Kleine Gute Nacht Geschichten

Das Leben das er führt ist geteilt. Zwei Teile die kein Ganzes ergeben. Vor dem Trinken und beim Trinken. Vor dem Trinken ist nur Gier. Gier nach dem zuschlagenden Rausch. Vergessen bringt er. Es ist nicht so, dass er Übles vergessen muss. Nur die Sucht muss er vergessen. Sie schleicht unter seine Haut, dringt ein – tiefer als Liebe – umfasst klammerhaft sein gesamtes Ich. Loslassen geschieht nicht mehr. Mehr, mehr. Der zweite Teil seines Lebens – das Trinken – ist blasenhaft einfach. Immer nur mehr einfüllen, solange bis der Zustand des Nichtmehrwahrnehmens der eigenen, von sich selbst verachteten Person erreicht ist. Aufgeblähte Freundlichkeit zeigt sich dann in seinen zerrütteten Worten, lange liegt sein Verstand begraben unter den täglichen Dröhnungen. Der Weg zur Ruhestatt führt ihn nicht mehr am Bad vorbei, welcher Person sollte er Zähne putzen, wen waschen? Stundenlang fällt er aus, taumelnd sich im Halbsitzen in ein schwimmendes Unsicherheitsland begebend, griffbereit neben sich die nächste Flasche. Wachwerden ohne diese erträgt sein gemarterter Körper nicht mehr. Nur der Kopf fühlt sich endlich freier, ohne gelöst zu sein. Morgen schon muss er neu sehen woher der unersetzbare Alkohol herkommen soll. Morgen schon wird er eine Zeit ohne ihn sein müssen. Wer die Menschen um ihn sind ist ihm seit langen nicht mehr wichtig. Wichtig ist nur, ob sie sein Verhalten tolerieren oder nicht. Kaum einer derer die er einmal liebte tut das. Er denkt nicht mehr an sie. Was sollen ihm Menschen…der Rausch ist wichtig. Er ist mehr als Menschen je sein können, er akzeptiert ihn, macht ihn zum Größten. Diesen seinen einzigen Freund muss er füttern. Nicht jetzt daran denken, nicht jetzt, wenn sein letzter Freund ihn umarmt und mitnimmt auf die Reise ohne Ende.

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13 Antworten zu “Kleine Gute Nacht Geschichten

  1. Dadurch dass dem Alkohol in unserer Gesellschaft eine derartige Akzeptanz entgegenkommt, ist es noch schwerer zu erkennen, wo der „Genuss“ aufhört und die Sucht beginnt. Trinken gehört irgendwie einfach dazu. Wer es nicht tut, wird komisch angeschaut. Viele Betroffene wissen gar nicht, dass die tägliche Flasche Bier, ohne die man den Tag nicht überstehen würde, süchtig macht.

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  2. Gut analysiert. Liest sich, als ob die erdachte Person Wirklichkeit ist. Der Vorbilder gibt es ja genug.
    LG, Eberhard

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  3. Sehr überzeugend geschrieben !
    Alkohol ist mit Abstand das vernichtendste Suchtgift in unserer Gesellschaft ist aber nicht nur nicht verboten, sondern wird sogar massiv akzeptiert und schön geredet. Es gibt so viele Menschen, die gefährdet sind oder die Grenze schon überschritten haben und es selbst nicht wahrhaben wollen oder wirklich nicht wissen.

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  4. Als ob Du meine feuchte Zeit miterlebt hättest. Auslöser war (bei mir) (vorgeworfenes/selbt eingebildetes) Versagen … Auf diversen Gebieten.

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  5. Sehr hautnah beschrieben, ich selbst kenne diesen Zustand zwar nicht, aber ich höre immer mal wieder und lese …
    König Alkohol ist ein grßer Zerstörer, er gaukel Wpohlgefühl, aber eben, es ist ein Gaukelbild!
    liebe Grüße
    Ulli

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