Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862

Das alte Haus

Dort unten in der Straße stand ein altes, altes Haus. Es war fast dreihundert Jahre alt: so stand es auf dem Balken zu lesen, auf welchem in und mit Tulpen und Hopfenranken die Jahreszahl angebracht war. Da las man ganze Verse, in der Schreibart der alten Zeit, und über jedem Fenster war ein Gesicht in dem Balken ausgeschnitzt, das allerlei Grimassen machte. Die eine Etage ragte ein ganzes Stück über die andere hervor, und dicht unter dem Dach war eine bleierne Rinne mit einem Drachenkopf. Das Regenwasser sollte aus dem Rachen herauslaufen, es lief aber aus dem Bauch heraus, denn die Rinne hatte ein Loch.
Alle die andern Häuser in der Straße waren so neu und so nett, mit großen Fensterscheiben und glatten Wänden. Man sah es ihnen ordentlich an, daß sie nichts mit dem alten Hause zu thun haben wollten. Sie mochten wohl denken: „Wie lange soll das Gerümpel noch zum allgemeinen Scandal hier in der Straße stehen? Das Gesimse steht so weit vor, daß Niemand aus unsern Fenstern sehen kann, was auf jener Seite dort vorgeht! Die Treppe ist so breit, wie eine Schloßtreppe, und so hoch, als führe sie auf einen Kirchthurm. Das eiserne Geländer sieht ja aus, wie die Thüre zu einem Erbbegräbniß, und messingne Knöpfe sind darauf – es ist wirklich zu albern!“
Gerade gegenüber standen auch neue und nette Häuser, und die dachten gerade wie die andern; aber am Fenster saß hier ein kleiner Knabe mit frischen, rothen Wangen, mit klaren, strahlenden Augen, und dem gefiel das alte Haus ganz besonders gut, und zwar sowohl im Sonnenschein, wie im Mondschein. Und wenn er nach der Mauer hinüberblickte, wo der Kalk abgefallen war: dann konnte er sitzen und die wunderbarsten Bilder herausfinden, gerade wie die Straße früher ausgesehen hatte, mit Freitreppen, Gesimsen und spitzen Giebeln; er konnte Soldaten sehen mit Hellebarden, und Dachrinnen, die wie Drachen und Lindwürmer umherliefen. – Das war so recht ein Haus zum Anschauen, und da drüben wohnte ein alter Mann, der in ledernen Kniehosen ging und einen Rock mit großen Messingknöpfen und eine Perücke trug, der man es ansah, daß sie eine wirkliche Perücke war. Jeden Morgen kam ein alter Mann zu ihm, der bei ihm rein machte und Gänge besorgte. Sonst war der Alte in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause. Zuweilen kam er an die Fensterscheiben und sah hinaus, und der kleine Knabe nickte ihm zu, und der alte Mann nickte wieder, und so wurden sie bekannt, und so wurden sie Freunde, obgleich sie niemals mit einander gesprochen hatten. Aber das war ja auch gar nicht nötig.
Der kleine Knabe hörte seine Eltern sagen: „Der alte Mann da drüben hat es sehr gut; aber er ist so entsetzlich allein!“
Am nächsten Sonntag wickelte der kleine Knabe Etwas in ein Stück Papier, ging damit vor die Hausthür und sagte, als der, der die Gänge für den Alten besorgte, kam: „Höre! Willst Du dem alten Manne da drüben Dieses von mir bringen. Ich habe zwei Zinnsoldaten; dieses ist der eine; er soll ihn haben, denn ich weiß, daß er so entsetzlich allein ist.“
Und der alte Aufwärter sah ganz vergnügt aus, nickte und trug den Zinnsoldaten in das alte Haus. Nachher ward herübergeschickt, ob der kleine Knabe nicht Lust habe, selbst zu kommen und seinen Besuch zu machen. Und dazu gaben ihm seine Eltern Erlaubniß; und so kam er nach dem alten Hause.
Und die Messingknöpfe auf dem Treppengeländer glänzten weit stärker, als sonst; man hätte glauben sollen, daß sie wegen des Besuchs polirt worden wären. Und es war ganz so, als ob die ausgeschnitzten Trompeter – denn auf der Thüre waren Trompeter ausgeschnitzt, die in Tulpen standen – aus Leibeskräften bliesen; ihre Backen sahen weit dicker aus, als früher. Ja, sie bliesen: „Schnetterengdeng! Der kleine Knabe kommt! Schnetterengdeng!“ – Und dann ging die Thüre auf. Die ganze Hausflur war mit alten Portraits behangen: mit Rittern in Harnischen und Frauen in seidenen Kleidern; und die Harnische rasselten und die seidenen Kleider rauschten! – Und dann kam eine Treppe, die ging ein großes Stück hinauf und ein kleines Stück hinunter, und dann war man auf einem Altan, der freilich sehr gebrechlich war, mit großen Löchern und langen Spalten; aber aus ihnen allen wuchsen Gras und Blätter heraus, denn der ganze Altan, der Hof und die Mauer war mit so vielem Grün bewachsen, daß es aussah, wie ein Garten; aber es war nur ein Altan. Hier standen alte Blumentöpfe, die Gesichter und Eselsohren hatten; die Blumen wuchsen aber ganz so, wie es ihnen beliebte. In dem einen Topf wuchsen nach allen Seiten Nelken über, das heißt: das Grüne davon, Schuß auf Schuß, und sprachen ganz deutlich. „Die Luft hat mich gestreichelt, die Sonne hat mich geküßt und mir auf den Sonntag eine kleine Blume versprochen, eine kleine Blume auf den Sonntag!“
Und dann kamen sie in ein Zimmer, wo die Wände mit Schweinsleder überzogen waren, und auf dem Schweinsleder waren Goldblumen gepreßt.

