Erinnerungen – Schwimmbad


In meiner Erinnerung sind alle Kindheitssommer voller Sonne. Nicht, dass dies wirklich so wahr, nur – an den Rest erinnere ich mich nicht.

Am 15.Mai öffneten die Schwimmbäder. Schon in der Schule verabredete ich mich mit meinen Freundinnen für den Nachmittag. Den ca. 2km lange Heimweg von der Schule lief ich so schnell ich konnte, Schultasche weg, Badetasche her und ab. Wieder 2km zum Schwimmbad laufen. Macht nichts, Abkühlung wartet.

50 Pfennige Eintritt hatte mir die Mutter am Morgen schon bereit gelegt. Den Weg zum Schwimmbad nahm ich über eine Abkürzung, die durch Wiesen führte. Auf dem Rückweg pflückte ich meiner Mutter Sträuße von Wiesenblumen. Weiße Magariten, blaue Glockenblumen und die zartrosa Rispen eines blühenden Krautes, das ich besonders liebte. Schnuddelputzer nannten wir es, bis heute kenne ich den richtigen Namen für die Pflanze nicht.

Am Einlasshäuschen des Freibades bekam ich für meine 50 Pfennige Eintritt einen von einer großen Rolle abgerissenen Streifen grünes Papier – die Eintrittskarte. Schien der Sommer gut zu werden, kaufte meine Mutter mir eine Jahreskarte – aber wie gesagt – mir schien damals immer die Sonne.

Auf den großen Liegewiesen mit alten, Schatten spendenenden Baumbestand, hatten die einzelnen Klassengruppen ihre festen Plätze. Kam man zu spät, war der Platz weg und ein weniger guter Platz musste für diesen Tag genommen werden. Wir traffen und gern auf einer leicht erhöht liegenden Wiese. Von hier aus war gute Sicht auf das große Schwimmbecken und den Sandplatz zum Volley- oder Handballspielen. Waren die Plätze gesichert, gingen wir – natürlich in Mädchengruppen – zum Umziehen in die dafür bereit stehenden Umkleidekabinen. Man konnte gegen einen Aufpreis einzelne Kabinen mieten, dafür war uns unser Geld zu schade, es gab ja noch die großen Herren- und Damenumkleiden, die kostenfrei genutzt werden konnten. Warum wir uns so eigen hatten und uns nicht auf der Wiese umzogen…war halt so. Nicht überall wurde der DDR-FKK praktiziert. Die nassen Badeanzüge dagegen wechselten wir im Schutz großer Handtücher ohne den Schutz der Kabine. ( Natürlich hatten die Holzwände hinein gebohrte Löcher und natürlich spähten die Jungs hindurch. ) Etwas später war es “ in “ selbstgenähte Frotteeumkleiden zu benutzen. Oben mit einem Gummizug ausgestattet, stülpte man sich diese über den Kopf und im Schutz der weiten Umhüllung war ein Umziehen ohne nackig gesehen zu werden möglich. Schnell noch die Decken als Platzsicherheit ausgelegt, die Pflichtbadekappe aufgesetzt und ab unter die Dusche. Das war schon etwas überwindungsbedürftig, nicht wegen des kalten Wassers das aus den Duschen kam, sondern wegen der Regenwürmer, die sich im Duschbecken befanden.

Das Schwimmbecken selber war groß, sauber und mit gechlortem Wasser gefüllt. Noch immer rieche ich das Chlor, das beim Tauchen in der Nase kitzelte. Was haben wir im Wasser getobt. Über die Rutsche im flachen Nichtschwimmerbereich sind wir gesaust, weiter in’s Tiefe geschwommen, am Rand haben wir uns festklammert, um auszuruhen. Die Einmeterblöcke zum in’s Wasser springen waren viel benutzt. Auf das 5m oder 10m Brett dagegen wagten sich nur die ganz Mutigen. Vom Beckenrand her sind wir Arschbomben spritzend in‘ s Wasser gehüpft, dabei immer darauf achtend, so viele wie möglich nass zu spritzen. Die armen Erwachsenen…Besonders gern sprangen wir in der Nähe von Damen, welche die Haare gut unter den buntesten Badekappen mit Gummiröschen darauf versteckt, versuchten ihre Kaltwelle nicht nass werden zu lassen. Stunden haben wir im Wasser verbracht, bis die Lippen blau wurden und wir vor Unterkühlung am ganzen Körper klapperten. Dann erst, wenn vor lauter Zittern kaum noch sprechen möglich war, verliessen wir unser Wasserparadies um uns in der Sonne auf den weiten Wiesen liegend aufzuwärmen.

Ein beliebter Ort war der kleine Imbisskiosk. Aus Holz den Umkleidekabinen angeschlossen, stand stets eine lange Schlange hungriger Wasserratten vor ihm. Eis am Stiel gab es, manchmal auch das zwischen zwei Waffeln gebettete Moskauer Eis, ein unglaublich cremiges Vanilleeis. Oder Pücklereis – Schoko, Erdbeere, Vanille – fein geschichtet zwischen weichen Waffeln. Fassbrause haben wir uns geholt, im Becher für 15 Pfennige. Wer mehr Taschengeld hatte, konnte sich ein paar Wiener leisten oder eine Bockwurst für 80 Pfennige. Also – wenn man Glück hatte – meistens hatte man keins und nach langem Anstehen in der Schlange kaufte der Vordermann die letzte Wurst direkt vor der Nase weg. Macht nichts, ein Lolli aus Caramel mit Kakaokern oder süße Zuckerbonbons waren genauso beliebt.

