Erinnerungen – Entdeckung des Lesens

1971 ist für mich ein Jahr der Veränderungen.
Der Tod meines Vaters beeinflußt meinen Lebensweg.
Mir 6jährigen fehlt nicht die tatsächliche Person, das kommt erst später.
Das Lächeln meiner Mutter am Morgen für mich, ihr freudiger Ruf “ Aufstehen, die Sonne scheint „, fehlen mir, fallen schwach aus und das für eine lange Zeit.
Mein erstes Schuljahr beginnt.
Ich muss mich an eine neue Wohnung gewöhnen, die fern der Nähe meiner „Tante Hanne“ liegt, deren Mehrgenerationenhaushalt mir liebe Zuflucht ist.
Meine Mutter nimmt eine Arbeit in einer anderen, nahegelegenen Stadt an.
Nach der Schule muss ich erst in den Hort, dann kann ich für ein paar Stunden zu Tante Hanne, bis meine Mutter zu Hause ist.
Am späten Nachmittag laufe ich heim, immer noch den Schulranzen auf dem Rücken.
Spielende Kinder denen ich dabei begegne, spotten…“ jetzt kommt die erst aus der Schule „.
Ich schäme mich dafür und bitte meine Mutter gleich nach dem Hort heim gehen zu dürfen, sie erlaubt mir das, ohne den Grund zu kennen.
Meine Nachmittage sind nun einsam, aber ohne Spott.
Das Haus in das wir gezogen sind ist von älteren Leuten bewohnt.
Ruhig geht es in ihm zu. Gern setzte ich mich zu den sehr verschiedenen Menschen, auf ihre jeweilige Gartenbank. Willkommen bin ich allen, eine enge Bindung wie an meine Tante Hanne finde ich nicht wieder.
Warum auch eng binden, wenn doch nichts von Bestand ist?
Ich werde stiller. Nach innen.
Neben unserer alten Wohnung lebt ein Mädchen, das schon mit mir in die gleiche Kindergartengruppe ging, jetzt teilen wir eine Schulklasse.
Früher spielten wir oft gemeinsam, in ihrer oder in unserer Wohnung.
Ihre Mutter ist die Apothekerin, mein Vater war der Zahnarzt der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin.
Jetzt besuchen wir uns nicht mehr.
Einmal sagt sie zu mir in der Pause: “ Früher hattet ihr eine größere Wohnung als wir, jetzt ist unsere größer .“
Mir war die Wohnungsgröße nicht aufgefallen, aber der Ton in dem sie das sagt, macht mich wütend.
Auch davon erzähle ich meiner Mutter nichts.
Dafür gehe ich oft in der Pause zu dem betreffenden Mädchen und ärgere sie solange bis sie in Tränen ausbricht.
Meine Mutter wird darüber informiert, sie sagt, ich solle das nicht mehr tun, ohne nach dem Grund zu fragen.
Es macht mir schon lange keinen Spaß mehr dieses Mädchen zu ärgern, die meine Freundschaft einer Wohnungsgröße wegen nicht mehr will. Es fällt leicht, davon abzulassen.
Dafür lerne ich lesen.
Schnell und gut.
Fünf, sechs Jahre später werde ich beginnen, die mit uns umgezogene Bibliothek meines Vaters zu lesen.
Die Bücher ersetzen mir meine Kinderschallplatten, die ich so lange höre, bis ich jedes Wort auswendig kann.
Mir fallen der Hodscha Nasredin in die jungen Hände und Diderots „Die Nonne“
Ich sauge Grimm’s Märchen in Gesamtausgabe auf und lese hinterher im „Heptameron“ der Marguerite de Navarre.
Tausendundeine Nacht ist mir so lieb wie das Decameron, die Ausgabe meines Vaters hat Illustrationen von Werner Klemke. Ich kann mich nicht satt sehen.
Ebenso wenig an den Bilderbänden der Prager Burg und der darin hängenden Gemälde, sie begleiten meine Nachmittage.
Tschechow und sein „Drama auf der Jagd“ lese ich und andere Russen. Ihre Schwermut spiegelt meine.
Vieles lese ich zu früh, schaffe mir ein Weltbild aus Büchern, nicht aus Menschen und lebendigen Meinungen.
Menschen sind mir zu vergänglich.
Meine Mutter versucht anfangs einzugreifen, gibt aber bald auf.
Meine Lesegier ist nicht zu stoppen.
Ob meine Mutter aufgegeben hat, weil sie um die Erfolglosigkeit wusste oder ob sie sich dadurch meinem toten Vater näher fühlte weiß ich bis heute nicht und werde nicht danach fragen.
Die Wunden der damaligen Zeit haben sich geschlossen.
Geblieben sind bei Stimmungen schmerzende Narben und die Liebe zu den Büchern.
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67 Antworten zu “Erinnerungen – Entdeckung des Lesens

  1. Bücher verfügen über die wundervolle Macht einen in eine andere Welt zu tragen, wenn die Eigene eine Pause braucht. Die Bücherwelt können wir wählen, bei unserer Eigenen leider nicht immer.
    Danke dir für deine Geschichte.