„Vergoldung vergeht,
Schweinsleder besteht!“

sagten die Wände.
Und da standen Lehnstühle mit ganz hohen Rücken, mit Schnitzwerk und mit Armen an beiden Seiten! „Setzen Sie sich!“ sagten sie. „Uh! Wie es in mir knackt! Nun werde ich gewiß auch Gicht bekommen, wie der alte Schrank! Gicht im Rücken, uh!“
Und dann kam der kleine Knabe in die Stube, wo der alte Mann saß.
„Dank für den Zinnsoldaten, mein lieber Freund!“ sagte der alte Mann; „und Dank dafür, daß Du zu mir herübergekommen bist!“
„Dank! Dank!“ oder „Knick! Knack!“ sagten alle Möbel. Es waren ihrer so viel, daß sie sich beinahe einander im Wege standen, um den kleinen Knaben zu sehen.
Und mitten an der Wand hing ein Gemälde, eine schöne Dame, so jung und so froh, aber ganz so gekleidet, wie in alten Tagen: mit Puder im Haar und mit Kleidern, die steif standen. Die sagte weder „Dank“ noch „Knack“, aber sah mit ihren milden Augen auf den kleinen Knaben herab, der sogleich den alten Mann fragte: „Wo hast Du die hergekriegt?“
„Da drüben vom Trödler,“ sagte der alte Mann. „Dort hängen so viele Bilder! Niemand kennt sie oder bekümmert sich um sie, denn sie sind Alle begraben. Aber vor vielen Jahren habe ich Diese gekannt, und nun ist sie tot und fort seit einem halben Jahrhundert!“
Und unter dem Bilde hing, hinter Glas, ein Strauß verwelkter Blumen, die waren gewiß auch ein halbes Jahrhundert alt: so sahen sie aus. Und der Perpendikel der großen Uhr ging hin und her, und die Zeiger drehten sich, und Alles in der Stube ward noch älter; aber Niemand bemerkte es.
„Sie sagen zu Hause,“ sagte der kleine Knabe, „daß Du so entsetzlich allein bist!“
„O,“ sagte er, „die alten Gedanken, mit allem Dem, was sie mit sich führen können, kommen und besuchen mich; und nun kommst Du ja auch! – Es geht mir sehr gut!“
Und dann nahm er von dem Wandbret ein Buch mit Bildern herunter; darin waren ganze lange Aufzüge, die wunderbarsten Kutschen, wie man sie heutzutage gar nicht mehr sieht; Soldaten, wie Trefbube, und Bürger mit wehenden Fahnen. Die Schneider hatten eine Fahne mit einer Scheere, von zwei Löwen gehalten, und die Schuhmacher eine Fahne ohne Stiefel, aber mit einem Adler, der zwei Köpfe hatte; denn bei den Schuhmachern muß Alles so sein, daß sie sagen können: „Das ist ein Paar!“ – Ja, das war ein Bilderbuch!
Und der alte Mann ging in die andere Stube, um Eingemachtes, Äpfel und Nüsse zu holen. – Es war wirklich ganz herrlich in dem alten Hause.
„Ich kann es nicht aushalten!“ sagte der Zinnsoldat, der auf der Lade stand. „Hier ist es so einsam und so traurig! Nein, wenn man das Familienleben kennen gelernt hat, kann man sich an dieses hier nicht gewöhnen! Ich kann es nicht aushalten! Der ganze Tag ist so lang, und der Abend ist noch länger! Hier ist es gar nicht so, wie drüben bei Dir, wo Dein Vater und Deine Mutter so vergnüglich sprachen, und wo Du und alle Ihr süßen Kinder einen so prächtigen Lärm machtet. Nein, wie einsam es bei dem alten Manne ist! Glaubst Du, daß er Küsse bekommt? Glaubst Du, daß er freundliche Blicke oder einen Weihnachtsbaum bekommt? – Er bekommt nichts, als ein Grab! – Ich kann es nicht aushalten!“
