Blick in den Wandel

Dreißigster März 2020

Zum Tag

www.youtube.com/watch

Nun kann auswählen an Musik und Gedanken wer und was man will.

Sich mit Sonnenbrille an die Wand stellen und Deutschmetaphern weiter gebend wie ein im Ausland lebender Herr Grönemeyer.

Man kann Musik aber auch immer noch aufnehmen und als Weg weisend fühlen.

Wir sehen uns im Herbst Herr Kalkbrenner, bis dahin höre wir.

Zu.

Blick in den Wandel – März 2020

März 2020

Blick in den Wandel

Vierundzwanzigster März 2020

Blick in den Wandel

Achtzehnter März 2020

Blick in den Wandel

Zwölfter März 2020

Sonntagsmärchen

Hans Christian Andersen
Sämmtliche Märchen, 1862
Der Schatten

In den heißen Ländern, da brennt die Sonne sehr stark; die Leute werden da ganz mahagonibraun; ja, in den allerheißesten Ländern werden sie sogar zu Negern gebrannt. Dieses Mal war es jedoch nur bis nach den heißen Ländern, wohin ein gelehrter Mann aus den kalten Gegenden gekommen war. Der glaubte nun, daß er da ebenso herumlaufen könnte, wie zu Hause; aber von der Idee kam er bald zurück. Er und alle vernünftigen Leute mußten zu Hause bleiben; Fensterladen und Thüren wurden den ganzen Tag geschlossen; es sah aus, als ob das ganze Haus schlafe oder Alle ausgegangen wären. Die schmale Straße mit den hohen Häusern, in der er wohnte, war aber auch so gebaut, daß die Sonne vom Morgen bis zum Abend darauf liegen mußte; es war wirklich ganz unerträglich! Der gelehrte Mann aus den kalten Gegenden war ein junger Mann, ein kluger Mann; es kam ihm vor, als sähe er in einen glühenden Ofen; das griff ihn sehr an, er ward ganz mager; selbst sein Schatten schrumpfte zusammen und ward viel kleiner, als zu Hause; die Sonne nahm auch den mit und er lebte erst des Abends auf, wenn sie untergegangen war. Es war ordentlich ein Vergnügen, dies mit anzusehen; sobald Licht in die Stube gebracht wurde, streckte sich der Schatten ganz an der Wand hinauf, ja noch weiter, bis an die Decke, so lang machte er sich; er mußte sich strecken, um wieder zu Kräften zu kommen. Der gelehrte Mann ging auf den Altan hinaus, um sich zu strecken, und sobald die Sterne an dem schönen, klaren Himmel hervorkamen, war es ihm, als ob er wieder auflebte. Auf allen Altanen in der Straße – und in den warmen Ländern hat jedes Fenster einen Altan – erschienen jetzt Leute; denn frische Luft muß man doch schöpfen, wenn man auch daran gewöhnt ist, mahagonibraun zu werden; es ward so lebhaft unten und oben; unten setzten sich Schuster und Schneider – worunter man alle Leute versteht – auf die Straße hinaus; da kamen Tische und Stühle, und Lichter brannten, ja, über tausend Lichter; und Einer sprach, ein Anderer sang, und die Leute spazierten: Wagen fuhren, Maulthiere trabten „Klingelingeling“ – sie tragen nämlich Schellen am Geschirr; da wurden Leichen begraben mit Gesang; und die Kirchenglocken läuteten; – ja, es war fürwahr sehr lebhaft unten auf der Straße. Nur in dem einen Hause, gerade gegenüber von dem, wo der fremde, gelehrte Mann wohnte, war es ganz still; und doch wohnte dort Jemand, denn es standen Blumen auf dem Altan, die blühten so schön in der Sonnenhitze; und das konnten sie doch nicht, wenn sie nicht begossen worden wären, und Jemand mußte sie doch begießen; Leute mußte es da geben. Die Thüre ward auch gegen Abend halb geöffnet; aber dann war es dunkel, wenigstens in dem vordersten Zimmer; weiter aus dem Innern hörte man Musik. Der fremde, gelehrte Mann fand dieselbe außerordentlich schön; aber es war freilich auch ganz gut möglich, daß er sich das blos einbildete, denn er fand Alles vorzüglich draußen in den warmen Ländern, wenn nur keine Sonne da gewesen wäre. Der Wirth des Fremden sagte, daß er nicht wisse, wer das gegenüberliegende Haus gemiethet habe; man sehe gar keinen Menschen, und was die Musik anlange, so scheine es ihm, daß dieselbe schrecklich langweilig sei. „Es ist gerade so, als ob Jemand da säße und ein Stück übte, das er doch nicht herausbringt; stets das nämliche Stück. <> meint er allerdings; er bringt es aber nicht heraus, wie lange er auch spielt.“
