Sonntagsmärchen

 Giambattista Basile

Das Pentameron

Die goldene Wurzel

Es war einmal ein ganz armer Gärtner, welcher trotz aller angestrengten Arbeit nichts erübrigen konnte. Eines Tages kaufte er für die drei Töchter, die er besaß, drei Ferkel, damit sie diese auffüttern und so etwas zur Mitgift haben sollten. Pascuzza und Cice, die ältesten der Mädchen, trieben ihre Schweinchen auf eine schöne Wiese, gestatteten aber nicht, dass ihre jüngste Schwester Parmetella mit ihnen ging, sondern jagten sie von sich, damit sie ihr Ferkel anderswohin auf die Weide führe. Parmetella trieb darum ihr Tierchen in einen Wald, in welchem die Dunkelheit sich gegen die Angriffe der Sonne befestigt hatte.

Als sie auf einer Lichtung anlangte, in deren Mitte eine Quelle, gleich einem Wirtshaus, in dem frisches Wasser geschenkt wird, mit silberner Zunge die Reisenden aufforderte, einen halben Schoppen zu trinken, sah sie einen Baum mit goldenen Blättern, von denen sie eins abpflückte und es dem Vater brachte, der es mit großer Freude für mehr als zwanzig Dukaten verkaufte und mit dem Geld ein und das andere Loch in seiner Wirtschaft zustopfte. Als er nun aber seine Tochter fragte, wo sie es gefunden habe, erwiderte sie: »Nimm nur, was ich dir gebe, lieber Vater, und frage nicht weiter«, worauf sie es am folgenden Tag wieder so machte und den Baum so lange seiner Blätter beraubte, bis er am Ende ganz entlaubt dastand, als wäre er von den Herbststürmen geplündert worden. Da sie jedoch am Ende bemerkte, dass der Baum auch eine goldene Wurzel hatte, welche sie mit den Händen nicht auszureißen vermochte, so holte sie zu Hause eine Axt und fing an, den Fuß des Baumes ringsumher bloßzulegen, worauf sie die Wurzel emporhob und darunter eine schöne Treppe von Porphyr sah. Parmetella, die ungeheuer neugierig war, stieg hinunter und durchschritt dann einen sehr tiefen, langen Gang, bis sie auf eine schöne Au gelangte, auf der sich ein herrlicher Palast befand, der von lauter Gold und Silber schimmerte und Perlen und Edelsteine zeigte.

Als nun Parmetella, außer sich vor Staunen, diese Herrlichkeiten eine lange Zeit betrachtet hatte und in diesem prächtigen Wohnsitz keine lebende Seele erblickte, trat sie endlich in ein Zimmer. Darin erblickte sie eine große Anzahl Gemälde, welche viele schöne Dinge darstellten, unter anderem die Dummheit eines für klug gehaltenen Menschen, die Ungerechtigkeit eines, der die Waage hielt, und die vom Himmel bestrafte Gewalttätigkeit, alles so lebendig und treu dargestellt, dass es zum Erstaunen war. Außerdem befand sich auch noch in dem Zimmer eine reich gedeckte Tafel. Parmetella, welche von ihrem Magen ungestüm gemahnt wurde und niemand sah, setzte sich zu Tisch und fing an, sich gut zu tun wie ein Graf.

Während sie aber mitten im besten Zugreifen war, trat ein Mohr herein, der zu ihr sprach: »Bleib hier und geh nicht von der Stelle, denn ich will dich heiraten und dich zur glücklichsten Frau der Welt machen.« Obwohl nun Parmetella einen gewaltigen Schrecken bekam, so fasste sie dennoch bei dem freundlichen Versprechen wieder Mut, und indem sie auf den Antrag des Mohren einging, erhielt sie sogleich von ihm einen Wagen von Diamanten, welcher von vier Rossen aus Gold, mit Flügeln aus Smaragd und Rubinen, durch die Luft getragen wurde, damit sie darin spazieren führe. Außerdem bestellte ihr Gemahl zu ihrem Dienst noch eine Schar Affen, die in Goldstoff gekleidet waren. Diese kleideten Parmetella alsbald vom Kopf bis auf die Füße in neue Gewänder und schmückten sie so herrlich, dass sie wie eine Königin aussah. Als aber die Nacht erschien und die Sonne, voll Verlangen, an den Ufern des indischen Stromes von den Mücken unbelästigt zu schlafen, das Licht auslöschte, sprach der Mohr zu Parmetella: »Wenn du Nina machen willst, mein liebes Kind, so lege dich in dieses Bett. Sobald du dich aber in die Decke gewickelt hast, lösche das Licht aus und tue, wie ich dir sage; denn sonst möchte es dir schlimm ergehen.« Parmetella tat also, wie ihr geheißen war. Kaum hatte sie die Augen geschlossen, als sich der Mohr in einen schönen Jüngling verwandelte und neben sie legte.

