Erinnerungen – …

Es ist der 13.Dezember Anfang der 90er Jahre. Ich bin eine junge, attraktive Frau, ich bin verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Schwester in einer Arztpraxis. Mein Mann fährt in diesen Tagen zu einem Lehrgang nach Trier. Er ist als Richter an einem Amtsgericht tätig.

Der Tag war ein fröhlicher. Ich habe in dieser Woche ausschließlich Frühdienst, da mein Mann die Kinderbetreuung nicht übernehmen kann. Am Nachmittag bin ich in der Schule meiner großen Tochter, nachdem ich meinen Sohn aus dem Kindergarten abgeholt habe. Gemeinsam mit anderen backen wir Weihnachtsplätzchen. Fröhlich kommen wir schon im Dunklem heim, morgen kommt mein Mann wieder. Wir freuen uns alle auf das gemeinsame Wochenende.

Als ich die Kinder ins Bett gebracht habe, setzte ich mich noch für eine Weile ins Wohnzimmer. Damals war unser Haus noch nicht umgebaut. Wir hatten noch keine Heizung, im Wohnzimmer lief ein Gamat und sorgte für Wärme, im Kinderzimmer – das ein Stockwerk höher lag – steht ein Ölradiator. Die Küche beheizte ich mit einem Herd, die Tür hatten wir ausgehängt, damit der Flur nicht eisig bleibt.

Unser Bad existierte damals noch nicht, an seiner Stelle war ein Vorraum, der ein kleines Fenster zum Garten hatte. Darunter standen die Mülltonnen. 

Ich bin nach dem langen Tag müde und schlafe auf dem Sofa ein. Die Wohnzimmertür habe ich geschlossen, um die Wärme im Raum zu halten. Meine Kinder schlafen.

Ein Geräusch lässt mich hochschrecken. Ich gehe zur Tür und öffne sie. Vor mir steht eine dunkle Gestalt. Voller Angst schließe ich die Tür wieder. Dem gegenwirkenden Druck von außen kann ich nicht lange stand halten. Die Tür öffnet sich einen Spalt, durch ihn dringt ein Gas. Ich kann nichts mehr sehen und taumle in den Raum zurück. Wenig später zieht mir jemand etwas über den Kopf und hält mich fest. Ich bin völlig durcheinander und weiß nicht was geschieht. Mein Zeitgefühl ist verschwunden.

Eine Männerstimme mit bayrischem Dialekt gibt mir Anweisungen, die mich in eine bestimmte Position befehlen. Ich folge den Anweisungen. Im Kopf werde ich klarer. Meine Kinder sind im Haus. Solange der Mann bei mir ist, ist er nicht bei ihnen. Er gibt weiter Befehle. Während ich ihnen folge, rede ich ununterbrochen auf ihn ein, erkläre die Sinnlosigkeit seiner Tat. Zum Nachfolgenden kann ich immer noch nicht sprechen. Ich habe Todesangst, noch größer ist die Angst um meine Kinder. Ich rede permanent auf den Mann ein.

Es vergeht eine Weile, als der Mann von mir abläßt und anordnet, dass ich mich nicht bewegen soll. Ich weiß nicht wie lange ich so dagekauert habe, ein eisiger Luftzug kam über einen Zeitraum, gefolgt von Stille. 

Ich ziehe mir das Teil vom Kopf. Es ist der Rentierpullover meines Sohnes, der in der Küche bei den ausgezogenen Sachen der Kinder lag. Die Türen stehen offen, es ist niemand mehr da. In der Ferne startet ein Auto mit Dieselmotor.

Ich gehe ins Kinderzimmer. Meine Kinder schlafen.

Im Wohnzimmer setzte ich mich an den Tisch, stumm, für eine lange Zeit. So kurz nach der Wende haben wir immer noch keinen Telefonanschluss im Haus. Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich schäme mich, es ekelt mich.

Schließlich entschließe ich mich das Haus zu verschließen und zwei Häuser weiter zur Nachbarin zu laufen, die einen Telefonanschluss hat.

Ich erzähle ihr was geschehen ist. Sie alarmiert die Polizei und ruft die Ärztin an, bei der ich arbeite. Diese hat Bereitschaftsdienst und kommt innerhalb weniger Minuten. Die Polizei verlangt eine gynäkologische Untersuchung. Ich bin außer mir, ich lasse mich von niemanden anfassen und reagiere hysterisch. Die Ärztin kann durchsetzen, dass die Untersuchung die ich verweigere nicht durchgeführt wird.

Gemeinsam mit ihr gehe ich in mein Haus zurück, hole meine Kinder und verbringe die Nacht und den Vormittag bei ihr. Am nächsten Tag fährt sie mich mit ihrem Mann und meinen Kindern zum Bahnhof meinen Mann abholen. Er weiß von nichts. Der Mann meiner Chefin erklärt ihm was geschehen ist.