Einst in der Nacht wachte der Fremde auf; er schlief bei offener Altanthüre; der Wind lüftete den Vorhang vor derselben, und es kam ihm vor, als komme ein wunderbarer Glanz von dem Altane des gegenüberliegenden Hauses; alle Blumen erschienen wie Flammen in den schönsten Farben, und mitten zwischen den Blumen stand eine schöne, schlanke Jungfrau. Es war, als ob auch sie leuchte; es blendete ihm förmlich die Augen: aber er hatte sie auch gerade so aufgerissen und kam ja eben aus dem Schlaf. Mit einem Sprung war er aus dem Bette; ganz leise schlich er sich hinter den Vorhang; – allein die Jungfrau war fort, der Glanz war fort, die Blumen leuchteten gar nicht mehr, standen aber noch ganz so schön da, wie immer; die Thür war angelehnt, und von innen klang Musik, so lieblich, so schön, man konnte wirklich dabei in süße Gedanken vertieft werden. Es war doch gerade wie ein Zauberwerk; aber wer wohnte da? Wo war der eigentliche Eingang? Denn nach der Straße und nach den Seitengäßchen hin war das ganze Erdgeschoß Laden an Laden, und da konnten die Leute doch nicht immer durchlaufen.
Eines Abends saß der Fremde auf seinem Altan; in der Stube gerade hinter ihm brannte ein Licht, und so war es ganz natürlich, daß sein Schatten auf die Wand des gegenüberstehenden Hauses fiel; ja, da saß er gerade zwischen den Blumen auf dem Altan; und wenn der Fremde sich bewegte, dann bewegte sich auch der Schatten.
„Ich glaube, daß mein Schatten das einzige Lebendige ist, was man da drüben sieht,“ sagte der gelehrte Mann. „Sieh, wie hübsch er dort zwischen den Blumen sitzt; die Thür steht nur angelehnt; nur sollte der Schatten so gescheidt sein und hineingehen, sich drinnen umsehen und dann zurückkommen und mir erzählen, was er da gesehen. Ja, Du würdest Dich dadurch nützlich machen,“ sagte er wie im Scherz. „Sei so gut und tritt hinein! Nun, wirst Du gehen?“ Und dann nickte er dem Schatten zu und der Schatten nickte wieder. „Nun, geh nur, aber bleibe nicht ganz weg!“ Und der Fremde erhob sich, und der Schatten auf dem Altan gegenüber erhob sich auch, und der Fremde kehrte sich um, und der Schatten kehrte sich ebenfalls um; wenn Jemand genau darauf Acht gegeben hätte, so hätte er es deutlich sehen können, wie der Schatten gerades Wegs durch die halbgeöffnete Altanthür des gegenüberliegenden Hauses in demselben Augenblicke hineinging, wo der Fremde in seine Stube zurückkehrte und den langen Vorhang herabfallen ließ.
Am nächsten Morgen ging der gelehrte Mann aus, um Kaffee zu trinken und die Zeitungen zu lesen. „Was ist das?“ sagte er, als er in Sonnenschein kam. „Ich habe ja keinen Schatten mehr! So ist er also wirklich gestern Abend fortgegangen und nicht zurückgekommen; das ist ja recht verdrießlich!“
Und das ärgerte ihn; aber nicht so sehr deswegen, weil der Schatten fort war, sondern weil er wußte, daß es eine Geschichte gab von einem Manne ohne Schatten; – alle Leute zu Hause kannten ja diese Geschichte; und kam nun der gelehrte Mann nach Hause und erzählte seine eigene Geschichte, so würden sie sagen, daß dies nur eine Nachäffung von ihm sei: und das hatte er nicht nöthig, von sich sagen zu lassen. Er wollte daher gar nicht davon sprechen, und das war vernünftig von ihm gedacht.
Am Abend ging er wieder auf seinen Altan hinaus; das Licht hatte er zwar hinter sich gesetzt, denn er wußte, daß der Schatten stets seinen Herrn zum Schirm haben will; aber er konnte ihn nicht herauslocken. Er machte sich klein, er machte sich lang; aber da war kein Schatten, da kam kein Schatten. Er sagte: „Hm, Hm!“ aber das half gar nichts.
Das war ärgerlich; aber in den warmen Ländern wächst Alles so geschwind, und nach Verlauf von acht Tagen merkte er zu seiner großen Freude, daß ihm ein neuer Schatten aus den Beinen herauswuchs, wenn er in Sonnenschein kam; die Wurzel mußte sicher geblieben sein. Nach drei Wochen hatte er einen ganz leidlichen Schatten, der, als er sich auf die Rückreise nach den nördlichen Ländern begab, immer mehr und mehr wuchs, sodaß er zuletzt so lang und so groß war, daß er ganz gut die Hälfte hätte abgeben können.
