Frauen die Geschichte schrieben – Waris Dirie

Zeitlich ungeordnet will ich über mir wichtige Frauen berichten. Geplant hatte ich bei europäischen Frauen zu bleiben. Im Nachhinein scheint mir das zu eng gedacht. Der Traum einiger Politiker vom „vereinten“ Europa platzt gerade. Grund dafür scheint mir zu sein, dass ebendiese Politiker zu weitschweifend denken, ohne sich um die ihnen, im eigenen Land anvertrauten Menschen, zu scheren. Selbstverständlich ist das meine private Meinung, die keinen Anspruch auf Richtigkeit erhebt. Bleibe ich also bei allen Frauen dieser Welt, bevor ihr Leid, ihre mangelnde Gleichstellung nicht beseitigt wird, wird es auch keine „vereinigten“ Kontinente geben.
Gegen eine der menschenverachtensten Eingriffe in die Gesundheit und das Wohlleben jeder einzelnen Frau setzt sich Waris Dirie ein. Selbst davon betroffen, gibt sie der Genitalverstümmelung von Frauen ein Gesicht.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Genitalverst%C3%BCmmelung

Weltweit sind davon 150 Millionen Frauen betroffen. Eine schier unglaubliche Zahl, die sich nicht nur auf die Länder Afrikas beschränkt. Allein in Deutschland leben 50.000 betroffene Frauen. Ihr Leben ist beeinflusst von Inkontinenz, Fisteln, Scham. Einige büßen diesen verstümmelnden Eingriff mit dem Leben. Ein erfülltes Sexualleben kann wohl nur im sehr beschränkten Rahmen gelebt werden.

Waries Dirie kann ihr genaues Geburtsdatum nicht angeben, allgemein gilt sie als 1965 geboren. Ihr Herkunftsland ist Somalia. Als 5jährige muss sie sich dort gegen ihren eigenen Willen der verstümmelnden Beschneidung unterziehen. In einer muslimischen Nomadenfamilie geboren, soll sie 14jährig an einen viel älteren Mann verheiratet werden. Diesem weiterem Gewaltakt entflieht sie, flüchtet zu ihrer Großmutter mütterlicherseits und von dort zu einer Tante nach Mogadischu. Ihre Familie gestattet ihr den dortigen Aufenthalt nicht, ihre Flucht stellt für diese eine Entehrung dar. Ein Onkel ist in London als Botschafter tätig, durch ihn kommt sie nach London, als sein Dienstmädchen. Der in Somalia ausbrechende Bürgerkrieg zwingt den Onkel zur Rückkehr. Wieder flieht Dirie, diesmal in die Straßen Londons, verdient ihr Geld als Putzfrau, bevor sie 18jährig durch Zufall als Model entdeckt wird und eine erfolgreiche Karriere startet. 1997 spricht sie erstmals offen über ihre traumatischen Erlebnisse und wird noch im selben Jahr UN-Sonderbotschafterin. Bis 2003 wird sie als solche aktiv gegen die weibliche Genitalverstümmelung ankämpfen. 1998 veröffentlicht sie ihr erstes Buch „Wüstenblume“

http://www.droemer-knaur.de/buch/189508/wuestenblume

Wüstenblume ist zugleich die Bedeutung ihres Vornamens Waris. In diesem und ihren folgenden Büchern versucht sie das ihr zugefügte Leid zu verarbeiten, indem sie darin über ihre radikale Beschneidung berichtet. 1999 erhält sie von der Deutschen Bundesregierung den Afrika-Preis für ihre Verdienste um die Rechte afrikanischer Frauen. 2001 erscheint ihr Buch „Nomadentochter“, 2005 die „Schmerzenskinder“, 2007 dann der „Brief an meine Mutter“. Schon 2002 gründet Dirie in Wien die „Desert Flower Founation“, auch diese setzt sich aktiv ein, um die Behandlung beschnittener Frauen zu organisieren. Österreich bedankt sich bei ihr dafür 2005, indem sie ihr die österreichische Staatsbürgerschaft verleiht und sie mit dem Romero-Preis ehrt. Frankreich achtet ihren Einsatz und ernennt sie 2007 als erste Frau zum Chevalier de la Légion d‘ Honneur. Weltweit erfolgen weitere Auszeichnungen. Als sie 2008 einen Vortrag im EU-Parlament in Brüssel halten will, verschwindet sie in der Nacht davor spurlos. Die belgische Polizei findet die Menschenrechtsaktivistin verwirrt auf, sie war von einem Taxifahrer entführt worden und einer versuchten Vergewaltigung ausgesetzt. Noch im selben Jahr beginnen die Arbeiten zur Verfilmung ihres Buches Wüstenblume. 2009 läuft der Film erfolgreich an. 2013 eröffnet Waris Dirie als Schirmherrin das weltweit erste ganzheitliche medizinische Zentrum zur Behandlung und Betreuung von FGM-Opfern in Berlin.

