzig, die Eltern erhoffen sich vom Umzug in die Großstadt eine bessere Ausbildung ihrer Kinder. Für Mädchen gab es auch dort nur eingeschränkte Möglichkeiten. Eine davon war ein Lehrerinnenseminar, das Clara besuchte. Geleitet wurde es von Auguste Schmidt, einer Freundin ihrer Mutter aus der bürgerlichen Frauenbewegung. Wichtig hier war für Clara, dass sich das Seminar der chauvinistischen Welle, die nach der Reichsgründung von 1871 entstanden war, widersetzte.

Langsam nur kam eine demokratische Frauenbewegung in Gang, noch galten alte Werte zur Stellung, Bildung und Erziehung von Mädchen und Frauen.

Seit den 1860’er Jahren trat die Frauenbewegung mehr und mehr für eine Vorwärtsbewegung der Menschheit ein. Diese beruhte auf der Erkenntnis, dass die Intelegenz kritisches Denken zu fördern hat, um das einfache Volk ihr gleich zu setzen.

Clara begann sich von sich selbst und ihrer Stellung loszusagen, um damit das Recht zu erwerben, im Namen des Volkes zu sprechen.

Über ihre Tätigkeit lernte sie Ossip Zetkin kennen. Der aus der Ukraine stammende Mann, musste von dort aus politischen Gründen fliehen und hatte Leipzig als seine Wahlheimat gewählt. Dort studierte er und finanzierte sein Studium über eine Halbtagsstellung beim Tischlermeister Mosermann, der ein überzeugter Sozialdemokrat war. So kamen beide zum Kontakt mit dieser Partei.

1875 nannte sich die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands um. Ihre Hochburg lag in Leipzig. Diese Partei war eine revolutionäre Partei, die Arbeiter zum Kampf gegen den Kapitalismus organisieren wollte. Parteiführer waren August Bebel und Karl Liebknecht.

Bismarck nutzte 1878 die Attentate auf den Kaiser, um diese Partei zu unterdrücken. Im Zuge dessen erließ er die Sozialistengesetze.

Clara war damals, auch durch Ossip Zetkin, schon tief mit der Partei verbunden.

Im August 1880 fand in der Schweiz ein sozialdemokratischer Parteitag statt. In die Schweiz ausgelagert musste er werden, da die Partei in Deutschland mittlerweile verfolgt wurde. Bebel berichtete dannach in Leipzig davon. Alle Teilnehmer der Veranstaltung, auf der er dies tat, wurden daraufhin verhaftet, mussten aber wieder frei gelassen werden. Für Ossip Zetkin bedeutete dies jedoch die Ausweisung aus Deutschland. Er ging nach Paris.

Clara selber ging zunächst in die Schweiz. Dort wurde die Parteizeitung „Der Sozialdemokrat“ gedruckt. Sie half bei deren illegaler Verschickung nach Deutschland. Zudem führte sie politische Diskusionen. Sie erkannte, auch durch Bebel’s Buch „Die Frau und der Sozialismus“, dass der Kampf der ArbeiterInnen für Sozialismus und der Kampf für die Befreiung der Frau ein gemeinsames Thema waren.

Clara zog wenig später zu Zetkin nach Paris, hat ihn jedoch nie geheiratet, um ihre deutsche Staatsbürgerschaft nicht zu verlieren. Seit dieser Zeit führte sie jedoch seinen Namen. Ihre Söhne Maxim und Konstantin wurden geboren.

In Reden machte sie auf die Last der Frauen aufmerksam. Lohnarbeit, Haushalt und politische Arbeit forderten von den Frauen einen Arbeitstag, der oft 16 – 20 Stunden hatte.

1886 ermöglichte ihr das Honorar für einen Artikel eine Reise nach Leipzig und die Teilnahme an illegalen Veranstalungen. Aufgeregt hielt sie dort erste Reden.

Clara Zetkin stand im Kontakt zu Führerinnen der französischen Arbeiterbewegung unter Jules Guesde und Paul und Laura Lafargue. Laura Lafargue war die Tochter von Karl Marx.

Am 29.1.1889 stirbt ihr Mann, den sie in seiner letzten Lebenszeit pflegte.