Der gelehrte Mann kam also nach Hause und schrieb Bücher über das, was es Wahres in der Welt gibt, und was es Gutes da gibt, und was da Hübsches ist; und es vergingen Tage, und es vergingen Jahre – es vergingen viele Jahre.
Da sitzt er eines Abends in seiner Stube, und ganz leise klopfte es an seine Thür. „Herein!“ sagte er; aber Keiner kam; da öffnete er die Thür und da stand ein so außerordentlich magerer Mensch vor ihm, daß ihm ganz wunderlich zu Muthe ward. Uebrigens war der Mensch äußerst fein angezogen: es mußte ein recht vornehmer Mann sein.
„Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?“ fragte er.
„Ja, das dachte ich mir wohl,“ sagte der feine Mann, „daß Sie mich nicht kennen würden; ich bin so viel Körper geworden, daß ich ordentlich Fleisch und Kleider bekommen habe. Sie haben wohl nie daran gedacht, mich in solchem Zustande zu sehen? Kennen Sie Ihren alten Schatten nicht? Ja, Sie haben gewiß nicht geglaubt, daß ich noch wiederkommen würde. Mir ist es außerordentlich gut gegangen, seit ich zuletzt bei Ihnen war; ich bin in jeder Hinsicht sehr vermögend geworden; will ich mich vom Dienst freikaufen, so kann ich das!“ Und er klapperte mit einer ganzen Menge kostbarer Berlocken, die an seiner Uhr hingen, und steckte seine Hand in die dicke goldene Kette hinein, die er um den Hals trug; und wie blitzten alle seine Finger von Diamantringen! Und es war Alles ächt.
„Nein, ich kann gar nicht zu mir selbst kommen!“ sagte der gelehrte Mann. „Was bedeutet alles Dieses?“
„Ja, etwas Gewöhnliches nicht!“ sagte der Schatten. „Aber Sie gehören ja auch selbst nicht zu den Gewöhnlichen, und ich bin, das wissen Sie wohl, von Kindesbeinen an in Ihre Fußstapfen getreten. Sobald Sie fanden, daß ich reif genug sei, um allein in die Welt hinaus zu gehen, ging ich meinen eigenen Weg; ich bin in den allerbrillantesten Umständen. Aber mich überkam eine Art von Sehnsucht, Sie noch einmal zu sehen, ehe Sie sterben; ich wollte diese Gegenden wiedersehen, man hängt doch stets an seinem Vaterlande. Ich weiß, daß Sie einen andern Schatten wiederbekommen haben; habe ich etwas an den oder an Sie zu bezahlen? Haben Sie nur die Güte, es zu sagen.“
„Nein, bist Du es wirklich?“ sagte der gelehrte Mann. „Das ist ja höchst merkwürdig! Ich hätte nie geglaubt, daß man seinen alten Schatten jemals als Menschen wiedersehen könnte!“
„Sagen Sie mir nur, was ich zu bezahlen habe,“ sagte der Schatten, „denn ich mag nicht gern in Jemandes Schuld stehen.“
„Wie kannst Du so sprechen?“ sagte der gelehrte Mann. „Von welcher Schuld kann hier die Rede sein? Du bist so frei wie Einer! Ich freue mich außerordentlich über Dein Glück! Setze Dich nieder, alter Freund, und erzähle mir doch ein Bischen, wie das zugegangen ist, und was Du dort in den warmen Ländern in dem uns gegenüberliegenden Hause sahst!“
„Ja, das will ich Ihnen erzählen,“ sagte der Schatten und setzte sich; „aber dann müssen Sie mir auch versprechen, daß Sie niemals zu irgend Jemanden hier in der Stadt, wo Sie mich auch antreffen sollten, es sagen wollen, daß ich Ihr Schatten gewesen bin; ich beabsichtige, mich zu verloben; ich kann mehr als eine Familie ernähren.“
„Sei ganz unbesorgt,“ sagte der gelehrte Mann; „ich werde Niemanden sagen, wer Du eigentlich bist. Hier ist meine Hand, ich verspreche es Dir, und ein Mann, ein Wort!“
„Ein Wort, ein Schatten!“ sagte der Schatten; denn so mußte er ja sprechen.
Es war aber übrigens äußerst merkwürdig, wie sehr Mensch derselbe war. Er war ganz schwarz gekleidet und trug das allerfeinste schwarze Tuch, lackirte Stiefeln und einen Hut, den man zusammendrücken konnte, sodaß er nichts als Deckel und Krempe war, nicht zu sprechen von dem, was wir bereits wissen: den Berlocken, der goldenen Halskette und den Diamantringen. Ja, der Schatten war außerordentlich gut gekleidet, was ihn zu einem ganzen Menschen machte.