Inzwischen sind Beschneidungen von Mädchen verboten in Ägypten, Kenia, Senegal, Burkina Faso, Dschibuti, Ghana, Guinea, Togo und der Zentralafrikanischen Republick, was nicht bedeutet, dass diese nicht mehr durchgeführt wird. Männer wie der fundamentalistische Sheikh al-Badri versuchen das mit Behauptungen wie:“Nichtbeschnittenen Mädchen wächst die Klitoris so groß wie ein Penis. Kein Mann wird sie heiraten wollen, denn sie können keine Kinder bekommen.“ zu verhindern. Die Worte Christine de Pizans über Männer, die selbst nicht klug sein können, wenn sie Frauen als dumm darstellen fallen mir dazu ein. Zudem ist die Beschneidung zu einem gewinnbringendem Gewerbe geworden. Viele Mütter betreiben die Beschneidung ihrer Töchter, da sie ihnen sonst „wertlos“ dünken. Aufklärung, wie sie Waris Dirie betreibt, ist der einzige Weg für Frauen in diesen Kulturen. Ein Weg hin zu einem freien, selbstbestimmten Leben mit gesunder Sexualität. Waris Dirie ist Mutter zweier Kinder.

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12 Antworten zu “Frauen die Geschichte schrieben – Waris Dirie

  1. Ich bin jedes Mal bis zum Heulen wütend, wenn dieses Thema aufkommt!!! Danke, dass du darüber geschrieben hast.

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  2. Ein sehr berührendes Buch und ein wahnsinnig ans Herz gehender Film. Ich musste beim Lesen wie auch im Kino weinen. Die Welt hält so viel Schreckliches parat. Und sie ist so eine starke Persönlichkeit!

    Was das geeinte Europa angeht denke und hoffe ich, dass das, was „Das Trumpel“ in Amerika grade anrichtet, Europa nicht mehr spaltet sondern wieder enger zusammenkommen lässt. Dem entgegen!

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  3. Unfassbar und menschen(frauen)verachtend. Ich bekomme jedes Mal Zornausbrüche. Dieses Thema darf nicht unter den Teppich gekehrt werden.

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  4. Meine Zustimmung …

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  5. Das Buch hat mich auch gepackt und zu Tränen und Zorn gerührt, weil ich es nicht glauben wollte, was und vor allem wie es den Kindern angetan wird. – Sie war ungeheuer mutig, als sie sich dieser Heirat mit dem alten Mann widersetzt hat.
    Es wäre so wunderbar, wenn man alle kleinen Mädchen vor so einem Schicksal bewahren könnte und sie trotzdem vollkommen normal leben dürften.
    Mitternächtliche Grüße von Clara

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  6. deutschlandssterne

    Ich habe das Buch gelesen und den Film gesehen. Was sich mir nicht erklärt ist daß dies eine Tradition ist welche von Frauen gepflegt und ausgeübt wird. Männer sind da eigentlich kaum beteiligt. Wenn ein Mann in der Hochzeitsnacht auf die vernarbte Scheide seiner Braut blickt, in ihre ängstlichen Augen sieht und ihr schmerzverzerrtes Gesicht betrachtet wenn er zum Messer greifen muß, wie viel Alkohol muß man trinken um ein solches Mädchen deflorieren zu können? Männer die solches tun, müssen Bestien sein!

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