Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862

Foto: Antje, Dankeschön

https://antjemauch1.wordpress.com/2017/05/31/%f0%9f%92%9a-neues-aus-dem-storchennest-2017-%f0%9f%92%9a-moonwalk/
Die Störche 

Auf dem letzten Hause in einem kleinen Dorfe stand ein Storchnest. Die Storchmutter saß im Neste bei ihren vier kleinen Jungen, welche den Kopf mit dem kleinen schwarzen Schnabel, denn der war noch nicht roth geworden, hervorsteckten. Eine kleine Strecke davon entfernt, stand auf dem Dachrücken ganz stramm und steif der Storchvater; er hatte das eine Bein unter sich aufgezogen, um doch nicht ganz müßig zu sein, während er Schildwache stände. Man sollte glauben, er wäre aus Holz geschnitzt gewesen, so stille stand er. „Es sieht gewiß recht vornehm aus, daß meine Frau eine Schildwache beim Neste hat!“ dachte er. „Sie können ja nicht wissen, daß ich ihr Mann bin. Sie glauben sicher, daß ich commandirt worden bin, hier zu stehen. Das sieht so nobel aus!“ Und er fuhr fort, auf einem Beine zu stehen.
Unten auf der Straße spielte eine ganze Schaar Kinder; und als sie die Störche gewahr wurden, sang einer der muthigsten Knaben, und später alle zusammen, den alten Vers von den Störchen. Aber sie sangen ihn nun, wie er sich dessen entsinnen konnte:

„Storch, Storch, fliege heim,
Stehe nicht auf einem Bein;
Deine Frau im Neste liegt,
Wo sie ihre Jungen wiegt.

Das eine wird gehängt,
Das andere wird versengt,
Das dritte man erschießt,
Das vierte wird gespießt.“

„Höre nur, was die Knaben singen!“ sagten die kleinen Storchkinder; „sie singen, wir sollen gehängt und versengt werden!“
„Daran sollt Ihr Euch nicht kehren!“ sagte die Storchmutter. „Hört nur nicht darauf, so schadet es gar nichts!“
Aber die Knaben fuhren fort zu singen, und sie ätschten den Storch mit den Fingern aus; nur ein Knabe, welcher Peter hieß, sagte, daß es eine Sünde sei, die Thiere zum besten zu haben, und wollte auch gar nicht mit dabei sein. Die Storchmutter tröstete ihre Jungen. „Kümmert euch nicht darum,“ sagte sie; „seht nur, wie ruhig Euer Vater steht, und zwar auf einem Beine!“
„Wir fürchten uns sehr!“ sagten die Jungen und zogen die Köpfe tief in das Nest zurück.
Am nächsten Tage, als die Kinder wieder zum Spielen zusammen kamen und die Störche erblickten, sangen sie ihr Lied:

„Das eine wird gehängt
Das andere wird versengt.“ –

„Werden wir wohl gehängt und versengt werden?“ fragten die jungen Störche.
„Nein, sicher nicht!“ sagte die Mutter. „Ihr sollt fliegen lernen; ich werde Euch schon exerciren! Dann fliegen wir hinaus auf die Wiese und statten den Fröschen Besuch ab; die verneigen sich vor uns im Wasser und singen: „“Koax! koax!““ Und dann essen wir sie auf; das wird ein rechtes Vergnügen abgeben!“
„Und was dann?“ fragten die Storchjungen.
„Dann versammeln sich alle Störche, die hier im ganzen Lande sind, und es beginnt das Herbstmanöver; da muß man gut fliegen; das ist von großer Wichtigkeit. Denn wer dann nicht ordentlich fliegen kann, wird vom General mit dem Schnabel todtgestochen; deshalb gebt wohl Acht, etwas zu lernen, wenn das Exerciren anfängt!“
„So werden wir ja doch gespießt, wie die Knaben sagten, und höre nur, jetzt singen sie wieder.“
„Hört auf mich und nicht auf sie,“ sagte die Storchmutter. „Nach dem großen Manöver fliegen wir nach den warmen Ländern, weit von hier, über Berge und Wälder. Nach Aegypten fliegen wir, wo es dreieckige Steinhäuser gibt, die, in eine Spitze auslaufend, bis über die Wolken ragen; sie werden Pyramiden genannt und sind älter, als ein Storch es sich denken kann. Dort ist ein Fluß, welcher aus seinem Bette tritt; dann wird das ganze Land zu Schlamm. Man geht in Schlamm und ißt Frösche.“
„O!“ sagten alle Jungen.
„Ja! dort ist es herrlich! Man thut den ganzen Tag nichts Anderes als essen; und während wir es dort so gut haben, ist in diesem Lande hier nicht ein grünes Blatt auf den Bäumen; hier ist es so kalt, daß die Wolken in Stücke frieren und in kleinen weißen Lappen herunterfallen!“ Es war der Schnee, den sie meinte, aber sie konnte es ja nicht deutlicher erklären.
„Frieren dann auch die unartigen Knaben in Stücke?“ fragten die jungen Störche.
„Nein, in Stücke frieren sie nicht; aber sie sind nahe daran und müssen in der dunkeln Stube sitzen und duckmäusern. Ihr könnt dagegen in fremden Ländern herumfliegen, wo es Blumen und warmen Sonnenschein gibt.“
Nun war schon einige Zeit verstrichen, und die Jungen waren so groß geworden, daß sie im Neste aufrechtstehen und weit umhersehen konnten; und der Storchvater kam jeden Tag mit schönen Fröschen, kleinen Schlangen und allen Storchleckereien, die er finden konnte. O, das sah lustig aus, wie er ihnen Kunststücke vormachte! Den Kopf legte er gerade herum auf den Schwanz; mit dem Schnabel klapperte er, als wäre es eine kleine Knarre; und dann erzählte er ihnen Geschichten, alle insgesammt vom Sumpfe.
„Hört, nun müßt Ihr fliegen lernen!“ sagte eines Tages die Storchmutter; und dann mußten alle vier Junge hinaus auf den Dachrücken. O, wie sie schwankten, wie sie mit den Flügeln balancirten; und doch waren sie nahe daran, herunterzufallen.
„Seht nur auf mich!“ sagte die Mutter. „So müßt Ihr den Kopf halten! So müßt Ihr die Füße stellen! Eins, zwei! Eins, zwei! Das ist es, was Euch in der Welt forthelfen wird!“ Dann flog sie ein kleines Stück, und die Jungen machten einen kleinen, unbeholfenen Sprung. Bums! da lagen sie, denn ihr Körper war zu schwerfällig.
„Ich will nicht fliegen!“ sagte das eine Junge und kroch wieder in das Nest hinauf; „mir liegt nichts daran, nach den warmen Ländern zu kommen!“
„Willst Du denn hier erfrieren, wenn es Winter wird? Sollen die Knaben kommen, Dich zu hängen, zu sengen und zu braten? Nun werde ich sie rufen!“
„O nein!“ sagte der junge Storch und hüpfte dann wieder auf das Dach, wie die andern. Am dritten Tage konnten sie schon ordentlich ein bischen fliegen, und da glaubten sie, daß sie auch schweben und auf der Luft ruhen könnten; das wollten sie, aber bums! da purzelten sie: darum mußten sie schnell die Flügel wieder rühren. Nun kamen die Knaben unten auf der Straße und sangen ihr Lied:

„Storch, Storch, fliege heim!“

„Wollen wir nicht hinunterfliegen und ihnen die Augen ausstechen?“ fragten die Jungen.
„Nein, laßt das sein!“ sagte die Mutter. „Hört nur auf mich, das ist weit wichtiger: Eins, zwei, drei! nun fliegen wir rechts herum; Eins, zwei, drei! nun links um den Schornstein. – Seht, das war sehr gut! Der letzte Schlag mit den Flügeln war so niedlich und richtig, daß Ihr die Erlaubniß erhalten sollt, morgen mit mir in den Sumpf zu fliegen. Da kommen mehrere nette Storchfamilien mit ihren Kindern hin; zeigt mir nun, daß die meinen die niedlichsten sind, und daß Ihr recht einherstolzirt; das sieht gut aus und verschafft Ansehen!“
„Aber sollen wir denn nicht an den unartigen Buben Rache nehmen?“ fragten die jungen Störche.
„Laßt sie schreien, so viel sie wollen! Ihr fliegt doch zu den Wolken auf und kommt nach dem Lande der Pyramiden, wenn sie frieren müssen und kein grünes Blatt, keinen süßen Apfel haben!“
„Ja, wir wollen uns rächen!“ zischelten sie einander zu, und dann wurde wieder exercirt.
Von allen Knaben auf der Straße war keiner ärger darauf erpicht, das Spottlied zu singen, als gerade der, welcher damit angefangen hatte, und das war ein ganz kleiner; er war wohl nicht mehr als sechs Jahr alt. Die jungen Störche glaubten freilich, daß er hundert Jahr zähle, denn er war ja so viel größer, als ihre Mutter und ihr Vater, und was wußten sie davon, wie alt Kinder und große Menschen sein könnten! Ihre ganze Rache sollte diesen Knaben treffen; er hatte ja zuerst begonnen und er blieb auch immer dabei. Die jungen Störche waren sehr aufgebracht, und als sie größer wurden, wollten sie es noch weniger dulden; die Mutter mußte ihnen zuletzt versprechen, daß sie gerächt werden sollten, aber erst am letzten Tage ihres Aufenthalts.
„Wir müssen ja erst sehen, wie Ihr Euch bei dem großen Manöver benehmen werdet! Besteht Ihr schlecht, sodaß der General Euch den Schnabel durch die Brust rennt: dann haben ja die Knaben Recht, wenigstens in einer Weise! Laßt uns nun sehen!“
„Ja, das sollst Du!“ sagten die Jungen, und so gaben sie sich recht Mühe; sie übten sich jeden Tag und flogen so niedlich und leicht, daß es ordentlich eine Lust war.
Nun kam der Herbst: alle Störche begannen sich zu sammeln und nach den warmen Ländern fortzuziehen, während wir Winter hatten. Das war ein Manöver! Ueber Wälder und Dörfer mußten sie, nur um zu sehen, wie gut sie fliegen könnten, denn es war ja eine große Reise, die ihnen bevorstand. Die jungen Störche machten ihre Sachen so brav, daß sie „Ausgezeichnet gut, mit Frosch und Schlangen“, erhielten. Das war das allerbeste Zeugniß, und den Frosch und die Schlange konnten sie essen; das thaten sie auch.
„Nun wollen wir uns rächen!“ sagten sie.
„Ja, gewiß!“ sagte die Storchmutter. „Was ich mir ausgedacht, ist gerade das Richtigste! Ich weiß, wo der Teich ist, in dem alle die kleinen Menschenkinder liegen, bis der Storch kommt und sie den Eltern bringt. Die niedlichen kleinen Kinder schlafen und träumen so lieblich, wie sie später nie mehr träumen. Alle Eltern wollen gerne solch ein kleines Kind haben, und alle Kinder wollen eine Schwester oder einen Bruder haben. Nun wollen wir nach dem Teiche hinfliegen und eins für jedes der Kinder holen, welche nicht das böse Lied gesungen und die Störche zum besten gehabt haben!“
„Aber der, welcher zu singen angefangen, der schlimme, häßliche Knabe!“ schrieen die jungen Störche; „was machen wir mit ihm?“
„Da liegt im Teich ein kleines todtes Kind, das sich todt geträumt hat: das wollen wir für ihn nehmen; da wird er weinen, weil wir ihm einen todten kleinen Bruder gebracht. haben; aber dem guten Knaben – ihn habt Ihr doch nicht vergessen, ihn, der da sagte: Es sei Unrecht, die Thiere zum besten zu haben! – ihm wollen wir sowohl einen Bruder als eine Schwester bringen. Und da der Knabe Peter hieß, so sollt Ihr auch allesammt Peter heißen!“
Und es geschah, wie sie sagte; und es hießen alle Störche Peter, und so werden sie noch genannt.

Hans Christian Andersen (1805-1875)

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10 Antworten zu “Sonntagsmärchen

  1. In meiner Geburtsstadt Goslar gab es einen Kinderbrunnen, zu dem meine Eltern und ich oft einen Spaziergang machten und da stand dann auf einer Tafel das Gebet: Storch,Storch, Guter bring mir einen Bruder, Storch, Storch, Bester bring mir eine Schwester! Ich habe nie gebetet,ich wollte kein Geschwisterchen, nachdem ich meinen Vater fast 6 Jahre vermissen musste, er kam, als ich knapp 4 war in russische Kriegsgefangenschaft und kehrte erst Anfang 1951 zurück. Da wollte ich ihn nicht schon wieder teilen. Der Storch hat dann auch einen Bogen um meine Eltern gemacht ,allerdings später auch 9 Jahre in meiner Ehe um mich ,bis er endlich biss und die Tochter brachte.🤗

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    • Als zweites Kind ist mir ein Leben ohne Geschwister nicht denkbar. Meiner Tochter als erstes Kind sieht es auch so. Immer hat sie ihren kleinen Bruder beschützt, jetzt ihre beiden Mädels.
      Sonntagsgrüße von Garten auf’s Dach

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  2. Ich wäre ja auch gar nicht gefragt worden, es ergab sich bei meinen Eltern und mir einfach so, zumindest war ich glückliches Einzelkind und meine Tochter ebenso und ihr Sohn wird auch wieder ein Einzelkind sein. Die Meinungen hierzu wie immer ganz unterschiedlich.

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  3. Das kannte ich gar nicht, danke dafür. Und das Bild ist zauberhaft!
    Liebe Grüße
    Christiane

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  4. Schönen Sonntag wünsch ich Dir und danke fürs Märchen (Hach ja, „meine“ Störche … Du glaubst gar nicht, dass ich noch immer jedesmal, wenn ich vobeifahre oder laufe, zum Nest raufschau!)

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  5. Deine Märchenliebe hat uns auf die Idee gebracht dieses Jahr mal einem Märchenabend im Teeladen teilzunehmen. Dort gibt es verschiedene Tees geben und eine Vorleserin/Märchenerzählerin wird uns ein Märchen erzählen. 🙂 Im November geht die Reihe wieder los und wir werden dieses Mal dabei sein!

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