„Nun will ich erzählen,“ sagte der Schatten; und dann setzte er seine Füße mit den lackirten Stiefeln, so fest er nur konnte, auf den Arm von dem neuen Schatten des gelehrten Mannes nieder, der wie ein Pudelhund zu seinen Füßen lag. Das geschah nun entweder aus Hochmuth, oder vielleicht auch, damit der neue Schatten daran kleben bleiben sollte. Aber der liegende Schatten verhielt sich ganz still und ruhig, um recht zuhören zu können; er wollte auch wissen, wie man so loskommen und sich zu seinem eigenen Herrn hinauf dienen könnte.
„Wissen Sie, wer in dem Hause uns gegenüber wohnte?“ sagte der Schatten. „Das war das herrlichste von Allem: es war die Poesie! Ich war drei Wochen da, und das wirkt ebenso sehr, als wenn man dreitausend Jahre lebte und Alles lesen könnte, was gedichtet und geschrieben ist. Denn das sage ich, und es ist wahr: Ich habe Alles gesehen und ich weiß Alles!“
„Die Poesie!“ rief der gelehrte Mann. „Ja, sie lebt oft als Einsiedlerin in den großen Städten. Die Poesie! Ja, ich habe sie einen einzigen, kurzen Augenblick gesehen, aber der Schlaf steckte mir in den Augen: sie stand auf dem Altan und leuchtete, wie das Nordlicht leuchtet: Blumen mit lebenden Flammen. Erzähle, erzähle! Du warst auf dem Altan, Du gingst durch die Thüre und dann – – -“
„Dann befand ich mich im Vorzimmer,“ sagte der Schatten. „Sie saßen stets und sahen nach dem Vorzimmer hinüber. Da war gar kein Licht; es herrschte dort eine Art von Halbdunkel; aber eine Thür nach der andern in einer ganzen Reihe von Stuben und Sälen stand offen, und da war es hell, und die Masse von Licht würde mich getödtet haben, wäre ich ganz bis zur Jungfrau gekommen. Aber ich war besonnen; ich nahm mir Zeit, und das muß man thun.“
„Und was sahst Du nun?“ fragte der gelehrte Mann.
„Ich sah Alles! Und das will ich Ihnen erzählen; aber – es ist wahrlich nicht Stolz von meiner Seite – als freier Mann und bei den Kenntnissen, die ich besitze, abgerechnet meine gute Stellung und meine ausgezeichneten Vermögensverhältnisse, wünschte ich doch, daß Sie <> zu mir sagen möchten.“
„Bitte um Verzeihung,“ sagte der gelehrte Mann; „es ist eine alte Gewohnheit, die man nicht so leicht ablegt. Sie haben vollkommen Recht, und ich will daran denken. Aber nun erzählen Sie mir Alles, was Sie sahen.“
„Alles,“ sagte der Schatten, „denn ich sah Alles und ich weiß Alles.“
„Wie sah es denn in den innern Gemächern aus?“ fragte der gelehrte Mann. „War es dort, wie in dem kühlen Hain? War es dort, wie in einem heiligen Tempel? Waren die Gemächer, wie der sternenhelle Himmel, wenn man auf den hohen Bergen steht?“
„Alles war da,“ sagte der Schatten; „ich war zwar nicht ganz drinnen; ich blieb in dem vordersten Zimmer im Halbdunkel; aber da stand ich außerordentlich gut. Ich sah Alles und weiß Alles. Ich bin am Hofe der Poesie im Vorgemach gewesen.“
„Aber was sahen Sie denn? Gingen durch die großen Säle alle die Götter der Vorzeit? Kämpften dort die alten Helden? Spielten dort liebliche Kinder und erzählten ihre Träume?“
„Ich sage Ihnen, daß ich da gewesen bin, und daher begreifen Sie wohl, daß ich Alles sah, was zu sehen war. Wenn Sie dahin gekommen wären, da wären Sie nicht Mensch geblieben, aber ich ward es! Und zugleich lernte ich mein innerstes Wesen, mein Angeborenes, die Verwandtschaft, kennen, in der ich zu der Poesie stand. Ja, damals, als ich bei Ihnen war, dachte ich nicht darüber nach; aber immer, das wissen Sie, wenn die Sonne auf- und niederging, ward ich so wunderbar groß; im Mondscheine war ich beinahe noch bemerkbarer, als Sie selbst; ich begriff damals nicht mein innerstes Wesen: im Vorgemach erschloß es sich mir – ich ward Mensch! Reif kam ich wieder heraus, aber Sie waren nicht mehr in den warmen Ländern. Ich schämte mich, als Mensch so zu gehen, wie ich ging; ich hatte Stiefeln, ich hatte Kleider und diesen ganzen Menschenfirniß nöthig, der einen Menschen erkennbar macht; ich nahm meinen Weg – ja, Ihnen kann ich es wohl anvertrauen; Sie werden es ja in kein Buch setzen – ich nahm meinen Weg unter den Rock der Kuchenfrau; unter den versteckte ich mich; das Weib dachte gar nicht daran, wie viel sie beherbergte. Erst am Abend ging ich aus; ich lief im Mondschein auf der Straße herum; ich streckte mich ganz lang an der Mauer hinauf; das kitzelte so schön auf dem Rücken; ich lief hinauf und hinab, schaute