Zum Tag

13.August

Der Kälteeinbruch der letzten Tage löst sich heute in einen windigen Sommertag auf.

1961 machte die DDR ihre Grenzen zum Westen dicht. Sinnbildlich dafür ist die Berliner Mauer geworden.

In diesem abgeschotteten Land bin ich aufgewachsen. Wurde als Frau gleichberechtigt behandelt, wurde von weiterführender Bildung ausgeschlossen. Mit ist schon immer nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Einer mir sich nicht erschließenden Strömung folge ich nicht. Mehr unbewusst. Lange Zeit habe ich an das Gute des Sozialismus geglaubt, deswegen musste ich nicht Mitglied in jeder staatlich verordneten Organisation sein. Musste man aber eben doch, um die vielfältigen, kostenlosen Bildungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen zu dürfen.

Nie stand für mich die Frage, ob ich arbeiten gehen und dennoch Kinder haben kann. Die Betreuung für Kinder war kostengünstig und erfolgte durch gut ausgebildetes Personal. Der Beruf der Krippenerzieherin war in der DDR ein gefragter. Ein dreijähriges Studium an einer Fachschule war die Voraussetzung dafür. Ungern gesehen wurde, wenn die Frauen ihre Kinder selbst erziehen wollten. Hausfrauen gab es in der DDR nicht, sie wären einem asozialen Verhalten gleich gestellt gewesen. Als mein 2.Kind geboren wurde und ich das neu eingeführte Babyjahr nutzen konnte, brachte es mir Ärger mit der Kindergartenleiterin des Kindergartens meines erst geborenen Kindes ein, wenn ich dieses nur stundenweise in die Einrichtung brachte.

Die geschlossenen Grenzen haben Familien getrennt und es mir unmöglich gemacht, ein reales Bild von der gesamten Welt zu finden. Vielen DDR-Bürgern ging es ähnlich. Eine Aldiplastikeinkaufstasche wurde oft zum Statussymbol, wer sie hatte, hatte Westverwandschaft, die Pakete schickte. Steuerlich absetzbar und oft mit den einfachesten Dingen gefüllt. Im Gegenzug erfolgten Pakete mit liebevoll selbst Gebackenen oder Hergestelltem. Die Mangelwirtschaft in der DDR machte erfinderisch. Ihre mehrfach zu verwendenden Einkaufstaschen aus Stoff, erleben eine erfreuliche Wiederkehr.

Heute fühle ich mich in meinem Staat oft genauso unwohl wie in der DDR. Gab es dort die Gruppendynamik einer Menge Schicksalsgleicher, finde ich heute oft nur noch Egoismus und Ellenbogen.

Konnte damals nicht alles gekauft oder bereist werden, weil es nicht alles gab und die Grenzen eben nur bedingt geöffnet waren, können viele heute nicht kaufen oder reisen, weil das Geld knapp ist. Eine Vielzahl der in der DDR erfolgreich arbeiteten Betriebe wurde durch die Treuhand geradezu verschleudert oder dicht gemacht. 

Für mich persönlich ist Konsum in den letzten Jahren immer unwichtiger geworden. Die allerorten lauernde Werbung meide ich, genauso bin ich fast fernsehabstinent.

In meinem eigenen Bereich ist es mir zum Großteil möglich, frei zu entscheiden, was ich möchte und was nicht. Stehe ich dafür ein, muss ich nicht mit Strafverfolgung rechnen. Dafür bin ich dem Staat in dem ich lebe dankbar.

Advertisements

23 Antworten zu “Zum Tag

  1. Irgendwann unterlag ich dem Irrtum unseren Staat verstehen zu können. Tue ich aber nicht. So bleiben nur die nicht anonymen Gesichter und Menschen (wie wir), um sich eine Gemeinschaft vorzustellen, die unseren Staat darstellen könnten. Danke Arabella.

    Gefällt 2 Personen

  2. Mein Vater war Alleinverdiener. Wir waren 8 Kinder zuhause. In der Nähe von Schwerin lebten entfernte Verwandte. Meine Mutter bedachte sie mit Bohnenkaffee, Stoffen, Citrussirup, Schokolade, manchmal 10 – 20 DM und anderen Dingen. Keine getrockneten Hülsenfrüchte – die haben sie selbst – meinte meine Mutter. Sie legte jedesmal einen Brief dazu, man sollte schreiben was benötigt wurde. Es erfolgte nie eine Antwort.
    Entweder die Pakete kamen nicht an, die beigelegten Schreiben wurden eventuell von Dritten entfernt oder man hatte keine Ambitionen sich zu melden.
    Aber eines weiß ich: meine Eltern haben niemals irgendetwas davon bei der Steuer abgesetzt. Das Geld hatte meine Mutter vom Haushaltgeld abgespart – es waren ja Verwandte.
    Was sie gibt, gibt sie selbstlos und ohne Berechnung.
    Das wollte ich nur einbringen, weil es mir oben im Text etwas zu pauschal klang.

