Sonntagsmärchen

Schlesische Sagen

Fräulein Kunigunde von Kynast.

Fräulein Kunigunde war ein wildes Mädchen, von Jugend auf liebte sie mehr zu jagen, hetzen und reiten, als im einsamen Kämmerlein bei weiblicher Arbeit zu sitzen. Daher hatte sie auch nicht besondere Lust zum Ehestande und trieb nur mit den Rittern ihren Spaß, die sich, ihrer Schönheit und ihres Reichthums wegen, um ihre Gunst bewarben. Um die Ritter von ihren Liebesbewerbungen abzuschrecken, setzte sie fest, daß niemand anders, als derjenige ihre Hand erhalte, der auf der äußeren Mauer um den Kynast reiten würde. Dies war ein halsbrechendes Unternehmen. Die Mauer war an sich nicht sehr breit, wenn auch breiter und in einem besseren Zustande, als jetzt die Ruinen. Sie läuft nicht nur am Abhange[26] des Berges hin, sondern sie ist über einen Theil des schroffen Abgrundes, die Hölle genannt, am Rande hingebaut. Ein einziger Fehltritt des Pferdes konnte Pferd und Reiter in den Abgrund stürzen und beiden das Leben kosten. Oder wäre auch der Ritter glücklich genug gewesen, sich selbst zu retten, so war nicht nur das Pferd, sondern auch die Braut verloren; denn er war nicht herum geritten.

Diese harte Liebesprobe hielt zwar manchen Ritter ab, sich um die Hand des Fräuleins zu bewerben, in dessen vertrieb sie doch nicht sogleich alle Freier, aber keiner ward in die Burg gelassen, der nicht jene gefährliche Bedingung zu erfüllen versicherte. Alle Vorstellungen und Versuche, ihren Sinn zu ändern, waren vergebens, sie hatte die Bedingungen beschworen und blieb dabei.
Mancher begab sich zurück, aber andere, die im Taumel eines übertriebenen Ehrgefühls ihr Leben zu wagen und die Burg zu umreiten für rühmlicher hielten, versuchten den Ritt und fanden ihr Grab in den Abgründen, beweint von allen, nur nicht von dem grausamen, hartherzigen Fräulein. Wie viele brave Ritter auf diese Weise ihr Leben endeten, erzählt die Sage nicht, aber die Burg Kynast blieb so eine Zeit lang ziemlich öde und unbesucht von Fremden, besonders von Freiern.
Endlich erschien ein stattlicher Ritter am Fuße des Kynast. Die Landleute umher warnten ihn freundlich vor dem gefährlichen Unternehmen, auf die Burg zu reiten, allein er schien ganz furchtlos und ritt muthig den Berg hinan, ließ sich bei Kunigunden melden, mit dem Zusatze, daß er unfehlbar auf der äußeren Mauer um die Burg reiten werde, wenn er nur ihrer Hand dann gewiß sei. Er ward eingelassen und empfangen, aber zum erstenmale fühlte Kunigunde mehr, als je bei den übrigen Rittern; er machte durch seine schöne Gestalt, durch sein edles muthvolles Betragen, durch seine mannlichen Worte so vielen Eindruck auf sie, daß sie ihm selbst im Innern ihres Herzens Glück zu seinem Unternehmen wünschte. Gern hätte sie ihm die harte Bedingung, zu ihrem Besitz zu gelangen, erlassen, aber sie hatte geschworen und konnte ihren Schwur nicht zurücknehmen, doch sah sie nicht, wie gewöhnlich, von der Zinne des Thurms diesmal zu.

Der muthige Ritter bestieg sein Roß, lenkte es auf die äußere Mauer zu und ritt auf derselben zwar langsam, aber glücklich rund um die Burg. Freudig erschrak Kunigunde, als sie den Ritter wieder zum Burgthor einreiten sah. Sie ging ihm bis in den Burghof entgegen, wo der Ritter, statt mit liebenden Worten vor ihr zu stehen, sie mit mürrischer Miene verächtlich anblickte, ihr eine Strafpredigt hielt, daß sie so viele brave Ritter  bereits gemißhandelt, manche gar mittelbar durch ihr grausames Verlangen gemordet hätte, deren Leben ihr schwer auf der Seele liegen müßte. Er sei nicht gekommen, um sie zu heirathen, sondern nur um ihren unbändigen Stolz zu demüthigen; sie verdiene nur Verachtung, aber keinen Ritter zum Gemahl. Hierbei gab er ihr eine Ohrfeige, als Strafe für ihren Muthwillen, schwang sich aufs Pferd und ritt davon.
Was aus dem Fräulein geworden, erzählt die Sage nicht, aber noch jetzt bringen die Kinder des Kommandanten auf dem Kynast jedem Fremden, der zum erstenmale diese herrliche Burg besucht, ein mißgeschaffenes Bild von Holz, mit einer Igelhaut, statt der Haare, überzogen und verlangen entweder eine kleine Verehrung, oder man solle dies Ungethüm, das sie Kunigunde nennen, küssen. – Der glückliche Ritter soll der Landgraf Adalbert von Thüringen gewesen sein, der schon verheirathet war und Kunigunden bloß zeigen wollte, daß ihre Forderung wohl zu erfüllen wäre, daß sie aber wegen derselben Verachtung verdiene. Er soll sich deswegen ein eigenes Pferd, zum Gehen auf schmalen Steinen, haben abrichten lassen, um so das Abentheuer bestehen zu können.

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14 Antworten zu “Sonntagsmärchen

  1. Recht hatter gehabt!

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  2. Kunigundes gibt es heuer mehr als Sand am Strand. 😉

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  3. Hochmut kommt vor dem Fall – bzw. der Ohrfeige.

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  4. Solche Frauen und Männer wird es immer geben, nur reiten sie heute nicht mehr auf Pferden. Wenn ich diese Geschichte so lese habe ich nicht das Gefühl, dass sich diese Dinge in den letzten Jahrhunderten wirklich positiv in der Gesellschaft verändert hätten. Welcher Ritter würde nicht heute noch für seine Angebetete die unmöglichsten Sachen versuchen, nur um vielleicht wohlwollend getadelt zu werden. Hab einen wunderbaren Sonntag gnädige Arabella!

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  5. Ein kluger Mann!

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  6. Immer werden diese „Blechbüchsen“ bevorzugt 😛

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  7. Herrlich, Glück, schönen Frühlingsanfang und alles Gute wünsche ich dir

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