durch die höchsten Fenster in die Säle hinein und durch’s Dach; ich sah hin, wo Niemand hinsehen konnte, und ich sah, was Niemand sah, was Niemand sehen sollte. – Es ist im Grunde doch eine böse Welt; ich würde nicht Mensch sein wollen, wenn es nicht einmal angenommen wäre, daß es etwas bedeutet, es zu sein. Ich sah das Allerunglaublichste bei Weibern und Männern und Eltern und den <>. Ich sah, was kein Mensch weiter weiß, was sie aber Alle so gern wissen möchten: Uebels bei den Nachbarn. Hätte ich eine Zeitung geschrieben, die wäre gelesen worden; aber ich schrieb geradeswegs an die Personen selbst, und es entstand Schrecken in allen Städten, wohin ich kam. Sie hatten solche Angst vor mir, sie hatten mich so außerordentlich lieb! Der Professor machte mich zum Professor; der Schneider gab mir neue Kleider (ich bin gut versehen); der Münzmeister schlug Münzen für mich, die Weiber sagten, daß ich schön sei – und so ward ich der Mann, der ich jetzt bin! Und nun sage ich Adieu! Hier ist meine Karte, ich wohne auf der Sonnenseite und bin bei Regenwetter stets zu Hause.“ Und der Schatten ging.
„Das war doch merkwürdig!“ sagte der gelehrte Mann.
Jahre und Tage vergingen, da kam der Schatten wieder.
„Wie geht es?“ fragte er.
„Ach!“ sagte der gelehrte Mann; „ich schreibe über das Wahre, das Gute und das Schöne; aber Keinem ist es darum zu thun, so etwas zu hören; ich bin ganz verzweifelt, denn ich nehme mir das zu Herzen!“
„Das thue ich aber nicht,“ sagte der Schatten; „ich werde dick und fett, und das muß man zu werden suchen. Sie verstehen sich nicht auf die Welt; Sie werden krank dabei – Sie müssen reisen. Ich will im Sommer eine Reise machen, wollen Sie mit? Ich möchte wohl einen Reisekameraden haben, wollen Sie als Schatten mitreisen? Es soll mir ein großes Vergnügen sein! Ich bezahle die Reise!“
„Sie reisen wohl sehr weit?“ fragte der gelehrte Mann.
„Wie man’s nimmt!“ sagte der Schatten. „Eine Reise wird Ihnen sehr gut thun. Wollen Sie mein Schatten sein, dann sollen Sie Alles auf der Reise frei haben.“
„Das ist doch zu toll!“ sagte der gelehrte Mann.
„Aber so ist nun einmal die Welt,“ sagte der Schatten, „und so wird sie auch bleiben!“ Und er entfernte sich.
Dem gelehrten Mann ging es gar nicht gut; Sorgen und Kummer verfolgten ihn; und was er von dem Wahren und dem Guten und dem Schönen sprach: das war den Meisten, was die Muskatnuß der Kuh. Er ward zuletzt ganz krank.
„Sie sehen wirklich aus wie ein Schatten!“ sagten die Leute zu ihm, und es überlief den gelehrten Mann wie ein Schauer, denn er hatte so seine Gedanken dabei.
„Sie müssen in ein Bad reisen!“ sagte der Schatten, der ihm einen Besuch machte. „Es gibt keine andere Hülfe für Sie. Ich will Sie um unserer alten Bekanntschaft willen mitnehmen. Ich bezahle die Reise und Sie machen die Beschreibung davon und vertreiben mir so die Zeit unterwegs. Ich will in ein Bad; mein Bart wächst nicht so recht, wie er sollte; das ist auch eine Krankheit; und einen Bart muß ich doch haben. Seien Sie doch vernünftig, und nehmen Sie mein Anerbieten an; wir reisen wie Kameraden.“
Und sie reisten. Der Schatten war nun Herr und der Herr Schatten. Sie fuhren mit einander, sie ritten und gingen zusammen, neben einander, vor und hinter einander, wie die Sonne eben stand. Der Schatten wußte stets den Ehrenplatz einzunehmen; das fiel dem gelehrten Manne nun nicht weiter auf; er hatte ein sehr gutes Herz und war außerordentlich mild und freundlich. Da sagte der Herr eines Tages zum Schatten: „Da wir nun auf solche Weise Reisekameraden geworden und zugleich von Kindesbeinen an mit einander aufgewachsen sind, wollen wir da nicht Brüderschaft trinken? Das Du klingt doch vertraulicher.“
