Erinnerungen – winters

Früher war der Winter eine Jahreszeit, nicht wie heute ein Zustand, von dem erwartet wird, das er so schnell wie möglich vorübergeht, damit wieder alles wie gewohnt und eben schnell geht. Schnee gehörte selbstverständlich dazu. Die Glätte auch. Auf den Straßen war sie weit weniger gefährlich, nicht weil sie eben das nicht war, sondern weil der Verkehr an sich weniger war. Hatte man 15 Jahre auf ein Auto gewartet, riskierte man keinen Glatteisunfall und lies den Trabi oder Skoda in der Garage und ging zu Fuß. Auf Fußwegen die von den Anwohnern beräumt worden waren. Das in jeder Familie jedes Familienmitglied ein Paar Langläufer besaß, war normal und kein Luxus. Obwohl die jüngeren Familienmitglieder meist die ausgewachsenen Modelle älterer Geschwister übernehmen mussten. Das waren auch keine hypermodernen Skier, sondern Brettln. Mit einfachster Bindung und ohne dazugehörigen Skistiefel, die nochmal den Preis eines Winterurlaubs an sich kosten. Was dagegen jeder hatte, war Wachs für die Skier. Welches Wachs bei welchem Wetter zu verwenden war, ist eine Wissenschaft für sich gewesen, die besonders gern von den Vätern betrieben wurde. Sie waren auch oft diejenigen welche die Skier der gesamten Familie präparierten. Mit Ehrgeiz natürlich. Dann fuhr man mit seinem einen Paar Winterstiefel in die Bindung, einfache Stöcke aus Holz dazu und gemächlich zog man seine Bahnen durch’s verschneite Land, dessen Schönheit zu erleben Sinn des Ausflugs war. Die Zeiten von bunter Skikleidung, deren Hauptzweck darin besteht, gesehen zu werden, lag noch in weiter Ferne. Nach dem Ausflug ging es nach Hause und nicht zum Apresski. Waren die Skiausflüge in den Familien meist den Wochenenden vorbehalten, gingen wir Kinder in der Woche rodeln. Einen Schlitten besaß jeder und jeder nutze ihn. Nach der Schule trafen sich alle am Rodelhang. Dazu war kein Anruf, keine Whatsapp notwendig, in den Pausen hatten wir abgesprochen, wann und wo wir uns treffen wollten. Den Rodelberg hoch gestapft und runtergesaust. Wer fährt am Schnellsten, wer kommt am Weitesten? Wer kann so gut bremsen, dass er dabei nicht in den Schnee kippt? Was haben wir dabei für Spaß gehabt! Ich erinnere mich ungern an meine rote Strickhose die ich dabei trug. Eine Zeit lang waren Strickmaschinen in Mode gekommen. Wer eine besaß, strickte wie wild und verkaufte die Hosen dann für kleines Geld. Meine Mutter war stolz, eine für mich erstanden zu haben. Ich habe das kratzende Ding gehasst. Gekauft hatte sie diese bei meiner zukünftigen Schwiegermutter, das wusste damals natürlich noch niemand. Gefetzt, alles was „in“ war „fetzte“ damals, haben mir nur die in einer weiten Glocke endenden Hosenbeine, die der Modehit der frühen 70er Jahre waren. War ich mit der Hose dreimal in den Schnee gefallen, war sie so nass geworden, dass sie an den Beinen hart gefror. Dicke Schneeklumpen sammelten sich daran und froren fest. Darunter trug ich eine dicke Wollstrumpfhose, auch die war am Ende nass gefroren, genau wie meine selbst gestrickten Wollfäustlinge. Die Finger darunter zur Faust geballt, um sie zu wärmen, stapfte ich in der einbrechenden Dunkelheit, völlig durchgefroren aber selig, nach Hause. Vor der Haustüre klopfte ich den überall an mir fest gefrorenen Schnee vom Leib, niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, ihn meiner Mutter ins Haus zu schleppen. Das hätte was gegeben! Im Wohnzimmer war der Kachelofen geheizt und verströmte wohlige Wärme. Meine rot gefrorenen Füße daran gewärmt, taute ich langsam wieder auf. Niemals wäre mir die Idee gekommen, ein heißes Vollbad einzufordern. Gebadet wurde Freitags, nur an diesem Tag wurde der dafür im Bad hängende Boiler überhaut angesteckt. Manchmal ließ sich ein Fußbad rauschinden. Dann goß mir meine Mutter heißes Wasser aus dem Teekessel, der immer gefüllt auf dem Küchenherd vor ich hin pfiff, in die große Aluminiumschüssel, in der sie Sonntags die grünen Klöße für’s Mittagessen zubereitete. Mit etwas Glück konnte ich meine Mutter dazu überreden, mir zum Abendessen einen Vanillepudding zu kochen, ihn noch warm in einen Suppenteller zu geben und in die Mitte einen See aus Himbeersoße zu gießen. So rot wie meine Winterluftwangen.