Ehe sich jedoch Aurora erhob, um zur Stärkung ihres bejahrten Geliebten frische Eier zu holen, sprang der Jüngling aus dem Bett und nahm seine andere Gestalt wieder an, während Parmetella voll Neugier zurückblieb, um zu wissen, was für ein Leckermaul das Erstlingsei einer so schönen Henne ausgeschlürft habe. Als nun wieder die Nacht erschien und sich Parmetella ganz so wie am vergangenen Abend hingelegt und die Lichter ausgelöscht hatte, erschien auch wieder der schöne Jüngling und wollte bei ihr sein. Sobald er, von seinen Kunststücken ermüdet, in Schlaf gesunken war, ergriff Parmetella ein Feuerzeug, das sie sich zur Hand gesetzt hatte, schlug den Stahl, zündete den Schwefelfaden und mit diesem das Licht an, worauf sie die Decke emporhob und das Ebenholz in Elfenbein, den Kaviar in Milch und Sahne und die Kohlen in ungelöschten Kalk verwandelt sah.

Indem sie jedoch mit offenem Munde dasaß und den schönsten aller Pinselstriche, den die Natur jemals auf die Leinwand des Wunders getan, anstaunte, erwachte der Jüngling. Er fing an, Parmetella mit Vorwürfen zu überhäufen, indem er ausrief: »Wehe mir, um deinetwillen muss ich noch sieben Jahre lang diese verwünschte Strafe erdulden, da du aus Neugier deine Nase in meine Geheimnisse gesteckt hast. Aber geh nur und mache, dass du fort kommst! Entferne dich aus meinen Augen und kehre zu deinen Bauernliesen zurück; denn du ahnst nicht, was für ein Glück du verlierst.« So sprechend, verschwand er wie Quecksilber, während die arme Parmetella starr und kalt vor Schrecken und mit gesenktem Haupte den Palast verließ.

Als sie jedoch aus dem unterirdischen Gang getreten war, begegnete sie einer Fee, welche zu ihr sprach: »Dein Leid, meine Tochter, schmerzt mich in der tiefsten Seele; denn du Unglückliche gehst der Schlachtbank entgegen und hast eine haarbreite Brücke zu passieren. Um daher deiner Gefahr zuvorzukommen, nimm diese sieben Spindeln, diese sieben Feigen, dieses Näpfchen mit Honig und diese sieben Paar Eisenschuhe und wandere ohne auszuruhen so lange, bis sie zerreißen, dann wirst du auf dem Balkon eines Hauses sieben Frauenzimmer sehen, welche von oben herab spinnen und die Fäden auf Totenknochen aufgewickelt haben. Weißt du nun, was du tun sollst? Halte dich ganz ruhig und versteckt, und immer, wenn ein Faden herunterkommt, so ziehe den Knochen heraus und stecke dafür eine mit Honig bestrichene Spindel an mit einer Feige statt des Kopfes; denn wenn sie diese heraufziehen, so werden sie sagen: ›Wer uns versüßt hat unseren Mund, dem werde nur süßes Leben kund.‹ Nach diesen Worten wird dann eine nach der andern sprechen: ›O du, der du uns diese Süßigkeiten gebracht hast, lass dich sehen!‹, und du musst antworten: ›Ich will nicht, denn ihr fresset mich auf‹, und sie werden erwidern: ›Wir fressen dich nicht auf, so wahr uns Gott unseren Löffel behüten möge.‹ Du aber rühre dich nicht und bleibe ruhig an deinem Ort. Dann werden sie fortfahren: ›Wir fressen dich nicht, so wahr uns Gott unsern Spieß behüte.‹ Du jedoch halte dich bewegungslos, als wärest du an den Boden gewurzelt. Dann werden sie weiter sprechen: ›Wir fressen dich nicht, so wahr uns Gott unsern Besen behüte.‹ Du aber traue ihnen nicht; und wenn sie auch sprächen: ›Wir fressen dich nicht, so wahr uns Gott unsern Eimer behüte‹, so halte du dennoch deinen Mund und muckse nicht, bis sie endlich sagen werden: ›So wahr uns Gott Donnerundblitz behüte, wir fressen dich nicht‹; dann steige hinauf und sei sicher, dass sie dich nicht fressen werden.«