„Sie sagen da etwas,“ sagte der Schatten, der ja nun eigentlich der Herr war, „was sehr wohlwollend und geradeheraus gesagt ist; ich will nun ebenso wohlwollend und geradezu sein. Sie, der Sie ein gelehrter Mann sind, wissen es wohl, wie wunderlich die Natur ist. Es gibt Menschen, die es nicht vertragen können, graues Papier anzuriechen; sie werden unwohl davon; Andern geht es durch Mark und Bein, wenn man mit einem Nagel an einer Glasscheibe reibt: ich für meine Person habe ein ähnliches Gefühl, wenn ich Sie Du zu mir sagen höre: ich fühle mich dadurch, wie in meiner ersten Stellung bei Ihnen, zu Boden gedrückt. Sie sehen, daß dies ein Gefühl ist, kein Stolz. Ich kann Sie nicht Du zu mir sagen lassen; aber ich will gern Du zu Ihnen sagen: da wird Ihr Wunsch doch wenigstens zur Hälfte erfüllt.“
Und nun sagte der Schatten Du zu seinem frühern Herrn. „Das ist doch etwas stark,“ dachte dieser, „daß ich Sie sagen muß, und er Du sagt;“ aber er mußte es sich dennoch gefallen lassen.
Sie kamen in ein Bad, wo viele Fremde waren und unter diesen eine wunderschöne Königstochter, welche die Krankheit hatte, daß sie allzuscharf sah, was sehr beunruhigend war.
Sogleich merkte sie, daß der Neuangekommene eine ganz andere Person sei, als alle die Andern. „Man sagt, daß er hier ist, um seinen Bart zum Wachsen zu bringen; aber ich erkenne die rechte Ursache; er kann keinen Schatten werfen!“
Nun war sie neugierig geworden, und daher ließ sie sich auf der Promenade mit dem fremden Herrn sogleich in ein Gespräch ein. Als eine Königstochter brauchte sie nicht erst viel Umstände zu machen, deshalb sagte sie gerade heraus zu ihm: Ihre Krankheit besteht darin, daß Sie keinen Schatten werfen können.“
„Ew. Königliche Hoheit müssen sehr auf dem Wege der Besserung sein!“ sagte der Schatten. „Ich weiß, Ihr Uebel besteht darin, daß Sie allzuscharf sehen; aber das hat sich gegeben; Sie sind wieder hergestellt. Ich habe gerade einen ganz ungewöhnlichen Schatten. Sehen Sie nicht die Person, die stets neben mir geht? Andere Menschen haben einen gewöhnlichen Schatten; aber ich liebe das Gewöhnliche nicht. Man gibt oft seinen Dienern feineres Tuch zur Livrée, als man selbst trägt, und so habe ich meinen Schatten sich zu einem Menschen herausputzen lassen; ja, Sie sehen, daß ich ihm sogar einen Schatten gegeben habe. Das kostet sehr viel, aber ich liebe es, etwas Apartes zu haben.“
„Wie,“ dachte die Prinzessin, „sollte ich mich wirklich erholt haben? Dieses Bad ist das beste, welches es gibt; das Wasser hat in unsern Zeiten ganz wunderbare Kräfte. Aber ich reise noch nicht von hier fort, denn jetzt wird es erst amüsant; der fremde Prinz – denn ein Prinz muß er sein – gefällt mir außerordentlich gut. Wenn nur sein Bart nicht wächst, denn dann reist er wieder ab.“
Am Abend in dem großen Ballsaale tanzten die Königstochter und der Schatten zusammen. Sie war leicht, aber er war noch leichter: einen solchen Tänzer hatte sie noch nie gesehen. Sie sagte ihm, aus welchem Lande sie sei, und er kannte das Land; er war da gewesen, aber damals war sie nicht zu Hause gewesen; er hatte durch die Fenster des Schlosses gesehen, sowohl von unten, wie von oben; er hatte das Eine und das Andere erfahren, und daher konnte er der Königstochter antworten und Anspielungen machen, über die sie sehr erstaunte. Er mußte der klügste Mann auf der ganzen Erde sein; sie bekam einen solchen Respect vor Allem, was er wußte.
Und als sie wieder tanzte, ward sie verliebt in ihn; und das bemerkte der Schatten sehr gut, denn sie hätte ihn beinahe mit ihren Augen durch und durch gesehen. Sie tanzte noch einmal, und sie war nahe daran, es ihm zu sagen; aber sie war vernünftig, sie dachte an ihr Land und ihr Reich und an die vielen Menschen, über die sie regieren sollte. „Ein kluger Mann ist er,“ sagte sie zu sich selbst, „das ist gut; und ganz vortrefflich tanzt er, das ist auch gut; aber sollte er wohl gründliche Kenntnisse haben? Das ist eben so wichtig; er muß examinirt werden.“ Und nun richtete sie sogleich eine so schwierige Frage an ihn, daß sie selbst nicht darauf hätte antworten können; und der Schatten machte ein sonderbares Gesicht.
„Darauf können Sie mir nicht antworten,“ sagte die Königstochter.
„Das habe ich schon in meinen Kinderjahren gelernt,“ sagte der Schatten; „ich glaube, sogar mein Schatten, der dort an der Thür sieht, würde darauf antworten können.“
„Ihr Schatten?“ sagte die Königstochter; „das wäre sehr merkwürdig.“
