Gänseblümchengeschichte

Die alte Frau war schon vor Stunden gegangen.
Nachdem ich das dicke Bündel Geldscheine aus der Hand gelegt hatte, sichtete ich den weiteren Inhalt der von ihr zurück gelassenen Kiste.
Das war nicht eine, nicht zwei…das waren unzählige Geschichten. Eine besser als die andere. All das, was mein Kopf in den letzten Tagen nicht zum Ende verbringen zu vermochte, lag vor mir.
Jede der Geschichten war in sich geschlossen wie ein gut gebundener Blumenstrauß. Die Worte glitten nur so dahin, vergleichbar mit funkelnden Regentropfen, die sich auf den samtigen Blättern des Frauenmantels sammelten.
Meine Fantasie spielt mir einen Streich, anders kann es nicht sein… Warum und vor allem was sollte ich hier vollenden?
Eine Welle der Unruhe strömte durch meinen Körper.
Sollte meine Loyalität in Frage gestellt werden? Was steckte hinter diesem – augenscheinlich so wichtigem – Auftrag. Das Bündel Scheine war genug, um die Mietschulden abzuzahlen und es würde den Rest des Jahres absichern. Und wir hatten gerade erst Mai. Ertragreiche Schreibtischstunden – in der Ruhe und Gelassenheit die finanzielle Sicherheit mit sich bringt – warteten auf mich.
Nein, so fällt mir nichts ein, dachte ich von Vorahnungen geplagt.
Unter all den Papieren fand sich eine Adresse, gelegen am Ausgang der Stadt, fast schon im angrenzendem Waldgebiet. Dort musste sie wohnen, die alte Frau.
Zumindest versuchen wollte ich, zu erkunden, ob dem so ist.
Noch in der beginnenden Dämmerung machte ich mich mit meinem klapprigen, unverwechselbar gelbem Fahrrad auf den Weg. Die Kiste und den Umschlag im Rucksack fest an den Körper gepresst.
Das Haus, auf welches die Adresse
lautete, lag am Ende des Weges, verlassen hinter einer Mauer aus blickdichtem Roseneibisch.
Durch das runde Eingangstor aus farblos gewordenem Holz tretend, fand ich mich – vor allen Blicken geschützt – im Garten wieder, der eine Größe besaß, welche von außen nicht zu ahnen gewesen war.
Sanft schloß sich das Tor hinter mir, hakte ein und verschwand in einer weißen Wolke aus Jasmin und ich, ich war gefangen – von und in dem üppigen Garten.
Harmonisch vereint, wuchsen die verschiedensten Pflanzen und schufen ein Bild der Vollkommenheit, das an einen anderen, viel älteren Garten erinnerte. Glitzerte in einer Ecke der Tau wie Diamanten auf den weichen Blättern des Frauenmantels, schmiegten sich gleich daneben – im lauen Abendwind tanzend – tieflila Iris aneinander. Zwischen sattgrünen Blättern dufteten weißköpfige Maiglöckchen und verbreiteten einen Geruch, der benommen und zugleich frei machte. Buttergelbe Trollblumen standen überall und als wären ihre kugelförmigen Blüten Lampions, war der Garten auf wundervolle Weise in warmes, versöhnlich stimmendes Abendlicht getaucht, dessen von ihm ausgehende Ruhe zum dauerhaften Verweilen aufzufordern schien.
Die – den größten Teil des Gartens einnehmende – Wiese, war übersät mit Gänseblümchen, wie Sterne am Nachthimmel strahlten sie aus dem – durch seine Üppigkeit fast schwarz wirkendem – Gras.
Dort saß die alte Frau und schien nichts anderes als meine Ankunft erwartet zu haben.
„Ah, wusste ich es doch, dass du zu mir finden würdest“ sagte sie und forderte mich auf „Setz dich, nah zu mir.“
Dieser Einladung folgte ich sofort, die Knie waren mir schwach geworden und ich sank in das weicheste Gras auf dem ich je Platz genommen hatte. Achtsam wollte ich vermeiden die Gänseblümchen zu zerdrücken, doch wichen sie wie von selbst aus und machten einen Sitzplatz für mich frei.
„Wundere dich nicht“ sagte die alte Frau, deren Gesicht in dieser Umgebung viel weicher als in meiner Wohnung wirkte und das trotz ihres Alters voller Lebendigkeit war und fast zu leuchten schien.
Das sind keine gewöhnlichen Gänseblümchen… sie erzählen Geschichten. Immer wenn den Menschen hinter meiner Hecke die Gedanken verloren zu gehen scheinen, zaubern sie mit ihrem sanften Geruch und ihrer kindlich reinen Schönheit, neue Erzählungen in die von Alltagssorgen geplagten, leeren Köpfe der Schriftsteller. Im Traum erscheinen sie ihnen. Ist der Morgen da, scheint alles ein Leichtes und die Gedanken fließen wieder. Mit den entstandenen Geschichten war immer gutes Geld zu verdienen. Soviel, dass eine Spende für die Gänseblümchenstiftung, deren Anzeige stets in’s Auge fallend platziert war, möglich wurde. Gänseblümchen gingen den Schreibenden nämlich nicht mehr aus dem Kopf. Der Gedanke an ihr sonniges Gesicht war stetig vorhanden und schuf Lebensfreude.
„Dieses Geld, meine Liebe, sammle ich und bringe es zu Schriftstellern, immer hoffend, das einmal einer dabei ist, der nicht dem Geld verfällt und es zurückbringt. Ich werde alt, ich brauche jemand, der meinen Platz einnimmt. Bleibe hier, hilf mir die Gänseblümchen zu versorgen und Geschichten in die Welt zu bringen. Was wäre die Welt ohne Geschichten? “
Für mich gab es nichts zu überlegen.
Außer meinem alten Fahrrad würde mich keiner vermissen.
Jahre später, als ich einem Schriftsteller eine Kiste mit Geschichten und einen Umschlag mit Geldscheinen vorbei brachte, fiel mein Blick auf eine alte Zeitung.
Das Bild eines alten, gelben Fahrrads sah ich sofort, daneben stand:
Mysteriöses Verschwinden einer verschrobenen Schriftstellerin bleibt weiterhin ungeklärt.

Advertisements

15 Antworten zu “Gänseblümchengeschichte

  1. Wow. Gratuliere.

    (Erinnert entfernt an Hesses „Indischen Lebenslauf“ am Ende des Glasperlenspiels: Der Einsiedler, der ein hochdramatisches Leben gehabt zu haben schien, dann aber doch nur jahrelang im Dschungel an der Wasserschale saß.)

    Gefällt 3 Personen

  2. wunderbare Geschichte! Mich erinnert es von fern an die „unendliche Geschichte“ – nicht vom Inhalt, wohl aber vom Erzählstil her.

    Gefällt mir

  3. So ein wunderschöner Garten!! 🙂

    Gefällt mir

  4. Liebe Arabella, das ist eine wunderbare Geschichte, die zugleich ein fabehafter Einstieg in etwas Größeres (Novelle, Erzählung, Roman…) sein könnte… nur zu 🙂

    Gefällt mir

  5. Tolle Geschichte! Wunderschön!

    Liebe Grüße,
    Frank

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s