Sobald Parmetella dies vernommen hatte, fing sie an, über Berg und Tal so lange zu wandern, bis nach Verlauf von sieben Jahren die eisernen Schuhe zerrissen und sie an einem großen Hause anlangte, wo sie auf einem Balkon die sieben spinnenden Frauenzimmer erblickte. Nachdem sie dem Rate der Fee gemäß gehandelt und jene endlich nach tausenderlei Finten und Lockungen den Schwur bei Donnerundblitz geleistet hatten, stieg sie hinauf, worauf die Frauenzimmer zu ihr sagten: »Du schändliche Bübin bist die Ursache, dass unser Bruder zweimal sieben Jahre fern von uns in der Gestalt eines Mohren in jener unterirdischen Behausung gelebt hat. Sei jedoch unbekümmert, denn wenn du es auch verstanden hast, uns durch den Schwur ein Schloss vor unseren Rachen zu legen, so wirst du gleichwohl bei erster Gelegenheit die alte und die neue Rechnung begleichen. Jetzt aber tu folgendes: Verbirg dich hinter diesem Trog, und wenn unsere Mutter nach Hause kommt, die dich ohne weiteres verschlingen würde, so sich zu, dass du hinter ihren Rücken kommst, packe sie und ziehe sie aus Leibeskräften, ohne eher loszulassen, als bis sie bei Donnerundblitz schwört, dir nichts zuleide zu tun.« Parmetella tat, wie ihr geheißen war, und nachdem die Hexe bei der Feuerschüppe, bei der Zange, bei dem Spinnrad, bei der Weife, bei dem Topfbrett und endlich bei Donnerundblitz geschworen hatte, ließ Parmetella sie los und trat vor diese Hexe, worauf diese zu ihr sprach: »Du hast mich dieses Mal drangekriegt, Bübin; aber sieh dich vor; denn bei der ersten Wäsche wirst du mit eingeseift.«

Indem nun so die Hexe eine gute Gelegenheit, Parmetella aufzufressen, wie mit dem Lichte suchte, nahm sie eines Tages zwölf Säcke verschiedener Hülsenfrüchte, als Erbsen, Kichern, Linsen, Wicken, Fasolen, Bohnen, Reis und Lupinen, mengte sie untereinander und sprach zu ihr: »Hier, nimm diese Hülsenfrüchte und lese sie mir dergestalt aus, dass jede Fruchtart besonders sei. Wenn du aber bis heute Abend nicht fertig bist, so verzehre ich dich wie eine Dreiersemmel.«

Die arme Parmetella setzte sich neben die Säcke hin und sprach weinend. »O du lieber Gott, wie ist mir doch die goldene Wurzel zur Wurzel so großen Drangsals geworden. Diesmal ist es mit mir vorbei; und weil ich ein schwarzes Gesicht weiß gesehen habe, wird mir jetzt dafür ganz schwarz vor den Augen. Wehe mir, meine Stunde hat geschlagen, mir ist nicht mehr zu helfen! Schon scheint es so, als wäre ich zwischen den Zähnen der scheußlichen Hexe. Niemand ist da, mir beizustehen, niemand ist da, mir zu raten, niemand ist da, mich zu trösten.«