„Ich sage es nicht als ganz bestimmt, daß er es kann,“ sagte der Schatten; „aber ich möchte es glauben. Er ist mir schon so manches Jahr gefolgt und hat so Vieles von mir gehört: ich möchte es glauben. Aber Ew. Königliche Hoheit erlauben mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß er so stolz darauf ist, für einen Menschen zu gelten, daß er, wenn er bei guter Laune sein soll – und das muß er sein, um richtig zu antworten – ganz wie ein Mensch behandelt sein will.“
„Das gefällt mir!“ sagte die Königstochter.
Und nun ging sie zu dem gelehrten Mann in der Thür; und sie sprach mit ihm von Sonne und Mond, von den grünen Wäldern und von den Menschen nahe und ferne, und der gelehrte Mann antwortete so klug und so gut.
„Was das für ein Mensch sein muß, der einen so klugen Schatten hat!“ dachte sie. „Es würde ein wahrer Segen für mein Volk und mein Reich sein, wenn ich den wählte; – ich thue es!“
Und sie wurden bald einig, die Königstochter und der Schatten; aber Niemand sollte etwas davon wissen, bevor sie in ihr Reich zurückgekehrt war.
„Niemand, nicht einmal mein Schatten!“ sagte der Schatten, und dazu hatte er besondere Gründe.
Sie kamen nach dem Lande, wo die Königstochter regierte, wenn sie zu Hause war.
„Höre, mein Freund,“ sagte der Schatten zu dem gelehrten Mann, „jetzt bin ich so glücklich und mächtig, wie nur Jemand werden kann; jetzt will ich auch etwas Besonderes für Dich thun. Du sollst bei mir auf dem Schloß wohnen, mit mir in einem königlichen Wagen fahren und hunderttausend Reichsthaler jährlich haben; aber Du mußt Dich von Allen und Jedem Schatten nennen lassen, und darfst es nie sagen, daß Du jemals Mensch gewesen bist; und dann mußt Du jährlich ein Mal, wenn ich auf dem Altan im Sonnenschein sitze und mich sehen lasse, zu meinen Füßen liegen, wie es einem Schatten gebührt. Denn ich will Dir sagen, ich heirathe die Königstochter, und heute Abend ist die Hochzeit.“
„Nein, das ist doch zu toll!“ sagte der gelehrte Mann. „Das will ich nicht, das thue ich nicht; das heißt, das ganze Land betrügen und die Königstochter dazu! Ich werde Alles sagen: daß ich Mensch bin und Sie Schatten, nur daß Sie Menschenkleider anhaben!“
„Das würde Niemand glauben,“ sagte der Schatten; „sei vernünftig oder ich lasse die Wache rufen!“
„Ich gehe geradeswegs zur Königstochter!“ sagte der gelehrte Mann.
„Aber ich gehe zuerst,“ sagte der Schatten, „und Du gehst ins Gefängniß!“ Und das geschah, denn die Schildwachen gehorchten Dem, von dem sie wußten, daß die Königstochter ihn heirathen wollte.
„Du zitterst?“ sagte die Königstochter, als der Schatten bei ihr eintrat. „Ist etwas vorgefallen? Du darfst heute nicht krank werden, jetzt, da wir unsere Hochzeit feiern wollen!“
„Ich habe das Fürchterlichste erlebt, was man erleben kann!“ sagte der Schatten. „Denke Dir – ja, so ein armes Schattengehirn kann nicht viel vertragen! – denke Dir, mein Schatten ist verrückt geworden; er bildet sich ein, daß er Mensch geworden ist und daß ich – denke Dir nur! – daß ich sein Schatten bin!“
„Das ist ja erschrecklich!“ sagte die Prinzessin. „Er ist doch eingesperrt?“
„Das versteht sich; ich fürchte, daß er sich nie wieder erholen wird.“
„Der arme Schatten!“ sagte die Prinzessin. „Er ist sehr unglücklich; es wäre eine wahre Wohlthat, ihn von seinem Bischen Leben zu befreien, und wenn ich recht darüber nachdenke, wie so in unserer Zeit das Volk nur allzu bereit ist, die Partie des Geringern gegen die Höhern zu nehmen: da scheint es mir nöthig zu sein, daß man ihn ganz in aller Stille bei Seite schaffe.“
„Das ist allerdings hart, denn er war ein treuer Diener,“ sagte der Schatten, und that, als ob er seufzte.
„Du bist ein edler Charakter!“ sagte die Königstochter und verneigte sich vor ihm.
Am Abend war die ganze Stadt illuminirt und Kanonen wurden abgefeuert: Bum! – Und die Soldaten präsentirten die Gewehre. Das war eine Hochzeit! Die Königstochter und der Schatten traten auf den Altan hinaus, um sich sehen zu lassen und noch ein Mal ein Hurrah zu bekommen.
Der gelehrte Mann hörte nichts von allen diesen Herrlichkeiten – denn er war schon hingerichtet.