„Du mußt es nicht so von der traurigen Seite nehmen!“ sagte der kleine Knabe. „Mir kommt hier Alles so schön vor, und alle die alten Gedanken mit Dem, was sie mit sich führen können, kommen hier ja zum Besuch!“
„Ja, aber die sehe ich nicht und kenne ich nicht!“ sagte der Zinnsoldat. „Ich kann es nicht aushalten!“
„Das mußt Du!“ sagte der kleine Knabe.
Und der alte Mann kam mit dem allervergnügtesten Gesicht und mit den schönsten eingemachten Früchten und Aepfeln und Nüssen; und da dachte der Kleine nicht mehr an den Zinnsoldaten.
Glücklich und vergnügt kam der kleine Knabe nach Hause; und es vergingen Tage und es vergingen Wochen; und es ward nach dem alten Hause hin und von dem alten Hause her genickt; und dann kam der kleine Knabe wieder hinüber.
Und die ausgeschnitzten Trompeter bliesen: „Schnetterengdeng! Da ist der kleine Knabe! Schnetterengdeng!“ Und die Schwerter und Rüstungen auf den alten Ritterbildern rasselten; und die seidenen Kleider rauschten; und das Schweinsleder erzählte; und die alten Stühle hatten Gicht im Rücken: „Au!“ Das war accurat so, wie das erste Mal, denn da drüben war ein Tag und eine Stunde ganz so, wie die andere.
„Ich kann es nicht aushalten!“ sagte der Zinnsoldat. „Ich habe Zinn geweint! Hier ist es allzu traurig! Laß mich lieber in den Krieg ziehen und Arme und Beine verlieren! Das ist doch eine Veränderung. – Ich kann es nicht aushalten! – Nun weiß ich, was es heißt, Besuch von seinen alten Gedanken und Allem, was sie mit sich führen können, zu bekommen. Ich habe Besuch von den meinigen gehabt, und Du kannst glauben, das ist auf die Länge hin kein Vergnügen. Ich war zuletzt nahe daran, von der Lade hinunterzuspringen. Euch Alle da drüben im Hause sah ich so deutlich, als ob Ihr wirklich hier wäret. Es war wieder der Sonntag Morgen, wo Ihr Kinder alle vor dem Tisch standet und den Psalm absangt, den Ihr alle Morgen singt. Ihr standet andächtig mit gefalteten Händen, und Vater und Mutter waren eben so feierlich gestimmt; und da ging die Thür auf, und die kleine Schwester Maria, die noch nicht zwei Jahr alt ist, und die immer tanzt, wenn sie Musik oder Gesang hört, welcher Art dieser auch sein mag, ward hereingesetzt. – Sie sollte zwar nicht, aber sie fing an, zu tanzen, konnte jedoch nicht recht in Tact kommen, denn die Töne waren so lang gezogen, und so stand sie erst auf dem einen Beine und hielt den Kopf ganz vornüber, und dann auf dem andern Beine, und hielt den Kopf ganz vornüber; aber es reichte nicht aus. Ihr standet Alle sehr ernsthaft, obgleich das etwas schwer fiel, aber ich lachte innerlich, und deswegen fiel ich vom Tisch herunter und bekam eine Beule, mit der ich noch herumgehe; denn es war nicht recht von mir, daß ich lachte. Aber dies Alles, und Alles was ich sonst erlebt habe, geht mir jetzt wieder in meinem Innern vorüber, und das sind wohl die alten Gedanken, mit Allem, was sie mit sich führen! Sage mir, ob Ihr noch des Sonntags singt? Erzähle mir etwas von der kleinen Maria! Und wie geht es meinem Kameraden, dem andern Zinnsoldaten? Ja, der ist freilich recht glücklich! – Ich kann es nicht aushalten!“
„Du bist weggeschenkt worden,“ sagte der kleine Knabe; „Du mußt bleiben. Kannst Du das nicht einsehen?“