Am 19.Juli hält sie ihre erste große Rede auf einem Kongress, dessen Inhalt die Gründung der Zweiten Internationale ist. Ihr Redthema beinhaltet die Befreiung der Frau.

1890 werden in Deutschland die Sozialistengesetze aufgehoben. Für Clara war das Anlass, nach Stuttgart zu ziehen.

Der sozialdemoktratische Verleger Dietz gründet eine Frauenzeitschrift, deren Redakteurin Clara Zetkin wird. „Die Gleichheit – Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“ zählt zu ihren wichtigsten Lebenswerken. In ihr wendet sie sich u.a. gegen den Aberglauben, dass die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft unveränderbar sei.

Clara Zetkin war eine leidenschaftliche Politikerin, sowie Publizistin und nicht zuletzt eine großartige Rednerin. Über ein halbes Jahrhundert prägte sie die deutsche und die internationale Frauenbewegung.

Sie war eine energische Gegnerin des 1.Weltkrieges und sprach im März 1915 auf dem Frauenkongreß in Berlin dazu. Anschließend verteilte sie in Deutschland Flugblätter zu diesem Thema, wurde deswegen verhaftet und des Landesverrates angeklagt. Auf Grund einer hohen Protestwelle musste sie wieder frei gelassen werden.

Parteiintern begann sich ihre Partei zu spalten. Sie schloss sich den radikalen Linken unter Karl Liebknecht und Rosa Luxemborg an. Daraufhin wurde ihr die Redaktion der „Gleichheit“ entzogen, für sie war das Verlust ihres Lebenswerkes.

Als Freundin Lenin’s gehörte Clara Zetkin in der Weimarer Republik zu den kommunistischen Spitzenfunktionären und entwickelte sich zur führenden kommunistischen Frauenrechtlerin.

1919-1921 leitete sie die Frauenzeitschrift „Die Kommunistin“ und war Leiterin des Frauensekretariats der Kommunistischen Internationale.

1919 gehörte Clara Zetkin zu den Frauen, die erstmals in ein deutsches Parlament einziehen durften.

Ebenfalls 1919/1920 wurde sie Mitglied der Verfassungsgebenden Landesversammlung Würtenbergs und hielt dort die erste Rede einer Frau in einem deutschen Parlament.

1920-1933 gehörte sie dem demokratischen Reichstag an.

Clara Zetkin lebte in ihren späten Jahren länger in der UdSSR. Im August 1932 kehrte sie, schon schwer erkrankt, kurz nach Deutschland zurück, um als erste Alterspräsidentin den letzten demokratischen Reichstag zu eröffnen. In ihrer Rede warnte sie vor den Gefahren des Nationalsozialismus.

Nach ihrer Rückkehr nach Moskau gerät sie als Gegnerin Stalins mehr und mehr in politische Isolierung und stibt am 20.6.1933.

Ihre Urne wurde in Moskau an der Kremelmauer beigesetzt.

Sonntagsmärchen

Hänsel und Gretel

Ein Märchen der Brüder Grimm

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: „Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren da wir für uns selbst nichts mehr haben?“ – „Weißt du was, Mann,“ antwortete die Frau, „wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.“ – „Nein, Frau,“ sagte der Mann, „das tue ich nicht; wie sollt ich’s übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen! Die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.“ – „Oh, du Narr,“ sagte sie, „dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln,“ und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. „Aber die armen Kinder dauern mich doch,“ sagte der Mann.

Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: „Nun ist’s um uns geschehen.“ – „Still, Gretel,“ sprach Hänsel, „gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.“ Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz hell, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viele in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: „Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen,“ und legte sich wieder in sein Bett.

Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder: „Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.“ Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach: „Da habt ihr etwas für den Mittag, aber eßt’s nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts.“ Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach: „Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und vergiß deine Beine nicht!“ – „Ach, Vater,“ sagte Hänsel, „ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.“ Die Frau sprach: „Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.“ Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: „Nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert.“ Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau: „Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.“

Hänsel und Gretel saßen um das Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie, ihr Vater wär‘ in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach: „Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen?“ Hänsel aber tröstete sie: „Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.“ Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchern an der Hand und ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neugeschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, daß es Hänsel und Gretel waren, sprach sie: „Ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wollet gar nicht wiederkommen.“ Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, daß er sie so allein zurückgelassen hatte.

Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: „Alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns.“ Dem Mann fiel’s schwer aufs Herz, und er dachte: Es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest. Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muß B sagen, und weil er das erstemal nachgegeben hatte, so mußte er es auch zum zweitenmal.

Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mitangehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und die Kieselsteine auflesen, wie das vorigemal; aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach: „Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen.“

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorigemal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. „Hänsel, was stehst du und guckst dich um?“ sagte der Vater, „geh deiner Wege!“ – „Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade sagen,“ antwortete Hänsel. „Narr,“ sagte die Frau, „das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint.“ Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.

Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte: „Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.“ Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend verging; aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: „Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus.“ Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel: „Wir werden den Weg schon finden.“ Aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.

Nun war’s schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, mußten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes, schneeweißes Vögelein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nahe herankamen, so sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. „Da wollen wir uns dranmachen,“ sprach Hänsel, „und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.“ Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knupperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:
„Knupper, knupper, Kneischen,
Wer knuppert an meinem Häuschen?“
Die Kinder antworteten:
„Der Wind, der Wind,
Das himmlische Kind,“
und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: „Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.“ Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward ein gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.

Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken’s, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch: „Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen!“ Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin: „Das wird ein guter Bissen werden.“ Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein. Er mochte schrein, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: „Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.“ Gretel fing an bitterlich zu weinen; aber es war alles vergeblich, sie mußte tun, was die böse Hexe verlangte.

Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: „Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist.“ Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, daß er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. „Heda, Gretel,“ rief sie dem Mädchen zu, „sei flink und trag Wasser! Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.“ Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen mußte, und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter! „Lieber Gott, hilf uns doch,“ rief sie aus, „hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben!“ – „Spar nur dein Geplärre,“ sagte die Alte, „es hilft dir alles nichts.“

Frühmorgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. „Erst wollen wir backen,“ sagte die Alte, „ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet.“ Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen „Kriech hinein,“ sagte die Hexe, „und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können.“ Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie’s aufessen. Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach: „Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll; wie komm ich da hinein?“ – „Dumme Gans,“ sagte die Alte, „die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein,“ krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.

Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: „Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot.“ Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein. Da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. „Die sind noch besser als Kieselsteine,“ sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hinein wollte. Und Gretel sagte:“ Ich will auch etwas mit nach Haus bringen,“ und füllte sein Schürzchen voll. „Aber jetzt wollen wir fort,“ sagte Hänsel, „damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.“ Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. „Wir können nicht hinüber,“ sprach Hänsel, „ich seh keinen Steg und keine Brücke.“ – „Hier fährt auch kein Schiffchen,“ antwortete Gretel, „aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.“

Da rief sie:
„Entchen, Entchen,
Da steht Gretel und Hänsel.
Kein Steg und keine Brücke,
Nimm uns auf deinen weißen Rücken.“
Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. „Nein,“ antwortete Gretel, „es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüberbringen.“ Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen. Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große Pelzkappe daraus machen.

Zum Tag

Gestern Abend waren wir außwärts Abendbrot essen.

Schön, dass es in der Umgebung noch Dorfkneipen gibt, die voller Leben sind.

Im Biergarten brennt ein Feuerkorb. Kinder mit ihren Eltern und mit Lampions laufen hin, um trotz des schlechten Wetters, einen hellen, fröhlichen Abend zu verbringen.

Die Gaststätte selber ist bis fast auf den letzten Platz gefüllt. Frisch gekocht kommt gutes, regionales Essen auf den Tisch. Hier kostet ein Tatar 5,50 Euro und ein Rostbrätel 10 Euro.

Das Personal ist freundlich und hat immer einen flotten Spruch für jeden Gast bereit.

Ein guter Ort zum Entspannen.