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32 Antworten zu “Erinnerungen – winters

  1. Ich seh Dich förmlich vor mir: Rote Wollhose mit dicken Eisklumpen dran. Ja wirklich … das fetzt! Die wissen alle gar nicht, WIE Füße bitzeln können, wenn sie langsam wieder aus dem Eiszustand erwachen … und wie gut das tut, wenn der hingefrorene Rotz an der Nase wegtaut. 😉
    Das mit dem „Fetzten“ ist mir letzens mal rausgerutscht und meine Liebe haben mich angeschaut, wie die Kuh, wenns donnert! 🙂

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  2. Schöne Erinnerungen! 👍Trotz der bescheidenen Lebensumstände damals spricht Glück und Zufriedenheit aus deinen Zeilen!
    LG

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  3. Beim lesen dachte ich: das könnte auch meine Geschichte sein. Schnee hatten wir damals reichlich. Auch wir gingen nachmittags zum Rodeln, bis auf den dick gefrorenen See ging es hinaus, wo mehr oder weniger Talentierte sich auf Schlittschuhen vergnügten. Mein Bruder und ich bekamen ein Jahr zu Weihnachten Gleitschuhe geschenkt, das war ein Spaß damit den Berg hinab zu fahren und wer heil unten ankam konnte die rotgefrorene Nase für den Moment nach oben strecken.
    Irgendwie beneide ich heute kein Kind. Im Gegenteil. Wir hatten wenig aber dafür eine Kindheit an die wir uns gerne erinnern. Wir konnten unsere Fantasie ausleben und unsere Eltern kreisten nicht wie Drohnen permanent über unseren Köpfen. Aber wer weiß, vielleicht denken die Kinder von heute später auch dass sie eine glückliche Kindheit hatten.
    Danke für’s erinnern.
    Liebgruß

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    • Andere Zeiten…wir hatten schon viel Freiheiten.
      Später gab es bei uns vor der Sporthalle jährlich eine Kunsteisbahn. Ich hatte nur Gleitschuhe, mit Riemchen zum unter die Stiefel binden. Ging auch;-)
      Liebe Grüße

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      • Genau solche Gleitschuhe hatten wir auch. Ebenso solche Rollschuhe. Da war nix mit jeder seine eigenen Stiefelchen. Nee, die wurden mit einem Vierkantschlüssel größer oder kleiner gestellt, so konnten wir alle damit fahren 🙂
        Meine schwestern hatten als Schlittschuhe auch nur die Kufen mit Riemchen, auch damit wurde sich abgewechselt. Komischerweise gab es nie Streit darum. Es ging halt immer reihum- und hat trotzdem Spaß gemacht.

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  4. so, oder so ähnlich kenne ich dies auch, ein bescheidenes
    Glück, aber gut, welch schöne Erinnerungen……….

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  5. Während ich deine Erinnerungen lese, steigen meine auf. Oh ja, kratzige Wollstrümpfe (Strumpfhosen kamen erst, als ich ca. 12 war), Liebestöter über den Rand zwischen Strumpfende und Halter, dann eine Latexhose drüber, gosh waren die hässlich, ich erinnere mich an eine mit Pepitamuster, die ging noch, aber die curryfarbene war das letzte, und doch war es egal, weil ja Rodelhang und Schlitten lockten und da ging es bei uns nicht anders, als bei euch zu! Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, wenn es in den Füssen, Händen und im gesicht von der abendlichen Wärme in der Stube zu kribbeln begann- meine Mutter empfahl übrigens immer Waschungen mit kaltem Wasser, ich scheute gerne, aber es war dann hinterher wirklich so wunderbar prickelnd und wieder warm!
    Puh, das ist jetzt lang geworden, da siehst du, wie es mit den Erinnerungen geht, einer Schiffschaukel gleich …
    herzlich grüsse ich dich
    Ulli

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  6. Ja, so war’s 🙂 Von der Wollhose mal abgesehen. Da besaß ich keine. :-))))
    LG, Eberhard

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  7. das hast du ja gut gemacht, schöne Erinnerungen kommen da hoch, möge dieser Tag ein guter Tag werden

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  8. Liebe Arabella, mir geht es wie den anderen Kommentatoren, denn wir sind ebenfalls nie nach Hause gegangen, bis das Licht mehr da wir und wir völlig durchgefroren und ausgehungert wie die Wölfe den Heiweg angetreten haben. Seltsamerweise gab es bei uns ebenfalls nur einen Badetag (Samstags) obwohl die Technik und das Geld dafür vorhanden waren. Wäre für mich heute unvorstellbar, denn ich brauche meine Dusche um munter zu werden 😉 An das Brennen der Hände, Füße und des Gesichts erinnere ich mich noch gut und bin heute froh darüber damals alles gemacht zu haben, ohne verplant zu sein oder eine aufpassende Mutter an meiner Seite zu haben. Winter war auch noch eine natürliche Zeit etwas langsamer zu machen und die ganz trüben Tage mit Lesen zu füllen, deshalb mag ich die Jahreszeit auch heute noch sehr, vor allem wenn der Schneefall die Geräusche des Alltags dämmt und die Straße vor dem Haus allmählich zuscheit ohne Fahrzeuge, die den Berg sowieso kaum hoch kommen. Kaminknisternde Grüße in deine zauberhafte Winterhöhle 🙂

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  9. Oberspitzenklasse !!!

    Mich hast du auch grad mitgenommen in ganz viele Erinnerungen….danke ❤

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  10. Das Fetzt, dieser Ausdruck wird auch heute von unserer Familie benützt. Wenn etwas ‚fetzte‘ ist pure Lebensfreude gemeint, heute wie damals. Feine Erinnerungen. Schneeschuhe hatte ich zwar nicht, doch Kufenwachs für den Schlitten. Den hatte mein Großvater gezimmert und mit Lederriemen verzurrt, das Teil fetzte ohne Ende und ging am Berg ab wie Schmitts Katze. Lange weiße Abfahrten.
    Liebe Abendgrüße✨

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  11. Deine Kindheitserinnerungen kann ich nur bestätigen.
    Zweimal habe ich meine Ski zerbrochen und vom Vater noch eine Ohrfeige dafür eingeheimst. 😉
    Gruß aus Erfurt.

    Dein Blog gefällt mir sehr gut.

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