Während sie so jammerte, erschien plötzlich wie ein Blitz Donnerundblitz, welcher die ihm durch eine Verwünschung auferlegte Verbannungszeit beendet hatte. Obwohl er noch voll Zorn gegen Parmetella war, so ließ ihm dennoch seine Liebe zu ihr keine Ruhe, und indem er sie so laute Klagen ausstoßen hörte, fragte er sie: »Was hast du denn, Verräterin, dass du so weinst?«, worauf ihm Parmetella die üble Behandlung von selten seiner Mutter mitteilte und ihm sagte, wie sie es darauf abgesehen habe, ihr den Garaus zu machen und sie zu verschlingen. »Beruhige dich und fasse Mut«, erwiderte Donnerundblitz, »denn nichts von dem allen wird geschehen.« Jetzt streute er alle Hülsenfrüchte auf die Erde und ließ eine Unzahl Ameisen hervorkommen, welche sogleich anfingen, alle Früchte einzeln auf- zuhäufen, so dass Parmetella jede Gattung für sich zusammenraffen und in die Säcke füllen konnte.

Als nun die Hexe nach Hause kam und alles bereit fand, geriet sie fast in Verzweiflung und rief aus: »Der verwünschte Donnerundblitz hat mir diesen Streich gespielt, aber du sollst mir nicht so davonkommen. Darum nimm hier diese Überzüge von Zwillich, welche für zwölf Unterbetten sind, und sieh zu, dass sie bis heute Abend voll Federn sind, sonst zerreiße ich dich in Stücke.« Die Ärmste nahm die Betttücher, setzte sich auf die Erde und fing an, ganz kläglich zu jammern, indem sie sich ganz zerkratzte und ihre Augen in zwei Tränenquellen verwandelte. Wiederum erschien jedoch Donnerundblitz und sprach zu ihr: »Weine nicht, Verräterin, sondern lass mich nur machen, ich werde schon für dich sorgen. Du aber löse dir deine Haare auf, breite die Betttücher auf die Erde und fange an zu weinen und zu heulen und rufe dabei, dass der König der Vögel gestorben sei, dann wirst du sehen, was geschieht.« Parmetella tat, wie ihr geheißen war, und plötzlich erschien eine Wolke von Vögeln, welche die Luft verdunkelten und mit den Flügeln schlagend die Federn haufenweise herunterfallen ließen, so dass in weniger als einer Stunde die Betten gefüllt waren. Sobald die Hexe nach Hause kam und dies sah, schwoll sie vor Zorn dermaßen an, dass sie fast zerbarst, wobei sie ausrief: »Donnerundblitz hat es sich in den Kopf gesetzt, mich zu ärgern. Hol mich aber dieser und jener, wenn ich sie nicht einmal so ankriege, dass sie mir nicht entwischen kann.« Hierauf wandte sie sich zu Parmetella und sprach: »Lauf, eile zu meiner Schwester und sage zu ihr, sie soll mir die Instrumente schicken; denn Donnerundblitz soll sich verheiraten, und wir wollen ein königliches Hochzeitsfest feiern.«

Zugleich aber ließ sie der Schwester sagen, dass, wenn Parmetella nach den Instrumenten käme, solle sie dieselbe sogleich schlachten und kochen; denn sie würde zu ihr kommen, um an dem Mahle teilzunehmen.