Auf die Decken wurden die Esssachen geschleppt und mit Heißhunger verzehrt, bevor es wieder in’s Wasser ging. Davor gab es noch ein Hinderniss. Die Limonade wollte auch wieder raus. Ganz vorn am Eingang waren die Toilettenhäuschen, schon von weitem konnte man sie in der Sommerhitze riechen. Der von den vielen nassen Füssen glitschige Betonboden war eine weitere Eckelhaftigkeit. Ich bin mir ziemlich sicher – der Eine oder Andere hat das Schwimmbecken anstatt der Toilette benutz. Der Bademeister verbreitete das Gerücht, das Wasser würde sich blau verfärben, falls es jemand falsch benutzen sollte. Danach war der Abdrang am Toilettenhäuschen wieder höher.

Um die Wette geschwommen sind wir, wer kann am Längsten unter Wasser die Luft anhalten haben wir gespielt, Wasserballschlachten haben wir veranstaltet und natürlich Handstand im Becken probiert.

An die Benutzung von Sonnencreme kann ich mich kaum erinnern, Lichtschutzfaktor 50+ war noch unbekannt, Sonnenöl schmierten sich mit heller Haut gefährdete auf, um dann im Wasser Regenbogenspuren hinter sich her zu ziehen.

Wenn das Bad sich gegen Abend leerte, 20.00 Uhr war Schließzeit, begann die schönste Zeit. Das große Becken mit nur Wenigen zu teilen war ein Genuß. Hundemüde und braun, hungrig wie ein Wolf, machte ich mich dann auf den Heimweg. Nochmal 2km nach Hause, die dann schwer fielen. Der Mutter noch Blumen gepflückt, das zu Hause bereit stehende Abendbrot verschlungen und in’s Bett und in tiefen Schlaf fallen. Morgen scheint wieder die Sonne!

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31 Antworten zu “Erinnerungen – Schwimmbad

  1. So geht es mir auch mit der Erinnerung: im Sommer war immer schönes Wetter, wir waren nur draußen und im Winter hatten wir immer richtig viel Schnee.
    Ob ich jetzt auch in die Früher-war-alles-besser-Phase komme?😉
    Grüßle sk

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  2. Sehr vertraut. Die Unbeschwertheit muss doch noch irgendwo sein!? Immer dann, wenn die Sonne scheint und keine Pflicht ruft. Morgen…

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  3. Naja, Wasserratte wurde aus mir keine. Freibad mit Badekappen-Zwang? Das kenn‘ ich nur aus Hallen. Zum Kiosk fällt mir noch ein: Rolle Drops 20 Pfennig – aber die besser schmeckenden Kakao-Drops (in gleichgroßer Rolle wie die anderen) hatten diesen dämlich unrunden Preis von 24 Pfennig.

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  4. Was für eine schöne Erinnerung. Vieles kam mir bekannt vor. Um die Erinnerung an das Schwimmbad in meinem Heimatort zu prüfen, war ich neulich wieder einmal da. Gott sei Dank hat sich ausser ein paar hygienischen Annehmlichkeiten nichts geändert.

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  5. Liebste Arabella, du hast deine Schwimmbadbesuche so zauberhaft beschrieben, dass ich sie nachträglich vermisse, obwohl solches bei mir nicht stattgefunden hat. Ich war, seit ich laufen konnte, in freien Gewässern unterwegs, nie zu halten und nicht eher zufrieden, bis ich nicht mehr konnte 😉 Einen wunderbaren Freitag für dich 🙂

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  6. So ähnlich erinnere ich das auch. Ein Moment, in dem ich die gute alte Dorfbadeanstalt sehr vermisse… Schönes Wochenende für dich!

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  7. Genauso wars! Unser Schwimmbad war zu weit weg, in der Nachbarstadt und da am hinterletzten Ende. Unser Schwimmbnad war eine Lehmgrube, davon gab es einige und im Schutz der Büsche ließ es sich gut liegen und sonnen … später auch „gemischtgeschlechtlich“ ;-).
    Die Füße versanken beim Reinsteigen in dem ekligen matschigen Lehm, aber dann wars toll und erfrischend.

    Meine Güte, was war ich Sommer für Sommer verbrannt. Richtige Blasen waren auf Schultern und Nase. Echt schlimm!

    Am Wochenende gings ab und zu ins Freibad, irgendwie war es an der Lehmgrube aber immer schöner! 🙂

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  8. Könnte fast unser Freibad gewesen sein. :-))) Meine Erinnerungen daran sind ähnlich. Und ja, den ganzen Sommer schien die Sonne. Was auch sonst? :-)))
    LG und ein schönes Wochenende, Eberhard

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  9. Fantastische Erinnerungen!

    Sommer waren früher übrigens auf jeden Fall besser und immer sonnig. Ich bin mir absolut sicher. Ziemlich.

    Liebe Grüße

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  10. Deine Erinnerungen verpackst Du so wunderbar in Worte, dass wir immer das Gefühl haben mitten drin zu sein! 🙂

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  11. Ich danke Ihnen für diese Erinnerungsnotat.
    Mir ist dabei mir dabei aufgefallen, das die Unterschiede zwischen Ost und West, was die Schwimmbadfreuden betrifft, nur marginal waren.
    Erstaunlich finde ich dagegen, dass zwischen den verschiedenen Preisen fast gleich gewesen sind.
    Morgengruss,
    Herr Ärmel

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