Wir fahren heim. Zu Hause ist die Polizei und betreibt Spurensicherung. Im Hof liegen Glassplitter der eingeschlagenen Scheibe des Vorhauses. Auf die Mülltonnen steigend ist der Täter auf diesem Weg ins verschlossene Haus gelangt. 

Ich werde zur Zeugenvernehmung vorgeladen. Eine Polizistin und ein Polizist befragen mich zum Tathergang. Ich bitte meinen Mann mich zu begleiten. Die Polizistin weist mich darauf hin, dass meine Aussage meinen Mann unangenehm berühren könnte, er könne draußen warten, wenn ich dem zustimme. Das lehne ich ab. Ich brauche meinen Mann, wenn ich all das beim Erzählen nocheinmal durchleben muss.

In der Befragung erkläre ich, dass ich einige Details für ungewöhnlich halte. Der Täter hätte sich brutaler verhalten können als er es in gewissen Punkten tat. Das sage ich auch aus. Der Kommentar der Polizistin war…das haben wir auch so gedacht, gut, dass Sie das so darstellen, man könnte sonst glauben, Sie hätten den Übergriff fingiert.

Ich kann gehen und gehe. 

Monate später bekomme ich Post von der Staatsanwaltschaft.

Das Verfahren gegen Unbekannt wurde wegen nicht zu ermittelndem Täter eingestellt.

Es gibt eine Grund warum ich diesen Artikel veröffentliche. Ich möchte die Angst, die Scham, die Verzweiflung, die Demütigung wiedergeben die eine Frau erlebt, die einen solchen Übergriff erleiden muss und ihn zur Anzeige bringt.

Ich werde den Artikel nicht kommentieren.

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32 Antworten zu “Erinnerungen – …

  1. du bist ne starke Frau ❤

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  2. „Gefällt mir“ für die Veröffentlichung, für den Mut. Chapeau!

    Gefällt 2 Personen

  3. Es ist gut und richtig, was du geschrieben hast…
    Liebe Abendgrüße von mir zu dir

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  4. Ich kann diesem Artikel kein „Gefällt mir“ im herkömmlichen Sinn geben…..denn als ich das las, erfasste mich einfach blankes Entsetzen 😓!!!
    LG

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  5. Gelesen mit Kloß im Hals….

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  6. So tapfer und stark… ❤️

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  7. Es tut mir leid, dass Dir das widerfahren ist und ich hoffe, dass Dir das aufschreiben hilft, es weiter zu verarbeiten!

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  8. Berührt mich zu tiefst…..

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  9. Sprachlos, ja …

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  10. Das „Gefällt mir“ als Respekt vor dem Mut, diese Erinnerung zu veröffentlichen.

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  11. Ich finde es erstaunlich, mit welcher Kraft und Ruhe Sie berichten. Wobei das sicher nur äußerlich so wirkt. Ich wünsche Ihnen dass dieser Umgang Ihnen somit weiter hilft.
    Obwohl ich mir die Frage zum Gefühl der Zusammengehörigkeit im anderen Beitag gestern selbst gestellt hatte, und ich Ihren Beitrag vielmehr als Impuls hernahm, schließt sich hier wohl überraschend ein Kreis. Es ist vielleicht die Summe der Lebenserfahrungen. Irgendwie hängt alles und immer zusammen.
    Ihnen eine gute Nacht im Kreis Ihrer Lieben.

    Gefällt 1 Person

  12. Keine Frau auf der Welt sollte so eine Demütigung und Erniedrigung erleben müssen.

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  13. Wieder so eine Geschichte, in der Frau Opfer von Gewalt und ubergriffen geworden ist.Es gehört Mut und Kraft dazu, darüber zu schreiben. Danke.

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  14. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll, mir fehlen die Worte über das, was dir passiert ist …

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  15. du bist mutig,das alles nach so langer Zeit nochmal in Gedanken
    herzuholen!

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  16. Eine so lange Zeit … und niemals lange genug vergangen.

    Ich schließe mich einigen Vorkommentatoren an: Das ‚Like‘ gilt dem Mut zur Veröffentlichung. Ihr gebührt mein voller Respekt!

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  17. Der Kloß in meinem Hals ist riesig meine LIEBE ❤

    Einfach mal virtuell *umärmeln

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  18. Sprachlos – tief berührt – du bist eine mutige, starke Frau❤️

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  19. Der ‚gefällt mir‘ Knopf bleibt unangetastet. Ich bewundere dich und deinen Mut zur Veröffentlichung. Es zeigt, dass Du diese schlimme Erlebnis gut verarbeitet hast, auch wenn es kein Vergessen gibt.

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  20. Ich bin tief berührt 😔❤️

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  21. ich zögere, etwas dazu zu schreiben. Möchte deine Hand halten und dir zulächeln, einfach so. Du lebst, deine Kinder leben, alles ist vorbei. Vorbei. Hab keine Angst mehr.

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  22. Du bist sehr stark liebe Arabella.
    Schon das lesen tut weh.
    Liebe Grüße an Dich !

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