Nepomuk Hastig 


Keinen Schritt geht Nepomuk Hastig zu Fuß. Dafür hat er keine Zeit. 

Am Morgen hastig den löslichen Kaffee in die Tasse geworfen, füllt er schnell mit heißem Wasser auf. Im Stehen würgt er das Gebräu hinunter, den fahlen Geschmack noch im Mund setzt er sich in sein Auto. Zum nächsten Supermarkt sind es 10 Minuten, mit dem Auto 3. Nepomuk hat keine Zeit, der nächste Termin im Büro wartet. Wie soll er seinem Chef erklären, dass er heute noch Blumen braucht. Der würde antworten, dass er sie im Blumenladen kaufen kann. Gut reden hat der, schickt selber seine Sekretärin los, wenn ein Jubiläum in der eigenen Familie ansteht. Blumenläden schliessen 18.00 Uhr, er sitzt dann noch am Bürotisch, Aufgebündeltes des Tages erledigen, in unbezahlten Überstunden. Beim Einfahren in die Einfahrt übersieht er einen Radfahrer. Die Geschwindigkeit seines Autos ist schon gedrosselt, der Radfahrer prallt nur leicht an den Kotflügel. Unverletzt steht er auf. Nepomuk Hastig springt aus dem  Auto, seine Füße treten zum ersten Mal nach langer Zeit auf Laub. Das Laub ist feucht. Ungewohnt auf anderes als Gaspedal und Bremse zu treten, können Nepomuks Füße keinen Halt finden, sie gleiten ihm einfach weg. Er stürzt. Der Radfahrer ruft den Notdienst, Nepomuk Hastig hat sich sein linkes Bein gebrochen. In der Klinik wird der Bruch versorgt. Neumodisch, ohne Gips, wird das Bein vernagelt. Bis das Bein wieder Teillast tragen kann, muss er im Krankenhaus bleiben. Er hat niemand, der ihm zu Hause behilflich sein kann. Seit langer Zeit lebt er allein. Der Ausgangspunkt dieses, seines jetzigem Desasters sind Erinnerungen an den Geburtstag seiner Mutter. Vor Jahren ist sie verstorben, ihr Grab hat er das letzte Mal im Frühjahr besucht. Ansonsten zahlt er dem Friedhof eine kleine Gebühr zur Grabpflege. Das ist mehr, als es die meisten seiner Kollegen tun. Waldfriedhöfe, Seebestattungen, Allgemeingräber sind die übliche Lösung, um mit der Altlast Leiche kostensparend umzugehen. Das Sterbegeld ist vom Staat lange schon gestrichen. Nepomuk Hastig liegt im Krankenbett und bekommt dreimal am Tag zu essen. Der Kaffee schmeckt hier ähnlich wie bei ihm zu Hause. Trotz der vitaminarmen Kost, anders lebt er zu Hause auch nicht, ist seine Beweglichkeit bald so hergestellt, dass er das Krankenhaus verlassen kann. Kurze Verweildauer bei effektiver Bettenauslastung ist das Prinzip. Immerhin hat es dieses Haus im Gegensatz zu zwei weiteren Krankenhäusern in der näheren, ländlichen Umgebung überleben lassen. Nepomuk liegt zu Hause auf dem Sofa, die notwendigen Spritzen zur Verhütung einer Thrombose setzt er sich selbst. Im Krankenhaus wurde ihm beigebracht wie das geht. Das teuere Medikament lässt die Umsätze der Pharmaindustrie jubeln. Nepomuk hat endlich Zeit nachzudenken. Mit Hilfe seiner Gehstöcke hüpft er los. Geht den Weg zum Friedhof, der ihm sonst zu lang war. Seine Schritte sind langsam, sie brauchen Zeit. Der stille Ort ist anders. Duft liegt über ihm.

Hohe Bäume breiten sich, bieten Obdach.Lange Alleen voller Grün schaffen einmal im Leben, aber eben erst danach, Freiraum.

Nepomuk Hastig wird ruhig. Seine Krücken schlagen kräftig und sicher auf, wie sein gesunder Fuß. 

Er findet den Weg zurück.

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10 Antworten zu “Nepomuk Hastig 

  1. Wunderbar. Gefällt mir sehr.

    Gefällt 2 Personen

  2. Du hast das Leben vieler Zeitgenossen hervorragend beschrieben – nur die können auch nicht immer was dafür, weil sie von der Umwelt oder ihrem Chef oder von sonstwem getrieben werden.
    Er kann sich schon mal einen Platz in einer Herz(infarkt)klinik vorbestellen, denn der wird nicht auf sich warten lassen.
    Einen schönen Abend wünscht Clara

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  3. Gut erzählt. Die Art, wie sich dein Nepomuk das Bein bricht, ist jedenfalls einmalig, sein Schicksal nicht.

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  4. Manchmal bedarf es solcher Schicksalsschläge im Leben eines Menschen, um ihn zur Besinnung zu bringen. Schön geschrieben mit großartiger Musik. 🙂 Damit kann man die Woche beginnen.
    LG, Eberhard

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  5. Gezwungen zur Entschleunigung – für viele Menschen heutzutage der Moment, in welchem sie erst erkennen in welcher Hast und unter welchem Druck sie leben…..

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