Und der alte Mann kam mit einem Kasten, in dem Manches zu sehen war: Schminkdöschen und Balsambüchsen, alte Karten, so groß und so vergoldet, wie man sie jetzt gar nicht mehr zu sehen bekommt. Und es wurden mehrere Kästchen geöffnet, und das Klavier ward geöffnet, und da waren inwendig auf dem Deckel Landschaften gemalt; und es war so heiser, als der alte Mann darauf spielte; und dann summte er eine Melodie.
„Ja, die konnte sie singen!“ sagte er; und dann nickte er dem Bilde zu, das er bei dem Trödler gekauft hatte; und des alten Mannes Augen leuchteten dabei so klar.
„Ich will in den Krieg! Ich will in den Krieg!“ rief der Zinnsoldat so laut, wie er nur konnte, und stürzte sich auf den Fußboden herab.
Ja, aber wo blieb er? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte: fort war er und fort blieb er. „Ich werde ihn schon noch finden,“ sagte der alte Mann; aber er fand ihn nie; der Fußboden war allzu offen und durchlöchert. Der Zinnsoldat war durch eine Spalte gefallen, und da lag er nun, wie in einem offenen Grabe.
Und der Tag verging, und der kleine Knabe kam nach Hause, und die Woche verging, und es vergingen mehrere Wochen. Die Fenster waren ganz erfroren, und der kleine Knabe mußte sitzen und auf die Scheiben hauchen, um ein Guckloch nach dem alten Hause zu machen, und da war Schnee in alle Schnörkel und Inschriften hineingeweht und bedeckte die ganze Treppe, gerade als wenn Niemand zu Hause sei. Und es war auch Niemand zu Hause: der alte Mann war gestorben!
Am Abend hielt ein Wagen vor der Thür und auf denselben setzte man ihn in seinem Sarge; er sollte draußen auf dem Lande in seinem Begräbnißplatz ruhen. Da fuhr er nun hin; aber Niemand folgte; alle seine Freunde waren ja todt. Und der kleine Knabe warf dem Sarge, als er so dahin fuhr, Handküsse nach.
Einige Tage nachher ward Auction in dem alten Hause gehalten, und der kleine Knabe sah aus seinem Fenster, wie man wegtrug: die alten Ritter und die alten Damen, die Blumentöpfe mit den langen Ohren, die alten Stühle und die alten Schränke. Etwas kam dahin, etwas dorthin; ihr Portrait, das beim Trödler gefunden worden war, kam wieder hin zum Trödler, und da blieb es hängen, denn Niemand kannte sie mehr, Niemand bekümmerte sich um das alte Bild.
Im Frühjahr riß man das Haus selbst ein, denn es war ein Gerümpel, sagten die Leute. Man konnte von der Straße gerade hinein in die Stube zu dem schweinsledernen Ueberzug hin sehen, der zerfetzt und abgerissen ward; und das Grün des Altans hing ganz verwildert um die einstürzenden Balken herum. – Und dann ward hier aufgeräumt.
„Das half!“ sagten die Nachbarhäuser.
Und es ward ein herrliches Haus aufgebaut mit großen Fenstern und weißen, glatten Mauern; aber vor dem Platz, wo eigentlich das alte Haus gestanden hatte, ward ein kleiner Garten angepflanzt, und an der Mauer des Nachbars wuchsen wilde Weinranken empor; vor dem Garten kam ein großes eisernes Gitter, mit eiserner Thür; das sah stattlich aus. Die Leute blieben davor stehen und guckten hindurch. Und die Sperlinge setzten sich zu Dutzenden auf die Weinranken und schwatzten alle durcheinander, so laut sie konnten; aber