Als nun Parmetella sah, dass ihr leichtere Dienste auferlegt wurden, war sie ganz erfreut, indem sie glaubte, dass das Wetter jetzt heiterer würde. Aber wie blind sind doch oft die Menschen! Indessen begegnete ihr unterwegs Donnerundblitz. Als er sie so rasch drauflos schreiten sah, fragte er sie: »Wohin gehst du da. Unglückliche? Du weißt nicht, dass du deinem Tod entgegeneilst, dir selbst deine Fesseln schmiedest, dir selbst das Messer schleifst, selbst das Gift mischest; denn du wirst zu einer Hexe geschickt, damit sie dich verschlinge. Jedoch höre mir zu und sei ohne Furcht. Nimm dieses Brötchen hier, dieses Bund Heu und diesen Stein; und wenn du in dem Hause meiner Base anlangst, so wird ein bellender Fleischerhund auf dich losstürzen, um dich zu beißen. Du aber stopfe ihm mit diesem Brötchen den Rachen. Nach dem Hunde wirst du ein Pferd frei herumlaufen sehen. Das wird gegen dich ausschlagen und versuchen, dich unter seine Hufe zu treten. Gib ihm das Bund Heu, denn dadurch fesselst du ihm die Füße. Zuletzt wirst du an eine Tür kommen, die immer auf und zu schlägt. Lege daher diesen Stein vor, dadurch wirst du sie zum Stehen bringen. Alsdann steige hinauf. Dort wirst du die Hexe mit einem kleinen Kinde auf dem Arme finden und das Feuer sehen, das schon angezündet ist, um dich zu braten. Die Hexe wird dann zu dir sagen: ›Halte mir das Kind ein bisschen und warte so lange, bis ich die Instrumente heruntergeholt habe.‹ Sie wird jedoch nur gehen, um sich die Hauer zu wetzen und dich dann stückweise zu zerreißen. Du aber wirf inzwischen das Kind ohne Mitleid in den Ofen, denn es ist Hexenfleisch, nimm die Instrumente, welche hinter der Tür stehen, und mach dich davon, ehe die Hexe zurückkehrt; denn sonst ist es mit dir vorbei. Jedoch merke dir, dass sich die Instrumente in einem Futteral befinden, das du nicht öffnen darfst, wenn es dir nicht sehr schlimm ergehen soll.«

Parmetella tat, wie ihr Geliebter ihr riet; jedoch öffnete sie auf dem Heimweg das Futteral, in dem sich die Instrumente befanden. Da, mit einem Male, flog hier eine Flöte, dort eine Schalmei, huben eine Pfeife, drüben ein Dudelsack empor, welche in der Luft tausenderlei Musik machten, während sich Parmetella vor Kummer das ganze Gesicht zerkratzte.

Inzwischen war die Hexe in die Stube zurückgekommen, und als sie Parmetella nicht mehr vorfand, trat sie an ein Fenster und rief der Tür zu: »Quetsch die Verräterin tot!«, worauf die Tür erwiderte:
»Warum soll ich der Armen Böses tun?
Durch sie kann ich ja endlich ruhn!«
Hierauf rief die Hexe dem Pferde zu: »Tritt die Spitzbübin mit deinen Hufen tot!« Aber das Pferd versetzte:
»Wenn ich sie träte, verspürte ich Reu‘,
sie gab mir ja ein Bündel Heu!«
Endlich rief die Hexe den Hund und sprach zu ihm: »Beiß die Schelmin tot!« Der Hund jedoch entgegnete:
»Fürwahr, ich beiße sie nicht tot,
sie gab mir doch ein großes Stück Brot!«
Parmetella aber, welche indessen hinter den fort geflogenen Instrumenten her schrie, begegnete Donnerundblitz, welcher sie gehörig ausschalt und zu ihr sprach: »Hast du denn noch nicht auf deine Kosten gelernt, Verräterin, dass du dich durch deine verwünschte Neugier in diese große Not gebracht hast, in der du dich befindest?« So sprechend, rief er die Instrumente durch einen Pfiff herbei und Schloss sie wieder in das Futteral ein, indem er zu Parmetella sagte, dass sie sie nun der Mutter überbringen sollte. Sowie diese Parmetella erblickte, rief sie mit lauter Stimme: »O grausames Schicksal, sogar meine Schwester handelt mir zuwider, da sie mir nicht einmal diesen Gefallen hat tun wollen.«

Bald nachher langte die Braut ihres Sohnes an, welche eine wahre Pest, ein wahres Unglück, eine Harpyie, ein Gespenst, ein Grauen, ein Scheusal, ein Ungeheuer von Hässlichkeit und dabei die leibhaftige Schwindsucht war und durch die Blumen und Reiser, mit denen sie sich aufgeputzt hatte, wie ein neu eröffnetes Wirtshaus aussah. Die Hexe veranstaltete sogleich ein großes Fest, und da sie noch ganz voll von Gift und Galle war, ließ sie den Tisch nahe bei einem Brunnen aufstellen und setzte die sieben Töchter, jede mit einer Fackel in der Hand, daneben hin. Parmetella aber gab sie deren zwei und wies ihr außerdem ihren Platz auf dem Rande des Brunnens an, damit sie hinunterstürze, wenn sie nun schläfrig würde. Während nun die Speisen auf- und abgetragen wurden und die Köpfe schon anfingen, warm zu werden, sprach Donnerundblitz, dem gar sehr übel zumute war, zu Parmetella: »Liebst du mich, Verräterin?«, worauf diese erwiderte: »Mehr als mich selbst.«

