Der Aufstand der Vernachlässigten


Alex ist 15. Eigentlich heißt er Alexander. Seine Mum nennt ihn auch so. Sie hatte in ihrer Jugend ein Faible für Geschichte und nannte ihn nach ihrem damaligen Held – Alexander dem Großen. Heute würde sie das anders machen sagt sie, weil es keine Helden mehr geben würde, und überhaupt, Jugendspinnerein eben… Sein Dad findet das schrullig, er ruft ihn Ali, nach seinem Jugendtraum dem Boxer. Diese Alten ey! Völlig uncool! Seine Mum trägt eine Frisur, die sie sich bei den Moderatorinen des Frühstücksfernsehens abgeschaut hat. Gleich nach dem Aufstehen, kurz bevor sie in den Supermarkt an die Kasse muss, schaltet sie den großen Flachbildfernseher, der die Hälfte der Wand einnimmt, an. Klasse sehen die Frauen im Fernsehen aus findet sie. Und erst diese Stiefel! Die muss sie unbedingt auch haben. Welche Marke das wohl sein wird? Gibt’s sicher auch bei Deichmann, genau, da kann sie gleich zwei Paar kaufen, das dritte Paar gibt’s dann kostenlos dazu. Hoffentlich sind das dann die Sneacker die sein Freund Colin auch hat. So was von Klasse und total up to Date. Sein Dad findet das langweilig, er arbeitet bei VW im Dreischichtsystem, wenn er daheim ist, will er seine Ruhe haben. Am Schlimmsten sind seine Spätdienste. Dann ist der Alte mittags wenn er aus der Schule kommt wach. „Was machst‘ n du eigentlich, außer vor’m Computer hängen…wer soll’n die scheißteuren Spiele eigentlich bezahlen?“ Alex guckt nur. Der braucht reden! Für seine Camp David Hemden reicht die Kohle doch auch! Friedlich ist der Alte nur im Urlaub. Mallorca oder Ägypten oder Tunesien…egal, hauptsache all inclusive. Der Alte kann dann schon zum Mittag sein Bier zischen, Mum war früh auf und hat die Handtücher auf den Liegen als Zeichen des Besetztseins abgelegt. Nach 13.00 Uhr hat Alex Ruhe…der Alte döst im Liegestuhl und zieht nur scharf nach Luft, wenn die Holländerinen vorbei gehen. Seine Mum nutzt in der Zeit die Schönheitsoasen des Hotels.“Schade um’s Geld“ sagt sein Alter. Alex liegt gelangweilt am Pool, die Animation geht erst ab 15.00 Uhr los. 

Zur Zeit aber ist Winter und gar nix los, die Alten rammeln im Vorweihnachtszeitstress durch die Kaufhallen und auf die Weihnachtsfeiern- und Märkte. „Alexander, hier sind 10 Euro, geh‘ zu McDonald’s, ich bin heut mit meinen Mädel’s unterwegs.“ schreibt seine Mum auf einen Zettel,  den er findet als er von der Schule heimkommt. Der Alte hatte Nachtschicht und schläft. Alex nimmt die 10 Euro und schickt seinem Kumpel Colin eine Whatsapp. „Treffen uns 14.00 an der Zenti, hab Kohle dabei.“ Sein Smartphone lässt ihn nicht lange auf einer Antwort warten. „Cool, ich weiß was Heißes was wir machen können.“ Pünktlich ist sein Kumpel da, auf den ist Verlass. „Na Alter, was is’n dir eingefallen?“  „Weeste, wenn mir uns die Kapuzen richtig tief reinziehen, kriegen wir auf’m Weihnachtsmarkt nen Drink für die Kohle. Damit’s richtig schmeckt, mach‘ mer vorher was Cooles und schießen.“   Alex ist begeistert. „Worauf woll‘ n mer’n zielen?“ „Gestern hat mich so‘ n dämlicher Busfahrer wieder runtergemacht, lautstark so das alle mithören konnten, weil‘ sch meine Fahrkarte wieder nee gefunden hab, dem hau’n wer eene uf de Mütze!“ Sein Kumpel Colin ist begeistert, seine Wut auf die gestresst unfreundlichen Busfahrer ist genauso groß. Manche von denen machen sich einen Spaß daraus, einsteigenden Fahrgästen die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Alex gibt Colin einen großen Stein, der wirft ihn an einen beliebig vorbeifahrenden Bus. Knallt Klasse!!  Alex haut seinem Kumpel auf die Schulter. „Erste Sahne Colin, ich geb dir einen aus auf dem Weihnachtsmarkt, ich kenn die eene Alte von der Bude ganz hinten, die fragt uns nee nach’m Ausweis, wird‘ n geiler Abend Alter, ey!“

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13 Antworten zu “Der Aufstand der Vernachlässigten

  1. Könnte so gewesen sein. 😦
    Zum Glück ist Dir und niemandem was passiert. Außer dem Schreck!

    Gefällt 1 Person

  2. Deine Geschichte ist für mich der blanke Horror. So stelle ich mir ein trauriges Leben vor in dem nur so etwas als Ventil für die eigene Wut genutzt wird. Leider ist dies ein weitverbreiteter Familienzustand fürchte ich.

    Gefällt 2 Personen

  3. Auf den Punkt gebracht!!
    Sozial – emotionale Vernachlässigung im Elternhaus vom frühkindlichen Alter an ist Schuld an dieser Entwicklung, die später von niemandem mehr korrigiert werden kann!
    Liebe Spätabendgrüße
    Annemarie

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  4. Für rohe Gewalt habe ich kein Verständnis, tut mir leid.
    Streetworker können helfend eingreifen, aber die Ursache dieses Handelns nicht beheben! Die liegt woanders…..
    Trotzdem liebe Grüße und einen ruhigeren Tag als gestern
    Annemarie

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  5. Ich bleibe wieder mal sprachlos zurück !!!

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