    Gefällt 3 Personen

  3. Du schilderst etwas sehr realistisch, nur in einem möchte ich widersprechen :unsere ganze Verwandtschaft lebte in der DDR und meine Eltern und wir haben Unmenge an Paketen auf den Weg gebracht mit den Sachen, die benötigt wurden, Magen und Darm fürs Schlachten, Nägel, Kaffee , die Nylons und alles, um was wir gebeten wurden, da gab es nie Hemmungen im Äußern der Wünsche und wir halfen auf eine ganz selbstverständliche Weise, die natürlich auch kostspielig war. Anfangs bekamen wir köstliche Wurst, was dann aber untersagt wurde und dann gab es die Plätzchen und selbst gehäkelte Taschentücher und wunderschöne Bücher. Weder meine Eltern noch wir haben diese Pakete von der Steuer abgesetzt! Unsere Verwandten lebten alle in eigenen Häusern, für uns nicht erschwingliche Träume. Auch ich konnte kein Gymnasium besuchen, weil mein Vater erst 1951 aus Russland heimkam und in Niedersachsen damals Bücher und Schule viel Geld kosteten, was meine Eltern nicht hatten.
    Was die Schulen und Kindergärten bei Euch betraf: die waren Spitze, Grundschüler bekamen ein Startkspital an Wissen mit, da konnte der Westen nicht mithalten. In meiner Verwandtschaft gibt bzw gab es Lehrer und Kindergärtnerinnen, die inzwischen auch eine gute Pension bekommen.
    Es ist eigenartig, dass dieses Thema immer wieder auftaucht. Dir einen lieben Gruss und genieße das, was Du jetzt trotz allem hast, es ist sehr viel. Karin

    Gefällt 4 Personen

    • Wertvoll ist deine Antwort und schildert die Vielfältigkeit des Abrisses von mir.
      Mein Hauptanliegen war die guten Seiten der DDR versuchen wiederzugeben.
      Einen herzlichen Gruß an dich.

      Gefällt mir

      • In der DDR war nicht alles schlecht, wie in der BRD nicht alles gut war.
        Im Westen durften die Frauen bis in die 70er Jahre hinein nicht ohne Genehmigung des Ehemannes arbeiten. Ein eigenes Konto für die Frau? Damals undenkbar. Kindergärten Mangelware.
        Ich danke meiner Mutter, dass sie dennoch all ihren Kindern, 7 davon Töchter, eine Ausbildung ermöglichte. Sie ritt nicht auf der Welle „nach der Schule kannste heiraten“ mit. Sie selbst hatte ja früh geheiratet und somit keinerlei Ausbildung genießen können. Aber sie war immer für uns da. Sie hat auf Abzahlung eine Nähmaschine gekauft, mit der sie kleine Stoffbeutel (aha!) nähte. Von dem Erlös beim Großabnehmer (Heimarbeit) zahlte sie die Maschine ab, die sie dringend benötigte um die Kleidung meiner älteren Geschwister für uns jüngere umzuarbeiten. Derweil arbeitete mein Vater täglich meist zwei Schichten im Hafen, machte aber später nebenher im Fernstudium noch seinen Techniker.
        Meine Mutter pflegte auch noch ihren Schwiegervater. Sie fand Gefallen daran und lernte mit 51 Jahren noch Altenpflegerin, machte mit 54 ihr Staatsexamen. Zwischenzeitlich betreute sie ihre Enkelkinder wenn Not am Mann war. Einfach hatten meine Eltern es sicherlich nicht. Aber die „vergessen“, denen es eventuell noch schlechter ginge, hätten beide nie.

        Gefällt 1 Person

  4. „wurde von weiterführender Bildung ausgeschlossen“ – das kenne ich sehr gut. Sollte auch in meiner Biografie stehen, wenn ich es denn erwähnenswert finden sollte.
    Ich habe von einem Kälteeinbruch gelesen. Mitbekommen habe ich ihn nicht, Ich war ein paar Tage etwas südlicher, im Elsass. Dort wurde es an einem Tag auch mal um die 15 Grad Celsius kalt. :-)))
    LG und ein schönes Wochenende,
    Eberhard

    Gefällt 1 Person

  5. „Westverwandschaft, die Pakete schickte. Steuerlich absetzbar und oft mit den einfachesten Dingen gefüllt. Im Gegenzug erfolgten Pakete mit liebevoll selbst Gebackenen oder Hergestelltem.“ – unendlich viele ähnlich gelagerte Erinnerungen kommen hoch.
    Gute Nacht sagt Clara

    Gefällt mir

  6. „Konnte damals nicht alles gekauft oder bereist werden, weil es nicht alles gab und die Grenzen eben nur bedingt geöffnet waren, können viele heute nicht kaufen oder reisen, weil das Geld knapp ist. “ – das ist mein Reden seit 1990, ich habe es jedenfalls so erlebt.

    Gefällt 1 Person

  7. Es ist einfach wunderbar von Arabella, nicht so Informierte an einem Thema teilhaben zu lassen, das heute kaum noch beredet wird. Für mich sind auch die Kommentare wertvoll. Danke.