Das Lied zum Tag

The Four Seasons: AUTUMN

Herbst

Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke, 11.9.1902, Paris

Blick in den Wandel

26.Oktober 2017

Erinnerungen – Vom Leben und vom Sterben

Erinnerungen – Vom Leben und vom Sterben

1987 arbeite ich das 3. Jahr in meinem Beruf als Krankenschwester.
1981 habe ich die dreijährige Ausbildung an einer Fachschule begonnen, die ich 1983, der Geburt meiner Tochter wegen, für ein halbes Jahr unterbreche und 1984 erfolgreich abschließe.
Die Wahl dieses Berufes ist dem dringlichen Wunsch meiner Mutter geschuldet.
Nach dem Tod meines Vaters war sie der festen Überzeugung, ein krisensicherer Beruf, der ein alleiniges Auskommen sichert, sei die einzig richtige Entscheidung. Dazu der Abschluß einer Fachschule, die in anderen Berufen nur mit Abitur möglich ist, das ich nicht habe.
Meine ursprünglichen Gärtnerberufswünsche waren dagegen schwer durchzusetzen.

Alle Krankenschwestern in der DDR  wurden gelenkt.
Das bedeutete, für die ersten fünf Jahre nach Beendigung der Fachschulzeit durfte der Arbeitsort nicht frei gewählt werden. Nach Anforderung und Bedürfnis der einzelnen Einrichtungen wurde delegiert.
Mein Einsatzort war für ein Pflegeheim vorgesehen.
Dort habe ich während der wechselnden praktischen Einsätze gearbeitet.
Die real herrschenden Zustände, die ich bewusst wahrgenommen habe, standen im Gegensatz zu meiner persönlichen Meinung.
Lange Frühstücksrunden des Pflegepersonals waren üblich. Klingelte ein Patient, waren ausschließlich die Schwesternschülerinen an der Reihe aufzustehen und den Patienten aufzusuchen.
Viele Patienten wollten einfach auf Toilette oder den Schieber gebracht werden.
Erfüllte die Schwesternschülerin diesen dringenden Wunsch, durfte sie sicher sein, eindringlich darauf hingewiesen zu werden, das dies die „Erziehung“ der Patienten beeinträchtigt. Wofür gibt es schließlich “ Schieberzeiten „.
Ich habe mich in dieser Einrichtung nicht einarbeiten können, die Vorstellung fünf Jahre dort arbeiten zu müssen, war mir schrecklich.
Mein Hauptstammhaus und die Notaufnahmestation, in der ich regelmäßig arbeitete, wussten meine Fähigkeiten zu schätzen. Der Stationspfleger hat durchsetzen können, dass ich auf und für diese Station arbeiten durfte.
Nachdem 1983 meine Tochter geboren war, wurde mir 1984 gestattet, in das Krankenhaus an meinem Wohnort zu wechseln.
Nach Wiederaufnahme meiner Ausbildung, stand ich sehr früh auf und brachte meine Tochter in die Kinderkrippe. Diese öffnete 6.00 Uhr.
Mein Bus ging 6.05 Uhr. Oft habe ich mein kleines Mädchen für eine kurze Zeit allein auf der Bank im Korridor zurück lassen müssen, weil die Erzieherin noch nicht da war, ich aber den Bus erreichen musste.
Dienstbeginn war 6.00 Uhr, ich durfte ihn auf 6.45 Uhr verlegen, da ein eheres nehmen des Buses für mich einfach nicht möglich war.
Freunde habe ich mir damit keine gemacht.
Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt zum Studium in Berlin, er konnte uns nicht helfen.
Diese Situation besserte sich für alle Beteiligten, als ich auf die Wachstation des Krankenhauses meines Wohnortes wechseln durfte.
Schnell hatte ich mich eingearbeitet und meine praktische Abschlußprüfung mit sehr gut bestanden.
Mein Wunsch war weiter dort zu arbeiten.
Bis zur Rückkehr meines Mannes vom Studium wäre das nur im Frühdienst möglich gewesen, danach im 3-Schicht-System.
Die vorübergehende Arbeit in einer Schicht wurde mir nicht gestattet.