»Nun denn, wenn du mich liebst«, entgegnete Donnerundblitz, »so gib mir einen Kuss.«

»Behüte Gott«, versetzte Parmetella, »das sei fern von mir; du hast ja ein so niedliches Geschöpf neben dir, das der Himmel dir hundert Jahre lang bewahren möge.«

»Man sieht wohl, was du für ein einfältiges Ding bist und bleiben wirst, wenn du auch ewig lebst«, sprach nun die Braut, »da du die Spröde spielst und einem so hübschen Jüngling keinen Kuss geben willst; denn ich habe mich für ein paar Kastanien von einem Viehhirten nach Herzenslust küssen lassen.« Der Bräutigam wurde bei diesen Worten ganz giftig und schwoll an wie eine Kröte, so dass ihm das Essen im Hals stecken blieb. Gleichwohl machte er eine gute Miene zum bösen Spiel und verschlang die Pille, indem er sich vornahm, sich späterhin zu revanchieren und die Rechnung auszugleichen. Als man nun gegessen hatte, schickte er die Mutter und die Schwestern fort, während er selbst, die Braut und Parmetella zurückblieben, um zu Bett zu gehen. Indem er sich von Parmetella die Schuhe ausziehen ließ, sprach er zu seiner Braut: »Hast du Acht gegeben, liebes Weibchen, wie dieses hochmütige Ding mir einen Kuss verweigerte?«

»Sie hat unrecht getan«, versetzte die Braut, »dir den Kuss abzuschlagen, da du ein so hübscher Mann bist; denn ich habe mich für ein paar Kastanien von einem Schafhirten küssen lassen.«

Donnerundblitz konnte sich nun nicht mehr länger halten, sondern mit Blitzen von Zorn und Donner von Taten ergriff er, da ihm diese Rede gar zu sehr in die Nase gefahren war, ein Messer, stach die Braut über den Haufen und vergrub sie alsdann in einem Loche, das er in dem Keller machte. Hierauf umarmte er Parmetella und sprach zu ihr: »Du bist mein Juwel, du bist die Blume der Frauen und der Spiegel der Ehre. Schau mich daher mit deinen Augen an, gib mir deine Hand, reiche mir deinen Mund, nähere dich mir, die du mein Leben bist, denn ich will dein sein, solange die Welt besteht.« So sprechend, ging er mit Parmetella zur Ruhe und scherzte mit ihr, bis die Sonne die Feuerrosse aus dem Wasserstall zog und auf die von Aurora besäten Felder zur Weide führte.

Als nun die Hexe mit frischen Eiern erschien, damit sich die Neuvermählten stärken sollten und die junge Frau sagen könnte: »Glückselig ist die, welche sich verheiratet und eine Schwiegermutter bekommt!«, und sie Parmetella in den Armen ihres Sohnes fand sowie noch vernahm, was vorgefallen war, eilte sie zu ihrer Schwester, um mit ihr zu überlegen, wie sie sich diesen Dorn aus dem Auge schaffen könnte, ohne dass Donnerundblitz ihr zu helfen vermöchte. Sie fand jedoch, dass sie aus Schmerz über ihre im Ofen gebratene Tochter gleichfalls in den Ofen gekrochen war, und da bereits der Brandgeruch die ganze Nachbarschaft verpestete, geriet die Hexe in solche Verzweiflung, dass sie gleich einem Widder so lange mit dem Kopf gegen die Mauer rannte, bis sie ihr Gehirn verspritzte. Donnerundblitz aber söhnte Parmetella mit seinen Schwestern aus, worauf sie ein frohes und glückliches Leben führten und die Wahrheit des Sprichwortes erkannten: »Geduld überwindet alles.«

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2 Antworten zu “Sonntagsmärchen

  1. Was wären wir mittlerweile nur ohne Deinen Fleiß? Sonntags märchenlos wären wir! Mittlerweile eine fast unvorstellbare Vorstellung…..

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