    Gefällt 1 Person

    • Die nicht vollzogene Einheit im Geist und Gefühl ist zu spüren. Das Gebiet der ehemaligen DDR wird zu gern als Wilder Osten bezeichnet.
      Für eine Gemeinsamkeit finde ich notwendig Erlebtes auszutauschen und die Sicht des Anderen zu kennen und respektieren.
      Beste Grüße

      Gefällt mir

  8. Erinnerungen sind auch immer stückweise Momentaufnahmen..
    manches bleibt hängen und manches wird vergesssen..
    ich erinnere mich an die Besuche bei meiner Oma in der damals noch Ostzone..wir fuhren meist im Herbst zur Erntezeit..
    schon die Fahrt über die Grenze war für mich als Kind beklemmend..
    die Grenzsoldaten die die Züge durchkämten.. das Gepäck durchsuchten..
    man durfte ja beileibe nicht alles mitbringen..
    dann bei meiner Oma.. pssst.. nicht laut reden..sie hatte noch einen Untermieter im Haus..der durfte nicht hören über was man sprach..
    auch wenn Leute aus dem Dorf kamen.. nur nicht über Politik reden..
    die Ärmlichkeit in den Geschäften.. im Fleischerladen war so gut wie nichts zu bekommen..
    später dann als mein Cousin verheiratet war und eine Tochter hatte schickten wir auch Pakete..da kamen gezielte Wünsche und manchmal wunderte ich mich schon etwas woher sie diese Artikel so genau kannten..
    vorallem wurden für die Tochter Dinge gewünscht die selbt meine Kinder nicht hatten 😉
    an Geld mangelte es ja in der DDR nicht.. Mieten und Dinge des täglichen Lebens waren billig..man konnte nur nicht alles dafür kaufen
    bei und war es umgekehrt.. ein Verdienst..4 Kinder..da musste eingeteilt werden..Urlaub konnten wir auch nicht machen ..also nütze es uns wenig dass wir überall hin hätten fahren KÖNNEN ..
    alledings freuten wir uns auch über den weihnachtlichen Stollen.. die Kinderbücher und Spielzeug .. und noch heute habe ich schönes Briefpapier aus der damaligen Zeit..
    man rechnet unter Verwandten nicht gegeneinander auf 😉
    jeder hat sich doch sein Leben unter den gegebenen Umständen so eingerichtet wie er es konnte..
    es bringt wenig zu spekulieren.. war wäre gewesen wenn 😉
    man sollte sich an dem freuen was man hat..
    so wünsche ich euch noch einen schönen Sonntag..
    Rosi

    http://rumpelkammerxxl.blogspot.de/

    Gefällt 1 Person

    • Selber habe ich das Pakete schicken nicht gekannt, die eine Tante im Westen hatte mit sich und der alleinigen Erziehung eines Kindes genug zu tun. Karten haben wir uns geschrieben.
      Ein wenig erstaunt bin ich, dass gerade das Paketethema die Runde macht.
      Die Ausbildung der Krippenerzieherinen finde ich interessanter.
      Natürlich gab es in der DDR auch Geldmangel und soziale Unterschiede, auch war das Angebot regional verschieden. Leere Fleischerläden kenne ich nur aus den nördlicheren Gegenden. Hier in Sachsen gab es ein breites Wurstangebot, wenn auch größtenteils aus Schwein. Rouladenfleisch oder Rinderbraten gab es Freitags, dann standen lange Schlangen beim Fleischer.
      Spekulieren was wäre wenn bezieht sich ausschließlich auf das mir aus politischen Gründen verwehrte Abitur. Ich glaube fest daran, das Bildung der einzige Weg zu Freiheit ist.
      Danke für deinen bereichernden Kommentar.

      Gefällt mir

  9. All diese persönlichen Erinnerungen u Einschätzungen sind Mosaiksteinchen in einem großen Bild. Danke dafür. Ich bin im „Deutschen Reich“ geboren, in einem Städtchen, das dann zur britischen Besatzungszone und, als ich 7 war, zur BRD mutierte. Reiner Zufall. Meine väterl Sippschaft geriet unter sowjetische Verwaltung, die zur DDR mutierte. Dort wuchsen meine Cousins und Cousinen auf, wir besuchten sie, deren Eltern u die Oma, die später auch uns besuchen durfte. Der Irrsinn war diese Abschottung u Feindseligkeit, die von dem politischen Establischment auf beiden Seiten betrieben wurden, bis Bahr und Brandt die neue Ostpolitik einleiteten. Immer, wenn wir Zustände Zustände im Westen unerträglich fanden, sagte man uns „wenn es dir hier nicht gefällt, geh doch rüber“. Und in der DDR wurde Kritik gleich als Staatsverbrechen eingestuft. Dass die Deutschen Regierungen diesen barbarischen Unfug des Kalten Krieges so viele Jahre mitspielten – das ist für mich das Unerklärliche. Worum ging es denn in diesem „kalten Krieg“ wirklich? Worum?

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s