Gute Nacht Geschichten

Längst ist das Hell des Sommerabends verblasst.
Das Dunkel, das mit Einbruch der Nacht kommt, ist nichts gegen die Finsternis in ihrem Inneren.
Seit dem Nachmittag wartet sie auf seine Heimkehr.
Vor Stunden ist seine Arbeitszeit beendet, der Abendbrottisch steht unberührt.
Im letzten Jahr häufen sich diese Vorkommnisse.
Nein, er ist nicht bei einer anderen Frau.
Er ist bei Freunden.
Das Heimkommen fällt ihm schwer, nicht weil er die Frau, die er wartend weiß, nicht liebt.
Es ist die Freiheit die ihm fehlt.
Nach dem Studium fällt es ihm schwer, seine Abendgewohnheiten zu ändern.
Sie hat diese Zeit herbei gesehnt.
Nicht mehr warten auf das Wochenende, jeden Abend miteinander verbringen.
Mit dieser Vorstellung hat sie es geschafft, über Jahre allein zu bleiben, ohne einsam zu sein.
Jetzt ist sie nicht mehr allein.
Eine unbekannte Form von Einsamkeit schlägt auf sie ein.
Als er endlich heim kommt, kann sie nicht sagen was sie fühlt.
Ihm ist es nicht wichtig, er ist da, sein Abend war heiter, er hat niemanden betrogen.
Entspannt geht er zu Bett, lächelt ihr vorher einladend zu.
Sie lächelt sich selber zu.
Auf dem Kleiderbügel hängt noch ihr Sommerkleid, das sie tagsüber getragen hat.
Auf die beige Baumwolle sind blaue und hellrote Blüten gedruckt, der kurze Rock ist eigentlich eine Hose, die Mitte mit einer langen Knopfleiste geschlossen.
Der kleine, runde Ausschnitt ist alltagstauglich.
Es riecht noch nach ihrem Lieblingsparfum.
Sie zieht es an.
Weich fallen die braunen Haare auf ihre Schultern, in die Augen.
Mit einer Hand nimmt sie sie vorn zurück, klipst sie mit einer Spange fest. Jetzt ist das ovale Gesicht gut zu sehen.
Die andere Hand gleitet über den schmalen Nacken, nimmt das volle Haar auf, dreht es nach oben und steckt es fest.
Sie nimmt das Telefon und bestellt ein Taxi.
Schweigend sitzt sie neben dem Taxifahrer, der sie in die nahe gelegene Großstadt bringt.
Während der Fahrt fallen seine Blicke auf ihre runden, schlanken Knie.
Sie schaut unbeteiligt aus dem Autofenster, sieht den Nachthimmel und denkt daran, wie sie sich am Nachmittag den Abend in den Armen ihres Mannes vorgestellt hat.
Das Taxi ist am Ziel.
Sie steigt aus.
Warm schlägt ihr der Sommerabend ins Gesicht.
Auf der Terrasse der Discothek zu der sie sich hat fahren lassen, flimmern Lichter.
Dazwischen Menschengedränge, leicht lässt es sich darin untertauchen.
Musik weht, säuselnd wie der Wind.
Sich zwischen den Tanzenden durchschlängelnd, stellt sie sie sich an den Rand der Brüstung.
Das ist ein guter Platz um zu sehen, der Rücken bleibt dabei frei, nichts drängt sie.
Sie schaut sich um.
In einer Gruppe junger Männer steht ein Mann.
Zirka 15 Jahre älter als sie.
Er trägt eine Bluejeans, sein weißes Hemd ist am Kragen geöffnet.
Lässig wippen seine braunen Wildlederschuhe, wenn eine der schönen, gut gekleideten Frauen die in der Gruppe sind, ihm zulächelt.
Sie geht dicht an der Menschentraube vorbei zur Bar.
Dabei hebt sie ihren Kopf, ohne ihn zu wenden.
Wer sehen kann, wird diesen schlanken Hals wahr nehmen, den die hoch gesteckten Haare noch biegsamer wirken lassen.
Langsam wie immer geht sie.
Sie fühlt den Blick, den sie provoziert hat.
Ruhig bestellt sie sich ein Glas Weißwein.
Das zu volle Glas in der Hand haltend läuft sie durch den Raum zurück.
Bittet aus eben diesem Grund um Platz, dabei genau die Gruppe ansteuernd.
Sie schaut dem Mann direkt in die Augen und geht weiter, zurück zur Brüstung.
Er hat verstanden.
Dieses Mal muss sie nicht warten.
Er folgt ihr.
Kommt ihr nach.
Schaut sie an, ohne zu sprechen.
„Wollen wir reden?“ sagt sie.
Warm ist die Luft, selbst hier draußen.
Die Musik wird vom Stimmengewirr übertönt, die Menschen tanzen ausgelassen oder eng.
„Lass uns gehen.“
Sie kommt mit.
Wieder ein Taxi, diesmal sitzt sie nicht allein.
Die Wohnung, die sie gemeinsam mit ihm betritt, riecht nach dem Bäcker im Erdgeschoss und nach ihm.
Sie geht über den langen Flur in den Wintergarten und setzt sich auf einen der Korbsessel.
Er stellt sich dahinter und legt die Hand auf ihren Nacken.
Aufatmend lehnt sie den Kopf zurück und versucht sich in diese Hand zu schmiegen.
Das ist so nah, dass sie zu weinen beginnt.
Er steht ganz still, lässt sie.

Advertisements

11 Antworten zu “Gute Nacht Geschichten

  1. Mir sehr fremd diese Welt. Ich mag diese Frau aus Deinen Texten.

    Gefällt mir

  2. Es ist schwer in einer langen Beziehung die verschiedenen Gefühlphasen in Einklang zu bringen. Wenn es nicht funktioniert ist nie nur einer schuld. Du hast diesen Zustand perfekt und träumerisch leicht beschrieben!

    Gefällt 4 Personen

  3. Ich bin schon wieder wach …

    Gefällt 1 Person

  4. Ich verstehe in dieser Geschichte den Mann besser als die Frau. Die Enge, die darin liegt jeden Abend immer nur miteinander zu verbringen ist doch ziemlich erstickend.

    Gefällt mir

  5. Text toll, Lied furchtbar. Diese Weicheierei hat die gegenwärtige Winselwelle des Deutsch-Rock(möchte mans schon nicht mehr nennen) auf den Weg gebracht.
    Immer geht es noch einen Tick weicher und Muttis Gluckentum noch eine Spur extremer. Mutti wirds richten, im Kindergarten, in der Grundschule, sie wird seine Abi-Noten einklagen; wenns Söhnlein Student ist – wird sie seine Probleme lösen, und ’s Männlein findet sich dann toll, weil er alles laufen lässt, ist er ja tolerant und für Gleichberechtigung in der Ehe, in der er seine Kinder wiederum der Mutter überlässt, denn er kämpft ja nicht, er buckelt und winselt sich durchs Leben. Und lässt sich obendrein mit 40 Jahren wie einen Pflegefall an der Hand der Frau mit in den Elternabend schleppen, wo er dann stumm dienstbeflissen nickt, wenn seine Holde Unsinn labert;
    Nee, so eener siegt natürlich nich mehr. DER Zahn wurde ihm schon von Mutti gezogen.
    Sorry hab gerade einen solchen Elternabend hinter mir. Danach entdeckt man urplötzlich, wie weise es doch ist, dass wir nicht das amerikanische Waffenrecht haben.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s