Erinnert ihr euch – Die Traumspinnerin-Teil 1

Arabella’s Märchen – für meine Schaukelinhaberin 

Die Traumspinnerin – Teil 1

Tief in der Mitte des Waldes, dort wo sein dichtes Dunkel endet und in eine mit feinstem, moosfarbenen Gras bewachsene Lichtung übergeht, entspringt eine Quelle.
Klar dringt ihr Wasser sprudelnd an die Oberfläche, um sich dann in einem mit vom für ewig darüber fließendem Wasser rund geschliffenen Steinen ausgelegtem Bachbett, den Weg über die stille Wiese zu suchen.
Am frühen Morgen – wenn die Wärme der aufgehenden Sonne Kraft über das Dunkel der Nacht gewinnt – steigt das Wasser in winzig kleinen Nebeltröpfchen nach oben, umhüllt die Gipfel der am Waldrand stehenden Bäume und in deren Kronen bilden sich hauchzarte, silberglänzende Fäden, die fein wie Feenhaar sind.
Dieser Ort ist das Zuhause der Traumspinnerin.
Nicht einmal die Waldvögel stören die Ruhe der alterslosen Fee.
Nicht, dass sie die sanftstarke Frau nicht besuchen würden…aber deren Gegenwart lässt das Freudenjubilieren der Vögel über gefundene Körnchen unwichtig werden. Hier in ihrem Reich sind Hunger und Durst nicht vorhanden – hier lebt die Illusion, ist der Traum Wirklichkeit. Auf sanfteste Weise unterhalten die Vögelchen die Vielbeschäftigte, doch sind ihre Lieder andere als in der Menschenwelt. Sanfter, ruhiger klingen sie dahin, werden Einheit mit der fast heiligen Stille des Ortes und seiner Bewohnerin.
An der Quelle sitzend, drehte die Fee ohne Unterlass an ihrem Spinnrad. Die Fäden – gezogen aus den lichten Nebelwolken – laufen durch ihre Hände, die trotz ihrer Zartheit kraftvoll tätig wirken. Sind genug Fäden gefertigt, webt die seidenhaarige Fee Träume daraus.
Manche leicht wie Wasserdampf, andere schwer wie Regentropfen.
Vom Grunde der Wiese steigen sie des Nachts empor und fliegen zu den Menschen, die ihr lärmendes Tagwerk beendet haben und in ihren Betten liegend, nach des Tages Mühe und Plage darauf hoffen, dass ihnen ein leichter Traum Erholung schenken möge und sie Frieden finden lässt.
War der Mensch leichtsinnig, fahrlässig, oder gar böse gewesen, fiel der Traum schwer aus. Sich im Schlaf hin und her wälzend, kam der üble Geselle nicht zur Ruhe. Der Traum spiegelte sein Fehlverhalten und mahnte ihn zur Besserung. Zerschlagenheit am Morgen brachte deutlich in’s Bewusstsein, das Änderung Not tat. Mit diesem Wissen besserte sich der Mensch, arbeitete gewissenhafter bei seinem Broterwerb, war nachsichtiger in der Beurteilung anderer, offener im Geben und bescheidener im Nehmen.
War der Mensch ein gütiger, sandte die Traumspinnerin ihre freundlichsten Gaben.
Umhüllte den zu Recht Ruhenden mit sanften Träumen, die den Schlaf leicht machten, Kraft spendeten und ein heiteres Gefühl der verdienten Ruhe am Morgen nach tief durchschlafener Nacht brachten. Zufrieden mit sich und mit der Welt im Reinen brachte der Bedachte sein Tagwerk mit leichter Hand und frohem Herzen zustande.
Mit ihren weichen, schöpferischen Händen hielt die Traumspinnerin so die Welt im Gleichgewicht.
Notwendig für ihre Arbeit war nur die sie umgebende Harmonie der Stille. Tief in sich selbst zurück gezogen, sandte die Unermüdliche Belohnung und Belehrung, inneren Frieden oder die Rastlosigkeit der unerlässlichen Änderung zu den Armen und den Reichen, die sich in ihrem Inneren durch nichts unterscheiden.
Die Träume – mit Bedacht gewebt – zeigten den einzuschlagenden Weg und die Menschen verliessen sich auf die tiefblickende Weisheit der Weltenkennerin bis zu dem Tag an dem der Hort der Ruhe durch einfallendes Getöse zerstört wurde.

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16 Antworten zu “Erinnert ihr euch – Die Traumspinnerin-Teil 1

  1. Du weißt, ich mag diesen Text von Dir so sehr! Wann folgt Teil 2? Deine Schaukelinhaberin wächst weiter. Sie hat das Idyll und dessen Ent-Idyllisierung erlebt. Nun folgt der Wiederaufbau von den Trümmerfrauen. Die Traumspinnerin trägt das Idyll tief in ihrem Herzen. Sie kann dabei helfen, Ruinen mit Licht zu durchwirken und den Menschen das Vertrauen zurückgeben in ihre Fähigkeiten. Die seelenvolle Traumspinnerin lebt in jedem Menschenherzen. Die Menschen brauchen nur ihren Wage- Mut um sie aufzusuchen und ihren Lichtfäden neue Räume zu bauen, in denen sie glitzern können und sie mit Licht und Freude beseelen. Wie wäre dies als Denkansatz? Für Deine Schaukelinhaberin? In diesem Plot steckt so viel poetisches Potential, Weisheit und Wachstumswunsch. Fragt nach Fortsetzung…
    Wolkige Herbst-Morgengrüße von der Feld-Wald-und Wiesen-Fee

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  2. Wäre ich Kind – zu dir würde ich mit gepacktem Köfferchen ziehen, um immer wieder ein Wochenende bei so einer tollen Oma zu verbringen.

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  3. Wie alles von dir , ich fühle mich für einen Daumen nach oben ❤ ….habe heute ausserdem einiges selbst so empfunden, als ich auf Pilzsuche war. Leider hatten sie sich zu gut versteckt 😉 , aber dieses *Wohlfühlen und viel Kraft, habe ich mit nach hause gebracht.

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  4. Ich finde dieses Waldbild, das Du gewählt hast wunder- wunder- wunderschön! Es spiegelt für mich den Übergang in diese Jahreszeit wieder.

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