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Blick in den Wandel

Fünfter März 2020

Zum Tag

Ich habe ja einige Busfahrfreunde.

Einer davon ist Quentin. Er ist 9 Jahre alt und wohnt wie ich am Ende der Welt, nur am anderen…

“ Warum gehst du nicht bei uns in F. in die Schule und nimmst diesen langen Weg in kauf ?“ frage ich ihn. “ Nein, nein “ sagt er, “ Diese Lehrer da sind mir zu eigenartig, das will ich nicht.“

Lange blonde Locken über dem aufgewcktem Gesichtchen, genau wie seine beiden viel älteren Schwestern, elfenhafte Schönheiten, die schon länger nicht mehr mitfahren.

Ich wohne auf dem Land! Die drei auch! Sie leben auf einem Ökobauernhof und haben zwei Mütter, heißt, sie leben in einer wohlbehüteten Familie, deren Mitglieder sich trauen, ihre sexuelle Ausrichtung zu leben.

Quentin ist einfach fabelhaft im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe von ihm gelernt, dass man mit Bäumen, die wirklich weg müssen, sprechen muss, damit ihre Seele frei wird. „Sag dem Baum, dass er gehen muss, dann hat er Zeit, seine Seele weiter zu senden.“

Manchmal necke ich ihn, weil er sich standhaft weigert, Schneeflöckchen-Weißröckchen für mich auf dem Klavier bei sich zu Hause zu spielen, damit es schneit. “ Also weißt du, das Wetter macht was es machen soll, du aber erst wieder. Und jetzt hilf mir mal, ich komm‘ hier mit meinem Fahrrad nicht aus dem Bus, stehen mal wieder alle nur rum und haben Stöpsel in den Ohren. So, danke Ute, morgen sehe ich dich wieder.“

Jawoll.

Sonntagsmärchen

Lewis Carroll, Alice Abenteuer im Wunderland

www.joergkarau-texte.de/PDF/Alices Abenteuer im Wunderland.pdf