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  2. Du bist eine Meisterin der leisen, melancholischen Töne …..

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  3. Danke für’s Teilen eines Stückes Deines Lebens.
    Für mich war es damals die Musik, in die ich mich aus meiner Einsamkeit meiner Jugend geflüchtet habe. Stundenlang habe ich mit Kopfhörer Radio oder Cassettenmitschnitte gehört und bin dadurch in eine andere Welt eingetaucht. Bücher hatte ich keine. So ist mir auch heute noch die Musik sehr lieb, und Trost in schwierigen Zeiten, auch wenn sich mein Geschmack inzwischen doch sehr verändert hat.

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  4. Schöne Erinnerungen. Vieles weckt Erinnerungen an meine eigene Vergangenheit. Was wahrscheinlich nicht nicht so verwunderlich ist. Viele Bücher las ich sicherlich auch etwas zu früh. Aber so entdeckte ich meine Vorliebe für Zola. 🙂
    LG, Eberhard

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  5. Mein Fluchtziel war die Musik.
    Wir hatten damals ein Tonbandgerät. Jeden Freitagabend wurden auf Bayern 3 die TopTen aufgenommen. Und es war echt schrecklich, wenn der Moderator reinschwatzte.

    Noch heute lasse ich mir auch sehr gerne vorlesen. Hörbücher gehn auch gut auf langen Autofahrten. Ich habe schon mehrere Autobahnausfahrten verpasst, weil es gerade so spannend war. 😉

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  6. Die Bibliothek Deines Vaters barg wunderbare Schätze und um die Decameronausgabe mit den Zeichnungen von Klemke beneide ich Dich( ein bisschen), weil ich ihn als Illustrator so mag, kennst Du das von ihm illustrierte „Ferdinand der Stier“ unser Familienlieblingsbuch). Kinder dürfen fast alles lesen, weil sie nur das herauslesen, was sie verstehen und vieles ganz anders interpretieren als Erwachsene. Meine Erstlektüre war die Bibel von vorn bis hinten, durch alle Bücher Mose habe ich mich hindurchgeackert, weil es keinen anderen Lesestoff gab. Und ich konnte nie verstehen als Kind, warum die Töchter Noahs nicht bei ihrem Vater schlafen durften und habe meiner Mutti Löcher in den Bauch gefragt, denn ich hätte so gern bei meinem damals noch in russ. Kriegsgefangenschaft weilenden Vater geschlafen -:))) Bücher waren ein kostbares und teures Gut und standen immer auf meiner Wunschliste. Ich habe das alles viel später nachgeholt und eine Welt ohne Bücher kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.
    Die wehmütigen Kindheitserinnerungen gehören auch zu unserem Leben dazu. Klassendünkel gab es schon immer und gibt es heute noch.
    Dir noch schöne Osterresttage mit auch Zeit zum Lesen -:))) und sei herzlich gegrüßt
    Karin

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    • Meine praktische Mutter hat mir nie Bücher geschenkt.
      Mein Stiefvater hat mir später einige Wünsche erfüllt.
      Der Schätze meines meines Vaters sind noch viele…
      Durch die Bücher konnte ich seinen Charakter kennen lernen.
      Das von dir genannte Buch ist ein feines.
      Deine Grüße freuen mich, gern gebe ich sie zurück.

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  7. Mein Vater war kein Zahndoktor, noch mehr war bei mir anders. Doch das mit dem Lesen…da kommt leises Schmunzeln auf.
    Entsetzt las ich heimlich in einem dünnseitigen, versteckten Buch meiner Eltern, dass man unter Klöstern viele Geheimhöhlengänge fand und unter Nonnenorten tausende Säuglingsskelette…
    Immer auf der Suchen nach „Stellen“ fand ich so was Entsetzliches, was mir aber auch den bis dahin nur guten Glauben an die Menschheit nicht nahm, aber zurecht rückte!
    Gruß aus sonniger Abendstunde
    Sonja

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  8. Ein bißchen Wildgans, ein bißchen Arabella – jau; so war das: „Ich las vieles zu früh….ein Weltbild aus Büchern … nicht aus Menschen…“

    Es scheint da noch andere Leute zu geben, die – ähem – diese Art von Problem an sich bemerken:

    z.B. Guillermo Martinez: Roderers Eröffnung

    guckst du hier:

    https://gelesenundgefunden.wordpress.com/

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  9. ❤ ein kleines einsames Mädchen, ja solche Dinge nagen ein lebenlang, man denkt zwar das man das überwunden hat, aber nee das bleibt einen erhalten, man kann es mit zunehmenden Alter nur besser vergraben und das zeigt sich nur ab und an<3 so hat jeder seine Erlebnisse in der Kindheit und sie prägen uns für unser ganzes Leben, ob positiv oder weniger, wir machen das Beste drauf und jeder findet seinen Weg damit zu leben! danke für diese Einsicht in dein Leben, das hat mich sehr berührt … glg tb

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  10. sorry für die Fehler kannst sie gerne verbessern 🙂

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  11. Guten Abend.

