Nepomuk Hastig findet die Langsamkeit in der Zeit wieder

Nepomuk Hastig ist bedrückt. Er hastet von einer Pflicht zur anderen. Niemanden will er im Stich lassen, bürdet sich eine Hilfeleistung nach der anderen auf. 

Dabei verliert er seine innere Stille, die ihn sonst über seinen Alltag trägt. 

Selbst dass er kein Auto fährt, um den Strapazen der ständig geforderten Aufmerksamkeit zu entgehen, hilft ihm nicht mehr. Zu voll sind die Öffentlichen, viel zu voll für ihn. Dem Schweißgeruch des sich vernachlässigenden Trinkers kann er sich genausowenig entziehen wie dem lauten Dauertelefonieren arabisch sprachiger Kopftuchfrauen mit stark geschminkten Gesichtern unter tief in die Stirn gezogenen Tüchern. Welche Maske von beiden soll was verbergen oder wovor schützen, fragt er sich. Manchmal beneidet er die jungen Leute, die sich die Hörer ihrer Smartphones in die Ohren stecken, die Augen schließen und in ihre eigene Welt zurückweichen. Auch nichts für ihn, seine Sinne verlangen nach äußerer Schönheit, also zählt er die bunten Stecknadeln, welche die Tücher der Fremdfrauen halten.

Er steigt aus. An einer anderen Station als der üblichen. Steigt in einen anderen Bus als den der ihn nach Hause fährt – lässt sich in eine Zeit bringen, in der einfache Leute mit ihren Händen Schönheit schufen, welche dazu dienen sollte den Namen Mächtiger mit Glanz zu umgeben.

Auf Details achtet Nepomuk, er muss seine innere Leere füllen, muss Schönheit aufsaugen, in Gedanken bei den Schaffern derselben, nicht bei ihren Besitzern.

Türen sieht er, mit solcher Sorgfalt gefertigt, dass ein gehen durch sie einer Zeitreise gleicht.

Verblasst blüht die Vergangenheit über ihnen,

spiegelt sich in kunstwerkartiger Gestaltung der Dinge des täglichen Gebrauchs.

Nepomuk sieht die dies erschaffenden Hände vor sich, abgearbeitet und eben deshalb voller Kraft des Schaffens, voller Schönheit des Gebens.

Einmal muss er dieses direkt spüren, um es ganz in sich aufnehmen zu können, um wieder langsamer werden zu können. Er steigt über die Absperrungen, sie sollen die alte Zeit schützen vor der neuen, zu schnellen, zerstörenden. Er setzt sich auf einen der Jahrhunderte alten Stühle, in Sekundenschnelle heilt ihn die ursprüngliche Kraft des kunstvoll verzierten Holzes.

Sein innerer Speicher ist gefüllt, ruhig geht er durch offene Tore zurück in seine Zeit.

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11 Antworten zu “Nepomuk Hastig findet die Langsamkeit in der Zeit wieder

  1. gefällt mir sehr!
    ich wünsche dir einen schönen Sonntag
    Ulli

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  2. Auszeiten, wichtiger als viele denken! Kräfte tanken, Akkus auffüllen, durchatmen….

    Gefällt 2 Personen

  3. Was für eine schöne Stimme 🙂 🙂
    Wir wünschen Dir einen schönen Restsonntag ❤ ❤
    Froschi und Anudasa

    Gefällt 1 Person

  4. Nepomuk ist sehr wahrscheinlich hochsensibel und nimmt damit viel mehr seine Umwelt auf, als andere Hastige. So benötigt er natürlich mehr Zeit, um alles verarbeiten zu können und wenn diese Zeit fehlt, geht das innere Gleichgewicht in zwei und ist nur mühsam wieder zu flicken.Sei allen Nepomuks diese Zeit gegönnt, um wieder ihre Freude verschenken zu können …

    Gefällt 2 Personen

  5. Ganz wichtige Erkenntnisse!
    Du hasts geschrieben … Du hasts gelernt!
    Weiter so, meine Liebe!

    Gefällt mir

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