nicht von dem alten Hause, denn an das konnten sie sich nicht erinnern; es waren so viele Jahre vergangen – so viele, daß der kleine Knabe zu einem Mann, ja zu einem tüchtigen Mann herangewachsen war, an dem seine Eltern Freude hatten. Und er war eben verheirathet worden und mit seiner kleinen Frau in das Haus gezogen, vor dem sich der Garten befand; und hier stand er neben ihr, während sie eine Feldblume einsetzte, die sie sehr hübsch fand; sie pflanzte sie mit ihrer kleinen Hand und drückte die Erde mit ihren Fingern fest an. – Au! Was war das? – Sie stach sich. Aus der weichen Erde ragte etwas Spitzes hervor. Das war – Ja, denkt einmal! – das war der Zinnsoldat, derselbe, der oben bei dem alten Manne verloren gegangen war, der zwischen Zimmerholz und Schutt sich lange herumgetrieben hatte und nun schon viele Jahre in der Erde lag.
Und die junge Frau trocknete den Soldaten erst mit einem grünen Blatt ab, und dann mit ihrem feinen Taschentuch – das duftete so wunderschön! Und es war dem Zinnsoldaten gerade so zu Muthe, als ob er aus einer Ohnmacht erwache.
„Laß mich ihn seh’n!“ sagte der junge Mann, lächelte und schüttelte dann mit dem Kopf: „Ja, der kann es nun freilich wohl nicht sein; aber er erinnert mich an eine Geschichte mit einem Zinnsoldaten, die ich hatte, als ich ein kleiner Knabe war.“ Und dann erzählte er seiner Frau von dem alten Hause und dem alten Mann, und von dem Zinnsoldaten, den er ihm herübergeschickt hatte, weil er so entsetzlich allein war; und er erzählte es accurat so, wie es wirklich gewesen war, so daß der jungen Frau die Thränen in die Augen traten über das alte Haus und den alten Mann.
„Es ist doch möglich, daß dies derselbe Zinnsoldat ist!“ sagte sie; „ich will ihn verwahren und will an alles Das gedenken, was Du wir erzählt hast; aber das Grab des alten Mannes mußt Du mir zeigen.
„Ja, das weiß ich nicht, wo das ist,“ antwortete er, „und das weiß Niemand. Alle seine Freunde waren todt; Keiner pflegte dasselbe, und ich war ja ein kleiner Knabe!“
„Ach, wie der wohl entsetzlich allein gewesen sein mag!“ sagte sie.
„Ja, entsetzlich allein!“ sagte der Zinnsoldat; „aber herrlich ist es, nicht vergessen zu werden!“
„Herrlich!“ rief eine Stimme ganz nahe bei; aber Niemand, außer dem Zinnsoldaten, sah, daß diese von einem Fetzen der schweinsledernen Tapete herkam, der nun ohne alle Vergoldung war. Er sah aus, wie nasse Erde; aber eine Ansicht hatte er doch, und die sprach er aus:

„Vergoldung vergeht,
Aber Schweinsleder besteht!“

Allein der Zinnsoldat glaubte das nicht.

Hans Christian Andersen (1805-1875)

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3 Antworten zu “Sonntagsmärchen

  1. Als Kind wollte ich diese traurig-depressiven Andersonmärchen nie hören.
    Dann begegnete mir das eine oder andere wieder:

    http://www.youtube.com/watch?v=3rLF-QAS67I

    Gefällt 1 Person

  2. Sonntagstradition, das ist Dein Sonntagsmärchen schon bei uns!
    Schau mal, wir haben eine Seite im Internet entdeckt, die Dir vielleicht gefallen könnte:
    http://maerchenbasar.de/projekt-maerchenbasar.html

    Gefällt 2 Personen

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