    Sehr bildhaft, wie Du das alles beschreibst und das Traurige, Ungefragte, Unverstandenwerden klingt mit.

    Die Literatur, die Du schon so früh gelesen hast, ist wirklich sehr anspruchsvoll. Und Du scheinst auf eine Art zu lesen, die mir in dieser Form fehlt. Ich lese anders und ich kann es aber nicht benennen.

    Liebe Grüße,
    Frank

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  12. Wenn ich lese wie du gewachsen bist, schlägt mein Herz für eine Weile im selben Takt. Auch meine große Familie besteht aus Schweigern, denn fast jeder hatte etwas zu erzählen, das er nicht preis geben wollte. So blieb mir nur die sorgältige Beobachtung um dem Nichts Wissen zu entlocken. Ich kenne deine Narben, denn sie schmerzen immer bei Berührungen. Ich hatte immer den Mut zu fragen, erhielt jedoch nie eine Antwort. Das ist nicht besser als nie gefragt zu haben, nur endgültiger.

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  13. ZPO Zivilprozessordnung?

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  14. Die Erzählungen aus deinem Leben sind immer wieder interessant. Obwohl, ich weiß nicht, ob es das richtige Wort dafür ist. Ich lese sie gerne, weil es mich interessiert und weil ich automatisch Vergleiche mit meiner Kindheit ziehe.
    Kinder ärgern Kinder, manche unwissend, manche berechnend, manche grausam. Die Lieben und Schüchternen, die Zurückhaltenden werden oft gehänselt (wie man bei uns sagte). Kinder nutzen sofort die Schwächen der anderen aus.
    Ich war auch eines von denen, bis ich mich eines Tages zur Wehr setzte. In meiner Wut schlug ich einen anderen Jungen zusammen. Hatte gar nicht gewusst, welche Kräfte in mir steckten.
    Aber dafür wurde ICH vom Lehrer bestraft und meine Eltern erhielten eine Nachricht, was ich angestellt hatte. Dafür wurde ich von denen auch noch einmal bestraft. Ich verstand die Welt nicht mehr, ich fand das sooo ungerecht. Aber ich hatte ja auch niemandem verraten, warum ich so reagiert hatte. Ich hätte das für blöd gefunden, zu sagen, der andere hat mich geärgert.
    Dafür hatte ich dann meine Ruhe. Ich hatte mir Respekt verschafft. Und das war auch eine Lebenserfahrung.

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  15. alles Gute für dich und noch einen schönen Ostermontag

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  16. … das mit der Wohnungsgröße geht mir nach. LG Gerda

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  17. ….weiß ich bis heute nicht und werde nicht danach fragen.

    Unvorstellbar für mich, denn das hätte ich einfach fragen müssen 😉

    Sehr berührend meine Liebe, wie bei dir die Liebe zum Lesen entstand und ich staune nicht schlecht, über die Auswahl dieses Buchreichtums 😉
    Komme auch nicht umhin, dass mir ein kalter Schauer bei manchen Sätzen, über den Rücken lief…in einer eigenen Welt eingeschlossen 😦

    Noch einen schönen Ostermontag und einen ❤ lichen Gruß,
    Uschi

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  18. Veränderungen durch Wunden und Narben – das Leben prägt uns durch vieles und wir wurden zu dem was wir sind oder versuchen es zu erreichen

    Danke für das Teilen und komme gut in den Tag…♥…

    LG

    Maccabros

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  19. Sollte wahre Freundschaft nicht über Kleinigkeiten stehen?

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  20. Ein schöner Text.

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  21. Sehr bemerkenswert wie Du mit der Situation umgegangen bist und Dich selbst geschützt hast. Es sind diese Geschichten, die mir immer wieder aufzeigen für was man dankbar sein sollte und es doch als normal annimmt.

    Die ZPO liegt wirklich prominent im Bild 🙂

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  22. Wie Du schreiben kannst…. immer wieder fesselst Du uns und wir können in Deinen Texten versinken! Wir leiden mit Dir, wir freuen uns mit Dir, wir wachsen mit Dir….

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  23. Schön Deine Erzählung über Dein „Ich“. Bei mir kam der Lesezwang bei einem Jahr Krankenhaus im Alter von 14 Jahren.

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