Ich werde in die Poliklinik umgelenkt.
Die Voraussetzung dafür ist die ständige Teilnahme am Notfalldienst in der Notaufnahme des Krankenhauses.
Das bedeutet, ich gehe früh zum Dienst in die  Poliklinik, danach gegen 16.00 Uhr meine Tochter abholen. Diese bringe ich zu meiner 1908 geborenen Großmutter, in deren Haus wir leben. Dann gehe ich in die Notaufnahme und arbeite dort bis zum nächsten Morgen. Am darauf folgenden Morgen hole ich meine Tochter und bringe sie in die Kinderkrippe, gehe dann zum regulären Sprechstundenalltag in die Poliklinik. Das zweimal im Monat. Einmal davon ist ein Wochenende, mein Mann kann dann unser Kind betreuen.
Das ist zu schaffen.
Der Notfalldienst der diensthabenden Schwester im Krankenhaus bedient mehrere Aufgabenbereiche.
Alle während des Abends und der Nacht ankommenden Patienten finden in ihr erste Anlaufstelle.
Ich fordere den zuständigen Arzt an.
Innere Medizin, Gynäkologie, Chirurgie, je nach Erkrankungsbild.
Vieles wird vom zuständigen, diensthabenden Arzt erledigt, der nebenher das gesamte, nächtliche Krankenhaus betreut. In schwierigen Fällen wagt er den zuständigen Oberarzt der entsprechenden Abteilung zu Rate zu ziehen. Dieser schläft entwender im Krankenhaus oder kommt nach Anruf von zu Hause.
Brüche, Reputationen, Nähen von Wunden, Alkoholwertbestimmung von Verkehrssündern sowie kleinere Unfälle und deren Versorgung werden in der Notaufnahme sofort behandelt.
Tagelange Magenbeschwerden, die nachts anfangen behandlungsbedürftig zu werden, ebenso.
Das rege Treiben wird durch das Klingeln des Telefons noch aufreibender.
Damals gab es einen nächtlichen Hausbesuchsdienst der Allgemeinmediziner. Der im Krankenhaus eingehende Anruf wurde zur diensthabenden Schwester umgeleitet, welche die Notwendigkeit zu beurteilen hatte und dann einen dafür im Bereitschaftsdienst befindlichen Fahrer weckte und ihn losschickte, den in dieser Nacht zuständigen Arzt zu holen und zum Patienten zu bringen. Vorher musste der Artzt selbst natürlich auch per Anruf geweckt und informiert werden.
Ein ausfüllender Aufgabenbereich.

1987 habe ich einen solchen Dienst.
Der Tag in der Poliklinik war lang. Bis zu 120 akute Patienten wurden behandelt, in Grippezeiten mehr. Ohne Computer und Drucker waren Bescheinigungen per Hand auszufüllen, Statistiken zu führen, Verbände und Spritzen zu erledigen, Blutentnahmen zu machen. Akten mussten für die nächste Sprechstunde vorbereitet werden, Instrumente sterilisiert und Marterialien bestellt werden.
Tochter und Großmutter sind zusammen zufrieden, meinem Mann schreibe ich einen Brief in einer freien Minute, anrufen kann ich ihn nicht. Telefonanschlüsse sind eine rare Sache in der DDR.
Den diensthabenden Arzt kenne ich, er ist noch Arzt im Praktikum, wir haben dieselbe Heimatstadt.
Es ist ein ruhiger Dienst in der Woche und im schneearmen Winter.
Glatteisunfälle mit Brüchen, Alkoholunfälle wie am Wochenende, Gartenunfälle sind kaum zu erwarten.
Nach 24.00 Uhr werde ich über die Ankunft einer Patientin im Krankenwagen informiert.
Die alte Dame ist bekannt. Finales Krebsstadium.
Wegen dringend notwendiger Bauarbeiten ist die Notaufnahme verlegt.
Sie befindet sich vorübergehend im septischen OP.
Das Schwesternzimmer wird neu gestrichen, nicht neu möbiliert. Auch nach der Sanierung wird es bei einem alten Sofa zum Schlafen und einem Waschbecken zur Hygiene nach einem langen Tag bleiben.
Vorrübergehend hält sich die diensthabende Schwester im nachts ungenutzten Zimmer der Oberschwester auf. Ausgestattet mit schmaler Liege und noch kleinerem Waschbecken.

Über den Fahrstuhl bringt mir der Rettungswagenfahrer die ausgemergelte Patientin.
Sie ist apathisch, aber ansprechbar.
Der septische OP ist ein kleiner, gefliester Raum.
Auf den darin befindlichen OP-Tisch lagere ich mit Hilfe der Krankenfahrer die schmale Gestalt der alten Frau, die ein Nachthemd und einen Morgenmantel trägt.
Schon als der Anruf mit der Ankündigung des Transportes kam, habe ich den diensthabenden Arzt informiert.
24.00 Uhr hat er die zu erledigenden i.v. Spritzen bei den stationären Patienten gemacht und gehofft, danach schlafen zu können.
Kurz nach meiner telefonischen Mitteilung, dass die Patientin eingetroffen ist, kommt er.
Müde wie ich sieht er aus.
Der fensterlose Raum ist kühl.
Mir ist die Patientin aus vergangenen Sprechstunden bekannt, kurz schildere ich ihre Grunderkrankung und übergebe den Notarztbericht.
Vor uns liegt eine alte, unheilbar kranke Frau, deren Zustand sich sichtbar verschlechtert.
Krebs – im finalem Endstadium.
Ihr Körper ist krankheitsgezeichnet schwach. Es besteht u.a. akuter Flüssigkeitsmangel.
Ihr Herz-Kreislauf-System steht kurz vorm endgültigen Zusammenbruch.
Sie atmet kurz und schnappend.
Immer noch ist sie ansprechbar.
Der Versuch des jungen Arztes einen Venenzugang in der Ellenbeuge oder am Handgelenk zu legen, scheitert.
Er probiert es weiter.
Die Venen an den am Besten zugänglichen Stellen sind versackt.
Ich stehe am Kopf der Patientin. Alle notwendigen Utensilien für den Arzt habe ich in der Wartezeit auf die Ankunft der Patientin routinemäßig bereitgelegt.
Das schmales Gesicht der todkranken, alten Frau ist von Falten und Altersflecken gezeichnet. Die Augen sind geschlossen. Unter den Lidern nehme ich Bewegungen war.
Es ist ein leidendes, sterbebereites Antlitz auf das ich schaue.
Meine junge, schmale Hand streicht über das Haar der alten Frau. Ihr Kopf scheint sich in die Bewegung der warmen Hand zu schmiegen.
Der erneute Versuch einen Venenzugang an der Hand zu legen scheitert.
Der junge Arzt ist ein bedachter Mann. Er hat diesen Beruf gewählt, um zu helfen, um Leben zu erhalten. Er ist geschickt, er ist klug. Ihm ist beigebracht worden wie man Leben erhält, dieses hart erlernte Wissen versucht er umzusetzen.
Die Patientin vergeht immer mehr.
Ich nehme meine Hand von ihrem Kopf und umschließe damit die ihrige, die sich – wie ihr gesamter, schwacher Körper – einer Weiterbehandlung zu entziehen scheint.
Eindringlich bitte ich den Arzt die Behandlung abzubrechen.
Vertieft in seine lebenserhaltenden Maßnahmen nimmt er das nicht wahr.
Der Hals der Patientin ist faltig und ausgetrocknet, eine Punktion der dort befindlichen Blutgefäße nicht möglich.
Um an die im Hüftbereich befindlichen Venen zu gelangen, muss das Nachthemd der alten Frau hochgeschoben werden. Es entblößt die abgemagerten Schenkel eines Körpers dessen Lebenszeit abgelaufen ist.
Der junge Arzt im Praktikum setzt als letzten Versuch dort eine Venenpunktion an, die gelingt.
Die Hand der Patientin liegt nach wie vor in meiner.
Es ist kein Druck zu verspüren, als ihr Kopf im Sterben leicht zur Seite fällt.
Die Patientin ist tot.

Auf Wiederbelebungsmaßnahmen verzichtet der Arzt.
Er setzt sich, ich bedecke die Tote und räume auf.
Gemeinsam legen wir sie auf eine bereitstehende Trage, am Morgen wird sie der Hausmeister in den Leichenkeller bringen.

Wir gehen in  meinen benachbarten Aufenthaltsraum.
Mein trauriges Gesicht entgeht dem jungen Mann nicht.
„So erschrocken über den Tod ?“ fragt er mich.
Nun setze auch ich mich und frage ihn nach dem Sinn seines Handelns.
“ Ich bin Arzt, ich habe zu helfen, den Tod zu verhindern. “
Wir haben uns in dieser Nacht lange unterhalten, ohne einen gemeinsamen Nenner gefunden zu haben.

Das Schöne vom Tag

Petrikirche Chemnitz – vor und hinter Glas